Vom Wandern und Wundern - Maria Herrmann - E-Book

Vom Wandern und Wundern E-Book

Maria Herrmann

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Beschreibung

In der langen Tradition der Kirche und durch die Jahrhunderte hindurch findet man sie immer wieder: Menschen, bei denen Bestehendes ein Gefühl des Fremdseins hervorruft. Menschen, die als Prophetinnen und Propheten eine Kirche von morgen, mal im Großen, mal im Kleinen, vorleben. Auch heute gibt es diejenigen, bei denen das Wandern und Wundern, diese "heilige Unruhe", einerseits das Gefühl der Fremde auftut, andererseits neue Perspektiven für das Weiterentwickeln von Kirche und Gemeinde schenkt. Von solchen Menschen, von deren zukunftsträchtigen Worten und Werken, von ihrer Bedeutung für die Zukunft der Kirche erzählt dieses aus der ökumenischen Praxis hervorgegangene Buch in zwölf Gedankengängen.

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Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Maria Herrmann und Sandra Bils (Hg.)

Vom Wandern und Wundern

Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche

Maria Herrmann und Sandra Bils (Hg.)

Vom Wandern und Wundern

Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche

Mit einem Nachwort von Christina Aus der Au

echter

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.

1. Auflage 2017

© 2017 Echter Verlag GmbH, Würzburg

www.echter.de

Gestaltung: Hain-Team (www.hain-team.de)

Umschlagfoto: shutterstock

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

ISBN

978-3-429-04403-9

978-3-429-04942-3 (PDF)

978-3-429-06362-7 (ePub)

Inhalt

„Ein Wunder in seinen Augen“ (Vorwort)

Maria Herrmann

Wenn der Dachdecker beim Zimmermann vorbeischaut

Astrid Adler

Worte statt Orte oder: Wie ich anfing, meine Kirche neu zu buchstabieren

Hanna Buiting

Punktheologie

Mara Feßmann

Wanderlust

Mathias Albracht

Alles Theater? Oder: Unendlich zu Hause und doch empörend fremd! Wie die Theaterarbeit den Weg zu Gott ebnet

Steffi Krapf

Das Fremdsein überwinden. Wie wir in der Kirche die 99 Schafe wiederfinden

Markus Kalmbach

Woanders ist hier

Yotin Tiewtrakul

Die Ressource des Fremden ist der Unterschied oder: Wie Rebellentum und Kirchenentwicklung zusammenpassen

Michael Bonert

Vier Wünsche. Was Pionieren in der Kirche fehlt

Sebastian Baer-Henney

Eine steile These

Rebecca John Klug und Juliane Gayk

W@nder als ekklesiologische Chance.Das Vertraute und die Ferne – Leben in Gegensätzen

Sabrina Müller

Von der Gabe, nicht hineinzupassen

Birgit Mattausch

Die Fremdheit in der Kirche. Eine Art Nachwort

Christina Aus der Au

Autorinnen und Autoren

Auf der Suche nach einem Morgenstolpernd losgelaufen.Mit einem Gestern auf Reisen,das leise flüstert: „Du bist nicht allein!“Als Wanderer zwischen den Welten.Ein Wunder in seinen Augen.

Maria Herrmann

„Ein Wunder in seinen Augen“

Auf der Suche nach der Kirche für morgen begegnet man ihnen: Agentinnen und Agenten einer Kirche von morgen. Sie wirken zwar nicht im Geheimen, manchmal vielleicht etwas im Verborgenen, aber ihr Handeln markiert bereits Kommendes im Hier und Jetzt. Als Wandernde zwischen den Welten, ob offensichtlich oder im Stillen, stellen sie der Kirche unbequeme Fragen: Häufig sind es die nach dem Warum? und – viel mehr noch – nach dem Warum eigentlich nicht? Dieses Wandern und Wundern wird ausgelöst von einer Unruhe, gewissermaßen einer Fremde, die möglicherweise ihren Ursprung nicht in dieser Welt hat. Aber eine, die dieser Welt und damit auch dieser Kirche gilt. Eine Fremde, die uns aufmerksam macht für ihre Zukunft. Und ein Fragen, das bereits eine Ahnung birgt auf mögliche Antworten.

Diesen wandernden und wundernden Agentinnen und Agenten des Wandels der Kirche zuzuhören erfordert eine besondere Achtsamkeit. Ihre Intuition und ihr Herzblut verdienen ehrlich gemeinte Wertschätzung. Denn viele Menschen haben das Gefühl der Fremde in der Kirche und achtlose Reaktionen darauf dazu gebracht, Gemeinden zu verlassen. Andere beseelt sie heute – und vermutlich schon seit den Anfängen des Christentums – mit prophetischer Ungeduld, mit heiliger Neugier und einem Heimweh nach etwas, das sie noch gar nicht kennen.

Wir glauben, dass diese Fremde in der Kirche, dieses Wandern und Wundern Schlüssel und Charisma sind, um Kirche von ihrer Zukunft her verstehen zu lernen. Wir glauben, dass diese Fremde zugleich von Stärke und Zerbrechlichkeit zeugt. Wir glauben, dass die Wandernden und Wundernden diejenigen sind, die kritische Fragen aus guten Gründen und loyaler Verbundenheit stellen. Wir sind davon überzeugt, dass die Fremde in der Kirche in einer langen Tradition steht, Neues schafft, verbindet, versöhnt und heilt. Und davon erzählt dieses Buch.

… eine Tradition, die auch heute noch gilt

Ein Blick in die Biographien von einflussreichen christlichen Frauen und Männern, von Mystikerinnen und Predigern, von Ordensgründerinnen und Reformatoren offenbart in diesem Zusammenhang eine wichtige, aber meist nur implizit wahrgenommene Dimension in Bezug auf ihr Wandern und Wundern in der Kirche. Denn das Wirken derjenigen, die vielleicht rückblickend Bewunderung zu finden mögen, beginnt meist mit etwas, das zunächst weniger glamourös und gnadenreich daherkommt, nämlich mit der Ahnung, dass irgendetwas nicht passt, vielleicht nicht mehr passt. In einen konkreten, erlebbaren Teil von Kirche, in eine Organisationsform, eine Gemeinschaft, einen Kontext. Dabei sind bei diesen Menschen bisweilen zukünftige Bilder christlicher Lebensgestaltung im Verborgenen schon derart präsent, dass sie einen Zugang zu Bestehendem und Ererbtem nicht (mehr) freigeben. So wird die heilige und ungeduldige Neugier Energiequelle für das Weiterwundern auf dem Weg hin zu neuen Orten und in neue Formen christlicher Nachfolge und ragt mit diesem Erleben hinein in biblische Erfahrungen von Aufbruch, Prophetie und Berufung.

Da sich dieses Phänomen aus historischer Perspektive nur in einer Rückschau beschreiben lässt, zeigt es sich häufig idealisiert: Viel zu selten lässt sich Jahrhunderte oder gar nur Jahrzehnte später verfolgen, welche und wie viele Wunden geschlagen wurden auf diesen Wanderwegen, die die Kirche häufig erst im Nachhinein heiligspricht – ob im wörtlichen oder übertragenen Sinne. Man denke nur an die Biographien eines Franziskus, einer Teresa, eines Dietrich Bonhoeffer, einer Madeleine Delbrêl oder einer Dorothee Sölle – sie waren Wandernde und Wundernde ihrer Zeit, mit einer heiligen Unruhe versehen und der Erfahrung einer Fremde, die schließlich einen transformierenden Kern für die Kirche enthielt und bis heute noch enthält. Obwohl Entfremdung in einer wörtlichen Bedeutung genau das Gegenteil beschreibt, geht es genau um dieses Fremdgeworden-Sein oder Fremd-Werden, das sich kirchenhistorisch bis in die heutige Zeit hinein verfolgen lässt. Die so mit ihrem wandernden Volk Gottes lernende Kirche verdankt dem Charisma der prophetischen Ungeduld an vielen Orten und zu allen Zeiten unzählige transformierende Momente. Momente, Orte, Ideen, die eine wirkliche, eine wörtliche Ent-Fremdung der Kirche aus ihrer Sendung in die Welt hinein und zu ihrer Regeneration darstellen.

Die Autorinnen und Autoren, aber auch die Leserinnen und Leser dieses Buches mögen diese Wanderstiefelstapfen möglicherweise als zu groß empfinden: Nicht jede oder jeder begründet eine neue Ordenstradition, ruft eine einflussreiche Erneuerungsbewegung ins Leben oder hinterlässt Texte und Bücher, die in unzähligen Sprachen übersetzt um die Welt gehen. Und doch stehen die Perspektiven dieses Buches für die unzähligen Menschen, deren Gefühl der Fremde in der Kirche in einer guten Tradition steht und dabei auch heute einen transformierenden Kern für Gemeinde und Kirche und einen Aufbruch in neue Generationen der Nachfolge Jesu Christi darstellt.

… ein Chaos, das Neues entstehen lässt

Die aktuellen Umbrüche der Kirchenlandschaft(en) sorgen für Unübersichtlichkeit und Unsicherheit. Die Reaktionsmuster auf diese insgesamt vielleicht gar nicht so neue, aber nach den volkskirchlichen Sicherheiten ungewohnte Situation bewegen sich zwischen zwei Polen, welche jeweils eine neue Zuverlässigkeit herzustellen versuchen: Es zeigen sich innere wie äußere Blockaden zur Aufrechterhaltung ererbter, aber leer gewordener Strukturen und Theologien auf der einen Seite und aktionistische Versuche, dem Alten gegenüber synthetisch Neues entgegenzustellen, auf der anderen.

In dieser komplexen Gemengelage sind es vor allem die leisen Stimmen der Wandernden und Wundernden, die, vielfach überhört, auf eine Perspektive aufmerksam machen, die keinem dieser beiden Dynamiken zuzuordnen ist: eine traumwandlerische Unsicherheit. Ein Wandern und Wundern, das aus dem Vermissen von Orten und Formen christlicher Nachfolge entsteht, die einer Sehnsucht nach einem Mehr an Kirche, an Gemeinde, an Evangelium, an Jesusmäßigkeit entspricht. Sofern die Kirche der Zukunft also tatsächlich zu ihrem weiteren Bestehen eine mystische sein wird, wie es Karl Rahner einmal postuliert hat, wird sie dabei auch aus Wandernden und Wundernden bestehen. Denn sie teilen das grundlegend mystische Gefühl, etwas erfahren zu haben, das aus dem Chaos etwas Neues entstehen lassen kann – vielleicht auch nur im Vermissen, in einer Ahnung, in einer Wanderlust. Aber in jedem Fall so real, dass es keinen Zugang (mehr) ermöglicht zu Bestehendem, Üblichem und Ererbtem.

In allen Aufsätzen des Buches wird diese Spannung deutlich – mal mehr, mal weniger explizit. Das Wandern und Wundern, die Fremde in der Kirche mögen dabei eine persönliche und existentielle Frage sein, beginnen sie doch vielfach mit der Dekonstruktion der eigenen Berufung und mit der Suche nach etwas, das sich in Derzeitigem insofern als Leerstelle finden mag. Allerdings geht es Wandernden und Wundernden nicht darum, eigene Interessen zu verfolgen oder als Person in den Vordergrund zu treten – durch sie tritt lediglich eine Fremde zutage, die die Selbstzweckhaftigkeit kirchlicher Erscheinungsformen infrage stellt. In der Literatur der Anglikanischen Gemeindegründungsbewegung der Fresh Expressions of Church spricht man an dieser Stelle vom „Pioneer Gift“ (das Pionier-Charisma) bzw. vom „Gift of not fitting in“ (das Geschenk und die Gabe, nicht hineinzupassen), Johann Baptist Metz hat in Bezug auf die Orden einmal von „produktiven Vorbildern“ und von der „Schocktherapie des Heiligen Geistes“ gesprochen. In beiden Redeweisen findet sich das Moment der Fremde wieder, durch die etwas Neues ins Leben kommen kann.

Anders formuliert lässt sich also sagen, dass das Gefühl der Fremde in der Kirche entsteht, weil Kirche noch keine Vollendung erlangt hat und über sich selbst hinaus verweist. Die Fremde in der Kirche ermöglicht Umkehr, sensibilisiert auf die Notwendigkeit der metanoia hinsichtlich des Neuwerdens der Kirche und ein erneuertes Bewusstsein christlicher Sendung in Bezug auf das Reich Gottes. Fremd sein in der Kirche ist ein Fremd sein für die Kirche – anstelle der ganz anderen. In diesem chaotischen Gefühl der Unsicherheit beginnt bereits etwas Neues.

… eine Gabe, die verbindet, versöhnt und heilt

Das Wandern und Wundern steht in langer Tradition, ist eine Herausforderung, die sich an unzähligen Ecken und Enden in der Kirche ereignet und in komplexen Zeiten regenerative Perspektiven auf das Neue und den Wandel eröffnet. Es kann sich konkret darin äußern, dass sich jemand fragt, warum die eine Stunde am Sonntagmorgen ab 10 Uhr so wenig mit dem Rest der Woche zu tun hat, warum auch kaum mit dem, was um das Kirchgebäude im Dorf oder im Stadtteil passiert. Warum der eigene Musikgeschmack, die eigene Ästhetik, die eigenen Lebensvollzüge so wenig relevant sind für die vorfindlichen Formen kirchlichen Lebens. Warum man in der Kirche andere Tee-Sorten trinkt, andere Dinge isst und überhaupt anders Gastgeber ist, als man das in anderen Bezügen erlebt und selbst vollzieht. Warum man zum Beispiel auch die eigenen pastoralen Angebote selbst kaum wahrnehmen würde und tief im Inneren für irrelevant hält. Warum so wenig Platz in der Gemeinde ist für die eigenen Fragen, Gaben und den Alltag. Warum Dinge „schon immer so“ oder „noch nie derart“ gemacht wurden – oder warum diese beiden Sätze in jedem Fall schon immer gute Argumente waren und noch nie Experimentierfreude geweckt haben.

Bei allen diesen Fragen wird man selten alleine bleiben, wenn man es vermag, sie nicht nur laut zu stellen, sondern achtsam nach Wegen zu suchen, sie als Ansatzpunkte für den Wandel in der Kirche zu sehen. Wie könnte zum Beispiel Gemeindeleben aussehen, das auch unter der Woche und für den eigenen Stadtteil relevant ist. Es gilt dabei nun nicht, die Fremde zu instrumentalisieren, sondern umgekehrt zu fragen, warum sie nicht als Geschenk und Gabe in den bestehenden Gemeinden und kirchlichen Strukturen zur Geltung kommen kann, sofern sie keinem Selbst(verwirklichungs)zweck unterliegt und verantwortungsbewusst gestaltet wird.

Sind jene beispielhaft skizzierten Fragen nicht stellvertretend gestellt für jene, die mit Kirche und Gemeinde nichts mehr oder noch nie etwas zu tun hatten? Stellen die Wandernden und Wundernden aus ihrer Entfremdung heraus nicht die gerade so wichtigen Fragen nach der Relevanz der Kirche und damit eine Verbindung her zwischen der Kirche und denjenigen, die sich ihr nicht mehr verbunden fühlen oder noch nie verbunden fühlten? Bildet jene Fremde nicht dann auch einen Ausgangspunkt für einen Neuanfang zwischen der Kirche und jenen Menschen, in deren Dienst sie steht? Ist dieses Charisma der Fremde dann nicht auch ein Dienst an der Vielfalt, dem ökumenischen Gedanken und ebenso der Sendung der Kirche?

Nicht selten haben jene Wandernden und Wundernden einen intuitiven Zugang zu den unterschiedlichen Arten von Ökumene, ebenso zu historischen Traditionen der Kirche und sind Agentinnen und Agenten für die Versöhnung unter den und innerhalb der Konfessionen. Aus den eigenen Erfahrungen heraus können sie anderen ihr Anderssein zugestehen und Zeugnis ablegen für ein wörtliches Verständnis von Katholizität, welche den Blick auf das Ganze ermöglicht.

Ein weiterer, vielleicht sogar der wichtigste Aspekt im Hinblick auf Versöhnung soll nun diese kleine Einführung abschließen: Freilich gelingt es den Wandernden und Wundernden, mit ihrem Charisma neue Zugänge zum Evangelium und regenerative Formen der Kirche zu entdecken. Und doch ist das Grenzgängertum an den Ecken und Enden der Kirche meist mit Selbstzweifel, mit Scham, mit Einsamkeit und mit viel Ringen, Zaudern und Hadern verbunden. Es vermittelt das Gefühl der Einsamkeit, kostet Kraft und ist nicht nur für die Menschen anstrengend und mühselig, die sich den bestehenden Formen von Kirche verbunden fühlen. Dazu ist es also auch notwendig, die Wichtigkeit dieses Dienstes anzuerkennen, den Wandernden und Wundernden Vertrauen auszusprechen, sie zu stärken, zu begleiten und ebenso in Bezug auf ihre Gabe, ihre Rolle und ihr Charisma für Versöhnung zu sorgen: Umso mehr können sie sich der eigenen wunden Stellen, jener Wunden bewusst werden, die anderen ein Wunder werden können.

Das Buch

In dem vorliegenden Buch nähern wir uns also der hier nur kurz skizzierten Fremde in der Kirche an. Wir glauben, dass damit ein Brückenstein gelegt werden kann hin zu einer neuen Deutung des wandernden Volkes Gottes. Ein Schritt im Einüben einer Kultur des Kirche-Sein, die vom Wandern und Wundern geprägt ist und hoffnungsvoll das Entstehen und Werden von Kirche ins Gespräch und mit Bestehendem und Ererbtem in Verbindung bringt – Vielfalt ist dabei Wortschatz, die Sendung der Kirche Grammatik des Diskurses.

Ökumene findet sich dabei auf allen Ebenen und in vielerlei Dimensionen: nicht nur in den Erfahrungen unterschiedlicher konfessioneller Hintergründe und Berufungen, sondern auch im Zusammenhang mit unterschiedlichen Aggregatzuständen der jeweiligen Kirchenentwicklung. So sind sie auch als fragmentarische Momentaufnahmen im Prozessgeschehen zu verstehen, die zu großen Teilen fragil und in hohem Maße vergänglich aufmerksam machen auf konkrete Facetten der Veränderungsprozesse der Kirche. Daher lassen sich die Aufsätze untereinander kaum vergleichen und sind exemplarisch für einen Teil von gemachten Erfahrungen mit dem Wandern und Wundern. Sie erzählen gemeinsam davon, wie Kirche neu werden kann, und verweisen gleichzeitig auf viele weitere Erzählungen von der Fremde in der Kirche, die noch zu sammeln wären.

Die Autorinnen und Autoren haben sich wahlweise drei thematischen Kreisen genähert und diese bisweilen biographisch, aber immer persönlich gedeutet: So geht es um Wundern, Wandern und Wunder und um den Bezug zur eigenen Fremde in der Kirche. Die Textgenres variieren, so wie die Perspektiven und Persönlichkeiten unterschiedlich sind. Dies ermöglicht der Leserin und dem Leser, jeweils einer Facette ganzheitlich gedachter Theologie zu begegnen, und eröffnet die Frage nach der eigenen Fremde.

Folgende Themenkreise sind in den Aufsätzen zu finden:

Biblische und poetische Notizen von der Fremde in der Kirche:

– Bei Astrid Adler wird das Wundern zur Wundergeschichte und damit zum Erwachen eines neuen Selbstverständnisses in wandernder Nachfolge.

– Hanna Buiting eröffnet die poetische Dimension vom Wandern und Wundern. Sie macht sich auf, die Kirche neu zu buchstabieren, und lässt erahnen, welche Goldstücke sich in ihr finden lassen.

Biographische Fragmente aus dem Theologie-Studium oder in der Vorbereitung auf einen Dienst in der Kirche:

– Mara Feßmann schildert die Erfahrungen einer Quereinsteigerin im Theologiestudium. Gemeinsam mit ihren Fragen proklamiert sie eine Punktheologie und schreibt nicht nur von loyalem Trotz, sondern einem großen, heiligen Trotzdem.

– Mathias Albracht freundet sich an mit seiner Wanderlust und eröffnet die Perspektive einer Berufungsgeschichte zwischen Popkultur, Pastoralkurs und Pioniergeist.

Überlegungen zum Wandern und Wundern im konkreten Dienst in den Kirchen:

– Bei Steffi Krapf zeigt sich, wie die Bretter, die die Welt bedeuten, und sakrale Räume in einer Wechselbeziehung stehen und wie bereits etablierte Formen von Kirche immer noch befremden können.

– Markus Kalmbach schreibt über Fremdwörter und -worte und macht deutlich, wie der Dienst an den Transformationsprozessen unserer Gesellschaft Zufluchtsort wird für Menschen auf der Suche nach Heimat (nicht nur, aber auch) in der Kirche.

– Yotin Tiewtrakul denkt nach über das Dazugehörenwollen, über Woanders-Orte und Vergebung. Er teilt die Ahnung, dass das Ankommen damit beginnt, dass man für andere die Räume schafft, die man selbst lange gesucht hat.

Die Gabe der Fremde in abstrakten Überlegungen und konkretem Geschäft:

– Michael Bonert beschreibt Kirchenentwicklung als Rebellion – jedenfalls ein wenig. In seinem Aufsatz wird deutlich, wie sehr die Überlegungen zur Fremde auch in Bezug auf Organisationsentwicklung und Innovationsforschung relevant werden, und er gibt konkrete Hinweise an die Hand, wie das auch praktisch genutzt werden kann.

– Sebastian Baer-Henney schildert seine Erfahrungen als hauptamtlicher Wanderer im Dienste als Pionier und Gemeindegründer und geht dabei auch auf seine Verwunderungen in Bezug auf Rollen- und Amtsverständnisse in der Kirche ein.

– Gemeinsam beschreiben Rebecca John Klug und Juliane Gayk Ent-fremdung aus Prinzip. Und wie wichtig dabei Teamwork und das Engagement von nicht-sozialisierten Christinnen gerade in der Erfahrung eines Gemeindegründungsprozesses für die Kirche sind.

– Sabrina Müller stellt die in diesem Buch beschriebenen Erfahrungen neben historische Dynamiken, fasst sie in einem Rück- und Überblick zusammen und deutet sie anhand der Stichworte der Orientierungslosigkeit, der Beziehungen und Ekklesiogenese im Hinblick auf ihre loyale Radikalität.

Abschließendes und Eröffnendes:

– Abschließend öffnet Birgit Mattausch mit einer Predigt zu Mt 10,5–14 über das Geschenk und die Gabe, nicht hineinzupassen, noch einmal den Blick für ein biblisches Wort. (Gehalten wurde diese Predigt zum Abschlussgottesdienst einer Konferenz, die am 14./15. Februar 2017 in Hannover unter dem Titel W@nder zu den Fragen des Wanderns und Wunderns stattgefunden hat.)

Christina Aus der Au spannt in einer Art Nachwort noch einmal den ganz großen Bogen der Langzeitbeziehung von Kirche und Fremde.

Zum Abschluss dieses Vorwortes jedoch bleibt mir, mich bei den Autorinnen und Autoren für ihr Vertrauen zu bedanken, für ihre Geduld, ihren Fleiß und den Mut, den sie aufgebracht haben, sich diesem Projekt in Offenheit zu stellen. Ohne das alles wäre dieses Buch nicht möglich gewesen.

Bedanken möchte ich mich auch bei Jonny Baker und Cathy Ross, die mit ihrem Buch „The Pioneer Gift“ und der Rede vom „Gift of not fitting in“ (das Geschenk und die Gabe, nicht hineinzupassen) Inspiration, Idee und Herzschlag für dieses Buch vermittelt haben.

Des Weiteren gilt auch Frau Rebecca Pähler ein Dank, die viele der Fleißarbeiten für das Zusammenstellen der Artikel des Buches übernommen hat.

Ebenso möchte ich mich bedanken beim Bistum Hildesheim und der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers, die sich (nicht nur, aber auch) mit der ökumenischen Bewegung Kirche2 gemeinsam auf den Weg gemacht haben und dabei Wandernden und Wundernden wie uns vertrauen.

Schließlich gilt ein großer Dank auch dem Echter Verlag, der mit meiner nicht ganz so heiligen Ungeduld entspannt und gelassen umzugehen wusste.

Zur Lektüre empfohlen:

– Jonny Baker/Cathy Ross, The Pioneer Gift

– Vincent Donovan, Rediscovering Christianity

– Gerald Arbuckle, From Chaos to Mission

– Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge

– Johann Baptist Metz, Zeit der Orden? Zur Mystik und Politik der Nachfolge

– Peter Hundertmark, Gemeinden gründen

Astrid Adler

Wenn der Dachdecker beim Zimmermann vorbeischaut

Im August 2012 nahm ich als Mitarbeiterin auf einer Freizeit für Teenager in Schweden teil. Eines Abends saß ich in einer kleinen Gruppe Mitreisender zusammen und wir redeten darüber, was man aus den täglichen Andachten, Kleingruppen, Gesprächen und Aktionen mitgenommen hatte. Irgendwann sprachen wir auch über die Heilungsgeschichten von Jesus, die oft plakativ weitererzählt werden. Die meisten Menschen, die regelmäßig in kirchlichen bzw. christlichen Kreisen unterwegs sind, können mindestens eine der Geschichten wiedergeben. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass wir in eben jener Runde auch festgestellt haben, dass uns oft fehlt, dass Geschichten weitergedacht werden. Mit „weitergedacht“ meinten wir nicht die Frage, was genau das jetzt mit unserem Leben zu tun hat, sondern vielmehr die Frage nach dem „Wo kann ich dieses Erlebnis heute auch finden?“, gibt es ähnliche Handlungsfelder oder Ereignisse, zu denen Parallelen gezogen werden können? Als einer aus der Gruppe einen lose formulierten Gedanken in den Raum warf, konnte mir noch nicht klar sein, dass er damit den Grundstein für eine Entwicklung legen würde, die ich durchleben durfte und darf und die bis heute nicht abgeschlossen ist. Er sagte etwas wie „Ist euch eigentlich schon mal aufgefallen, dass die Geschichte, in der Jesus den Gelähmten heilt, auch ein super Bild für die Gemeinde Gottes ist?“ Ich weiß bis heute nicht, ob er selbst auf den Gedanken kam oder ob er damit eine alte theologische Deutung formuliert hat, ob bereits kilometerlange Abhandlungen darüber verfasst wurden. Wir finden diese Geschichte in drei Evangelien: Matthäus 9,1–8; Markus 2,1–12 und Lukas 5,17–26.

Ich bin keine studierte Theologin, Begriffe wie Exegese, Hermeneutik und Homiletik gehören nicht zu meinem aktiven Wortschatz. Aber ich kann (vor allem durch meine Tätigkeit in der Jugendarbeit) mit Menschen über Jesus reden. Das tat ich an diesem Abend und wurde vollkommen überrascht davon, wie sehr mich das noch weiter beschäftigen würde.

Ich bin inzwischen seit zwölf Jahren Teil meiner Gemeinde, davon acht Jahre in verschiedener Weise in der Jugendarbeit ehrenamtlich tätig. Ich habe mich demnach schon in diversen Rollen innerhalb meines Glaubens bewegt. Im Glauben wachsen darf und durfte ich in einer pietistischen Gemeinde eines Gemeinschaftsverbands innerhalb der Evangelischen Kirche im Süden Deutschlands, bei der die Jugendarbeit vom Ortsverband des Südwestdeutschen EC-Verbands (Deutscher Jugendverband „Entschieden für Christus“ e. V.) übernommen wurde – eine typische Kooperation. Mein Gemeindebild wurde in diesem Kontext stark geprägt von wöchentlich stattfindenden Kreisen für Jung und Alt, aktiven ehrenamtlichen Mitarbeitern und dem pietistisch verkündeten Evangelium, das all das zusammenhält. Und plötzlich soll eine Wundergeschichte auch ein Bild für Gemeinde sein? Bis zu diesem Zeitpunkt waren Wundergeschichten für mich nicht mehr als viel erzählte Geschichten über Wunder, die Jesus getan hat. Weder war es für mich denkbar, dass dasselbe heute noch mal passiert, noch verstand ich die Lebendigkeit dahinter, schließlich wurde in meinem Umfeld meistens sehr texttreu und nüchtern gepredigt.

Jesus heilt einen Gelähmten, schön. Jesus ist also in Kapernaum, das Haus brechend voll mit Menschen, vier Männer bringen einen Gelähmten, decken das Dach ab, lassen den Gelähmten hinab und Jesus spricht ihm Vergebung seiner Sünden zu. Die anwesenden Schriftgelehrten finden das anmaßend – wie kann dieser irre Zimmermann aus Nazareth das tun? Jesus setzt eins drauf und heilt den Gelähmten auch noch, der daraufhin aufsteht und geht. Dieses Erlebnis muss für alle Anwesenden der finale Gottesbeweis gewesen sein, schließlich fingen dann alle an, Gott zu loben.

Schauen wir uns mal die beteiligten Personen und Personengruppen an. Jesus ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alle sind und alles ist auf ihn ausgerichtet oder von ihm bestimmt. Zu ihm wird ein Gelähmter gebracht, der nicht mehr alleine gehen kann. Dessen körperliche Gebrechen für alle offensichtlich sind. Er braucht Hilfe und lässt sich von vier Männern tragen. Wir wissen nicht, ob der Gelähmte und die vier Männer Freunde sind, ob sie überhaupt in irgendeinem Verhältnis zueinander stehen. Aber die Bindung reicht so weit, dass die vier Männer einen Umweg in Kauf nehmen, um den Gelähmten zu Jesus zu bringen. Sie decken das Dach ab. Das ist keine Tätigkeit, die man schnell erledigt, und auch keine, die ohne Folgen bleiben würde. Wer weiß schon, wie der Hausbesitzer reagieren würde? Der Text verrät uns das leider nicht. Die vier Männer sehen aber keinen anderen Weg, zu Jesus zu kommen, denn eine große Menschenmenge versperrt den Weg. Es scheint, als wäre die Menschenmenge so sehr auf die Botschaft von Jesus konzentriert und damit beschäftigt, auch wirklich etwas von dem zu sehen, der sich für den Sohn Gottes hält, dass ihnen ihre Umwelt egal zu sein scheint. Die vier Männer werden übersehen oder nicht ernst genommen. Kein Durchkommen. In der Menschenmenge halten sich auch noch Schriftgelehrte auf. Diese Schriftgelehrten waren nicht da, weil sie sich von Jesus überzeugen lassen wollten. Ich würde ihnen sogar Sensationsgier und eine ordentliche Portion Skepsis unterstellen. Sie, die jahrelang studiert hatten, müssen sich doch mal davon überzeugen, dass dieser Jesus, dieser Zimmermann aus Nazareth, ihnen ganz sicher nicht das Wasser reichen kann. Sie kennen Jesus nur vom Hörensagen und es liegt ihnen fern, ihn näher kennenzulernen. Und Jesus? Jesus setzt seine Prioritäten anders, als man es von ihm erwartet. Anstatt den Gelähmten zu heilen, spricht er ihm zunächst die Vergebung seiner Sünden zu. „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Für mich gibt es nur wenige Sätze in der Bibel, die mehr in meine Lebensrealität eingreifen.

Wie wurde aus den handelnden Personen hier dann für mich ein Bild für Gemeinde, das mein bisher dagewesenes sprengte? Ich kann heute nicht mehr sagen, wie ich Gemeinde definieren würde, denn keiner meiner neuen Definitionsversuche erreicht die alte Funktionalität. Die alte Funktionalität kann aber auch gar nicht mehr erreicht werden, denn ich habe mich zu sehr verändert. Ich möchte niemandem absprechen, sich Gruppen, Gemeinschaften oder Konfessionen zugehörig zu fühlen. Aber letztendlich sind wir alle Individuen und als Ebenbilder Gottes wunderbar einzigartig gemacht. Gemeinde entsteht durch Gemeinschaft. Aber diese Gemeinschaft ist nicht von einer Ortsgemeinde abhängig, die als lokal gebundener Ableger der weltweiten Gemeinde Gottes gesehen werden kann, nicht an Zeit und Raum, nicht an Konfessionen, nicht an die Teppichbodenfarbe im Gemeindehaus, nicht an einzelne Personen, nicht an Haupt- oder Ehrenamt. Die hier aufgezählten Merkmale können einer Gemeinde zugeordnet sein, aber diese Merkmale machen sie nicht zu einer Gemeinde. Für mich beginnt Gemeinde immer dann, wo zwei oder drei in Jesu Namen versammelt sind. Es ist simpel, aber für mich das einzige Merkmal, das immer bestehen bleibt. Nur lässt sich für mich daraus keine Definition formulieren, mit der ich zufrieden bin. Gemeinde ist für mich auch immer dynamisch, ständig in Bewegung. Wenn ich mich bewege, bewegt sich die Gemeinde automatisch mit. Ich kann in einer Gemeinde ein Teil der Menschenmenge sein, wie sie in der Wundererzählung von Jesus und dem Gelähmten beschrieben ist. Manchmal tut es gut, sich das Geschehen einfach nur anzuschauen. Irgendwo hinzugehen, weil man gehört hat, dass Jesus da sein wird, und wer weiß, vielleicht passiert ja etwas. Ich bin ein Teil des Ganzen, und es ist egal, ob ich wirklich aufmerksam zuschaue, ob ich während der Predigt Gummibärchen esse, mir währenddessen einfällt, dass die Steuererklärung noch nicht fertig ist, oder ob ich einfach wieder nach Hause gehe. Es ist auch nicht wichtig, ob ich nächste Woche tatsächlich der Einladung der Pfarrerin folge und zum Kirchenkaffee gehe, weil ich das letzte Mal schon dort war. Es zählt, dass ich jetzt dabei bin. Denn um mich herum passiert etwas. Etwas, das ich vielleicht auch erst dann wahrnehme, wenn man mich direkt daraufstößt. Gott wirkt. Mein Gottesbild verändert sich nicht unbedingt, weil Jesus den Gelähmten geheilt hat, aber er hat es damit in irgendeiner Weise bekräftigt. Ja, mein Gott heilt zerbrochene Herzen und verbindet Wunden. Ob mir aufgefallen wäre, dass die vier Männer das Dach abdecken? Ich bin mir sicher, dass es in jeder Gemeinde tragende Personen gibt. Solche, die das Gemeindeleben und Miteinander aufrechterhalten, weil sie Gelähmte, also Menschen, die nicht mehr alleine gehen können, zu Jesus bringen. Damit meine ich nicht nur den streng missionarischen Ansatz. Natürlich gibt es unter ihnen die „missionarisch Begabten“, diejenigen, die Menschen aktiv zu Jesus bringen, um im Bild zu bleiben. Aber es geht mir hier vor allem auch um die Personen, die mich in meinem eigenen, vielleicht eher metaphorischen Gelähmtsein weiter-tragen können. Für mich zählen dazu offene Ohren, die sich anhören, was ich erlebt habe. Es sind auch die Menschen gemeint, die meine Augen für Neues öffnen. Diese Brüder und Schwestern, die aufgrund ihrer Erfahrungen meine Sichtweise und meinen Standpunkt in Frage stellen können, mir ein Aufstehen ermöglichen und mir einen neuen Weg zu Jesus offenbaren. Wege, die mir vielleicht nie gezeigt wurden, oder Blickwinkel, die ich ohne diese Menschen nie hätte einnehmen können. Ob der Gelähmte vorher wohl schon mal von einem Dach herunterblicken konnte? Diese vier Männer haben es ihm ermöglicht. Ich habe mich oft gefragt, ob die vier Männer gemeinsam den Entschluss gefasst haben, diesen Mann auf das Dach zu tragen und ihn vor Jesus zu bringen, oder ob einer der Männer sich Helfer gesucht hat, weil er gemerkt hat, dass er alleine das nicht schaffen wird, ihm aber die Notwendigkeit seines Handelns klar war. Im Laufe der Zeit wurde mir auch bewusst, dass es viele (Orts-)Gemeinden gibt, in denen Hauptamtliche die Tragenden sind. Oder noch schlimmer, alleine die Hauptamtlichen als Tragende gesehen werden. Für mich ist das bis heute fremd. Meine Ursprungsgemeinde basierte zu größten Teilen auf ehrenamtlicher Arbeit. Für mich steht fest, dass „Tragender sein“ nicht an ein Amt oder eine Rolle, die ich in einer Gemeinde einnehme, gebunden ist. Ebenfalls ist auch „Gelähmt sein“ keine Eigenschaft, die von Dauer ist. Jesus fordert dich auf zu gehen. Nimm deine Matte und gehe. Tragen und sich tragen lassen. Um tragen zu können, muss ich mich selbst tragen lassen. Es gibt vieles, was einen Menschen lähmen kann. Ob das nun Erfahrungen und Erlebnisse sind, die man machen musste, der Verlust von nahen Menschen oder andere Dinge, die einen vorübergehend aus der Bahn werfen. Für mich ist dieses Gelähmtsein aber auch ein Mangel. Es mangelt an der Fähigkeit, gehen zu können. In vielen Situationen war ich gelähmt, weil mir etwas fehlte. Mut, Weitsicht, Wissen, Verständnis, Vertrauen, Interesse, Kraft …, um nur einiges davon zu erwähnen. Oft fehlt auch die Einsicht, dass man gelähmt ist und Hilfe braucht. Hier kommen wieder die tragenden Personen ins Spiel. Sie erkennen mich und meinen Mangel. Sich tragen zu lassen bedeutet auch, kein Einzelkämpfer zu sein. Die Notwendigkeit des Miteinanders ist auch ein Geschenk, das Gott seiner Schöpfung gemacht hat.

Allerdings gibt es auch Arten des Miteinanders, auf die man gerne verzichtet. Für mich werden diese hier verkörpert durch die Schriftgelehrten. Sie sind nur da, weil diesem Jesus ein Ruf vorauseilt, den sie dringend überprüfen müssen. Was ist an dem dran, was so erzählt wird? Sie sind skeptisch, wollen Jesus nicht als Gottes Sohn anerkennen und versuchen natürlich, seine Autorität in Frage zu stellen. Sie glauben an Gott, keine Frage. Das wissen auch alle Anwesenden. Sie sind ein Teil der ganzen Geschichte, der nicht fehlen darf. Genauso wie es die heutigen Schriftgelehrten in einer Gemeinde geben muss. Damit meine ich nicht die besonders klugen Personen in Haupt- und Ehrenamt, nicht die Menschen mit einer besonderen Lehrbegabung und einer immensen Weisheit. Für mich sind das die Personen, bei deren Handlungen und Worten ich innerlich die Augen verdrehe. Für mich sind das die „Das war schon immer so!“-Sager und Finger-Erheber, die mahnen und wachen über dem, was ihnen heilig ist. Die aufpassen, dass alles mit rechten Dingen zugeht und auch der Beleg über die 32 Cent, der bei der letzten Kassenprüfung nach dem Gemeindefest gefehlt hat, noch auftaucht. Ich weiß um mehrere Situationen, in denen ich zum penetranten Schriftgelehrten wurde und nicht besonders rücksichtsvoll mit meiner Gemeinde umgegangen bin. Situationen, in denen ich den geistlichen Mittelfinger erhoben habe, um mit einer gewissen Selbstzufriedenheit zu zeigen, dass sich am Ende alle vor Gott beugen müssen. Diese Schriftgelehrten sind anstrengend. Aber sie müssen da sein. Denn hier in unserer Geschichte bringen sie Jesus dazu, sich noch klarer auszudrücken und den Gelähmten tatsächlich zu heilen. Sie sind nicht die Wächter über Zucht und Ordnung, auch wenn sie es gerne wären. Sie sind diejenigen, die Jesus hier weiterwirken lassen und erkennen dürfen, dass dieser Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist.

Jesus steht im Mittelpunkt der Handlung. In jeder Gemeinde, in jeder Gemeinschaft steht er in der Mitte und alles, was passiert, passiert mit ihm und durch ihn. Ganz oft erwischt er mich eiskalt, weil er anders handelt, als ich es eigentlich erwarte. So wie er die Schriftgelehrten davon überzeugt hat, dass er Gottes Sohn ist. Bisher habe ich dieses Bild von Gemeinde und diese beteiligten Rollen als sehr statisch beschrieben. Doch mir ist wichtig, dass es eben nicht statisch verstanden werden kann, vielleicht sogar darf. Jede Person, die in Gemeinschaft steht, kann gleichzeitig mehrere Rollen einnehmen. Oder auch innerhalb von Beziehungen die Rolle wechseln. Heute Gelähmter sein und morgen Schriftgelehrter und gestern noch Tragender gewesen sein. Dieses Bild ist für mich nicht mehr an Ort und Zeit gebunden.

Dies war nicht immer so. Damals, als ich zum ersten Mal davon gehört habe, dass diese Wundergeschichte auch ein Bild für das Gemeindeleben sein kann, war mir das nicht bewusst. Ich dachte, dass man eine Rolle hat und mit dieser Rolle lebt. Eigentlich verrückt, das zu glauben, zeigt doch die Geschichte ganz deutlich, dass sich die einzelnen Personen durchaus verändern! Der Gelähmte steht auf und geht. Die Schriftgelehrten loben Gott. Niemand bleibt da, wo er angefangen hat. Damals war das für mich noch anders. Dann durfte ich erleben,