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Bibel und die Poesie der Hoffnung
Die hier gebotenen Interpretationen zu apokalyptischen biblischen Texten treffen mitten hinein in die Unsicherheiten der Gegenwart. Luzia Sutter Rehmann erschließt alte Texte wie das biblische Buch Daniel oder die Offenbarung des Johannes mit wissenschaftlich historischer Analyse in ihren jeweiligen Kontexten. Aber sie begnügt sich nicht damit. Sie fragt weiter und parteiischer, subjektiver und wertend: Welchen Sinn können diese Texte heute in meinem, in unserem Leben haben?
Im Gespräch mit den Worten der Bibel findet sie zu Imaginationen und zu poetischen Deutungen, die die Kraft haben, das Unerwartete zu wecken, zum Aufbruch zu ermuntern und neue Hoffnung entdecken zu lernen. Eine befreiungstheologische Relektüre von Quellen, die Menschen transformieren und für das Noch-Nie-Dagewesene öffnen können!
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2023
Dieses Buch spricht mitten hinein in die Unsicherheiten der Gegenwart.
Luzia Sutter Rehmann interpretiert apokalyptische biblische Texte wie das Buch Daniel oder die Offenbarung des Johannes. Auf einzigartige Weise verbindet sie objektive wissenschaftlich-historische Analysen der Schriften in ihren Kontexten mit parteiischen, subjektiven und wertenden Nach- und Rückfragen: Welchen Sinn können diese alten Motive heute in meinem, in unserem Leben haben?
Im Gespräch mit den Worten der Bibel findet sie so zu Imaginationen und zu poetischen Deutungen, die die Kraft haben, das Unerwartete zu wecken, zum Aufbruch zu ermuntern und neue Hoffnung entdecken zu lernen.
Eine befreiungstheologische Relektüre von Quellen, die Menschen transformieren und für das Noch-Nie-Dagewesene öffnen können!
Dr. Luzia Sutter Rehmann, geboren 1960. Studium der Evangelischen Theologie in Basel und Montpellier (Frankreich); ordinierte Pfarrerin seit 1986. Promotion über das Gebärmotiv in der Apokalyptik 1994 in Kassel. Ist Titularprofessorin für Neues Testament an der theologischen Fakultät der Universität Basel. Übersetzerin des Lukasevangeliums für die »Bibel in gerechter Sprache«. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind feministische Befreiungstheologie und Sozialgeschichte des Neuen Testaments.
Luzia Sutter Rehmann
Vom Mut, genau hinzusehen
Feministisch-befreiungstheologische Interpretationen zur Apokalyptik
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Copyright © 2023 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
Umschlagmotiv: Niki de Saint Phalle »My Monster«, 1968 (60/100),
© 2023 Niki Charitable Art Foundation / ADAGP, Paris / Frankreich;
© der Vorlage: Moderna Museet, Stockholm / Schweden
ISBN 978-3-641-30765-3
www.gtvh.de
Inhalt
Vorwort zur Neuausgabe
Einführung (in die Erstausgabe)
1 Apokalyptische Nächte im Danielbuch
1. Was, wie, warum?
2. Von Hoffnung und Erfolg
3. Träume
4. Zeichen in der Nacht
5. Noch eine schlaflose Nacht
6. Subversive Kraft
7. Strategien
2 Vom Mut, genau hinzusehen
Die Offenbarung des Johannes
1. Einführung in die apokalyptische Wahrnehmung
2. Vom Ende der Welt
3. Nach der Katastrophe
4. Patmos, einst lieblich und baumreich
5. Schöpfungsspiritualität
3 Die Faszination des letzten Buches
1. Zeugnisse des Widerstands
2. Und die Schwangeren?
3. Was heißt denn feministisch?
4. Die »Hure« Babylon und Gewalt gegen Frauen
5. Unterbrechung der Gewalt: Offb 6
6. Widerstand von Frauen
7. Konklusionen: Es gibt einen anderen Ort
4 Die Stamm-Mütter Jesu
Der Anfang des Matthäusevangeliums
1. Die Bedeutsamkeit des Anfangs
2. Die Frage nach den Müttern
3. Ein Text voller Spannungen
4. Tamar: Der Durst nach Gerechtigkeit
5. Rahab: die Kraft, die Leben rettet
6. Rut, die Freundin
7. Batsheba
8. Der rote Faden
9. Noch eine Stimme
5 Ein radikaler Anfang!
Lk 1,5-55
1. Ankommen
2. In den Tagen des Herodes
3. In der Stunde der Räucheropfer
4. Die Zeit der Stille
5. Elisabet und die Stimmen
6. Eine junge Frau
7. Marias Stunde
8. Prophetinnen
9. Rose Schneiderman
6 »Manchmal stehen wir auf.«
Eine Annäherung an eine apokalyptische Spiritualität
1. Wachwerden
2. Aufstehen oder auferstehen?
3. Im Uterus der Erde
4. Das Gebären der Erde
5. Die Erde hat sich geöffnet!
6. Die erste Auferstehung
Vorwort zur Neuausgabe
Das hier neu vorgelegte Buch habe ich vor gut 25 Jahren geschrieben. Die Apokalypse des Johannes so zu lesen, dass sie verständlicher wird, dass einzelne Bilder zu uns sprechen, war mir damals und ist mir auch heute ein Anliegen. Das 1998 im Exodus-Verlag erschienene Buch hat viele LeserInnen gefunden und – was mich besonders gefreut und bewegt hat – den Marga Bührig Förderpreis erhalten. Die Preisurkunde der Stiftung von 1999 lobt »den Mut, Texte ganz genau zu lesen, gegen den Strich, und Frauen sichtbar werden zu lassen, die in der traditionellen Leseweise kaum gesehen werden.« Die exegetischen Ansätze und Erkenntnisse musste ich bei der Überarbeitung kaum korrigieren.
War das Büchlein damals »all jenen Frauen gewidmet …« – so stimmt das heute nicht mehr. Der Kreis der Lesenden hat sich erweitert. Gerne widme ich es auch jenen Männern, die mit mir biblische Texte gelesen haben als Studenten, Kursteilnehmer, Interessierte oder Kollegen. Ich kann heute auch nicht mehr einfach von »Frauenerfahrungen« reden, ohne nachzuprüfen, ob der Ausdruck genau das bezeichnet, was ich meine. Die LGBTIQ*-Bewegung ist mir näher gekommen und ich habe von nonbinären Personen und Trans*menschen viel gelernt. Während des Überarbeitens vergegenwärtige ich mir auch verstärkt die Stimmen postkolonialer TheologInnen. Intersektionalität1, d.h. die Tatsache, dass sich mehrere Unterdrückungsmechanismen treffen und verstärken können, erscheint mir heute zentraler, als ich es damals sehen konnte. Meine Sichtweise ist also bunter geworden und das darf sich auch sprachlich abbilden.
Nach der Erstveröffentlichung des Buches wurde mein exegetischer Blick durch die Mitarbeit am großen Übersetzungsprojekt der Bibel, der »Bibel in gerechter Sprache« geschärft.2 Die »BigS« ist noch immer die einzige deutschsprachige Übersetzung, die sorgfältig antijudaismuskritisch und feministisch mit den Texten umgeht. Ich habe alle Übersetzungen in diesem Buch geprüft, teilweise ausgetauscht. Weil aber jede Übersetzung ihre Grenzen hat, benutze ich gern verschiedene neben einander. Manchmal lässt sich schon allein durch Übersetzungsvergleiche erkennen, wo sich Schwachstellen und theologische Interessen verbergen.
Meine Forschungen zum Hunger und zu den Dämonen im Neuen Testament, die zu meinen beiden letzten Buchveröffentlichungen geführt haben,3 haben meine befreiungstheologische Option für die Armen verstärkt. Ich kann die Evangelien oder die Offenbarung des Johannes nicht mehr lesen, ohne die von Krieg und Gewalt traumatisierte Bevölkerung dieser Zeit wahrzunehmen. Gleichzeitig sehe ich beim Lesen biblischer Texte die kriegsversehrten Städte von heute und Vertriebene aus vielen Ländern vor mir. Bei der Überarbeitung habe ich die ursprüngliche Argumentation beibehalten, mich aber nicht gescheut, teilweise auch stärker in den Text einzugreifen, damit er auf dem gegenwärtigen Reflexionsstand ist und in der heutigen Zeit funktioniert.
Auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene hat sich viel verändert. Neue Krisen sind zu den damaligen hinzugekommen. Sie greifen in unseren Alltag ein, ob wir politisch bewusst leben oder nicht. Hitzewellen und Dürreperioden machen uns zu schaffen und wir müssen erkennen, dass sie wie Überflutungen und Stürme nicht Vorboten des Klimawandels, sondern bereits Teil einer neuen Realität sind. Zu dieser neuen Realität gehört auch das Erschrecken über den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Ich habe gemerkt, wie wenig ich über die Geschichte der Ukraine weiß und lese seither viel und gerne ukrainische Literatur4. Mein Horizont erweitert sich dadurch und ich finde es höchste Zeit, dass wir den Menschen in Osteuropa zuhören. Es gibt Zeiten, in denen es schwierig ist, das Richtige zu tun – und gefährlich, nichts zu tun.
Auch wenn sich der politische Hintergrund der biblischen Texte und der Lesenden heute historisch gesehen fundamental unterscheidet, können wir von den biblischen Geschichten lernen. Dafür müssen wir sie aber sehr genau in ihrem historischen Entstehungskontext und in unseren gegenwärtigen Krisen lesen. Nur wenn wir auf beiden Augen aufmerksam bleiben, entdecken wir Verbindungslinien und die überraschende Stärke dieser Geschichten. Ich bin überzeugt, dass uns biblische Texte Kraft und Sprache geben können, um realistisch in die Welt zu blicken und doch den Mut nicht zu verlieren. Gerade die apokalyptischen Texte blenden Zerstörungsmächte nicht aus, sondern suchen nach Worten und Bildern, sie aus ihrem Versteck zu hieven. Sie erzählen, um Widerstandskraft zu wecken. Ich liebe den Realismus dieser Texte. Sie machen mir immer wieder Mut, auch unangenehmen und schmerzlichen Tatsachen ins Auge zu blicken.
Die Johannesoffenbarung spricht nicht von »schmerzlichen Tatsachen«, sondern z.B. vom mehrköpfigen Drachen (Offb 12,3). Diesen sollten wir nicht als Fabelwesen verharmlosen oder belächeln. Er ist eine mythologische Machtfigur. Die Rede von ihm erschreckt zu Recht. Denn sie holt etwas Bedrohliches an die Oberfläche, macht auf eine Machtansammlung aufmerksam, die verborgen bleiben möchte. In der Erstausgabe dieses Buches kam der Drache nicht vor. Diese Figur interessierte mich extra nicht. Ich schaute eher trotzig von ihr weg, hatte sie doch die Aufmerksamkeit vieler Interpreten auf sicher. Diesen Trotz habe ich mittlerweile abgelegt. Ich glaube, es war damals richtig, die Opfer des Drachen und nicht den Drachen selbst in den Blick zu holen. Aber der Drache ist eine zentrale Machtfigur, weshalb er genau in der numerischen Mitte der Johannesoffenbarung wütet. Mit Ignorieren kommt man dieser Figur nicht bei. Drachen lassen sich nicht wegblinzeln, aber auch nicht »überwinden«. Das ist der Fehler von Erzengel Michael und Ritter Georg, die meinen, den Drachen mit einem Schwertstreich besiegen zu können.5 Doch Drachen lassen sich weder vertreiben (Offb 12,9) noch wegsperren (Offb 20,3). In diesem Sinne müssen wir den Kampf mit dem gierigen Zerstörungsdrachen aufnehmen und den Opfern beistehen. Wir müssen uns verbünden, um gegen ihn eine Chance zu haben.
Darum findet sich nun auf dem Umschlag der Neuausgabe ein – zugegebenermaßen kleiner – Drache. Er stammt von der Künstlerin Niki de Saint Phalle. Wenn der Drache das Abgelegte einer Kultur bedeutet, das Überwundene, dann hat sie den Finger auf die Wunde gelegt.6 Niki de Saint Phalle (1930-2002) gelang es, ihre inneren Monster und Drachen zu veräußerlichen, sie zu gestalten und manchmal auch zu zähmen. Im belgischen Knokke und in Jerusalem hat sie einen bunten Drachen für einen Spielplatz geschaffen, der von Kindern bestiegen, beklettert und berutscht werden kann. Bis sie diese Gestaltungsfreiheit erlangte, musste sie viele Transformationen durchleben – von der Tochter einer katholischen, französischen, adligen Familie bis zur US-amerikanischen, feministischen Künstlerin. Sie musste sich aus dem traumatischen Schatten ihrer Familie herausschälen. Bekannt wurde sie mit ihren »Schießbildern«. Mit einer Flinte schoss sie auf mit Gips gestaltete Reliefs, hinter denen sie Farbbeutel angebracht hatte. Diese ergossen sich dann über das Bild in Rinnsalen oder Spritzexplosionen. Die Bilder sollten bluten, weinen, fließen. Die Spuren der Verletzung sollten sichtbar werden. Ihre später entstandenen, farbenfrohen Nanas repräsentieren aus der Form geratene Frauen, die ausgelassen, übermütig, großzügig und frei erscheinen und wie ihre riesigen Figuren im Tarot-Garten bei Capalbio in der Süd-Toskana nicht so harmlos sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Sie können auch monströs sein, übergriffig, »gefährlich harmlos«. Ihre Figuren laden zur Auseinandersetzung ein. Wer sich auf sie einlässt, ins Innere dieser Figuren geht, beginnt neu zu sehen und sich zu bewegen.
Besonders gefällt mir, wie die Künstlerin aus Scherben eine neue Welt zusammensetzte. Dafür benutzte sie die Handwerkskunst namens Trencadís7 (katalanisch für »das Zerbrechen«). Diese Technik arbeitet mit zerbrochenem Glas, Marmor oder Keramik. Trencadís versucht nicht, die Scherben zusammenzuflicken. Vielmehr werden sie so zusammengefügt, wie sie noch nie waren. Das Zerbrochene wird Grundlage für etwas Neues, nicht wieder für das, was es war, wenn es nicht in Stücke gefallen wäre. Ihre Arbeit mit zerbrochenem Material sehe ich im Kontext ihrer Biografie und ihrer feministischen Gesellschaftskritik. Sie musste sich von Vorbildern und belastenden Erinnerungen verabschieden. Sie lernte, mit Scherben zu leben. Es gelang ihr, ihre persönlichen Traumata mit genderspezifischer Unterdrückung und Gewalt in Familie und Gesellschaft zu verbinden. Auf ihre Weise sagte sie der patriarchalen »Welt« das Ende an und ließ Figuren auferstehen, die bewohnbar sind, Geheimnisse haben, vor Schönheit strahlen, die schräg und nie unversehrt sind, aber kraftvoll Wind und Wetter trotzen oder mit der Natur zu verschmelzen scheinen.
Der grüne, quietschvergnügte Drache von Niki de Saint Phalle tanzt durch eine zerbrochene und neu zusammengefügte Welt. Die Künstlerin hat ihn aus seinen Schlupflöchern gezerrt und während der Bearbeitung befreit. Sie ist überzeugt, dass Drachen und Monster unsere Sprache und Seelenwelt bereichern, dass sie Figuren sind, die uns helfen, mit unseren Ängsten umzugehen. Denn nichts ist gefährlicher als die Halbschattenwelt, das Darknet, die Wölfe im Schafspelz, die besorgte BürgerInnen und volksnahe PolitikerInnen mimen, aber nur darauf warten, aufzuräumen und ihre Ordnung zu etablieren. Und hierher gehören die Tiere und Untiere in biblischen Texten. Sie repräsentieren die Mächte, die es eigentlich gar nicht »gibt«, die aber trotzdem real sind, und die jegliches Maß und jegliche Menschlichkeit abgelegt haben.
Es braucht Mut, sich mit Drachen zu befassen.
Der Drache wird in der Offb 12,3 als hybrides Tier eingeführt, mit sieben Köpfen und zehn Hörner. Ein Drachentöter allein wird ihm nicht beikommen. Die vielen Köpfe repräsentieren die unübersichtlichen Machtverhältnisse, die unvorstellbare Gefräßigkeit und Gier eines Systems. Wenn Intersektionalität die Kreuzung und Überlagerung von Unterdrückungserfahrungen bezeichnet, dann wäre das mehrköpfige Ungeheuer dazu ein Sprachbild. Einen Ausschlussmechanismus abzuschaffen, ist dann gleichzusetzen mit dem Entfernen eines Drachenkopfes. Doch der Drache wütet trotzdem weiter. Ein Kopf mehr oder weniger kann ihn nicht aufhalten. Er produziert Krisen ohne Ende, ja richtet sich in Krisen wohlig ein. Sie sind sein Element. Je mehr Bedrohungsherde und Gefahren, desto stabiler ist sein Treiben. Vielleicht gehört genau das zur Selbstinszenierung des Drachen: Er produziert Chaos und Zerstörung am Laufmeter. Sein Gegenüber soll resignieren und klein bei geben, bevor es überhaupt daran denkt, den Drachen zu entzaubern.
Hybride Tiere wie geflügelte Löwen oder Schlangen sind in der Bibel an vielen Orten präsent.8 Wer im Rachen des Löwen steckt, ist in großer Not (z.B. Ps 22,22). Diese Tiere stehen für bestialische Lebensbedingungen und Herrschaftssysteme. In diesen Sprachbildern widerspiegeln sich Erfahrungen von Unterdrückung und Gewalt. Auch im Buch Daniel findet sich diese metaphorische Sprache:
3 Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere. 4 Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler … 5 Und siehe, ein anderes Tier, das zweite, war gleich einem Bären und war auf der einen Seite aufgerichtet und hatte in seinem Maul zwischen seinen Zähnen drei Rippen. Und man sprach zu ihm: Steh auf und friss viel Fleisch! 6 Danach sah ich, und siehe, ein anderes Tier, gleich einem Panther, das hatte vier Flügel wie ein Vogel auf seinem Rücken und das Tier hatte vier Köpfe, und ihm wurde Herrschergewalt gegeben. 7 Danach sah ich in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, ein viertes Tier war furchtbar und schrecklich und sehr stark und hatte große eiserne Zähne, fraß um sich und zermalmte, und was übrig blieb, zertrat es mit seinen Füßen. Es war auch ganz anders als die vorigen Tiere und hatte zehn Hörner. Dan 7,3-7 Luther
Die Offb des Johannes entstand unter der Herrschaft des Kaisers Domitian (81-96 n. Chr.). Für die jüdische Bevölkerung im Osten des Reiches war seine Herrschaft noch gefährlicher als für alle anderen. Denn er verlangte einen Kaiserkult, der keine Ausnahmen mehr zuließ. Das zweite »Tier« in Offb 13,11-14 kann man daher als die Oberpriesterschaft des römischen Kaiserkultes lesen9. Sie etablierte die Staatsideologie und setzte sie durch. Diese Machtvertreter gleichen metaphorisch gesprochen geschmeidigen Panthern, gutmütigen Bären und imposanten Löwen (Offb 13,1-2). Zusammen bilden sie einen undurchdringlichen Machtverbund und verbreiteten Angst und Schrecken.
In der Antike wurde die Metaphorik von grausamen Tieren auch außerhalb der Bibel benutzt, um von politischen Mächten zu reden. So schrieb der Philosoph Apollonius von Tyana von Kaiser Nero (54-68), er sei ein Tier mit Klauen und Zähnen:
»Ich bin übrigens so weit herumgekommen auf der Erde wie noch kein anderer Mensch. Ich sah die wilden Tiere Arabiens und Indiens in ihrer ganzen Fülle; ein reißendes Tier jedoch, das die Menge Tyrann nennt, sah ich noch nie, und ich weiß auch nicht, wie viele Köpfe es hat und ob es krumme Krallen und ein scharfes Gebiss hat. Ein politisches Tier aber soll es sein, mitten in der Stadt wohnen und viel wilder als die Berg und Wald bewohnenden Löwen und Panther sein; denn während diese bisweilen durch freundliche Behandlung gezähmt werden und ihren wilden Charakter ablegen, werde jenes durch Streicheln und Schmeicheln nur noch wilder und verschlinge alles. Von keiner wilden Bestie könne man behaupten, dass sie ihre eigene Mutter auffresse. Nero aber hat sich an dieser Nahrung erlabt.«10
Seneca verwendete den Ausdruck belua (Ungeheuer, Bestie)für Kaiser Caligula.11 Plinius der Jüngere bezeichnete seinerseits Kaiser Domitian »als ein äußerst grausames Ungeheuer«12, das am liebsten in Höhlen hause, Dunkelheit und Einsamkeit liebe. Das Schreckensregime dieses Kaisers scheute das Tageslicht und agierte im Verborgenen. Diesen Vergleichen ist gemeinsam, dass sie politische Herrschaftssysteme benennen, die komplex, unberechenbar und bestialisch sind. Herrschertiere sind unmenschlich; ihnen fehlt das menschliche Antlitz. Gerade die Hybridität der Tiere offenbart, wie diese Systeme zusammengesetzt sind. Jedes natürliche Tier hat seine Grenzen (ein Adler schwimmt nicht wie ein Krokodil und der Löwe fliegt nicht etc.), aber hybride Tiere nehmen sich von allem das Stärkste. So zeigt die Metaphorik, wie verschiedene Machtdimensionen sich verstärken, so dass es aus ihren Fängen kein Entrinnen gibt.
Kein Entrinnen? Sicher? Nein, da widerspricht das Danielbuch (Kap. 1). Es kennt solche Mächte und benennt sie, aber es kennt auch einen Weg, sie auszutricksen. Es erzählt, statt zu verzweifeln. Es erzählt gegen die Angst und lässt den Erzählfaden auch dann nicht abbrechen, wenn alles vergeblich erscheint. Darum schließen sich die beiden Kapitel zur Offenbarung des Johannes nahtlos an Daniel an (Kap. 2 und 3). Denn auch hier wird erzählt und erzählt, damit uns Augen und Ohren aufgehen. Sich abwenden und seine Ruhe haben wollen, gilt nicht. Gott und die Erde brauchen Verbündete, und zwar jetzt! Sich miteinander verbünden ist auch für das Matthäusevangelium (Kap. 4) die Voraussetzung dafür, dass ein neuer Anfang gesetzt werden kann. Dabei verändert es die Überlieferung ganz leise, fügt Frauen ein und setzt Akzente. Das Lukasevangelium sagt den Tagen des Herodes das Ende an (Kap. 5) und lässt eine andere Zeitrechnung beginnen, in der Frauen aufstehen, singen und Prophetinnen werden. Diese Linie zieht sich im Kap. 6 weiter, worin ich nach Auferstehungsgeschichten suche, die nicht erst nach dem Tod anfangen, sondern schon viel früher.
Ich bedanke mich herzlich bei Diedrich Steen für die Anregung zu dieser Neuausgabe und für die gute Betreuung des Manuskripts und beim Gütersloher Verlagshaus, dass es in sein Programm aufgenommen hat. Ebenso bedanke ich mich bei Marie-Louise Hoyer für ihr sorgfältiges Korrekturlesen.
Binningen, 15. August 2023
Luzia Sutter Rehmann
1 Kimberlé Crenshaw, Mapping the Margins: Intersectionality, Identity Politics, and Violence against Women of Color. In: Stanford Law Review. Band 43/6, 1991, 1241-1299.
2 Die Bibel in gerechter Sprache (BigS) ist 2006 erschienen. Ich durfte das Lukasevangelium dafür übersetzen.
3 Luzia Sutter Rehmann, Wut im Bauch. Über Hunger im Neuen Testament. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2. durchgesehene Aufl. 2016; Luzia Sutter Rehmann: Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien, gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Trauma. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2023.
4 Etwa Andrej Kurkow, Graue Bienen. Roman, Zürich 2021; Tanja Maljartschuk, Gleich geht die Geschichte weiter – wir atmen nur aus. Essays. Köln 2022.
5 Die legendäre Drachenbändigerin Martha gefällt mir schon besser. Siehe: Elisabeth Moltmann-Wendel, Ein eigener Mensch werden. Frauen um Jesus. Gütersloh 1980, 46-47.
6 Zur Künstlerin und ihrer Biografie siehe: Niki de Saint Phalle, Wer ist das Monster? Dokumentarfilm von Peter Schamoni, 1995; Niki de Saint Phalle: Bilder – Figuren – Phantastische Gärten. München 1997. https://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/niki-de-saint-phalle/ (19.7.23)
7 Eines der bekanntesten Beispiele für den Einsatz von Trencadís ist die Verzierung der großen, schlangenförmigen Bank im Parc Güell in Barcelona (angelegt von Antoni Gaudi zwischen 1900 und 1914). Als Material diente Ausschuss von Industriefliesen- und Geschirrfabriken sowie Scherben von Krügen und Flaschen.
8 Siehe dazu Luzia Sutter Rehmann, Dämonen und unreine Geister. Die Evangelien, gelesen auf dem Hintergrund von Krieg, Vertreibung und Trauma. Gütersloh 2023.
9 So Klaus Wengst, Pax Romana. Anspruch und Wirklichkeit. München 1986, 151.
10 Philostratus, Vit Apoll 4.38. Übers. von Vroni Mumprecht. Philostratos, Das Leben des Apollonios von Tyana. Griechisch-Deutsch. Sammlung Tusculum. München 1983, 437.
11 Seneca, de ira 3,19,3. Endres, H. M. (Hrsg.), Seneca. Von der Kürze des Lebens. Über den Zorn. Von der Muße. München 1958.
12 Plin. Paneg. 48,3. Hrsg., übersetzt und erläutert von Werner Kühn. C. Plini Caecilii Secundi Panegyricus. Traiano imperatori dictus – Plinius der Jüngere. Panegyricus. Lobrede auf Kaiser Traian. Darmstadt 1985.
Einführung (in die Erstausgabe)
Mein Buch ist all den Frauen gewidmet, die mit mir zusammen in den letzten Jahren die Bibel gelesen haben. Immer wieder habe ich gestaunt ob ihrem Ernst in der Suche nach konkreter Wahrheit für ihr Leben, ob ihrer Fähigkeit, Bezüge herzustellen und ihrer Leichtigkeit, Gewohntes loszulassen. Wohl keine von ihnen würde sich als »fromm« bezeichnen, denn das wäre eine allzu enge, patriarchal definierte Tugend. Diese Frauen haben nicht unbedingt die Bibel verstehen wollen, aber sie wollten ihr Leben, ihre oft diffusen Anflüge von Religion verstehen. Sie suchten nicht nach Lehrmeinungen der Kirche, aber nach einer Möglichkeit, ihre Leben sinnvoll zu deuten. Es zeigte sich, dass die gemeinsame Auseinandersetzung mit einem biblischen Text zur Koordinate werden kann, die die eigenen Schritte unterstützt. Doch zuerst müssen wir bereit sein, uns unserer Realität zu stellen. Befreiungstheologie geht vom Kontext unseres Lebens aus, unserer Erfahrungen, Hoffnungen und Ängsten. Nicht die Texte sind das primär Wichtige, sondern unser Leben, unsere Fragen, die Welt, in der wir leben.
Texte wie die Offenbarung, aber auch die Evangelien oder das Danielbuch, stammen von ganz engagierten Menschen, Menschengruppen. Diese Männer und Frauen haben in ihrem Leben um die Nähe Gottes gerungen. Ihre Leben waren alles andere als konfliktlos und einfach. Es waren jüdische Menschen, die aus ihrer reichen Tradition, aus ihrer jüdischen Lebenspraxis heraus, ihre Erfahrungen formulierten. Und ihre Erfahrungen waren oft von Unrecht und Gewalt ihrer Zeit geprägt, was auch eine Sensibilisierung für die Nöte vieler Menschen bedeutete. Luise Schottroff nennt die Texte des Neuen Testaments »Ergebnisse eines langen gemeinsamen Kampfes von Frauen und Männern für das Leben, das Gott gegeben hat.« Es sind nicht Schriften einzelner Männer (eines Matthäus, Lukas etc.), großer Theologen und gewandter Schriftsteller. Es sind gesammelte Werke von Gemeinden, die ihren Schatz an Bildern, Hoffnungen, Erkenntnissen und Wissen teilten. Auch Paulus verstand sich nicht als Einzelwesen, sondern als Glied in einer Kette derer, die mit ihm arbeiteten und unterwegs waren. Diese Texte sind immer wieder überarbeitet worden, überliefert von vielen Menschen, die bereit waren, das, was ihnen heilig war, miteinander und mit uns zu teilen.
Es waren Väter dabei und Mütter, Alte und Junge, die zu Prophetinnen und Sehern geworden waren (Apg 2,17ff), weil sie genau hinschauten, was mitten unter ihnen geschah. In den meisten Texten wird deutlich, dass ein großes Interesse für gemeinsame Anliegen, für eine Gemeinschaft, ja die ganze damals bekannte Welt vorhanden ist. Die herrschende Auslegung teilte dieses Anliegen meist nicht, selbst mehr am Individuum und seinem Glauben an Gott interessiert als an einer Welt voller Schalom für alle. Der Begriff »kollektiv« hat heute noch einen negativen Klang, erinnert an den Kalten Krieg, an russische Kollektive – dagegen leuchtet der Begriff »das Individuum« zu Freiheit und prosperierender Marktwirtschaft. Doch glaube ich, dass diese alten dualistischen Muster unsere Erfahrungen längst nicht mehr überzeugend deuten können. Wir sind als Individuen in Strukturen integriert, in Prozesse, Verhältnisse und Geschichten, die wir nicht gewählt und nicht gewollt haben, für die wir aber heute verantwortlich sind. Sie machen unseren Kontext aus, ohne den wir schlicht nicht existieren. Sie bilden den Hintergrund auch für unsere »Mitschuld« – etwa an der Ausbeutung der Natur, ganzer Kontinente und ihrer Bevölkerung. Unreflektierte Verwobenheit hält uns in der Mittäterschaft, wir erhalten Systeme am Leben, in der Meinung, ein Aussteigen sei sowieso nicht möglich. Dagegen laden die biblischen Texte ein, sich unserem Kontext zu stellen und zu entscheiden, ob wir MitarbeiterInnen an der neuen Welt Gottes werden wollen. Durch das Hinsehen auf das, was mitten unter uns geschieht, das uns die Texte lehren können, entsteht ein kritisches Wahrnehmen, ein leidenschaftliches Anteilnehmen am Schicksal anderer Menschen, der Schöpfung. Dieses Wahrnehmen verstehe ich als rezeptiv und aktiv zugleich, nicht als ein teilnahmsloses Zusehen, was anderen anderswo widerfährt. Es ermöglicht, das bisherige Sehen als eine Art »Blindsein« zu erkennen, die »blinden Flecken« auszumachen.
Die Texte haben zweitausend Jahre Auslegungs- und Wirkungsgeschichte hinter sich, die uns alle auf unterschiedliche Weise geprägt haben. Unvoreingenommenheit kann nicht postuliert werden. Entweder kennen wir gewisse Texte »allzu gut«, d.h. wir haben gewisse Auslegungen von ihnen sehr oft über uns ergehen lassen. Oder wir kennen zwar die Texte nicht genau, aber haben »ein Gefühl« für das, was sie sagen wollen, und sind darum gar nicht gewohnt, genau hin zu sehen. Einzelne Sätze oder Worte funktionieren wie Schlüsselreize und lösen Bilder in uns aus, rufen Ideen ab, ob wir sie schätzen oder nicht. Vielen Menschen sind biblische Texte heute auch schlicht fremd, da sie seit ihrer Jugend nie mehr etwas Biblisches gelesen oder gehört haben. Dennoch ist unsere abendländisch-christlich dominierte Kultur für unsere Art zu denken, zu philosophieren, zu glauben und wahrzunehmen verantwortlich. Im Verlauf unserer Sozialisation haben wir eine »christlich-androzentrische Brille« erhalten, die uns bei einer Begegnung mit biblischen Texten oft hinderlich ist. Mit dieser Brille übersehen wir zum Beispiel meist die Bedeutung der Frauen und ihrer Handlungen in den Texten, weil diese Brille gar keinen Deutungsrahmen für sie vorsieht.
Ich möchte mit den Aufsätzen zu apokalyptischen Texten nicht vertröstend oder beruhigend wirken. Vielmehr soll Unerwartetes auftauchen können, aufbrechen und etwas bewegen. Darum greife ich auch zu poetischen Ausdrucksformen und male aus, was der Text in mir auslöst. So bin ich oft in ein Zwiegespräch mit dem Text vertieft, lege ihn aus durch wissenschaftliche historische Arbeit, erarbeite seinen Hintergrund, achte auf seine Wortwahl und antworte dem Text, so wie er bei mir anklingt, womit ich auch bereit bin, den Rahmen der Exegese gelegentlich zu verlassen.
Mir liegt daran, in jedem einzelnen Aufsatz auch hermeneutische Überlegungen deutlich zu machen. Denn das Auslegen der Texte ist ein Sich-in Beziehung-setzen zu ihnen. Es ist ein aktiver Prozess, eine Arbeit, die nicht wertneutral und distanziert geschehen soll. Meine Lektüre der biblischen Texte ist befreiungstheologisch. Damit deklariere ich, dass die Texte einen bestimmten Sinn in meinem Leben haben sollen: Ich betrachte sie als Quellen, die uns transformieren, die uns öffnen für Noch-nie-dagewesenes, und als Chancen, über uns und die Welt mehr zu lernen. Es ist die Art der Lektüre , die befreiend oder unterdrückend sein kann. Gerade diese Erkenntnis enthebt uns des Wunsches, die Texte zu manipulieren. Denn wir sind nicht darauf angewiesen, absolut befreiende Inhalte zu finden, sondern können im gemeinsamen Lesen befreiende Schritte unternehmen. Es ist also nicht länger die Frage, ob die biblischen Texte völlig patriarchal sind und wir deshalb nicht mehr viel von ihnen lernen könnten oder ob es Texte gibt, die feministischen Ansprüchen genügen. Vielmehr ist unsere Lektüre entscheidend: Nach welchen Mustern lesen wir diese Texte? Wiederholen wir patriarchale Mythen und Perspektiven?
Feministische Befreiungstheologie ist eine sehr gute Lehrmeisterin, um alle Arten von Ideologien zu durchschauen. Sie ist ein kritisches prophetisches Prinzip, das nach Interessen und Motiven fragt, das aufdecken möchte, damit keine Katzen im Sack gekauft werden. Doch ist sie auch religiös und spirituell motiviert. Es geht ihr nicht nur um Dekonstruktion der Texte und ihrer Auslegungen, sondern darum, die Erfahrungen vieler Menschen mit der befreienden Kraft Gottes als Teil unserer Erinnerung wachzuhalten. Ihr leitendes Interesse ist, Frauen (und Männer) bei ihrem Befreiungsweg zu unterstützen, Männer (und Frauen) auf ihre ausstehende Befreiung aufmerksam und neugierig zu machen.
Mit den vorliegenden Aufsätzen, die alle kurz hintereinander entstanden sind, kreisen meine Auslegungen um die Apokalyptik als Hoffnung auf das erlösende Ende, als Sehnsucht nach der Nähe Gottes, als bewusstes Wahrnehmen der Ungerechtigkeiten. Dieses Wahrnehmen bringt, wie wir im Danielbuch sehen können, Widerstand hervor. Damit wird deutlich, dass genaues Hinsehen widerständig ist und Apokalyptik in die Widerstandsliteratur gehört.
Kurz vor der Jahrtausendwende ist es Zeit, Endzeit zu thematisieren. Die Frage »was geht zu Ende?« beinhaltet aber immer auch die Frage »und was beginnt neu?« In diesem Sinn habe ich auch die Anfänge der Evangelien von Matthäus und Lukas in meine Gedanken mit einbezogen. Welche »neue Zeit« wird bei Lukas angesagt? Bestimmt nicht die christliche Zeitrechnung im Sinne einer Überwindung der jüdischen Zeit. Diese antijudaistische Interpretation wurde aber über Jahrhunderte aufrechterhalten. Die Zeit der Kirche gegen die Zeit der Synagoge auszuspielen ist aber ein ganz unseliges Muster christlicher Prägung. Matthäus spricht vom Selben und doch nicht. Auch er knüpft an seine Zeit an wie Lukas, doch tut er dies so, dass es lohnt, seinen oft übergangenen Anfang genau wahrzunehmen. Denn Anfänge tragen meist den Keim der Zukunft in sich, sie enthalten etwas Programmatisches, das sich zu späterer Zeit entfalten wird. Anfänge enthalten Hoffnungskeime, für die wir in der Gegenwart Verantwortung tragen. Auch die Rede von Auferstehung ist eine genuin apokalyptische Hoffnung. Die Toten ruhen im Schoß der Erde, sind schlummernden Keimen gleich, die eines Tages neues Leben hervorbringen werden.
Das letzte Buch des Neuen Testaments, die Apokalypse des Johannes, gilt für die meisten als Buch des Endes, der Endzeitstimmung par excellence. Ich meine aber, dass auch dieses Buch ein Anfang ist, gewoben aus einer Analyse der Zeit, aus schmerzlicher Erfahrung der Abwesenheit Gottes und Visionen der möglichen Gottesnähe. Ich halte das für das prophetische Prinzip schlechthin: das Wahrnehmen des Keims, aus dem sich die Zukunft entfalten wird.
Luzia Sutter Rehmann
1 Apokalyptische Nächte im Danielbuch
Der König tut, was er will, wird anmaßend und macht sich groß gegen jede Gottheit. Gegen die Gottheit der Gottheiten redet er Ungeheuerliches und hat damit Erfolg, bis der Zorn ein Ende gefunden hat. Dan 11,36 BigS
Ich suche nach Strategien gegen die zerstörerischen Mächte von heute. Bei Mächten denke ich weniger an Personen als an Interessenskonsortien wie Konzerne, Banken, nationale oder internationale Netze, die ganze Länder, Wälder, Meere verschlingen und der Bevölkerung und ihrer Lebensbedürfnisse spotten. Oft werden diese Macht-Konglomerate aber von einigen wenigen repräsentiert, die ihnen ein Gesicht, eine Stimme und einen Namen geben.
Auch wenn zu biblischen Zeiten diese Machtverbände nicht weltumspannend und sicher mit weniger Kapital als heute versehen waren, konnten sie sich ganze Länder einverleiben, die Kleinbauern ins Elend stürzen und den Alltag vieler Menschen bestimmen. Im Danielbuch sind die Gegenspieler des Propheten königliche Gewaltherrscher wie Nebukadnezzar (605-562 v. Chr.), Beltschazzar (552-543 v. Chr.) und Darius (521-486 v. Chr.). Diese Herrscherfiguren wechseln sich in den Erzählungen nahtlos ab, auch wenn das historisch gesehen so nicht stimmt. Es sind berühmt-berüchtigte Namen, so oder so. Und eigentlich, so der erzählerische Witz, ist es unwichtig, wie die Könige heißen. Ob babylonisch oder neubabylonisch, persisch oder medisch – wie diese Großreiche auch immer genannt werden – es geht um Herrschergeschlechter mit ihrer unterwerfungsheischenden Egozentrik, die den Minderheiten, den Besiegten, den »Fremden« das Leben schwer machen. Kurz: Schon Daniel sah Könige kommen und gehen – und vor allem ihr Gehen interessiert mich. Wie bringt man Mächte zum Gehen? Noch dazu solche, die weder Skrupel noch Grenze kennen und zu allem noch Erfolg haben! Raffgierige Mächte mit Erfolg spotten allem, was heilig ist, das sehen wir auch heute. Angesichts dieser Machtansammlung könnte man schon den Mut verlieren. Genau darum stelle ich Dan 11,36 voran: Daniel hätte allen Grund gehabt, ob der Ruchlosigkeit der Könige zu resignieren, wahnsinnig oder gewalttätig zu werden. Doch er fand einen anderen Weg.
1. Was, wie, warum?
Das Buch Daniel ist ein prophetisches und politisches Buch. Es erzählt von der Situation eines besiegten Volkes, das unfreiwillig nach Babylon eingeschleppt wurde und sich in der Hauptstadt der Sieger nun zurecht finden musste. Es geht ums nackte Überleben, auch wenn die Geschichten unterhaltsam erzählt werden. Daniel wird als Teil der jüdischen Bevölkerung in Babylon verfolgt, die nach einem babylonischen Kriegszug als Beute in die Hauptstadt deportiert worden war. Es wird erzählt, dass Daniel eine gefährdete Existenz am Königshof führt. So wird er einmal zum Tod im Feuerofen verurteilt, was er nur knapp überlebt. Ein anderes Mal wird er in die Löwengrube geworfen. Auch wenn die Lesenden sich über seine Rettungen freuen, bleibt das mulmige Gefühl, dass sehr viele andere wahrscheinlich nicht gerettet wurden. Die Bedrohungen Daniels machen die Schreckensherrschaft der Könige publik. Vielleicht lässt sich von dieser Schreckensherrschaft nur in Form von wunderbaren, unglaublichen Episoden erzählen, über die die Lesenden lachen können.1 Solches Erzählen ist wahrscheinlich ein Mittel, dass einem das Lachen nicht im Halse stecken bleibt.
Das Danielbuch lebt von kurzen Erzählungen, die mit Witz und Schärfe von einer Bedrohung zur anderen weitergehen. Daniel lässt sich nicht unterkriegen. Kaum ist eine Gefahr gebannt, taucht die nächste auf. Denn der Könige sind viele und sie kennen keine Grenze. Sie kommen mit allem durch, was sie wollen. Sie sind der Erfolg in Person, die Verkörperung von Stärke, Reichtum und Befehlsgewalt. Doch das Danielbuch erzählt, dass auch Könige Angst haben können und ins Straucheln geraten. Eines Tages ist ihre Erfolgsphase am Ende (Dan 11,36). Diese Gewissheit ist zutiefst enthüllend, apokalyptisch, wenn wir so wollen. Von dieser Gewissheit lebt das Danielbuch. Es weiß sowohl um die Unmenschlichkeit der Mächte wie um deren Fragilität. Sie werden zusammenbrechen eines Tages. Noch jedes Reich fand sein Ende. Genüsslich wird davon erzählt. Die herrschenden Mächte halten sich immer für endlos, für ewig dauernd und behaupten, dass es ohne sie keine Ordnung, kein Leben geben würde. Doch das Danielbuch kehrt den Spieß um: mit diesen Königen gibt es überhaupt kein Leben, das Leben würde hingegen beginnen, wenn sie nicht mehr wären und der ständige Kampf um das Überleben nicht mehr nötig wäre.
