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Peter Wunsch kümmert sich als Krankenpfleger und Seelsorger um die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, um Obdachlose. Authentisch erzählt er von seiner nicht alltäglichen Arbeit in der Straßenambulanz in Frankfurt. Für Peter Wunsch ist das Aufeinandertreffen mit Menschen, die auf der Straße leben, immer auch eine Begegnung mit Gott. Dieser spannende Einblick in das Leben an den sozialen Rändern ist auch eine Anregung, dass der Dienst am Menschen unser geistliches Leben verändern kann.
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Peter Wunsch
Von Angesicht zu Angesicht
Meine Begegnung mit Wohnungslosen
Vier-Türme-Verlag
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie. Detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© Vier-Türme GmbH, Verlag, Münsterschwarzach 2016
Angela, meiner langjährigen Kollegin im Pflegedienst an den wohnungslosen Menschen, gewidmet
Ich danke Volker, der sich für das Titelbild bereitwillig mit mir fotografieren ließ.
Zum Geleit
Von Peter Wunsch, der als Krankenpfleger unter Obdachlosen in Frankfurt tätig ist, habe ich erstmals in einem Buch gelesen, in dem Journalisten über Begegnungen mit gläubigen Menschen in Deutschland berichten. Unter anderem heißt es da: »So hat Peter Wunsch gelernt, dass Menschen auf der Straße leben, die sich nicht verändern können, verändern wollen; die aber Anspruch auf Würde, Respekt und Zuneigung haben, weil ihm Gott begegnet, wenn er sie trifft, selbst wenn sie stinken und sich ungehörig benehmen.«1
Diese Worte haben mich elektrisiert. Da kümmert sich einer um Menschen, an denen andere oft gleichgültig oder angewidert vorbeigehen, und er begegnet in ihnen Gott selbst, egal in welcher Verfassung sie sind, »selbst wenn sie stinken und sich ungehörig benehmen«. Die Würde dieser Menschen hängt nicht von ihrem Äußeren und von ihrem Benehmen ab. Als Menschen besitzen sie einfach diese Würde, aber sie brauchen auch Menschen, die ihnen diese Würde zusprechen oder sie wenigstens spüren lassen.
Die erste persönliche Begegnung mit Peter Wunsch hatte ich dann bei einem Symposium über den Mönchsvater Johannes Cassian in der Abtei Münsterschwarzach. Auf der Teilnehmerliste entdeckte ich seinen Namen, erinnerte mich an den Bericht über ihn und nahm Kontakt mit ihm auf. Ein Krankenpfleger für Obdachlose interessiert sich für die Spiritualität der Wüstenväter im dritten und vierten Jahrhundert in Ägypten. Ungewöhnlich! Und doch war ich nicht ganz so überrascht, wie man hätte annehmen können, denn in dem oben genannten Artikel wurde schon berichtet, dass Peter Wunsch sich nicht nur wie ein Sozialarbeiter auf der Straße versteht, sondern zugleich ein kontemplatives Leben zu führen sucht. Halbtags ist er bei den Obdachlosen unterwegs, ansonsten lebt er in einem Außenbezirk Frankfurts ein zurückgezogenes Leben mit viel Gebet und Meditation.
Diese Mischung interessierte mich. Wir Missionsbenediktiner versuchen ja auch etwas Ähnliches, nämlich die Stille des Klosters mit weltweiten Aktivitäten zu verbinden und dabei über die eigenen kulturellen und religiösen Grenzen hinauszugehen. Eine oft schmerzliche, aber auch fruchtbare Spannung. So jedenfalls erlebe ich es und setze mich auch noch im Alter gerne dieser fruchtbaren Spannung aus. Über ein derartiges Lebenskonzept konnte ich mich gut mit Peter Wunsch unterhalten, obwohl sich unser Leben auf so verschiedenem Terrain abspielt.
Unsere nächste Begegnung war dann in Frankfurt. Ich war neugierig, wie sich Peters Leben in der Praxis anfühlt. Da lud er mich ein, ihn in Frankfurt zu besuchen. Im Frühjahr 2015 war ich mit ihm einen halben Tag bei den Obdachlosen unterwegs, die an verschiedenen Orten in Frankfurt kampieren, auch vor der Börse. Ich war beeindruckt von der Schlichtheit und Direktheit dieser Begegnungen. Die Menschen spüren, dass da einer ist, der sie einfach nimmt, wie sie sind, und ihnen im Rahmen seiner Möglichkeiten auch hilft oder sie zur Behandlung weitervermittelt. Die Sorge um die Obdachlosen am Rande der Gesellschaft ist die andere Seite von Peter Wunschs Beten, sozusagen die Praxisseite seines Betens und seiner ganz persönlichen Suche nach der Begegnung mit seinem Gott. Ich habe mal den englischen Spruch gelesen: Service is lived prayer – Dienen ist gelebtes Gebet.
Anschließend nahm er mich in seine Wohnung mit, wo wir miteinander aßen und beteten und uns austauschten. Tief beeindruckt und sehr nachdenklich fuhr ich spätabends wieder ins Kloster zurück und hatte den Eindruck, dass ich vielleicht nicht zum letzten Mal bei Peter in Frankfurt war.
Das vorliegende Buch erzählt von einem nicht alltäglichen Leben, das aber für all jene anregend sein kann, die ein eher »normales« Leben führen. Denn was ist ein »normales Leben«? Besonders anregend kann dieses Buch für solche sein, die sich im Dienst an den Menschen verausgaben und nur schwer zu den inneren Quellen finden. Und es kann auch anregend sein für Menschen, die sich intensiv auf einen kontemplativen Weg konzentrieren und dabei allzu leicht übersehen, wie sehr der Dienst an den Menschen, besonders im Gehen an die Ränder und Zäune, das geistliche Leben neu aufbrechen und beflügeln kann.
Und vielleicht kann dieses Buch auch einige Anregungen geben, wie wir mit dem Fremden überhaupt in einem tieferen Sinn umgehen können. Etwa mit den Flüchtlingen, die momentan in so großer Zahl zu uns kommen und die mich in ihrem kulturellen und religiösen Anderssein auch herausfordern, den Gott meiner Gebete zu entdecken, der – bei aller Nähe und Vertrautheit – immer der Ganz-Andere, gleichsam wie ein Fremder ist.
P. Fidelis Ruppert OSB
Einleitung
Bei einem Buch über wohnungslose Menschen könnte man erwarten, dass die besonderen sozialen Probleme beschrieben werden, um dann am Ende zu verstärkter Solidarität aufzurufen. Manche hätten vielleicht auch gerne einen Reiseführer zur Hand für persönliche Abenteuer auf der Straße, wie man ihn zum Beispiel hat, wenn man zu unbekannten Bergregionen aufbricht. Dies hier ist jedoch kein Buch mit dem Titel »So kannst du glücklich werden bei den Armen«, und es ist auch keine Anleitung, wie Kirche in der Hinwendung zu den Armen wieder erstarken kann. Dies alles hat seine Berechtigung. Mein Hauptanliegen aber ist die Ermutigung zu Begegnungen. Ich will die Welt der Wohnungslosen in die Welt meiner Leser, in Ihre Welt hereinholen, damit die Gräben zwischen Ihnen und den Wohnungslosen zugeschüttet werden, damit der Abstand so gering wird, dass Sie leichter denen die Hand reichen können, die so fremd und so weit weg zu sein scheinen.
Das Buch hat zwei Schwerpunkte: die Wiedergabe von Erfahrungen mit wohnungslosen Menschen und meine Lebensgeschichte als Beitrag zu der Frage, wie sich ein Christ eben dort sinnvoll verstehen kann. Weil dieses Buch eng verknüpft ist mit dem, was ich erlebt und wie ich es verarbeitet und gedeutet habe, sollte es am biografischen Faden aufgezogen werden. Das hat den Vorteil, dass Inhalte an einer Person exemplarisch lebendig und nachvollziehbar werden. Es hat aber auch einen Nachteil: Der Inhalt steht in gewisser Konkurrenz zum Autor. Sein Leben wird bestaunt, sein Buch gelobt – und dabei treten die wirklichen Akteure, die wohnungslosen Menschen, in den Hintergrund. Das entspricht der Erfahrung vieler in der Wohnungslosenhilfe Tätigen. Man gibt ihnen lieber einen Orden, als auf sie zu hören, wenn sie von Gerechtigkeit sprechen. Es gibt ein geflügeltes Wort des brasilianischen Erzbischofs Dom Helder Camara: »Wenn ich den Armen Brot bringe, nennt man mich einen Heiligen. Doch wenn ich frage, warum sie nichts zu essen haben, werde ich als Kommunist beschimpft.«
Aus diesem Grund finden sich im Hauptteil des Buches nur einzelne biografische Hinweise. Da sich meine Einschätzungen und Gedanken aber immer aus persönlicher Erfahrung speisen und manches vielleicht nur verständlich wird, wenn man etwas über meinen Werdegang weiß, schließt sich am Ende dieses Buches noch ein autobiografischer Teil an. Ich bitte den Leser jedoch, sich bei der Lektüre stets daran zu erinnern, um welche Menschen es eigentlich geht.
Ein gewöhnlicher Arbeitstag
Um einen ersten Eindruck zu bekommen, lassen Sie sich hineinnehmen in einen gewöhnlichen Arbeitstag, vom Privatleben zur Arbeit und zurück zum Privatleben. Das mag Ihnen als Vorgeschmack auf das Kommende dienen.
Die selbst gebastelten Vorhänge an den schrägen Fenstern halten im Sommer das Licht nur wenig zurück, das frühmorgens in meine kleine Dachwohnung dringt. Bevor der Wecker um 6.20 Uhr klingelt, liege ich schon wach. Wie von selbst, fast ungewollt, beginne ich in Gedanken den Psalm 95 zu sprechen: »Kommt, lasst uns jubeln dem Herrn ...« In zehn Minuten habe ich mich frisch gemacht und sitze in meinem zweiten Raum, der mir als Gebetsraum dient, auf dem Kissen vor der Christusikone und dem Antiphonale, dem Stundenbuch für die Gebetszeiten. Das Morgengebet wird mit leisem Gesang fortgesetzt: »... und zujauchzen dem Fels unseres Heiles.«
Es ist das alte Stundengebet, das vor allem durch die alttestamentlichen Psalmen bestimmt ist. Ein Lied (Hymnus) steht am Anfang der Gebetszeit, es folgen drei Psalmen beziehungsweise psalmenähnliche Lieder aus der Bibel, in der Mitte steht eine Lesung aus dem Alten oder Neuen Testament. Morgens lese ich hier den Evangeliumstext vom Tage. Fürbitten, das Vaterunser und ein Schlussgebet runden das Gebet ab.
Diese Art des Gebetes hatte ich 1980 mit 18 Jahren intensiv kennenlernen dürfen, als ich auf Initiative meines Freundes Stephan mit diesem zusammen eine Woche »Kloster auf Zeit« in Münsterschwarzach miterleben durfte. Abt Bonifaz begrüßte uns und sagte, als ich an der Reihe war: »Ach, ist der noch jung!« Morgens gab es Gartenarbeit, nachmittags Vorträge von Pater Anselm Grün über Gebet und benediktinisches Leben. Wir durften im Chorgestühl mitten unter den Mönchen sitzen und mitsingen. Ein echtes Urlaubsabenteuer! Der gregorianische Gesang zusammen mit so vielen Männerstimmen war eine Wucht. Recht schnell verstanden wir, die Melodien mitzusingen. Aber schon am zweiten Tag wurde es irgendwie langweilig. Ich verstand damals noch nicht, wozu die Brüder diese Eintönigkeit jahrelang aushalten wollten.
Meine Tage beginnen also mit den gesungenen Laudes. Gegen 7 Uhr Müsli und Caro-Kaffee, Nachrichten aus dem Kofferradio, Vesperbrot bereiten, Zähne putzen, Rucksack packen und aufs Fahrrad. Aus dem dörflichen Stadtteil am Rande Frankfurts geht es in die Innenstadt, vorbei an Schrebergärten, an einer Schule. Ein Schüler ruft mir zu: »Hey, altes Fahrrad, ist das zu haben?« – »Nee, ich liebe mein Rad!« Vorbei an einem Park, an dessen Rand die Übernachtungsstätte der Stadt für wohnungslose Menschen liegt. Ein erstes Hallo, wenn mich jemand erkennt. Vorbei am Zoo, dessen Duft – genauer gesagt der seiner Bewohner – über die Mauern bis zur Straße reicht. Der Verkehr wird immer dichter – Rushhour.
8.30 Uhr. Die ersten Mitarbeiterinnen der Straßenambulanz richten die Räume her. Rollläden hochziehen, fünf Behandlungsräume öffnen und herrichten, Computer hochfahren. Um 9 Uhr werden die Patienten hereingelassen und gebeten, sich anzumelden. Es sind etwa zu je einem Drittel Dauerpatienten, Bekannte und Neupatienten.
1993 wurde die seitdem ständig wachsende Elisabeth-Straßenambulanz für Menschen in Wohnungsnot vom Caritasverband Frankfurt am Main gegründet. Ehrenamtliche und angestellte Fachkräfte, Ärztinnen, Psychiaterinnen und Psychiater, Zahnärzte, Krankenpflegekräfte und Zahnarzthelferinnen bieten unter der Woche von 9 bis 13 Uhr ihre medizinischen Dienste in der Elisabeth-Straßenambulanz an.
9.30 Uhr. Der Ambulanzbus, eine Sonderanfertigung mit Behandlungsliege, wird startklar gemacht. Mit ihm hinauszufahren ist heute mein Job, zusammen mit einer Krankenpflegeschülerin, die während ihrer Ausbildung ein paar Wochen bei uns im Einsatz ist. Wir fahren in die Tagesstätten für wohnungslose Menschen, nehmen Kontakt auf und behandeln als Pflegekräfte kranke Menschen, so gut wir es können. Oft sind es Wundbehandlungen oder Blutdruckkontrolle. Häufig beraten wir die Patienten auch, vermitteln sie zu unseren Ärztinnen oder fahren sie gleich in die Ambulanz.
Gegen 12.30 Uhr kehren wir in die Ambulanzräume zurück. Jede Behandlung unserer Tour muss nun dokumentiert werden. Sind dann gegen 13.30 Uhr die letzten Patienten verabschiedet und die letzten Handgriffe gemacht, setzen wir uns zur Übergabe zusammen. Dabei werden die wichtigsten Ereignisse und Behandlungen des Tages im Team besprochen. Dann heißt es für mich schon Abschied nehmen, denn ich bin nur zu 50 Prozent angestellt. Wieder besteige ich das Rad, fahre vorbei am Zoo, am Park mit der Übernachtungsstätte, an den dörflichen Stadtrand. Rad in den Keller, die Treppen hoch in die Dachwohnung. Lüften, Post, E-Mails, Essen, Siesta. Ja, seit dem einjährigen Aufenthalt in Spanien habe ich mir die tägliche Siesta angewöhnt. Die dreiviertel Stunde ist fast schon unverzichtbar geworden.
Am Nachmittag geht es an die vielen kleinen Arbeiten, die zu Hause gerade dran sind: Wäsche waschen, einkaufen, Kleidung oder Fahrrad flicken, PC-Arbeiten, das Abendessen kochen und so weiter.
Eine einfache Lebensweise braucht viel Zeit für die täglichen Dinge. Ich kaufe um die Ecke im kleinen Laden oft mehrmals in der Woche ein. Ein Auto besitze ich nicht. Meine Kleidung besteht aus dem, was ich so von Bekannten bekomme. Eher selten muss ich etwas zukaufen. Arbeitskolleginnen und Freunde wissen schon, dass ich auf Kleidung oder gar Mode keinen besonderen Wert lege. Manches wird getragen, bis es sich nicht mehr flicken lässt und ganz abgetragen ist, – oder bis man mir sagt: »Peter, jetzt zieh das endlich aus und wirf es weg!« Auch die Schmerzgrenze meiner Mitmenschen zählt.
Eine Spülmaschine oder eine Waschmaschine sucht man bei mir vergebens. Mein Geschirr wird nur kurz unter kaltem Wasser abgespült und einmal wöchentlich richtig gewaschen. Es verderben keine Essensreste und es schimmelt nichts. Meine Kleider weiche ich heiß ein und wasche sie in kleinen Portionen mit der Hand aus. Mein Vermieter sagt mir, er habe noch nie eine so niedrige Wasserrechnung gesehen. Einmal wöchentlich werden die Treppe und die Räume nass geputzt, dazwischen immer mal wieder schnell durchgefegt. Täglich wasche ich mich mit kaltem Wasser, geduscht wird einmal die Woche – im Sommer auch öfter. Das reicht.
Der Abend beginnt um 18 Uhr mit dem Gebet der Vesper. Ich bemühe mich, jeden Abend zusätzlich eine Zeit für die geistliche Lektüre zu reservieren. Ich nutze sie als Übergang zum stillen Sitzen, dem Zazen – so heißt die Meditation nach zen-buddhistischer Art, die bei mir zur Kontemplation im christlichen Sinne wird. Durchschnittlich nehme ich an zwei Sesshin im Jahr und an einem weiteren Wochenende teil. Das sind jeweils mehrere Tage der Zen-Kontemplation bei »Leben aus der Mitte«, wo die klassische Zen-Meditation mit der täglichen Heiligen Messe kombiniert angeboten wird.2
Bei mir ist jeder Tag wesentlich durch das Gebet geprägt. Das ist für mich unerlässlich geworden. Da bin ich wie ein Fisch, der immer wieder in sein Element, das Wasser, zurückkehren muss, um überleben zu können.
Gewöhnlich gehe ich zweimal wöchentlich in die Heilige Messe: in die Vorabendmesse am Samstagabend und in die Sonntagsmesse in der Kirchengemeinde vor Ort. Donnerstags leite ich die anderthalbstündige Meditation im christlichen Meditationszentrum in der Nachbargemeinde. Montags kommen Regina und Ricarda zum Abendgebet in meinen Gebetsraum. Seit einigen Jahren bilden wir eine solche Gebetsgemeinschaft, die von der Regelmäßigkeit lebt und mehr ist als nur gemeinsames Beten. Wir teilen unsere Sorgen und unterstützen uns gegenseitig im Leben, wo es nötig ist und guttut.
Samstag- oder Mittwochvormittag ist Zeit für meinen Garten. Er ist 20 Minuten Fußweg entfernt und hat eine Größe von 200 Quadratmetern. Das ist nicht viel. Doch dieser Garten ist mein Paradies, in dem ich werkle und in den Jahreszeiten alles gedeihen und fruchten sehe.
Wenn ich Urlaub habe, besuche ich Verwandte oder Freunde. Außerdem reserviere ich mir einige Tage, in denen ich in einem der Wälder Deutschlands mit Rucksack und Wanderstock alleine wandern gehe.
Es gibt viele Dinge, die mich prägen. Zugespitzt haben sich aber zwei Dinge: Gott suchen in der Stille und die Begegnung mit den Armen. Wie es dazu kam, ist im Rückblick auch für mich immer noch eine spannende Geschichte.
Armut und Arme
Verzeihen Sie mir die Verallgemeinerung, aber bei dem Wort »Arme« denke ich gleich an Wohnungslose, und das ist vielleicht typisch. Wohnungslose sind sichtbar auf den Straßen der Städte. Die vielen Kranken und alten Menschen sind fast unsichtbar. Doch welche Armut gibt es in der Einsamkeit der Wohnungen! Es war für mich erschreckend, während meiner Ausbildung zum Krankenpfleger im ambulanten Pflegedienst ganz ärmliche und vermüllte Wohnungen sehen zu müssen, in denen Menschen eher vegetierten als dass sie würdig lebten. So sehr ich hier nur über Wohnungslose schreibe, weil diese nun einmal mein Arbeitsumfeld geworden sind, so sehr möchte ich darauf hinweisen, dass es in unserem Land sehr viel versteckte Armut gibt. Einsamkeit kann schlimmer sein als Obdachlosigkeit. Diese Einschränkung bitte ich nicht zu vergessen.
Armen begegnen
Armut wird oft als soziales Problem thematisiert. Es wird viel analysiert und darüber nachgedacht, wie man Armen Menschen aus ihrer Situation heraushelfen und sie in die Gesellschaft integrieren kann. Offensichtlich wird Armut als Skandal empfunden. Das ist gut so.
Theologen bemühen sich, den Armen einen zentralen Platz im Reich Gottes zuzusprechen. Auch ganz praktisch werden in den Kirchen bis hinunter in die Pfarrgemeinden vor Ort mit viel Engagement soziale Projekte initiiert und Geld gesammelt. Die Spendenbereitschaft kann sich sehen lassen. Auch das ist gut.
Aber all das geschieht meist neben den Betroffenen her, nicht mit ihnen. Dieses Getrenntsein hat seine Gründe, und es ist gut, sich bewusst zu machen, was da abläuft (oder besser: was da nicht abläuft), um dann bei sich selber zu sehen, was man in der Beziehung zu den Menschen ändern möchte, die gar nicht so weit weg von uns und doch so ganz anders leben als wir.
Es gab einen Wendepunkt in meinem Leben, der mich dazu brachte, ganz bewusst einen Schritt zum realen Kontakt mit Armen zu gehen. Es war die Erkenntnis: »Ich gehöre dorthin!« Das Gehen in die Szene war auch bei mir mit Ängsten verbunden. Heute halte ich das für ganz natürlich. Doch früher war diese Angst immer mit schlechtem Gewissen gekoppelt. Ich hatte Angst, selbst arm zu werden; fürchtete, dass man meine ganze Hand nehmen würde, wo ich nur meinen kleinen Finger hinstrecken wollte. Doch das geschah nicht. Ich hatte Angst, so viel Ungerechtigkeit erleben zu müssen, dass ich mich radikalisieren und meinen Glauben verlieren müsste, der mir doch so wertvoll war. Aber auch das geschah nicht.
Nein, es bewahrheitete sich, was die Weisheit Jesu im Evangelium lehrt: »Als Reicher komme ich nur schwer in das Himmelreich.« Und: »Selig die Armen, denn sie werden das Himmelreich besitzen.« Es ist tatsächlich so: Die Armen führen mich tiefer in den Glauben und zum Leben – nicht fort davon. Die Angst vor der Berührung mit den Armen hingegen, die Angst vor dem Abfärben ihrer Armut auf mich, ist wie das Feigenblatt Adams, das die Scham bedecken soll. Mit dieser Verlustangst beginnt der Mensch, das Paradies zu verlieren. Unser Herr Jesus aber zeigt uns den Weg, das Paradies wieder zu gewinnen. Könnten wir das doch als Ermutigungsweg sehen und uns frei fühlen, Schritte in Richtung dieser Freiheit zu gehen! Es ist weniger die innere bedrückende Stimme, die sagt »Ich müsste eigentlich und trau mich nicht«, sondern vielmehr der werbende, der verlockende Ruf Gottes.
Wohnungslosigkeit
Penner, Obdachlose, Wohnungslose, Nichtsesshafte – das sind die am häufigsten verwendeten Begriffe. Manche nennen sich selbst mit etwas Stolz »Berber«, wie die Ureinwohner Marokkos, oder »Durchreisender«. Die korrekte Bezeichnung ist »wohnungslos«. »Penner« ist ein Schimpfwort. Der Begriff »nichtsesshaft« wurde im Dritten Reich verwendet und wird heute weitgehend vermieden. Man spricht auch von »Menschen in Wohnungsnot«, wenn die Betreffenden ohne Obdach sind, in Übernachtungsstätten schlafen oder in unsicheren Wohnverhältnissen leben. Offiziell ist jeder wohnungslos, der keinen eigenen Mietvertrag besitzt.
2014 waren ca. 335.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung – seit 2012 ist dies ein Anstieg um ca. 18 Prozent. Die Zahl der Menschen, die »Platte machen«, die also ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, stieg seit 2012 um 50 Prozent auf ca. 39.000 im Jahr 2014 (ca. 26.000 in 2012).3
Es sind meist Männer, die ihre Wohnung verlieren und nicht selten alkoholkrank werden. Viele von ihnen leiden auch an offensichtlichen psychischen Krankheiten, sodass sie mit dem bürgerlich strukturierten Leben nicht zurechtkommen. In den letzten Jahren – besonders seit der Wirtschaftskrise – trifft man unter den Wohnungslosen aber auch immer mehr Menschen aus europäischen Ländern an, die nach Deutschland kamen, um Arbeit zu finden, und stattdessen auf der Straße gelandet sind. Allen Wohnungslosen aber ist gemein: Sie sind bettelarm und überwiegend nicht krankenversichert.
Auch wenn man von der Armut anderer Menschen heutzutage täglich in den Nachrichten hört, bleibt es doch eine virtuelle Welt und erscheint den meisten irgendwie unwirklich. Mein eigenes Leben etwa bewegte sich im Mittelmaß der Gesellschaft: in einer relativ intakten Familie, geregelt in Schule, Vereinen und Studium. So war es schon ein kleiner Schock, als ich in Frankfurt am selben Ort Banker und Drogenabhängige so offensichtlich nebeneinander sah. Meine bürgerlich geprägte Welt ist nur eine unter vielen Welten. Die Wohnungslosenszene kannte ich nur vom Hörensagen, das heißt eigentlich gar nicht.
In der Wohnungslosenhilfe wird ein Schritt in eine andere Lebenswelt vollzogen. Man wechselt während der Arbeitszeit aus dem gewohnten Umfeld in die Welt wohnungsloser Menschen. Es leben Menschen direkt auf dem Boden an Häuserecken, unter Brücken, in Parkanlagen, im Wald. Manche haben Behelfsunterkünfte wie Gartenhütten, Autos, Zelte, Bauruinen. Viele werden in Notunterkünfte vermittelt und teilen mit Kollegen vorübergehend ein Zimmer. Unzählige wohnen in unsicheren Wohnverhältnissen, unangemeldet bei Familienmitgliedern, Freunden oder Lebenspartnern, solange der Hausfriede währt. Wohnungslos zu sein, ist immer noch überwiegend ein männliches Schicksal. Man verzeihe mir darum, dass ich deshalb im Folgenden auf feminine Endungen verzichte.
Drei Erklärungen sind mir begegnet, warum Menschen auf der Straße leben. Die eine besagt, diese Menschen würden die Freiheit und das alternative Leben einer festen Wohnung vorziehen. So kenne ich tatsächlich jemanden, der in einer Gartenhütte übernachtet, sich einen Lederschurz genäht und einen Irokesenschnitt zugelegt hat. Aus seinem Mund freilich babbelt er hessisch. Manche tragen auch Cowboyhüte und »verzieren« so ihre Lebensweise.
Eine zweite Erklärung, sieht den Grund für Wohnungslosigkeit in der unbarmherzigen Leistungsgesellschaft, die keine Menschen duldet, die etwas anders sind und nicht genau die Leistung bringen, die dazu in die Lage versetzt, eine eigene Wohnung bezahlen zu können. Solange es kein Grundrecht auf Wohnen gibt, wie es zum Beispiel die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe seit Langem fordert, werden Menschen auf der Straße leben.
Die dritte Erklärung besteht darin, dass Wohnungslosigkeit immer selbst verschuldet sei und oft labile oder schiefe Charaktere ereile.
Meiner Erfahrung nach kommt das erste Motiv so gut wie nicht vor. Bei allen sich alternativ gebenden Menschen erfuhr ich eine Geschichte, die hinter der Fassade auftaucht und von unfreiwilliger Obdachlosigkeit erzählt. Die »exotische« Lebensweise ist stets eine nachträgliche Interpretation, die versucht, Ruhe ins Leben zu bringen.
Es bleiben die beiden anderen Erklärungsversuche. Die gesellschaftliche und die persönliche Interpretation geben sich in regelmäßigem Rhythmus von einigen Jahren das Zepter in die Hand. Mir scheint, die auf die individuelle Situation bezogene Interpretation von Wohnungslosigkeit ist noch stark, wird aber zurzeit wieder von der gesellschaftlichen Interpretation abgelöst. Man wird wohl immer beide Seiten sehen müssen. Es gibt Fälle, in denen ich mehr die persönlichen Unfähigkeiten sehe, in anderen scheinen mir die äußeren Umstände zu überwiegen. Doch unabhängig vom Grund für die Wohnungslosigkeit: Im Gesetz heißt es eindeutig, dass jede Armut Recht auf Hilfe hat, ob selbst verschuldet oder fremd verschuldet.4
