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Die Waitaha führen sich auf die ältesten Besiedler Neuseelands zurück. Sie waren ein matriarchal geprägtes Volk des Friedens und kannten keine Waffen; sie lebten in einer gewaltfreien Gesellschaft im Einklang mit der Natur und in Kooperation mit anderen Völkern. In ihren Einweihungsschulen haben sie ein reiches esoterisches Wissen durch Jahrtausende bewahrt. Die letzten heute noch lebenden Waitaha haben erst 1994 ihre Geschichte als Song of Waitaha. The Histories of a Nation veröffentlicht. Die hier versammelten Essays und Aufsätze aus fast zwei Jahrzehnten beschäftigen sich mit der Kultur der Waitaha, berichten von den Begegnungen mit ihren heute noch lebenden Vertretern und versuchen in immer neuen Anläufen, ihre tiefe Spiritualität zu verstehen. Die Beiträge sind zuvor in Zeitschriften unterschiedlicher Ausrichtung und Leserschaft erschienen, was sich in den wechselnden Blickrichtungen und Schwerpunkten der jeweiligen Aufsätze spiegelt. Einige Artikel erweiterten das Thema und blicken auf verwandte indigene Überlieferungen z.B. der Guarani oder der Hopi oder andere Schöpfungsmythen. So kreisen die unterschiedlichen Texte wie ein musikalisches Thema mit Variationen um eine Kultur, die bis heute geprägt ist von tiefem Wissen und gelebter Achtsamkeit, von Weisheit und Liebe. / /// "Waitaha ist, wenn unsere Kinder groß werden mit der Gabe, die Pflanzen wachsen zu hören und die Seele soweit zu öffnen, dass sie die Sterne berührt."
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Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2024
Makere, Anne, Te Porohau
in Dankbarkeit
Winfried AltmannWaitaha. Weisheit und Liebe
Herausgegeben vom Karl König Institutfür Kunst, Wissenschaft und Soziales Lebenwww.karlkoeniginstitute.org
ISBN E-Book 978-3-95779-202-0
ISBN gedruckte Version 978-3-95779-201-3
Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2024 der gedruckten Ausgabe zugrunde.
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage 2024
© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KGFrankfurt am Main 2024
Info3 Verlag
Kirchgartenstr. 1, 60439 FrankfurtTel. 069-58 46 47, [email protected]
Typographie, Satz und Gestaltung: Winfried Altmann
Die Waitaha führen sich auf die ältesten Besiedler Neuseelands zurück. Sie waren ein matriarchal geprägtes Volk des Friedens und kannten keine Waffen; sie lebten in einer gewaltfreien Gesellschaft im Einklang mit der Natur und in Kooperation mit anderen Völkern. In ihren Einweihungs-Schulen haben sie ein reiches esoterisches Wissen durch Jahrtausende bewahrt. Die letzten heute noch lebenden Waitaha haben erst vor wenigen Jahrzehnten ihre Geschichte mit dem Buch „Song of Waitaha“ veröffentlicht. 2006 brachte Winfried Altmann eine von ihnen autorisierte deutschsprachige Ausgabe heraus.
Die hier versammelten Essays und Aufsätze aus fast zwei Jahrzehnten beschäftigen sich mit der Kultur der Waitaha, berichten von den Begegnungen mit ihren heute noch lebenden Vertretern und versuchen in immer neuen Anläufen, ihre tiefe Spiritualität zu erschließen. Die Beiträge sind in Zeitschriften unterschiedlicher Ausrichtung und Leserschaft erschienen, was sich in den wechselnden Blickrichtungen und Schwerpunkten der jeweiligen Aufsätze spiegelt. Einige Artikel erweiterten das Thema und blicken auf verwandte indigene Überlieferungen z.B. der Guarani oder der Hopi oder andere Schöpfungsmythen. So kreisen die unterschiedlichen Texte wie ein musikalisches Thema mit Variationen um eine Kultur, die bis heute geprägt ist von tiefem Wissen und gelebter Achtsamkeit, von Weisheit und Liebe.
„Im Anfang rief Io Mata Ngaro, Gott der Götter, Vater und Mutter der Ungeborenen und Schöpfer aller Wesen, das Universum ins Dasein. Und alle die Sternengeborenen waren Brüder und Schwestern, Glieder einer Familie. Und das Geschlecht der Menschen begab sich auf dem Weg der Geburt in die Welt des Lichts. Und ihr Geist erhob sich frei empor. Und sie fielen in die Welt des Dunkels, wo das Böse lauerte, um die Kinder von Tane auf die Wege der Schmerzen und des Leidens zu schicken. Und sie wandten sich wieder dem Lichte zu und standen aufrecht im Kreis des Friedens.“
„Wir legen unsere heiligen Überlieferungen in deine Hände in der Hoffnung, gegenseitiges Vertrauen und Verständnis zu fördern. Es gibt kein größeres Geschenk, das wir den Menschen dieses Landes machen können. Dies sind unsere kostbarsten Schätze. Sei dir bewusst, was dir gegeben wird.“
Aus: Song of Waitaha
Winfried Altmann,
1942 in Dresden geboren, in Düsseldorf aufgewachsen. Studium der Germanistik und Philosophie in Marburg und München. Über vier Jahrzehnte in Buchverlagen in Stuttgart und Dornach/Schweiz tätig. Seit Gründung 2012 ehrenamtliche Mitarbeit im Karl König Institut. Verwitwet, zwei Kinder und drei Enkel; lebt in Berlin.
Erste Neuseelandreise 1996, seit 2001 im Kontakt mit den Waitaha, die er 2003, 2006 und 2017 besuchte und deren heiliges Buch „Song of Waitaha“ er mit ihrem Einverständnis ins Deutsche übersetzte und 2006 veröffentlichte.
Vorblick
MaoritangaDie Wirklichkeit des Mythos in Aotearoa
WaitahaDie etwas anderen Ureinwohner Neuseelands
The sadness still remainsDie letzten Waitaha in Neuseeland
Brückenschlag zwischen Anthroposophie und „alter“ SpiritualitätBegegnung mit den Waitaha in Neuseeland
Ein jeder und ein jedes ist ein GartenZum ökologischen Wissen und Leben der Waitaha
Das Vermächtnis der WaitahaDas spirituelle Erbe einer gewaltfreien Kultur in Neuseeland
Heimat ErdeWaitaha – ein Naturkulturvolk, das „die Musik des Landes hören“ konnte
Auf großer Bühne„Song of Waitaha“ als Theaterstück
Der Schöpfungsmythos der GuaraniDie Zeit vor der Zeit
Im Anfang war das WortZeugnisse aus den Schöpfungsmythen indigener Völker
Manu, Moses & MoreEurythmisch-sinfonische Theaterprojekte
Auf den Gezeiten des Lebensoder was ein polynesisches Waka mit dem dreigliedrigen Menschen zu tun hat
Nachklang
Anhang
Bibliographie
Bildqellen
In diesem Buch sind verschiedene aus fast zwei Jahrzehnten zu einem Strauß zusammengebunden, die sich mit der indigenen Kultur der Waitaha im alten Neuseeland beschäftigen, ihre tiefe Spiritualität zu verstehen versuchen und von den Begegnungen mit ihren letzten heute noch lebenden Vertretern berichten.
1996 bin ich bei Freunden in Neuseeland auf das kurz zuvor erschienene Buch „Song of Waitaha. Histories of a Nation“ gestoßen bzw. dieses heilige Werk der Waitaha, mit dem sie zum ersten Mal ihre Geschichte und Kultur öffentlich machten, war mir vor die Füße gefallen und hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Lange Jahre habe ich vergeblich versucht, in Verbindung mit den Menschen hinter diesem (längst vergriffenen) Buch zu kommen, bis es durch eine Verkettung merkwürdiger „Zufälle“ zu einem ersten Telefonkontakt mit dem Autor kam. Ich hatte gerade mit Übersetzungsversuchen begonnen, musste aber schon beim ersten Telefongespräch hören, dass eine Publikationserlaubnis für eine deutschsprachige Ausgabe ihres Buches ausschließlich nach einer Begegnung „Aug‘ in Aug‘“ erwogen werden könne.
2003 kam es schließlich zu dieser ersten persönlichen Begegnung mit Te Porohau und Makere Ruka Te Korako; 2006 erschien die von ihnen autorisierte deutsche Ausgabe von „Song of Waitaha“ – Anlass für einen weiteren Besuch in Neuseeland. Zwei Jahre später kam im Goetheanum in Dornach/Schweiz, anlässlich einer internationalen Waldorflehrertagung, ein „eurythmisch-sinfonisches Theaterspektakel ,Waitaha‘“ mit Schülern aus Deutschland zur Aufführung; zu diesem Anlass hatten wir Te Porohau und Makere zu einem Europabesuch eingeladen. 2017 konnte ich ein bisher letztes Mal die Waitaha-Freunde in Neuseeland besuchen.
Die hier veröffentlichten Betrachtungen basieren einerseits auf dem Dokument der alten Traditionen – „Song of Waitaha“ (alle kursiv gesetzten Zeilen sind, wenn nicht anders angegeben, Zitate daraus) –, andererseits auf den persönlichen Begegnungen mit den Waitaha in den letzten zwei Jahrzehnten. (Früher von mir veröffentlichte Beiträge zum Thema sind deshalb hier nicht aufgenommen.) Der letzte Aufsatz in dieser Sammlung („Auf den Gezeiten des Lebens“) ist eine Erstveröffentlichung; er war 2022 als eine Art Mini-Festschrift zum 70. Geburtstag von Richard Steel, dem Gründer des Karl König Instituts, entstanden – ein Privatdruck von nur fünf Exemplaren. Richard Steel gab die Anregung, diesen Text „richtig“ zu veröffentlichen, was Überlegungen in Gang setzte, die schließlich zu der hier vorliegenden Sammlung geführt haben.
Es gibt ein tiefes und nachhaltiges Interesse am Thema „Waitaha“, das ich bei Vorträgen und Seminaren immer wieder erleben konnte. Auch der zwar nicht üppige, aber doch immer noch regelmäßige Verkauf des Buches, das schon bald in 2. Auflage erschienen war (das englische Original ist schon lange nicht mehr lieferbar), zeigt das lebendige Interesse an „alten Weisheiten“, wenn ihre Inspirationskraft für die Menschen und Fragen in heutiger Zeit erkennbar wird. Diese Brücke nicht nur über die Kontinente hinweg, sondern auch in die Gegenwart zu schlagen, war mir stets das innerste Motiv bei allen Darstellungen.
Zeitschriften-Publikationen sind kurzlebige Produkte. Schon mit der nächsten Nummer – der neuen Woche, des folgenden Monats oder Quartals – ist das letzte Heft bereits veraltet, unsichtbar geworden, vergessen. Deshalb schien es mir sinnvoll, meine Aufsätze über die Waitaha und das spirituelle Wissen indigener Völker aus dem Archiv-Schlaf zu befreien und in einer Buchausgabe wiederzubeleben und längerfristig zugänglich zu machen.
Bei verschiedenen Artikeln zum gleichen oder ähnlichen Thema kommt es unvermeidlich zu Wiederholungen, wenn sie gesammelt abgedruckt werden. Ich habe deshalb an einigen Stellen Kürzungen vorgenommen, gelegentlich auch Ergänzungen bzw. Aktualisierungen. Auf der anderen Seite handelt es sich um Beiträge in verschiedenen Zeitschriften mit zum Teil ganz unterschiedlicher Ausrichtung und Leserschaft, was zu entsprechend spezifischen Darstellungen führte. Manche Essays erweiterten das Thema, und zuweilen gab es konkrete Anlässe, über die zu berichten war wie z.B. die Schüleraufführungen der Schöpfungsmythen der Guarani oder der Genesis Moses‘. So hoffe ich, dass auch bei sich wiederholenden Beschreibungen diese durch ihre verschiedenen Blickrichtungen und wechselnden Beleuchtungen eher als anregend empfunden werden, so wie ein Thema mit Variationen in der Musik.
Ein größerer Teil meiner Aufsätze ist in anthroposophischen Zeitschriften erschienen. Bei ihren Lesern konnte ich eine gewisse Vertrautheit mit anthroposophischen Denkweisen und Begriffen voraussezten. Ich hoffe aber, dass bei Menschen ohne diesem Hintergrund meine Gedankengänge, trotz einiger vielleicht ungewohnter Begriffe, verstehbar sind. Es sollte auf keinen Fall der Eindruck entstehen, dass die Forschungen und Darstellungen Rudolf Steiners unabdingbare Voraussetzungen seien, um das spirituelle Wissen und die überlieferten Weisheiten indigener Völker „richtig“ zu verstehen. Andererseits will ich nicht verschweigen, dass für mich die Gedankenbilder und Erkenntnisse der Anthroposophie eine entscheidende Hilfe waren und sind – ein Schlüssel zum immer tieferen und besseren Verständnis der Waitaha-Kultur und ihrem Hintergrund. Das hat sich für mich im jahrelangen Umgang mit diesen Themen bewahrheitet, zumal ich immer bemüht war, die „Geschichte hinter den Geschichten“ zu erkennen, das „offenbare Geheimnis“, die „Urbilder“ im Sinne Goethes zu entdecken, wenn vielleicht auch nur anfänglich und bruchstückhaft:
Unter den vielen, die sich an den Erzählungen erfreuen, werden die wenigen sein, die fähig sind, die Geschichte hinter den Geschichten zu erkennen.
Die fruchtbarste Antwort auf die Frage, wer wie am besten die Waitaha verstehen könne, geben sie selbst:
Du sollst wissen, dass unsere Wahrheit und deine Wahrheit nicht die gleiche sein müssen. Wir alle haben unseren eigenen Weg zu gehen, und zahlreich sind die Pfade, die zur Weisheit führen.
Mögen die hier versammelten Betrachtungen ein kleiner Nebenpfad zu diesen Pfaden sein.
Epiphanias 2024Winfried Altmann
Holzstele Tane Nui o Rangi im Auckland Zoo
FÜR MANCHEN TOURISTEN ist der Linksverkehr der größte Kulturschock, den er in Neuseeland erlebt; alles andere mutet mehr oder weniger vertraut an. Die Infrastruktur, die Straßen, Unterkünfte usw. haben besten europäischen Standard, die Landessprache ist die Weltsprache Englisch und das Land erinnert, je nach Gegend, an Schottland, den Schwarzwald oder die europäischen Alpen (weswegen die neuseeländischen auch einfach „Südalpen“ heißen). Die exotische „Fremde“ erlebt der Besucher vielleicht in einer folkloristischen Aufführung, wo er sich bei einem „Haka“ vor den weit aufgerissenen Augen und lang herausgestreckten Zungen der wilden Maori-Krieger wohlig gruselt. Er meint, hier der „echten Volkskultur“ zu begegnen und dieses Land am anderen Ende der Welt nun kennengelernt zu haben. In Wahrheit hat ein solcher Tourist Europa nie wirklich verlassen. Sein Wahrnehmen, Erleben und Denken ist stets europäisch geblieben. Nur wer sich auf die zu Europa nicht nur geografisch ganz entgegengesetzte Lage Neuseelands bewusst einlässt, wird sich dem eigentlichen Aotearoa nähern.
Die erste Wahrnehmung des „ganz anderen“ Neuseeland hat zwangsläufig jeder Besucher; sie ist so simpel, dass kaum jemand sie bewusst erlebt: Sonne, Mond und Sterne laufen „falsch herum“ über den Himmel und der Mann im Mond steht auf dem Kopf, wie auch die Sternbilder, die auf beiden Hemisphären zu sehen sind (zum Beispiel der Orion). Eine andere Gegensätzlichkeit zu Europa zeigt der Blick auf den Globus. Die Maori sind Polynesier; diese bewohnen das größte Gebiet, das je ein Volk auf der Welt seine Heimat nannte – größer als Afrika und Europa zusammen. Es ist das sogenannte Polynesische Dreieck, das sich, ziemlich genau gleichschenklig mit über 7.500 Kilometern Seitenlänge, zwischen Hawaii im Norden, der Osterinsel im Osten und Neuseeland im Westen erstreckt. Doch dieses riesige Heimatland der Polynesier besteht zu mehr als 99 Prozent aus Wasser: Das „Land“ der Polynesier ist der Ozean.
Im Gegensatz dazu ist der eurasische Doppelkontinent, unser eigener sozialgeschichtlicher Raum vom fernen Morgenland bis zum Abendland, die größte Landmasse auf dem Globus. Entsprechend „bodenständig“ fühlen wir uns, „fest mit beiden Beinen auf der Erde“ stehend, und bezeichnen mit „Erde“ sogar unseren ganzen Planeten. Das Mittelmeer, eine kleine Pfütze im Vergleich zum Pazifik, wurde von den alten Ägyptern, Griechen und Römern noch einigermaßen bewältigt, aber jenseits der „Säulen des Herakles“ (der Straße von Gibraltar) endete die antike Welt.
Ganz anders die Heimat der pazifischen Völker: Alle Polynesier sind irgendwann über das Meer gekommen, so auch die Maori Neuseelands. So verwundert es nicht, dass das feste Land, das sie hier erreichten, als ein Geschöpf des Ozeans erlebt wurde. Nach ihren Mythen ist die Nordinsel Neuseelands ein riesiger Fisch: der Fisch von Maui („Te Ika a Maui“), den er im Schlepptau seines Waka (das Doppelrumpf-Kanu „Te Waka a Maui“), welches die Südinsel ist, hinter sich herzieht. Traditionsbewusste Maori definieren sich bis heute über das jeweilige Waka, mit dem ihre Vorfahren aus dem sagenhaften Hawaiki gekommen sind. Etwa fünfzig Namen solcher Waka sind überliefert; jeder Name steht für die Identität eines Stammes.
So ist der Lebens-Raum der Ureinwohner Neuseelands ein völlig anderer als der europäische. Unter anderen Sternen und einem sich „andersherum“ drehenden Himmel lebend, sind sie Erben einer ozeanischen Kultur; ihre mythische Heimat Hawaiki liegt jenseits des Meeres, ihre Stammes-Heimat in Neuseeland ist durch das Kanu der Vorfahren bestimmt.
Aber auch das Zeit-Erleben der Maori ist unserem diametral entgegengesetzt. Nur wer diesen fundamentalen Unterschied erfasst, kann ein Verständnis für die spezifische Mentalität, Denk- und Erfahrungsweise der Maori und ihre tiefgründige Mythologie und Spiritualität entwickeln.
Unser europäisches Zeitbewusstsein ist linear; Zeit ist für uns ein Strom, der nur eine Richtung kennt: von der Vergangenheit in die Zukunft. Fortschritt, vorwärts- und vorankommen, nach vorn blicken, Spitze sein – das alles ist positiv besetzt.Selbst den Letzten gestehen wir die Hoffnung zu, dereinst die Ersten zu sein. Umgekehrt ist der Blick zurück ebenso einseitig negativ belegt: Wer will schon rückschrittlich sein, hinterherhinken, Schlusslicht sein – das alles ist wirklich das Letzte! Kurzum: Unser westliches Bewusstsein ist einseitig gepolt zugunsten des „Blicks nach vorn“ in die Zukunft.
Bei den polynesischen Völkern liegt das Gegenteil vor: Je weiter etwas zurückliegt, desto wertvoller ist es. Die Zeit läuft für sie zyklisch; in jedem Augenblick sind Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen anwesend, Vergangenheit ist immer „präsent“, ist Gegenwart, und jede Gegenwart gewinnt ihren Wert im Vergegenwärtigen des Vergangenen. Der Blick zurück zum Ursprung ist die wahre Perspektive. So lautet eine traditionelle Begrüßung in Neuseeland: „Tihei mauri ora!“ Dieser Gruß ist eine Vergegenwärtigung des ersten Atemzugs („tihei“, wörtlich: niesen), mit dem man die Lebenskraft („mauri ora“) in sich aufgenommen hat, also eine Erinnerung an die Geburt.
Einer der zentralsten Begriffe der Polynesier ist „whakapapa“, meist mit „Abstammung, Stammbaum“ übersetzt. Manche Maori kennen ihr Whakapapa mit allen Namen sämtlicher Vorfahren über dreißig Generationen zurück bis zu ihren Ahnen, die vor über 700 Jahren Neuseland erreichten. Aber nicht nur Menschen haben ihr Whakapapa, auch Pflanzen und Tiere, ja selbst die Sterne und die Götter. Und jedes Whakapapa endet (bzw. beginnt), wenn es vollständig ist, mit der Schöpfung selbst. Durch unser Whakapapa sind wir mit allen Wesen verwandt, denn alle sind Kinder der Schöpfung.
Am Anfang unserer „Welt des Lichts“ („te ao marama“) steht die tragische Liebesgeschichte von Ranginui (dem Vater Himmel) und Papatuanuku (der Mutter Erde), die den Maori präsenter ist als uns die Erzählung von Adam und Eva. Auch diese Geschichte endete bekanntlich tragisch, und zwar für uns „Kinder Gottes“ mit der Vertreibung aus dem Paradies. Umgekehrt war es bei Papatuanuku und Ranginui: Sie wurden die Opfer ihrer Kinder. Die Sehnsucht nach dem Licht trieb diese an, Vater Himmel und Mutter Erde voneinander zu trennen, denn eng umschlossen von deren leidenschaftlicher Umarmung herrschte für die Kinder völlige Dunkelheit. Aber draußen war das Licht. So kam es zur gewaltsamen Trennung der Götter-Eltern durch ihre Kinder.
Tane Mahuta (auch Tane Nui o Rangi genannt) war es, der seinen Vater Ranginui so heftig von Papatuanuku wegschleuderte, dass dieser zum Himmelszelt wurde. Ewige Sehnsucht und Trauer erfüllt seitdem die Liebenden; die Tränen, die Vater Himmel vergoss, flossen in endlosen Regenströmen auf die Erde, so dass eine Sintflut drohte und die Götter-Kinder schließlich Mutter Erde umdrehten, damit Vater Himmel ihr nicht weiter in die Augen schauen musste. Doch die Tränen von Ranginui fließen noch immer als sanfter Regen hernieder; Papatuanuku weint noch immer leise in der Nacht, so dass der Tau sich legt aufs Gras, und noch immer lässt sie die Vögel höher und höher steigen in die Himmel mit Liedern der Liebe für ihn, den sie nicht berühren kann („Song of Waitaha“).
Mit der Trennung von Himmel und Erde, mit der „Entzweiung“ der Götter-Eltern, zog die Zwietracht ein, denn eines ihrer sieben Kinder (in anderen Überlieferungen sind es siebzig, zuweilen auch siebenunsiebzig Söhne), der Windgott Tawhiri Matea, war entsetzt über das Leid, das seine Brüder seinen Eltern angetan hatten, und wütete gegen sie mit seinen Sturmgewalten, knickte die Bäume, die Kinder von Tane Mahuta, und peitschte das Meer, das Reich von Tangaroa. Die kosmische Einheit war zerbrochen und der Kampf der Götter ist der Preis für unsere Welt des Lichts.
Der Krieg der Götter währte fort und auch der Mensch wurde sein Opfer. Deshalb prägt ein kompliziertes System vielfältigster Tabus den Alltag der Maori, um die Menschen davor zu bewahren, die unsichtbaren Grenzen zwischen den Sphären der Götter zu verletzen und sie zu erzürnen. „Tapu“ und „noa“ – sakral und profan – sind stets die „zwei Seiten der Medaille“; sie bedingen einander wie Plus- und Minuspol eines Magneten. Ob die zwei Kanus eines Doppelrumpf-Waka, Ost- und Westküste der Südinsel, Lebendes und Totes – immer ist eines „tapu“ und das andere „noa“.
„Mana“ ist der Auslöser von „tapu“. „Mana“, ein Schlüsselbegriff in der polynesischen Kultur, ist im ganzheitlichen Weltbild der Polynesier eine spirituelle Substanz, die alles, was sie erfüllt, heiligt, „sakrosankt“, also „tapu“ macht. Nicht nur Menschen können Mana besitzen, zum Beispiel die „tohunga“ oder „ariki“ (spirituelle Lehrer und Stammesführer), sondern auch besondere Plätze, Berge, Flüsse oder Bäume; durch ihr „mana“ sind sie „tapu“, dürfen nicht verschmutzt, entheiligt werden, verdienen besonderen Respekt.
Nachdem Tane Himmel und Erde getrennt hatte, wurde er zum Schöpfer der Bäume sowie der Insekten und Vögel, also der Tiere auf dem Land, und schließlich des Menschen. Ähnlich wie in der Genesis des Alten Testaments, wo Adam von Gott aus einem Lehmkloß geformt und ihm der Lebensatem eingeblasen wird, wurde auch der erste Mensch, Hine Ahu One, aus roter Erde geformt und bekam Leben eingehaucht. Doch im Gegensatz zu Adam war Hine Ahu One eine Frau; so schön, dass ihr Schöpfer Tane sich mit ihr vereinigte und sie eine Tochter von ihm empfing: Hine Ti Tama, „Kind der zarten Farben der Morgendämmerung“. Lange nach ihrer Geburt kehrte Tane zurück und Hine Ti Tama vermählte sich mit ihm. Ihre Kinder waren die sterblichen Menschen.
Noch heute spielen bei den Maori die Großeltern die entscheidende Rolle bei der „Schulung“ der Kinder; sie und nicht die Eltern sind ihre Lehrer. So suchte Hine Ti Tama nach dem Großvater ihrer Kinder und erfuhr, dass es Tane, ihr eigener Gatte war. Voller Scham und Zorn schied sie von ihm. Unter ihrem neuen Namen Hine Nui Te Po (wörtlich „große Frau der Nacht“) wurde sie zur Hüterin des Totenreichs. Dort erwartet sie bis zum heutigen Tag jeden Verstorbenen und geleitet ihn durch diese Welt des Dunkels.
Den tieferen Sinn dieser „Inzest-Geschichte“ kann man vielleicht darin sehen, dass, wenn kulturelle Erfahrung und Wissen immer nur an die übernächste Generation weitergegeben werden, dieses alte Wissen durch die „Großvater“-Rolle von Tane ein heiliges Wissen ist – Götterweisheit, Theologie im ursprünglichen Sinn.
Ein anderer Mythos erzählt von diesem göttlichen Ursprung der Weisheit; es ist die Geschichte von den heiligen drei Körben des Wissens. Wieder war es Tane, dem die Aufgabe zufiel, bis in den höchsten Himmel aufzusteigen, um dort die heiligen drei Körbe des Wissens zu empfangen und den Menschen zu bringen. Whiro, der älteste seiner Brüder, neidete ihm diese Tat, begab sich ebenfalls in den höchsten der Himmel und empfing einen vierten Korb: das Wissen von Gewalt und Krieg – vom Bösen, wenn man so will, oder auch von der Schwarzen Magie, die der eigenen Macht dient im Gegensatz zur Weißen Magie der ersten drei Körbe, die Tane vom Himmel holte – nicht für sich, sondern zum Wohl der Menschen.
An dieser Stelle muss auf die „whare wananga“ hingewiesen werden, die Ausbildungsstätte für die späteren spirituellen Lehrer und Stammesführer. In diesen „Höheren Schulen“ wurden besonders begabte, schon früh ausgewählte junge Menschen in einer jahrelangen Schulung nicht nur in den alten Traditionen und Überlieferungen, den Stammesgeschichten und Ritualen, unterrichtet, sondern auch vorbereitet für die Erlangung des speziellen „esoterischen“ Wissens. das verborgen gehalten wurde – im Gegensatz zum öffentlichen, allgemein bekannten „exoterischen“ Wissen, etwa der oben geschilderten Mythen, die jedem Maori bekannt waren. Entsprechend den drei heiligen Körben des Wissens waren es immer drei verschiedene „Fakultäten“, in denen die Schüler in der whare wananga ausgebildet wurden. Diese Tradition der spirituellen Schulen ist mit der Kolonialisierung und dem Wirken der christlichen Missionare fast gänzlich untergegangen.
Das vielleicht wichtigste Erbe des ehemals verborgenen Wissens aus diesen Schulen, das inzwischen teilweise bekannt geworden ist, dürfte die Geschichte der „Schöpfung vor der Schöpfung“ sein: das Whakapapa der Götter, der Ursprung allen Seins. Dieser Uranfang, der nicht mehr hinterfragt werden kann, ist „The Supreme One“, Gott der Allerhöchste, der mit vielen Namen bedachte einzige Gott: Io.
