Ins Ungewisse Sein - Peter Pitsch - E-Book

Ins Ungewisse Sein E-Book

Peter Pitsch

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Beschreibung

Klappentext: Regeln, Normen, Zwänge, der ganz alltägliche Wahnsinn, wie wir ihn kennen – wer kann sich diesen lähmenden Kräften entziehen? Ins Ungewisse: Wäre es nach seinen unbeirrbaren Eltern gegangen, so hätte Walter als Fußballprofi den väterlichen Traum vollenden sollen, oder wenigstens einen ehrbaren Beruf ergreifen müssen! Doch etwas geht schief, etwas in seinem Innern, der scheuen Seele eines Heranwachsenden, sträubt sich stur gegen das vorhersehbare Geschick. Kaum achtzehn, beginnt seine wagemutige Odyssee quer durch Europa – alle Sicherheiten in den Wind schlagend, wendet er dem bürgerlichen Dasein endgültig den Rücken. Indes: ihm scheint die Fahrt auf der Gewinnerstraße lange Zeit verwehrt zu bleiben; erst als er Jahre später einen Punkt in seinem Leben erreicht, an dem keine Flucht nach vorn mehr möglich ist, wird ihm die Notwendigkeit einer echten Ambition bewusst. Die Suche nach einem tieferen Sinn beginnt mit einem einzigen Wort: Anschnallen!

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Seitenzahl: 163

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Peter Pitsch

Ins ungewisse Sein

Roman

1. Auflage OberFlörsheim, März 2012

© Brighton Verlag, Gundersheim

www.brightonverlag.com

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagbild: © Rafiki / pixelio.de

ISBN 978-3-942200-82-0

Wer kann die Welt ermessen, wenn

sie vorgedacht und offensichtlich scheint,

wer kann noch etwas erkennen, wenn

er nie seinem Kokon entschlüpfte, um sich

des Lebens Ungewissheit preiszugeben?

Peter Pitsch

Erstes Kapitel

Fehlstart

Die konspirative Frage kam von der Hakennase, die sich zu ihm an den Bistrotisch gesellt hatte: „Na, Alter, schon mal gekifft?“

Geheimnisumwitterte Pfade, die von der breitspurigen Normalität abwichen, gar zu gesellschaftlicher Ächtung führten, schlug er traumwandlerisch ein.

„Klar“, log Walter, nahm den Joint entgegen und begann beiläufig zu inhalieren.

Dichte Rauchschwaden schwebten über den Tischen, in den Regalen schimmerndes Neonlicht auf bunten Flaschen, palavernde Leute, wohin das Ohr horchte; ein Ausruf, der das niederprasselnde Geschnatter durchstieß: „Tiiiief einaaatmeeen!“

Seine Backen blähten sich, die Lungenflügel drohten zu zerplatzen, ein Moment ging aus einem anderen Moment hervor … unversehens ergriff etwas Eigenartiges von ihm Besitz, eine Veränderung umschloss die Herzkammer seines Bewusstseins.

Bilderschwälle, wie Milch gerinnend, verlangsamte Impulse, umgestülpte Dimensionen – elastischer Geräuscheschwamm, überquellendes Gedröhn, schallende pulsierende Klänge, wogende, brummende Bässe – hypnotisierendes Wummern, geballtes Brodeln und Gebrause, helles Gläserklirren, stumpfe Töne – gläserne Helligkeit, koboldhaftes Frauenlachen, Gerede zerredet, herrenlose Stimmen, murmelndes Gemurmel – und dann noch etwas … (?) … etwas darüber hinaus, eine Verlautbarung, ein Insistieren unbekannten Ursprungs drang auf ihn ein, ineinander ruhende Fragmente, Ahnungen, Vernetzungen – Fremdes vertraute sich, fand Zugang, Repetition einer akustischen Struktur: „Waaheiiss-d-du-uu-wiiehh-spääät-t-sss-issss?“

Vor seiner Stirn materialisierte sich eine Gestalt aus der Vielfalt, wuchs überraschend buchstäblich in die Höhe, am oberen Ende schaukelte ein grell geschminktes Clownsgesicht. Äonen ohne Anfang verstrichen, ehe er auf seiner Armbanduhr die Zeit abgelesen und in zähen Tönen verkündet hatte. Verkündet! Seine Stimme klang, als stiege sie leiernd aus seiner tiefsten Mitte empor. Die Züge verzerrt, das Grinsen erstarrt, bedankte sich das skurrile Dingsbums und entschwand auf unerforschlichen Pfaden, weit jenseits des Ereignishorizonts.

Da bemerkte er, am Rande seiner Fiebrigkeit, dass der Raum gespickt war mit hundert Pupillen. Äugende Augen im Kaleidoskop, ein Meer von Blicken, durchdringende, spöttische, verwunderte Blicke. Das Auge der Zeit, weit aufgerissen, zugleich verwoben mit dem ewigen Strom. Gezeiten, schwer lastend, in wiederkehrende Schleifen gebannt, mittendrin ein explodierendes Gelächter:

„HEHEHE, GANZ SCHÖN BREIT, WAS, ALTER!?“

Hakennase fletschte die Zähne, ihre Hakennase bog sich um ein weiteres Stück. Walter beabsichtigte, verneinend den umwölkten Kopf zu schütteln, doch die Intention verpuffte im Ansatz der Bemühung. Wirre Empfindungen quollen losgelöst aus seinem Schädel, projizierten sich auf das Phänomen der Wahrnehmung; er hockte da, aufgrund des Dahockens magnetisch an den Stuhl gefesselt.

Zu fortgeschrittenem Zeitpunkt, als die Reihen der Gäste sich lichteten, spähte sein ICH (Persönlichkeit? Image? Gedankengut?)aus dem Muster der Denkimpulse hervor, automatisch verliefen Reaktionsvermögen und Reflexionsfähigkeit in unbewussteren Bahnen. Er kam aus dem Staunen wieder heraus, sah sich imstande, aller Schwerkraft zuwider, die hermetische Starre abzuschütteln.

Sein Tischnachbar, von aufwallender Inbrunst beseelt, ließ derweilen Folgendes verlauten: „Siehste die beiden Perlen dort drüben? Die kenne ich! Richtige Zuckerpüppchen.“

Seite an Seite saßen zwei Mädchen auf hohen Hockern an der Bartheke, vor ihnen schlanke Gläser mit bläulich glühender Flüssigkeit. Blondierte Locken hüben, rot schimmernde Mähne drüben, aufmunterndes Mienenspiel, von lasziven Gesten begleitet. Hakennase gab Zeichen! Heißlaufende Gedanken, Frühlingsgefühle, Gerangel am Tisch!

Auf dem Weg zu ihm nach Hause: die Besinnung stieg schübchenweise an die Oberfläche, er, noch fremdelnd, am Steuer seines Käfers, Zwerg Nase auf dem Beifahrersitz, auf der Rückbank säuselnde Stimmen, betörender Parfümgeruch und anzügliches Kaugummigeschmatze. Postwendend meldete sich das schlechte Gewissen, als wäre es ein Kapitalverbrechen, den jüngsten Mahnungen zum Trotz ein paar nette Leute einzuladen – an einem Wochenende, das seine Eltern am Ostseestrand bei Niendorf verbrachten.

„Mann“, krähte Hakennase dazwischen, „du kriechst ja wie eine Schnecke übers Pflaster … soll ich aussteigen und die Kiste anschieben?“

„Wieso?“, protestierte Walter desorientiert, während seine Pupillen auf der Suche nach dem Tachometer waren. Sein rechter Fuß erwachte zum Leben, er drückte das Pedal eine Nuance tiefer und der VW knatterte durch die schemenhafte Dunkelheit und steuerte eine abgelegene Wohngegend an. Die Wege schrumpften mit jeder Biegung, bald parkte er vor einem schmalen, gutbürgerlichen Reihenhaus, stellte den Motor ab und löschte das Scheinwerferlicht. Die Motorhaube gab ein leise knackendes Geräusch von sich; ratlos starrte die kleine Gruppe aus den Seitenfenstern zu ihrer Linken – ein Stillleben im Mondlicht: auf einer Wiese gegenüber der Siedlung zeichnete ein fahler Glanz die Silhouetten schlafender Kühe nach.

Ein Korken schoss gegen die Wohnzimmerdecke, Sekt sprudelte, die Stimmung hob an, derweil Hakennase (der eigentlich Martin hieß) ein alchimistisches Ritual inszenierte. Zum feierlichen Höhepunkt ließ er eine qualmende Tüte zirkulieren; zehn Minuten später setzte die gebündelte Wirkung von Alkohol und Marihuana ein, folgenschwer, wie sich noch herausstellen sollte. Fasziniert betrachtete Walter die magisch quirlende Flüssigkeit in seinem Sektglas, beobachtete das Zusammenspiel der Lichtreflexe und den Schlangentanz der aus dem Nichts aufsteigenden Bläschen. Eine monströs anmutende Lampe aus gebranntem Ton, die den Glastisch zu beleuchten hatte, sprach der Tatsache Hohn, an dem filigranen Schauspiel beteiligt zu sein. Unwiderstehlich legte ihr Gewicht sich auf sein Gemüt, der Oberkörper kippte, die Wange erreichte die flauschige Lehne des Sofas. Bleiern senkten sich die Augenlider, Stimmen erstarben in Geflüster … und das Vergessen streckte sich herbei.

Geweckt von einem Sonnenstrahl – er brach sich Bahn durch eine Ritze im Vorhang, fiel wie ein Lichtschwert auf sein Gesicht und spaltete die Stirn. Wehleidig richtete er sich auf, schaute auf leere Weinflaschen, verstreute Salzstangen, überquellende Aschenbecher und schwelende Fragezeichen. Martin lag, im wahrsten Sinne der Redensart, unterm Tisch; rücklings ausgestreckt auf dem Berberteppich, kuschelte er seinen krausen Schopf an ein Sofakissen. Von den parfümierten, kichernden Mädchen schwebte nur noch eine vage Erinnerung im Raum.

Einer bösen Vorahnung auf den Fersen, schlingerte Walter ins elterliche Schlafzimmer. Im Bruchteil eines Wimpernschlags versteinerte seine Wirklichkeit und die Gewissheit presste sämtliche Luft aus seinem Brustkasten. Dass die Bettlaken zerwühlt waren, damit allein hätte man leben können. Doch dass aus der Biedermeierkommode sämtliche Klamotten heraushingen, Mutters Schmuckkästchen völlig geschröpft dalag, anklagend auf dem Plüschteppich, oder dass von dem runden Abstelltisch handliche, elektronische Spielereien entwendet waren und selbst Vaters glänzender Fußballpokal durch sein Abhandenkommen die Welt verdunkelte, all dies schlug in Walters Bewusstsein ein wie eine Splitterbombe. Innerlich zerrissen vor Wut, Abscheu und blankem Entsetzen, hörte er schon die schicksalsbeschwörenden, wehklagenden Stimmen, dieunersetzlichen Erinnerungsstückenunddem schönen neuen Nerzhinterhertrauerten. Gekrönt von der elementaren Frage: „Weshalb eigentlich setzt man sich ein Kind in die Welt?“

Auch darauf fehlte ihm seit jeher die passende Antwort.

Er lebte in einem backsteinfrischen Eigenheim, das seine Eltern zwei Jahre zuvor erworben hatten. Er war sechzehn Jahre alt gewesen, beseelt von aufmüpfiger Neugierde und alles andere als erpicht darauf, an einem tristen Ort fernab der Heimatstadt sein Vorhandensein zu fristen. Verbannt in ein gottverlassenes Kaff, wo sich im Umkreis von zehn Kilometern gesellschaftliche Aktivitäten auf eine windschiefe Imbissbude nebst Kiosk, zwei Telefonzellen, eine Kneipe und einen mit tausend Maulwurfshügeln gesprenkelten Bolzplatz beschränkten. Die trostlose Gegend bereitete in seiner Psyche den idealen Nährboden für Fernweh, Weltschmerz und Selbstmitleid.

Sein konkurrenztüchtiger Vater, leitender Angestellter einer Baufirma, verschaffte seinem einzigen Sohn und Hoffnungsträger einen Ausbildungsplatz in einem Stahlhochbaubetrieb. Mangels anderweitiger Vorstellungen bezüglich der Berufswahl tippelte er den abgesteckten Weg entlang und als angehender Technischer Zeichner hinein in die Kulissen der Erwachsenenwelt, Hüter einer Bürobox, die synthetisches Mobiliar, ein Zeichenbrett sowie Lineale, Zirkel, Stifte und eine Schublade voller Schablonen beherbergte. Darüber hinaus nistete sich eine nicht zu bändigende Langeweile ein. Seine Stimmung erfuhr beim Wechsel zwischen Wohnort und Arbeitsplatz kaum eine umfassende Schwankung, Walter war meistens deprimiert. Hatte er eben noch brav in der Schule vor einem Schreibpult gesessen, stand er jetzt gefügig in der Reihe vor einem Zeichenbrett, jonglierte mit Zahlen und Berechnungen und zog millimetergenaue Striche. Die Wochentage waren von einer gedehnten Ereignislosigkeit geprägt, das Basteln an einer gesicherten Zukunft geriet zum Zerbröseln an der stumpfen Gegenwart. Triefäugte Walter an dem eigenen Arbeitsgerät vorbei, sah er auf der gegenüberliegenden Seite des Raums die Rückseiten von vier identischen, auf Stativen montierten Zeichenbrettern, und darunter hervorschauend die Beine der standhaften Kollegen in adretten Bügelfaltenhosen. Und er wunderte sich: Wie hält man das aus? Jeden Tag, fünfzig Jahre lang, Striche ziehen. Dieses pflichtgemäße Rumstehen, stellt das niemand in Frage? Will niemand mehr vom Dasein, mehr bewegen und ausprobieren als dieser Zweckgebundenheit zu dienen?

Gegen Ende des ersten Lehrjahrs hielt er das ziellose Verlangen nicht länger in Zaum. Alles was in ihm steckte an Hoffnung, Mut und Sehnsucht sträubte sich gegen diesen vorhersehbaren Ablauf der Dinge. Ehe er sich dessen richtig versah, hatte er seinen Schreibtisch geräumt, hatte jedes Indiz seiner Anwesenheit entfernt und sich mit vorgespielter Leichtigkeit von den verblüfften Kollegen verabschiedet. Auf dem Heimweg versuchte er alle denkbaren Szenarien durchzuspielen, jede mögliche Reaktion vorwegzunehmen, die ihn hinsichtlich der Kündigung erwarten mochte. Er hatte den Status des rechtschaffenen Sohns („Wir sind stolz auf dich!“) verspielt – eingetauscht gegen den Unvernunft verkörpernden Teenager („Du wirst es noch bereuen!“), den abtrünnigen Widerling („Womit hat man das verdient!“), bereitete seinen Elterndie Enttäuschung ihres Lebens!

Beim heiteren Beruferaten war Walter durchgefallen, der Diaprojektor mit den Entwürfen einer von vorderhand erdachten Existenz kam unwiderruflich zum Stillstand.

Gelegentlich entstieg Walter der Rolle des verletzlichen Rebellen und schlug in der lokalen Tageszeitung unter den Stelleninseraten nach. Viel Auswahl bot sich dem lustlosen Auge mitnichten. Beim ersten Job, gebeugt über eine Drehmaschine, setzte er im Akkordtempo Metallstängel und Bürstengarn zu primitiven Toiletten- oder Abwaschbürsten zusammen. Dessen überdrüssig, hantierte er sodann in einer großen Fabrikhalle an einem Fließband und verfrachtete die heranfliegenden Honiggläser, zwei Dutzend pro Einheit, in bereitstehende Kartons. Hernach folgte ein Intermezzo im Maschinenlärm der MöbelfabrikPlatten & Planken, wo er systematisch eine Spanplatte nach der anderen unter eine unermüdlich rotierende Walze schob. Sollte er die Unverfrorenheit besitzen, sekundenlang innezuhalten, ereiferte sich unverzüglich einer der Veteranen am anderen Ende des Bandes, so als verkünde er das Jüngste Gericht: „BRETTER! BRETTER! BRETTER!“

Kopfüber

Im Minutentakt erschütterte das Bellen einer Autohupe die kleine Gemeinde. Auf dem Hausdach quietschte ein nimmermüder Wetterhahn, heftige Windböen ließen die Gräten der Antennen erzittern, rostfarben gegen den grauen Himmel. Endlich spuckte das schäbige Mietshaus eine gebeugte Gestalt aus, ihr Erscheinen verlieh dem Provinzdasein eine derbkomische, ja absurde Note: der sympathische Schmierlappen, Anfang zwanzig, bleicher Teint, Müßiggänger aus Überzeugung, kein Don Quichotte, eher ein Sancho Pansa. In einer muffigen Kellerwohnung hausend, von psychedelischer Musik umspült, verbrachte er den Großteil seines Lebens in horizontaler Lage; falls seine Lippen nicht gerade an einer Bierflasche hingen, saugten sie vermutlich am Mundstück einer Wasserpfeife. Unvereinbar mit seinem Ideal von leidenschaftlichem Nichtstun waren die Gebote der Körperpflege. Noch mehr als die Badewanne verabscheute er den monatlichen Gang zum Sozialamt.

„Hey, Alter!“, grummelte Martin verschlafen, aus vollem Herzen gähnend, während er sich, schal riechend wie ein aufgelesener Vagabund, ins Auto zwängte. „Dreh mal die Heizung ´n bisschen höher, mir ist arschkalt.“

„Mann, siehst du mies aus“, kommentierte Walter das zerknautschte, leichenblasse Gesicht.

„Bin eben ein geborener C-Mensch, was dagegen?“

Das ungleiche Duo brauste über eine Landstraße, von quadratischen Feldern und niedlichen Ansiedlungen gesäumt. Am Fuße einer Pappel klebte das Wrack eines silbergrauen Sportwagens, der Aufprall hatte das Fahrzeug auf die Hälfte seines ursprünglichen Formats reduziert.

Martin kratzte sich am unrasierten Kinn, bevor er die adäquate Frage stellte: „Schon mal dem Tod ins Auge geblickt?“

In Zeitraffer ließ Walter sein kurzes Leben Revue passieren. „Einmal!“, fiel es ihm da ein. „Damals stand ich trampend an der Hauptstraße Richtung Paderborn, als es hinter mir – aus heiterem Himmel – laut schepperte! Also habe ich mich total erschrocken umgedreht und soeben noch mitgekriegt, wie ein Motorrad Funken sprühend auf mich zugeschossen kam! Mann o Mann, verdammt knapp, das kann ich dir sagen … ich konnte in allerletzter Sekunde zur Seite springen!“ Nach einer gewichtigen Pause: „Hinter dem Motorrad kam der Fahrer über den Asphalt geschlittert … echt üble Sache, ich musste ´nen Krankenwagen rufen … aber ich glaube, der Typ war sowieso hinüber.“

Frisch verstrickt in seine Erinnerung, machte Walter keine Anstalten, die Konversation fortzuführen, indem er sich nach Martins todesnahem Erlebnis erkundigte.

„Also …“, meldete der sich kurzerhand zu Wort. „Ich bin mal nach einer krassen Sauftour aus den Latschen gekippt und der Länge nach im Schnee gelandet! Bin einfach so liegen geblieben, von Kälte keine Spur! Wer weiß wie lange ich da urgemütlich herumlag, bis ein alter Opa vorbeigekommen ist, der mir wieder auf die Beine geholfen hat.“

„Wow, sofertig?“, rief Walter anerkennend, sprach´s und hatte bereits den nächsten Einfall: „Ich habe mal fünfzehn Valium auf einmal geschluckt!“

„Fünfzehn Stück? Bist du bekloppt!“

„Ja, kann man wohl sagen. Habe alles wieder ausgekotzt und danach zwei Tage lang durchgepennt.“

Die Räder rollten, pralle Rhythmen schallten aus dem Ghettoblaster und eine glorreiche Stimmung hob an. Zu den elastischen Synthesizer-Beats einer New-Wave-Band rauschten sie nach Gronau, einem farblosen, unwirtlichen Provinznest nahe der deutsch-holländischen Grenze. Ausgerechnet hier, beim Überqueren einer Kreuzung, im Bruchteil einer Sekunde zerschlug es ihre Abenteuerlaune – krachend und scheppernd rammte ein Mercedes ihren Wagen am vorderen Kotflügel und zwei, drei Wimpernschläge lang kreiste die Welt ins Runde. Unter rasselndem Getöse knallten die Reifen gegen den Bordstein, eine Radkappe sprang ab und segelte als silberner Diskus übers Land. Der Ghettoblaster entließ einen finalen Seufzer, Martin schnaubte wie ein gestrandeter Wal.

„VERDAMMTER MIST“, klagte er das Schicksal an. „Ich glaub´s einfach nicht!“

Zehn Meter weiter stemmte der Mercedesfahrer seinen Bierbauch ins Freie. „Bist du blind oder was?“

Walter setzte seine Füße auf verstreut liegende Plastiksplitter, bei jedem Schritt knirschte es unter seinen Sohlen. Nicht verwunderlich, versammelten sich die ersten Gaffer, reckten schaulustig ihre Hälse und gestikulierten miteinander. Er spielte den abgeklärten alten Hasen, der fachmännisch den Schaden begutachtete und prüfend am eingedrückten Kotflügel rüttelte.

Martin kurbelte die Fensterscheibe ein Stück nach unten: „Ähm, soll ich helfen, oder so?“

„Bleib ruhig sitzen“, erwiderte Walter, den abgebrochenen Kotflügel in der Hand. „Was soll ich mit dem Ding machen?“

„Kofferraum.“

Über die Straßenkreuzung rollte ein Streifenwagen und lenkte alle Aufmerksamkeit auf die örtlichen Sheriffs. Nachdem der Sachverhalt zu Walters Ungunsten geklärt worden war, meldete sich prompt ein knochiger Rentner mit Besen und Kehrblech zur Stelle. Zur Besänftigung der Gemüter fegte Walter die Plastikscherben zusammen und beförderte die Ausbeute in eine blitzblanke Mülltonne. Als man sich anschickte, die Reise fortzusetzen, um den neugierigen Dorfbewohnern zu enteilen, gab der Motor ein klägliches Spotzen von sich und die Vorderräder eierten wie Stehaufmännchen.

„So ein Mist, die Kiste ist im Arsch! Wir müssen raus und schieben.“

„Schieben!“Martins Grimasse wurde noch fahler. „Aber wohin denn?“

„Was weiß ich? Wir müssen das Auto irgendwo abstellen.“

Sie drängten, stießen, manövrierten den VW in eine verwahrloste Industriegegend. Dunkelgrauer Rauch stieg aus einem Fabrikschornstein, ein Mann in marineblauem Overall pisste an einen Müllcontainer und ein Gabelstapler schnappte sich einen Stapel Holzpaletten. Im Schutze einer porösen meterhohen Mauer schraubten sie die Nummernschilder ab, nahmen ihr Gepäck heraus und persönliche Utensilien, sodass der Wagen bar jeder Individualität und nichts weiter als ein Ding war. Ein mit Unkraut überwucherter endzeitlicher Schienenstrang verband die industrielle Wüste mit dem Gronauer Bahnhof. Die plakatierte Fassade der Station wirkte wie der Eingang zu einer Geisterbahn. Hinter ihnen sank die trostlose Ortschaft in den Tiefschlaf zurück, kein Blatt fiel zu Boden und kein öffentliches Ärgernis störte die verordnete Ruhe.

Amsterdam, multikulturell aufgefächert, das Flair der großen weiten Welt. Von Reizen überflutet querten sie den Bahnhofsplatz und steuerten die Mündung einer Einkaufsstraße an. Kribbelnd legte sich ein feiner Nieselregen auf Haut und Haare, Dämmerung senkte sich über die City. Im Vorbeigehen warfen sie flüchtige Blicke in die Schaufenster der Boutiquen, nasse Steinfliesen spiegelten den Glanz von etlichen Halogenlampen. Auf einer Bogenbrücke, die eine Gracht überspannte, legten sie eine kurze Pause ein und sammelten ihre ersten Eindrücke. Pittoresk, wie niedliche, aneinandergedrängte Hausboote von gusseisernen Straßenlaternen illuminiert waren. Die meisten Fensterreihen der schmalen Häuser, die das Kanalufer säumten, zeigten sich unverhangen, boten Einsichten in intime Szenarien: Menschen auf Sofas, an Esstischen, beim Telefonieren oder vor flimmernden Fernsehaltaren. Sie gingen weiter, wichen wiederholt den Haufen von Hundescheiße aus, tappten über holpriges Kopfsteinpflaster und durch enge und noch engere Gassen. Ein verwittertes Schild an einer Hausecke offenbarte ihnen, dass sie auf dem richtigen Weg waren:Utrechtsedvarsstraat. Laut Reiseführer befand sich in dem Gässchen mit dem zungenbrecherischen Namen eine preisgünstige Herberge. Ein vom Zahn der Zeit gebeugtes Gebäude, das sich an die Nachbarhäuser klammerte und jedermanns Erbarmen erweckte. Es machte mit verblassenden Lettern oberhalb der Eingangsnische auf seine Existenz aufmerksam. H-O-T-E-L.

Sie mieteten ein Doppelzimmer für 50 Gulden pro Übernachtung, erklommen die zierlichen, unsicher anmutenden Stufen des Treppenhauses und erforschten im dritten Stock einen schummrigen Korridor. Ihr Zimmer erwies sich als winziges, zur Seite geneigtes Beräumnis, die Kajüte eines Raddampfers kurz vorm Kentern. Die Fußbodenbretter knarrten bei jedem Schritt. Nichts in dieser schmucklosen, kitschig tapezierten Besenkammer lud zum Verweilen ein.

Die Regenwolken zogen nach Osten davon, in der Luft hing ein Geruch von feuchtem Laub und süßem Moder, der aus den Poren uralten Mauerwerks hervordampfte. Vorbei an zwielichtigen Figuren eilten sie mit langen Schritten ins Rotlichtdistrikt; eine grelle Leuchtschrift sandte eine hypnotisierende Botschaft: PEEPSHOW, LIVE. Die Fassade des Etablissements war mit überdimensionalen Grafiken dekoriert: sich verführerisch schlängelnde, halbnackte Frauenleiber. Aus verborgener Quelle entstieg ein ekstatisches Gestöhne. Verstohlenen Blickes schlichen sie über einen schmalen Flur, hinter einer Aneinanderreihung violetter Türen lockte die ultimative Versuchung, der Ruf des Fleisches. Sehnsuchtsvolles, geiles Flackern in den Augen, drückte Martin eine Klinke und war verschwunden, ein Riegel schnappte und ein rotes Lämpchen entflammte über der Tür. Höchster Erregungszustand! Auch Walter wollte ein Lämpchen zum Leuchten bringen– in der beengenden Kabine roch es nach Desinfektionsmittel, süßlichem Sperma und nach Achselschweiß. Er las die Gebrauchsanweisung an einem Metallkästchen, zwängte ein Fünfguldenstück in den Münzschlitz und vernahm ein verdächtiges Klirren. Hokuspokus glitt in Augenhöhe eine Klappe aufwärts und gab den Blick auf schwabbelig wogende Hinterbacken frei. Die Frau drehte sich mechanisch, missvergnügt um, drapierte ihren Körper über einen gepolsterten Stuhl, spreizte die Beine und sah den jungen Spanner voller Geringschätzigkeit an. Spitzbübisch tasteten seine Augen über ihr Geschlecht, von dunklem Haarwuchs wild umwuchert. Doch wieder und wieder stierte er in das grotesk geschminkte Gesicht, auf dessen Zügen, allem Hochmut zum Trotz, eine Spur von Bitterkeit lag.

Hinaustretend auf eine regennasse, müllumspülte Straße, spielte Martin den Draufgänger. „Wird Zeit, uns ein paar Drogen zu besorgen.“ Er guckte sich nach allen Seiten um, so als hinge womöglich einer der lichtscheuen Gestalten eine lange Tüte aus dem Mundwinkel.

Während der willkürlichen Suche sprachen sie einen umhertorkelnden, pestbeuligen Kerl an, eine käsige Bohnenstange mit Dreadlocks, dessen knochige Hand Halt suchend zur nächsten Hauswand flatterte.

„Klar! Ich habe noch Trips in der Tasche und Hasch für´n Hunderter“, lallte er auf Englisch und blies ihnen seine kotzige Fahne ins Gesicht. Martin schaute den Besoffenen ehrfürchtig an, so als erscheine ihm das Orakel von Delphi höchstpersönlich.

„Na prima, nehmen wir alles“, posaunte er, und händigte dem Zerlumpten mehrere Geldscheine aus.

Der weiße Rastafari knüllte das Geld lieblos zusammen und krächzte spöttisch: „Schon gut, schon gut.“ Mit Siebenmeilenstiefeln suchte er das Heil in der Flucht, nach hundert Metern Schlangenlinie hatte ein nebliger Dunst seine Silhouette verschluckt.

Martin bastelte einen imposanten Joint, machte beim Anzünden ein theatralisches Gehabe, und siehe da, in Sekundenschnelle qualmte es infernalisch aus der Tüte und ein abscheulicher Gestank von brennendem Gummi verpestete die Luft. Das Unikum brodelte, sprühte und knallte. Von Rauchwolken umzingelt kämpfte Martin sich ans Ufer einer Gracht vor; der Pseudojoint landete auf dem schwarzglänzenden Gewässer und zischte ein letztes Mal gehässig. Aus unbestimmter Ferne ertönte das höhnische Gebimmel einer Trambahn.

„Das Schwein,das Schwein, das schnappe ich mir“, stöhnte Martin, nach Luft schnappend. „Die Drecksau wird fertig gemacht!“