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Eine Zugfahrt, eine Pause im Park, ein kurzer Aufenthalt in der Bäckerei oder im Café: Scheinbar nichts Besonderes ereignet sich, doch die Gedanken gehen auf Reisen, weit hinaus über den Alltag, sind mal philosophisch, mal skurril und dabei oft auch versöhnlich-ermutigend.
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Seitenzahl: 45
Veröffentlichungsjahr: 2026
INHALT
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Kann man einen Zug hervorsehen? Nicht vorhersehen im Sinne von „wissen, dass er kommen wird“ oder „wissen, wann er kommen wird“. Wobei bereits das manchmal schon ein kleines Wunder wäre bei allen Unregelmäßigkeiten, die der Bahnbetrieb mit sich bringt. Nein, ich meine hervorsehen. So lange auf die noch leere Kurve blicken, bis der Zug gar nicht anders kann, als den Blicken folgend plötzlich dort aufzutauchen.
So blicke ich am Beginn meines Tagesausfluges und mit dem Wissen um eine Verspätung, aber ohne Wissen darüber, wie lange diese dauern wird und ob der Zug überhaupt rechtzeitig genug da sein wird, dass ich meine Fahrt unbekümmert fortsetzen kann, auf die Kurve. Über die Kurve hinaus. Dem Zug, der noch nicht da ist, entgegen. Vorhersehen kann man ihn momentan vielleicht nicht. Aber möglicherweise doch hervorsehen, wenn man nur ausgiebig genug starrt? So wie man als Kind manches Ereignis herbeigesehnt hat und schließlich in dem Glauben war, man habe es tatsächlich herbeigerufen, einfach durch das beharrliche Warten, hervorgesehen eben.
Der Zug fährt ein, heute hat es geklappt.
***
Inzwischen habe ich es mir gemütlich gemacht auf der Bahnfahrt. Ich schaue hinaus, sehe die Landschaft vorbeifahren und den Bahnhof halten.
Eine Fliege sitzt am Fenster, hält sich am steilen Glas scheinbar ganz ohne Anstrengung. Heute habe ich Zeit, sie anzusehen, nicht nur die großen Dinge zu bemerken, die lauthals rufen, dass sie da sind, sondern auch die kleine Fliege zu beachten. Mich zu fragen, warum sie Fliege heißt. Im Moment ist es eher eine Fensterhaftende, eine Bleibe.
Ja, manche Dinge und Lebewesen haben in unserer Sprache sehr sinnvolle Namen erhalten. Eine Bleibe – also die richtige und nicht die Fliege – bleibt, wo sie ist. Der Sitz ist zum Sitzen da, die Liege zum Liegen. Die Fliege fliegt, die Spinne spinnt, der Schwan… Fast hätte mir etwas geschwant.
Ein Wort, das ich sonst nie verwende. Schon seltsam, wie über die Generationen hinweg die Wörter kommen und gehen, sich verändern. Zieht man heute noch um die Häuser, wenn man abends weggeht? Wohl eher nicht. Aber in ein Haus einziehen kann man noch immer. Zum Beispiel eine Wand. Aber das wäre dann wieder etwas anderes.
Die Fliege jedenfalls sitzt noch immer am Fenster oder haftet dort oder bleibt – wie auch immer man da sagen mag. Sie sieht ganz zufrieden aus und möchte offensichtlich nicht, wie oftmals andere Exemplare ihrer Gattung, hinaus, wenn sie drinnen ist, oder herein, wenn sie draußen ist. Darin sind die Fliegen den Menschen ja manchmal erstaunlich ähnlich. Letztere sind auch ab und an gerade dort unzufrieden, wo sie sich befinden, und glauben, das durch einen einfachen Ortswechsel zu beheben.
Warum mache ich eigentlich diesen Ausflug?
***
Das Wetter hat umgeschlagen. Leute mit Schirm stehen am Bahnsteig. Oder hat das Wetter eher um sich geschlagen? Faszinierend, wie ein paar Buchstaben den Sinn verändern. Schlage ich mich mit dem Wetter herum? Oder lieber etwas vor, zum Beispiel dass man morgens einen Schirm einpackt, weil es nachmittags regnen könnte?
„Schirm“ ist auch so ein interessantes Wort. Was sich darauf reime, hat mich neulich jemand gefragt. Nicht nur ungefähr, sondern richtig. Also nicht Hirn oder Zwirn oder klirr‘n, sondern… Ja, wir haben eine Weile überlegt in unserem Hirn beziehungsweise in unseren unterschiedlichen Hirnen – und kamen schließlich auf das hübsche Wort „firm“. Noch so ein Wort, das bedauerlicherweise nur selten verwendet wird, vielleicht sogar noch seltener als das Wort „bedauerlicherweise“. Immerhin dann, wenn man einen Reim auf „Schirm“ sucht und zu dem Ergebnis kommt:
„Wär‘ ich im Alltagsleben firm,
hätt‘ ich, wenn‘s regnet, einen Schirm.“
Dieser Gedanke ist heute gar nicht notwendig, ich habe den Schirm eingepackt, aber brauche ihn gerade nicht, da ich ja im Zug sitze. Auf einem Sitz übrigens. Fragt sich bloß, ob ich den Schirm ganz umsonst mitgenommen habe und ob er einfach nur unnötiges Gewicht ist. Oder ein Stück vom unbewussten Bedürfnis, stets das Bestmögliche zu geben, es wenigstens zu versuchen. Die Versicherungsgesellschaften spielen mit dieser allzu menschlichen Eigenschaft und erzielen damit recht gute Gewinne. Wer möchte schon selbst daran schuld sein, einen großen Verlust zu machen? Wenn ein Schadensfall eintritt, möchte man nicht noch zusätzlichen Ärger damit haben, sondern eben bestmöglich abgesichert sein. Man hat sein Bestes getan, um jedwede (noch so ein seltenes Wort, das mir da einfällt, so nichts tuend im Zug sitzend) Situation zum Guten zu wenden. Falls es dennoch nicht gelingen sollte, ist man zumindest nicht selbst an der Misere schuld (ja, heute ist mal Zeit für sonst fast aussortierte Wörter).
So verhält es sich wohl auch mit dem Schirm, den ich vorsichtshalber mitgenommen habe. Wer weiß, vielleicht lässt sich so noch vermeiden, dass es nachmittags regnen wird. Logisch ist das nicht, das weiß ich wohl. Aber seien wir ehrlich: Wie viele unserer Handlungen sind ausschließlich von Logik geleitet? Und wie langweilig und kühl wäre diese Welt möglicherweise, wenn es einem nicht einmal für das My eines Augenblicks in den Sinn käme, dass man kraft seiner Gedanken, Wünsche und Anstrengungen in der Lage sein könnte, einen Zug hervorzusehen?
