Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der Kirchenhistoriker Dieter Leutert fasst in diesem Buch eine Anzahl seiner Texte aus über 40 Jahren publizistischer Tätigkeit zusammen. Es sind überraschende Interpretationen, die er in vier Hauptkapiteln vorlegt: I. Geschichte(n) – II. Figuren – III. Religionen – IV. Perspektiven. Der Autor spannt den Bogen vom Untergang Nordafrikas und Vorderasiens als christlichem Kulturraum über die Reformation und Menschen wie Martin Luther, Kaspar von Schwenckfeld, Ignatius von Loyola, John Wesley und Rousseau – bis Karl Marx und Friedrich Engels und in die Gegenwart. Er wendet sich den großen Weltreligionen zu und entwirrt Geschehnisse, die er auf verblüffend klare Strukturen reduziert. In seinen Texten zu Deutschland und Europa geht es um Deutschlandentwürfe nach 1945, um ‚Morbus Stasi‘, um die Frage ‚Brauchen Staaten eine Leitkultur?‘, um die imperiale Logik und die Bibel, um Überlegungen zur christlichen Sozialismussicht, um Rosa Luxemburg und Che Guevara – und um die Perversion des Opfers im Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. ‚Von hinten gesehen‘ ist nicht der Rückblick auf längst Vergangenes, sondern zeigt sich aktuell und zukunftsweisend. Intellektuell und sprachlich beeindruckend – und doch eher schlicht und bescheiden in Form gefasst. Ein Plädoyer für den Perspektivwechsel.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Herausgegeben von der Theologischen Hochschule Friedensau
Dieter Leutert lehrte fast vierzig Jahre Kirchengeschichte in Friedensau – eine beeindruckend lange Zeit! In diesen Jahren vermittelte er seinen Studentinnen und Studenten nicht nur historisches Wissen und publizierte seine Gedanken in Büchern und Artikeln, sondern er gestaltete selbst Kirchengeschichte. Eigenständigkeit, Unabhängigkeit im Denken, intellektuelle Durchdringung von Geschichte und Theologie, kurz Dieter Leutert gehörte zu den markanten Persönlichkeiten von Friedensau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. So prägte er zwei Generationen adventistischer Pastoren in der DDR und ab 1990 im geeinten Deutschland.
Kirchengeschichte bei Dieter Leutert zu hören, bedeutete immer ein Erlebnis weit über die Historie der christlichen Kirchen hinaus; und das erst recht in einer Zeit, in der die Geschichte auf einen verengten und schöngeredeten Ansatz kommunistischer Gesellschaftsgeschichte reduziert wurde. Dabei blieb er niemals nur ein distanzierter Betrachter, der die Geschichte im Sinn eines Konservators bewahrend vermittelte, sondern der sich mit seinen Aussagen und Thesen keiner eigenen Bewertung enthielt und seine Studenten damit zum kreativen Denken herausforderte.
Theologie, Geschichte, Philosophie, Kunst, Kultur: Wer bei Dieter Leutert in den Vorlesungen saß, dem öffnete sich ein weiter Horizont in einem ansonsten durch viele Grenzen gekennzeichneten Staat. In der Abgeschiedenheit von Friedensau erhielt die große Welt ein klares Profil. Noch heute denke ich mit Staunen darüber nach, wie wir unter anderem die Grundlagen und Schwachstellen des Marxismus studierten und uns mit dem Atheismus nicht nur kommunistischer Prägung genauso auseinandersetzten wie mit den Ergebnissen des Zweiten Vatikanischen Konzils oder den Kirchenvätern.
In seine Vorlesungen streute er viele Literaturhinweise ein, die wir als Studenten begierig notierten, um dann in den Semesterferien nach Leipzig in die Deutsche Bücherei (heute Deutsche Nationalbibliothek) zu pilgern und dort die ansonsten nicht erhältlichen Titel westlicher Verlage einzusehen. Dieter Leutert kannte den Buchmarkt und die neuesten Veröffentlichungen. Sein Wissen und die Fähigkeit, Wesentliches vom Unwesentlichen zu unterscheiden und auf den Punkt zu kommen, prägten alle, die ihn kennenlernen durften.
Wer so gebildet und weitsichtig wie er die Welt reflektierte, der benötigte keine Feindbilder, um seinen Überzeugungen treu zu bleiben. Im Gegensatz zur staatlichen Ideologie bewahrte sich Dieter Leutert die Freiheit, im Anderen, auch dem Andersgläubigen, den Mitbruder zu sehen. Eine solche Grundeinstellung prägte sein Verhältnis zu den anderen Kirchen.
Dieter Leutert vermittelte in Friedensau nicht allein Kirchengeschichte. Seine überragenden Fähigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache und seine Rhetorik prädestinierten ihn geradezu, auch dieses Wissen weiterzugeben. Davon zeugen in gleicher Weise die in diesem Band vorgestellten Beiträge. Die so brillante wie leichte Sprache seiner Artikel lässt jeden einzelnen Text zu einem Lesegenuss werden. Vor den Augen seiner ehemaligen Studenten steht er dann gleichsam wieder am Lehrertisch und vermittelt mit einem verschmitzten Lächeln und der Bemerkung „unter uns Pastorentöchtern“ Einsichten und Wissen, ohne für sich das alleinige Deutungsmonopol zu beanspruchen.
Im Gegensatz zu manchem seiner Zunftkollegen versteht es Dieter Leutert, schweren Stoff leicht zu vermitteln, um damit jedermann zu erreichen. Es ging ihm um Bildung, um tiefe christliche Bildung, die Persönlichkeiten mit einem großen Horizont reifen lässt. Diesem Ziel fühlt sich die Theologische Hochschule Friedensau von den Anfängen 1899 bis heute zutiefst verpflichtet. Deshalb ist es eine große Freude, mit der Veröffentlichung dieses Bandes die Texte von Dieter Leutert einem weiten Publikum zugänglich zu machen.
Friedensau, im Juli 2016 Johannes Hartlapp
Geschichte(n)
Als der Vorhang fiel. Der Untergang Nordafrikas und Vorderasiens als christlicher Kulturraum
Der Reformation hinter die Kulissen geschaut
Martin Luther. Denken in Spannungen
War Müntzer moderner als Luther?
Kaspar von Schwenckfeld. Erzketzer oder Heiliger?
Der Rätselhafte. Ignatius von Loyola, Stifter der Gesellschaft Jesu (SJ)
Speyer 1529. Die Geburt des protestantischen Prinzips
Großer Mann mit großen Fehlern. John Wesley
Für die Freiheit des Gewissens. Das Edikt von Potsdam 1685
Zwei Gesichter der Französischen Revolution
„Nur noch eine kleine Zeit.“ Naherwartung der Wiederkunft Jesu im deutschen Sprachraum 1550 bis 1850
Figuren
Johannes Kepler. Naturwissenschaft und Glaube
Mit dem Kopf ein Heide, mit dem Herzen Christ. Gotthold Ephraim Lessing
Er bezauberte Europa. Jean-Jacques Rousseau
Im Schatten Mephistos
Aus religiöser Gebundenheit zum Atheismus. Karl Marx und Friedrich Engels
Religionen
Buddhas ‚edle Wahrheiten‘
Hinduismus. Der Kreislauf der Wiedergeburten
Das Vernünftige und das Einfache. Wie der Islam sich selbst sieht
Haben wir schon mal gelebt? Was die Wissenschaft dazu sagt
„Die Sache müssen wir behalten.“ Das Ärgernis Dreieinigkeit
Kunst und Religion
Perspektiven
Die Geschichte spricht das letzte Wort. Deutschlandentwürfe nach 1945: Jakob Kaiser, Kurt Schumacher, Konrad Adenauer
Morbus Stasi
Rückkehr der Religion? Die Gegenwartsphilosophie vor neuen Dimensionen
Brauchen Staaten eine Leitkultur?
Der Wahrheitsbegriff in der philosophischen Diskussion heute
„Der es jetzt noch aufhält“. Die ‚imperiale Logik‘ und die Bibel
Der kurze Blick. Überlegungen zur christlichen Sozialismussicht
Gedehnte Naherwartung. Fiasko einer Heilshoffnung
‚Reich-Gottes-Hoffnung‘ im 20. Jahrhundert. Rosa Luxemburg und Che Guevara
Ein „teuflisch schweres Amt“. Die Perversion des Opfers im Totalitarismus des 20. Jahrhunderts
Der Preis der Ehre
Anhang
Abstieg in die Krypta. Sabbat und Sonntag in der Alten Welt (2. bis 5. Jahrhundert)
Biografisches
Nachweis der Erstveröffentlichungen
Danksagung
Doch es ist schwerer, Provinzen zu halten als sie zu schaffen; mit Streitkräften werden sie errichtet, aber mit Hilfe des Rechts behauptet (Florus, 120 n. Chr.).
Die Weltgeschichte ist auch die Geschichte der großen Zusammenbrüche. Nur wenige freilich sind wirklich grundstürzender Natur: Megazusammenbrüche. Wir denken an das Ende der präkolumbianischen Kulturen Mittel- und Südamerikas und den Untergang des Oströmischen oder Byzantinischen Reiches. Die Völkerwanderung, die das Weströmische Reich verschlang, wurde von den Zeitgenossen zwar die ‚zweite Sintflut‘ genannt, doch in den Klöstern blieb die antik-christliche Kultur verwahrt, und von den Klöstern ging deren Wiederauferstehung aus.
Das Byzantinische Reich bestand 1123 Jahre und 18 Tage: vom 11. Mai 330 bis zum 29. Mai 1453. In seinen besten Zeiten umfasste es den Balkan südlich vom heutigen Belgrad, Griechenland, Teile Italiens, Nordafrika und Vorderasien, einschließlich der heutigen Türkei: wahrhaft ein Weltreich.
Der Zusammenbruch des Imperiums erfolgte in zwei Schüben. Im ersten war es der Arabersturm zwischen 634 und 732. Nordafrika und der größte Teil Vorderasiens gingen verloren. Im zweiten Schub, Jahrhunderte später, waren es die Angriffe der Türken. Das Kernland Kleinasien ging verloren und schließlich 1453 die Hauptstadt Konstantinopel. Ein Weltteil, der über Jahrhunderte der Schwerpunkt des Christentums war, und im Besonderen seine theologische Kultur, der die Heiligen Stätten barg, fiel an den Islam. Was für eine Zäsur!
Die Tragödie war unwiderruflich … eine große Kultur [war] endgültig ausgelöscht. Sie hatte ein großartiges Vermächtnis in Wissenschaft und Kunst hinterlassen; sie hatte ganze Länder aus der Barbarei herausgehoben und anderen die letzte Verfeinerung gebracht; ihre Stärke und überlegene Klugheit hatte Jahrhunderte lang für die Christenheit Schutz bedeutet. Elf Jahrhunderte lang war Konstantinopel der Mittelpunkt einer Welt des Lichts gewesen. Der wendige Scharfsinn, die geistige Lebendigkeit und das ästhetische Feingefühl des Griechen, die stolze Festigkeit und die Organisationserfahrung des Römers, die transzendentale Intensität des östlichen Christen, dies alles verschmelzen zu einem fließenden und feinnervigen Ganzen – es war nun in ewigen Schlaf versunken … Nur in den Zarenschlössern Russlands, über denen jetzt noch der Doppeladler wehte, das Wappen der Palaiologen, lebten letzte Spuren von Byzanz für wenige Jahrhunderte weiter … Aber der Doppeladler fliegt nicht länger über Russland.
So schrieb Steven Runciman (1969, 283–284). Heute fliegt der Doppeladler wieder über Russland. Doch wird Russland tatsächlich – wie vorzeiten angekündigt – das ‚dritte Rom‘ werden?
Wir beschränken uns auf den ersten Schub der Katastrophe, den Arabersturm des 7./8. Jahrhunderts, und stellen drei Fragen:
Die Geburt und der Aufstieg des Islam nehmen sich wie ein Wunder an, und es ist zu verstehen, dass die Muslime darin den Beweis für die Richtigkeit ihres Glaubens sehen. – Muhammad, gestorben am 8. Juni 632, war Religionsstifter, Gemeindeoberhaupt, Feldherr und Staatslenker in einem. Die noch im Zustand der Vorstaatlichkeit lebenden arabischen Stämme hatte er in einer Reihe teils blutiger Kriege zu einer religiös-politischen Einheit zusammengeschweißt. Die Idee der religiösen Gewaltlosigkeit war ihm fremd.1 Es ist richtig, dass Jesus in eine völlig andere politische Welt gekommen war. Das Römische Reich war ein perfekter staatlicher Organismus mit hoch entwickelter Zivilisation und einer unglaublichen religiösen und philosophischen Pluralität. Hätte Muhammad vom Christentum, das er ja kannte, die Idee der Trennung von Staat und Kirche übernehmen können (trotz der ganz anderen konstantinischen Realität)? Immerhin war schon Buddha, 500 Jahre vor Christus, ein Prediger der Gewaltlosigkeit.
Schon unter den ersten vier, noch den Gesamtislam leitenden Kalifen gab es viel Unruhe und Spannung. Der letzte, Ali, wurde ermordet. Auf ihn folgten zwar viele weitere Kalifen (bis 1922), doch eine Minderheit, die Schiiten, erkannte sie nicht mehr als legitime Stellvertreter des Propheten an. Seither geht durch den Islam ein tiefer Riss. Es ist erstaunlich, dass dem Islam trotz aller inneren Zwiste und Kriege eine sensationell erfolgreiche Expansion gelang – zunächst jedenfalls. Die innere Kraft war stärker. Worin besteht deren Geheimnis? Höchstwahrscheinlich in der dem Islam eigenen Absage an jegliche individuelle Autonomie. Der Einzelne gibt sich völlig dem Kollektiv hin (Aslan 2006, 77–78).
634 schon fielen die Araber in Palästina und Syrien ein: byzantinische, christliche Provinzen! 638 wurde Jerusalem erobert – ein Sieg von unerhörter Symbolkraft. 670 begann die Eroberung Nordafrikas. Der Feldherr Tarik setzte nach Spanien über und schlug 711 bei Xeres de la Frontera die Westgoten. Spanien fiel an den Islam, dazu Sardinien, Korsika und die Balearen. Im Osten erstreckte sich das Reich der Kalifen über den Irak, den Iran bis zum Indus und zum Kaukasus. Erst im Westen, tief im heutigen Frankreich, in der Schlacht bei Tours und Poitiers 732 warf der fränkische Majordomus Karl Martell die Araber zurück. Im Süden Italiens hielten die Byzantiner die Bastion. Mit Ausnahme Spaniens blieb Europa bewahrt (vgl. Daniel-Rops 1953, 395–441). Das Byzantinische Reich aber, nunmehr auf Kleinasien, Griechenland, einen Teil des Balkans und kleinere Teile Süditaliens beschränkt, konnte sich vorerst festigen, immerhin für etwa 800 Jahre.
Wie gestaltete sich das Leben der Christen unter islamischer Herrschaft? Wie viele waren wirklich Christen? Kaiser Theodosius der Große, der noch das Gesamtreich regierte, also Ost und West, hatte am 28. Februar 380 das katholische Christentum zur Staatskirche erhoben und das Heidentum verboten. Für die Juden gab es eine Sonderregelung. Der Wechsel vollzog sich nicht reibungslos. Der Pöbel hetzte die nichtchristliche Bevölkerung, es floss Blut. Man schätzt, dass am Vorabend der staatskirchlichen Wende mindestens ein Fünftel der Bevölkerung wirklich christlich war. Allerdings war unter allen religiösen Gemeinschaften die katholische Kirche die größte.
Während Muhammad und die ersten Kalifen in Arabien gegen Heiden, Christen und Juden mit Brachialgewalt vorgegangen waren, änderte sich für die Bevölkerung der neu eroberten Gebiete im Alltag nur wenig – vorerst jedenfalls. Die Statthalter wurden ausgewechselt. Der Unter- und Mittelbau des Staatsapparates aber blieb der alte. Die neuen Herren hätten auch gar kein geeignetes neues Personal gehabt, es sei denn, sie riskierten ein Chaos. Das jedoch wollten die Muslime keineswegs, weil sie auf die Steuereinnahmen Wert legten. So wurde denn auch der Grundbesitz nicht angetastet. Es gab Einschränkungen, zum Beispiel das Verbot, sich arabisch zu kleiden – eine Klausel, die später im Sinne diskriminierender Zeichen und Kleidervorschriften umgedeutet wurde. Es gab das Verbot öffentlich vollzogener Riten, zum Beispiel von Prozessionen – weil sie neuansässige Muslime beleidigen könnten. Alles in allem kann gesagt werden, dass der christlichen Bevölkerung das Neue nicht als schmerzhafter Bruch mit dem Bisherigen erschien. Verständlich, dass wohl nur sehr wenige die Bedeutung des Wechsels begriffen oder ahnten (Kempf et al. 1963, 153).
In den folgenden Jahrhunderten erfuhr das Christentum einen schleichenden Niedergang. Der Druck von oben nahm allmählich zu. Muslim zu sein brachte Vorteile. Wer bleibt da fest? In den Kirchen kam es zu Misstrauen und Spaltungen. Als schließlich im 20. Jahrhundert die Auswanderung möglich wurde – wer will es den vielen Familien verargen, die nun um der Zukunft ihrer Kinder willen nach Europa oder Amerika gingen?
Das eigentliche Problem ist doch – wie schon angedeutet – das Standhalten des Christentums in 300 Jahren härtester Verfolgung im heidnischen Römischen Reich – bis zum Sieg. Dagegen aber der Verlust eines ganzen Weltteils, nur 300 Jahre später. Wir stehen vor einem erstaunlichen historischen Phänomen, dessen Lösung auch eine aktuelle Bedeutung haben könnte.
Die Araber wurden von der einheimischen Bevölkerung teils als Befreier begrüßt, teils passiv, ohne Widerstand aufgenommen. Die byzantinische Armee, zwar hochgerüstet, schwer bewaffnet und militärisch erfahren, erwies sich jetzt als schwerfällig und wenig motiviert. Es waren Söldner, die ihren Job verrichteten. Die Araber hingegen fochten einen ‚Heiligen Krieg‘ (Khoury 2005, 317–323). Die byzantinischen Söldner spürten auch die Ablehnung der Bevölkerung. Das wirkte demoralisierend. Zudem operierten die Araber geografisch günstiger. Ihre Zentren waren nahe, während die Byzantiner an der Peripherie des Riesenreiches standen. Ein weiterer ungünstiger Faktor war, dass sich Byzanz und das zoroastrische Persien in jahrhundertelangen Kriegen gegenseitig erschöpft hatten. Es mutet wie eine Ironie der Geschichte an, dass nur etwa zehn Jahre nach dem endgültigen Sieg der Byzantiner (627 Schlacht bei Ninive) die Muslime Persien überfluteten und ihre Eroberungszüge tief ins Byzantinische Reich hinein begannen (Döpmann 1990, 27– 29).
Das entscheidende Verhängnis für Byzanz war: Es hatte die Bevölkerung der weit entfernten Regionen nicht gewinnen können. Natürlich spielten ethnisch-kulturelle Unterschiede eine Rolle. Die Menschen ächzten unter der Steuerlast. Sie begannen sich fremd zu fühlen im Reich. Es war modern gesprochen – überdehnt. Solch mürrische Unzufriedenheit sucht nach einem verbindenden Symbol. Das fand man in der Religion. Das verwundert uns Heutige, die wir die kollektiven Symbole im Sport suchen, in der Politik oder vielleicht der Kunst. Damals aber war Religion alles. Die Verbindung des Politisch-Ethnischen mit der Religion zog das Christentum in die Katastrophe.
Vergegenwärtigen wir uns die religiöse Situation im byzantinischen Reich. Herr über Staat und Kirche war der Kaiser (Cäsaropapismus). Zwar gab es im Reich vier Patriarchate – Konstantinopel, Antiochien, Alexandrien und Jerusalem –, als das maßgebende, das Ökumenische, galt das von Konstantinopel. Doch über ihnen stand der Kaiser. Im Westen, wo das Römische Reich schon 476 zugrunde gegangen war und die Völkerwanderung ein Chaos hinterlassen hatte, war der Papst Oberhaupt der Kirche und bis zur Renovatio Imperii Romani durch Karl den Großen 800 die Autorität schlechthin.
Theologisch war die Geschichte des Christentums vom 2. bis 5. Jahrhundert erfüllt von leidenschaftlichen Diskussionen. Die Verfasser des Neuen Testaments hatten zwar die grundlegende Glaubensurkunde hinterlassen. Doch nun musste für den Taufunterricht wie das Gespräch mit der Welt der biblische Glaube in auch Nichtchristen verständliche Worte übertragen und in Kurzformeln gefasst werden. Bereits um 200 hatte man sich auf die Kernstruktur des Apostolischen Glaubensbekenntnisses geeinigt. Später kamen noch präzisierende Erweiterungen hinzu: das (trinitarische) Nicaenum 325 und schließlich das (christologische) Chalkedonense 451 (vgl. Möller 1996, 95–105). Praktisch alle abendländischen und von ihnen ausgegangene Kirchen stehen heute auf dem Fundament dieser weitgehend ohne staatlichen Zwang (!) zustande gekommenen Bekenntnisse.
Im Osten jedoch, im Byzantinischen Reich, entbrannte nach 451 der Streit mit furchtbarer Schärfe. Bis ins 7. Jahrhundert tobte ein verhängnisvoller Kirchenkampf, gewalttätig, mit Straßenschlachten, Mord und Totschlag. Auf der einen Seite stand die Zentrale, die Amtskirche, auf der anderen standen die entfernten Provinzen: Nordafrika, Palästina, Syrien und der Irak. Ihr Schlachtruf und identitätsstiftendes Symbol war „eine Natur“ (Winkelmann 1980).
Das Konzil von Chalkedon hatte definiert: In Christus sind die beiden Naturen, Gott und Mensch, zu einer Person vereint, unvermischt und untrennbar. Die Orientalen befürchteten, dass damit die Göttlichkeit Christi geschmälert, ja Gott verunehrt werde. Sie nannten ihren Standpunkt Monophysitismus. Noch heute sind die meisten orientalischen Kirchen nicht-chalkedonisch – die Kopten, Armenier, Georgier usw. Längst ist der Streit vergessen. Damals aber war er schlechterdings die Katastrophe. Die Vermischung politisch-ethnischer Konflikte mit dem Religiösen gibt solchen Auseinandersetzungen erst die letzte Schärfe. In Glaubensdingen geht es immer ums Ganze, ja ums Ewige. Es ist zu fragen, ob ohne diese Schärfe die Gegnerschaft zur Zentrale so erbittert und damit so folgenreich geworden wäre. Vor allem aber haben jene schrecklichen 300 Jahre das orientalische Christentum innerlich ausgehöhlt, bis hin zur Selbstzerstörung. Wo Christen in solcher Weise aufeinander losgehen, verraten sie das Letzteigentliche ihres Glaubens.
Als die Invasion der Araber über den Orient hereinbrach, war das Christentum verbraucht. Man stand dem Islam völlig unvorbereitet, ja hilflos gegenüber. Viele beschwichtigten sich mit dem Hinweis, dass es ja schon immer neue Propheten und Offenbarungen gegeben habe. Im Übrigen werde es schon nicht so schlimm kommen und so weiter.
Wagen wir zum Schluss die Frage: Was ist die Botschaft? Wir könnten auch fragen: Was ist der Nervus Rerum?
Die Antwort kann nur lauten: Der Verbindung von Staat und Kirche, von Zwang und Gewalt mit dem Glauben ist ein entschiedenes Nein entgegenzusetzen. Die weltanschauliche Position eines Menschen, gleichviel welche es sein mag, ist sein Intimstes. Auch wer sich dem Zwang beugt, behält doch ein Trauma, das Gefühl der Demütigung. Die theologischen Auseinandersetzungen hatten dem frühen Christentum nicht geschadet, weil sie im Wesentlichen ohne staatlichen Druck stattfanden. Nach 313, dem Mailänder Toleranzedikt des Kaisers Konstantin, begann sich das zu ändern, doch da waren die Grundentscheidungen schon gefallen. Die Auseinandersetzungen hatten das Christentum nicht geschwächt, sondern gestärkt.
Man bringt heute gern das Argument, die alte Staats- und Volkskirche, in der unsere Großeltern aufgewachsen sind, habe doch zumindest eine heilsame Werteordnung gebracht. Heute bedauern wir deren Zusammenbruch. Aber schauen wir nach Amerika! Dort hat es nie eine Staatskirche gegeben. Die Kirchen sind seit jeher staatsunabhängig, frei. Doch sie haben dem amerikanischen Volk eine ungleich stärkere, bis heute bleibende christliche Substanz zu schenken vermocht. Wahrscheinlich muss jede Religion oder Weltanschauung, die sich auf staatlichen Zwang einlässt, früher oder später dafür einen hohen Preis zahlen. Die Entchristlichung unserer Bevölkerung ist wesentlich eine Konsequenz des alten Staatskirchentums, verkürzt und konkret: des Dreißigjährigen Krieges. Es kann Jahrhunderte dauern, bis der Preis eingefordert wird. Der Marxismus bezahlt ihn heute. Und der Islam? Er ist 600 Jahre jünger als das Christentum. Erst heute wird er mit dem Individualismus konfrontiert. Bleibt der Islam resistent? Die Antwort hängt davon ab, ob der Mensch von Natur her, wesensmäßig mit dem Verlangen nach individueller Freiheit, nach Selbstbestimmung ausgestattet ist. Unsere individuellen Erfahrungen Wie die der Geschichte sprechen ein deutliches Ja. Auch für die Bibel ist der Mensch ein selbstverantwortliches Wesen. Wem das nicht genügt, der sei auf die Natur verwiesen: auf des Menschen im Vergleich zur Tierwelt stark begrenzte Instinktausstattung. Er muss situativ, von Fall zu Fall selber, frei entscheiden.
Der Mensch als biologisches Mängelwesen ermangelt der naturhaften Determination, so dass die nicht mehr biologisch interpretierbare „Selbstbestimmung selbst als biologische Notwendigkeit verstanden“ werden kann (Ritter und Gründer 1972, 1097).
Wir dürfen also mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass keine Religion oder Weltanschauung dem Freiheitsdrang des Menschen auf Dauer standhalten kann. Auch dem Islam wird diese Erfahrung nicht erspart bleiben. Dies ist die Botschaft, die der Untergang des christlichen Orients uns über eineinhalb Jahrtausende hinweg hinterlässt.
Literatur
Aslan, Reza: Kein Gott außer Gott: Der Glaube der Muslime von Muhammad bis zur Gegenwart. München: Beck 2006.
Daniel-Rops, Henry: Die Kirchen im Frühmittelalter. München: Nymphenburger Verlagshandlung 1953.
Döpmarin, Hans-Dieter: Die Ostkirchen vom Bilderstreit bis zur Kirchenspaltung von 1054. Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen I/8. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 1990.
Kempf, Friedrich, Hans Georg Beck, Eugen Ewig und Josef Andreas Jungmann (Hrsg.): Die mittelalterliche Kirche. Erster Halbband: Vom kirchlichen Frühmittelalter zur gregorianischen Reform. Handbuch der Kirchengeschichte 3. Freiburg: Herder 1963, 153.
Khoury, Adel Theodor. Der Koran. Erschlossen und kommentiert. Düsseldorf: Patmos 2005.
Möller, Bernd: Geschichte des Christentums in Grundzügen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1996.
Paret, Rudi. Der Koran. Kommentar und Konkordanz. Stuttgart: Kohlhammer 1980.
Ritter, Joachim, und Karlfried Gründer (Hrsg): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2. Basel und Stuttgart: Schwabe 1972.
Runciman, Steven: Byzanz: von der Gründung bis zum Fall Konstantinopel. München: Kindler 1976.
Winkelmann, Friedrich: Die östlichen Kirchen in der Epoche der christologischen Auseinandersetzungen (5.–7. Jahrhundert). Kirchengeschichte in Einzeldarstellungen I/6. Berlin: Evangelische Verlagsanstalt 1980.
1 Sure 2,257 („Es sei kein Zwang im Glauben“) kommentiert Rudi Paret (1980, 54 f.): „Der Passus soll demnach nicht besagen, dass man niemand zum Glauben zwingen darf (wie nach der üblichen Deutung), sondern dass man niemand zwingen kann; mit anderen Worten: er predigt nicht Toleranz, sondern weist darauf hin, dass der Bekehrungseifer des Propheten infolge der menschlichen Verstocktheit weitgehend zur Erfolglosigkeit verurteilt ist.“
Was wäre, wenn…? Der Historiker lächelt – ironisch oder mild verzeihend – über solches Fragen von Laien. Denn eine Antwort ist nicht möglich: Das ‚Wenn‘ ist eben nicht eingetreten. Und doch fragen wir immer wieder: Was wäre, wenn Hitler nicht gelebt oder wenn er den Krieg gewonnen hätte? Was wäre, wenn Luther nicht gelebt – oder wenn er anstelle von ‚Westsachsen‘ (wo ihn Friedrich der Weise schützte) im erzkatholischen Ostsachsen seine Arbeit getan hätte? Wenn damals ein klügerer oder verständnisvollerer Katholik Papst gewesen wäre als der Genussmensch Leo X.?
Ist die Geschichte Produkt von Zufällen oder wirkt ein Regisseur hinter den Kulissen? Sind wir nur ‚Geschobene‘? Solches Fragen zielt aufs Letzte: aufs Verständnis unseres Lebens, auf Macht oder Ohnmacht des Menschen. Die Reformation nun ist einer der seltenen Punkte der Weltgeschichte, wo wir einen kurzen Blick hinter die Kulissen werfen können.
Für seine Zeitgenossen war Luther der Prophet Gottes, in die Welt gestellt, um ein von Gott gewolltes Werk zu verrichten. Heutige haben den Begriff ‚Prophet‘ ausgetauscht mit ‚Genie‘. Das Ergebnis ist das gleiche: Luther hat die Reformation ‚gemacht‘ (ob mit oder ohne Gott im Hintergrund). Doch so einfach liegen die Dinge nicht. Einmal wissen wir, dass Luther gar keine Reformation wollte; er war alles andere als ein Systemveränderer. Zum anderen hat die Geschichtswissenschaft den Boden der Zeit um 1500 tief durchgepflügt und einige ‚Wurzeln‘ entdeckt, die uns wieder zu fragen zwingen: Was wäre, wenn es sie nicht gegeben hätte?
Am Vorabend der Reformation sind sieben nebeneinander herlaufende geschichtliche Entwicklungen zur Reife gekommen.
Jede der sieben Entwicklungslinien hat zwar ihre eigenen Wurzeln, doch bestehen Querverbindungen und Wechselwirkungen. Sie ergeben ein geschichtliches Geflecht, dessen Kennzeichen die Unruhe, das Drängen nach Veränderung ist. Auch das Mittel für eine rasche Ausbreitung neuer Gedanken stand schon bereit: die von Gutenberg kurz vorher entwickelte Buchdruckerkunst. Die Zeit wartete auf den, der dasjenige leistete, was geleistet werden musste.
Geschichtliche Größe hat, wer klar ausspricht, was viele dumpf ersehnen, ja, wer die befreiende Antwort nicht vom Schreibtisch her gibt, sondern aus persönlicher Erfahrung. Luthers Turmerlebnis von 1518 war zunächst etwas ganz Individuelles, seine große Stunde. Als er mit der neugewonnenen Erkenntnis an die Öffentlichkeit trat, weitete sich das individuelle Erlebnis zum gesellschaftlichen. Seine Antwort wurde die der Mitmenschen, seine Stunde die der Zeit. Dass im notwendigen Augenblick der Mann geschenkt wird, ist Fügung.
Was wäre die Reformation ohne Luther? Doch was wäre Luther ohne den bereiteten Boden? Denken wir an das Schicksal von Jan Hus hundert Jahre zuvor. – Gewiss, Luther enttäuschte viele seiner Anhänger: Adlige, Humanisten, viele Bauern wandten sich bald von ihm ab. Sie hatten ihn in Anspruch nehmen wollen für ihre je eigenen Ziele und Hoffnungen. Am weitesten ging die Übereinstimmung mit Fürsten und Bürgern. Die Repräsentanten des kommenden modernen Staates und der Städte waren die eigentlichen Förderer der Reformation. Dass sich die aus der Bindung an die Obrigkeit entstandenen evangelischen Landeskirchen weit vom urchristlichen Bild der freien Gemeinde entfernten, sah schon Luther. Hier lag einer der Ansatzpunkte für die Fortführung der Reformation.
Kursachsen und Wittenberg waren für Luther von schicksalhafter Bedeutung. Das geographisch-politische Zentrum der Reformation unterschied sich von allen anderen Landschaften im alten Heiligen Römischen Reich: Hier war Kolonialboden. Das Land östlich der Elbe ist erst im 12. Jahrhundert erobert und eingedeutscht worden. Darum war Sachsen ein junges, traditionsarmes Land. Wittenberg befinde sich „an der Grenze der Zivilisation“, so urteilte Luther noch 1532. Nürnberger, die nach Wittenberg kamen, waren erschrocken. Die Universität war erst wenige Jahre alt. Zugleich aber hatte sich im Sächsischen auf der Grundlage des Silber- und Kupferbergbaus ein unternehmungslustiger, technisch und organisatorisch fähiger Menschenschlag herausgebildet, unbelastet von Traditionen, offen für alles Neue (freilich auch ungehobelt, wie Luther oft und bekümmert feststellen musste).
Luther also Produkt geschichtlicher Umstände, ein ‚Geschobener‘? Nein: Er hätte sich ja an den Knotenpunkten seines Lebens auch anders entscheiden können; sein Kurfürst musste ihn nicht beschützen. Dessen herzoglicher Vetter Georg der Bärtige, Landesherr im anderen, östlichen Sachsen, war erbitterter Feind der Reformation. Luthers zentrale biblische Neuentdeckung zumal, die Glaubensgerechtigkeit, kam aus Erlebnistiefen, in die der Verstandesblick nicht hinabreicht. Allgemein gilt, dass es im Menschen ein letztes, nicht weiter analysierbares Etwas gibt.
Die Geschichte Luthers und der Reformation lehrt, dass Gott allein Herr der Geschichte ist. „Er ändert Zeit und Stunde, er setzt Könige ab und setzt Könige ein…“ (Daniel 2,21), er „füllt die Zeit“ (Galater 4,4). Gott lenkt die Geschichte allein nach seinem Willen: zur Verwirklichung seines Erlösungsplanes. Dabei muss – zähneknirschend – auch der Böse ihm dienen.
Das Herr-Sein Gottes hebt aber die Freiheit und Verantwortung des Menschen nicht auf. Wir sind nicht Geschobene, sondern Gerufene. Das Ineinander von göttlicher Allmacht und menschlicher Freiheit übersteigt unseren Verstand. Dass Gott die Geschichte fügt und dass hinter dieser Fügung seine Liebe steht, ist uns tiefer Trost, gibt uns inneren Frieden. Zugleich aber sind wir gefragt: Welche Entscheidung wird heute von uns gefordert?
„Unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter, und es ist auch das Einzige, was der Menge eigentlich imponiert. Alles Übrige ist ein verworrener Quark…“ Diesen wenig respektvollen Kommentar gab Goethe zur 300-Jahr-Feier der Reformation 1817. Ein Lutherjubiläum heute hat nur dann Sinn, wenn uns gerade der „verworrene Quark“, nämlich Luthers Theologie, etwas zu sagen hat. Freilich sind bei Luther Person und Sache eng miteinander verflochten. Sein Ausspruch „Erfahrung allein macht den Theologen“ steht wie ein deutendes Motto über seinem Werk (Lutherzitate stehen im Folgenden ohne nochmalige Nennung seines Namens).
Wir werden Luthers Sache, das, worum es ihm im Letzten ging, nur erfassen, wenn wir die ihm eigentümliche Art zu denken erfasst haben. Luthers Denken ist der Zugang zu Luthers Sache. Wir fragen nach dem Wie, dem Woher und dem Was (dem entscheidenden Inhalt) seines Denkens.
Luther denkt Gegensätze zusammen
Luther denkt in Gegensätzen, doch nicht so, dass er willkürlich von einer gegensätzlichen Meinung zur anderen springt. Er verbindet, um biblische Grundwahrheiten auszudrücken, gegensätzliche, logisch sich ausschließende Aussagen miteinander; er denkt Gegensätze zusammen. Darum könnten wir Luthers Theologie „dialektisch“ nennen (Dialektik als Einheit von Gegensätzen). Luther folgt damit der Bibel, die auch in dialektischer Spannung denkt. „Fürwahr, du bist ein verborgener Gott, du Gott Israels, der Heiland“ (Jesaja 45,15). Der verborgene, uns oft tief rätselhafte Gott ist zugleich der sich uns enthüllende, der Heiland. Verborgen und offenbar zugleich – das sprengt unsere Logik.
Einige berühmte „Formeln“ Luthers zeigen sein Denken in Spannungen. Der Christ ist „Gerechter und Sünder zugleich“. Oder: Er ist Bürger des „Reiches der Welt“ und des „Reiches Christi“. Mein Heil hat seinen Grund allein in Gottes Gnadenwahl (ich kann es nicht einmal gewollt haben), und doch liegt es allein an mir, wenn ich‘s verfehle. Die Kirche ist unsichtbar und hat doch äußere, sichtbare Merkmale. Keinesfalls dürfen diese Spannungen durch ein „teils, teils“ aufgehoben werden, etwa „zum Teil liegt‘s an Gottes Willen, zum Teil an meinem“. Die Gegensätze müssen voll erhalten bleiben. Wer Luthers Art zu denken nicht ernsthaft nach-zudenken versucht, wird ihn immer missverstehen. „Die Mathematik ist der Theologie am allerfeindlichsten.“
Luthers Denken kann solch ungeheure Spannung haben, dass wir uns scheuen, ihn noch zu zitieren: „Gott kann nicht Gott sein, er muß zuvor ein Teufel werden, und wir können nicht gen Himmel kommen, wir müssen vorher in die Hölle fahren…“ Uns wird klar, dass das traditionell-bürgerliche Lutherbild, etwa das des behäbigen, gemütvoll musizierenden Familienvaters, zumindest einseitig ist.
Luthers Art zu denken wurzelt in seiner eigenen, persönlichen Erfahrung. Er sieht sich und den Menschen immer vor Gott: unter Gottes richtendem und begnadigendem Urteil. Kaum ein anderer christlicher Denker hat die Sünde, vorab die eigene, so tief, so erschreckend erfahren. „Wenn der Mensch die Größe der Sünde fühlte, würde er keinen Augenblick länger leben…“ War Luther überspannt, krank? Nein, aber er besaß nicht die „Gabe“ der Selbsttäuschung, er konnte sich nicht mit einer Durchschnittsehrbarkeit beruhigen. Seine Verzweiflung kam aus der Erkenntnis der Unerbittlichkeit des Gotteswillens und der Strenge und Wahrhaftigkeit, mit der er sein eigenes Wesen und Wollen beurteilte. Die Verzweiflung trieb ihn zur Anklage, ja zum Hass gegen Gott, der vom Menschen zu viel fordert.
Luthers theologischer Ausgangspunkt ist das eigene Versagen
Nebenher wird hier deutlich: Luthers
Ausgangspunkt war nicht das Aufgebrachtsein über die Mißstände in der Kirche, sondern er war ganz in Anspruch genommen von dem Mißstand, dem Versagen seiner selbst. Er war nicht darauf aus, als Reformator und Weltverbesserer aufzutreten, sondern verlangte heiß nur nach dem einen: dem rettenden, rechtfertigenden Wort und somit danach, für sich selbst zu empfangen, an sich selbst zu erfahren, was andere zu lehren seines Amtes war (Gerhard Ebeling).
So erschütternd für Luther die Erfahrung von Gottes Zorn war, noch erschütternder war ihm die Erfahrung seiner Liebe: die Entdeckung der „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben“ (im Turmerlebnis um 1518). Nun konnte er bezeugen: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“ Wir dürfen aber beide Grunderfahrungen Luthers, die seines Elends und die der Freude, nicht nur als bloßes Nacheinander verstehen, als Kennzeichnungen seiner inneren Lage vor und nach 1585. Er blieb in der Spannung von Gericht und Gnade. Doch der Unterschied zu den Jahren vor dem Turmerlebnis war, dass er nun das befreiende Wort, das Evangelium gefunden hatte und immer wieder von sich selber weg auf Christus schauen konnte. In der Erfahrung des Menschseins vor Gott hat Luthers theologisches Denken seinen Grund.
Kehren wir noch einmal zu jenem „Gerechter und Sünder zugleich“ zurück, das vielen anstößig ist, aber die entscheidende biblische Neuentdeckung Luthers darstellt. Das Gesetz – wir folgen Luther – ist uns „Richter und Henker“, es deckt unsere Schuld und unsere Ohnmacht auf, verurteilt uns zum Tode und stürzt uns in Verzweiflung. Damit jedoch bereitet es uns zum Heil vor: Christus ist „ins Gesetz eingehüllt“. Wer das Opfer Christi annimmt, dem wird nicht nur täglich, stündlich neu alle Schuld vergeben, er empfängt auch den Heiligen Geist: Christus kommt in mein Leben und Wesen und tut in mir und durch mich das Gesetz (es „fängt an, fröhlich zu werden“).
An dem Punkt nun vollzieht Luther die kopernikanische Wendung. Von Gnade weiß auch der katholische Glaube: durch die Sakramente eingegossen, wird sie des Menschen Kraft oder Tüchtigkeit zu guten, verdienstlichen Werken. Doch während nach katholischem Verständnis die Gnade nur „etwas“ am Menschen ändert, ihn nur zu vervollkommnen braucht, geht Luther von einer schonungslosen Sicht des Menschen nach dem Fall aus: Er ist vor Gott „in Sünden tot“ (Epheser 2,1). Keine eigene Vorbereitung aufs Heil, kein Mittun ist möglich. „Wenn der Mensch das tut, was in seinen Kräften liegt, so sündigt er.“ Sind wir passive, willenlose Marionetten? Luther würde „dialektisch“ antworten: Dass ein Mensch glaubt, ist allein Gottes Werk, Gnade, doch der Unglaube ist allein des Menschen Schuld, liegt allein in seiner Verantwortung.
Gottes Gnade gestaltet nicht „etwas“ um, sondern verändert die Situation des Menschen vor Gott total: Ich bin freigesprochen, erhalte die „Gerechtigkeit, die vor Gott gilt“ als Geschenk, „allein durch den Glauben“ und das nicht nur für mein Leben vor der Taufe, sondern fürs Ganze. Der Glaube ist kein Beitrag, kein Werk des Menschen, sondern nur „leeres Gefäß“. Im Grunde kann ich um ihn nur bitten.
Der Mensch bleibt Gerechter und Sünder
Während nach katholischer Lehre Rechtfertigung und Heiligung eins sind, unterscheidet Luther beides scharf. Rechtfertigung ist Gerechtsprechung, Schuldvergebung; Heiligung dagegen der lebenslange Prozess der Umgestaltung des Glaubenden. Beides ist Christi Werk, hat gleichen Ursprung, jedoch nicht gleiches Gewicht. Die Rechtfertigung (die „erste Gerechtigkeit“) bleibt immer Grundlage und vorgeordnet der Heiligung – und gibt mir Heilsgewissheit. Christus wirkt zwar im Glaubenden die „zweite Gerechtigkeit“, doch der Kampf zwischen dem alten und dem neuen Menschen bleibt. „Der Christ ist in zwei Äonen (Weltzeiten) geteilt.“ Die beiden scheinbar sich widersprechenden Kapitel 7 und 8 des Römerbriefes beschreiben kein zeitliches Nacheinander von Elend und Sieg, sondern den einen Christen in seiner inneren Spannung, seiner immer von neuem notwendigen Umkehr. „Wenn wir also immer in der Buße sind, sind wir immer Sünder und dennoch, eben darum, auch immer Gerechte und im Gerechtfertigtwerden.“ Wir brauchen nicht zu resignieren, „Fortschreiten ist nichts anderes als ständig anfangen“. Im Blick auf mich selber bin ich Sünder, im Blick auf Christus und sein verheißendes Wort Gerechter – beides nicht zum Teil, sondern ganz. Je lebendiger der Glaube, umso schärfer das Bewusstsein der eigenen Sünde.
Herr, ich empfange deine Güte, Wohltat und Gnade als ein Sünder und verzweifelter Mensch. Solltest du nach Recht und Verdienst mit mir handeln, ich wäre so, wie ich nun einmal bin, des ewigen Zorns und der Verdammnis wert. Aber ich schaue nicht auf meine Sünde, auch nicht auf das, was ich verdient habe, sondern auf dein Wort. Denn du hast gesagt, daß niemand durch seine Leistung dir etwas abringen kann. Nur aus deiner väterlichen Güte empfange ich Vergebung meiner Sünde und so viele Wohltaten. Laß mich zuversichtlich in deiner Gnade stehen und bleiben.
Wer heute von Magdeburg nach Erfurt fährt und wem Geschichte mehr als toter Wissenskram ist, den überkommt der starke Eindruck: Thomas-Müntzer-Landschaft. Stolberg und Quedlinburg, Halberstadt, Aschersleben, Sangerhausen und Nordhausen, Halle, Weimar, Mühlhausen, Frankenhausen schließlich ziehen vorüber oder liegen nur knapp seitab: Städte Thomas Müntzers, des großen revolutionären Gegenspielers Martin Luthers. Höhepunkt und Schlussakt der Tragödie des Bauernkrieges 1524/25 und seines Propheten erfüllten sich im Gebiet zwischen Harz und Thüringer Wald. Zu den heute heiß umstrittenen Fragen gehört die „Theologie der Revolution“. Christlicher Glaube und Gewaltanwendung: ja oder nein? Die geschichtliche Besinnung kann hier ein Stück weiterhelfen.
Derhalben mußt du gemeiner Mann selber gelehrt werden, auf daß du nicht länger verführt werdest.
Sie machen es ja also, daß der arme Mann nicht lesen lerne vor Bekümmernis der Nahrung, und sie predigen unverschämt, der arme Mann soll sich von den Tyrannen lassen schinden und schaben. Wann will er denn lernen die Schrift lesen?
Eine ganze Gemeinde soll Gewalt des Schwertes haben. Das Volk wird frei werden, und Gott will allein der Herr darüber sein.
Wer war der Mann, der solche Worte sprach? Ein Phantast? Ein Werkzeug des Satans? Ein Beauftragter Gottes? Vergegenwärtigen wir uns zunächst einige Fakten. Thomas Müntzer, einige Jahre jünger als Luther, wurde wahrscheinlich in Stolberg am Harz als Sohn eines nicht unvermögenden Seilermeisters geboren. Kindheit und Jugend soll er in Aschersleben, Quedlinburg, vielleicht auch Halberstadt verbracht haben. Das erste gesicherte Datum ist 1506: Immatrikulation in Leipzig. Dort und in Frankfurt an der Oder studierte er sechs Jahre. Bald galt er als „einer der gelehrtesten, fleißigsten und geistig regsamsten Kleriker Norddeutschlands“ (Heinrich Boehmer). Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis gehörten bedeutende Geister.
Schon die ersten Jahre nach dem Studium waren voller Unruhe. Zwischen 1513 und 1519 finden wir ihn als Lehrer oder Prediger in etwa neun verschiedenen Orten. Einige Male musste er unter dem Verdacht verschwörerischer oder umstürzlerischer Tätigkeit fliehen. Schließlich zog er sich als Beichtvater in die Stille des Nonnenklosters Beuditz bei Weißenfels zurück. Wahrscheinlich wollte er in ausgedehnten Studien (so des Kirchenvaters Augustin, der deutschen Mystiker und Joachim von Flores) die Eindrücke der voraufgegangenen Jahre verarbeiten und einen eigenen Standpunkt entwickeln. Als er Beuditz 1520 verließ, um (ausgerechnet auf Empfehlung Luthers) als Prediger nach Zwickau zu gehen, war aus dem noch unklaren Stürmer und Dränger, dem radikalen Lutheranhänger ein Mann mit einer im Grundstock schon selbständigen Lehre geworden: Von nun an forderte er eine völlige Umwandlung des Lebens der Christen und der Kirche, auch in sozialer Hinsicht. Zwickau war damals voller Gärung. Im einfachen Volk, in heimlichen Gruppen und Kreisen, deren Kern die ‚Zwickauer Propheten‘ bildeten, flossen waldensische, hussitische und enthusiastische (wir würden heute sagen: pfingstlerische) Auffassungen zusammen. Schnell war die Verbindung zu Müntzer hergestellt. Zwar musste er schon nach einem Jahr die Stadt verlassen, doch sein geistiger Profilierungsprozess war abgeschlossen: Er brach mit Luther und lebte von nun an der Verwirklichung seines christlich-revolutionären Programms.
Ein Versuch, in Prag die hussitischen Brüder zu gewinnen, scheiterte. Müntzer kehrte in die Heimat zurück, um auf eigene Faust eine revolutionäre Bewegung aufzubauen. Nach notvollem und gehetztem Hin und Her fand er 1523 eine Anstellung als Pfarrer in dem Harzstädtchen Allstedt und damit endlich eine Basis für sein Wirken. Als erstes verdeutschte und erneuerte er – noch vor Luther – den Gottesdienst. Zu Müntzers sprachgewaltigen Predigten strömte das Volk von weither. Rasch organisierte er den „Bund getreulichen und göttlichen Willens“, der sich über 30 Orte ausbreitete. Die Nähe der mansfeldischen Kupfergruben mit ihren vielen aufbegehrenden Bergleuten kam Müntzer gut zustatten. Noch glaubte er (mit einer Predigt über Daniel 2) sogar die sächsischen Fürsten für seinen Bund gewinnen zu können. Ein Verhör in Weimar zerstörte alle Illusionen. 1524 floh er in die nahe gelegene Reichsstadt Mühlhausen. Als in Süddeutschland die Bauernaufstände ausbrachen, als sie 1525 auch auf Thüringen übersprangen, da schien Müntzers große Stunde gekommen. Er verbündete sich mit den Bauern, wurde ihr mitreißender Agitator und von Mühlhausen aus, wo ein „Ewiger Rat“ die Macht übernommen hatte, ihr Anführer in Thüringen. In der entscheidenden Schlacht bei Frankenhausen stand er an der Spitze des Bauernheeres.
Am 10. Mai begann der nur fünf Tage währende ‚Schlussakt‘. Die Heere der Fürsten rückten gegen Frankenhausen vor. Dort hatten sich die Bauern gesammelt. Graf Albrecht von Mansfeld unterbreitete ein Verhandlungsangebot: Wenn ihr euch unterwerft, machen wir Zugeständnisse. Die Bauern, in einer aussichtslosen Lage stimmten einem Gespräch zu. Doch der am 12. Mai eingetroffene Thomas Müntzer reißt das Steuer herum, erteilt eine Absage. Er prophezeit den Sieg. Jetzt sei die Bewährungsprobe für den Glauben.
Am 14. Mai formieren sich die Fronten. Die gefürchteten hessischen Kanonen sind gegen das Bauernlager auf dem Hausberg (seither der Schlachtberg) gerichtet. Die Bauern erschrecken angesichts der ungeheuren Übermacht. Zweimal noch kommt es zum Kontakt mit den Fürsten: aussichtslos. Müntzer bietet keine Verhandlung an, aber einen Gewaltverzicht, verbunden mit der Mahnung, die Gegenseite möge zur „göttlichen Gerechtigkeit“ umkehren.
Thomas Müntzer war es gelungen, mit seinem gewaltigen rhetorischen und psychologischen Enthusiasmus die Bauern zu überzeugen, richtiger noch: ihnen seinen felsenfesten Glauben einzuflößen. Er deutete einen unerklärlichen Regenbogen (wahrscheinlich eine Halo-Erscheinung, die am 15. Mai auch anderswo beobachtet wurde) als Zeichen Gottes. Wer wagt es dann, als unfromm oder treulos dazustehen?
Als das Geschützfeuer begannt, brach Panik aus. In wilder Flucht suchte sich jeder zu retten. Die schreckliche Bilanz des 15. Mai 1525: 6.000 Tote, einige hundert Gefangene – auf der Seite des Fürstenheeres sechs Tote. Das war keine Schlacht, sondern ein Schlachten. Müntzer gelang die Flucht nach Frankenhausen hinunter, er versteckte sich als Kranker im Bett. Papiere, die er bei sich trug, verrieten ihn.
Am 27. Mai wurde Müntzer mit dem Schwert hingerichtet. Leib und Kopf wurden aufgespießt und „vor molhausen (Mühlhausen in Thüringen) ins felt gstegkt“. Auch unter der Folter blieb er seinen Überzeugungen treu. Auf die schwere innere Frage: Warum war Gott gegen uns?, hatte er seine Antwort gefunden. Das Volk habe ihn „nicht recht verstanden, alleyne angesehen eygen nutz“. Seinen Tod nahm er als stellvertretende Sühne an, als „erstattung“ für die Schuld des Volkes.
Wem hat die Geschichte Recht gegeben? Müntzer oder Luther? Jahrhundertelang stand Müntzer ganz im Schatten des Wittenberger Reformators, ja galt als anrüchiger, gewalttätiger Schwärmer. Heute scheint sich das Blatt gewendet zu haben. Die evangelische Kirche und vor allem deren Theologie empfinden Luther gegenüber beinahe Verlegenheit. Müntzers Ruhm aber strahlt immer heller; von beiden scheint er der eigentlich Moderne zu sein. Dass Thomas Müntzer – von jeder politischen Einschätzung ganz abgesehen – ein bedeutender Theologe war, ein aufrichtiger Denker, der aus innerem Erleben schöpfte und klare Vorstellungen hatte, kann nicht mehr bezweifelt werden. Doch gerade er, der selber die Wahrheit nicht verschwieg, hat ein Recht darauf, dass wir seine Lehre kritisch beurteilen.
Müntzers Theologie kann in drei Kernsätzen zusammengefasst werden: 1. Nur wer persönlich Christi Kreuz, äußerstes Leid erlebt, kann glauben: den Mut und die Kraft zum Unmöglichen haben. 2. Auch nach der neutestamentlichen Zeit offenbart sich Gott in Gesichten und Träumen. 3. Zur Vorbereitung auf das Tausendjährige Reich gehört nicht allein die scharfe Trennung der Auserwählten von den Gottlosen, sondern auch deren Ausrottung – vornehmlich der Mächtigen; denn durch ihren harten Druck wird dem Volk der Zugang zum Evangelium versperrt.
Alle drei Punkte enthalten – mehr oder weniger stark – berechtigte Anliegen. Zur Müntzerschen „Kreuzesmystik“ ist zu sagen, dass Leid wohl eine Glaubenshilfe ist, jedoch alles irdische Leid nicht die Leidenstiefe Christi, nämlich die Erfahrung des ewigen Todes, erreicht. Vor allem aber: Glaube besteht in der Erkenntnis unserer Schuld und in der Annahme des Kreuzesopfers. Das Fortwirken des Heiligen Geistes ist auch uns wichtig. Müntzer aber stand in der Gefahr, den Geist über die Schrift zu stellen. Wenn Gottes Wort nicht Richtmaß aller Geistesoffenbarungen bleibt, entartet der Geist – oder besser: was wir dafür halten – zum lrr- und Schwarmgeist. Am schwerwiegendsten ist die Gewaltanwendung in Glaubensdingen. So gewiss Heiligung und vollends soziale Verpflichtung des Christen in Luthers Reformation zu kurz kamen, so eindeutig hat doch Müntzer mit dem Gedanken der christlichen Revolution die vom Neuen Testament gezogene Grenze überschritten. Nur wer ein grundlegend anderes Verständnis der Bibel hat, wird Müntzer hier folgen können. Darum scheuen wir uns nicht zu sagen: Luther hat, gemessen am Wort, trotz vieler Einschränkungen die klarere Sicht gehabt.
Dieses Urteil kann jedoch nicht auf Luthers Stellung zum Bauernkrieg übertragen werden. Die Forderungen der Bauern waren sachlich und maßvoll. In Süddeutschland, wo der Bauernkrieg begann, war Müntzer weitgehend unbekannt. Die ‚Zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben‘ forderten – unter ausdrücklicher Anerkennung der Obrigkeit! – hauptsächlich Aufhebung der Leibeigenschaft und Milderung des Frondienstes. Die evangelischen ‚Doktoren‘, voran Luther und Melanchthon, wurden gebeten, als Gutachter Stellung zu nehmen. Die Bauern hatten Vertrauen zu den Reformatoren und erhofften sich von ihnen Hilfe. Luthers Stellungnahmen sind bekannt, doch kaum die der anderen Angesprochenen. Es ist aufschlussreich und gerade für die Gegenwart wichtig, sie kennenzulernen (wir folgen Dr. Hubert Kirchner: Die Christenlehre, 1973).
Luther stand der sozialen Not und dem Unrecht nicht blind gegenüber. Doch er meinte, der Glaube habe damit nichts zu schaffen: „Christus kümmert sich nicht um Politik und Ökonomie.“ Als Theologe könne er nur zu friedlichem Ausgleich raten, aber nicht zu irgendwelchen Einzeldingen Stellung nehmen. Dass die Bauern gar aufs ‚göttliche Recht‘ pochten, wies er schroff zurück:
Christliches Recht besteht darin: sich nicht sträuben gegen das Unrecht, nicht zum Schwert greifen, nicht sich wehren, nicht sich rächen, sondern hingehen Leib und Gut, daß es raube, wer da raubt ... Leiden, Leiden, Kreuz, Kreuz ist des Christen Recht, das und nichts anderes ... Ich lasse eure Sache so gut und gerecht sein, wie sie sein kann. Aber den christlichen Namen, den christlichen Namen, sage ich, den laßt stehen.
Luther fürchtete, dass sich an diesem Punkt Reformation und Revolution, Evangelium und Welt vermischen könnten. Darum standen für ihn hinter den Bauern und deren Artikeln „Schwärmer“ und „Rottengeister“, sah er in ihnen Werkzeuge des Teufels. So verlor Luthers Stellungnahme den Charakter eines neutralen, vermittelnden Gutachtens, er wurde selbst Partei. Ähnlich argumentierten Melanchthon und Luthers nähere Umgebung.
Ein zweiter Kreis, sagen wir: die weitere Umgebung des Reformators, begegnete den Wittenberger Äußerungen (vor allem Luthers Schrift ‚Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern‘) schon zurückhaltender, kritischer. Doch von ihnen war keiner zu einem Gutachten aufgefordert worden. Anders verhielt es sich mit einer dritten Gruppe, hauptsächlich süddeutschen Theologen, deren Namen die Bauern aufgeführt hatten. Hier müssen vor allem zwei genannt werden: Johannes Brenz, Prediger in Schwäbisch-Hall und Reformator Württembergs, und Urbanus Rhegius, Prediger in Augsburg. Beide verfassten eingehende Gutachten über die Forderungen der Bauern. Die Unterschiede zu Luther mögen auf den ersten Blick nur Schattierungen sein; genau besehen sind sie schwerwiegend.
