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Wahnsinn, Einsamkeit, Leidenschaft, Todesangst - WELT. Die Machenschaften omnipotenter Ärzte durchleuchtend, legt Pitsch eine grausige Wahrheit frei. Kraft unvorhersehbarer Szenarien bricht sein Thriller mit den Stereotypen des Genres. WELT ist ein bizarrer Trip durch die zerklüfteten Schluchten unserer Seele und gleichsam eine Allegorie auf die Verlorenheit des modernen Menschen. Über das Buch: Mitten in Kopenhagen erwacht ein Mann, verwahrlost und ohne Erinnerung. Auf der Suche nach seiner Vergangenheit nimmt eine irre Geisterbahnfahrt ihren Anfang. Hinabstoßend in die entlegensten Bereiche der menschlichen Existenz, legt er Stück für Stück eine grausige Wahrheit frei. Gefährlich und düster ist die Welt, Lügen, Korruption und sexuelle Abartigkeiten zeichnen das Bild von einer dekadenten Gesellschaft. WELT. Ein Krimi aus Skandinavien.
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Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Peter Pitsch
W.E.L.T
Thriller
1.Auflage Ober-Flörsheim, März 2012
© Brighton Verlag, Gundersheim
www.brightonverlag.com
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-942200-79-0
Wahnsinn
Einsamkeit
Leidenschaft
Todesangst
Über der Welt zu hängen
die sich unter einem dreht
nicht selbst das Steuer führend
an einem endlos langen Seil
mit den Füßen
die eben noch liefen
kopfüber schrei ich hinein.
Peter Pitsch
Tag X
Das Wort war Wirklichkeit.Wirklichkeitwar das erste Wort.
Gleichwohl bestand in keinster Weise zwischen diesem jäh injizierten Begriff „Wirklichkeit“ und einer noch schwammigen, orientierungslosen Wahrnehmung ein Bezug. Die Frage nach dem Kern, nach Inhalt, Zweck und Ziel der urplötzlich auf ihn eindringenden Bilderflut stellte sich dem Fassungslosen nicht. In herkömmlichem Sinne war er nicht erwacht–war weder aus einem tiefen Schlaf abrupt ins Wachdasein gefallen noch dem Zustand einer langen, Gedanken einäschernden Bewusstlosigkeit entronnen. Vielmehr hatte sein Geist, hatte sein Verstand sich rapide entzündet an dem Phänomen derWirklichkeit, ohne sich selbst als logisch und folgerichtig eingebundenen Teil von ihr, dieser Gegenständlichkeit, zu empfinden. Alles mutete ihm fremd und bizarr an, umschloss ihn von allen Seiten mit profunder Unermesslichkeit. Er war ein Beobachter zweiter Ordnung, überwältigende mannigfaltige Eindrücke wohin Ohr und Auge auch reichten, hier wie da entfesselte Töne, Bilderpuzzle, ein Wechselspiel verstörender Emotionen. Erfahrungen wie sie allenfalls ein Erblindeter, dem von einer Sekunde zur anderen dasSehenereilt, nachzuvollziehen imstande wäre. Gesteigert um ein Vielfaches. Die Welt spiegelte sich auf einer gekräuselten Wasseroberfläche–um mit einem Vergleich Unbegreifliches anschaulicher zu machen–, ebenso zerfließend wie gestaltlos, ebenso grell im Widerschein wie lückenlos unzugänglich. Sie war unversehens mit aller erdenklichen Macht vorhanden und entzog sich zugleich seinem geistigen Zugriff und seinem Begriffsvermögen.
Da senkte sich aus dem Chaos der undefinierbaren Impressionen ein ätzend penetranter Geruch in sein Bewusstsein, und in jenem Augenblick seines angewiderten Schnüffelns vollzog sich ein erster, noch vager Kontakt zur äußeren Realität.
Pisse! Entsetzlicher Uringestank, er schnupperte eine kräftige Brise, ja, Pisse, und darüber hinaus ein modriger Mief, ein Hauch von Fäkalien und ein säuerlicher, unwiderstehlicher, Übelkeit erregender Schweißgeruch.
Wo bin ich gelandet?Dieser überraschend zusammenhängenden Frage folgte sogleich das fundamentalste aller Rätsel:Wer bin ich?
Den Körper bewegend so als wäre dieser ein Gigant auf dem Rücken einer Schrottlawine, stemmte er sich in die Höhe. Nichts als Müll und Dreck und plastikbunte Verwesung um ihn her. Die Sonne am glasklaren Firmament stach in seine Augäpfel mit dolchartigen Blitzen. Eine mit Graffiti übersäte Mauer fiel schwerlastig in seine Richtung und richtete sich im Bruchteil einer Sekunde erneut auf. Vibrationen. Signale. Aus der Ferne ertönte das langgezogene Tuten eines Frachters, ein rostiges, mit Containern beladenes Ungetüm auf den funkelnden Wassern eines Schiffskanals. Die massigen Konstruktionen emporragender Lastkräne, Skeletten von Dinosauriern ähnelnd, erhoben sich in Reih und Glied am betonierten Pier. Befremdliche Hafenszenerie, die Richtung Westen, jenseits der Lagerhallen und asphaltierten Areale, in die Ausläufer einer unbekannten Stadt überging. Aus dem Häuserkonglomerat stachen spitze Kirchtürme hoffnungsvollendet einer ewig angestrebten Absolution entgegen.
Langsam, wie nach tausendjähriger Bettlägerigkeit, kam er schwächelnd auf die Beine, sah forschend an seiner eigenen Gestalt herab und erschrak ob des grässlichen Anblicks. In schmierigen Fetzen hingen ihm die Lumpen vom Leib, ein doppelt geschlungenes Seil befestigte eine aufgerissene Baumwollhose an der Taille, die Füße steckten in globigen, ölig-fleckigen Halbstiefeln, denen als Schnürsenkel-Ersatz zwei dünne Drähte dienten, und sein Torso war über und über von schimmeligen löchrigen Lappen bedeckt. Hätte er seinen Mageninhalt über den Unrat zu seinen Füßen ergießen können, er hätte es als Akt der Befreiung mit Erleichterung getan. Doch während er noch schwankend vor der eigenen Darstellung erstarrte, ereilte ihn die Einsicht, dass er seit geraumer Zeit, vielleicht seit Tagen nichts Essbares zu sich genommen hatte. In diesen widerstreitenden Tumult der Empfindungen mischte sich zudem eine schwer nachvollziehbare Tatsache, nämlich dass sein ausgemergelter Körper die Quelle des aufdringlichen Gestankes war.
Es trieb ihn hinunter zum Kai, zur Reinigung des vernachlässigten Leibes, seine Beinmuskulatur war verkümmert und sein Gang zögerlich und morbide. Heruntertappend von dem riesigen Müllberg, von Fliegen umschwirrt, schob er sich Schritt für Schritt gen Hafen, im Stillen ersehnend, dass der Akt der Reinigung seine Menschlichkeit schichtweise freilegen würde.
Über einen breiten Schotterweg nahte auf sechs Rädern ein haushoher Antaios, hinter seinem eisernen Heck erhob sich eine gigantische Wolke aus aschgrauem Staub. Am Steuer erahnte er einen diffusen Schatten, das Kühlergitter war zum Zermalmen geschaffen, ein schmutzig gelbes Nummernschild wollte sein Geheimnis nicht preisgeben.
Wo bin ich?Eine Ahnung stieg in ihm auf: 200 Meter entfernt, in einem flachen Gebäudekomplex, wähnte er die Waschräume der Hafenarbeiter installiert. Frisches Wasser und das Labsal einer warmen Dusche.Bin ich schon mal dort gewesen?Es peinigte ihn, dass jede vage Erinnerung postwendend eine Unzahl neuer Rätsel aufwarf. Womöglich war diese einschläfernde Stimme in seinem Schädel, die fortwährend als Endlosschleife von zehn auf eins herunter zählte, mehr noch als der instinktive Versuch, seinen wirren Gedanken Halt und Struktur zu vermitteln.
Er kam zu einer unverschlossenen Tür, eingebettet ins satte Rot der Barackenwände; niemand verweigerte ihm den Zutritt, kein Mensch schien von der verwahrlosten Person Kenntnis zu nehmen. Die knochenharte Arbeit an den Anlegestellen und den Docks, in den stickigen Bäuchen der Frachträume nahm ihre Handlanger in Beschlag. Er vernahm die hohen Frequenzen unermüdlich laufender Motoren, den seelenlosen Singsang mobiler Maschinenwesen.
Ein tiefer, menschenleerer Raum. Zur Rechten schnurgerade aufgereihte Holzbänke, zu seiner Linken eine Parade schmaler Metallschränkchen, versehen mit je einem handgeschriebenen Namensschild. Der Wirbel seiner Emotionen trug ihn der Lösung ein Stück näher, sein Gehirn nahm vorprogrammierte Funktionen auf. Zu seiner Erleichterung registrierte er, dass ihm das Alphabet geläufig war, obschon die Namen einen imaginären fremdartigen Klang hinterließen! M. Sørensen, T. T. Leth, K. Petersen, Sabroe, Hybel, Sune Larson. Die grundlegende Frage nach der Beschaffenheit seines Aufenthaltsorts wurde abgelöst von einer spezifischeren Erwägung:In welchem Land bin ich?
Die Duschkabinen, fünf an der Zahl, befanden sich am hinteren Ende der langen Spindreihe. Als sein Blick auf den Wandspiegel oberhalb eines Waschbeckens fiel, fuhr ein entsetzlicher Schock durch Hirn und Gedärme, sein Bildnis traf ihn wie ein Rammbock und raubte ihm den Atem. Laut aufstöhnend wich er zurück vor dieser pestbeuligen, schuppenflechtigen Kreatur, den Inbegriff eines heruntergekommenen Penners. Aus einem eingefallenen Gesicht, das ein filziger Wust Dreck verkrusteter Haare umwucherte, starrten zwei Totenaugen ihn an.
Mein Gott! So schlimm!
Eilends schälte er die stinkenden Lumpen von seinem Leib und manövrierte den mageren, von Flecken übersäten Körper zwischen die Wände einer Duschkabine. In einer muschelförmigen Vertiefung der Kachelwand lag ein kleines Stück Seife. Lindernd prasselte das Wasser auf seine Schädeldecke, liebkoste seine Schultern, lief lauwarm herab wie ein erquickender Balsam und verwandelte den Leichnam eines Zombies in den erbarmungswürdigen Körper eines Menschen.
Die monotone Litanei in seinem Geist verstummte.
Einige Schranktüren waren nachlässig mit kleinen Schnappschlössern gesichert. Durch wenig Kraftaufwand, mit Hilfe eines starken Drahtes vermochte er eine metallene Öse aus ihrer Halterung zu brechen und den Inhalt eines Spindes freizulegen. Sein Herz wummerte im Stakkato–weniger aus Furcht vor Sanktionen, als vielmehr vor ungestümer Freude. Nacheinander legte er eine großzügig geschnittene Jeans an, ein bauschiges kariertes Hemd sowie eine sandbraune Wildlederjacke und schob zuletzt seine Füße in übergroße, schwarz polierte Schuhe. Nein, er hatte keinen blassen Schimmer, was mit ihm geschehen war, wie er in dieses Dilemma geraten konnte, aber er wähnte sich umhüllt von der Kleidung eines Unbekannten (so paradox es anmutete) einen Schritt näher an der Auflösung des Mysteriums.
Eine Person indes, der die eigene Identität nicht geläufig ist, steht im gesellschaftlichem Kontext auf verlorenem Posten. Infolgedessen: an wen hätte er sich wenden sollen? Das Ausmaß seines Gedächtnisschwunds verhinderte jegliche Form der Kontaktaufnahme. Ohne Möglichkeit auf Identifikation verwarf er den Gedanken, sich in die Obhut der Polizei zu begeben. Unerträglich war der Gedanke, auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert, sich im Wirrwarr ausgestanzter Fragebögen zu verlieren. Seine vorrangigen Ziele waren von banaler, handgreiflicher Natur. Er wollte etwas Essbares organisieren und im Anschluss ein Messer oder eine Schere auftreiben, um dem verlausten Bart beizukommen und seinen Haarschopf zu bändigen.
Mithin geriet er tiefer und immer tiefer in die Straßenschluchten der fremden Stadt, der Lärmpegel von abertausend rastlosen Fahrzeugen umtoste seinen Schädel, von überall her wogten murmelnde Menschenmassen auf ihn ein. Er lauschte desorientiert den flüchtigen Satzfetzen, aufspritzend aus dem Stimmengewirr der Passanten.
„ … som du ved, er vi …“–„Jeg har glemt …“–„ … i morgen er jeg …“–„Kommer du måske senere …“–„ … vil det sige, at han …“–„ … for fanden da, er du ikke …“–„Mor, jeg ønsker bare …“
Jählings öffnete sich in seinem Verstand eine Schleuse und hervor quollen unzählige Assoziationen, ineinander verwobene Gedankenmuster und Bruchstücke von Erinnerungen. Die weißen Lettern der Straßennamen vergeudeten sich nicht länger ins Leere, stattdessen formten sie in seiner Vorstellung einen nachvollziehbaren Sinn, Anhaltspunkte, denen er sich anzuvertrauen bereit war.
Dann, innerhalb eines Wimpernschlags, nahm der Himmel eine purpurfarbene Tönung an und ein sphärisches Leuchten badete die Welt in pulsierendes Zwielicht. Kraft heftiger Kontraktionen schwebte über seinem Haupt ein glitschig glänzender Tintenfisch, und aus einem geöffneten Torbogen sprühte die blendend grelle Kaskade eines Funkenregens. Ein Neutronenbeschleuniger erfasste seinen Blick und raste unendliche Male ins Runde, vergebens kämpfte er um das Gleichgewicht, fiel auf die Knie und fing seinen Sturz mit den Handflächen ab; die Poren grauer Steinfliese saugten an seinen Pupillen.
Endlich hob er die Stirn, und von einem Moment auf den nächsten war die Welt zu augenscheinlicher Normalität zurückgekehrt.
Zielstrebigen Schrittes stapften die Leute an dem kauernden Menschen vorbei, gönnten ihm keinerlei Beachtung, nichts als hastige Aktivität und Vorwärtsdrang. Schuhe klapperten über das Pflaster und die endlosen Gespräche in dänischer Sprache setzten sich fort.
Kopenhagen!Nun wusste er, an welchem Ort er gestrandet war, konnte der unmittelbaren Umgebung den Sinn des Vertrauten entlocken.Vestergade, die Assoziation schlug eine Spalte in die Dunkelkammer der Vergangenheit, erhellte einen Teil des Unterbewusstseins und führte ihn dem Fundus seiner Erinnerung zu. Ein Stück Puzzle fiel an seinen angestammten Platz.
Immer neue Fragen flogen heran:Ist diese Sprache meine eigene?Zweifel hielten dagegen, zu viele Inhalte des Gesagten entglitten dem Verständnis, manch ein Laut irritierte das Gehör.
„Har du det godt?“
Geht es dir gut?, fragte plötzlich eine mütterliche Stimme aus nächster Nähe, während eine schmale, feingliedrige Hand seine Schulter berührte. Er blickte empor, sah in das makellose Antlitz einer Frau, blaue Augen, denen ein Funken Wahrhaftigkeit entströmte.
„Ja, jeg har det godt“, erwiderte er in brüchigem Tonfall, und rappelte sich umständlich zu voller Größe auf; er überragte ihre Erscheinung um einen halben Kopf. Sie rang sich ein zurückhaltendes Lächeln von den Lippen, wandte sich zum Gehen–da traf ihn der Schmerz eines jähen Verlustes.
„Wait, don´t!“, rief er ihr nach, woraufhin die Frau abrupt innehielt und sich anschickte, ihn skeptisch zu mustern.
Sein inneres Auge projizierte ein groteskes Abbild: ein bärtiger, abgemagerter Vagabund, ein knochiger, von schlackernder Montur umhüllter Widerling. Die Schöne und das Biest. Sein Vorhaben war zum Scheitern verurteilt, anstatt sich weiter an ihre Grazilität und an ihre weibliche Wärme zu klammern, sprach nun die Stimme des Opportunisten aus ihm.
„I´m sorry, do you have some money, maybe? I didn´t eat anything in days …“
Ihr rechter Mundwinkel huschte ein verächtliches Stück nach oben, doch sie nickte befangen, irritiert, und fischte mit fahrigen Fingern eine Münze aus der Geldbörse.
„Værsgo!“
Kaltblütiger Engel, sie drehte ihm den Rücken zu, ihr helles Haar glitt aus seinem Wahrnehmungsbereich und wurde von einer hundertköpfigen Menschenmenge absorbiert.
Nähe distanziert
Taumelnd zwischen den glitzernden Palästen des Konsums, streckte er demütig bettelnd die Hand aus.
Sie werden entschuldigen, hätten Sie vielleicht etwas Kleingeld für mich?
Von ´Mac Donald´ über ´Magazin´ bis hin zu ´Saturn´, das Raumschiff war gelandet, ein krasser Schritt für den verirrten Menschen, ein gigantischer Sprung für die Seele, unheimliche Begegnung der dritten Art.
Darf ich Sie um ein paar Münzen bitten?
Grelles Geläut der Kassenapparate, die Stimme eines Toten aus dem Fahrstuhlschacht: „Imagine all the people …“ Kreditkarten, Computerprogramme und Überwachungskameras, Telefonjunkies, abertausend substanzlose Nachrichten, der Äther schwirrend vor leeren Worthülsen. Zurschaustellung, Spiegelkabinett, Spekulanten, Fassaden auf Hochglanz poliert. Kultivierte Oberflächlichkeit, pervertierter Sensationshunger, bizarrer Voyeurismus! Hunderte Erdbebentote! Baby im Tiefkühlfach! Behinderter von Dogge zerfleischt! Models ohne Make-up! Opa auf Rastplatz vergessen! Gedächtnis verloren!
Gedächtnis verloren …
Könnten Sie mir bitte aus einer misslichen Lage helfen? Nur ein paar Kronen.
Mangelware Mangelware, Auswurf der Gesellschaft, namenloser Abschaum, Obdachloser, im Arm ein Leib Brot, ein Stück Gouda und 0,33 L. Apfelsaft.
„He, hier kannst du nicht liegen bleiben!“ Der Ton des Ordnungshüters gestattete keine Widerrede. „Such dir einen anderen Platz zum Pennen!“
Das Kaufhaus hatte ihn ausgespuckt, auf den hölzernen Rippen einer Bank war er niedergesunken, hatte Bissen für Bissen die rettende Nahrung verschlungen und sein Überleben gesichert. Unter dem Ansturm der Geschehnisse konnte er die Gegenwart nicht länger aufrechterhalten; sein Oberkörper war zeitlupenträge zur Seite geglitten, die altbekannte Dunkelheit hatte erneut seinen Geist in sich aufgesogen.
Wörter lösten sich von seinen Lippen, ganz ohne sein Zutun: „I orden, jeg skal nok gå.“In Ordnung, ich gehe ja schon.
Niedrig stand die Sonnenscheibe am Kopenhagener Himmel, rotorange glomm sie über den Hausdächern und färbte Wolkenbänder mit filigranen Schleiern. Sein willkürlicher Weg führte über die lichte Fläche des Axel Torvs hin zur Mündung der Vesterbro Gade. Erstarrte Masken der Großstädter warben für Distanziertheit, die Rinnsteine sollten Unrat in ihre Schranken weisen, Ratten huschten durch die Labyrinthe der Kanalisation.
Am Tresen einer Drogerie vergrub seine freie Hand eine Schere und einen Nassrasierer in die Jackentasche, derweil er für den Luxus einer Zahnbürste 20 Kronen bezahlte. Eine öffentliche Toilettenanstalt war die nächste Anlaufstation, wo er sein Gesicht von dem wuchernden Haarwuchs und dem Bartgeflecht befreite. Um Jahre verjüngt durchmaß er im Nachtfall die Absolonsgade. Von Osten her verströmte das Firmament den letzten Widerschein des Tages.
Heerscharen von Nutten, bewaffnet mit Stilettos und ledernen Miniröcken, schlängelten ihre Leiber um seine Einsamkeit, stimmten den Ruf der Lüsternheit an. Aus geschminkten Mündern stießen glitschige Zungen hervor und umgarnten ihn mit der Anziehungskraft fleischfressender Pflanzen. Verzerrte Sinnbilder männlicher Vulgarität lösten sich aus den Nischen. Er währte ihren Angriffen und strauchelte in einen schummrigen, von Rauchschwaden und Bierdunst erfüllten Pub. Im Halbdunkel der rustikal möblierten Kneipe hingen etwa zehn, zwölf trinkfreudige Existenzen in unterschiedlichen Stadien des Verfalls; träge drehten sie ihre Brummschädel zur Seite und starrten ihn an. Der Wirt sorgte hinter der Theke für einen regen Fluss der Spirituosen, und aus einer altmodischen Jukebox schepperte ein vertraut anmutender Singsang: „… gimme, gimme, gimme your love after midnight.“
Die Visage des Barkeepers spiegelte das harsche Milieu wider. „Was darf´s denn sein, Kumpel?“
Neben den Flaschenreihen war eine Preisliste befestigt, er wägte den Wert der verbliebenen Münzen ab, bestellte ein helles Bier und einen doppelten Schnaps zur Linderung seines Befindens. Dann stemmte er seine Ellbogen auf die Theke und starrte ins Leere, bei der Gelegenheit passierten die zurückliegenden Ereignisse Revue.
Der Wirt stellte die Gläser auf den Tresen und musterte seinen Gast mit unverhohlenem Interesse. „Sag mal“, ließ er stirnrunzelnd verlauten, „kennen wir uns nicht?“
Was hätte er da antworten sollen? Von den Toten auferstanden, war er wortwörtlich auf der Suche nach Identität und einem Zusammenhang in dem unbegreiflichen Verwirrspiel des Lebens. Außerhalb der irdischen Atmosphäre lauerte ein unermesslicher Raum.
„Schon möglich“, entgegnete er, wobei er abwartend den Kopf zur Seite neigte. „Wieso?“
Der andere stellte seine beachtliche Intelligenz unter Beweis: „Bist du schon mal hier gewesen?!“
Aus unerfindlichen Gründen ergriff nun Nervosität von ihm Besitz. Er kippte den hochprozentigen Schnaps hinunter und fischte seinerseits im Trüben.
„Nicht dass ich wüsste“, meinte er wahrheitsgemäß. „Obwohl, denkbar ist natürlich alles!“ Sein bemühtes Gelächter heischte nach Zustimmung. „Hast du mich hier schon mal gesehen?“
„Glaube ja.“
„Allein, oder war noch jemand bei mir?“
Der Barkeeper hob verwundert eine Augenbraue, aus seiner Perspektive nahm das Gespräch recht absurde Züge an. Wie um dem Spuk ein Ende zu bereiten, winkte er ab: „Wenn du es nicht mehr weißt, mein Freund, ich weiß es bestimmt nicht!“
Sicherlich lag es an seiner miserablen Verfassung, dass der Branntwein im Zusammenspiel mit dem Bier einschlug wie eine Abrissbirne. Mühsam rutschte er vom Barhocker, stolperte von Rauchschwaden umwogt auf die Straße hinaus, und wurde im Taumel seiner Orientierungslosigkeit zum gefundenen Fressen.
„Na Kleiner, heute schon gevögelt?“
Wiegenden Schrittes trat eine Blondierte aus dem Schatten einer Hauswand. „He, für 200 Kronen lutsch ich ihn dir ab!“
Sie machte nicht viel Federlesen, griff ihm gezielt zwischen die Schenkel und rieb auf offener Straße seinen Hosenlatz. Mangels Unterwäsche, die seine Erektion hätte in Zaum halten können, pochte sein Schwanz beständig gegen den Reißverschluss.
„Nein danke, ich-ich habe kein Geld“, stotterte er, und versuchte sich aus ihrem Griff zu lösen.
Ihr Grinsen war breit gefächert, die üppig aufgetragene Schminke bekam feine Risse. „Wie ich das sehe“, fuhr sie schnippisch fort, „hast du´s aber ziemlich nötig, mein Lieber!“
„Ich bin pleite!“, stieß er verzweifelt hervor, plötzlich von tobender Geilheit besessen.
Doch sie hatte bereits den Reißverschluss seiner Hose geöffnet und hielt seinen Penis zwischen ihren Krallen.
„Aber hallo!“, bescheinigte sie. „Bei dem hier mach ich´s glatt für die Hälfte.“
Die Kolleginnen kicherten Beifall.
Ehe er sich dessen so richtig versah, war er hündisch hinter ihr her gewackelt und der gelben Funzel eines Garagenhofs ausgeliefert. Auf allen Vieren, mit heruntergelassener Hose, rutschte er über den feuchten Boden, starrte gebannt auf ihre rosa farbige Vagina, zu gleichen Teilen Ekel und Lust erregend. Sanft geschwungene Schamlippen, an denen er lecken wollte von früh bis spät. Darin versinken, neu geboren werden, säuerlicher Geschmack auf der Zunge, rasches Rein und Raus, Rein und Raus. Abgesang auf die Einsamkeit, seliger Schauer, alles vertilgende Befriedigung.
Plötzlich stand sie über ihm, unterdrückte den Ekel, zupfte unbeholfen an ihrer Kleidung.
„War schön …!“, log sie gnadenlos, bevor sie zynisch auf ihn herabhustete: „Also dann, äh, ich kriege 200 Mäuse für den schnellen Fick.“
Ein Schwindelgefühl verlor sich im Bereich des Hinterkopfs, schlagartig lagen seine Sinne frei. Er zog sich an einem Geländer empor, stand der Nutte ratlos gegenüber, während das Damoklesschwert seinen Nacken anvisierte.
„Tut mir leid, ich habe tatsächlich kein Geld, du hättest mir glauben sollen.“
