Vita activa - Erich Fromm - E-Book

Vita activa E-Book

Erich Fromm

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Beschreibung

Was der Mensch wirklich braucht, ist ein Leben aus einer inneren Aktivität. Ein Tätigsein, das die eigenen Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns realisiert. Dies ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, wie wir heute aktiv sind, nämlich geschäftig, effektiv und effizient. Ein solcher Aktivismus, gerade wenn er sich der heute möglichen Techniken bedient, führt in Wirklichkeit zu einer Passivität, zu einem Getriebensein, sagt Fromm in diesem 1977 in deutschere Sprache gehaltenen Rundfunkvortrag. „Allen diesen Arten von Aktivität ist gemeinsam, dass der Mensch nicht frei, nicht freudig, nicht interessiert und nicht wirklich tätig ist.“ Nach Fromm müssen wir wieder lernen zu leben, statt immer nur gelebt zu werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Vita activa

Erich Fromm(1977a)

Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk[1]

Vortrag 1976 in der Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks „Was der Mensch braucht“. – Erstveröffentlichung unter dem Titel Vita activa in: H. J. Schultz (Hg.): Was der Mensch braucht. Anregungen für eine neue Kunst zu leben, Stuttgart (Kreuz-Verlag) 1977, S. 9-17.

Die E-Book-Ausgabe orientiert sich am (virtuellen) Band 10 der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden, München (Deutsche Verlags-Anstalt und Deutscher Taschenbuch Verlag) 1999, S. 252-259.

Die Zahlen in [eckigen Klammern] geben die Seitenwechsel in der Erich Fromm Gesamtausgabe in zwölf Bänden wieder.

Copyright © 1977 by Erich Fromm; Copyright © als E-Book 2016 by The Estate of Erich Fromm. Copyright © Edition Erich Fromm 2016 by Rainer Funk.

Wenn ich mich hier über die Vita activa, also das aktive Leben, äußern soll, dann kann ich mir vorstellen, dass eine ganze Reihe von Lesern einwenden wird: „Warum soll man denn noch mehr vom aktiven Leben reden? Wir sind ja schon viel zu aktiv, und es wird uns ja schon viel zu sehr zugeredet, immer aktiver zu sein. Fehlt es uns nicht gerade an Stille, Besinnung, Konzentration?“

Nun, was heißt denn aktiv? Wenn wir uns einmal daran erinnern, dass einer der größten Denker unseres Jahrhunderts, Albert Schweitzer, davon gesprochen hat, dass der moderne Mensch krankhaft passiv ist, dann kann ja an dem Begriff irgendetwas nicht stimmen. Das heißt doch wohl, dass die Begriffe „aktiv“ und „passiv“ in zwei ganz verschiedenen Weisen gebraucht werden. Und in der Tat, diese zwei Begriffe „Aktivität“ und „Passivität“ haben sich im Laufe der Jahrhunderte fundamental geändert. Im klassischen Altertum bis zur modernen Zeit, also für Aristoteles sowohl wie für Thomas Aquinus, für Meister Eckart bis zu Spinoza, Karl Marx und Albert Schweitzer bedeutet Aktivität der freie, spontane Ausdruck der in uns wohnenden Seelenkräfte, nämlich Vernunft, Gefühl, die Empfänglichkeit für Schönheit. Aktivität bedeutet, dass in uns etwas geboren wird, das aus uns selbst kommt, das uns nicht aufgezwungen ist, das aus der schöpferischen Kraft stammt, die uns allen innewohnt.

Nur ein paar kurze Beispiele: Aristoteles sagt, dass die höchste Form der Aktivität gerade im kontemplativen Leben liegt, das heißt also in der Suche nach der Wahrheit. Meister Eckart spricht sich sehr für das aktive Leben aus; aber mit Aktivität meint er nicht, irgendetwas zu tun, sondern im Geiste der Liebe und Selbstlosigkeit für das Wohl der Menschen zu handeln. Bei Spinoza spielen die Begriffe „Aktivität“ und „Passivität“ eine ganz außerordentliche Rolle; sein ganzes System kreist eigentlich um diese Begriffe des Tätigseins und des Erleidens; denn passiv kommt ja vom lateinischen „leiden“. Für ihn heißt Aktivsein, dass eine Handlung ganz aus meinem menschlichen Wesen entspringt und gleichzeitig mit der Vernunft übereinstimmt. Wenn der Mensch leidet, [X-253] passiv ist, dann ist seine Handlung nicht aus seiner Natur entsprungen und nicht vernünftig und wird von außen und nicht von ihm selbst bestimmt. Oder darf ich vielleicht noch Karl Marx erwähnen? Und ich spreche hier von dem echten Karl Marx und seinen Schriften und nicht von der Fälschung und Verfälschung, wie sowohl die K ommunisten als auch die Reformisten sie betrieben haben. Für Marx ist freie und bewusste Aktivität das, was das Wesen des Menschen ausmacht. Ein Begriff, der gar nicht so entfernt vom Begriff Spinozas ist.