Waldgeheimnis - Nicole Stranzl - E-Book

Waldgeheimnis E-Book

Nicole Stranzl

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Beschreibung

In einer noblen Grazer Gegend wird ein Geschäftsmann ermordet aufgefunden. Die LKA-Ermittler Alina Fink und Alexander Thaler sollen herausfinden, wer den Unternehmer mit dessen Golfschläger getötet hat. Doch der Ausbruch des psychopathischen Serienmörders Nikolas Novak aus der Justizanstalt Graz-Karlau überschattet die Ermittlungen. Wird er sich an Alina rächen, die ihn vor zwei Jahren festgenommen hat? Die Zeit drängt, denn Novak plant ein morbides Kunstwerk - aus der tätowierten Haut seiner Opfer. Während Alina der Aufklärung beider Fälle näherkommt, gerät sie zunehmend selbst in Gefahr.

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Seitenzahl: 329

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Nicole Stranzl

Waldgeheimnis

Steiermark-Krimi

Zum Buch

Blutiges Kunstwerk Tristan Wittmann, ein junger, erfolgreicher IT-Unternehmer, wird mit seinem eigenen Golfschläger getötet. Die LKA-Ermittler Alina Fink und Alexander Thaler suchen den Mörder, doch bald überschlagen sich die Ereignisse: Nikolas Novak, ein psychopathischer Serienkiller, bricht aus der Justizanstalt Graz-Karlau aus und versetzt die Bevölkerung in Angst und Aufruhr. Vor seiner Verhaftung tötete Novak fünf Frauen auf brutale Art und Weise und schnitt Tattoos aus deren Haut. Daraus gestaltete er ein Kunstwerk. Nun plant er ein neues … Vor zwei Jahren brachte Alina den Serienkiller hinter Gitter. Wird er an ihr Rache nehmen? Wo hält er sich versteckt und wie ist ihm die Flucht gelungen? Was hat es mit der mysteriösen „Hannah“ auf sich, mit der Novak seit Monaten in Briefkontakt stand? Und in welcher Verbindung steht der Killer mit dem toten Unternehmer? Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt. Gelingt es den Ermittlern, die beiden Fälle zu lösen, ehe weitere Menschen ihr Leben verlieren?

Nicole Stranzl wurde am 13. Juli 1994 in Graz geboren und studierte Journalismus und PR an der FH Joanneum in Graz. Einige Jahre arbeitete sie im Kundenservice einer Pflegeagentur und moderierte parallel bei einem Webradio. Seit April 2021 ist sie als Regionalredakteurin bei der Tageszeitung „Kleine Zeitung“ angestellt. Ihren ersten Thriller veröffentlichte sie mit 19 Jahren, seither sind bereits elf Bücher von ihr erschienen. Die Autorin hat eine Vorliebe für Tabuthemen und die psychischen Abgründe ihrer Figuren. 2023 erhielt sie beim Fine Crime Festival in Graz den Newcomer Award. Zuvor schrieb Stranzl preisgekrönte Kurzgeschichten.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Satz/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © vzwer / iStock.com

ISBN 978-3-7349-3476-6

Zitat

»In meinem Inneren ahnte ich,

dass ich vom Weg abgekommen war.

Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wann und wo.

Ich wusste nicht mal mehr, von welchem Weg.«

Benedict Wells,

deutscher und schweizerischer Schriftsteller

aus seinem Roman »Vom Ende der Einsamkeit«

Widmung

Für alle, die vom Weg abgekommen sind.

Für alle, die ihren Weg noch suchen.

Und für alle, die neue Wege einschlagen.

Geht immer weiter – denn der Weg ist das Ziel.

Triggerwarnung

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

Bevor Sie sich ins Lesevergnügen stürzen, möchte ich an der Stelle eine Triggerwarnung aussprechen für sexuellen Missbrauch von Kindern, Tod beziehungsweise den Verlust eines geliebten Menschen.

Ein Serienkiller treibt in diesem Buch sein Unwesen, es wird zeitweise auch etwas brutal.

Wenn Sie sich dennoch in der Lage fühlen, das Buch zu lesen, freut es mich sehr, und ich wünsche spannende Lesestunden!

Herzlichst,

Nicole Stranzl

Prolog

Alle verlassen mich. Immer schon.

Sie nicht. Ich habe sie gezwungen zu bleiben. Als Teil von mir.

Sie gaben ihr Leben und wurden dadurch unsterblich.

Manche nennen mich ein Monster. Andere sehen mich als Inspiration.

Ich bin ein Künstler. Meine Kunst ist morbide, aber originell. Mein Kunstwerk: unvollendet. Dies wird sich bald ändern. In meinem Kopf sehe ich es vor mir. Grotesk. Wunderschön. Außergewöhnlich.

Die Zeit naht. Ein wenig übe ich mich noch in Geduld. Wie eine Katze vor dem Mauseloch. Die Maus ist mir bereits in die Falle getappt. Sie weiß es nur noch nicht. Sie alle wissen nicht …

Der nächste Brief flattert ein. Und meine Wiederauferstehung beginnt …

Kapitel 1

Anfang November 2023

Es war ein Versehen. Wer hätte geahnt, wie gut es sich anfühlen würde? Blut klebt an meinen Händen, doch ich bin nicht schmutzig, sondern rein. Frei. Da ist kein Bedauern. Kein Schmerz. Nur Erleichterung.

»Das hast du nun davon!«, möchte ich brüllen. Doch ich schweige und koste den Moment aus. Nie mehr wird er sich über mich lustig machen, mich nie mehr verspotten. Meine Zeit im Schatten ist vorbei, dies ist mein Augenblick im Rampenlicht, auch wenn mein einziges Publikum die Blutflecken auf dem Teppichboden und die Staubkörner am Regal sind. Die Bücher darin hat er kein einziges Mal gelesen, da bin ich sicher. Sie dienten nur als Requisite seiner sorgsam errichteten falschen Persönlichkeit. Alles bloß Fassade; wie ein Schauspieler, dessen Drehbuch sein Vater verfasst hat. Fast könnte man Mitleid mit ihm haben. Wäre er nicht so ein Dreckskerl gewesen.

Seine toten Augen starren leer in die Ecke. Blut läuft über seine Stirn. Sein dunkles Haar verbirgt die Kopfwunde in der Dunkelheit. Der einzige Lichtspender ist ein dreiflammiger Kerzenständer. Jazzmusik dudelt aus dem alten Plattenspieler, ein Relikt aus Großvaters Zeiten. Fast käme romantische Stimmung auf, wären da nicht die Leiche und der Golfschläger.

Ich knie mich neben ihn. So fremd sieht er aus, ohne die spöttischen Züge. Wie verrückt; er sieht im Tod menschlicher aus als zu Lebzeiten.

»Der Tod steht dir, mein Lieber!«

Ein warmes Gefühl breitet sich in meiner Brust aus, bis ich ein Knacken höre. Mein Herz setzt einen Schlag lang aus. Kommt da jemand? Wenn sie mich hier finden … Wie konnte ich nur so lange tatenlos rumstehen? Ich muss weg. Schnell.

Aber was mache ich mit ihm?

Ratlos betrachte ich seinen muskulösen Körper. 80 Kilo bringt er bestimmt auf die Waage. Ihn unbemerkt rauszuschaffen ist aussichtslos. Schritte. Ein weiteres Knacken des Fußbodens. Keine Zeit.

Es gibt nur einen Weg: das Fenster! Ich öffne es, klettere hinaus und ducke mich unter den Fensterrahmen, eng an die Hausmauer. Rund um mich sind nur Hecken. Er legte großen Wert auf Privatsphäre. Vor neugierigen Blicken bin ich hier geschützt.

Meine Entscheidung zur Flucht war goldrichtig: Ein erschrockener Schrei dringt nach draußen. Zeit zu verschwinden. In gebückter Haltung umrunde ich das Haus. Erst jetzt werde ich mir meines Aufzuges bewusst: Meine Kleidung ist voll Blut.

Panik breitet sich in mir aus. Wie lange, bis die Polizei eintrifft?

Mein Blick streift das Poolhaus. Dort sind immer ein paar Ersatzkleidungsstücke gelagert. Hektisch betrete ich es und wechsle mit zittrigen Händen meine Kleidung. Danach stopfe ich die versifften Teile in meine Tasche. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass ich den Golfschläger ausreichend gesäubert habe. Nichts wie weg hier. Ich verlasse den Garten und gehe ruhigen Schrittes die Straße entlang. Die nächste Haltestelle ist nicht weit entfernt. Ich habe Glück, und ein Bus biegt in diesem Moment ein. Ich achte nicht auf die Nummer und steige ein. Egal, wohin er mich bringt. Hauptsache weg. Erst als ich in der letzten Reihe Platz genommen habe, atme ich erleichtert aus. Die Glücksgefühle sind zurück, und ich summe fröhlich vor mich hin.

Kapitel 2 - Alina

Alina Fink betrat das luxuriöse Anwesen und fühlte sich sogleich unwohl, was nicht an der Leiche in der gigantischen Bibliothek lag, sondern vielmehr an der Kälte, die das gesamte Gebäude verströmte. Das hier war kein Zuhause, sondern ein Schauraum. Die Eingangshalle war mit teuren Gemälden behängt, die noch nicht mal schön anzusehen waren, und das Wohnzimmer bot dank des enormen Fernsehers ein ganz privates Kinoerlebnis. Alinas persönliche Grenze überschritten hatte allerdings das Blattgold, das einige Stellen des Bücherregals zierte. Ein regelrechter Palast, in dem sie sich hier befanden. Wie viele Quadratmeter er wohl umfasste?

Von außen hatte die Villa wie eine Festung gewirkt; die hohen blickdichten Zäune sollten Einbrecher fernhalten. Dieselbe Aufgabe hatte die Alarmanlage, die derzeit deaktiviert war. Würde Alina so hausen, hätte sie auch entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Der beheizte Pool schimmerte einladend unter einem Glasdach, der Rasen war akkurat gestutzt, und trotz der kühlen Jahreszeit gab die Pflanzenwelt des gigantischen Gartens einiges her. Bestimmt kümmerte sich ein Gärtner darum. Das Haus lag nur wenige Fahrtminuten von der Privatklinik Ragnitz und dem Landeskrankenhaus entfernt, dennoch dürfte Ruhe in der verlassenen Privatstraße, die an die Riesstraße grenzte, kein Problem sein. Sie befanden sich hier im Nobelviertel von Graz. Die offensichtliche Mordwaffe passte in das Milieu: ein Golfschläger.

»Sport ist Mord«, witzelte Alinas Kollege, Alexander Thaler, der in diesem Moment näher an das Opfer trat.

»Wirklich lustig.« Bernhard Huber rollte die Augen und erhob sich mit einem Ächzen. Bildete Alina es sich bloß ein oder hatte er erneut zugelegt? Gesund war das Gewicht des Gerichtsmediziners keinesfalls mehr. Sein Kopf leuchtete rot, und auf seiner Stirn glänzte Schweiß, obwohl es hier drinnen nicht mal besonders warm war.

»Lass mich raten, Hubsi! Er wurde erschlagen.«

Mit säuerlicher Miene maß Huber Alex. Alina schluckte die Maßregelung hinunter. Sie war nicht Alex’ Mutter.

»Wie scharfsinnig! Braucht ihr meine Einschätzung überhaupt noch oder soll ich gleich los?«

»Reg dich nicht auf«, sagte Alina beschwichtigend. »Du kennst Alex doch. Er ist ein unreifer Idiot.«

»Autsch! Jetzt hast du meine Gefühle verletzt.«

»Können wir uns bitte wieder professionell verhalten?« Sie legte eine gewisse Schärfe in ihren Ton und sah ihren Kollegen böse an, woraufhin dieser grinste. Dasselbe Grinsen, das er ihr gestern geschenkt hatte, kurz bevor sie in ihre Hose geschlüpft war.

»Das ist das letzte Mal, Alex!«

»Ja, sicher.« Sein Tonfall hatte verraten, er glaubte kein Wort. Im Grunde wusste sie, er hatte recht. Es würde passieren. Wieder und wieder.

Die Schuldgefühle waren mit einem Schlag zurück, vor allem, da sie die Gedanken noch nicht mal an einem Tatort abstellen konnte. Wie unprofessionell! Nichts war abtörnender als eine Leiche. Der Tote dürfte um die 30 gewesen sein – in Alex’ Alter – und körperlich fit. In seinem dunklen Haar klebte Blut, sein Gesicht war dem Boden zugewandt. Er trug einen Anzug, Alinas Blick fiel auf eine Rolex am Handgelenk.

Ein Mitarbeiter der Tatortgruppe drängte sich an ihr vorbei und gesellte sich zu einem Kollegen, der sich soeben am Teppich zu schaffen machte. Ihr Chef hatte Alex und Alina draußen vor dem Haus die Erlaubnis gegeben, den Tatort mit ihrer Schutzkleidung zu betreten. Die Spurensicherer waren bereits länger am Werk, und die beiden LKA-Ermittler würden ihnen hier nicht mehr in die Quere kommen. Der Fotograf stellte in diesem Moment sicher, die Leiche von allen Blickwinkeln abzulichten.

»Wie lange ist er tot?«, fragte Alina und achtete darauf, nicht vor die Linse zu treten.

»Maximal fünf Stunden.« Huber packte seine Utensilien zusammen. »Die Todesursache ist ziemlich eindeutig, wie der Kollege Thaler bereits scharfsinnig bemerkt hat. Jemand hat ihn mit dem Golfschläger erschlagen.«

»Die Haushälterin wäre jetzt bereit für die Befragung.« Eine junge Streifenpolizistin sah zur Tür herein. »Sie hat ihn gefunden und auch gleich identifiziert. Er heißt Tristan Wittmann, 32 Jahre alt und Hausherr dieses bescheidenen Anwesens. Laut Meldedatenauszug lebt er hier mit seiner Frau Theresa und ist seit Kurzem Geschäftsführer eines Softwareunternehmens.«

»Was für eines?«, fragte Alex.

»Die Wittmann GmbH. Er hat die offizielle Unternehmensleitung erst vor wenigen Monaten übernommen.«

»Wow, Sie waren schon sehr fleißig. Gute Arbeit.« Alina lächelte die junge Polizistin an, die sich sichtlich über das Lob freute. »Soll ich Sie zu Frau Dumitru führen?«

»Sehr gern.«

Die rundliche Haushälterin saß verweint am Küchentisch, der Alina an eine Tafel erinnerte. Hier könnte man problemlos große Dinnerpartys feiern. Blitzeblank und wie aus einem Werbekatalog lag dahinter eine schwarze Küche mit einer Arbeitsfläche, an der mehrere Personen gleichzeitig hantieren konnten. Ob die Haushälterin hier kochte?, schoss es Alina durch den Kopf. Oder gehörte auch eine Köchin zum Personalstamm? Demnächst würden sie es in Erfahrung bringen, sie mussten sich mit allen Bediensteten unterhalten. Eine davon schniefte, in der Hand hielt die Haushälterin ein zusammengeknülltes Taschentuch, vor ihr auf dem Tisch stand eine Tasse Tee.

»Grüß Gott, Frau Dumitru«, sagte Alina und streckte der Frau die Hand hin. »Ich bin Gruppeninspektorin Alina Fink, das ist mein Kollege, Inspektor Alexander Thaler. Wir sind vom LKA, Abteilung Leib und Leben, und würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen.«

Mit dem Taschentuch wischte sich Dumitru über ihre verquollenen Augen, dann putzte sie sich die Nase und nickte. »Ja, natürlich.« Ein Akzent war hörbar, Alina tippte auf Rumänien als Herkunftsland der Mittvierzigerin.

Nachdem Alina die Personalien aufgenommen hatte, fragte sie: »Wie lange arbeiten Sie schon für die Familie Wittmann?«

»Fünf Jahre. Sie sind gute Boss. Ich kann nicht glauben, er ist tot nun. Warum? Wer hat getan das?«

»Das wollen wir herausfinden, aber dafür brauchen wir Ihre Hilfe«, sagte Alex mit diesem beruhigenden Lächeln und seiner sanften Tonlage. »Bitte schildern Sie uns alles, an das Sie sich erinnern können, seit Sie das Haus heute betreten haben.«

»Ich bin rein, wollte meine Dienst starten. Da ich habe gehört Musik in Bibliothek. Ist seltsam, weil normal Herr Wittmann arbeitet zu diese Zeit.«

»Er hat ein eigenes Unternehmen, nicht wahr?«

»Ja. Hat er übernommen von Herrn Wittmann senior. Er war immer sehr vielbeschäftigte Mann. Viel Arbeit.«

»Gut, Sie haben also die Musik gehört, und dann sind Sie in die Bibliothek nachsehen gegangen.«

»Ja. Herr Wittmann lag tot am Boden. Wer hat das nur getan?« Wieder schluchzte sie los.

»Haben Sie irgendjemanden gesehen?«

»Nein.«

»Was ist denn hier los?« Eine junge Frau betrat inmitten zweier Streifenpolizisten das Haus. In ihren Businessklamotten wirkte sie wie einer Modezeitschrift entsprungen. Alina stand auf und trat auf das Trio zu.

»Mein Name ist Alina Fink. Ich ermittle im Todesfall Tristan Wittmann.«

»Oh mein Gott!« Das Gesicht der Frau verfärbte sich schneeweiß. »Was ist mit Tristan passiert? Wo ist er?« Sie hatte die Stimme erhoben und wollte davonstürmen, doch einer der Streifenbeamten hielt sie zurück und sagte: »Beruhigen Sie sich, Frau Wittmann.«

Alina hatte es wohl mit der Ehefrau des Opfers zu tun.

»Ich will ihn sehen.«

Alex nickte Alina bestätigend zu; er würde die Zeugenbefragung mit der Haushälterin fortsetzen, während sie sich um die Ehefrau kümmerte. »Frau Wittmann, Sie können aktuell noch nicht zu Ihrem Mann, da die Kollegen noch ihre Arbeit verrichten. Es ist sicher in Ihrem Interesse, keine Spuren zu zerstören. Ich versichere Ihnen jedoch, Sie dürfen ihn sehen, sobald die Kollegen fertig sind.«

Fahrig fuhr sich Frau Wittmann durch ihr Haar, dann nickte sie. »Ja, ja, das klingt logisch. Ich …«

»Gehen wir mal ins Wohnzimmer, in Ordnung?«

Sie nickte.

Nachdem beide Frauen Platz genommen hatten, sagte Alina: »Darf ich Sie nach Ihrem Vornamen fragen?«

»Theresa. Theresa Wittmann. Ich bin seit drei Jahren Tristans Frau.« Mit überschlagenen Beinen saß sie da, ihr Unterschenkel wippte auf und ab, und sie schaukelte mit ihrem Oberkörper leicht hin und her. »Was ist mit ihm passiert?«

»So wie es aussieht, starb Ihr Mann durch Fremdeinwirkung. Zu diesem Zeitpunkt kann ich Ihnen allerdings noch nicht …«

»Fremdeinwirkung? Das heißt, er wurde ermordet?« Ihre Augen weiteten sich.

Alina nickte. »Vermutlich. Haben Sie eine Ahnung, wer der Täter gewesen sein könnte?«

Wittmann lachte auf. »Wahrscheinlich der Ehemann von einer seiner zahlreichen Affären.«

Es war wie ein Schlag in die Magengrube. »Sie wissen, dass Ihr Ehemann Sie betrogen hat?«

Dieses Mal klang das Lachen schon fast wie ein Schluchzen. »Natürlich. So was spürt man doch!«

Alina dachte an ihren eigenen Mann. Wusste Martin es auch? Sie räusperte sich.

»Wusste er, dass Sie es wussten?«

»Ja, aber es war ihm egal. Ihm war immer egal, was andere wollten. Er war ein Egoist und …« Sie biss sich auf ihre rot geschminkten Lippen und strich ihr langes blondes Haar abermals zurück. »Das bedeutet nicht, dass ich ihn getötet habe. So was würde ich niemals tun. Wir … wir haben uns miteinander arrangiert. Nach außen hin waren wir das perfekte Paar, aber inoffiziell tat jeder von uns, was er wollte.«

»Sie hatten also auch Sex mit anderen Männern?«

Pikiert sah Wittmann sie an. »Ich wüsste nicht, was das zur Sache tut.«

»Sehr viel, vielleicht. Wenn einer Ihrer Liebhaber eifersüchtig wurde und Sie vielleicht für sich allein haben wollte, könnte er Ihren Ehemann getötet haben.«

»Nein, so ist das nicht. Ich habe niemand Fixes. Ich … hab meistens nicht mal Zeit für so was. Ich bin viel beschäftigt, wissen Sie? Ich kümmere mich um zahlreiche soziale Projekte. Meine Ehe mit Tristan erlaubt mir, ehrenamtliche Tätigkeiten zu übernehmen.« Sie wischte eine Träne fort. »Ich kann nicht glauben, dass er weg ist. Was wird jetzt aus der Firma?«

»Sie werden bestimmt eine Lösung finden.« Aufmerksam beobachtete Alina die Ehefrau. Hätte sie etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun, wäre sie eine ausgezeichnete Schauspielerin. Dennoch strich Alina sie nicht von der Verdächtigenliste. Voreilige Schlüsse zu ziehen war niemals ratsam. »Wann haben Sie Ihren Mann zuletzt gesehen, Frau Wittmann?«

»Gestern Abend. Ich bin von einer Spendenübergabe für die Kinderkrebshilfe gegen 22 Uhr zurückgekommen. Tristan hat sich gerade fertig fürs Bett gemacht, weil heute wieder ein langer Tag angestanden ist.«

»Ist es normal, dass er so früh zu Hause ist?« Immerhin war es gerade mal 15 Uhr. Vermutlich war er also um die Mittagszeit gestorben.

»Nein, er … eigentlich nicht. Vielleicht … wollte er sich wieder mit einer dieser Frauen treffen.«

»Wissen Sie, mit wem er eine Affäre hatte?«

»Nein. So offen haben wir nicht darüber geredet. Ich habe fremdes Parfum an ihm gerochen, und manchmal klebte Lippenstift an seinem Hemdkragen, aber …« Eine weitere Träne färbte ihre Wange schwarz aufgrund des Mascaras. »Mir ist nicht so gut, kann ich …«

»Gleich, nur noch ein paar Fragen, dann sind wir fertig.« Alina erfuhr, dass Tristan in einem sehr reichen, aber strengen Elternhaus aufgewachsen war. Das Verhältnis zu seinem Vater sei nicht besonders herzlich, sondern eher geschäftlich und kühl gewesen. Es gab eine Schwester, die ebenfalls im Unternehmen tätig war und sich um die Verwaltung kümmerte. Nach der Befragung war Alina um eine ganze Namensliste reicher an Freunden, Geschäftspartnern, Bediensteten und potenziellen Verdächtigen. Mit den Befragungen und Auswertungen würden sie eine ganze Weile beschäftigt sein. Als Allererstes stand jedoch der Vater des Toten auf Alinas Agenda. Sobald die Kriminaltechnik die Daten des Handys und des Laptops ihres Opfers freigab, wäre dies außerdem eine gute Informationsquelle.

Als Alina die Befragung mit der Ehefrau beendet hatte, machte sie sich auf die Suche nach ihrem Kollegen, der erneut die Leiche näher inspizierte.

»Er hat hier Knutschflecken«, sagte Alex, obwohl er sich nicht zu ihr umgedreht hatte. Offenbar erkannte er sie schon an ihrem Schrittmuster. Manchmal gespenstisch, denn sie arbeiteten noch nicht mal lange zusammen. Alex hatte sich erst vor einem Jahr von Wien nach Graz versetzen lassen. Die Gründe dafür kannte Alina nicht. Ihr Kollege war sehr offen, was seine Sexualität betraf, viel Privates wusste sie allerdings nicht von ihm.

»Die Ehefrau sagt, er hatte Affären.«

Alex stand aus der Hocke auf und wandte sich ihr zu. Seine blauen Augen, die Alina vom ersten Moment an angezogen hatten, ruhten wachsam auf ihr. Alex wirkte wie einer dieser Schönlinge aus Filmen, die Polizisten nur spielten. Er hatte ein kantiges, symmetrisches Gesicht, eine gerade Nase und dunkles volles Haar, das stets perfekt gestylt war. Manchmal fragte sie sich, was er an ihr fand. Vor allem wegen des großen Altersunterschieds. Elf Jahre, um genau zu sein, denn Alina wurde erst in einem halben Jahr 42. Gott, wo war die Zeit nur hingekommen?

»Alina?«

»Entschuldige, ich habe gerade nachgedacht. Die Ehe war wohl eher so was wie eine Zweckgemeinschaft, ich hatte nicht das Gefühl, dass sie ihn wirklich geliebt hat. Der Golfschläger gehört ihrer Aussage nach ihrem Mann. Er war leidenschaftlicher Golfer und spielte mindestens einmal die Woche.« Sie unterrichtete ihn über das Gespräch mit Frau Wittmann, und Alex erzählte ihr im Gegenzug die Ergebnisse aus der Befragung mit der Haushaltshilfe. »Sie meint, es gab einige Spannungen in der Familie«, sagte er. »Gerade der Vater des Opfers hat viel Druck ausgeübt. Angeblich hat er ständig an Tristan rumgenörgelt, weil der ihm nie gut genug war. Tristan hat krampfhaft versucht, besser zu werden und ihn zufriedenzustellen, aber …« Eine seltsame Emotion flackerte in Alex’ Gesicht auf, die jedoch verschwunden war, bevor Alina sie deuten konnte. »Sie sagt, Tristans Mutter hat gern mal das eine oder andere Gläschen mehr getrunken.« Alex seufzte. »Ich frage mich, warum der Vater die Firma schon übergeben hat, wenn sein Sohn seinen Anforderungen nicht gerecht wird. Immerhin ist unser Opfer erst 32 gewesen.«

»Wir wissen nicht, wie alt der Vater ist. Vielleicht hat er gesundheitliche Probleme, oder es gibt andere Gründe«, meinte Alina. »Ich würde vorschlagen, wir erfragen diese gleich mal.«

»Aye, aye, Boss!«

Alina rollte die Augen und verabschiedete sich von den Kollegen. Auf dem Weg nach draußen klingelte ihr Handy. Sie sah aufs Display. »Hey!« Das Lächeln erstarb auf ihren Lippen, dann sagte sie: »Das ist nicht dein Ernst.«

Kapitel 3 

August 2001.

»Mama, ich mag nicht wandern. Ich mag nicht in die blöde Hütte fahren!« Mit verschränkten Armen steht sie vor ihrer Mutter, die lächelt bloß nachsichtig. »Komm schon, mein Schatz! Das wird bestimmt lustig.«

Das letzte Mal war es alles andere als lustig. Ihr Bruder hat ihr eine tote Blindschleiche ins Bett gelegt. Den ganzen Tag sind sie nur im Wald herumgelatscht, und ihr Vater hat sie jedes Mal angebrüllt, wenn sie gesagt hat, sie will nicht mehr.

»Ich hab gleich gesagt, das ist nichts für Mädchen!« Der Satz tut weh. Immer bevorzugt er ihren Bruder.

»Kann ich nicht bei dir bleiben?«

»Das geht nicht, Schatzi. Ich bin nicht daheim.« Ihre Mutter verbringt ein Wellnesswochenende mit ihren Freundinnen in der Südsteiermark.

»Warum nicht? Ich will lieber wellnessen als im Wald herum…«

»Hör jetzt auf zu sempern!«, unterbricht ihre Mutter. »Komm her, ich flechte dir Zöpfe.«

Schmollend dreht sie ihrer Mutter den Rücken zu und jammert gleich darauf: »Aua! Du reißt meine Haare aus!«

»Ein Indianer kennt keinen Schmerz!« In dem Moment betritt ihr Vater lächelnd den Raum. »Na, freust du dich schon?«

»Nein!«

Ihre Eltern tauschen Blicke. »Komm schon, das wird lustig«, sagt Mama und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.

Spaß ist was anderes. Ihre Füße schmerzen, die Schuhe drücken, und bestimmt hat sie längst Blasen. Außerdem attackieren sie ständig irgendwelche Bremsen und Gelsen, trotz des Mückensprays. »Wie lang noch?«, fragt sie.

»Ein bisschen noch, dann kommen wir zu unserer Hütte.« Ihr Vater lächelt sie breit an. Er liebt diese blöden Wanderungen. Doch allein der Name schreckt sie schon ab. »Toter Mann.« Da sollte man lieber ganz weit wegrennen.

»Das heißt nur so wegen einer Legende.« Ihr Vater will ihr die Angst nehmen. »Siehst du die Kapelle da vorn?«

»Ich bin ja nicht blind«, murrt sie.

»Darunter soll ein Mann begraben liegen. Er wollte mit seiner Frau eine Wallfahrt nach Mariazell machen, ist auf dem Weg aber krank geworden und gestorben. Bauern haben ihn gefunden und an der Wegkreuzung von Strallegg, Vorau, Ratten, Miesenbach und Wenigzell begraben.«

»Cool!« Ihr Bruder grinst. Er liebt solche Geschichten. Stolz sieht sein Vater ihn an, während sie damit beschäftigt ist, einen Blutsauger abzuwehren.

»Das ist aber alles nur eine Legende«, sagt ihr Vater. »Was keine Legende ist, ist dieser Ausblick. Schaut nur mal!«

Sie rollt mit den Augen und kommt näher. Ihrer Meinung nach sieht es nicht viel anders aus als zuvor. Überall blöde Bäume und Berge und ein paar Häuser. »Ich will heim.«

»Jetzt hör mal auf zu nerven!« Ihr Bruder schubst sie.

»Hey! Hört auf!«, sagt ihr Vater streng und seufzt. »Nur noch ein paar Meter, dann sind wir bei unserer Hütte.«

Es gibt hier ein paar Ferienhäuser, und ihre Familie besitzt eines davon. Es ist abgelegener als die anderen. Dahin führt nicht mal eine richtige Straße, nur ein Schotterweg. Sie hasst es hier draußen, hasst die dunklen Wege, das Knacken im Holz. Sie will nach Hause. In dem Wald verläuft man sich so leicht. Jeder Weg sieht gleich aus, und auf dem Berg zwischen den Bäumen merkt man gar nicht, dass eigentlich Sommer ist. Viel lieber wäre sie im Freibad.

»Kommt jetzt, Kinder! Auf geht’s!« Mit großen Schritten schreitet ihr Vater voran. Sie hat Mühe, ihm zu folgen, nicht ahnend, dass der echte Schrecken noch auf sie wartet.

Kapitel 4 – Kai

»Verdammter Arsch!« Eigentlich sollte Kai Hoffmann den Bericht über sein Gespräch mit dem Zweifachmörder Reiter schreiben, stattdessen scrollte er durch das Insta-Profil seines Ex-Freundes. Vor zwei Monaten hatte Stefan ihn verlassen, weil er angeblich Zeit für sich brauchte. Diese Zeit verbrachte er jetzt mit diesem Influencer-Typen auf einer Jacht im Mittelmeer. Influencer, was war das überhaupt für ein Beruf?

Zornig wischte er weiter über das Handydisplay. Zwei nackte, braun gebrannte Oberkörper unter der Sonne, in der Hand hielten sein Ex und dessen neuer Stecher irgendeinen bunten Cocktail. Tja, mit diesem Sixpack konnte Kai nicht mithalten, aber er hatte eben einen Vollzeit-Job und keine Zeit, drei Stunden täglich im Fitnessstudio zu verbringen.

Vier Jahre waren Stefan und er ein Paar gewesen. Kennengelernt hatten sie einander über den Rettungsdienst. Beide waren sie ehrenamtlich als Sanitäter tätig. Kai war damals sofort verschossen in den Medizin-Studenten gewesen. Stefan war nicht nur hübsch, er hatte auch etwas im Köpfchen, und das Wichtigste: Er besaß ein gutes Herz. Leider hatte sich der empathische, sanftmütige Kerl mit dem Erstellen seines TikTok-Profils sehr verändert. Niemals zuvor war der Altersunterschied von zehn Jahren ein Thema gewesen; bis dahin. Mit seinen 35 Jahren stand Kai voll im Leben, Stefan hingegen ließ sein Studium immer mehr schleifen und fokussierte sich vermehrt auf die Videoplattform. Sein gutes Aussehen und die Medizin-Inhalte, die er postete, bescherten ihm viele Follower. Dies stieg ihm allerdings zu Kopf, und es kam immer öfter zum Streit, bis Stefan schließlich verkündete, er sähe keinen Sinn mehr in ihrer Beziehung. Einen Tag später hatte er alle Sachen gepackt und war aus ihrer gemeinsamen Wohnung verschwunden. Zu diesem anderen TikTok-Fuzzi. Wie Kai schmerzlich erfahren musste, hatte Stefan ihn schon ein halbes Jahr lang betrogen.

»Du warst ja nie da«, hatte Stefan ihm an den Kopf geknallt, als Kai ihn damit konfrontiert hatte.

»Ja, wie unverschämt von mir, arbeiten zu gehen«, hatte Kai wütend erwidert.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Schnell schob Kai das Handy weg und tat, als wäre er in die Arbeit vertieft. Sein Bildschirm war mittlerweile schwarz geworden. »Hallo Doc!« Michael Schaller streckte den Kopf zur Tür herein. Der kahlköpfige Justizwachebeamte lächelte ihn mit seinen vom Tabak gelb verfärbten Zähnen an. »Dein nächster Patient wäre dann so weit.«

»Danke, Michi!« Kai erhob sich und blinzelte. Diese verfluchten Kontaktlinsen verrutschten immer häufiger. Nach der Trennung hatte er seine Brille gegen sie getauscht, aber noch immer hatte er sich nicht richtig an sie gewöhnt. Dumme Eitelkeit. Hier drin interessierte ohnehin niemanden, wie er aussah. Wen wollte er beeindrucken? Etwa die Häftlinge?

Er verließ sein Büro und machte sich auf den Weg zu den Therapieräumen. Die Gänge waren in hellen Farben gestrichen, und an den Wänden hingen zur Deko Bilder von Häftlingen. Vielleicht nicht das, was der Durchschnittsbürger von einem Gefängnis erwartete. Doch immerhin sollten sich die Straftäter bei der Therapie öffnen und über ihre Probleme sprechen. Die Umgebung wirkt sich auf die Psyche eines Menschen aus.

All der Beton, Stahl und die verriegelten Türen begleiteten den Alltag der Häftlinge, die ohnehin oft mit ihren inneren Dämonen zu kämpfen hatten. Die Gefangenschaft und die Gitter waren beklemmend genug. Natürlich sollte die Haft eine Strafe sein, doch nach der Entlassung mussten die Insassen wieder in die Gesellschaft integriert werden können. Dabei sollte die Therapie helfen.

Kai drückte die Tür zu einem der vielen Therapieräume auf. Das psychosoziale Team in der Karlau Graz umfasste sieben Mitglieder, zudem arbeiteten hier Psychiaterinnen und Sozialarbeiterinnen. Ein fordernder Job, doch Kai hatte Herausforderungen immer schon gemocht. Sie lenkten ihn von seinem eigenen verkorksten Leben ab.

Nikolas Novak begrüßte ihn mit einem Lächeln. Wie immer saß der Serienmörder selbstbewusst in der linken Ecke auf einem grauen gepolsterten Stuhl. Das Setting erinnerte an eine Therapeutenpraxis.

»Morgen.« Kai erwiderte das Lächeln, auch wenn Novak nach wie vor ein mulmiges Gefühl in ihm auslöste, doch das durfte er nicht zeigen. Es wäre unprofessionell. Seit Langem war Novak der einzige klassische Serienkiller in der Justizanstalt Graz-Karlau, in der zwar einige Zweifach- und Dreifachmörder ihre Haftstrafe verbüßten, doch diese saßen überwiegend aufgrund von Beziehungstaten.

Novak hingegen hatte fünf ihm zuvor unbekannte Frauen vergewaltigt, getötet und aus der Haut seiner Opfer deren Tattoos geschnitten, um damit ein grausames Kunstwerk zu gestalten. Die Details waren selbst für Kai schwer zu verdauen gewesen, obwohl er täglich mit Gewalt und menschlichen Abgründen konfrontiert war. Polizeifotos bekam er keine zu Gesicht. Die Leichen zu sehen, würde seine Arbeit erschweren. Entweder ein Therapeut arbeitete mit Tätern oder mit Opfern beziehungsweise Angehörigen zusammen. Beides vertrug sich nicht.

»Neues Hemd?« Novaks Stimme war tief und angenehm. Der Mörder bewies, das Böse trägt oft eine hübsche Fassade zur Täuschung. Mit seinen modelhaften Zügen, den vollen Lippen, dem blonden Haar und den grünen Augen ging er als feuchter Traum durch. Seit er im Gefängnis saß, war er noch trainierter geworden. Kai konnte es Novaks Opfern nicht verdenken, dass sie mit ihm gegangen waren. Hätte er in einem Schwulenklub so einen Kerl getroffen, wäre er ihm auch in die Falle getappt. Zumindest bevor er den Job als Gefängnispsychologe angenommen hatte.

Unweigerlich erinnerte Novak ihn an Ted Bundy, einen amerikanischen Serienmörder aus den 70ern, der mehr als 30 junge Frauen getötet hatte. Lässig lehnte Novak in dem Stuhl, ein Bein übergeschlagen. Seine Hände waren nicht gefesselt. Seit seinem Haftantritt vor etwas mehr als zwei Jahren hatte sich der 37-Jährige stets kooperativ gezeigt, war nicht gewalttätig geworden und auch ansonsten nicht negativ aufgefallen. Trotzdem blieb Kai stets achtsam. Novak war ein Psychopath und verstand es, seine Mitmenschen so zu manipulieren, dass diese ihm aus der Hand fraßen. Mehrmals hatte Kai mit seinen Kolleginnen über die Sinnhaftigkeit von Novaks Therapie gesprochen und immer wieder Zweifel geäußert. Ein wesentlicher Teil bestand aus der Aufarbeitung der Verbrechen. Täter sollten sich damit beschäftigen, was sie ihren Opfern und deren Angehörigen angetan hatten. Als Psychopath empfand Novak keine Empathie und keine Schuldgefühle. Durch die Gespräche mit Kai stieg womöglich seine Gefährlichkeit. Novak könnte noch besser im Manipulieren werden, wenn Kai ihm half, Gefühle zu verstehen. Es war eine Gratwanderung.

»Ja, das Hemd ist tatsächlich neu.«

»Es steht Ihnen sehr gut. Ich finde es ein wenig schade, dass die Brille weg ist. Sie hat Ihnen Stil verliehen.« Ein flirtendes Lächeln.

Anfangs hatte Kai sich gefragt, ob Novak über seine sexuelle Orientierung Bescheid wusste. Schon nach wenigen Gesprächen war ihm klar gewesen, Novak wandte seinen Charme bei jedem menschlichen Wesen an. Darunter versteckte er das Böse, das in ihm schlummerte. Wie er hier saß mit seinem blonden Haar und dem unschuldigen Lächeln wirkte er wie ein Engel, dabei hätten ihn viele als Teufel bezeichnet.

»Wir sind nicht hier, um über mich zu reden.« Kai sprach in kühlem Tonfall und rückte den Stuhl zurecht. Immer wieder machten die Häftlinge Avancen – ihm zwar weniger, doch jede von Kais Kolleginnen war mindestens einmal mit einem verliebten Patienten im Gefängnis konfrontiert gewesen. Wichtig war es, die Distanz zu wahren.

»Wie geht es Ihnen heute?«

»Wie immer. Die Tage hier drin sind sehr monoton. Wobei …« Wieder erschien dieses zauberhafte Lächeln auf den vollen Lippen. »Meine Fanpost versüßt mir meinen Aufenthalt.«

Diese Aussage überraschte Kai nicht. Schon öfter hatte Novak über die Briefe gesprochen, die ihm Frauen schickten. »An die 500 Stück haben sich seit meinem Haftantritt angesammelt.« Stolz schwang in den Worten mit. »Anfangs bin ich überhäuft worden. Je mehr Zeit vergeht, desto weniger werden es. Irgendwann schreibt mir vielleicht niemand mehr.« Ein betroffener Gesichtsausdruck. Diese Emotion nahm Kai dem Insassen ab. Psychopathen waren durchaus fähig, gewisse Emotionen zu empfinden, wie etwa Kränkung oder Langeweile. Letztere war in den Gesprächen oft zur Sprache gekommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Häftlingen in der Karlau verfügte Novak über einen hohen Intellekt.

»Mit wem schreiben Sie sich derzeit?«

»Mit einer zweifachen Mutter – sie hat sich endlich von ihrem Mann getrennt. Ich hab sie schon seit über einem Jahr dazu ermutigt.«

»Warum haben Sie das getan?«

»Weil er sie behandelt hat wie den letzten Dreck.«

Sagt der Vergewaltiger und Mörder, dachte Kai. Natürlich behielt er seine Gedanken für sich. Es war unprofessionell, sich ein persönliches Urteil über seine Patienten zu machen. Dennoch war die Doppelmoral, die im Gefängnis herrschte, teils schwer zu schlucken.

»Er hat sie geschlagen und ihr immer wieder gesagt, dass sie nichts wert ist. Sie ist mit ihren Kindern ins Frauenhaus geflüchtet. Dann ist da noch Emilia. Sie studiert in Hamburg Kunst und schickt mir immer wieder Bilder. Das nächste Mal zeige ich Ihnen gern eines.« Novak strahlte ihn an.

»Das würde mich freuen.«

»Sie ist wirklich talentiert. Fast so talentiert wie ich.« Ein Zwinkern. Novaks Talent konnte man ihm tatsächlich nicht absprechen, zahlreiche seiner Werke schmückten die Gefängniswände.

»Was schreiben die Frauen ansonsten in ihren Briefen?« Die Post der Insassen wurde von einem Mitarbeiter kontrolliert. Auf Verdacht hin, legte er ein genaueres Auge auf einzelne Briefe. Bis dato sah Kai keinen Anlass, Novaks Post als verdächtig zu melden.

»Sie erzählen von ihrem Alltag, manchmal schicken sie mir auch Geld. Es ist schön, wieder als Mensch angesehen zu werden. Ich weiß, was ich getan habe, sind die Taten eines Monsters, aber ich bereue sie und ich wünschte, ich könnte alles rückgängig machen und die Mädchen zurück ins Leben holen.«

Kai glaubte kein Wort. Der betroffene Ausdruck war eindeutig gespielt, denn Novaks Körpersprache verriet etwas ganz anderes, und seine Diagnose als Psychopath machte es ihm unmöglich, Reue zu fühlen.

»Sie sind also drüber hinweg, dass Sie Ihr Kunstwerk nicht vollenden konnten?« Kai hielt seine Tonlage völlig neutral, fast so, als würde er sich mit einem x-beliebigen Künstler über ein gewöhnliches Landschaftsbild unterhalten und nicht über eine groteske Zusammenstellung von tätowierter Haut.

Wie die meisten Serienkiller hatte Novak ein Andenken an seine Opfer behalten. Andere Mörder bewahrten Schädel oder Hände auf wie etwa Jeffrey Dahmer. Wieder andere Gegenstände der Opfer. Diese »Souvenirs« halfen dabei, die Morde wieder und wieder zu erleben.

Novaks Tattoo-Sammlung entstammte einer Hass-Liebe. Wie der Großteil aller Serienmörder war er als Kind misshandelt worden. Anstatt ihm Sicherheit und Liebe zu vermitteln, hatte er von seinen Eltern emotionale und körperliche Gewalt erfahren. Der kleine Junge von damals tat Kai leid. Niemand wurde böse geboren. Psychopathen entstanden aus einer Mischung zwischen vorhandener Genetik und Kindheitstraumata. Bei ihren eigenen Verbrechen erlebten sie diese Gewaltdynamik wieder – nur dieses Mal in vertauschten Rollen: Sie behielten die Macht und die Kontrolle und wurden nicht länger gequält. Stattdessen quälten sie ihre wehrlosen Opfer.

Schon als Jugendlicher hatte Kai eine gewisse Faszination für diese kranken Geister und gepeinigten Seelen verspürt. Er hatte verstehen wollen, was einen Menschen dazu trieb, brutalste Verbrechen zu begehen.

»Ja, das bin ich. Manchmal überlege ich, den Opferfamilien zu schreiben. Dann verwerfe ich den Gedanken. Sie um Verzeihung zu bitten, wäre töricht. Ich kann mir selbst nicht verzeihen, also wie sollten sie es können? Ich habe ihnen das Liebste genommen.« Er legte seine Hand zurück auf die hellbraune Tischplatte und sah Kai direkt in die Augen. »Ich wollte nicht allein sein, Doc. Ich wollte sie bei mir haben. Sie sollten mein werden. Aber sie wollten alle gehen. Sie wollten mich ausnutzen und verschwinden. Und das konnte ich nicht zulassen.«

»Niemand kann rund um die Uhr bei einer anderen Person bleiben. Und keine Person wird zu 100 Prozent so sein, wie man es gern hätte.«

»Ja. Das weiß ich jetzt auch.« Novak lehnte sich zurück. »Der neue Tisch ist bald fertig.« Der abrupte Themenwechsel sah dem Serienmörder ähnlich. Im Gefängnis arbeitete er in der Tischlerei, wo die Häftlinge Möbelstücke anfertigten. Immer schon war Novak kreativ und handwerklich begabt gewesen. In seiner Freizeit betätigte er sich künstlerisch und malte Bilder, die – wie auch die Möbelstücke – recht günstig von der Justizanstalt verkauft wurden, was jedoch die wenigsten Menschen wussten.

»Das ist schön.« Kai lächelte. »Meine Mutter hat sich sehr über den neuen Schuhschrank gefreut.«

»Das freut mich.« Da war wieder dieses Strahlen. Novak sehnte sich nach Anerkennung und Zuspruch, die ihm in seiner Kindheit stets verwehrt geblieben waren. Sie unterhielten sich eine Weile über die Werkstätte, Novaks Bilder und den Gefängnisalltag, bis der Häftling plötzlich sagte: »Ich wüsste wirklich gern, wer mein größter Fan ist. Seit einigen Monaten schreibt sie mir regelmäßig, aber sie ist sehr verschlossen. Sie scheint jedoch eine sehr interessante Person zu sein.«

»Inwiefern?«

Eine ganze Weile schwieg Novak, dann sagte er: »Ich denke, sie ähnelt mir sehr.«

Bei den Worten bildete sich eine Gänsehaut auf Kais Armen. Vielleicht sollte er die Gefängnisleitung doch bitten, den Briefverkehr wieder genauer zu beobachten.

»Beruhigen Sie sich!« Novak lachte. »Ich meine nicht, dass sie eine Mörderin ist. Ich denke … sie hatte es nicht leicht.« Das Lächeln verschwand. Der Satz überraschte Kai. Für gewöhnlich war Novak bemüht, nicht über seine Kindheit zu sprechen.

»Aber vielleicht interpretiere ich da auch zu viel rein.« Er streckte sich.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ich will nicht mehr darüber reden. Als Nächstes wage ich mich an Porträts. Sie würden ein hübsches Motiv abgeben, Doc.«

»Ich fürchte, ich kann nicht lange genug stillsitzen, um gemalt zu werden.«

Novaks Lachen erhellte den Raum. »Sie sitzen doch hier auch sehr still. Im Grunde sitzen Sie den ganzen Tag still, wenn Sie mit uns sprechen und uns helfen wollen. Sie könnten also mal zu mir in die Zelle kommen, was meinen Sie?« Ein Augenzwinkern.

»Ich meine, Sie sollten nicht mit mir flirten.«

»Ach kommen Sie!« Wieder dieses 1000-Volt-Lächeln. »Das war doch nur ein kleiner Spaß.« Das Lächeln schwand. »Im Ernst jetzt: Ich bin Ihnen wirklich dankbar für Ihre Arbeit. Die meisten Menschen sehen uns als hoffnungslose Fälle an, aber Sie wollen uns helfen.«

»Es ist mein Job.«

»Ja, aber den sucht man sich aus.«

»Das stimmt.« Kais Blick wanderte zur Uhr. »Unsere Zeit ist zu Ende. Wir sehen uns nächste Woche wieder. Dann können Sie mir ja berichten, wie’s mit Ihren Porträt-Zeichnungen vorangeht.« Mit einem Lächeln stand Kai auf und klopfte an die Tür. Zwei Justizwachebeamte traten ein und grüßten freundlich. Nachdem Kai den Gruß erwidert hatte, verließ er den Raum und überließ Novak der Obhut der beiden. Im Gang atmete er tief ein und aus. Die Sitzungen mit Novak waren immer anstrengend. Der Drang nach einem Schnaps wuchs. Nun, Schnaps hatte er nicht hier, einen Schluck Wodka hingegen … Der Flachmann befand sich in seinem Büro. Er würde ihn später holen. Zuvor hatte er noch drei weitere Gespräche vor sich. Und er konnte das ohnehin nicht zur Gewohnheit werden lassen. Er musste sich andere Bewältigungsstrategien überlegen. Gesündere. Vielleicht sollte er mehr Sport treiben, sinnierte er. Heute nach der Arbeit würde er mal wieder laufen gehen. Das war doch ein guter Vorsatz. Mit sich zufrieden, ging er zum nächsten Patienten.

Kapitel 5 – Nick

»Lieber Nick!

Ich habe es getan. Und es fühlte sich so verdammt gut an, du hattest recht.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie stark ich sein kann, wusste nicht, wie frei ich mich fühlen könnte. Wie gerne ich dich jetzt umarmen würde. Du hast mir so sehr geholfen in den letzten Monaten. Zur Feier des Tages schicke ich dir etwas Geld. Kauf dir damit Zigaretten oder sonst was. Das ist jedoch nicht alles, was ich dir schenken möchte. Mehr kann ich dir noch nicht verraten, aber du wirst es vermutlich aus den Medien erfahren …

Ich kann heute leider nicht so lange schreiben. Es ist einiges los hier.

Bis bald,

Hannah!«

Ein Lächeln breitete sich auf Nicks Lippen aus, als er den Brief glattstrich. Wie immer war die Handschrift penibel, und der Duft des mittlerweile vertrauten Parfums breitete sich in seiner Zelle aus. Hannah hatte die Angewohnheit, das Papier einzusprühen.