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Klappentext: Disziplin und Charakterstärke haben sein Leben bestimmt, und wenngleich ihm diese Zweckdienlichkeit nicht gerade eine Quelle der Freude erschlossen hat, so schuf er sich damit seine eigene kleine Welt, die in geregelten und überschaubaren Bahnen ablief. Mit einem harmlosen Maulwurfshügel beginnt es: Seine heile Welt bekommt die ersten Risse, der sus-pekte Nachbar mischt sich laufend ein, und die profunde Angst vor Mutter Bürstensteif, die ihn weiterhin gnadenlos bevormundet, entzieht seiner Hoffnung auf Liebe jede Grundlage. Als Mutter plötzlich ent-führt wird, fängt der Oberfeldwebel a.D. an, sein Dasein in Frage zu stellen und deckt ein Geheimnis auf, das sein Leben für immer verändern wird. Über das Buch: Ein dichtender Hippie, satanischer Regisseur, voyeuristischer Psychologe und eine dominante Mutter – sie alle machen ihm das Leben schwer, nichts bleibt dem Oberfeldwebel a.D. erspart auf seinem Marsch Richtung Abgrund.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Peter Pitsch
Kuckucksei-Syndrom
Roman
1.Auflage Ober-Flörsheim, März 2012
© Brighton Verlag, Gundersheim
www.brightonverlag.com
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-942200-83-7
Sowohl meiner Frau Jette Pedersen als auch der Verlegerin Sonja Heckmann möchte ich hiermit meinen Dank aussprechen. Darüber hinaus gilt mein Dankeswort meinen Eltern Gerda und Adolf.
Klein kariert
In ihm müsste noch wer sein,
bildete der Einfältige sich ein,
weit größer als jener Anschein,
eher klein, zu Weilen preisgab.
Das Ego diesen Wahn umwarb,
womit es nur die Kleinheit barg,
die ihm schon alles abverlangte,
obwohl sein Maul ihn überragte.
Stetes Schrumpfen war die Folge,
über ihm die windgeblähte Wolke,
drunten wuchs das klein karierte
Labyrinth, darin er sich verirrte.
Peter Pitsch
Prolog: Die Warnung
Der Protagonist dieses Romans namens Bürstensteif ist in eigentlichem Sinne keine Fiktion, vielmehr ist er aus der karikaturhaften Darstellung eines real existierenden Individuums und seines sozialen Umfelds hervorgegangen. Wer diese fehlgeleitete, irrlichternde Gestalt de facto sein mag, beziehungsweise wie ihr richtiger Name lautet oder an welchem Ort sie sich derzeit aufhält und ihr Unwesen treibt, muss unter dem Aspekt der Vorsorge im Verborgenen bleiben. Das Rätsel um ihre konkrete Identität (wie auch jene ihrer wichtigsten Mit- und Gegenspieler) wird als einziges Geheimnis im Laufe dieser Geschichte nicht gelüftet werden. Nur durch eine solche Vorgehensweise lässt sich für den Autor das Risiko verringern, dass die Veröffentlichung der Bürstensteif-Chronik und somit ihres prekären Inhalts ein gerichtliches Nachspiel heraufbeschwört. Ebenso wie ein leibhaftiges Pendant des Hauptdarstellers seinen obligatorischen Platz in der Welt einnimmt, sind alle weiteren, hinsichtlich ihrer Verhaltensweisen übersteigert dargestellten Figuren der Personengalerie dem realen alltäglichen Leben entsprungen. An dieser ebenso simplen wie aufrichtigen Feststellung ist die Gefahr absehbar, die das Thema des vorliegenden Werkes – nämlich eine zwischenmenschliche Verlogenheit bestmöglich aufzuzeigen – zwangsläufig in sich birgt: Von Seiten des Verfassers wird keineswegs die Behauptung proklamiert, Ähnlichkeiten mit authentischen Personen oder vielmehr Übereinstimmungen charakterlicher Art seien rein zufälliger Natur. Insofern verweist der Verfasser auf seine Bereitschaft, den Wahrheitsgehalt der darin beschriebenen Ereignisse jederzeit sowohl bei vertraulicher als auch offizieller Begebenheit zu beteuern.
Gleichwohl: den Regeln der Wahrscheinlichkeit nach wird eine gegen den Autor gerichtete Anklage wegen Verleumdung aus den Reihen der Betroffenen nicht erhoben werden, denn ein gerichtlicher Prozess würde notwendigerweise die jeweilige Identität sämtlicher Beteiligten offenbaren. Dem Leser allerdings sei an dieser Stelle ausdrücklich empfohlen, das biografische Werk so entschlossen wie endgültig aus der Hand zu legen, sofern sie oder er nicht bereitwillig in die Intimsphäre eines anderen, respektive wildfremden Menschen einzudringen beabsichtigt. Anderenfalls wird der eigenwillige Leser, der dieser Mahnung kein Gehör schenken mag und seine Wissbegierde wider den guten Ton zu stillen wünscht, wie ein neugierig grabender Maulwurf mitten im Leben des Protagonisten zutage treten. Metaphorisch gesprochen.
P. Pitsch, Nykøbing am 16.9.2008
Die Ordnung
Er war ein Mann von großer Gründlichkeit und Charakterstärke, wie er selbst zu sagen pflegte, auch heuer fehlte es dem Oberfeldwebel a.D. weder an strenger Disziplin noch an eiserner Willenskraft.
Pünktlich um sechs, wenn der Wecker schrillte, sprang Hannes Bürstensteif aus dem Feldbett und absolvierte zehnfach gestaffelte Kombinationen aus Gliederstrecken, Kniebeugen und Liegestütze. Nach dem Drill erstürmte er das Badezimmer, stellte sich wacker und geübt im Ertragen von Widrigkeit unter den eiskalten Strahl der Brause.
Sein solides Frühstück – Spiegeleier und Schinkenröllchen und mordsstarker Kaffee – nahm er an einem runden Tischchen nahe dem Küchenfenster ein. Auf einem unbequemen Stahlstuhl hockend, den er liebevoll sein Auachen nannte, spähte er hinaus in den Garten und inspizierte das penibel gepflegte Rechteck seines Rasens. Nie hatte es das Geringste auszusetzen gegeben an dieser grünen Fläche der Ordnung und der Tugend, bis eines schicksalhaften Tages ein enormer Maulwurfshügel auftauchte, der das Sinnbild bürgerlichen Schaffens verunstaltete.
Ganz der Eiferer, hechtete Bürstensteif durch die Terrassentür und blies gegen den aufrührerischen Schandfleck zum Angriff, und im Handumdrehen war die Erde geplättet und die geziemende Disposition wiederhergestellt. Hernach fiel das unerquickliche Zwischenspiel der Vergessenheit anheim, dank einer straffen Routine, die Bürstensteifs Dasein als Rentner bestimmte.
Der weitere Tagesablauf sah vor, dass er seine Wanderstiefel schnürte und sich einen mit Proviant gefüllten Rucksack auf den Rücken lud – solcherart ausgerüstet, verließ er seinen Bungalow, der am Rande eines schläfrigen Vororts erbaut war, und stapfte auf einen angrenzenden Tannenwald zu. Den umhertrabenden Hundebesitzern, die seinen Weg kreuzten, schenkte er wenig Beachtung. Sofern ihm danach war, salutierte er zackig oder verlor eine Bemerkung über das Wetter, doch für gewöhnlich beließ er es bei einem ebenso knappen wie unwirschen Gruß.
Die Äste der Bäume erzitterten wie von einem Schauer durchlaufen, als Bürstensteif vorbeikam, und streuten einen feinen Nadelregen über jenen Trampelpfad, auf dem er seit jeher seinen Zehn-Kilometer-Marsch bewältigte. An einer schattigen Stelle, wo ein Rinnsal sich plätschernd über eine Lichtung wand und ein von Moos umrankter Baumstumpf zum Verschnaufen einlud, löffelte er unprätentiös eine kalte Gulaschsuppe aus der Dose. Er krönte die schlichte Mahlzeit mit einem Stückchen von Mama Bürstensteifs hausgemachtem Apfelstrudel, entfaltete eine Boulevardzeitung und widmete seine Aufmerksamkeit einer kritischen Analyse der Nachrichten.
Eben noch im kulinarischen Himmel, schlugen ihm die blutrünstigen Glossen heftig auf den Magen. Die haarsträubenden Artikel, die den Ernst der Lage verdeutlichten, bestärkten ihn in der Annahme, dass allerorts nichts als Verrat, Unheil und Intrige regierten. Nach der Lektüre faltete er die Gazette sorgfältig und versenkte sie gemeinsam mit der geleerten Konservendose im Rucksack. Dann folgte er dem mittelalterlichen Pfad, bis er auf eine verkehrsarme Landstraße stieß, welche am Ortsschild „Hinterwengen“ vorbeiführend den Weg ins Zentrum seines Universums wies. Am Straßenrand lagen zuhauf die Indizien einer fortschreitenden Vernachlässigung der Sitten, jede weggeworfene Bierdose, jeder schrill farbige Joghurtbecher und jede zerknüllte Zigarettenschachtel peinigte das geschulte Auge, bedeutete einen Schlag gegen seinen Ordnungssinn und schürte die Alarmbereitschaft.
Die Stunden des Nachmittags opferte Bürstensteif zugunsten der Haus- und Gartenpflege, er verrichtete alle anfallenden Arbeiten im Zeichen einer tadellosen Akribie, machte Unkraut und Staubflusen gleichermaßen den Garaus. Nachdem das umfangreiche Pensum erfüllt war, frönte er einer, wie er meinte, gediegenen Passion: Das Basteln von Modellflugzeugen, genauer gesagt, den Kopien von formvollendeten Propellermaschinen aus der Epoche des Zweiten Weltkriegs, die er nach ihrer Fertigstellung minutiös bemalte und an dünnen Bindfäden unter die Zimmerdecke hängte.
Bei Anbruch des Abends war sein Tagewerk vollbracht, als Nutznießer einer geregelten Welt trat er auf die Terrasse und ließ seinen Blick über das abgegrenzte Terrain schweifen. Da sträubte sich angesichts eines frisch aufgeworfenen Erdhügels sein Schnauzbart, lief das kantige Gesicht puterrot an, quollen Zornesäderchen an den Schläfen hervor. Mit seiner bloßen Anwesenheit höhnte der Dreckhaufen seiner mustergültigen Lebensweise, und Bürstensteif schwante, dass er das Monstrum von einem Maulwurf unterschätzt hatte, dass es sofortiger Gegenmaßnahmen bedurfte, um den hinterhältigem Feind das Fürchten zu lehren. Von neuem nahm der Rentner seinen Spaten zur Hand, schlug wutentbrannt drauflos, klopfte und plättete, bis ihm der Schädel dröhnte und der Rücken krachte. Am Ende der Strapazen schob er grimmig das Kinn nach vorn und patrouillierte an einer Reihe fiktiver Rekruten entlang, die zu seinem Ergötzen plötzlich allesamt weiblichen Geschlechts waren und auf sein Geheiß bereitwillig die Uniformen fallen ließen.
Die makabren Albträume, die Bürstensteif in der folgenden Nacht heimsuchten, kündeten von weiterem Unheil. Er träumte, überall wären Maulwürfe zugange, sie untergruben Moral und Anstand, planten Aufstände und Meuterei. Der alte Soldat konnte sich der Dreck aufwirbelnden Plagegeister nicht erwehren, immer neue Haufen schossen rings um ihn her aus der wogenden Matte. Das fiebrige Grauen aber, das sein Unterbewusstsein hervorrief, fand in einem perfiden Dämonenstreich seine Auflösung: der Erdboden unter seinen Füßen öffnete sich, ein schwarzes Loch sperrte seinen Schlund auf und verschlang sein zappelndes Opfer mit Haut und Haaren. Das Abhandenkommen seiner selbst schien von unendlicher Dauer. Das Nichts regierte, nichts wollte geschehen, nichts war vorhanden und nichts füllte das nichtige Nichts. Jählings aber, ohne einen mildernden Übergang, riss ihn der Waggon einer U-Bahn durch eine waagerechte Röhre mit enormer Akzeleration. Hinter den Zugfenstern herrschte diese komplette, alles vertilgende Dunkelheit; im hell erleuchteten Innenraum hingegen (wo Bürstensteif als einziger Fahrgast seitlich zur Fahrrichtung kauerte) waren die Wände mit den erstarrten Farbexplosionen hundertfach aufgesprühter Graffiti-Motive übersät. Ein wirres, surreales, comic-ähnliches Bilderchaos ohnegleichen, eine Phantasmagorie wahnsinniger Untergrund-Geister. Ein verworrenes, unübersichtliches Geflecht, aus dessen erschreckend exzessiver Fülle alle monströsen Formen der Fantasie hervorströmten. Seine Augen verschließend vor dieser grellbunten Vielfalt, glitt Bürstensteif rücklings aus dem rasenden Vorwärtsschub des Unbekannten in seine vorherbestimmte, beruhigende Existenz zurück, zurück an die Oberfläche der alltäglichen Dinge.
Schweißgebadet schnellte er früh morgens aus dem Bett, sputete sich in Pantoffeln und Schlafrock gekleidet über die Wiese, um im diffusen Schein der Morgendämmerung nach dem Rechten zu schauen. Die Katastrophe, die dort seiner harrte, überstieg seine schlimmsten Befürchtungen: er zählte elf, o nein, ganze zwölf Maulwurfshügel, die das Schlachtfeld an strategisch wichtigen Positionen besetzten, und darunter verschanzte sich der Adversarius. Hier waren die Eigenschaften eines gestandenen Soldaten gefragt, Oberfeldwebel a.D., Ausbund an Geradlinigkeit und Tugend, Mannsperson aus Schrot und Korn.
Mordlust loderte in seiner Brust, als er den Garten schlauch entrollte, am Wasserhahn anschloss und mit der Plastikspritze im Anschlag zu den feindlichen Stellungen schritt.
„Ich komme, du Biest, hörst du, um dich ist es geschehen!“, tönte er. „Ich werde dich überschwemmen, bis dir Hören und Sehen vergeht. Dir werde ich das Fell über die Ohren ziehen und dich anschließend den Geiern zum Fraß vorwerfen!“
Zwei geschlagene Stunden leitete er Liter um Liter in das Erdloch, ohne dass die geringste Spur eines Erfolges sich anbahnte, und nicht nur das Wasser, auch Hannes Bürstensteif schäumte inzwischen. Wo aber blieb der kleine Madenfresser, müsste er nicht jeden Moment mit aufgeweichtem Fell und feuchter Nase aus seinem Versteck krabbeln und den Oberfeldwebel winselnd um Gnade anflehen?
„Ich weiß, dass du da unten steckst, mein Freundchen, doch glaube mir: früher oder später kriege ich dich am Schopf zu fassen“, grummelte er. „Und wenn ich alles Wasser dieser Welt in dein Versteck leiten müsste!“
„Auch mal was von Wassersparen gehört?“, vernahm er plötzlich inmitten seiner Bemühungen die Stimme des neunmalklugen Nachbarn – eine alberne Zumutung, ausstaffiert mit Ohrring, viel zu langen Haaren und einer ganzen Palette verwerflicher Ansichten.
„Ach, halten Sie sich doch da raus“, erwiderte Bürstensteif grantig. „In Ihrem unansehnlichen Garten macht sich ja kein Maulwurf zu schaffen! Außerdem kann ich mit meinem Wasser tun oder lassen, wie es mir beliebt!“
„Ihr Wasser! Dummes Geschwätz, glauben Sie wirklich, nur weil das Wasser aus Ihrem Hahn kommt, gehört es Ihnen allein? Das Wasser ist ein Allgemeingut, und die Ressourcen der Erde sind begrenzt. Wie kann man überhaupt so idiotisch sein, einen harmlosen Maulwurf mit Tonnen von Wasser ertränken zu wollen? Was für eine Verschwendung! Sie sollten mal lieber Ihr Hirn einschalten und sich was Besseres einfallen lassen.“
„Wie … was? Was bilden Sie sich ein? Sie nennen mich einen Idioten?! Räumen Sie lieber mal das ganze Gerümpel weg, das sich hinter Ihrem Haus stapelt! Zustände sind das, schlimmer als bei den Hottentotten!“
Von Haus aus musste das letzte Wort auf Bürstensteifs Seite liegen, um jeden Preis: „Was heißt hier überhaupt, ich solle mir etwas Besseres einfallen lassen? Dort unten ist doch längst alles am Schwimmen, und der Quälgeist ist ersoffen.“
„Das glauben auch nur Sie, HerrBürstensteif! Das Leitungswasser geht unnütz im Erdreich flöten und Ihr Maulwurf kringelt sich vor Lachen.“ Nachdem er dies gesagt hatte, wandte sich der Nachbar ab, laut stöhnend angesichts einer solchen Rechthaberei und Verbohrtheit.
„Angeber!“, schimpfte Bürstensteif hinterher. „Sie haben mir gar nichts zu sagen, Sie und Ihresgleichen!“
Eine weitere Viertelstunde sollte vergehen, ehe ihn endgültig die Erkenntnis ereilte, dass sein Unterfangen keine Früchte trug. Zerknirscht verließ er die Stellung und drehte widerstrebend am Wasserhahn. Um gleich darauf, zwecks Abbau seines Grolls, wie entfesselt über den Rasen zu galoppieren, wobei er auf sämtlichen Erdhäufchen unkontrollierte Bocksprünge vollführte. Erst als ein leises Schwindelgefühl sich seiner bemächtigte, hielt Bürstensteif notgedrungen inne.
„Nur ein Minütchen“, seufzend, wankte er ins Haus, landete einer entwurzelten Eiche gleich auf dem Feldbett und versank innerhalb weniger Sekunden in einen bleiernen Schlaf.
Plötzlich ließ ein dräuendes Hämmern ihn erschaudern.
KABUMM-KABUMM! Und auf ein Neues: KABUMM-KABUMM!
Eine Maulwurfhorde hatte ihn umstellt, drängte heran. In gleichem Maße wie er sich über das Bettlaken wälzte, dröhnte es pausenlos gegen die Türe, und ein grässliches Gebrüll erschallte: „Ich bin´s, der Maulwurf! Mach sofort die Tür auf!“
In diesem Augenblick erwachte Bürstensteif vollends aus dem Schlaf der Ermattung, und die eindringliche Stimme, die er vernahm, nährte seine Not mit neuem Entsetzen.
„ICH BIN´S, DEINE MUTTER! HÖRST DU NICHT!? MACH SOFORT DIE TÜR AUF, HANNES! WO STECKST DU DENN?“
Um Himmels Willen … Mutter! Robust, unnachgiebig, 91jährig, und die Hüterin der höchsten Moral! War Bürstensteif selbst schon die Korrektheit in Person, so war er doch im Vergleich zu ihr bestenfalls ein Novize.
Im Eifer des Gefechts hatte er komplett verschwitzt, welcher Tag heute war, nämlich ein Sonntag, grau und trist, und an jedem Sonntagnachmittag kam Hildegard Bürstensteif zu Besuch, auf dass sie etwaige Unregelmäßigkeiten aufdecken und Kritik an ihm üben konnte.
„AUFMACHEN, HABE ICH GESAGT!“
„Ja doch, Mutti, ich komme ja schon, beruhige dich.“
„MICH BERUHIGEN? MICH BERUHIGEN! ICH STEHE HIER SEIT GESCHLAGENEN FÜNFZEHN MINUTEN VOR DEINER BLÖDEN BRETTERTÜR UND KLOPFE MIR DEN STOCK ENTZWEI! WAS TREIBST DU DA DRINNEN EIGENTLICH? HAAANNNEEES …!“
„Öhm … nichts Muttchen, bin ja schon da.“ Er gelangte zur Wohnungstür und öffnete der grollenden Mumie, aus deren Augenhöhlen vernichtende Blitze züngelten.
„Bist du etwa nicht … allein?“, fragte sie mit bohrender Stimme. „Hast du etwa ein Frauenzimmer bei dir?“
„Aber nein, Mutti. Wo denkst du denn hin?“
„Dann möchte ich mal wissen, weshalb du nicht sogleich öffnest, oder möchtest du deine ARME, ALTE, KRANKE Mutter nicht mal mehr in dein Haus lassen?“
Mama Bürstensteif schob ihren Sprössling mit dem Spazierstock beiseite und ging schnaubend über den Flur, wobei sie misstrauische Blicke in sein Wohn- und Schlafzimmer warf.
„Ich … ich habe einen Mittagsschlaf gehalten“, gestand Bürstensteif kleinlaut.
„Was?! Einen MITTAGSSCHLAF!?“, herrschte sie ihn an. „Wer faulenzt, der kann es im Leben zu nichts bringen. Wie oft muss ich Dir das eigentlich noch sagen?? Soll ich es dir hinter die Ohren schreiben?“
„Nein, Mutti.“
„Ach? Und wieso liegst du am helllichten Tag auf der faulen Haut, kannst du mir das mal verraten!?“
Der Sohn schaute beklommen auf seine Pantoffeln, niedergedrückt von dem Gewicht ihrer unerbittlichen Präsenz.
Sie schüttelte resignierend den Kopf.
„Weißt du überhaupt, was heute für ein Tag ist?“ Ihr knitteriges Gesicht wurde noch zerknitterter. „Aber nein … Ich wette, das hast du ebenfalls verschlafen.“
„Öhm, Sonntag …?“, versuchte es Hannes, noch außerstande zu begreifen.
„Sonntag, natürlich ist heuteSONNTAG! Hältst du mich schon für so verkalkt, dass ich nicht wüsste, was heute für ein Tag ist?“ Sie sah ihn voller Strenge und Missgunst an. „Heute ist Muttertag, Hannes! MUTTERTAG!“ Ihre Stimme schlug mit einem Male um, gerade noch voller Befehlsgewalt, glich sie jetzt eher der Stimme einer gebrochenen, hin welkenden Dame, der man soeben ein unfassbares Leid zugefügt hatte. „Und du hast nicht daran gedacht.“
Um Himmels Willen, auch das noch! Muttertag, schoss es Bürstensteif durch den Kopf. Muttertag, der schlimmste Tag des Jahres!
„Ich bedaure aufrichtig, Muttilein“, katzbuckelte er. „Ich verstehe selbst nicht, was momentan in mich gefahren ist.“
„Das glaube ich gern.“ Eine gewichtige Pause entstand, ehe die Alte pampig fortfuhr: „Schon von weitem habe ich mich gefragt, warum die Muttertags-Flagge nicht hoch droben am Fahnenmast weht. Richtig traurig bin ich geworden. Ich verstehe das einfach nicht … ich habe mein Leben für dich aufgeopfert – was habe ich nicht alles für dich getan! Meine besten Jahre habe ich dir geschenkt, dich unter größten Schmerzen auf die Welt gebracht, dich genährt an meinem Busen, obwohl ich selbst nichts zu Beißen hatte. Alles, wirklich alles habe ich für dich getan. Ich war dir eine gute, wenngleich … nun ja, manchmal etwas strenge, doch immerzu gerechte Mutter!” Sie tat einen schweren Seufzer, untröstlich wie erbittert. “Und wie dankt er es mir? ER VERGISST DIE FLAGGE ZU HISSEN!“
O Gott, nicht schon wieder die Ekel erregende Fahne, dachte Bürstensteif, ich mache mich zum Gespött der ganzen Nachbarschaft.
Seine Mutter indes hatte keinerlei Einsehen, sie peilte den Wohnzimmerschrank an, öffnete die unterste Schublade und kramte eine riesige Flagge hervor. Dort, inmitten des schneeweißen Stoffes stach dem Betrachter ein kitschiges, knallrotes Herz ins Auge.
„Na los, Junge, häng sie hoch an den Fahnenmast, damit jeder sehen kann, wie sehr du deine liebe Mutter verehrst. Oder soll ich dein angebliches Versäumnis eher als Eigenmächtigkeit interpretieren?“ Ihre Unterlippe begann verdächtig zu zittern. „Ach, Hannes, ich bin dir wohl völlig gleichgültig geworden …“
Mit eingefallenen Schultern schlurfte Hannes in seinen Garten hinaus, dicht gefolgt von seiner Gebieterin, die auf halbem Wege zur Salzsäule erstarrte.
„WAS IST DENN HIER LOS? Wie sieht denn dein Rasen aus?“, entfuhr es ihr entgeistert.
„Ich habe einen Maulwurf“, sagte Bürstensteif trotzig.
Sie musterte ihn vorwurfsvoll. „Ja und? Was hast du dagegen unternommen?“
„Öhm, Wasser …! Ich habe ihm eine Ladung Wasser verabreicht.“
„Wasser, pah!“ Sie reichte ihm die Flagge. „Los, aufhängen!“
Kritisch schaute sie zu, wie er die symbolträchtige Fahne unendlich langsam hisste. „Um einen Maulwurf loszuwerden, muss man Knoblauch in die Löcher stopfen. Haufenweise Knoblauch, sage ich immer!“
Schließlich flatterte die Muttertags-Fahne in voller Größe am turmhohen Mast, war im Umkreis von einer Meile für alle nimmersatten Plaudertaschen der kleinen Ortschaft überdeutlich auszumachen. In seiner Not wäre Bürstensteif am liebsten im Erdboden versunken, ungeachtet dessen, dass dort bereits der verhasste Maulwurf sein Unwesen trieb. Selbstredend war auch der Hippie-Nachbar im Garten anzutreffen und durfte sich, während er auf seiner Liege lümmelte und hämisch zu ihnen hin stierte, an dem einzigartigen Anblick gütlich tun.
Die Schlacht
