WARP 2 - Der Klunkerfischer - Eoin Colfer - E-Book

WARP 2 - Der Klunkerfischer E-Book

Eoin Colfer

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Beschreibung

Ein haarsträubendes Abenteuer im Herzen Londons, das die Zukunft verändern wird. Bestsellerautor Eoin Colfer mixt ein weiteres Mal die Genres: Zeitreise, Dystopie, Agententhriller. Ein lustvolles Lesevergnügen voller Fantasie und Abenteuer vom Autor der Artemis-Fowl-Bücher. Chevie Savano ist ins 21. Jahrhundert zurückgekehrt. Aber durch ihre Reise in die Vergangenheit hat sich der Zeitenlauf verändert. Die halbe Welt befindet sich nun im Krieg und Chevie soll zur Soldatin ausgebildet werden. Doch glücklicherweise gibt es auch in dieser Gegenwart eine WARP-Kapsel, mit der sie ins 19. Jahrhundert zurückkehren kann, um den Zeitstrahl wieder geradezubiegen. Im Jahr 1899 hat sich Riley unterdessen mit dem ehemaligen Gangsterboss und Klunkerfischer Otto Malarkey verbündet. Denn es gibt einen neuen Gegner: FBI Agent Colonel Box, der sich seit dreißig Jahren in den Katakomben von London versteckt, plant einen Aufstand, der den Lauf der Geschichte verändern wird. "Der Klunkerfischer" ist der zweite Band der WARP-Reihe. Der Titel des ersten Bandes lautet "Der Quantenzauberer". Mehr Infos rund um WARP unter: colfer-warp.de

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 451




Was bereits passiert ist und was hätte sein können …

Gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts gelang es dem schottischen Professor Charles Smart, einen Zeittunnel ins viktorianische London zu stabilisieren (ein sogenanntes Wurmloch, konstruiert aus exotischer Materie mit negativer Energiedichte, wie jedes Kind weiß). Bald darauf richtete das FBI das sogenannte Witness Anonymous Relocation Programme – kurz: WARP – ein, um wichtige Zeugen bis zur jeweiligen Gerichtsverhandlung in der Vergangenheit zu verstecken. Als der Professor erfuhr, dass Colonel Box von der WARP-Abteilung vorhatte, mithilfe des Wurmlochs Regierungen zu manipulieren und die Macht an sich zu reißen, floh er entsetzt in die Vergangenheit und nahm all seine Codes mit. Diese gut gemeinte Geste des Professors war allerdings leider völlig umsonst, denn Colonel Box war mitsamt seiner kompletten Einheit wenige Tage zuvor im Einsatz verschwunden.

Einige Jahre später kehrte Professor Smart ins einundzwanzigste Jahrhundert zurück, aber zu diesem Zeitpunkt war er schon viel zu tot, um seine Geheimnisse weitergeben zu können. Seine Ankunft löste einen Quantensog aus, der die junge FBI-Anwärterin Chevron Savano und den noch jüngeren Riley mit sich riss, einen Jungen aus dem viktorianischen London, der seinem bösartigen Herrn, dem Zauberer und Auftragsmörder Albert Garrick, entfliehen wollte, um nicht in dessen Fußstapfen treten zu müssen.

Garrick verfolgte seinen Lehrling in die Zukunft und wieder zurück, strandete aber letztlich in seine Partikel zerlegt im Wurmloch, ohne eine Möglichkeit, seine physische Gestalt wiederherzustellen.

Natürlich geschahen noch alle möglichen anderen Dinge – haarsträubende Abenteuer, dramatische Fluchten und urkomische Situationen –, aber das ist eine andere Geschichte (und was für eine!) und hat in diesem Bericht nichts verloren.

Also Ende gut, alles gut für unsere beiden kühnen jungen Abenteurer?

Für Chevie nicht so richtig, wie wir gleich erfahren werden.

Für Riley noch viel weniger, wie sich ebenfalls zeigen wird.

Chevies vorübergehende Anwesenheit im viktorianischen London verursachte Zeitkräuselungen, die schlimme Folgen für die Gegenwart haben sollten. Sie war nämlich in der Vergangenheit von dem bereits erwähnten Colonel Box gesehen worden, der sich ebenfalls im viktorianischen London niedergelassen hatte. Daraufhin befahl der Colonel, Riley töten zu lassen und den Plan zur Übernahme der Weltherrschaft um einige Tage vorzuziehen, was zum Sturz der großen Weltmächte und zur Errichtung des Boxitenreichs führte. Wäre Chevie nicht von Box bemerkt worden, hätte er an seinem ursprünglichen Zeitplan festgehalten. In diesem Szenario wären die Katakomben, in denen er seine Basis eingerichtet hatte, aber rechtzeitig überflutet und damit seine Herrschaftspläne für immer zunichtegemacht worden.

Chevie lebt jetzt als Boxitenkadettin auf einem Zeitstrahl, der nicht ihr eigener ist. Ihr Verstand wehrt sich gegen das moderne London und lässt immer wieder Erinnerungen an ihre Zeitreiseabenteuer und das FBI durchsickern. Für Fälle wie Chevies hatte Professor Smart zwei hypothetische Entwicklungen vorhergesagt: Entweder verdrängt der Zeitreisende seine Visionen mithilfe antipsychotischer Medikamente, damit er ein einigermaßen normales Leben führen kann, oder die Visionen werden so lebendig, dass ihr Widerspruch zu den tatsächlichen Ereignissen den Betroffenen in den Wahnsinn treibt.

Zu Beginn unserer Geschichte werden Chevron Savanos Visionen gerade äußerst intensiv, doch falls es antipsychotische Medikamente gäbe, würden sie gewiss nicht an eine einfache Kadettin verschwendet.

Moley und Googoo

Wenn du in der Zeit zurückreist und Rasputin tötest, gibt es keinen Grund, in die Zeit zurückzureisen und Rasputin zu töten.

Also, ist der alte Grigori nun tot oder nicht?

Professor Charles Smart

Boxitenakademie für Jugendliche, London, Neu-Albion. Gegenwart – 115 BZ Boxitenzeit

Einst war London voller Magie gewesen. Allein der Name weckte Bilder von Dickens' Oliver Twist oder von Sherlock Holmes, wie er in seiner Wohnung in der Baker Street sitzt und über ein Drei-Pfeifen-Problem grübelt, oder von einer der tausend anderen Geschichten von Abenteuer und Wagemut, die mit Londons Prachtstraßen und dunklen Seitengassen verwoben sind. Jahrhundertelang waren die Menschen von überall auf der Welt in Englands Hauptstadt gereist, um sich die Orte ihrer Lieblingsgeschichten anzusehen oder ihr Glück zu machen oder einfach berühmte Bauwerke wie den Trafalgar Square oder Big Ben zu bewundern.

Doch diese Zeiten der Magie waren lange vorbei.

Zum einen gab es im Boxitenreich keine Tourismusindustrie, und zum anderen war Big Ben schon Jahrzehnte zuvor abgerissen worden, um Platz für eine riesige Statue des Heiligen Colonels zu schaffen, dessen steinerne Augen über die Stadt und jeden ihrer Bewohner wachten. Und Big Ben war nicht die einzige Sehenswürdigkeit, die unter den Boxiten zerstört worden war. Stein um Stein vernichtete das Reich die Überreste der Vergangenheit und errichtete ein neues London nach seinem eigenen Abbild: einförmig, imposant, grau und unerbittlich.

Fast alle Dienstgebäude waren aus Beton gegossen, beinahe ohne Verzierungen, mit endlosen Reihen schwach beleuchteter Fenster, die mit halb heruntergelassenen Jalousien verhängt waren. Die älteren Londoner Häuser, die vom sauren Regen zerfressen waren, wurden eins nach dem anderen abgerissen und durch fertige Betonwürfel ersetzt, die mit Megakoptern aus der Luft direkt an Ort und Stelle platziert wurden. Die Würfel waren bereits mit allen nötigen Leitungen und Rohren versehen und mussten nur an die entsprechenden Hauptleitungen angeschlossen werden, um vollständig funktionstüchtig zu sein. Auf diese Weise wurde Londons Geschichte jeden Tag ein wenig mehr ausgelöscht.

Eines dieser alten Gebäude, das verfallen war und in einem halben Jahr in die Luft gesprengt werden sollte, war die Boxitenakademie für Jugendliche, die Offiziersschule für das Militär des Reichs, in der Kadetten aus allen Ländern der Welt in den Regeln und Gesetzen des Heiligen Colonels unterwiesen wurden.

Im Inneren dieser äußerst spartanischen Akademie war kein Versuch unternommen worden, für die Bequemlichkeit und das körperliche Wohlbefinden der Kadetten zu sorgen. Die Bänke bestanden aus hartem Stein, und Holzbretter mit dünnen Matratzen dienten zum Schlafen. Das Vorbild Spartas wurde oft zitiert und schwächliche Kandidaten wurden nicht gefördert, sondern in eine der noch härteren Institutionen des Boxitenreichs versetzt.

Die siebzehnjährige Kadettin Chevron Savano wachte in ihrer Schlafkabine auf. Die Wecksirene war noch nicht ertönt, und so hielt sie die Augen noch einen Moment geschlossen, um sich auf die Albträume des Tages vorzubereiten.

Nein, keine Albträume, dachte Chevie. Obwohl der Heilige Colonel weiß, dass ich jede Menge davon habe. Das sind Visionen, und sie verfolgen mich.

Chevie zog sich die raue Armeedecke über den Kopf, sodass das Licht der an der Wand befestigten Lampen nicht mehr durch ihre Lider dringen konnte.

Was ist nur los mit mir?, fragte sie sich. Warum sehe ich Dinge, die gar nicht da sind?

Diese Visionen hatten katastrophale Auswirkungen auf ihre Ausbildung an der Boxitenakademie für Jugendliche. In letzter Zeit hatten Chevies Leistungen massiv nachgelassen – so stark, dass jetzt in ihrer Akte, die am Fußende ihres Betts befestigt war, eine orangefarbene Karte steckte.

Das bedeutete eine Überprüfung. Die erste Warnung, und vielleicht auch die letzte, falls sie sich nicht bewährte. Die Regeln der Akademie waren sakrosankt. Eine ernst zu nehmende Verfehlung, und ihr Platz würde an den Nächsten auf der Warteliste gehen.

Und es war eine lange Liste.

Ihre Überprüfung war für heute angesetzt. Wenn sie nicht zufriedenstellend verlief, würde sie womöglich in die Soldatenfabrik in Dublin versetzt – oder, was noch schlimmer wäre, als Grubenschaufler in die Minen von Newcastle.

Chevie erschauerte.

Grubenschaufler? Das ist bestimmt noch schlimmer als der Tod.

Sie wusste noch ganz genau, wann das mit den Visionen angefangen hatte, nämlich vor sechs Monaten. Damals war sie nachts schlafgewandelt, bis in den muffigen Keller der Akademie, wo sie in einem Haufen seltsamer, halb aufgelöster Kleider zusammengesackt war: lange, unförmige Streifen schweren, tropfnassen Stoffs, die sich wie dunkle Schlangen um ihren Körper gewickelt hatten. Sie hatte weder ein Nachthemd noch Pantoffeln angehabt, nur dieses eigentümliche Material, das sich in eine schleimige Masse verwandelt hatte, als sie langsam aufgewacht war. Dann war ihr übel geworden, und sie hatte ein merkwürdiges leuchtendes Gel ausgespuckt, das in Lichtpartikel zerstoben und davongeflogen war wie Glühwürmchen.

Licht?, dachte sie.

Sterbe ich?

Ist das der Tod?

Doch ihr keuchender Atem und das Hämmern ihres Herzens versicherten Chevie, dass sie noch lebte.

Wie bin ich hierhergekommen?

Wo bin ich überhaupt?

Kadettin Savano bedeckte sich mit einem alten Möbelüberzug, der auf einem Haufen Farbdosen lag, und stolperte mit zitternden Beinen die schmiedeeiserne Treppe hinauf.

Ich bin in einer Art Keller, dachte sie.

Hier stand die WARP-Kapsel, du Dummkopf, sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Du bist zurückgekehrt.

Diese Stimme, die ihr bald sehr vertraut werden sollte, redete Unsinn, und so beachtete Chevie sie nicht weiter.

Sie pochte gegen die verschlossene Tür und rief um Hilfe, die nach einer Weile auch kam, und zwar in Form der muskelbepackten Nachtwache der Akademie: zwei Thundercats, Clover Vallicose und Lunka Witmeyer, die dem Geheimdienst angehörten. Somit war Chevie zumindest in der Akademie.

Thundercats?, dachte Chevie und fing zu ihrem eigenen Entsetzen an zu kichern.

Wieso musste sie darüber lachen? Niemand lachte in der Anwesenheit von Thundercats. Sie hatten die Lizenz, nötige und unnötige Gewalt einzusetzen, bis hin zur Beibringung tödlicher Wunden, aber nicht darüber hinaus.

Wie geht man über tödliche Wunden hinaus?, fragte sich Chevie.

Zwei Tage, sagten die Thundercats streng und runzelten die Stirn hinter ihren Spritzschutzvisieren. Zwei Tage haben wir dich gesucht, Waise. Und jetzt tauchst du in einem verbotenen Bereich auf. Wie im Namen des Heiligen Colonel bist du hier heruntergekommen? Und warum lachst du? Findest du uns etwa amüsant?

Chevie konnte nur stumm den Kopf schütteln. In ihrem Kopf herrschte ein Durcheinander aus Traumresten, Verwirrung und Fragen, die abbrachen, bevor sie richtig Gestalt annehmen konnten.

Wie bin ich …?

Was war das …?

Riley?

Wer?

Wieso?

Und genau in dem Moment hatten die Visionen, die ihr geordnetes Leben völlig auseinanderreißen würden, begonnen. Vor ihren ungläubigen Augen waren die Thundercats in gestückelte Spiegelbilder ihrer selbst zersprungen, und an ihrer Stelle war eine ältere Frau mit einem unordentlichen Haarknoten aufgetaucht.

Ich wusste, dass ihr kommen würdet, sagte sie. Charles hat es gesagt, und Charles Smart irrt sich nie.

Dann war die ältere Dame verschwunden, und die Thundercats hatten wieder Form angenommen – und Chevie hatte sich zappelnd in ihrem eisernen Griff wiedergefunden, verzweifelt darum bemüht, sich von diesem Albtraum zu befreien, in den sie erwacht war.

Schön ruhig, kleines Vögelchen, hatte Schwester Lunka Witmeyer sie ermahnt.

Chevie hatte gezittert wie ein Verbrecher auf der Schandbank am Trafalgar Square.

Wer war die ältere Frau aus ihrer Vision? Und wer war Charles Smart?

Diese Fragen konnte sie weder beantworten noch laut stellen, denn sonst würde man sie wahrscheinlich für labil halten und in eine Schule für die hoffnungslosen Fälle stecken. In Chevies Kopf wimmelte es nur so von verbotenen Fragen. Nachts hielten sie sie wach, und tagsüber machten sie sie benommen.

Es ist ein Tumor, dachte sie alle paar Sekunden. Mein Gehirn frisst sich selbst auf.

Seither waren mehrere Monate vergangen, und die Visionen hatten Chevies Lebenskelch, der ohnehin nicht gerade mit goldener Hoffnung gefüllt gewesen war, einen tiefen Sprung verpasst. Sie war Kadettin in einer Schule, die Polizisten, Soldaten und Spione für die Boxitenarmee ausbildete. Damit lag ein hartes Leben voller Misstrauen und Verhöre vor ihr – wenn sie Glück hatte. Doch jetzt sah es so aus, als würde sie kein Glück haben.

So wie ihre beste Freundin DeeDee.

Chevie öffnete die Augen, und zumindest in diesem Moment war die Welt so, wie sie laut ihrem Verstand sein sollte. Keine Halluzinationen. Kein stechender Schmerz in ihren Schläfen, der in der letzten Zeit immer als Vorbote der Visionen aufgetaucht war.

Ich bin in der Schlafkabine. Gut.

Das Bett über ihr war leer. DeeDee – ihre Freundin, Vertraute und Verbündete seit der Musterung – hatte dort geschlafen. Sie hatten gemeinsam im Boxnet gelernt und sich im Zweikampf geübt. Doch DeeDee war nicht mehr da. Man hatte sie wegen Spionage hingerichtet und Chevie hatte ebenfalls monatelang unter Verdacht gestanden.

Chevie war keine Verräterin, und selbst wenn sie Fragen oder Zweifel hatte, was das Boxitenreich anging, so behielt sie diese für sich. Denn wer nicht unter Colonel Box' Fittichen leben wollte, dem blieb nur die Wildnis der Verdammten Staaten oder die Berglager der barbarischen Jax.

Niemand kann immerzu glücklich sein. Selbst der Colonel musste sich jahrzehntelang in den Londoner Katakomben verstecken, bevor er mit seinen göttlichen Maschinen aufgetaucht ist.

Plötzlich, ohne dass Schritte zu hören gewesen wären, wurde der Vorhang aufgerissen, und die muskulösen Gestalten der beiden Thundercats Lunka Witmeyer und Clover Vallicose standen drohend vor ihr. Wieder musste Chevie gegen den Drang zu kichern ankämpfen.

Thundercats? Was ist daran nur so komisch?

Die Thundercats waren eine Spezialeinheit innerhalb der Boxitenarmee, die für ihre Brutalität und Gründlichkeit berüchtigt war. Ihre Haupteinsatzgebiete waren der Schutz der Partei und das Aufspüren und Vernichten von Verrätern. Es war ungewöhnlich, Thundercats in einer Akademie einzusetzen, doch der Direktor hatte darum gebeten, weil es, wie er sich ausgedrückt hatte, einfacher war, Unkraut zu rupfen als Bäume zu fällen. Kurz gesagt: Junge Verräter sind einfach leichter zu töten.

»Box sei mit dir, Kadettin!«, sagte Vallicose.

»Und mit Ihnen, Schwester!«, antwortete Chevie automatisch.

»Dazu müsste er sich klonen«, sagte Witmeyer. »Aber das kann er bestimmt auch.«

Witmeyer war die Witzboldin von den beiden.

Scherzhaftigkeit gehörte nicht zu den Eigenschaften, die vom Militär gefördert wurden, es sei denn, man setzte sie zu Verhörzwecken oder als Ablenkungsmanöver in der Schlacht ein. Es ging das Gerücht um, Schwester Witmeyer hätte bei ihrem Einsatz in Frankreich einen Witz nach dem anderen vom Stapel gelassen, während ihre Helmwischer Blut und Eingeweide der niedergemähten Jax von ihrem Spritzschutzvisier gewischt hatten.

Chevie sprang aus dem Bett, nahm Haltung an und wartete auf Befehle. Die Thundercats waren eine Stunde früher da als vorgesehen, aber es war nicht die Aufgabe der beiden, Erklärungen abzugeben, und Chevie würde sich hüten, um eine zu bitten. Heute würde sie keinen Millimeter von den Vorschriften abweichen, zumal dieser Teil schon zu der Überprüfung gehören konnte.

»Hast du uns nichts zu sagen?«, fragte Vallicose.

Was denn?, überlegte Chevie fieberhaft. Was soll ich sagen?

Vallicose begann den Satz für sie. »Froher …«

»Froher Auftauchtag, Schwestern!«, stieß Chevie aus.

»Du hattest doch nicht etwa vergessen, dass an diesem Tag im Jahr 1899 der Heilige Colonel mit seiner Armee aus den Katakomben aufgetaucht ist und die Welt erobert hat?«

»Nein, Schwester, das hatte ich nicht vergessen. Wir verdanken alles dem Heiligen Colonel.«

Vallicose suchte in Chevies Gesicht nach irgendwelchen Anzeichen für Insubordination, doch Chevie sah stur geradeaus und stand schnurgerade. Sie war fit, intelligent und Angehörige einer ethnischen Minderheit, des indianischen Volkes der Shawnee – das perfekte Model für die Werbeplakate der Boxitenarmee, die an jeder Bus- und U-Bahn-Haltestelle hingen.

»Hmpf«, machte Vallicose. Vielleicht war sie überzeugt, vielleicht auch ganz im Gegenteil. Ihr Grunzen war schwer zu deuten.

Lunka Witmeyers Worte waren da direkter.

»Kannst du uns sehen, Herzchen? Oder haben wir uns wieder in kleine alte Damen verwandelt?«

»Ich sehe Sie beide klar und deutlich, Schwestern«, antwortete Chevie ruhig. »Ich entschuldige mich nochmals für jene Nacht. Es war nur das Fieber.«

Wieder grunzte Vallicose. »Fieber? Das hilft aber niemandem, eine Stahltür zu passieren.«

Niemand von den dreien konnte wissen, dass es kein Fieber war, das Chevie in den abgeschlossenen Keller verfrachtet hatte, sondern ein Zeitparadoxon, das die Chevie, die aus dem viktorianischen London zurückkehrte, mit der Chevie vermischt hatte, die diesem Zeitstrahl angehörte.

Witmeyer knurrte hinter ihrem Spritzschutzvisier, das bei ihrem Wachdienst in einer Akademie mit unbewaffneten Schülern völlig überflüssig war.

»Jene Nacht, Savano? Es war doch nicht nur eine Nacht. Mir scheint, du kriegst mittlerweile jede Nacht einen hysterischen Anfall. Stimmt's nicht, Schwester?«

Vallicose nickte, und ihr Gesicht platzte fast vor unterdrücktem Zorn. »Letzten Dienstag hat sie mich Agentin genannt. Klingt für mich, als hätte sie was mit den Jax zu tun …«

Das war der Spitzname für die französischen Rebellen: Jacques, meist Jax geschrieben.

»Ich … ich weiß nicht«, stotterte Chevie. »Das Fieber kommt und geht. Ich brauche einfach nur ein paar Antibiotika. Das ist alles.«

Plötzlich beugte Clover Vallicose sich mit grimmigem Gesicht zu ihr hinunter. »Antibiotika? In diesem Augenblick sterben Soldaten für den Heiligen Colonel. Liegen auf fernen Schlackenhalden und sehen zu, wie ihr Lebensblut auf ungeweihten Stein fällt – und du denkst ernsthaft, ihre Medizin sollte stattdessen in deine wertlosen Adern fließen? Ist es das, was du denkst, Savano?«

Chevie biss die Zähne zusammen, um nicht ohnmächtig zu werden. »Nein, Schwester. Natürlich nicht. Die Helden des Reiches sollten immer oberste Priorität haben. Jeder Kadett wäre stolz, sein Leben für sie zu lassen.«

Witmeyer lachte und malte mit einem Finger ein unsichtbares Häkchen in die Luft. »Eins zu eins aus dem Lehrbuch, aber gut reagiert in Anbetracht des Drucks.« Sie nickte Chevie zu. »Und jetzt mach dich bereit, Kadettin! Der Direktor wartet bereits.«

Chevie erschauerte unwillkürlich.

Direktor Waldo Gunn.

Ein Held des Boxitenkriegs, mit dem Reichskreuz ausgezeichnet. Dreißig Jahre lang hatte er es ertragen, undercover in der Provence zu arbeiten. Direktor Gunn war ein wahrhaft Glaubender und ein meisterhafter Mörder – dabei sah er aus wie ein netter kleiner Opa.

Seht euch seine Hände an!, flüsterten die anderen Kadetten, wenn er auf dem Flur vorbeiging. Sie sind dunkler als die restliche Haut, getränkt mit Jaxblut.

Chevie hatte Direktor Gunn bisher nur aus der Ferne gesehen, offenbar in wichtiger Mission unterwegs, umgeben von Mitgliedern des Komitees und seiner Leibgarde, einer Phalanx aus stampfenden Beinen und schwingenden Armen.

Ich habe seine Hände noch nie gesehen.

Vergiss Direktor Gunns Hände und zieh dich an, Kadettin!, ermahnte sie sich selbst. Dein Leben steht auf dem Spiel.

Eilig schlüpfte Chevie in ihren dunkelblauen Dienstoverall und die Stiefel und setzte sich die spitze Kappe mit dem goldenen Abzeichen der Boxitenakademie für Jugendliche auf. Dann trat sie rasch an Vallicose vorbei aus ihrer Schlafkabine.

Die Thundercats führten Chevie Savano durch den langen Flur des Schlafsaals. Dabei knarrten die Dielen, die schon lange aus ihren Halterungen gesprungen waren, bei jedem Schritt. Die anderen Kadetten waren hinter zugezogenen Vorhängen verborgen, und die einzigen Geräusche außer dem Ächzen der Dielen waren ein gelegentliches Wimmern von jemandem, der Albträume hatte, und der monotone Klang der gesammelten Reden von Colonel Clayton Box, die rund um die Uhr über das Lautsprechersystem in alle Räume gesendet wurden.

Der Flur war dreißig Meter lang, da das Gebäude der Akademie aus vier zusammengelegten Reihenhäusern an der Farley Street in Bloomsbury bestand. Durch die Schiebefenster sah Chevie die stählernen Kanten des pyramidenförmigen Mausoleums, das der Heilige Colonel sich hatte errichten lassen, und den blutroten Laserstrahl des alles sehenden Auges an seiner Spitze.

Wie Sauron, dachte die zweite Chevie, die sich im Kopf der ersten versteckt hielt. Die Verräterin, wie sie die Geisteskrankheit genannt hatte, die offenbar fest entschlossen war, sie umzubringen.

Sauron?

Was ist ein Sauron?

Die Tür zu Direktor Gunns Büro war auffällig unauffällig und stach deutlich von der umgebenden Wand ab. Die war nämlich mit einem heroischen Wandgemälde bemalt, das den Zweiten Boxschlag zeigte, bei dem die Vereinigten Staaten, Großbritannien und das europäische Festland mit Gewalt unter die Fittiche eines Engels gebracht wurden. Der Stil war typisch für das Reich, mit muskulösen Gestalten im Profil und fächerförmigen Strahlen der aufgehenden Sonne. Im Gegensatz dazu bestand die Tür aus einfachem Holz, und ihre einzige Verzierung war eine Schicht ausgeblichener blauer Farbe.

Diese Tür war die einzige Veränderung, die Direktor Gunn bei seiner Amtsübernahme am Gebäude vorgenommen hatte. Sie stammte aus der Pension in Frankreich, wo Waldo Gunn all die Jahre unter den Jax Informationen und Informanten gesammelt hatte.

Wie viele Männer, die diesen Knauf angefasst haben, sind jetzt wohl tot?, fragte Chevie sich und blieb zögernd vor der Tür stehen.

Witmeyer stupste sie mit ihrem behandschuhten Zeigefinger an. »Na, Savano, bist du etwa nervös?«

Chevie biss sich auf die Unterlippe und nickte. Ja, sie war nervös, nervöser als jemals zuvor. Um genau zu sein, drohte sie in totale Panik zu verfallen.

Ich befinde mich im Krieg mit mir selbst, erkannte sie. Wie konnte man da gewinnen?

Sie dehnte ihre Finger, um das Zittern loszuwerden, und hob die Hand, um zu klopfen.

»Herein, Kadettin!«, kam der Befehl von innen.

Der Direktor weiß, dass ich hier bin, dachte Chevie. Es stimmt also, was sie sagen: Waldo Gunn hat das zweite Gesicht.

Das zweite Gesicht, ja, klar, spottete die Verräterin. Oder eine Kamera über der Tür.

Chevie ballte die Hand zur Faust und schob sie sich in den Mund, um nicht laut aufzuschluchzen. Sie würden sie im Innenhof exekutieren, wenn sie sich nicht in den Griff bekam. Sie würden Freiwillige aus ihrer eigenen Klasse aufrufen, um sie zu erschießen.

Denk an DeeDee.

Deirdre Woollen, ihre beste Freundin seit der ersten Klasse, war mitten aus dem Unterricht gerissen, zwei Tage lang verhört und dann hingerichtet worden. Und das nur, weil sie ohne Aufsicht im Arbeitszimmer des Direktors entdeckt worden war, wo die Landkarten für die strategische Kriegsplanung gerade offen herumlagen.

»Sie war eine Spionin der Jax«, flüsterten sich die Kadetten im Schlafsaal zu. »Sie hat Informationen gesammelt.«

DeeDee eine Spionin?

Chevie war schockiert gewesen.

Ja, weil DeeDee dümmer als Plankton war, flüsterte die Verräterin ihr ins Ohr. DeeDee war deine Freundin, aber sie hatte nicht mal genug Grips, um das Wort K-a-r-t-e zu buchstabieren, ganz zu schweigen davon, eine zu lesen. Wahrscheinlich hat sie sich bloß verlaufen, als sie zum Klo wollte, und dafür hat Gunn sie erschossen.

Chevie wusste, dass das stimmte, aber sie durfte es nicht mal denken, schließlich konnte es ja sein, dass sie im Schlaf redete.

Schwester Witmeyer verpasste ihr eine Kopfnuss. »Jetzt geh schon!«

Chevie nahm allen Mut zusammen und öffnete die Tür, doch während sie über die Schwelle trat, meldete sich die Verräterin schon wieder zu Wort.

Du solltest mich besser hier rauslassen, Kadettin, denn sonst kommt keine von uns beiden lebend aus diesem Raum heraus.

Nicht, dachte Chevie. Bitte sei still!

Das Büro des Direktors war lang und schmal, mit einem roten Teppich in der Mitte, der aussah wie die Zunge eines riesigen Tiers. Direktor Waldo Gunn war ein Anhänger der Taxidermie – allerdings nicht von Tieren, sondern von Menschen –, und an den Wänden waren die ausgestopften Körper berühmter Märtyrer der Akademie aufgereiht. Chevie wusste, dass die wachsartigen, mit Rouge bemalten Leichname ein Zeugnis für den Ruhm und die Hingabe dieser Absolventen waren, aber für sich selbst dachte sie, dass sie lieber eingeäschert und für immer vergessen werden würde, als in diesem Raum eine leblose Wache abzugeben. Sie blickte stur geradeaus und versuchte, die eisigen Blicke der Reichshelden zwischen ihren Schulterblättern nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Der Direktor saß an seinem Schreibtisch, und selbst aus drei Metern Entfernung konnte Chevie den Dunst aus Moder und Knoblauch riechen, der ihn wie eine Wolke umgab, wo immer er sich befand.

Mitglied des Komitees zu sein, hatte seine Vorzüge, unter anderem den, dass man müffeln konnte, wie und so viel man wollte.

Der Kerl stinkt, sagte die Verräterin. Wo ist der nächste Hochdruckreiniger?

Direktor Gunn, der mit einem Stift auf seinem Boxnet-Tablet herumtippte, hielt plötzlich inne, als hätte Chevie laut gesprochen.

Oh nein, dachte sie. Oh nein.

Hinter dem wuchtigen Schreibtisch wirkte Direktor Gunn mit seinem viel zu großen Kopf, den stechenden blauen Augen und dem dichten grauen Bart wie ein Zwerg.

»Haben Sie etwas gesagt, Kadettin Savano?«

Seine Stimme war überraschend tief. Aus irgendeinem Grund hatte Chevie erwartet, dass sie höher sein würde.

»Nein, Sir … Direktor. Ich glaube nicht. Nicht dass ich wüsste.«

Gunn seufzte. »›Ich glaube nicht‹? ›Nicht dass ich wüsste‹? Genau wegen solch unbesonnener Äußerungen stehen Sie heute vor mir.«

»Ganz recht, Direktor«, bestätigte Witmeyer, die zusammen mit ihrer Partnerin ebenfalls hereingekommen war.

»Umpf, Direktor«, murmelte Clover Vallicose.

Chevie zuckte zusammen, als sie die beiden Thundercats neben sich entdeckte.

Lautlose Mörderinnen.

Gunn lehnte sich in seinem antiken Sessel mit den tiefergelegten Armlehnen zurück.

»Kommen Sie näher, Kadettin! Stellen Sie sich vor mich hin!«

Benommen trat Chevie vor, bis sie mit den Oberschenkeln an die Schreibtischkante stieß. Sie bemerkte ihr Konterfei auf dem Bildschirm des Tablets. Der Direktor hatte sich ihre Akte angesehen.

Wieder seufzte Gunn. »Sie wirkten so vielversprechend, Savano. So begabt … Aber jetzt …«

Er legte den Tablet beiseite und faltete seine kleinen, behaarten Finger im Schoß.

Hobbit!, brüllte die Verräterin in ihrem Kopf. Hobbit. HOBBIT. HOBBIT.

Es war still, aber auf eine ohrenbetäubende Weise. Chevie spürte, wie ihr eine Schweißperle über die Stirn rann.

»Mir ist bewusst, Direktor, dass die letzten paar Monate enttäuschend waren …«

»Enttäuschend?«, schnaubte Clover Vallicose. »Katastrophal trifft es eher.«

»All diese verwirrenden Anfälle«, sagte Waldo Gunn. »Diese seltsamen Worte. FBI zum Beispiel. Was bedeutet FBI?«

»Ich … ich weiß nicht, Direktor.«

»Dennoch haben Sie diese Buchstaben als Bezeichnung für unsere Akademie benutzt.«

Chevie konnte sich nicht einmal mehr an diesen speziellen Anfall erinnern, obgleich ihr die Buchstaben tatsächlich irgendwie vertraut vorkamen.

»Und im Geschichtsunterricht haben Sie gerufen: ›Erzählen Sie das Oprah!‹ Wer oder was ist OPRAH? Vielleicht die Organisation zur Pulverisierung der Reichsarmee?«

Chevie schüttelte hilflos den Kopf. »Das bin ich nicht, Direktor. Ich sage diese Dinge nicht.«

»Oh doch, das tun Sie. Die Frage ist nur, warum.«

»Sie ist eine Spionin«, sagte Vallicose unverblümt. »Von den Jax geschickt, um Verwirrung zu säen.«

Chevie sah plötzlich DeeDees Gesicht vor sich, kurz bevor die Kugel sie getroffen hatte. Sie hatte ausgesehen, als wäre sie hundert Jahre alt.

»Ich bin keine Spionin, Direktor«, sagte sie. »Vielleicht bin ich krank – ein Tumor oder ein Virus –, aber ich bin keine Spionin. Ich liebe das Reich. Ich würde für die Flagge sterben.«

An der Wand hinter Gunn hing eine riesige Reichsflagge mit dem wohl bekanntesten Symbol der ganzen Welt: ein goldener Kreis und darin eine 3-D-Box, deren hintere untere Horizontale und rechte vordere Vertikale verstärkt waren und so ein Kreuz bildeten.

Das ist alles falsch, grummelte die Verräterin und erschauderte beim Anblick des Symbols.

Direktor Gunn drehte geistesabwesend den Tablet auf der Schreibtischplatte hin und her, wobei kleine Schimmelwölkchen von seinen Ärmeln aufstiegen.

»Sie lieben das Reich, Kadettin?«

»Absolut, Direktor. Von ganzem Herzen.«

»Und kennen Sie es auch, Savano? Ist Ihnen klar, welche Opfer das Reich von seinen treuen Anhängern gefordert hat?«

Geschichtsfragen, dachte Chevie. Ich habe noch eine Chance.

»Selbstverständlich«, antwortete sie. »Von A bis Z.«

Direktor Gunn musterte sie skeptisch. Kadettin Savano hatte sich weit vorgewagt.

»Was wissen Sie über den Heiligen Colonel, Clayton Box?«

Das ist einfach.

»Colonel Box. Ein Gott, der zu uns gekommen ist, um die Sünde von der Erde zu tilgen.«

Gunn wedelte ungeduldig mit der Hand. »Ja, ja, ja. Das weiß jedes kleine Kind, das Frühstücksflocken isst. Sie sind Kadettin. Was ist Ihrer Ansicht nach das Ziel der Revolution?«

Chevie runzelte die Stirn. Diese Frage war gefährlich. Direktor Gunn wollte ihre Einstellung zur Revolution wissen. Er wollte eine Zusammenfassung von ihr, und Zusammenfassungen enthielten oft Ansichten, und Ansichten konnten einen das Leben kosten.

Sie sprach langsam, ließ sich Zeit und versuchte, die beiden Thundercats zu ignorieren, die wie lauernde Panther neben ihr standen und nur auf den Befehl zum Sprung warteten.

»Die Welt war im Chaos versunken. Die Reiche der Menschen waren groß und grausam. Millionen armer Seelen starben durch Gleichgültigkeit, Grausamkeit und Mangel.«

»Doch noch schlimmer als das Sterben …?«, soufflierte Gunn mit einer Stimme, die zu tief für seinen kleinen Körper schien.

Ruhig Blut, Bilbo!, machte sich die Verräterin erneut bemerkbar. Dazu komme ich jetzt.

»Noch schlimmer als das Sterben waren die verlorenen Seelen. Zahllose Menschen starben ohne Erleuchtung. Gott beschloss, dass Er das nicht länger hinnehmen wollte, und so kam Er in Gestalt von Colonel Box zur Erde, um Neu-Albion zu erschaffen, das der ganzen Welt ein leuchtendes Beispiel der Tugend sein sollte.«

»Und auf welche Weise wollte der Colonel Neu-Albion erschaffen?«

»Indem er Jünger um sich scharte, die ersten Thundercats.«

Das schluckte die Verräterin nicht. So ein Quatsch! Die ganze Welt lässt sich von diesem Mist einwickeln. Box war ein geflohener Soldat. Ich habe die Akte doch selbst gesehen.

Ihre Anstrengung, diese gottlosen Gedanken für sich zu behalten, trieb Chevie den Schweiß auf die Stirn.

»Dreißig lange Jahre verbrachten Colonel Box und seine Jünger in den Londoner Katakomben, wo sie mit den Seelen der Gläubigen Zwiesprache hielten und nach und nach die Maschinen des Colonels bauten. Als sie am Auftauchtag aus der Unterwelt zurückkehrten, befahl Colonel Box seinen Männern, die ersten Geschosse auf das Parlament, Windsor Castle und den Flottenstützpunkt in Portsmouth zu feuern. Innerhalb einer Stunde ereilte den größten Teil der Regierung und der Monarchie ihre gerechte Strafe, und Colonel Box brauchte kaum mehr als einen Tag, um seine Legion aus dem Londoner Armenvolk zu bewaffnen und die Hauptstadt einzunehmen. Innerhalb eines Monats unterstand ganz Großbritannien dem Befehl des Colonels. Colonel Box ließ in den Waffenfabriken von Sheffield noch mehr von den großen Geschossen produzieren, die er selbst entworfen hatte, und kaum ein Jahr später, nach dem Zweiten Boxschlag, gehörte die Erde wieder den Gerechten.«

Die Verräterin in Chevies Kopf schnaubte verächtlich. Londoner Armenvolk? Verbrecherhaufen trifft's wohl eher.

Direktor Gunn nickte; bisher machte Chevron Savano alles richtig. »Aber die Übergangszeit verlief nicht ohne Schwierigkeiten, nicht wahr? Manche Probleme sind zu klein, um sie mit Geschossen zu regeln.«

»Ganz recht, Direktor. Es gab Widerstand. Alle, die den Colonel verleugneten, wurden öffentlich an der Swingers' Row aufgehängt, und zwar von …«

In Chevies Kopf herrschte plötzlich Leere.

Sofort stürzte sich Gunn auf sie wie ein alter grauer Kater auf eine Maus.

»Öffentlich aufgehängt von?«

Chevie spürte, wie die Thundercats neben ihr zum Sprung ansetzten.

Wer? Wer war der Henker?

»Daran müssen Sie sich doch erinnern, Kadettin. Schließlich ist der ganze Krieg bekannt unter dem Namen Henkersrevolution. Vielleicht ein wenig respektlos, aber die Säuberung war notwendig. Der Henker ist einer unserer höchsten Heiligen, vom Colonel höchstpersönlich seliggesprochen. Sein Bildnis hängt vor Ihnen an der Wand, Himmel noch mal!«

Jetzt hör dir diesen Typen an!, sagte die Verräterin. Er glaubt tatsächlich an den Blödsinn, den er verzapft. Das ist doch so, als würde ein Monster einem Troll eine Medaille verleihen.

Chevie betrachtete das Porträt in der Hoffnung auf eine Eingebung, und plötzlich tauchte vor ihrem inneren Auge ein Bild auf. Es war der drahtige Mann auf dem Gemälde, aber er hielt eine Tätowiernadel in der Hand, und die Risse in seinen Fingernägeln waren mit Tinte getränkt.

»Der Tätowierer!«, platzte sie heraus, ohne nachzudenken. »Anton Farley, der Tätowierer. Er war der Henker.«

Gunn sprang auf und schlug auf den Tisch.

Die Hände des Direktors sind rot!, sah Chevie. Rot von Jaxblut.

»Farley, der Tätowierer?!«, brüllte er.

Das nennst du brüllen?, spottete die Verräterin. Für mich klang das eher wie ein Blöken.

»Halt die Klappe!«, sagte Chevie. »Halt endlich die Klappe!«

Gunn starrte sie mit loderndem Blick an. »Halt die Klappe? Sie wagen es … Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?«

»Hobbit!«, rief Chevie. »Hobbit … Hobbit … HOBBIT!«

Die Thundercats traten vor und packten sie an den Schultern.

Ich habe so die Schnauze voll von diesen ganzen Idioten!, dachte die Verräterin, die Intrigantin, die lautlose Mörderin.

Wären die Thundercats auf Gegenwehr eingestellt gewesen, hätten sie wahrscheinlich die Oberhand behalten, aber Kadettin Chevron Savano war bisher bestenfalls eine mittelprächtige Kämpferin gewesen. Doch die Bewegungen, die sie jetzt einsetzte, waren nicht einmal in der Akademie unterrichtet worden.

Als Erstes knöpfte sich Chevie Witmeyer vor. Sie tauchte unter deren ausgestrecktem Arm hindurch und rammte ihr vier ausgestreckte Finger in die Nieren. Ohne innezuhalten, drehte sie sich weiter und versetzte Vallicose einen kraftvollen Tritt gegen das Knie. Dann wandte sie sich wieder Witmeyer zu, die offenbar nicht fassen konnte, dass sie starke Schmerzen hatte. Chevie packte das Spritzschutzvisier der Kriegernonne und zog es mit einem Ruck zu sich herunter, bis ihre Gesichter auf einer Höhe waren.

»Hi«, sagte Chevie in einem Tonfall, der irgendwie noch schockierender war als ihr Angriff, und verpasste Witmeyer einen Faustschlag auf die Nase. Mit Kraft allein hätte Chevie die Thundercat niemals besiegen können, aber Witmeyer war so abgelenkt von ihren Schmerzen, dass es Chevie gelang, ihr die Waffe abzunehmen und sie auf Vallicose zu richten, die gerade nach dem Elektrostock an ihrer Hüfte greifen wollte.

»Schön stillhalten, Miley!«, befahl Chevie und entsicherte die Waffe. Dann nickte sie Vallicose zu. »Du auch, Gaga.«

In ihrem Inneren wimmerte Kadettin Chevie vor Angst.

Was?

Hat die Verräterin mir beigebracht, so zu kämpfen?

Wie hätte ich sonst die Thundercats angreifen können?

Die Verräterin hat mich in die Hölle verbannt.

Miley?

Gaga?

Natürlich war der gefährlichste Mensch im Raum in Vergessenheit geraten, da der Verstand ihn irrtümlicherweise als den ungefährlichsten Menschen im Raum eingeschätzt hatte. Das war auch das Geheimnis seines Erfolgs in Frankreich gewesen. Direktor Gunn kletterte auf den Schreibtisch, griff nach seinem Tablet und schlug Chevie damit auf den Kopf.

Kadettin Savano kippte wie in Zeitlupe um, und das Letzte, was sie hörte, bevor die Bewusstlosigkeit langsam ihre Sinne vernebelte, war Gunns sarkastische Stimme.

»Meine beiden meistgefürchteten Thundercats überwältigt von einem hilflosen Kind. Vielleicht seid ihr zwei doch nicht so unbesiegbar, wie ihr denkt, hm, Moley und GooGoo?«

Ha!, dachte die Verräterin. Moley und GooGoo? Schön doof, dieser Hobbit!

Dann versank die Welt um beide Chevies herum im Dunkeln.

Sonnenschirme und gepuderte Perücken

Kommt ein Mann in eine Bar und sagt zum Barmann: »Einen Whisky für mich und zehn Milliarden für alle meine möglichen alternativen Ichs.«

Professor Charles Smart

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