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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. Die Ärztin Mascha Govoni war eine der begehrtesten Single-Frauen unter den Ärztinnen des Landkreises. So mancher Kollege hätte sich gern als Mann an ihrer Seite gesehen, der ihr die Kraft für ihren anstrengenden, anspruchsvollen Beruf gab. »Leider habe ich noch keinen Mann gefunden, der meine Leidenschaft für meine Arbeit versteht«, hatte Mascha ihr Leid schon oft ihrer Freundin Felicitas Norden geklagt. »Obwohl ich jedes Mal von Anfang an betone, wie wichtig mir der Rückhalt ist und auch anfangs bei den Herren der Schöpfung auf Verständnis stoße, fühle ich mich im Laufe der Zeit immer in die klassische Frauenrolle gedrängt. Oder aber die Männer ertragen es doch nicht, eine erfolgreiche, starke Frau an ihrer Seite zu haben.« »Von deinen Problemen kann Jenny Behnisch ein Lied singen«, hatte Fee stets erwidert. »Bis sie Roman kennenlernte, dachte sie, sie würde nach Dieters Tod allein bleiben.« »Du glaubst also, ich soll die Hoffnung nicht aufgeben?«, lautete Maschas immer gleiche Antwort, und die Gespräche endeten meist in belustigtem Gelächter und bunten Spekulationen. Als sich Daniel und Felicitas Norden jedoch an diesem lauen Sommerabend in einem der schönsten Biergärten Münchens zum mehr oder weniger regelmäßig stattfindenden Stammtisch ihres Freundeskreises einfanden, wurde Fee rasch klar, dass solche Gespräche der Vergangenheit angehörten. »Fee, wie schön!«, rief Mascha erfreut und eilte, ein Glas Aperol Spritz in der einen Hand, auf das befreundete Ehepaar zu. »Ich hatte schon Angst, dass ihr es nicht schafft.« Seit Jenny Behnisch an dem lebensbedrohlichen Marburg-Virus erkrankt war, arbeitete Dr. Norden teilweise als medizinischer Leiter in der Behnisch-Klinik, in der Mascha als Herzspezialistin in der Pädiatrie beschäftigt war. Durch haarsträubende Skandale war die Klinik gefährlich ins Schlingern geraten. Doch Mascha gehörte zu den Ärzten, die der tapferen Chefin die Treue hielten und nicht, wie viele andere Kollegen, kündigten. »Bis kurz vor unserem Aufbruch sah es auch ganz danach aus.«
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Die Ärztin Mascha Govoni war eine der begehrtesten Single-Frauen unter den Ärztinnen des Landkreises. So mancher Kollege hätte sich gern als Mann an ihrer Seite gesehen, der ihr die Kraft für ihren anstrengenden, anspruchsvollen Beruf gab.
»Leider habe ich noch keinen Mann gefunden, der meine Leidenschaft für meine Arbeit versteht«, hatte Mascha ihr Leid schon oft ihrer Freundin Felicitas Norden geklagt. »Obwohl ich jedes Mal von Anfang an betone, wie wichtig mir der Rückhalt ist und auch anfangs bei den Herren der Schöpfung auf Verständnis stoße, fühle ich mich im Laufe der Zeit immer in die klassische Frauenrolle gedrängt. Oder aber die Männer ertragen es doch nicht, eine erfolgreiche, starke Frau an ihrer Seite zu haben.«
»Von deinen Problemen kann Jenny Behnisch ein Lied singen«, hatte Fee stets erwidert. »Bis sie Roman kennenlernte, dachte sie, sie würde nach Dieters Tod allein bleiben.«
»Du glaubst also, ich soll die Hoffnung nicht aufgeben?«, lautete Maschas immer gleiche Antwort, und die Gespräche endeten meist in belustigtem Gelächter und bunten Spekulationen.
Als sich Daniel und Felicitas Norden jedoch an diesem lauen Sommerabend in einem der schönsten Biergärten Münchens zum mehr oder weniger regelmäßig stattfindenden Stammtisch ihres Freundeskreises einfanden, wurde Fee rasch klar, dass solche Gespräche der Vergangenheit angehörten.
»Fee, wie schön!«, rief Mascha erfreut und eilte, ein Glas Aperol Spritz in der einen Hand, auf das befreundete Ehepaar zu. »Ich hatte schon Angst, dass ihr es nicht schafft.«
Seit Jenny Behnisch an dem lebensbedrohlichen Marburg-Virus erkrankt war, arbeitete Dr. Norden teilweise als medizinischer Leiter in der Behnisch-Klinik, in der Mascha als Herzspezialistin in der Pädiatrie beschäftigt war. Durch haarsträubende Skandale war die Klinik gefährlich ins Schlingern geraten. Doch Mascha gehörte zu den Ärzten, die der tapferen Chefin die Treue hielten und nicht, wie viele andere Kollegen, kündigten.
»Bis kurz vor unserem Aufbruch sah es auch ganz danach aus.« Lächelnd küsste Fee die Freundin links und rechts auf die Wange. »Dési und ihr Zwillingsbruder haben sich beim Tischtennisspielen in die Wolle gekriegt. Anneka wurde von einer Wespe in die Lippe gestochen und Felix hat sich bei dem Versuch, eine Zwiebel für den Stich aufzuschneiden, so fest in den Finger geschnitten, dass Daniel den Schnitt noch klammern musste«, berichtete sie von den chaotischen Minuten vor ihrem Aufbruch.
»Und ihr könnt schon wieder lachen?«, staunte Mascha, nachdem sie auch Dr. Norden begrüßt hatte.
»Wir sind eben sturmerprobt«, erklärte Daniel amüsiert und legte stolz einen Arm um die Schulter seiner geliebten Frau.
»Beneidenswert.« Für gewöhnlich huschte in solchen Momenten ein Schatten über Mascha Govonis attraktives, sommersprossiges Gesicht, das von einer wilden kinnlangen Lockenmähne eingerahmt wurde. Doch nicht an diesem herrlichen Abend, an dem die Blüten der Lindenbäume im Garten einen betörenden Duft verströmten. Insgeheim stellte Fee überrascht fest, dass Maschas fröhliches Lachen unverändert war und die Sommersprossen vergnügt um ihre strahlenden Augen tanzten.
»Kommt, gesellen wir uns zu den anderen«, forderte sie das Ehepaar auf, und gemeinsam gingen sie durch den knirschenden Kies hinüber in die Laube, in der sich Freunde und Kollegen an langen Biertischen angeregt unterhielten. Nach einem großen Hallo in die Runde setzten sich Daniel und Fee und bekamen von ihren Tischnachbarn zwei Speisekarten in die Hände gedrückt.
»Ihr müsst schnell bestellen, damit ihr uns nicht beim Essen zuschauen müsst«, lachte Saskia Holtz, eine befreundete Hebamme, die schon seit Langem mit Dr. Norden zusammen arbeitete.
Das ließen sich weder Daniel noch Fee zwei Mal sagen. Der Tag war wie der frühe Abend hektisch gewesen, so dass keiner von beiden richtig zum Essen gekommen war.
»Matjesfilet in Rote-Bete-Schmand mit jungen Kartoffeln an buntem Sommersalat«, las Fee laut vor. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen.
»Ich glaub, mir steht der Sinn heute nach etwas Handfestem«, bemerkte Daniel sinnend und entschied sich für den Krustenbraten mit Semmelknödeln und Krautsalat.
Als das frisch gezapfte alkoholfreie Bier für Fee und das Radler für Daniel serviert wurden, hoben alle Freunde die Gläser und stießen miteinander an.
Ehe es sich das Ehepaar versah, wurde es in lebhafte Gespräche verwickelt. Sie lachten mit den Freunden und tauschten Neuigkeiten aus, bis das Essen kam.
In einer Gesprächspause stupste Daniel seine Frau an.
»Sag mal, kennst du den Mann an Maschas Seite?«, raunte er Fee zu und schickte den Blick zu dem ganz offensichtlich turtelnden Pärchen.
Fee sah unauffällig hinüber und schüttelte den Kopf.
»Ich hab ihn nie gesehen. Aber er ist sehr attraktiv. Die beiden würden ein schönes Paar abgeben.«
»Sie scheinen sehr vertraut miteinander zu sein«, stellte Dr. Norden fest.
In der Tat war Maschas Begleiter sehr besorgt um die schöne Ärztin. Er legte ihr fürsorglich die Jacke um die Schultern, schob ihre Serviette zurecht und ließ sie kaum aus den Augen.
Für gewöhnlich war Mascha von so einem Benehmen nicht eben angetan und fühlte sich schnell eingeschränkt und bemuttert. Doch bei diesem Mann schien es anders zu sein. Sie lachte ihn an und wirkte so glücklich, wie Fee sie lange nicht gesehen hatte.
»Sie wird sich doch wohl nicht verliebt haben?«, fragte sie ihren Mann.
»Das glaube ich nicht.« Daniels Antwort kam spontan. »Mascha ist überzeugter Single. Das hat sie mir gegenüber immer wieder betont.«
In diesem Moment wurde das Essen serviert.
»Hmm, das sieht aber lecker aus«, kommentierte Daniel das Gericht seiner Frau, als die Bedienung einen appetitlich angerichteten Teller vor Fee abstellte. »Vielleicht hätte ich doch den Fisch nehmen sollen.«
»Deins sieht aber auch gut aus.« Felicitas schickte einen begehrlichen Blick hinüber, und zufrieden beugten sich alle über ihre Gerichte. Fast sofort verstummten die Gespräche und nur das Klappern von Besteck und hin und wieder ein beifälliger Kommentar waren zu hören.
»Gefräßiges Schweigen nennt man das wohl«, kommentierte Mario Cornelius, nachdem der größte Hunger gestillt war. Er hob sein Glas, um seiner Schwester – zumindest betrachtete er Fee als solche, seit er vor vielen Jahren von ihrem Vater und seiner zweiten Frau Anne adoptiert worden war – frech grinsend zuzuprosten.
Alles lachte, und diese Gelegenheit nutzte Mascha, um sich zu erheben. Die verstohlenen Blicke und das Raunen und Tuscheln am Tisch waren ihr nicht entgangen.
»Liebe Freunde«, begann sie, und ihre Wangen färbten sich ganz gegen ihre Art zartrosa. »Um den offensichtlichen Spekulationen über meinen Begleiter und mich ein Ende zu machen …«
»… und unsere Neugier zu stillen«, warf Mario übermütig ein.
Mascha lachte ihm augenzwinkernd zu.
»… möchte ich euch heute Abend Valentin Kiefer vorstellen.« Ihr glücklicher Blick streifte den dunkelhaarigen, sympathischen Mann neben sich, der ebenso strahlte wie sie. »Viele von euch halten mich für eine überzeugte Einzelkämpferin, die ich auch lange Jahre war. Bis ich vor einigen Monaten Valentin kennengelernt habe.«
Valentin Kiefer erhob sich. Beiläufig nahm er Maschas Hand und lächelte selbstbewusst in die Runde der Freunde, in der er sich ganz offensichtlich sehr wohl und herzlich aufgenommen fühlte.
»Umso mehr wird es euch überraschen, dass ich mein Herz an ihn verloren und seinen Heiratsantrag angenommen habe«, beendete Mascha ihre kleine Ansprache mit inzwischen rot glühenden Wangen.
Tosender Applaus war die Antwort. Hurra-Rufe wurden laut, und auf ein Zeichen von Valentin eilte eine Bedienung mit einem Tablett herbei. Der Champagner wurde herumgereicht und die Gläser auf das Wohl des glücklichen Paares gehoben.
Die Professorin und der Augenarzt verließen ihre Plätze. Jeder wollte mit ihnen anstoßen und ein paar Worte an das glückliche Paar richten.
Auch die Nordens freuten sich über Maschas überraschende Entscheidung. Sie warteten geduldig, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte. Erst dann traten auch sie an Mascha und Valentin heran.
»Das hier ist meine liebe Freundin«, stellte die Kinderärztin Fee strahlend ihrem Liebsten vor. »Nur ihr und ihrem guten Beispiel hast du es zu verdanken, dass ich deinen Antrag angenommen habe«, sagte sie augenzwinkernd zu Valentin.
»Es ist mir eine große Freude«, begrüßte er sie mit warmer tiefer Stimme.
Es genügten wenige Worte, und schon wussten Daniel und Fee, dass Mascha eine gute Wahl getroffen hatte. Valentin war ein warmherziger, gar nicht überheblicher sondern sehr menschlicher, verständnisvoller und sympathischer Mann, mit dem sie noch viel Spaß haben würden, wie die Fältchen um seine Augen verrieten.
»Natürlich verstehe ich das«, versicherte Fee zum wiederholten Male in den Telefonhörer.
Es war noch früh am Tag, der Morgen graute eben erst. Nach Maschas kleiner Rede am Abend zuvor hatten sie noch bis tief in die Nacht gefeiert, und Felicitas fühlte sich alles andere als ausgeschlafen. Obwohl sie keinen Alkohol getrunken hatte, kostete es sie alle Mühe, sich auf das Telefonat zu konzentrieren. »Trotzdem sollten Sie lieber einen Notarzt rufen. Mein Mann wird vermutlich dieselbe Entscheidung treffen …« Der aufgeregte Wortschwall der besorgten Mutter unterbrach Fee erneut, bis sie sich schließlich seufzend geschlagen gab. »Bitte warten Sie kurz.« Sie legte den Hörer neben das Telefon und eilte die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.
Wie erschlagen lag Daniel im Bett und schlief tief und fest. Es fiel Fee schwer, ihn zu wecken. Aber sie hatte keine Wahl.
»Dan«, sanft rüttelte sie ihn an der Schulter. »Liebling, wach auf. Eine Frau Jacob ist am Telefon. Ihr Baby atmet seltsam und sie meint, es wäre schon ganz blau angelaufen. Sie bittet dich, zu ihr zu kommen.«
Gedämpft waren die Worte seiner Frau in Daniels Bewusstsein vorgedrungen. Stöhnend drehte er sich um und blinzelte verschlafen in das erste graue Tageslicht.
»Warum ruft sie keinen Notarzt?«, fragte er mit schleppender Stimme und rieb sich die Augen.
»Das hab ich ihr auch geraten«, erwiderte Fee aufgeregt. Inzwischen war ihre Müdigkeit verflogen. »Aber offenbar hat sie schlechte Erfahrungen gemacht und möchte lieber, dass du dich um das Baby kümmerst. Mal abgesehen davon, dass sie nur zehn Autominuten von hier entfernt wohnt.«
»Und wie kommt sie ausgerechnet auf mich?« Seufzend schlug Daniel die Decke zurück und schwang die Beine über den Bettrand.
»Das Kind kam zu Hause zur Welt. Saskia hat die Geburt betreut.«
Diese Tatsache gab den Ausschlag.
»Sag Frau Jacob, dass ich mich in fünf Minuten auf den Weg mache.« Endlich war auch Daniel hellwach und machte sich kurz darauf auf den Weg zu der besorgten Mutter. Ein etwa vierzehnjähriges Mädchen öffnete die Wohnungstür.
»Guten Morgen«, grüßte Daniel freundlich.
»Sie wollen sicher zu meiner Mutter«, erwiderte das Mädchen grußlos und trat zur Seite, um ihn einzulassen. »Sie ist im Kinderzimmer bei Nele.« Sie wies Daniel mit der Hand den Weg und verschwand selbst in der Küche. Doch der Arzt hatte keine Zeit, sich über das seltsame Benehmen des Mädchens zu wundern.
»Tabea, ist das der Arzt?«, ertönte gleich darauf eine vor Sorge schrille Frauenstimme, der Daniel folgte.
Er drückte die Tür am Ende des Flurs auf und spähte hinein.
»Frau Jacob?«
Die Gestalt, die über das Kinderbettchen gebeugt stand, fuhr herum.
»Herr Dr. Norden, da sind Sie ja!«, seufzte sie über die Maßen erleichtert und wirkte einen Moment so, als wollte sie ohnmächtig in seine Arme sinken. Doch das Röcheln des Babys hielt sie davon ab.
»Da ist Nele.« Chrissi Jacob deutete auf das Kind im Bett.
Daniel trat einen Schritt näher. Schwer atmend und bleich lag das Baby da, die Haut von einem fein glänzenden Schweißfilm überzogen. Seine Lippen schimmerten bläulich.
»Bitte heben Sie das Kind heraus und ziehen es aus.« Trotz seines Schrecks bemühte sich Dr. Norden um eine feste Stimme. Er stellte die Arzttasche ab und ließ die Schlösser aufschnappen.
Schon beim ersten Blick auf das Baby, das nur in Windeln vor ihm lag, vermutete der Arzt ein Problem mit dem Herzen. Während er das offensichtlich gequälte kleine Mädchen untersuchte, sprach er beruhigend auf sie ein.
»Was ist mit Nele?«, fragte Chrissi Jacob ängstlich, als Daniel seine Untersuchung beendet hatte.
»Das weiß ich nicht genau«, hielt er sich bedeckt. Um die junge Mutter nicht vorschnell in Angst und Schrecken zu versetzen, behielt er seinen besorgniserregenden Verdacht für sich. »Sicher ist, dass Nele so schnell wie möglich in die Klinik muss. Haben Sie Mutterpass und Untersuchungsheft? Ich rufe inzwischen einen Krankenwagen.« Er holte sein Mobiltelefon aus der Tasche und wählte die Nummer der Behnisch-Klinik. Dies war ein Fall für die Kinderherzchirurgin Mascha Govoni.
»Welcher Arzt hat Sie während der Schwangerschaft betreut, Frau Jacob?«, fragte er, als Chrissi mit den Unterlagen ins Kinderzimmer zurückkehrte.
Er blätterte durch die beiden Hefte und suchte vergeblich nach Ultraschallbildern des Ungeborenen. Auch das gelbe Untersuchungsheft war bis auf die Eintragungen der Hebamme unmittelbar nach der Geburt leer.
»Ich habe schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht und war zur Vorsorge in einer Hebammenpraxis«, gestand Chrissi mit gesenktem Kopf. »Aber das war in Osnabrück. Wir sind erst vor drei Wochen hierhergezogen.«
»Soll das heißen, dass Sie keine der empfohlenen Untersuchungen mitgemacht haben?«, fragte Daniel ungläubig.
Chrissi schüttelte den Kopf. Ein trotziger Zug erschien um ihren Mund.
»Kinder zu bekommen ist schließlich eine völlig natürliche Angelegenheit«, erklärte sie forsch. »Dieses ganze Theater, das von den Ärzten veranstaltet wird, ist doch nur Geldschneiderei. Früher ist es auch ohne diesen Hokuspokus gegangen.« So energisch, wie Frau Jacob an dieses Thema heranging, war sie es offenbar gewohnt, darüber zu diskutieren und sich und ihre Einstellung zu verteidigen.
Auch Daniel übte unterschwellige Kritik. Auf keinen Fall konnte der das konsequente Verhalten der Mutter gut heißen.
»Meiner Ansicht nach ist es wichtig, einen guten Mittelweg zu finden«, hielt er sich jedoch zurück. Er wollte keinen Streit vom Zaun brechen. Dazu war die Situation zu ernst. »Ihre Tochter wurde hier in der Wohnung geboren?«
Chrissi Jacob hielt ihr Baby auf dem Arm und wiegte es sanft hin und her. Fast so, als ob sie beweisen wollte, trotzdem eine gute Mutter zu sein.
»Ja, vor dem Kamin.« Ihre Augen bekamen einen verklärten Glanz. »Wir haben ein Feuer angezündet und entspannende Meditationsmusik angemacht. Es war eine wunderschöne Geburt.«
Mit einem weniger schönen Ende!, ging es Dr. Norden durch den Kopf. Er konnte nur hoffen, dass nicht allzu viel wertvolle Zeit verlorengegangen war, um der kleine Nele zu helfen.
