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Beste deutsche Krimiliteratur: Relevant, realistisch. tiefgründig Als Johannes Waldmann am Vorabend seiner Rückkehr in den Dienst der Bonner Mordkommission an einen Tatort gerufen wird, ahnt er nicht, in welche Abgründe dieser Fall ihn führen wird. Während er die Leiche des getöteten Lokalpolitikers besieht, jagt eine Frau in einem gestohlenen Polizeiwagen einem Audi nach. In ihm vermutet sie die junge Ukrainerin Zlata, die gerade noch mit dem Politiker auf einem Zimmer war. Auch die Journalistin Pia Luninger ist an dem Fall dran. Spurlos wird die große Reportage heißen, die sie über Menschenhandel und Zwangsprostitution schreiben will und die ihr endlich den ersehnten Karrieresprung ermöglichen soll. Mit jedem Schritt, den Waldmann tiefer in den Sumpf des Verbrechens hineinwatet, löst sich ein Faden, der die große Wunde seines Lebens nur oberflächlich zusammenhielt: der Verlust seiner Frau. Damals, auf einem Bazar, als sie von einem auf den anderen Moment einfach so – verschwand …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Waldmann
THOMAS ZIEBULA ist freier Autor und schreibt Krimis, biografische und historische Romane. 2001 erhielt er den Deutschen Phantastik-Preis, 2020 den Goldenen Homer. Mit seinem historischen Kriminalroman Der rote Judas stand er auf der Shortlist für den Crime Cologne Award 2020. Der Autor lebt in der Bonner Region.
Als Johannes Waldmann am Vorabend seiner Rückkehr in den Dienst der Bonner Mordkommission an einen Tatort gerufen wird, ahnt er nicht, in welche Abgründe dieser Fall ihn führen wird. Während er die Leiche des getöteten Lokalpolitikers besieht, jagt eine Frau in einem gestohlenen Polizeiwagen einem Audi nach. In ihm vermutet sie die junge Ukrainerin Zlata, die gerade noch mit dem Politiker auf einem Zimmer war. Auch die Journalistin Pia Luninger ist an dem Fall dran. Spurlos wird die große Reportage heißen, die sie über Menschenhandel und Zwangsprostitution schreiben will und die ihr endlich den ersehnten Karrieresprung ermöglichen soll. Mit jedem Schritt, den Waldmann tiefer in den Sumpf des Verbrechens hineinwatet, löst sich ein Faden, der die große Wunde seines Lebens nur oberflächlich zusammenhielt: der Verlust seiner Frau. Damals, auf einem Basar, als sie von einem auf den anderen Moment einfach so – verschwand …
Thomas Ziebula
Flucht in den Tod
Ullstein
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ISBN: 978-3-8437-3716-6
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Titelei
Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
Basar
Erstes Buch: Waldmann und die letzte Chance
1 Liebesbrief
2Am Ende
3Seelenarzt
4Moschus
5Weiß
6Azurblau
7Anastasia
8Rücklichter
9Bilder
10Liebesbrief
11Dienstausweis
12Wellenkämme, Wellentäler
13Zwillinge
14Liebes-Chat
15Letzte Chance
Zweites Buch: Waldmann und die Journalistin
16Spurlos
17Weihnachtsmann
18Liebesbrief
19Kinderlächeln
20Nikolaus
21Fentanyl
22Schmerzen
23Staatsanwalt
24
25Delikates Detail
26Chat
27Vermisstenanzeige
28Weihnachtsmarkt
29Volltreffer
30Hauptmann
31Pater Franz
Drittes Buch: Waldmann und die schwarze Axt
32Zwei Pizzas
33Erschießen
34Pferdehändler
35Geschichte
36Maserati
37Basar
38Angst
39Jimmy
40Fingerabdrücke
41Kampfmesser
42Schwarze Axt
Viertes Buch: Waldmann und der Tod
43Weitermachen
44Dossier
45Roter Granat
46Traurige Wahrheit
47Neben der Spur
48Schiffbruch
49Rot
50Loch
51Todesurteil
52Kater
53Axemen
54Bettler
55Zwei Fragen
56Stoff
57Liebesbrief
58Lebensgeschichten
59Urlaub
60Reisepläne
61Zurück
62Zylindermann
63Würdiger Gegner
EpilogLeopold
Anhang
DANKE
!
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
Für
Susanna
Keine Ebene ohne Abhang.
Kein Hingang ohne Wiederkehr.
Ohne Makel, wer beharrlich bleibt in Gefahr.
Beklage dich nicht über diese Wahrheit,
genieße das Glück, das du noch hast.
Aus dem »Buch der Wandlungen«
Lagos-Island, 10. Oktober 2016
Endlich erspäht er eine Bar. Er macht die anderen auf sie aufmerksam und will sich schon den Weg durch die Menschenleiber bahnen, da erkennt er: geschlossen. Einen Augenblick steht er still. Dann lässt er die Schultern sinken und denkt: Egal, dieser Tag ist eh nicht mehr zu retten. Mit der Menge lässt er sich an den leeren Tischen vorbeitreiben.
Maria kommt ihm vor, als habe das nächtliche Gespräch sie von einer Last befreit: Sie tänzelt neben ihm her, leichtfüßig wie eine Frau, die ein Ziel hat. Seine Beine dagegen sind schwer, wollen umkehren, die müden, wollen zurück ins Hotel. Was hat er auf diesem verdammten Basar verloren? Eine schwarze Wolke scheint seinen Kopf auszufüllen, spitze Steine das Innere seiner Brust.
Und schwankt nicht auch der Boden unter ihm? Und was haben die Menschenmassen und Markstände ringsum mit seinem Leben zu tun? Ein Film, der ihn nichts angeht. Der Wind allerdings – daran zweifelt Waldmann nicht –, der Wind riecht nach Meer und fühlt sich an wie feuchtwarmes Tuch.
Er öffnet zwei weitere Knöpfe seines verschwitzten Hemds. Noch nicht einmal Mittag und schon unerträglich heiß. Ich hätte sie nicht nach ihrem Liebhaber fragen sollen, denkt er. Wir hätten das Gespräch verschieben sollen, hätten gleich nach Sonnenaufgang losgehen müssen.
All das denkt er und lauscht: Trommelschlag tönt von irgendwoher. Das klingt nicht nach Lautsprecher, das klingt echt. Einheimische Straßenmusiker?
Autos und Menschen, wohin er schaut. Ein brodelnder Strom von farbenfroh gekleideten Leibern und Gesichtern – breit, endlos und laut zwischen Böschungen aus Blech. Kleinbusse und Pick-ups zumeist, aus denen heraus alles Mögliche verkauft wird: Kleider, Bananen, Sonnenhüte, Melonen, Gürtel, Sandalen, Koranausgaben, geschlachtete Hühner.
Tief eintauchen will sie, hat Maria gesagt, so tief wie möglich eintauchen in die Wirklichkeit Nigerias. In seine Wälder, seine Städte, seine Wüsten, in die Denkweise seiner Menschen. Genau das hat sie gesagt. Vor anderthalb Jahren, als sie diese Reise geplant haben, als von Ehekrise noch keine Rede gewesen ist; Waldmann wird es nie vergessen.
Doch das weiß er noch nicht.
Heute also will sie in den Basar eintauchen. Keine gute Idee, findet er. Die halbe Nacht lang haben sie geredet. Zum hundertsten Mal. Und danach zu lange geschlafen.
Jedenfalls Maria. Er selbst hat gegrübelt, bis ins Morgengrauen. Den Kopf hat er sich zermartert. Und danach schwer geträumt: Wie er ohne Maria zum Drachenfels hinaufsteigt, auf der Südseite, durch den Steilhang. Dabei gibt es da nicht einmal einen Pfad.
Wie auch immer: Um nicht in die Mittagshitze zu geraten, hätten sie früher aufstehen müssen, viel früher.
Die Blechkolonnen rechts und links reichen bis zum Horizont, Menschenmassen lärmen und drängen vorüber, mit Souvenirs behängte Händler laufen neben ihnen her, reden auf sie ein. Waldmann zieht ein Taschentuch aus seiner Leinenhose und wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht.
Das lärmende Marktgewimmel scheint Maria zu überwältigen, denn plötzlich hakt sie sich bei ihm unter, drängt sich an ihn, hält seinen Arm fest. Das löst einen warmen Schauer in Waldmanns Brust aus, das fühlt sich fast ein wenig an wie Glück. Heute Nacht, im Hotelzimmer, hat sie ihm eröffnet, dass sie nun doch die Scheidung will. Und jetzt kann sie ihm nicht nahe genug kommen?
Soll er Hoffnung schöpfen? Lieber nicht.
Dicht vor ihnen bahnen sich Elias und der Scout den Weg durch die Menge. Elias guckt sich alles ganz genau an: die Menschen, ihre Fahrzeuge – oft Rostlauben aus den Achtzigern – die Käfige mit Meerkatzen und Vögeln auf den Autodächern, die Waren, die sie verkaufen wollen: Heilkräuter, Lämmer, Messer, Handys, Tierschädel, Flöten, landesübliche Gewänder. Alles Neue ist dem Jungen willkommen, alles Andersartige, alles Fremde.
Manchmal macht sie Waldmann Angst, diese ungezügelte Entdeckerlust seines Sohnes. Hat er als Zwölfjähriger denn ähnlich neugierig und furchtlos in die Welt geschaut?
Maria will zu Gottfried ziehen, ihrem Geliebten. Elias’ große Schwester wird es verkraften. Doch Elias? Er vergöttert seine Mutter.
Mit dem Menschenstrom treiben sie nach Westen, der Lagune zu. Auf halbem Weg dorthin gebe es eine Markthalle, in der man Kleinvieh und einheimische Wildtiere kaufen könne und wo manchmal Voodoo-Priester ihre Dienste anbieten. Maria hat es im Lagos-Reiseführer gelesen und will sie sehen. Die Voodoo-Priester.
Verstohlen mustert er sie von der Seite – sie wirkt nicht wie jemand, der beschlossen hat, sein Leben in Trümmer zu legen; sie wirkt wie eine Frau, die gerade neu anfängt zu leben.
Gerüche von Diesel, Zigarettenrauch, altem Fisch und ranzigem Schaffleisch sättigen die heiße Luft. Sie vibriert vom Geschrei der Händler, vom Palaver der Menge, von Flüchen und Gelächter. Dayo, der Scout, zieht Elias von einem aufdringlichen Händler weg, der ihm einen kleinen Elefanten aus schwarzem Holz verkaufen will. Ein Hund jault auf, weil irgendwer ihm auf die Hinterpfote getreten ist, ein Helikopter donnert über den Markt, Hip-Hop hämmert aus einem Wagenfenster, irgendwo heult eine Sirene. Und über allem diese Trommelschläge. Mit jedem Schritt rücken sie näher.
Waldmann hört das alles wie von fern. Was geht ihn dieser Markt an? Was hat er hier zu suchen? Am liebsten würde er kehrtmachen und sich im Hotelzimmer verkriechen. Mit einer Flasche Whisky.
Das näher rückende Getrommel geht ihm auf die Nerven. Schon als sie eingetaucht sind in das Tohuwabohu aus Menschengetümmel, Händlergeschrei und Fahrzeugblech sind sie ihm aufgefallen, diese Trommelrhythmen. Auch die sollte er nicht mehr vergessen.
Vor ihnen taucht plötzlich ein riesiger Hund aus der Menge auf. Waldmann steht wie festgewachsen; Maria stößt einen Schreckensseufzer aus und klammert sich an seinen Arm. An einer stählern glänzenden Kette, groß wie eine Ankerkette, zerrt ein Mann das Tier näher zu sich heran. Er trägt einen langen Rock und ein ärmelloses Unterhemd; schneeweiß sticht es von ihm ab.
Sein massiger Hund hat ein schmutzig weißes Fell voller gelbgrauer Tupfen. Er zerrt an der Kette, bis sein Herr sie lockert. Der Hund kommt zu Waldmann, ganz nah, beschnüffelt seine Knie, seine Hüfte, äugt zu ihm herauf. Waldmann krault ihn zwischen den verkrüppelten Ohren, und erst als sein Besitzer das Tier wieder zu sich zerrt, erschrickt Waldmann und begreift – das ist gar kein Hund, das ist eine Hyäne! Ein aus Seil geflochtener Maulkorb schließt ihren Rachen ein, ihre wuchtigen Schultern reichen ihrem Herrn bis zur Hüfte.
Elias und Dayo stehen reglos und starren das Tier an. Der Hyänenmann im Flickenrock wendet sich ab, taucht wieder in die Menge ein, zerrt die Hyäne an der Kette hinter sich her.
»Habt ihr das gesehen?!« Beinahe atemlos stößt Maria die Frage aus. »Die beiden muss ich zeichnen!«
Elias drängt sich schon ins Getümmel, folgt dem Hyänenmann; diesmal ist er es, der Dayo hinter sich herzieht. »Da drüben bei der Einfahrt tanzt ein Affe auf einem Auto!« Er deutet in die Richtung, aus der die Trommelschläge dröhnen. Seine Augen leuchten.
»Mein Block!« Maria steht vor Waldmann. »Mein Stift!« Sie zerrt den Reisverschluss ihres Rucksacks auf. Waldmann hat ihn sich vor die Brust gehängt.
Ihren Skizzenblock unter den Arm geklemmt und den Stift in der Rechten, arbeitet Maria sich hinter Elias und dem Scout her durchs Gedränge. Für sie öffnet sich schnell eine Gasse in der Menge, Waldmann aber muss die Arme benutzen, um seine Frau nicht aus den Augen zu verlieren.
Als er dann endlich doch den Torbogen der Einfahrt hinter sich hat und zwischen ihr und Elias steht, hat sie sich den Block schon zwischen Handballen und Ellenbeuge geklemmt und zeichnet: den Halbwüchsigen, der links von Elias auf dem Dach eines von der Sonne gebleichten ehemals roten Passats sitzt und eine Kette festhält. Und den Pavian neben ihm.
Dass sie das kann! Waldmann versucht, seine Frau zu verstehen: nachts die Scheidung verkünden, danach schlafen wie ein Kind und sich jetzt seelenruhig ihrer Kunst widmen? Trauert sie denn gar nicht? Hat die denn gar keine Angst vor einer Zukunft ohne ihn?
Der Pavian hüpft auf und ab, schüttelt sich, lässt die pelzigen Arme kreisen, stampft mit den Hinterläufen im Rhythmus der Trommelschläge aufs Autodach. Sein Gekreische fährt Waldmann in die Knochen, seine Kette rasselt über das Blech. Offenbar liegt sie um die Hüfte des Affen, denn ihre Glieder führen unter das Oberteil seines Matrosenanzugs.
Der quadratische Innenhof ist voller Menschen, fast ausschließlich Männer. Die klatschen, die rufen, die stampfen im Rhythmus mit den Füßen auf. Waldmann unterdrückt den Impuls, sich die Ohren zuzuhalten. Was für ein gottverdammter Lärm!
Die meisten Leute drängen sich zu beiden Hofseiten vor der Glasfassade eines riesigen Gewächshauses. Oder ist es eine Fabrikhalle? Kaum Licht fällt in den Hof; es ist schattig hier und nicht ganz so heiß wie draußen zwischen den Marktständen. Wenigstens das.
Maria schlägt das Blatt um, skizziert nun den kleinen, stämmigen Mann, der mit gekreuzten Beinen auf einem Teppich mitten im Hof sitzt. Mit angestrengter Miene mustert er das Durcheinander vor ihm auf dem Teppich: Steine, Knochen, Püppchen, ein Messer, ein Kreuz.
Der rätselhafte Mann trägt eine Pelzmütze und ist in Fell gehüllt. »Leopardenfell!«, hört Waldmann seine Frau rufen. »Ein Voodoopriester!« Maria ist ganz aufgeregt, ihr Stift fliegt nur so über das Blatt.
»Hyänenfell«, sagt Waldmann. »Auch der Hut.« Der Mann gefällt ihm nicht. Doch was könnte ihm schon gefallen an einem solchen Tag?
»Ein Marabout!«, ruft von links Elias, »kein Voodoopriester! Sagt der Scout.«
»Was zum Teufel ist ein Marabout?«, murmelt Waldmann. Der Mann im Hyänenfell ist ihm unheimlich. Obwohl er klein ist und sitzt, scheint seine Anwesenheit den Hof auszufüllen.
Vier Trommler flankieren ihn: Zwei stehen hinter großen Trommeln zu seiner Rechten, zwei hocken zu seiner Linken und dreschen auf zwischen ihre Schenkel geklemmte Trommeln ein. In ihren Gesichtern glänzen Schweißperlen.
Hinter ihnen, etwas abseits, steht der Hyänenmann mit seinem monströsen Tier. Seine Miene sieht aus wie aus Basalt gemeißelt, sein ausdrucksloser Blick wandert über die stampfende und klatschende Menge. Seine Hyäne hat sich vor ihm am Boden ausgestreckt. Ein kleines Mädchen liegt auf ihr und kuschelt sich in ihr Fell.
»Unglaublich!«, hört Waldmann seine Frau ausrufen. »Hat das Kind denn keine Angst? Was machen die hier überhaupt? Ist das ein religiöses Ritual?«
»Eine Show«, sagt Waldmann. »Die unterhalten das Volk und uns Touristen, wollen Geld verdienen. So einfach ist das.« Mit einer Kopfbewegung deutet er zu dem Motorrad, das nicht weit rechts von Maria steht. Ein Bursche mit Strohhut und traurigen Augen hält es fest, während ein Pavian Saltos auf dem schmalen Sitz vollführt.
Die Leute sind begeistert. Maria auch – sie schlägt das Blatt um, geht näher hin, beginnt das Motorrad und den saltoschlagenden Affen zu zeichnen. Der steckt in einem FC-Bayern-Trikot.
Der traurige Bursche zerrt an seiner Kette, bis der Affe vom Motorrad springt. Dann nimmt er den Strohhut ab und beginnt den Kreis der Zuschauer abzuschreiten. Dabei hält er den Hut in Schulterhöhe und zieht den Pavian an der Kette hinter sich her. Der klaubt Steinchen aus dem Staub des Hofes und springt trotz Kette so hoch, dass er sie in den Hut werfen kann. Waldmann kommt es vor, als würde das Dröhnen der Trommeln anschwellen.
Die Leute jubeln dem Pavian zu, applaudieren ihm, feuern ihn an. Und werfen Münzen und Banknoten in den Hut. Sein Kettenmann verzieht keine Miene. Freut er sich? Strengt es ihn an, den Hut so hoch zu halten? Langweilt ihn das Spektakel?
Zu Hause im Präsidium schätzen sie Waldmann, den Vernehmungsspezialisten, für seine Fähigkeit, die Gefühle eines Verdächtigen in dessen Miene lesen zu können. Doch die Mimik dieses jungen Mannes hier bleibt ihm auch dann noch ein verschlossenes Buch, als er direkt vor ihm steht.
Die Bedeutung des Motivs auf seinem gelben T-Shirt dagegen leuchtet Waldmann unmittelbar ein: eine schwarze Axt, die eine Kette zwischen zwei schwarzen Händen zerschlägt.
»Wirf was in den Hut, Hannes!«, ruft Maria von Weitem. »Und nicht nur Münzen!« Um das Spektakel aus einer erhöhten Perspektive skizzieren zu können, ist sie ein paar Stufen die Treppe hochgestiegen, die vor dem Torbogen zu einer Galerie hinaufführt. Auf den Stufen über ihr beobachten Männer die Show.
Sie sollte dort nicht stehen, raunt eine tonlose Stimme in seinem Kopf, nicht so weit weg von uns. Oder ist es die Stimme des schattenhaften Unbekannten, der plötzlich neben ihm steht?
Der Hut quillt schon über von Geldscheinen, Waldmann zieht dennoch den Reißverschluss des Rucksacks auf und kramt nach den Brieftaschen. Auf einmal schreit links neben ihm Elias auf.
Waldmann fährt herum – der Pavian auf dem Autodach tanzt nicht mehr. Mit Elias’ Sonnenbrille in der Pfote versucht er stattdessen, sich hinter seinem Kettenmann zu verstecken.
»Meine Sonnenbrille!« Schreiend wirft Elias sich gegen den Passat, streckt sich über dem Dach aus, versucht nach der Paviankette zu greifen. Das Geld für seine Ray-Ban-Sonnenbrille hat er sich mit Nachhilfeunterricht verdient. »Her mit der Brille, du blödes Vieh!«
Ein Schritt und Waldmann steht neben seinem Sohn. Mit einem einzigen Griff erwischt er die Kette. Gemeinsam zerren sie daran, doch der Pavian stemmt die Hinterpfoten gegen den Rücken seines Kettenmannes. Die Kraft des Affen macht Waldmann fassungslos. Er zerrt und flucht und zerrt und flucht.
Endlich begreift der Kettenmann, was passiert ist. Er bekommt seinen Pavian am Bart zu packen und zieht ihn daran hinter seinem Rücken hervor. Doch die Brille will das Tier nicht loslassen, da kann sein Führer noch so zetern.
Schon ganz verbogen sieht sie aus in der Affenfaust, und als der Kettenmann versucht, die Affenfinger aufzubiegen, schließt das Tier seine Faust nur noch fester um die Brille. Waldmann hört es splittern und knacken, sieht wie das rechte Glas aus der Fassung springt. Jetzt erst lässt der Pavian die Brille fallen.
»Hundertfünfzig Euro!« Elias schreit den Affenführer an. »One hundred and fifty Euros!« Seine Stimme bricht und erstickt in Tränen. Heulend präsentiert er Waldmann das Brillenwrack.
Der mit den traurigen Augen und dem Bild der schwarzen Axt auf dem Hemd ist längst weitergegangen. Mit erhobenem Strohhut und springendem Affen dreht er seine Runde, als wäre nichts geschehen.
Elias streckt seine zerstörte Sonnenbrille in die Richtung der Treppe neben dem Torbogen, um sie Maria zu zeigen. Und lässt sie gleich wieder sinken. »Wo ist Mama?«
Waldmann dreht sich nach der Treppe um – niemand steht dort mehr. Auch Maria nicht. Heißer Schrecken zuckt ihm durch die Glieder. Er ruft ihren Namen, schiebt die Leute zur Seite, wühlt sich an ihnen vorbei bis zur Treppe. »Maria!«
Ein Mann deutet nach oben zur Galerie, ein anderer in die zwischen den Marktständen vorüberziehende Menge. Waldmann hetzt die Treppe hinauf, nimmt drei Stufen auf einmal. Seine Sorge steigert sich zu Angst. »Maria!« Ein paar Frauen und Kinder stehen an der Brüstung, schauen ins Menschengetümmel des Basars hinunter. »Maria!« Die Frauen schütteln den Kopf.
Waldmanns Angst wird zu Panik. Er springt die Stufen wieder hinunter. Der eben in die Menge gedeutet hat, tut es immer noch. Ein anderer zuckt mit den Schultern.
»Maria!« Waldmann keucht den Namen heraus, sein Herzschlag dröhnt ihm jetzt in Kehle und Schläfen.
Elias und der Scout tauchen aus der Menge unter dem Torbogen auf. Elias stößt einen Mann zur Seite, der auf etwas Weißem steht, das vor ihm im Staub liegt. Elias bückt sich danach, und als er sich wieder aufrichtet, ist er aschfahl. Stumm und mit offenem Mund reicht er Waldmann den Skizzenblock. Der weigert sich zu glauben, was er doch ganz genau sieht: die Skizze eines saltoschlagenden Affen, die Umrisse eines Burschen mit traurigen Augen.
»Wir müssen die Polizei rufen!« Elias heult. Dayo zieht sein Telefon aus der Hosentasche.
Waldmann wirbelt herum, hastet die halbe Treppe hinauf, brüllt den Namen seiner Frau. Sein Blick hetzt über die Menge vor dem Torbogen und zwischen den Markständen. Und sucht nach Marias Blondschopf.
Charkiw, 2. Juli 2022
Mein Liebster!Du hast so recht gehabt – ich hätt gehen sollen. Gleich im Februar hätt ich die Stadt verlassen sollen! Heute werd ich’s tun. Gleich wird Zlata mich abholen. Mir blutet das Herz.
Rauchsäulen über den Dächern, Bombenalarm in der Nacht, Explosionslärm Tag für Tag. Unsere Oper ist eine Ruine, der Platz der Freiheit eine Trümmerwüste, der Barabaschowo-Markt ein Flammenmeer. Ist das alles denn ein böser Traum? Oder doch die Wirklichkeit?
Zwar haben unsere Jungs die russischen Soldaten aus der Innenstadt verjagt – sogar aus den Vororten, hab ich auf facebook gelesen! – doch vorige Woche haben die Orks einen Spielplatz bombardiert, und gestern sind Geschosse in den Wohnblocks gegenüber eingeschlagen.
Jesus Christus! So viele Verletzte, so viele Tote!
Das alles im 21. Jahrhundert? In unserer Heimat? In unserer Stadt? Das kann doch gar nicht wahr sein!
Doch Du hast’s vorausgesagt. Du warst noch nicht mal an der Front, da hast Du schon vorausgesagt, dass Putin keine halben Sachen macht. Und ich hab’s nicht glauben wollen. Jetzt muss ich es glauben.
Wir sind runter mit den Nerven. Alle, mit denen ich chatte, mit denen ich spreche. Wir können nicht mehr schlafen, wir können nichts mehr essen, so fertig sind wir vor Angst. Ich will nur noch weg.
Doch wem schreibe ich das? Fast schäm ich mich. Wie mag es erst Euch an der Front gehen? Wenn Du diesen Brief liest – ich bete so, dass Du noch lebst, dass er Dich erreicht!! –, werd ich schon in Lemberg sein, vielleicht sogar schon in Berlin.
O Gott, es ist so weit! Grad krieg ich eine WhatsApp: Zlata steht mit dem Auto vor dem Haus. O Gott, ich muss Schluss machen! Sie warten auf mich. Wir fahren zu sechst: Kateryna, Zlata, Anastasia mit ihrem Sohn und Milena, die Verlobte Deines Leutnants.
Ich habe heute Morgen den roten Granatschmuck angelegt, den Du mir geschenkt hast: den Tränenring, das Kreuz und die Tautropfen. So geht ein Teil von Dir mit mir auf die Flucht. Das soll mir Glück bringen. Das wird mir Glück bringen!
Mein Herz klopft wie verrückt, Jesus Christus! Ich muss heulen, genug jetzt …
Pass nur gut auf, Du! Vorletzte Woche sind russische Soldaten mit weißen Fahnen auf unsere Jungs zugelaufen. Schaut euch das an!, haben unsere Jungs gerufen. Die Orks ergeben sich!, haben die gedacht, doch als sie nah genug waren, die verfluchten Orks, da haben sie angefangen zu schießen.
Elende Schweinehunde! Ich hab Bilder auf Telegram gesehen. Pass nur gut auf Dich auf, hörst du, mein Liebster?
Wenn wir in Berlin sind, melde ich mich wieder, spätestens.
Ich bete für Dich! Ich sehne mich nach Dir! Ich küsse Dich! Ich liebe Dich!Deine Sofia
Aus dem Russischen übertragen von Pia Luninger
Alfter, Freitag 25. August 2023
Waldmann sah schon die ersten Gewächshäuser des Anwesens. Bald auch seinen Zaun, dann ein verwahrlostes Heer kleiner Zypressen, Tannen und Kiefern, schließlich das Hauptgebäude, vollständig verglast, zuletzt das rostige Gittertor. Langsam rollte der Kleinbus darauf zu.
Sechs Männer und eine Frau saßen darin. Die halbe Belegschaft des Kriminalkommissariats 11. Niemand sprach ein Wort. Schon seit sie auf dem Präsidiumsparkplatz in den Bulli gestiegen waren, herrschte Schweigen. Alle ahnten, was sie erwartete. Waldmann wusste es – er hatte ganze Nächte mit den Ermittlungsakten aus Den Haag zugebracht. So tief er auch einatmete, der Druck hinter seinem Brustbein ließ nicht nach.
Neben ihm, am Steuer, mahlte der lange Gerstner mit dem Kiefer, dass seine Kaumuskeln bebten. Hinter ihm knackte Kaiser mit den Fingergelenken, eine Angewohnheit, die Waldmann auf den Tod nicht ausstehen konnte. Der Chef zum Glück auch nicht – im Rückspiegel beobachtete Waldmann, wie Großmüller einen strengen Blick auf den Kollegen abschoss, woraufhin Kaisers Hände sich voneinander lösten und seine Rechte unter seinem Sommerjackett verschwand. Dort entsicherte er seine Waffe – das metallene Klicken ging Waldmann durch und durch.
Der zivile Polizeibulli stoppte vor der verschlossenen Zufahrt. Mit einer knappen Kopfbewegung bedeutete der Chef dem jüngsten Kollegen, das Tor zu öffnen. Sammy Lienhard, Kommissarsanwärter, riss die Seitentür auf, sprang aus dem Wagen, zog das Metallgatter zur Seite und zeigte dabei auf den alten Mercedeskombi vor dem Glashaus.
»Er ist zu Hause«, brach Waldmann das Schweigen. Er erkannte den schwarzen Kombi mit der breiten Heckklappe sofort wieder. In den Ermittlungsakten hatte er Fotos davon gesehen
Leo Gerstner nickte, ließ den Bulli ein paar Meter weit in die Einfahrt hineinrollen und stoppte ihn so, dass er schräg darin zum Stehen kam und sie nahezu komplett versperrte.
Zugriff um 13.40 Uhr. So hatten es die Kollegen aus Den Haag gemailt. Dazu die Bilder des Verdächtigen, seiner drei mutmaßlichen Opfer, die Mannschaftsstärke des Europolteams und die Zieladresse: ein weitläufiges Anwesen am Nordostrand von Alfter, keine dreißig Minuten vom Bonner Zentrum entfernt und halb im Wald gelegen. Eine ehemalige Baumschule und Großgärtnerei.
Waldmann spähte zum Waldrand hinüber. Irgendwo zwischen den Büschen und Bäumen dort würden jeden Moment die Kollegen vom BKA mit ihrer Sicherungsgruppe auftauchen. Die Holländer hatten sie für den Zugriff angefordert.
»Uhrenvergleich«, ordnete Großmüller an. Waldmann und die meisten anderen zückten ihre Mobiltelefone, manche schauten auf ihre Armbanduhren. »13.38 Uhr«, sagten Kaiser, Gerstner, Lienhard, Robinski und Waldmann wie aus einem Munde. Und zuletzt erinnerte mit heiserer Stimme Selma Adenauer an die viel zu schnell heruntertickende Zeit. »13.39 Uhr«, murmelte sie.
Waldmann wunderte sich, dass der Chef sie zu diesem Einsatz mitgenommen hatte, denn sie war im vierten Monat schwanger. Oder schon im fünften?
»Die BKA-Sicherungsgruppe ist kaum noch hundert Meter entfernt«, erklärte Großmüller. Wie ein betender Mönch in sein Brevier, starrte er unentwegt und mit gesenktem Kopf aufs Display seines Mobiltelefons. »Gehen wir.« Er schob seinen großen Körper aus dem Bulli. Auch Karl Robinski stieg aus, und beide eilten Seite an Seite auf das Glashaus zu. Ein Anblick, der Waldmann erheiterte, denn Großmüller überragte Robinski um fast zwei Köpfe.
»Worauf wartet ihr?« Leo Gerstner steckte den Autoschlüssel ein. »Mittagessen fällt aus heute. Raus hier!« Waldmann tastete nach dem Türgriff, während hinter ihm Selma und Kaiser aus dem Kleinbus kletterten.
Sicher – Waldmanns Herz klopfte ein bisschen schneller, als er die Beifahrertür aufstieß, schneller jedenfalls als noch vor sechs Stunden beim morgendlichen Tee und beim Abschied von Angie. Und ja – das gigantische Glashaus, dessen schweres Eingangstor Großmüller und Robinski nun mit vereinten Kräften zur Seite rollten, stieß ihn ab. Doch sonst gab es zu diesem Zeitpunkt – 13.40 Uhr – nicht das geringste Anzeichen dafür, dass dieser milde Spätsommertag Ende August sein vorläufig letzter Arbeitstag in der Kriminaldirektion Bonn sein würde.
Die für den physischen Zugriff zuständigen Kollegen vom Meckenheimer BKA wollten das Anwesen von der Waldseite aus besetzen. Sieben Mann der Sicherungsgruppe hatten bereits in den Gewächshäusern entlang der beiden Zufahrtswege Stellung bezogen, zusammen mit den Holländern. Die Zielperson hatte keine Chance zu entkommen.
Für alle Fälle jedoch waren in Meckenheim zwei Helikopter in Alarmbereitschaft versetzt worden. Und in Bonn hielt sich die Hundestaffel der Kriminaldirektion bereit.
Die Zielperson: ein Belgier namens Adam Willems, den Europol verdächtigte, Drahtzieher eines internationalen Menschenhändlerringes zu sein. Aus einer Gruppe von Frauen, die für den deutschen Markt bestimmt sind, hat der Sauhund sich Ware für den persönlichen Bedarf abgezweigt, wie es im Protokoll eines vom BKA mitgelesenen Telegram-Chats der Bandenköpfe hieß.
Eine Moldawierin, eine Rumänin und eine halbwüchsige Nigerianerin.
Als Waldmann beim Lesen des Protokolls über das Wort Ware gestolpert war, hätte er beinahe auf seinen Schreibtisch gekotzt.
Mit den drei entführten Frauen hatte der Belgier hier, auf diesem abgelegenen Anwesen, eine Art Privatpuff betrieben. Nur für Freunde und Gleichgesinnte. Die Rumänin hatte das nicht überlebt. Ihre geschundene Leiche – Waldmann hatte Fotos gesehen – und die mitgelesenen Chats hatten das BKA auf die Spur des Mannes gebracht.
Das Rolltor stand nun offen. Zwischen Selma und Sammy trat Waldmann über die Schwelle in eine Art Hangar, einen etwa hundert Meter langen und gut zehn Meter breiten Glastunnel. Ein alter Traktor und ein paar Anhänger standen darin. Waldmanns Knie waren seltsam weich, und Bilder der toten Rumänin blitzten ihm durch den Schädel.
Er versuchte, beides zu ignorieren.
Am anderen Ende des gläsernen Hangars, auf der Waldseite des Glashauses also, hatten inzwischen die BKA-Kollegen auch das gegenüberliegende Tor geöffnet. Der Kommandant der Sicherungsgruppe – ganz in Schwarz und mit schwarzem Helm – stand schon unter dem Glasdach und deutete nach allen Richtungen, während seine Leute in die Gänge zwischen den vielen Glasräumen ausschwärmten.
Selbst wenn Waldmann nicht gewusst hätte, dass Toni da Col da drüben das Kommando führte – spätestens jetzt hätte er seinen Freund erkannt: an der großen, drahtigen Gestalt und den lässigen Gesten, mit denen er die anderen schwarz Vermummten ins Innere des gläsernen Gebäudes schickte.
Ein gigantischer Bau. Seine Grundfläche schätzte Waldmann auf die Größe eines Fußballplatzes und die Temperatur darin auf über 30 Grad Celsius.
Mit einer Kopfbewegung deutete Großmüller zur Mitte der monströsen Glaskonstruktion hin. Eine Art Haus im Haus versperrte dort den Blick zur gläsernen Außenwand. Das war ganz aus dunkelgrünem Holz, und sein schräges Pultdach ragte schwarz von Sonnenkollektoren aus dem flachen Glasdach des Gewächshauses, das es umgab und einschloss.
Durchgehendes Klopfen und Hämmern tönte von diesem zentralen Holzbau her, rhythmisch, laut und – bedrohlich. Ein Mann hinter einer hohen Trommel stand Waldmann plötzlich vor Augen.
Deutlichere Anzeichen eines Flashbacks jedoch spürte er im Grunde erst, als er zwischen Selma und Sammy hinter Großmüller und Robinski her in den Mittelgang rannte, der direkt zu dem zentralen Holzbau führte: Den Schweißausbruch, den trockenen Mund, den Trommelwirbel, den sein Herzschlag in der Kehle und zwischen den Schläfen veranstaltete.
Wirklich ernst nahm er nichts davon.
Die Hitze tut mir nicht gut, dachte er zunächst. Doch je länger er durch den Mittelgang rannte, desto deutlicher merkte er, was wirklich an seinen Nerven zehrte: die nicht enden wollende Reihe von Kammern aus halbblindem Glas; die Parzellen voller welker Topfpflanzen; die kleinen gläsernen Nischen mit den schmutzigen Klapptischen und den von Unkraut überwucherten Salatbeeten; die Paletten, auf denen schwarze Blumentöpfe sich stapelten; die verstaubten Werkbänke und die schiefen Türme aus verwitterten Holzkisten. Wie in einer riesigen Markthalle gefangen kam Waldmann sich auf einmal vor, wie in einem ausgestorbenen Basar.
Und vor allem das rhythmische Klopfen, das verdammte Getrommel! Und die dunklen Gestalten, die er dreißig Meter links von sich durch einen Seitengang auf das Mittelhaus zustürmen und darin verschwinden sah. Und dann stolperte er auch noch über zwei tote Tauben, deren Kadavern die erstaunlich flinke Selma ausgewichen war.
Ohne, dass er sich dagegen wehren konnte, stürzte er plötzlich auf der Zeitleiste seines Lebens sieben Jahre rückwärts. Der dünne Firnis zwischen damals und jetzt zerriss jäh, und von einem Augenblick zum anderen brannte die heiße Sonne Afrikas über ihm, und er musste sich wieder durch die zähe Menge jenes verfluchten Bazars arbeiten.
Er atmete tiefer, biss sich auf die Lippen und versuchte, sich zurück ins Hier und Jetzt zu zwingen. Neben ihm schaukelt keuchend Sammy, irgendjemand ruft etwas, vielleicht Großmüller, vielleicht Selma. Und auf einmal das Geschrei sehr vieler Stimmen – kommen sie aus dem dunkelgrünen Haus? Oder schreien sie nur in seinem Kopf?
Waldmann wischt sich über Stirn und Augen und erschrickt, weil sein Schweiß kalt und klebrig ist. Sein Zopf hat sich gelöst, Strähnen seines langen Haares kleben ihm im Gesicht.
Dieses Geschrei muss er doch hören, denkt er, das muss diese Drecksau doch mitkriegen!
Das Gesicht des Verdächtigen steht ihm plötzlich vor Augen – er kennt sein Foto aus der Ermittlungsakte – ein unauffälliges Männergesicht, wie man es jeden Tag dutzendfach sieht: in der Fußgängerzone, im Restaurant, in der S-Bahn.
Panik überfällt ihn – was, wenn der verfluchte Frauenschänder nun entkommt? Das darf nicht passieren, unter keinen Umständen! Er rennt schneller, so schnell, dass er zu Selma aufschließt. Auf einmal steht er vor Toni. Und Toni steht vor der offenen Eingangstür des dunkelgrünen Innenhauses.
Waldmann erschrickt aufs Neue – diesmal, weil er sich nicht erinnern kann, wie er so schnell hierhergelangt ist. Toni hat sein Helmvisier hochgeklappt und drückt ihm die ausgestreckte Handfläche gegen die Brust. »Tutto bene, Hannes?« Sorgenfalten zerfurchen sein von schwarzen Bartstoppeln dunkles Gesicht.
»Alles bestens.« Das Getrommel ist verstummt.
»Sicher?«
Waldmann nickt. »Was ist das für ein Lärm gewesen?«
»Eine Waschmaschine, die im Schleuderprogramm von Wand zu Wand gewandert ist.«
Waldmann deutet ins Haus. »Habt ihr ihn?«
»Dadrin sind nur die Frauen.« Toni nimmt die Hand von seiner Brust und winkt ihn an sich vorbei. »Links hinten, im Bad.«
Auf halbem Weg dorthin, im schlauchartigen Flur, stockt sein Schritt. Etwas wie ein Schatten ist neben ihm aufgetaucht und raunt mit tonloser Stimme: Kehr lieber um.
»Stimmt was nicht?« Sammy steht dicht hinter ihm. Waldmann blinzelt ins Halbdunkel, doch der Schatten ist verschwunden. Er schüttelt den Kopf und geht weiter.
Selma ist schon im Bad. Sie kniet vor einer nackten Frau, hat sie in die Arme geschlossen, wiegt sie, wie man Kleinkinder wiegt, wenn sie gestürzt sind, und flüsterte ihr ins Ohr. Über Selmas Schulter hinweg blickt das schwarze Mädchen zu ihm herauf – aus großen feuchten Augen. Augen eines waidwunden Rehs; Waldmann schnürt es das Herz zusammen.
Mit dem Ellbogen deutet Selma nach rechts zum Fenster hin. Waldmann fährt herum: Unter dem Fenster, hinter einer halb im Raum stehenden Waschmaschine, kauert eine zweite Frau. Nackt und mit Handschellen an die Heizung gefesselt.
»Beschaff einen Bolzenschneider, Sammy.« Waldmann zieht seinen langen Wildledermantel aus. »Die Kollegen vom BKA müssen so was dabeihaben.« Er geht vor der Frau auf die Knie. »Wir holen Sie hier raus.« Er weiß kaum, was er sagt, denn in seinem Kopf rauscht es, und er hört seine eigene Stimme nur undeutlich. »Es ist vorbei, wir holen Sie hier raus.«
Der ausgemergelte Körper der Angeketteten hat die Farbe schmutzigen Schnees; Bisswunden, Striemen und blutige Kratzer bedecken ihn. »Es ist vorbei, alles wird gut.« Waldmann ist schwindlig, doch er redet immer weiter, während er ihr seinen Mantel über Brüste und Schultern legt. »Alles wird wieder gut.«
Ihr Haar ist es schließlich, das ihm den Rest gibt: Ihr glattes, langes, blondes Haar. In seinem Kopf bricht der nächste Damm und wieder fluten Bilder und Worte aus der Vergangenheit sein Bewusstsein – eine blonde Frau in lachsfarbenem Sommerkleid auf einer Treppe; wirf was in den Hut, Hannes; ein Skizzenblock unter schwarzen Füßen im Straßenstaub; das tränennasse Gesicht seines Sohnes; wir müssen die Polizei rufen …
Alles in ihm krampft sich zusammen, seine Brust fühlt sich an wie in einen Schraubstock gespannt und es kostet ihn seine ganze Kraft, die Zähne zusammenzubeißen, statt loszuschreien.
Vergangenheit – gibt es das überhaupt?
Sammy taucht neben ihm auf und geht mit einem Bolzenschneider in die Hocke. Im selben Moment beginnt irgendwo draußen ein Mann zu brüllen. Waldmann springt so blitzartig auf, dass er den erschrockenen Sammy zur Seite rammt.
Robinskis Stimme. »Stehen bleiben! Stehen bleiben, oder ich schieße!« Ein Schuss explodiert, Glas splittert.
Zwei Schritte, und Waldmann steht in der Badezimmertür. Die Kollegen der Sicherungsgruppe drängen sich auf der Treppe und im schmalen Flur. »Aus dem Weg!« Waldmann schreit sie an, Waldmann stößt und schiebt sie zur Seite. Als er durch ist, springt er über die Schwelle zurück ins Glashaus. Wieder ein Schuss, wieder zerspringendes Glas.
Im Mittelgang rennt ein Mann in offenem weißem Hemd und roten Boxershorts. Waldmann sieht sein Gesicht nicht, weiß aber dennoch: Er ist es!
Im Loslaufen greift Waldmann hinter sich und reißt seine Dienstwaffe aus dem Halfter am Hosenbund, doch plötzlich spürt er den harten Griff einer Hand am Unterarm. »Du bleibst bei mir, Hannes!« Toni hält ihn fest; so fest, dass es schmerzt.
Mit dem Pistolengriff schlägt Waldmann die Hand des Freundes zur Seite. Toni erwischt den Lauf und entreißt ihm die Waffe. Waldmann spurtet zum Mittelgang.
Dort sieht er jetzt auch Robinski rennen. »Stehen bleiben, oder ich schieße!« Robinski bleibt selbst stehen, zielt, schießt. Zweimal. Zweimal ins Leere.
»Schieß doch weiter!«, schreit Waldmann, alles in ihm ist in Aufruhr. »Schieß noch mal!« Er schreit sich heiser. »Schieß verdammt noch mal weiter!«
Der Mann in den Boxershorts reißt die gläserne Tür eines Seiteneingangs auf, springt nach draußen, zieht die Tür hinter sich zu und verschwindet zwischen den verwahrlosten Reihen der Zierbäume. Als Waldmann endlich den Mittelgang erreicht, rüttelt Robinski gerade an der ins Schloss gefallenen Seitentür.
Waldmann rennt weiter, späht nach einem Ausgang, rennt schneller. Irgendwo brüllt plötzlich ein Motor auf. Es hört sich an, als starte jemand einen Panzer. Und dann bricht ein Motorrad aus der Zierbaumplantage, rast an der Hofseite des Glasbaus vorbei, umkurvt den parkenden Mercedeskombi und beschleunigt zum schräg stehenden Kleinbus hin. Zwischen Bulli und Torpfosten hindurch schrammt die Maschine aus der Einfahrt.
Da liegt Robinski schon im Gras. Waldmann hat ihn zu Boden gerissen. Und nun schlägt er auf ihn ein. »Warum hast du nicht weitergeschossen?!« Einen Fausthieb nach dem anderen drischt er in das verdutzte Gesicht des Kollegen. »Du hast die Drecksau laufen lassen!« Robinski blutet bereits aus Mund und Nase, doch Waldmann findet kein Ende, packt Robinskis Hals und würgt ihn. »Warum hast du ihn laufen lassen, du Idiot!?«
Er schreit und schlägt und würgt und schreit, bis ein schwarz verhüllter Arm sich unter sein Kinn hebelt, vier in schwarzen Handschuhen steckende Hände ihn von hinten packen und bäuchlings in den Dreck stoßen.
*
Bonn, Freitag 25. August 2023
Unten, auf der ersten Treppe, gaben die Stufen noch nach, als wären sie aus Gummi. Jetzt, im zweiten Stockwerk, schienen sie endlich hart geworden und aus dem Gestein zu sein, nach dem sie aussahen: aus schwarzem Granit. Immerhin.
Sammy und Toni hielten ihn so fest, als fürchteten sie, er könnte flüchten; und nach allem, was geschehen war, kam Waldmann sich tatsächlich vor wie festgenommen. Sein Herz schlug nicht mehr ganz so schnell, doch sein Mund war noch staubtrocken, und seine Knie fühlten sich nach wie vor an wie mit zerlassener Butter gefüllt.
Sein Seelenarzt stand bereits in der offenen Praxistür. »Du schon wieder, Johannes?« Die Fäuste in die Hüften gestemmt, den Kahlkopf leicht gesenkt und die hohe Stirn in hundert Falten gelegt, musterte er ihn von unten herauf; wie es nun einmal seine Art war. »Warum zitterst du denn so? Kommst ja kaum die Treppe hoch!«
Mittelgroß, hager, tief in den Höhlen liegende schwarzbraune Augen unter weißen Brauen, und wie so oft schwebte sein Lächeln über der Grenze zwischen Wehmut und gütigem Spott – Dr. Franz Störchle, wie er leibte und lebte.
»Hat er schon wieder jemanden erschossen?«, erkundigte er sich kopfschüttelnd.
»Leider nicht.« Mehr als ein Krächzen brachte Waldmann nicht zustande. Von den eisenharten Griffen der BKA-Kollegen taten ihm noch immer Arme und Beine weh.
»Rein mit euch!« Toni und Sammy schoben ihn an Störchle vorbei. Der schloss die Tür und fasste nach Waldmanns Handgelenk, um seinen Puls zu tasten. »Warst du etwa wieder auf dem Basar?« Waldmann nickte. »Dacht ich’s mir. Hast schon letzte Woche nach Absturz gerochen.« Alle acht Tage lag Waldmann bei Störchle auf der Couch. Seit sieben Jahren.
Der Ex-Mönch legte Sammy die Hand auf die Schulter. »Dich kenn ich noch nicht.«
»Samuel Lienhard, Herr Dr. Störchle, Kommissarsanwärter.«
»Spar dir die Förmlichkeiten, Samuel – schöner Name übrigens. Wenn wir beide einst vor dem Uralten stehen, wird er mich nicht mit meinen Titeln anreden und dich nicht mit deinem Rang. Nenn mich Pater Franz, in Ordnung, Samuel?« Der Psychiater und Psychoanalytiker hatte früher dem Jesuitenorden angehört. »Und jetzt nimm im Wartezimmer Platz. Du gehst mit uns, Toni. Erzähl mal.«
»Fast wie damals, vor drei Jahren, Pater Franz.« Toni berichtete, während Waldmann zwischen ihnen ins Behandlungszimmer wankte. »Dasselbe in Grün, nur hat er diesmal auf niemanden geschossen, sondern einen Kollegen verprügelt.«
»Hoffentlich hat der es verdient.«
»Hat er.« Waldmann versuchte zu grinsen, doch es gelang ihm nicht.
»Bring ihn auf den Balkon hinaus, Toni, lauft ein bisschen herum. Er muss sich bewegen, muss tief atmen. Ich ziehe inzwischen was Brauchbares auf.«
Auf dem großen Balkon führte Toni ihn von einer Schmalseite auf die andere. »War nicht so gemeint, Toni, hat er natürlich nicht verdient, der Charly.« Noch immer brachte Waldmann nur ein Krächzen zustande, tiefe Scham erfüllte ihn. »Tut mir elend leid, dass ich auf Charly losgegangen bin.« So nannten sie im Präsidium Karl Robinski – Charly.
»Atme!«, befahl Toni.
»Ich hab rotgesehen, verstehst du das? Ich hab einfach nur noch rotgesehen …«
»Nicht quatschen, atmen! Tiefer.«
»Mit offenem Haar siehst du aus wie Jesus.« Mit einer Spritze in der Rechten kam Störchle auf den Balkon heraus.
»Du musst es ja wissen«, sagte Waldmann. »Hast ja täglich mit ihm zu tun.«
»Stündlich.« Toni half dem zitternden Waldmann aus dem Mantel, damit der Pater ihm den Arm abbinden und das Beruhigungsmittel injizieren konnte. »Diesmal hilft das übliche Tablettchen nicht, Johannes, diesmal müssen wir tiefer in die Drogenschublade greifen. Ich spritze dir einen Cocktail aus Valium und Haloperidol. Erzähl weiter, Toni. War wieder ein Vergewaltiger im Spiel?«
»Ja. Doch kein durchschnittlicher wie damals, ein Kaliber von der Hardcore-Fraktion diesmal …«
»Drecksau!«, zischte Waldmann.
»… wollte fliehen. Die Schüsse des Kollegen haben ihn verfehlt, und Hannes hat rotgesehen.«
Während das Medikament seine Wirkung entfaltete, Waldmanns Herzschlag sich beruhigte und seine Glieder schwerer wurden, berichtete Toni. Bald hüllte eine warme und wohlige Wolke Waldmanns Hirn ein, und er verstand kaum noch die Hälfte.
»Besser einen Kollegen verprügeln, als einem Verdächtigen die Knie zerschießen«, sagte Störchle, als Toni fertig war. »Diesmal allerdings hat es unseren armen Johannes richtig übel erwischt, das merkst du doch auch, Toni, oder? In dem Zustand kann ich ihn unmöglich in die freie Wildbahn entlassen.«
»Wildbahn?« Waldmann begriff kein Wort. Später, auf der Couch, tränkten Valium und Haloperidol schon sämtliche Fasern seiner Nervenbahnen, sodass er zu schweben glaubte. Wunderbar! Er konnte sogar wieder lächeln.
Der Schatten hockte am Fußende der Couch und betrachtete ihn mit zärtlichem Blick. Und wirklich: Heute hatte er das Gesicht von Waldmanns geliebter Großmutter Rosa.
»Ich werde dich einweisen, Johannes.« Störchle beugte sich über den Schreibtisch und füllte irgendein Formular aus. »Was Besseres kann dir grad nicht passieren.«
»Einweisen?«
»In die geschlossene Abteilung.«
»Bloß nicht …!« Herausschreien wollte es Waldmann, doch Schreck und Widerwille verfingen sich im Nebel des Medikamentencocktails.
»Hast du etwa was gegen die Psychiatrie?« Störchle tippte auf seinem Telefon herum. »Eine ausgesprochen hilfreiche Fachrichtung für Menschen, denen die Vergangenheit die Gegenwart vernichtet. Da tropft der Wahnsinn so konzentriert von den Wänden, dass einer wie du ganz schnell wieder zurück ins Hier und Jetzt findet. Außerdem lernst du Mitmenschen kennen, die in einem Zustand sind, der dich trösten wird. Und alles auf Kassenkosten.«
»Ich gehe in keine Psychiatrie, Pater Franz.« Seine Zunge gehorchte Waldmann kaum noch, er redete als würde er sich halbherzig über das Wetter beschweren.
»Natürlich wirst du dorthin gehen, Johannes.« Während sein Therapeut telefonierte, nickte ihm der Schatten aufmunternd zu. Inzwischen hatte er das Gesicht von Waldmanns Mutter angenommen.
»Flashback nach Posttraumatischem Belastungssyndrom«, hörte er Pater Franz sagen. »Kriminalpolizist, braucht ein paar Tage Urlaub bei euch. Und seid bloß freundlich zu ihm, sonst schreibe ich wieder im Generalanzeiger über euch!« Er lachte und legte auf.
»Ich will da nicht hin …«
»Und hinterher geht es ein paar Wochen in die Reha«, sagte Pater Franz, als er Toni die Klinikeinweisung in die Hand drückte.
»Wie lange?« Toni stellte die Frage, die Waldmann durchs Hirn kroch und die er nicht auszusprechen vermochte vor lauter pharmazeutischem Gleichmut.
»Ich will nicht …«
»Sechs oder acht, schätze ich.« Zum Abschied schlug Störchle das Kreuzzeichen über Waldmann. »Jammere nicht herum, Johannes, mach einfach, was ich sage.« Er umarmte ihn. »Der Uralte segne dich.«
Bonn, Sonntag 3. Dezember 2023
Die Tür steht offen. Einen Spalt nur, aber sie steht offen. Die Hand am Treppengeländer und den Fuß schon auf der untersten Stufe, verharrt sie und blinzelt zum Eingang des Apartments hinauf. Es bleibt dabei: offen.
Sie kommt zu spät.
Die Einsicht schmerzt, raubt ihr für einen Moment alle Kraft.
Das Licht im Treppenhaus erlischt. Sie steht wie betäubt, atmet durch die Nase ein: tief, leise, tiefer, leiser. Es ist kalt, eiskalt. Und es stinkt.
Der üble Geruch weckt ihr die Sinne wieder. Wirklich zu spät? Sie schüttelt sich, blinzelt, riecht, lauscht – Dunkelheit, Stille, Gestank, Pochen in den Schläfen. Und der Türspalt. Sie hat ihn doch gesehen! In ihrem Kopf ist es taghell, da sieht sie ihn immer noch: Die Tür ist nur angelehnt.
Nur angelehnt?
Sie kennt dieses Apartment, hat selbst schon darin gearbeitet. Diese Tür dort oben ist gewöhnlich geschlossen. Alle Apartmenttüren in diesem Haus hier sind selbstverständlich geschlossen! Gewöhnlich. Egal ob gerade jemand dahinter arbeitet oder nicht.
Nein, jeder Zweifel wäre Wunschdenken – sie kommt zu spät. Die angelehnte Tür und der Gestank schreien es ihr ins Gesicht: zu spät.
Sie will es nicht wissen, lässt das Geländer los, schiebt die Hand in die Jackentasche, schließt die Finger um das Miststück. Sein Griff ist noch warm. Gleich beim Aussteigen hat sie ihn umklammert. Und erst unten an der Haustür wieder losgelassen. Als sie den Schlüssel aus der Gurttasche gekramt hat.
Sie hebt den Kopf, bläht die Nasenflügel, zieht lautlos die Luft ein. Eine Wölfin, die Witterung aufnimmt. Oder ein Schaf, das den Wolf wittert? Kalt kriecht es ihr durch die Kopfhaut den Nacken hinunter und über die Schultern, denn sie riecht, was sie um keinen Preis sehen will, dort oben hinter der nur angelehnten Tür: Blut und – Scheiße.
Dazu ist sie nicht hergekommen, nicht dazu!
Sie schluckt, würgt, zieht ihre Linke zurück, die sich selbstständig gemacht hat, um zu dem rot leuchtenden Punkt an der Wand zu wandern. Nein, besser kein Licht machen! Besser das Phone aus der Gurttasche ziehen und einschalten.
Matter Schein fällt ihr ins Gesicht. Noch ein zweifelnder Blick in die geöffnete Wo-ist?-App, doch es bleibt dabei: Zlatas Handy ist in diesem Haus, muss in diesem Haus sein.
Im Schein des Displays nimmt sie endlich die nächste Stufe. Dann die nächste. Und die nächste.
Du hast eine verdammte Waffe, raunt die Angst in ihren Gliedern, ihrem Bauch – sie entsichert sie in der Jackentasche. Da braucht sie nicht hinschauen, das hat sie gelernt. Oben, vor der nur angelehnten Tür, holt sie die Waffe heraus, das schwere Gerät aus dunklem Metall.
Kurz fällt der Schein des Displays auf das Türschild mit dem Namenszug: A. Fleischer. Sie kennt den Namen, hat ja schon einige Male diese Tür hier aufgeschlossen, doch heute kommt er ihr fremd vor. Fleischer. Bedrohlich sogar. Sie presst den Unterarm gegen die Nase, denn sie merkt plötzlich, dass sie viel zu laut atmet. Und viel zu schnell.
Im Halbdunkel nimmt sie einen Flecken an der Wand wahr, knapp über der Klingel – nein, mehrere Flecken. Und in vertrauter Anordnung. Sie richtet das leuchtende Display darauf: Blut. Abdrücke von drei Fingern, Daumen und Handballen. Der Lichtschein beginnt zu zittern. Sie lässt das Phone sinken, schließt die Augen, versucht, das Karussell im Kopf anzuhalten.
So steht sie eine Zeit lang, wartet auf einen klaren Gedanken, bändigt ihre Atemzüge.
Plötzlich Schritte ganz unten im Haus. Sie reißt die Augen auf, hält den Atem an. Es bleibt dunkel. Jemand zieht die Haustür auf, rasche Schritte entfernen sich auf der Straße, die Haustür kracht zu. Dann wieder Stille.
Sie aktiviert das Display und lauscht ins Apartment hinein. Nichts zu hören. Oder fast nichts. Sie drückt die Tür weiter auf, leuchtet in die Dunkelheit dahinter, streckt den Kopf hinterher. Irgendetwas säuselt da drinnen, perlt dünn aber beständig. Eine Klospülung? Eine Dunstabzugshaube?
Wirklich laut ist nur der Gestank, lauter als jeder Schrei; er verschlägt ihr den Atem. Sie schluckt und schluckt, drückt die Tür weiter auf, atmet durch den Mund, schiebt sich lautlos in den Flur.
Etwas Weiches unter der Sohle jagt ihr einen heißen Schrecken in Brust und Kehle. Sie richtet das Display nach unten: Eine Krawatte. Azurblau mit nachtblauem Rautenmuster. Und noch dunkleren Flecken. Blut? Der Knoten ist in den Türspalt eingeklemmt gewesen.
Auf Zehenspitzen und hinter dem Lichtschein des Displays her schleicht sie an der Garderobe vorbei zum Ende des Flurschlauchs. Sie kennt sich aus hier, weiß, welche Tür zum Klo führt, welche zur Küche, welche zum Arbeitszimmer, also zum Schlafzimmer. Sie stutzt, denn die ist weit geöffnet.
Als sie davor stehen bleibt, hört sie es deutlicher: ein hintergründiges Rauschen, ein sanftes Plätschern. Fließendes Wasser.
Der Lichtschein ihres Phones gleitet über die Schwelle des Schlafzimmers, spiegelt sich in den verchromten Beinen eines umgestürzten Stuhles, huscht zum Fußende des Bettes und dann hinauf in einen zerwühlten Haufen aus grauen Decken, Tüchern und Kissen.
Da sind Flecken im Bettzeug.
Das Display erlischt schon wieder, und sie starrt ins Dunkle. Hässliche Flecken sind das gewesen – einige hell und gelblich, viele dunkel.
Dunkelrot.
Weil sie vergisst, durch den Mund zu atmen, ätzt sich der bestialische Gestank wieder in ihre Nasenschleimhäute: feuchtwarmes Metall, Scheiße und süßliches Puder. Moschus?
Sie reißt den Mund auf, holt Luft. Kennt sie einen einzigen Menschen, der auch nur annähernd so geruchsempfindlich ist wie sie? Und so lärmempfindlich? Beides fände man nicht selten bei Angstneurotikern. Hat ihr Therapeut gesagt. Idiot.
Doch vielleicht hat er ja recht – warum sonst zittert ihre Linke so stark, dass sie das Display erst im dritten Anlauf wieder zum Leuchten bringt? Und danach zittert der Lichtschein auf den Flecken: Blut, ohne Zweifel Blut. Dazwischen Spuren von Undefinierbarem – vielleicht Spucke, vielleicht Pisse, vielleicht Sperma.
Und die paar Flecken verströmen einen derart tierischen Gestank? Ausgeschlossen! Der Lichtschein ihres Phones huscht durchs Halbdunkel, fliegt über einen Strick, gleitet zurück: Reste eines Seils am Kopfende des Bettes!
