Wannseemorde - Christiane Meyer-Ricks - E-Book
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Wannseemorde E-Book

Christiane Meyer-Ricks

4,4

Beschreibung

Die alleinerziehende Journalistin Mirjam Kruse sucht Ruhe und Erholung in Wannsee. Doch als der Sohn ihrer Freundin brutal überfallen wird, ist an Entspannung nicht mehr zu denken. Auf der Suche nach den Tätern begegnet Mirjam dem Rettungsschwimmer und Ex-Kommissar Heinz Stolper. Gemeinsam ermittelt das ungleiche Team im Berliner Nobelbezirk. Doch als ihre Kinder bedroht werden, erkennt Mirjam, dass sie sich mit einem mächtigen Feind angelegt hat.

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Christiane Meyer-Ricks

Wannseemorde

Ein Wannseethriller

Zum Buch

Feind im Schatten Die alleinerziehende Berliner Journalistin Mirjam Kruse nimmt auf Anraten ihrer Ärzte widerstrebend eine Auszeit. Sie erklärt sich dazu bereit, den Bungalow einer Freundin am Wannsee zu hüten. Doch als der Sohn ihrer Freundin in einer Wannsee-Villa brutal überfallen und schwer verletzt wird, ist an Ruhe und Erholung nicht mehr zu denken. Schockiert über den gewaltsamen Angriff, begibt sie sich auf die Suche nach den Tätern. Dabei trifft sie auf den verschrobenen Rettungsschwimmer und Ex-Kommissar Heinz Stolper, der aufgrund seiner Neigung, hinter allem und jedem eine Verschwörung zu wittern, aus dem Polizeidienst entlassen wurde. Auch jetzt behauptet er Abenteuerliches: Der Besitzer der Villa soll ein ehemaliger DDR-Spion und skrupelloser Mörder sein. Gemeinsam mit Stolper geht Mirjam diesem Verdacht nach, ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie sich und ihre Kinder damit bringt.

Christine Meyer-Ricks wurde 1964 in Hamburg geboren. Sie arbeitet erfolgreich als Journalistin, Werbetexterin und Dramaturgin.

 

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Die Moorheiligen (2015)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2018 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2018

Lektorat: Sven Lang

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © kallejipp/photocase.deKartendesign: Mirjam Hecht

ISBN 978-3-8392-5702-9

Vorbemerkung

Mirjam Kruse hatte den Freund ihres Vaters erschossen, um ihre Tochter und sich selbst zu retten. Das war das erste Buch. Mirjam hat überlebt, aber die Narben sind geblieben. Jetzt geht ihre Geschichte weiter.

Karte Berlin-Wannsee

 

1. Kapitel

So fing es an, an einem Sommertag, so vollgestopft mit Hitze wie ein Topf, aufgehängt über dem Feuer der Vorhölle. Im Ort war es vollkommen ruhig. Nur eine einsame Feldgrille schrappte ihr nerviges Lied. Alle Wannseer schienen mit ihren Bollerwagen, die mit Kindern, Schlauchbooten und Bierkisten beladen waren, an die Seewiesen gepilgert zu sein. Überall am Ufer lagen bunte Picknickdecken. Darauf lagerten die Menschen und hofften, dass der Abend Abkühlung und vielleicht endlich ein Gewitter brachte.

Jonas Lauert und sein Freund Nils Alev-Brandt saßen mit dicken Sweatshirts bekleidet auf dem Sofa und sortierten ihr Waffenarsenal. Mithilfe von Nervenbomben, Bioschockern, Psychobohrern, Arterien­nägeln, Synapsen-Klapsen und Ätzgel hatten beide das sechste Level der »Krise« überlebt und standen jetzt vor einem außerirdischen Artefakt, das den Eingang in das nächste Level kennzeichnete. Jeder Schritt eine Tretmine. Nils’ Brille rutschte auf seiner Nase hoch und runter, als wäre sie eingefettet. Sie hatten ein paar Bier aus dem Kühlschrank gezischt und die Klimaanlage auf maximal gestellt. Jetzt blies das Gerät auf vollen Touren eiskalte Luft in den Raum. Für den glitzernden See vor ihrem Fenster fanden die Jungs keine Beachtung. Sie starrten auf die Bildschirme ihrer Laptops. Die Langeweile der ersten Stunden, in denen sich das Spiel mühsam entwickelte, war wie weggeblasen. Endlich konnte es zu dem obligatorischen Beischlaf mit den Aliens kommen. Dabei slammten sie ganz beiläufig ein Stück Poetry, das gerade so in der Atmosphäre lag.

 

*Mein Leben ist ein Videospiel.

Meine Eltern fingen damit an.

Sie schmissen Geld in den Schlitz

und starteten das Spiel.

 

Dies ist das Level, das Schmerz gebiert,

und wenn ich den nächsten Grad erlange,

wird der schreckliche Grundsatz enthüllt,

der unser Leben regiert.

 

Zuerst dachte Jonas, das Klingeln wäre ein Code im Spiel. Erst als er sich auf das Geräusch konzentrierte, stellte er fest, dass jemand an der Haustür klingelte. Er dachte daran, nicht aufzumachen. Vielleicht sollte die Welt einfach draußen bleiben, wenn die Eltern schon einmal das Feld geräumt hatten.

»Lass gucken, wer da ist«, sagte Jonas und stand auf.

»Nee, die zieht sich gerade aus«, nölte Nils.

Jonas ging schweigend in Richtung Tür und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass Nils den Rechner zuklappte und hinter ihm herschlurfte.

»Die fällt einem nicht oft lebend in die Hände und jetzt muss ich noch einmal von vorn anfangen.«

Jonas hatte die Tür erreicht und zog an der Klinke. Dabei lehnte er sich weit zurück, um die schwere Tür mithilfe seines Körpergewichts aufzuziehen. Auf einmal wehte ihm die Tür federleicht entgegen und Jonas stolperte zurück in den Flur wie ein Astronaut in der Schwerelosigkeit. Er hatte wohl ein Bier zu viel getrunken, jedenfalls beobachtete er etwas distanziert, wie zwei Männer mit Gesichtsmasken plötzlich in dem mit Marmor gefliesten Eingangsbereich des Hauses standen. Einer von ihnen schloss geräuschlos die Haustür und der andere stieß Nils unsanft zu Boden.

Jonas begriff nicht, was sich hier gerade abspielte. Neben ihm lag Nils auf dem Boden. Sein Arm, sein linker Arm, vollführte eine Hilfe suchende Bewegung in Jonas’ Richtung und auf seiner Hose breitete sich ein dunkler Fleck aus. Nils hatte sich in die Hosen gepinkelt, schoss es Jonas durch den Kopf. Und erst dabei ging ihm auf, was hier gerade passierte. Mit den Männern war eine Woge heißer Luft in den Flur gedrungen, aber Nils bibberte wie ein Cholerakranker. Jonas betrachtete die Männer genauer. Einer der beiden hatte eine schwarze Bomberjacke an. Der andere trug ein T-Shirt, dessen Aufdruck einen Pitbull im Kettenhemd zeigte. Jonas machte einen Schritt auf den Kerl in der Bomberjacke zu und sagte: »Das hier geht jetzt eindeutig zu weit.« Irgendwie war ihm ganz kurz sein legendäres Jagdhundgespür für lauernde Gefahren abhandengekommen und er lief mit der Nase direkt in den ausgestreckten Ellenbogen des Einbrechers hinein. Tränen schossen Jonas in die Augen. Es sah einfach krass aus, wie der Bomber und der Pitbull im Flur standen und aus ihren Gesichtsmasken Nils anglotzten, der mit geschlossenen Augen dalag. Ein dünner Faden Spucke lief aus seinem Mund und bildete eine Pfütze auf dem toskanischen Carrara-Boden.

Der Einbrecher mit dem Pitbull-Shirt rannte neben Nils hin und her. Fickrig wie ein Junkie. Jetzt blieb er neben ihm stehen und schrie: »Stell dich nicht so an!«

Er trat Nils in den Bauch. Dabei hoffte er wohl, dass Nils sich wehrte und zurücktrat, damit er ihn wieder und wieder treten konnte. Aber Nils bewegte nur Hilfe suchend die Augen zu Jonas. Und obwohl kein Blut strömte, wusste Jonas, dass die Zeit drängte. Fieberhaft überlegte er, wie er die zwei am schnellsten wieder loswurde. Er konnte mit übergriffigen Mitschülern umgehen, sich dünnemachen, aber das ging jetzt nicht. Er musste den Verbrechern etwas anbieten.

»Wir haben Geld und Schmuck und Laptops. Handys …«

Wieder bekam Nils einen Fußtritt.

»Ich scheiß auf deinen Elektroschrott. Wo ist der Safe?«, brüllte der Bomber. Der Pitbull packte Nils am Kragen und schleifte ihn hinter sich her, während er Jonas vor sich her trieb. Dabei hieb er Jonas bei jedem Schritt fest zwischen die Schultern. Er wollte sichergehen, dass der Junge sich keine Frechheiten erlaubte. Denn obwohl sich der Pitbull seinen Opfern gegenüber bemerkenswert stark fühlte, merkte er, dass Jonas Erfahrung mit Prügel hatte. Das war leicht zu erkennen, denn der kleine Maulheld duckte sich weg und nahm den Fäusten die Kraft.

An der Treppe zur Bibliothek stieß der Pitbull Nils hinunter. Dabei stolperte er und schlug mit dem Kopf gegen die Treppenkante. Es klang wie das Knacken einer Melone, die aus geringer Höhe auf den Boden fiel. Ein Geräusch, das für immer in Jonas’ Kopf herumwandern würde wie ein Zombie. Bereit, in einsamen Nächten unter dem Bett hervorzukriechen und ihn in Angst und Schrecken zu versetzen.

Der Bomber rannte herum und riss Bilder von den Wänden. »Scheiße. Die Hütte ist größer als der Arsch von Trump. Der Safe kann überall sein.«

Jonas betrachtete Nils, traute sich aber nicht, zu ihm zu gehen. Er fragte sich, ob Nils überhaupt noch etwas mitbekam. Der Bomber schnappte sich einen Feuerhaken vom Kamin und kam damit drohend auf Jonas zu.

»Wo ist der Scheißsafe?«

Jonas dachte an Bio-Shocker und Ätzgel. In der Nähe machte sich Nils mit würgenden Geräuschen bemerkbar. Dann endlich ein brauchbarer Gedanke. »Keine Ahnung, ob wir so was haben, aber in meinem Rucksack ist erstklassiges Gras.«

Die beiden verharrten in der Bewegung.

»Wo?«

»Im Rucksack vor dem Sofa.«

Der Pitbull rannte um das Sofa herum und riss den Rucksack an sich. Er verteilte dessen Eingeweide auf dem Wohnzimmerboden. Dann fand er eine große Tüte. Aus Gewohnheit nahm er auch ein kleines weißes Tütchen aus der Tasche. Er sollte nach dem Safe fragen. Erledigt. Danach konnte es nicht schaden, sich ein bisschen zu amüsieren. Er ging in den Flur und legte sich zwei fette Linien auf dem winzigen Holztisch an der Wand. Dabei sang sein Herz vor Erwartung. Es dauerte nur einen Herzschlag, dann hob sich der lästige Nebel von seiner Stirn. Sofort kam alles Wissen der Welt in seinen Kopf geflogen. Aufgeblasen wie ein Gasballon kam er zurück in den Raum, wo Jonas gelassen auf dem Sofa saß und grinste.

Was denkt der sich eigentlich? Findet er das hier lustig?

»Ich kann euch so viel besorgen, wie ihr wollt.« Jetzt hatte Jonas Oberwasser. Das Schweißrinnsaal zwischen seinen Schulterblättern war getrocknet und er probierte Blicke aus, in der Hoffnung, dass seine Augen aussahen wie zwei kalte Planeten, die in der Nacht funkelten.

»Hör auf zu grinsen«, schrie der Pitbull und trat Nils noch einmal in den Bauch. Aber es hatte nicht mehr so einen befriedigenden Effekt wie am Anfang. Der Kleine kotzte nur noch, während der andere nicht mehr aufhörte zu grinsen.

»Halt’s Maul, du Arsch!«, schrie der Pitbull und trat einen Stuhl um. Der Stuhl war eine Design-Rarität. Wahrscheinlich unbezahlbar. Jonas dachte daran, was diese Sache hier für Folgen haben würde. Er stellte sich seinen Vater vor, wenn er von dem Einbruch erführe. Das schmale, in sich zurückgezogene Gesicht und die belämmerte Miene, mit der Roland Lauert den zerbrochenen Stuhl taxieren würde. Bei dem Gedanken fing Jonas laut an zu lachen. Er schlug sich auf seine knochigen Jungenknie und lachte wie verrückt.

»Du sollst die Fresse halten!«, schrie der Pitbull ihn an. Er kam so nahe, dass Jonas seinen Atem riechen konnte. Trotzdem konnte er nicht aufhören zu lachen.

Der Pitbull rannte zu Nils und trat ihn noch einmal in den Bauch. Der rührte sich überhaupt nicht mehr.

Bomber und Pitbull warfen sich einen unsicheren Blick zu. Ihnen dämmerte, dass sie vielleicht zu weit gegangen waren. Es sollte wie ein vorsätzlicher Einbruch aussehen.

Kontrolliert und ohne Gewalt.

2. Kapitel

Mirjam Kruse wurde von einem spitzen Schrei geweckt. Über ihrem Kopf rappelte es und sie wusste, dass jemand dabei war, mit einer kreischenden Säge durch Teerpappe, Isolierwolle und Holz zu ihr durchzubrechen. Dann schlug sie die Augen auf und versuchte sich zu orientieren. In ihrem Brustkorb raste ihr Herz wie eine Achterbahn im Kreis.

4.30 Uhr.

Sie war um 0 Uhr ins Bett gegangen und hatte um 2 Uhr das erste Mal wieder auf die Uhr gesehen. Jetzt bahnte sich milchiges Licht einen Weg über den See. Der Himmel schien wieder erbarmungslos leer zu sein. Seit Wochen keine Wolke. Schwalben schnellten wie Speere aus dem wolkenlosen Nichts hervor und schossen unter das Dach. Dort rumpelten und klapperten sie über Mirjams Kopf. Die Jungen schrien nach Nahrung.

Du bist echt ein Wrack, Mirjam, dachte sie. Dass du wegen ein paar Vögeln fast einen Herzinfarkt bekommst. Ihr Nacken schmerzte vom ungewohnten Kissen und dem brettharten Futon, das auf dem Boden mitten im Zimmer lag. Ihre Kleider hatte Mirjam an zwei Haken an die Tür gehängt. Daneben stand eine Truhe, in die sie beim Einzug achtlos den Inhalt ihrer Reisetasche gekippt hatte. Sonst war das Zimmer leer. Alles konzentrierte sich auf das Spektakel von Himmel und Wasser vor dem raumgroßen Fenster. Dort änderte der See jetzt von Minute zu Minute seine Farbe. Von stahlblau, rötlich schimmernd mit Grüntönen bis schließlich das kreidefarbene Sonnenlicht alles überstrahlte.

Kaum war die Sonne aufgegangen, tropfte auch schon die Hitze durch das Dach. Mirjam gab den Versuch, noch einmal einzuschlafen, auf und trottete nach nebenan in die Küche, um Kaffee aufzusetzen. Als sie ein paar Minuten später aus der Dusche kam, stellte sie fest, dass die Kaffeedose offen auf dem Tisch stand und die Maschine nur schmutzig-braunes Wasser ausspuckte. So ging es ihr in letzter Zeit immer öfter. Sie stand plötzlich vor dem offenen Kühlschrank und wusste nicht mehr, was sie dort eigentlich wollte. Und wie war sie überhaupt in dieses Haus am See gekommen?

Ihre Freundin Ariane bat Mirjam, auf den leer stehenden Wannseebungalow ihrer Großmutter zu achten, bis das Erbe geregelt wäre. Doch in Wirklichkeit dachte Ariane, dass auf Mirjam geachtet werden musste. Natürlich hatte Mirjam den Trick durchschaut, aber es spielte keine Rolle. Sie war froh, nicht mehr jeden Tag in ihrer Kreuzberger Wohnung aufzuwachen und reflexhaft in die Redaktion der »Sirene« zu rasen, wo der Portier sie ganz verdutzt ansah und dann skeptisch fragte: »Was machst du denn hier Mirjam? Ich dachte, du hast Urlaub.«

Im Winter hatte Mirjam einen Mann erschossen, um sich und ihre Tochter Johanna zu retten. Danach wollte sie weitermachen wie bisher, aber das Erlebte holte sie immer wieder ein. Ihr passierten dumme Fehler. Aussetzer und Nachlässigkeiten waren plötzlich an der Tagesordnung. Irgendwann konnte auch Klaas, Chefredakteur der »Sirene« und Mirjams Freund ihren Zustand nicht mehr ignorieren. Eine unbedachte Bemerkung Mirjams, die die Zeitung unter einer Klagewelle begrub, gab den Ausschlag. Mirjam musste sich behandeln lassen. Ausruhen. Und Klaas sagte ganz deutlich: »Du kannst erst wiederkommen, wenn dich ein Arzt gesundgeschrieben hat. Und damit meine ich nicht deinen Homöopathen.«

Überhaupt hatte sich die Welt gegen Mirjam verschworen. Ausnahmslos fanden alle, dass eine längere Auszeit für sie das Beste wäre. Die haben keine Ahnung, dachte Mirjam.

Ohne meine Arbeit bin ich nichts.

Um 8 Uhr rief Staatsanwalt Jorik Hein an.

»Alles Gute zum Geburtstag«, sagte er.

Mirjam zupfte an dem grauen T-Shirt, in dem sie geschlafen hatte, und nahm sich vor, heute die Haare zu waschen. Früher hatte sie sich so etwas nie vornehmen müssen. Duschen, Haare waschen, Kinder wecken, Frühstücken und arbeiten gehen – das war wunderbare Routine gewesen.

Was sagte man, wenn man 50 wurde und schon am Endpunkt angekommen war? Mirjam überlegte, was sie jetzt Kluges sagen könnte.

»Danke«, presste sie heraus und kam sich dabei vor wie eine leiernde Bandansage. Die Vorstellung, dass er jetzt gleich sagen könnte, dass er sie besuchen wolle, versetzte Mirjam in Panik. So durfte er sie nicht sehen. Auch wenn sie nicht mit ihm zusammen sein wollte.

»Was machst du heute?«, fragte Hein.

Mirjam suchte fieberhaft nach einer guten Antwort. Einer Antwort, die nicht offenbarte, dass sie wie jeden Tag alleine zu Hause saß wie eine alte Schachtel und Serien im Fernsehen ansah. An ihrem Fenster glitt ein Segelboot vorbei.

»Ich gehe segeln«, log sie.

Mirjam lauschte in die Stille und überlegte, ob es etwas zu bedeuten hatte. Ob er vielleicht eifersüchtig auf den Mann war, mit dem sie angeblich segeln gehen würde.

»Wie schön für dich.« Es klang, als ob er sich ehrlich für sie freute.

Mirjam hörte im Hintergrund eine Espressomaschine laufen. Menschen redeten durcheinander. Vielleicht war er ja schon auf dem Weg zu ihr.

»Und du? Was machst du heute?«, fragte sie vorsichtig.

»Ich frühstücke auf so einem Early Bird Food Festival. Na ja, überall sind junge Männer mit Bart und Dutt und ich komme mir vor wie der letzte Neandertaler.«

Mirjam dachte, dass Hein sicher nicht von alleine auf die Idee gekommen war, sich am heißesten Tag des Jahres in eine Berliner Markthalle zu stellen und vegane Häppchen zu probieren. War da nicht auch eine Frauenstimme ganz in seiner Nähe?

»Ist es heiß in der Stadt?«, fragte Mirjam.

»30 Grad. Jetzt schon.«

»Hier weht wenigstens der Wind.« Sie biss sich auf die Zunge. Spätestens jetzt hätte sie ihn einladen müssen.

Sie lachten, weil es nichts mehr zu sagen gab. Und dann beendete er schnell das Gespräch.

»Ich wollte dir nur alles Gute zum Geburtstag wünschen.«

»Danke«, sagte Mirjam und hörte sich noch eine Weile das Tuten im Hörer an.

An ihn zu denken, machte sie wahnsinnig. An seinen Körper, seine warmen Hände auf ihrem Körper, seinen Mund, die himmelblauen Augen. Sie versuchte, sich an seine negativen Eigenschaften zu erinnern, aber es fielen ihr einfach keine ein. Sie fühlte seinen Blick, seine beiläufige Berührung an ihrem Arm, seinen starken Rücken, der alles tragen konnte. Sie musste ihm sagen, dass sie wirklich vollkommen beziehungsunfähig war und dass er nicht länger warten solle. So fühlte sie sich wie eine Betrügerin. Obwohl sie gar nichts versprochen hatte.

Eine Stunde später saß Mirjam auf der Holzterrasse und aß mit den Fingern Cornflakes aus der Packung. Die Wellen platschten gegen die Betonpfeiler. Das Licht stach mit seiner ganzen pigmentlosen Kraft zu und der Tag rollte sich endlos vor ihr aus.

50.

Statt in die Küche zu gehen und sich einen weiteren Kaffee zu holen, sprang Mirjam ins Wasser. Die kühle Finsternis umfing sie und schlängelte sich um ihren Körper. Jetzt hab ich endlich meinen Frieden, dachte Mirjam. Das Licht streute durch die Oberfläche auf grünblaue Samtvorhänge, die sich sacht in der Strömung bewegten, und endlich verstummte der Lärm in ihrem Kopf.

»Bald wird sie mit den Karpfen sprechen und getrocknete Algen vor der Tür verkaufen«, sagte Rawl. Mirjams Kinder Johanna, Rawl und Emma waren zusammen mit Mirjams Freundin Ymaz nach Wannsee gefahren, um Mirjam zum Geburtstag zu überraschen. Jetzt standen sie am Rand der Terrasse und sahen hinunter auf Mirjam, die bewegungslos in ihrer Tauchstation verharrte.

Später vermischte sich in der Küche der Duft von frisch gebackenem Brot und Kaffee mit dem Geruch von Kuchen und Menschen. Es war ein Fest zu sehen, wie sich ihre Kinder in ihrem Leben ausbreiteten und es erfüllten. Mit nassen Haaren und glücklichem Lächeln saß Mirjam auf einem Hocker und versuchte Ymaz’ ernstem Blick auszuweichen. Vielleicht sollte sie ihrer Freundin erzählen, dass in ihr ein starkes kleines Mädchen wohnte, das ihr wie ein Autopilot Anweisungen gab, wenn es hart auf hart kam. Arme ausstrecken, Beine anwinkeln und abstoßen. Luft holen. So lange, bis Mirjams Kopf sich wieder einschaltete. Also kein Grund, sich Sorgen zu machen.

Mirjam grinste Ymaz schräg an. Ihr Mund öffnete sich sogar zu einem Lachen, aber es kam nur ein tonloser Laut heraus.

Sie ist total verrückt, dachte Ymaz, während sie zusah, wie Mirjam einen Teller mit Kuchen von Rawl entgegennahm und sich eine Gabel Sachertorte in den Mund schob. Neben ihr saß Emma im Schneidersitz auf dem Küchentresen und erzählte, wie sie sich für das Kinderwahlrecht einsetzte.

»18 Prozent der Berliner sind unter 18 Jahren«, dozierte sie. »Und wir dürfen nicht mitbestimmen. Das wollen wir verändern.«

Wie Johanna, dachte Mirjam und lächelte über ihre große Tochter, die ihre kleine Schwester Emma ansah wie ein gelungenes Zirkuskunststück.

»Das ist eine wirklich gute Idee, Emma«, sagte Johanna. »Kinder haben schließlich auch Rechte.«

Rawl, der bereits damit begonnen hatte, den Tisch abzuräumen, schob Emma schmutziges Geschirr hin.

»Vor allem haben Kinder auch Pflichten.« Er grinste, weil er wusste, wie seine Schwestern auf seinen nächsten Satz reagieren würden.

»Für was sollen sich Politiker denn einsetzen, Emma? Mehr Netzzeit für alle? Längere Feierzeiten am Schlachtensee?«

Wie erwartet, gingen die Mädchen Rawl an die Kehle.

Ymaz befüllte die Spüle mit Wasser und begann, das Geschirr abzuwaschen. Sie nutzte die Gelegenheit, während die Kinder abgelenkt waren, für ein paar ernste Worte.

»Ich bin keine Psychologin, Mirjam, aber es wird sicher alles schlimmer, wenn du dich hier von allem abschottest. Du musst dich anziehen und morgens aus dem Haus gehen.«

Mirjam verschränkte die Arme vor der Brust.

»Darf ich dich daran erinnern, dass ich nicht arbeiten darf? Wenn ich arbeite, dann geht es mir gut. Hier wache ich jeden Morgen voller Panik auf und frage mich, was ich mit dem Tag anfangen soll.«

Ymaz hob ihre Hände zu einer Nicht-schießen-ich-ergebe-mich-Geste, dann linste sie zum Küchentisch, auf dem ihr Handy eine lustige Melodie spielte.

»Hallo?« Sie hörte einen Moment angestrengt zu. Dann deutete sie den Kindern energisch, still zu sein.

Mirjam registrierte, dass Ymaz’ Gesicht kalkweiß geworden war, als sie auflegte.

»Nils liegt im Koma.«

3. Kapitel

Die Straße zur Villa der Familie Lauert führte an der Kirche vorbei hinunter an den Wannsee. Kiefern säumten den kurzen Weg vom Gartentor zum Haus. Kupferfarben und alt. Sie standen im gleichen Abstand nebeneinander und vermittelten Besuchern das Gefühl von Ordnung. Das Hauptgebäude stammte aus einer Zeit, in der die Industrialisierung Berlins reiche Bürger in die ehemals unbesiedelte Seen- und Parklandschaft Stolpe trieb. Villen wurden auf Grundstücken gebaut, von denen keines kleiner war als ein Preußischer Morgen, also 180 Quadratruten. Nach heutigen Maßstäben unfassbare 2.553 Quadratmeter. Mindestens. Kurz darauf wurde auch für gute Verkehrsanbindungen gesorgt, damit die Hautevolee der Berliner Industriellen in nur 20 Minuten mit dem sogenannten Bankierzug in die Stadt fahren konnte. Nachdem der unschöne Name »Dorf Stolpe« in das klingende Wannsee umbenannt wurde, begann ein regelrechter Run auf die Insel zwischen dem großen Wannsee im Osten und der kleinen Seenkette im Süden, die den Wannsee mit dem Griebnitzsee verband.

Etwas abgerückt vom Wohnhaus lag das historische Gartenhaus, dessen Front und Seitenelemente gegen grünstichiges Glas ersetzt und ein schwebender Zwischenstock eingebaut worden war. Es beherbergte das Privatbüro von Roland und Anja Lauert, Eigentümer des weltweit erfolgreichen Architekturkonzerns Lauert&Lauert.

Das ganze Anwesen war so irreal schön, dass Mirjam schlecht wurde. Das Licht fiel in orangenen Klecksen durch die Bäume auf den Kiesweg. Die Rasenspitzen schienen silberfarben lackiert und im Schatten nahm die Wiese einen blauen Ton an. Es war ein krasser Gegensatz zu dem Krankenhauszimmer, aus dem sie gerade kamen.

Mirjam drückte den Klingelknopf, sah dabei aber nicht in die Kamera, sondern betrachtete ihre Freundin Ymaz. Die sah konzentriert auf den Boden. Auch als die Tür aufsprang, reagierte sie kaum, setzte sich aber wie ein Roboter hinter Mirjam in Bewegung. Ihr Empfindungsvermögen war durch das, was sie gerade erlebte, einfach erschöpft. Sie hatte den Impuls, sich auf den Boden neben Nils’ Bett zu werfen, unterdrückt. Sie war auch nicht in Tränen ausgebrochen, als sie ein Arzt mit starrer Miene über Nils’ Gesundheitszustand aufklärte.

»Der Aufschlag auf eine scharfe Kante verursachte eine Platzwunde. Bei der Behandlung stellte sich ein Schädelbruch heraus und im weiteren Verlauf bildete sich ein Blutgerinnsel, weswegen der Patient ins Koma fiel«, sagte der Arzt, der nicht viel älter als Johanna zu sein schien. Seine Stimme klang brüchig und dünn, als er sagte: »Es besteht akute Lebensgefahr.« Der Satz schwebte im Raum wie eine Feder, die langsam zu Boden segelte.

Nachdem der Arzt sie mit Nils alleine gelassen hatte, hing jeder seinen Gedanken nach. Emma setzte sich behutsam auf Nils’ Bett und begann, ihm eine Geschichte vom rosa Kaninchen zu erzählen. Dabei ging es ihr darum, dass niemand, der einmal die Worte »rosa Kaninchen« gehört hat, aufhören konnte, es vor seinem geistigen Auge zu sehen. Emma hoffte, dass dieses Häschen in Nils’ weit entferntes Bewusstsein hopsen und ihn von dort zurücklocken würde.

Ymaz stand die ganze Zeit am Fenster und weinte.

Schließlich sagte Johanna, was sie alle dachten.

»Es ist doch seltsam, dass die zuerst nur die Platzwunde behandelt haben. Ich meine, er muss doch ziemlich hart aufgeschlagen sein. So was merkt man doch, wenn man danebensteht.« Sie warf Ymaz einen kurzen Blick zu und presste die Hand vor den Mund, weil es so hart klang.

»Vielleicht sollten wir mal mit Jonas sprechen. Der war dabei und kann vielleicht ein paar Fragen beantworten.« Rawl wollte endlich handeln. Dieses untätige Herumstehen machte ihn krank und deswegen sah er seine Mutter jetzt auffordernd an. Natürlich mussten sie sich erkundigen, wie das alles hier passiert war, dachte Mirjam.

Die beiden alleinerziehenden Frauen und ihre Kinder waren im Laufe der Jahre zu einer Familie verschmolzen. Über den schmalen Hof zwischen ihren Kreuzberger Wohnungen lächelten sie sich morgens beim Schmieren der Schulbrote zu und abends kochten sie abwechselnd. Die längste Beziehung in ihrem Leben war die mit Ymaz, überlegte Mirjam, als sie zum Telefon griff, um mit Jonas und seinen Eltern einen Besuch zu verabreden. Das ließ doch tief blicken.

In diesem Moment öffnete sich die Haustür und Anja Lauert trat auf. Sogar an Model-Maßstäben gemessen war sie eine Schönheit. Sie trug eine weiße Bluse mit aufgekrempelten Ärmeln und eine große Herrenuhr so lässig, dass Mirjam sich krampfhaft davon abhalten musste, an sich herunterzusehen. Was hatte sie sich bei ihrem überstürzten Aufbruch zum Krankenhaus angezogen? Aus Anja Lauerts Blick ließ sich nicht ableiten, was sie von Mirjams Aufzug hielt. Sie war ein Profi. Die blonden Haare waren zu einem akkuraten Pagenkopf geschnitten, der ohne Haarspray in Form blieb, und ihre hohe gerade Nase verriet Mirjam, dass Anja Lauerts Haltung nicht wie bei einem Zirkuspferd antrainiert war, sondern die Selbstverständlichkeit des Hochadels widerspiegelte. Anja Lauerts blaue Augen musterten den Tross, der sich auf sie zubewegte. Als sie herangekommen waren, streckte sie den Besuchern entwaffnend die offenen Handflächen entgegen und begrüßte alle nacheinander mit einem festen Händedruck und einem Blick, der zu sagen schien: Ich bin solidarisch mit euren Sorgen.

Mirjam musterte sie und dachte, dass es eine Geste der Überheblichkeit war, wie Anja Lauert Ymaz ganz leicht über den Rücken strich. So eine Körpersprache sollte ich mir zulegen dachte Mirjam. Dahinter konnte man einfach alles verstecken.

Vom Esszimmer sah Roland Lauert hinüber in die Halle, in der jetzt Leute angekommen waren, die mit ihnen über den Überfall sprechen wollten. Mit dem kleinen Finger verrückte er eine Gabel des Gedecks um eine Winzigkeit und kontrollierte zufrieden das Ergebnis. Dann entnahm er einer hauchdünnen Keramikschale ein Pfefferminzbonbon und schob es zwischen seine gespitzten Lippen. Erfrischt von der Schärfe, die sich auf seiner Zunge ausbreitete, lief er in die Halle, um die beiden Frauen und ihre fast erwachsenen Kinder zu begrüßen. Im Gesicht ein klebriges Lächeln, auf dem man tapezieren könnte.

»Möchten Sie sich nicht setzen.«

Sie nahmen im Esszimmer Platz und Mirjam konnte ihren Blick nicht von den drei Gedecken auf dem Tisch wenden. Sie bildeten eine perfekte Symmetrie. Anja Lauert folgte Mirjams Blick. »Entschuldigung, darf ich Ihnen etwas anbieten?«

Alle schüttelten den Kopf.

In diesem Moment betrat Jonas das Haus. An seiner Stirn klebte ein großes Pflaster, das eine frische Naht überdeckte.

»Wie geht es Nils?«, fragte er Ymaz noch von der Tür her. »Ich war im Krankenhaus, aber die Schwestern haben gesagt, dass nur Familienmitglieder zu ihm dürfen.« Er strich sich über die Augen, weinte aber nicht. Es war nur der kalte Hauch der Klimaanlage auf seinem Gesicht. Jonas’ Mutter missverstand die Geste und umarmte ihren Sohn. Dann führte sie ihn an der Hand zum Tisch. Dabei verflochten sich ihre Finger ineinander, und einen Moment lang sahen sie aus wie zwei Liebende beim Strandspaziergang.

»Es geht ihm beschissen«, sagte Ymaz.

Jonas sah jetzt wirklich aus, als ob er weinte.

»Nils liegt im Koma und keiner weiß, wann oder ob er überhaupt wieder aufwacht«, sagte Emma leise, damit die Bilder, die ihre Worte im Kopf hervorriefen, nicht so groß wurden.

Scheiße, dachte Jonas. Was für ein unfassbarer Scheiß. Er starrte wortlos auf seine Schuhe.

»Erzählst du uns, was passiert ist?«, fragte Mirjam.

Anja Lauert legte den Kopf ein wenig schief und betrachtete ihren Sohn. Man konnte sie fast denken hören: der arme Junge. Er hatte es nicht leicht. Sie legte die Hand auf Jonas’ Schulter, aber er schien ihr mitleidiges Gehabe nicht mehr ertragen zu können.

»Es hat geklingelt und ich habe die Tür nur einen Spalt breit aufgemacht, um nachzusehen, wer da ist. Die Einbrecher haben die Tür mit Gewalt aufgedrückt und hinter sich abgeschlossen …«

Alle warteten darauf, dass er weitersprechen würde, aber offenbar hielten ihn die schlimmen Bilder des Überfalls davon ab. Emma drückte seine Hand.

»Und was wollten die?«

»Die wollten wissen, wo der Safe ist. Zuerst habe ich mich geweigert, es ihnen zu sagen, aber als der eine Nils geschlagen hat, und er mit dem Kopf auf die Treppe gekracht ist, habe ich es ihnen gesagt.«

Er warf seinem Vater einen raschen Blick zu.

»Aber die Kombination kenne ich ja nicht.«

»Den Safe hätten die sicher auch ohne deine Hilfe gefunden.« Emma konnte sich vorstellen, dass Jonas’ Vater ihn deswegen sicher schon zur Rede gestellt hatte.

»Dann hat mich einer der beiden niedergeschlagen und als ich wieder aufgewacht bin, waren die weg und der Safe war leer.«

»Und die Einbrecher hatten kein Interesse an deiner 5.000 Euro teuren Breitling?«, fragte Johanna spitz. »Oder an dem Cézanne?« Sie deutete auf ein Bild von zwei Karten spielenden Männern an der Stirnseite des Esszimmers.

Woher nahm sie das, fragte sich Mirjam. Wie konnte es sein, dass ihre Tochter, eine die sich vor jeder Lernaufgabe drückte, plötzlich Kunstexpertin war?

Jonas hob ratlos die Schultern.

»Für mich stellt es sich so dar, als ob die Einbrecher hinter etwas ganz Bestimmten her waren. Was war denn eigentlich in dem Safe?«, fragte Mirjam.

Während sie es sagte, beobachtete sie Roland Lauert. Er richtete sich auf, obwohl er schon vorher dastand wie ein Stock. Jetzt zuckte er lakonisch mit den Schultern.

»Verträge. Erbschaftssachen. Gold. Ein bisschen Bargeld. Nichts Besonderes.«

»Verstehen Sie das nicht falsch. Ich will Ihnen wirklich keine Vorwürfe machen«, sagte Ymaz. »Aber es ist doch kein Zufall, dass die Einbrecher so zielstrebig nach dem Safe fragen.«

Roland Lauert hob die Hände zum Himmel.

»Ich weiß wirklich nicht, was die wollten.« Er klang dabei so unbeteiligt wie möglich.

»Aber Ihnen ist schon klar, dass Nils in Ihrem Haus zu Schaden gekommen ist?«, fragte Ymaz.

»Bitte?« Jetzt hatte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

»Sie tun so, als ob Sie die ganze Sache nichts angeht.« Ymaz war fertig mit den Nerven. »Ich mein, klar, Ihrem Sohn ist ja auch nichts passiert.«

Roland Lauert hatte sich vorgenommen, ruhig zu bleiben, egal was kommen würde, aber diese Frau brachte ihn auf die Palme.

»Laut Polizeibericht haben wir uns nichts zuschulden kommen lassen. Alles war ausreichend gesichert.« Er hielt einen Moment seine Hand über den Mund, während er überlegte, ob er noch etwas hinzufügen sollte. Dann sagte er: »Aber die Polizei hatte sich ausführlich über den Umgang ihres Sohnes erkundigt. Er hat ja viel mit den Flüchtlingen zu tun, die in ihrem Pro-Flüchtling-Verein ein und aus gehen. Die Polizei wird sicher mit ihm sprechen wollen, wenn er wieder gesund ist.«

Ymaz hatte schon einen Anruf von der Polizei erhalten. Es war ein unangenehmes Telefonat gewesen, das in die gleiche Richtung ging wie dieses Gespräch jetzt.

»Wollen Sie sagen, dass Nils selbst schuld an seinem Zustand ist?« Mirjam bekam langsam den Eindruck, dass der Besuch ein Fehler gewesen war. Auch Anja Lauert sah alarmiert aus.

»Das will mein Mann ganz sicher nichts so sagen.«

»Ich sage, dass ich es sonderbar finde, wenn ein Einbruch ausgerechnet dann stattfindet, wenn Ihr Sohn bei uns im Haus ist, und nicht, wenn niemand zu Hause ist.«

Das hatte Mirjam sich auch schon gedacht, aber einen anderen Schluss daraus gezogen.

»Es könnte genauso sein, dass die Einbrecher es auf Jonas abgesehen hatten«, sagte Mirjam und ließ Roland Lauert dabei nicht aus den Augen. »Oder auf Sie. Es kommt ja auch manchmal vor, dass unzufriedene Geschäftspartner sich Geld zurückholen wollen. Gerade im Immobilienbereich ist man da ja nicht gerade zimperlich.«

Plötzlich standen sie draußen. Lauert hatte das Treffen unvermittelt beendet.

»Du musst immer alles bis zum Gehtnichtmehr ausreizen«, sagte Rawl kopfschüttelnd. »Wenn schon alle Alarmglocken schrillen, legst du noch einen drauf.«

»Du hast recht, Rawl. Genau das ist meine Taktik.«

»Ich dachte eigentlich, dass du aus deiner letzten Geschichte irgendetwas gelernt hättest.« Rawl sagte es nicht vorwurfsvoll. Eher ernüchtert.

Mirjam hingegen war zufrieden. Lauert hatte seine zwanghaft aufrechte Haltung aufgegeben. Wütend und mit bohrendem Blick hatte er sie vor sich her zur Tür getrieben und niemandem war eingefallen sich zu widersetzen. Alleine, überlegte Mirjam auf dem Weg hinaus, hätte sie sich vielleicht vor ihm gefürchtet.

Als Mirjam auf dem Weg zum Gartentor in alter Gewohnheit nach ihrem Tragegurt griff, fiel ihr auf, dass ihr Rucksack noch neben dem Stuhl im Esszimmer liegen musste.

Noch bevor sie ihre Hand erhoben hatte, um gegen die Tür zu klopfen, riss Jonas von innen die Tür auf und reichte ihr den Rucksack hinaus. Sein Gesicht war vom Weinen aufgequollen und in seinem Blick lag etwas, das Mirjam nicht deuten konnte. Gerade als sie Jonas fragen wollte, ob ihm noch etwas Wichtiges eingefallen war, tauchte Roland Lauert drohend hinter seinem Sohn auf.

Er hatte jetzt endgültig genug, das war ihm deutlich anzusehen. Mirjam machte auf dem Absatz kehrt und lief schnell zu den anderen, die an der Gartentür warteten. Aber Lauert war das nicht genug. Er wollte dafür sorgen, dass sie endgültig verschwanden. Mit zwei Schritten war er aus dem Haus und folgte ihnen zum Gartentor.

»Verlassen Sie jetzt bitte das Grundstück …«

Er blickte ihnen nach, wie sie einer nach dem anderen durch das Gartentor den Gehweg betraten. Johanna zuletzt.

»Okay, wir sind ja schon draußen«, sagte Johanna, die nach Hunderten von Protesten jede Menge Erfahrung im Betreten fremden Eigentums hatte.

»Hier können wir den ganzen Tag stehen.«

Lauert sah durch Johanna hindurch zu einem Mann, der gerade versuchte, an der kleinen Versammlung vorbei den Bürgersteig zu passieren. Er schien es eilig zu haben.

»Entschuldigung.« Seine Stimme klang unbeherrscht. Wie ein bockendes Pferd. Mirjam drehte sich um und war überrascht, einen kleinen kahlköpfigen Mann in einer übergroßen rot-orangen Uniform der DLRG zu sehen. Seine Augen waren wach und klug. Er verzog seine vollen Lippen zu einem schiefen Grinsen und entblößte dabei viel zu kleine spitze Zähne. Eine freundliche Wühlmaus, fand Mirjam.

Als der Lebensretter in Augenhöhe mit Roland Lauert kam, erreichte ihn eine Wolke aus Pfefferminzduft. Er geriet aus dem Tritt und taumelte.

Bevor Heinz Stolper unsanft auf dem Boden aufschlug, empfand er Erleichterung. Er war gelassen wie Jesus, der nach 30 Tagen und 30 Nächten aus der Wüste zurückkam. Als er die Ohnmacht kommen spürte, hätte Stolper vor Freude weinen können, weil eine lange Reise jetzt für ihn zu Ende ging.

4. Kapitel

Es war der 13. Januar 1987 und Heinz Stolper versuchte seit Stunden, die Kaltwasser-Abrisswohnung am Bethaniendamm in Berlin-Kreuzberg gegen die Kälte abzudichten. Es war der kälteste Winter in der Geschichte Deutschlands und Berlin gingen die Kohlen aus. Sein Mitbewohner Lars kam den dritten Tag mit leeren Händen vom Kohlehändler zurück.

»Jetzt kommen keine Schiffe mehr über die vereisten Wasserstraßen zu den Kraftwerken und der Kohlehändler verlangt Wucherpreise«, schimpfte Lars.

»Wir können gleich mit Diamanten heizen. Ist auch nur Kohlenstoff.«

Umständlich wickelte er einen Bademantelgürtel um einen steifen Lammfellmantel, unter dem er mehrere Rollkragenpullover trug. Heinz’ anderer Mitbewohner, ein zaundünner Musiker namens Ede, hatte über verschlungene Pfade eine fast volle Gasflasche erstanden und diese an den Küchenherd montiert. Jetzt stand er zitternd wie ein Windhund mit ausgestreckten Händen vor der offenen Herdklappe. »Wenn das so weitergeht, fahre ich zu meinen Eltern nach Dortmund. Die Ökoaktivisten von oben sind auch schon weg. Bauminventur im Amazonasbecken.«

Lars kicherte. »Könnte es sein, dass die Arbeitsgruppe ›Nukleare Abrüstung‹ nicht nur vor dem Wetter geflohen ist, sondern auch vor einem promiskuitiven Barden?«

Ede sah überrascht aus.

»Du bist wie ein Spion. Schlimmer als die da.« Er wies mit seinem Finger wütend hinüber zu dem Wachturm jenseits der Mauer. Der Turm war maximal 15 Meter entfernt und die beiden Uniformierten darin hatten die Schultern bis zu den Ohren hochgezogen. Einer von ihnen schien sie durch einen Feldstecher zu beobachten. Lars drehte Heinz den Kopf zu, wobei sich seine Mantelhülle nicht mitbewegte. Er sah aus wie eingemauert. Nur der Kopf bewegte sich wie ein Wetterhahn auf der Kirchturmspitze.

»Er glaubt wirklich, dass es eine Stasi braucht, um herauszufinden, mit welcher von den kleinen Öko-Utopistinnen er es gerade treibt.«

Heinz Stolper hatte eine Tasche auf die Anrichte gestellt und mehrere Farbdosen hineingelegt. Dann setzte er Wasser auf.

Lars drehte sich wieder zum Fenster.

»Wir verraten unsere Ideale nicht für jede Möse, was, Heinz?« Er zog sich seine grotesk durchlöcherten Handschuhe über und prüfte seine Taschenlampe. Dann richtete er sie auf die Wachen im Turm und morste etwas.

»Was gibt’s heute im West-Funk?«, fragte Stolper, während er heißes Wasser in eine Thermoskanne und in eine Wärmflasche goss. Die Wärmflasche hatte einen selbst gehäkelten Bezug aus Wolle, der früher einmal hellblau gewesen sein mochte. Er stammte von seiner letzten Freundin und galt ihm als mahnendes Zeichen für die Vergänglichkeit der Liebe. Er musste sich bald wieder eine Frau suchen, sagte sich Heinz jedes Mal, wenn er die wabbelige Wärme durch die Wolle spürte. Und dann dachte er aber immer, dass er in seiner WG-Familie mit ihren wilden Verschwörungstheorien, Weltrettungsfantasien und Hoffnungen eigentlich sehr glücklich war.

»Dass Gorbatschow seine Herrschaft unter das Gesetz stellt. Na ja pro forma zumindest. Das wird da drüben natürlich totgeschwiegen«, sagte Lars.

Lars hatte es sich zur Aufgabe gemacht, DDR-Bürger über die wahre Welt aufzuklären. Oder zumindest darüber, was Lars als wahr empfand. Nacht für Nacht morste er Informationen über die Mauer und war dabei ziemlich größenwahnsinnig geworden. Er behauptete, dass die Bombe in der Diskothek La Belle im April des Vorjahres allein ihm gegolten hatte. Angeblich war der Täter ein DDR-Agent, der durch die Libysche Botschaft in Ost-Berlin auf Lars angesetzt worden war. Tatsächlich war Lars überhaupt nur ein einziges Mal in der Diskothek gewesen.

Auch Stolpers politische Aktivitäten nahmen viel Zeit in Anspruch. Eigentlich müsste er seinem Jura-Studium hinterherhinken, denn seine Kommilitonen arbeiteten Tag und Nacht und niemand von denen ging feiern oder beteiligte sich an den Friedensaktionen der Soziologen.

Stolper steckte die Wärmflasche und die Thermoskanne zu den Spraydosen in die Tasche. Packte eine Stulle obenauf und zog den Reißverschluss zu. Die gefrorenen Flussläufe würden ihm eine einmalige Möglichkeit bieten, an der Mauer beim Übergang Klein Glienicke zu sprayen. Dort, wo die Stasi-Granden in einem pittoresken Paradies wohnten, würde er heute Porträts der Mauertoten René Gross und Manfred Mäder sprayen.

Der Weg nach Wannsee war beschwerlich gewesen. Wegen der tiefen Temperaturen bis minus 19 Grad stand der öffentliche Nahverkehr weitgehend still. Mit der U-Bahn war Stolper immerhin bis Nikolassee gekommen und hatte seinen Weg dann zu Fuß fortgesetzt. Auf der Potsdamer Straße stadtauswärts hatte ihn ein Räumfahrzeug mitgenommen. Der Fahrer war froh, auf seinem bereits zwölf Stunden dauernden Einsatz unverhofft einen Passagier zu finden, mit dem er plaudern konnte. Stolper teilte bereitwillig seine Stulle und durfte dafür bis zur Kohlhasenbrück-Brücke, die zwischen Pohlesee und dem Stölpchensee lag, mitfahren.

Als das tuckernde Geräusch des Räumwagens verklungen war, wurde es ganz still um Stolper. Er stand auf dem Eis und sog die schneidend kalte Luft ein. Sofort schmerzten seine Schleimhäute, sodass Stolper den Schal fest um Mund und Nase wickelte.

Die Landschaft lag unter einer tödlichen Eisschicht begraben. Den ganzen Tag über war es windstill gewesen, aber jetzt erhob sich in den Wipfeln ein Pfeifen, das langsam zu einem Heulen wurde. Rings um den See brannte in manchen Häusern noch Licht, und Stolper musste sich verbieten, daran zu denken, dass in den Häusern Menschen jetzt in ihren warmen Betten lagen. Trotz Schal schmerzten Nase und Lunge bei jedem Atemzug. Immerhin schien der Berliner Smog ganz fern. Der Wind jagte ihm Schnee vom Boden ins Gesicht. Er kniff die Augen zusammen und stapfte los.

Heinz Stolper hielt sich in der Mitte des Sees, der sich nach einiger Zeit zu einem Kanal verengte, über den eine Brücke führte. Rechts der Brücke lagen Wohnhäuser im klassischen Vorstadt-Chic. Ein kräftiger Windstoß riss ihn fast zu Boden. Um sich aufzuwärmen, glitt er eine Weile im Stil eines Langläufers über das Eis, bis ihm aufging, dass er so vielleicht die Einmündung des Teltowkanals verpassen könnte.

Der aufgewirbelte Schnee hatte sich in Stolpers Wimpern verfangen und war dort festgefroren. Er hielt sich die Hände über die Augen, um den Schnee zu schmelzen, und als er seine Hände wieder herunternahm, entdeckte er die Mauer auf der Griebnitzseeseite. Die Sperranlagen zogen sich am südlichen Seeufer entlang, das von der DDR-Führung für den Mauerbau enteignet worden war. Für die Menschen hinter der Mauer war der See nicht zugänglich, dachte Stolper. Nicht einmal auf ihrer Hälfte des Sees.

Er rief sich zur Ordnung. Ab hier verlief die Grenze, bis auf einen kleinen Teil ganz im Westen in der Mitte des Sees. Immer wieder gab es Gerüchte über Minen, und Stolper hatte keine Ahnung, wie sich das alles bei Eis verhielt. Also lief er auf der Wannseeseite entlang des Ufers, bis er auch hier an eine Mauer stieß. Dahinter lag die DDR-Exklave Klein Glienicke. Ein schmetterlingsförmiges Siedlungsgebiet, das durch die Mauer vollkommen von der Außenwelt abgeriegelt und nur von Babelsberg über die Parkbrücke erreichbar war.

Stolper stand auf dem Eis nahe dem Ufer und spähte die Mauer entlang. Es war perfekt. Die Brücke mit dem Wachturm und dem Schlagbaum war über 150 Meter entfernt. Wegen der Kälte hatten sich die Wachen mit ihren Hunden wohl in das Wachhäuschen verzogen. Es war kein Mensch zu sehen. Zu Stolpers großer Freude war genau an jener Stelle, die ihm für sein provokantes Kunstwerk vorschwebte, einer der riesigen Scheinwerfer ausgefallen. Was für ein Glücksfall. Aus großer Distanz malte Stolper sich aus, wie die Parteibonzen in Babelsberg ab heute jeden Tag sein Graffiti vor Augen hätten. Die Toten, ermordet bei der Flucht aus dem angeblich besten Land von allen. Stolper trieb sich an. Er war überzeugt davon, dass er schon seit einer halben Stunde dort stand, dabei waren es nur einige Sekunden. Die Zeit spielte ihre Spielchen mit ihm. Plötzlich war er einige Meter die Mauer entlanggelaufen, ohne es zu merken, und hatte den lichtlosen Fleck fast erreicht. Sein Verstand arbeitete schneller als sein Bewusstsein. Was jetzt? Tasche absetzen. Spraydosen herausnehmen und hoffen, dass die Wärmflasche sie bei Betriebstemperatur gehalten hatte. Er steckte seine Hände unter die Achseln, um sie noch einmal aufzuwärmen. Dabei fiel sein Blick auf das verwaiste Wachhaus und er registrierte die absolute Stille in der gefrorenen Atmosphäre.

Stolper tastete in der Dunkelheit nach einer Dose und stellte erfreut fest, dass sie warm war. Er machte ein paar Schritte entlang der Mauer und setzte die Dose an.

Aus keinem erkennbaren Grund hielt er nach einigen Strichen inne. Der unwirkliche Duft von Pfefferminze erreichte Stolper, ehe er begriff, dass da ein Mann in einer offenen Tür in der Mauer stand. Der Gedanke schien so abwegig, dass Stolper einen Moment den Alarmglocken in seinem Kopf zuhörte und dabei unverhohlen das Gesicht des Mannes anstarrte.

Während Stolper versuchte, einen ganzen Schwall von Gefühlen zu unterdrücken, drangen surreale Bilder der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in sein Bewusstsein. Es fühlte sich an, als wenn mehrere Trillionen Becquerel unter seinen Füßen kribbelten. Die negative Energie schien mit einem kalten Hauch von Pfefferminze direkt von dem Mann in der Mauertür auszugehen. Der blickte mit todesähnlicher Endgültigkeit über Stolpers Schulter hinweg auf das Eis. Es war, als ob Stolper für ihn überhaupt nicht existierte. Dann schlug die Tür mit einem katastrophalen Lärm zu und die Stille zerbarst in Rufe, Alarmtöne und Schüsse. Stolpers Atmung setzte aus, als er sich umdrehte. Zehn Meter vor ihm stand regungslos eine Frau auf dem Eis. Ihre Haare unter der Mütze waren unglaublich rot. Die kohlschwarzen Augen zeigten überhaupt keine Angst. Nur Verwunderung. Totale Ahnungslosigkeit.

Die Schüsse kamen über das Eis angeflogen. Stolper schrie der Frau zu, dass sie weglaufen solle, aber sie blieb stehen, als ob sie nichts zu befürchten hätte, sondern der ganze Lärm allein Stolper galt. Als ein Geschoss unter ihrem Fuß explodierte, stieg eine Erkenntnis in ihr auf. Sie drehte sich zur Mauer zurück wie jemand, der etwas zu Hause vergessen hatte und umdrehte, um es zu holen. Ein Schuss zersplitterte neben ihr das Eis, aber die Frau ging aufrecht weiter auf die Tür zu. Stolper schrie die Wachen an: »Hey, sie hat es sich anders überlegt. Lasst sie doch wieder rein und sie wird sicher die beste Sozialistin in eurem beschissenen Lügenstaat.«

Ein einzelner Schuss fiel und die Frau fiel vornüber. Sie blieb mit dem Gesicht nach unten liegen, während die Suchscheinwerfer sich gemächlich auf Stolper richteten. Neben der Mauer bot der Wald ruhig und friedlich Schutz, aber Stolper konnte seinen eiskalten Körper kaum bewegen. Wie war es möglich, so etwas Kompliziertes zu tun, wie ein steif gefrorenes Bein vor das andere zu setzen?

»Ihr feigen Scheißkerle! Ihr Drecksäue! Mörder!« Er schrie es laut heraus, damit der Zorn die Oberhand über seine Panik behielt. Dann riss ein Kugelhagel das Eis unter ihm in Stücke und Stolper versank in der Finsternis.