Warum einfach, wenn umständlich viel schöner ist - Birgit Gruber - E-Book

Warum einfach, wenn umständlich viel schöner ist E-Book

Birgit Gruber

4,0

Beschreibung

Ein neuer Job, ein Nobelrestaurant und drei Männer. Antonias Leben könnte wirklich einfacher sein. Nicht nur, dass sie in ihrem neuen Job zurechtkommen muss, auch die Männer in ihrem Leben rauben ihr den letzten Nerv ... Antonia hat einen neuen Job. Obwohl branchenfremd, soll sie plötzlich Veranstaltungen organisieren. Wird das klappen? Denn nicht nur der bayerische Comedian Egon Wunderlich macht ihr zu schaffen, ebenso eine anstehende 500-Jahr-Feier ist für Antonia eine Herausforderung. Und als wäre das nicht schon genug, soll sie auch noch im Nobelrestaurant ihres Bruders aushilfsweise kellnern. Dass der attraktive Tom ihren Pulsschlag noch zusätzlich erhöht, macht die Situation nicht unbedingt einfacher …

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Birgit Gruber

Warum einfach, wenn umständlich viel schöner ist

Liebesroman

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

1

 

Mit wippendem Fuß saß ich an der Theke in der Küche unserer schönen Altbauwohnung. Vor mir stand eine Tasse duftenden schwarzen Kaffees. Nervös schob ich sie zwischen den Händen hin und her.

»Schick siehst du aus! Aber sei nicht so zappelig«, hörte ich Paul direkt neben meinem Ohr sagen. Ich fuhr wie von der Tarantel gestochen hoch und schmiss um ein Haar die Kaffeetasse um.

»Musst du mich so erschrecken?«, fauchte ich ihn an. Paul grinste nur.

»Entschuldige mal. Ich wohne auch hier. Hast du das vergessen?« Mit gespielter Empörung hob er die Hände in die Luft. Dann lächelte er, zog mich an sich und gab mir einen liebevollen Kuss auf die Wange. »Mensch Toni, werd‘ locker! Das ist doch nur ein Vorstellungsgespräch.«

»Ach! Du hast gut reden«, gab ich leicht giftig zurück. Aber die kurze Umarmung half tatsächlich, mich etwas zu entspannen.

Paul ließ mich los und schenkte sich selbst eine Tasse Kaffee ein. Er stand mir nun gegenüber und blickte mich mit seinen unglaublich beruhigenden Augen an. Ich seufzte. »Du hast ja recht. Was würde ich nur ohne dich machen?«

»Vielleicht endlich mal einen netten Mann kennenlernen?«, schlug er vor.

Ich zuckte nur mit den Schultern und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, die.« Mehr gab es zu diesem Thema derzeit nicht zu sagen. Was das betraf, hatte ich nicht unbedingt das glücklichste Händchen. Außerdem war ich momentan viel zu sehr mit meiner nicht so recht vorhandenen beruflichen Situation beschäftigt.

 

Ich bin übrigens Antonia. Antonia Neuberg. Kurz genannt Toni. Ich bin so um die dreißig Jahre alt (wer will das schon so genau wissen?), mittelgroß, habe langweilig braune Haare, eine durchschnittliche Figur und bin derzeit auf Arbeitssuche. Ich bin gelernte Bürokauffrau und besonders auf mein organisatorisches Talent stolz. Es gibt nichts, was ich nicht organisieren könnte! Bisher war ich als Sekretärin tätig gewesen und eigentlich ganz zufrieden. Doch dann war vor einigen Monaten die Nichte meines Chefs, Cindy Hüttler, als neue »Mitarbeiterin« gekommen. Hübsches Mädchen – muss ich zugeben. Das hatte vor allem die männliche Belegschaft gefunden. Natürlich blond, groß und eine, na sagen wir mal, sehr, sehr weibliche Figur. Allerdings Charakter »gemeines Luder«! Anfänglich hatten wir uns sogar ein wenig angefreundet. Sie hatte über die Wochen sämtliche Abteilungen, zum besseren Einstieg in die Firma, durchlaufen und jede Sektion hatte die gleiche Erfahrung mit ihr gemacht. Die einen hatten sie geliebt, die anderen gehasst. Letzteres hatte im Besonderen auf die Mitarbeiter in Führungspositionen zugetroffen, denn Cindy hatte überall alles besser gewusst, und wenn sie sich in etwas verbissen hatte, kämpfte sie bis aufs Blut. Die Rückendeckung des Chefs war, kaum erwähnenswert, natürlich ziemlich hilfreich gewesen. Es hatte nicht lange gedauert und sämtliche Führungskräfte hatten über die Sicherheit ihrer Jobs nachgedacht. Dementsprechend war ein erleichtertes Aufschnaufen durch die Reihen gegangen, wenn die liebe Cindy in eine andere Abteilung gewechselt hatte. Die Letzte, in die sie gekommen war, war meine, das Sekretariat. Selbstredend, dass sie meine Aufgaben ebenfalls wesentlich effizienter hatte bearbeiten können. Was sie auch bei jeder Gelegenheit Onkel Egon – meinem Chef – zu verstehen gegeben hatte. Und so war es für mich nicht wirklich überraschend gewesen, als ich eines schönen Tages zu einem Gespräch mit meinem Chef gebeten wurde. Unter vier Augen selbstverständlich! Er hatte mir mit vielen netten Worten mitgeteilt, dass leider aufgrund der wirtschaftlichen Situation derzeit unsere Firma nicht um Stellenabbau herumkäme und es ihm ja so schrecklich leidtäte, und so weiter und so weiter. Zum Schluss hatte er bedauernd den Kopf geschüttelt, nicht zuletzt deshalb, weil ja nun er selbst meine Aufgaben mit übernehmen müsste. Ha! Dass ich nicht lache! Besonders, da ich scheinbar die Einzige gewesen war, die der »wirtschaftlichen Situation« geopfert wurde. Aber was war mir anderes übriggeblieben? Natürlich hätte ich gerichtlich dagegen vorgehen können, aber ich streite mich nicht gerne. Und außerdem würde ich meinen alten Job, nach dieser vetternwirtschaftlichen Behandlung, sowieso nicht mehr wiederhaben wollen. Nicht einmal, wenn ich das Doppelte verdienen würde (na gut, in diesem Fall wäre es eine Überlegung wert gewesen, was aber realistisch gesehen unmöglich ist)! Also hatte ich meinen Platz geräumt, allerdings nicht, ohne noch schnell sämtliche Schlüssel meiner Büroschränke zu vertauschen und etwas Harzer Käse in der Lüftungsklappe des Sekretariats zu verstecken. Hm, wie das geduftet hatte! Lecker. Dann mal viel Spaß bei der Arbeit, liebe Cindy! Sie hatte bestimmt mehrere Tage oder gar Wochen gebraucht, um herauszufinden, woher dieser Gestank kam. Allein dieser Gedanke hatte mir den Abgang erträglicher gemacht.

 

Somit war ich mit meiner wertvollen Arbeitskraft am Arbeitsmarkt wieder frei verfügbar. Einige Bewerbungen hatte ich schon verschickt. Selbstredend rissen sich alle um mich, haha. Doch heute sollte der Tag sein, an dem ich mich tatsächlich bei einem führenden Veranstaltungsunternehmen als Team-Assistentin vorstellen würde. Meine Nerven flatterten, und ich musste mich mit aller Kraft bemühen, zumindest nach außen hin ruhig zu bleiben. Aber wie um Himmels willen, sollte ich mich so gut verkaufen, dass sie mich auch einstellten? Mein einziges Vorstellungsgespräch, das ich je geführt hatte, lag Jahre zurück. Direkt nach der Schule hatte ich mich bei Meyer & Co. KG um eine Ausbildungsstelle beworben und war sofort genommen worden. Dank meiner guten Auffassungsgabe und meines Engagements hatte ich es geschafft, mich im Laufe der Zeit ins Sekretariat hochzuarbeiten. Und ich war glücklich damit gewesen – bis eine gewisse Cindy auf der Bildfläche aufgetaucht war.

Aber das erwähnte ich ja bereits …

 

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Es wurde langsam Zeit, aufzubrechen. Schließlich wollte ich nicht abgehetzt oder gar zu spät kommen. Was für eine grauenhafte Vorstellung!

»Mach dich nicht verrückt. Du schaffst das schon«, meinte Paul, mit einem, wie ich fand, etwas mitleidigen Blick.

»… sagt der erfolgreiche Gastronom zur kleinen Büromaus!«, konnte ich mir nicht verkneifen zu erwidern. Aber so und nicht anders empfand ich es im Moment. Meinem Bruder, dem erfolgreichen Paul Neuberg, war es gelungen, eines der derzeit angesagtesten Restaurants, das »Carmelito«, aus dem Nichts aufzubauen! Dabei war das nicht einmal ein Traum gewesen, den er sich erfüllt hatte, wie man es meinen könnte. Nein! Eigentlich kam er dazu wie Maria zum Kinde, oder so ähnlich. Alles hatte damit begonnen, dass er im Rahmen seines BWL-Studiums gerade die »Auktionstheorie« gebüffelt und sich aus einer Laune heraus entschlossen hatte, für ein altes, baufälliges Gebäude (Ruine wäre der passendere Ausdruck gewesen) mitten in der Innenstadt mitzubieten. Er hatte einfach nur einmal in die Praxis hineinschnuppern wollen, und seine gebotene Summe war lächerlich gewesen. Also hatte er eine schriftliche Gebotsabgabe gemacht und es nicht fassen können, als er tatsächlich den Zuschlag bekommen hatte. Damit hatte er nicht gerechnet. Aber da das Gebäude unter Denkmalschutz stand, wollte niemand sich die finanzielle Last aufbürden, die eine notwendige Renovierung mit sich brachte. Als Paul mir davon erzählt hatte, konnte ich es zuerst nicht glauben und war felsenfest überzeugt gewesen, dass er wieder mal einen seiner Scherze mit mir trieb. Doch diesmal hatte ich mich getäuscht und Paul musste nun nicht nur sein Studium finanzieren, sondern obendrein Geld für die Renovierung auftreiben. Er hatte regelmäßig als Kellner, Barkeeper oder Küchenhilfe gejobbt. Und wer hätte es geglaubt? Nicht ich, nicht seine Freunde oder der spärliche Rest unserer Familie. Er hatte es geschafft. Zugegeben, nicht allein mit Kellnern. Er hatte auch mal Börsenluft geschnuppert. Aber was soll man sagen, außer ›Glückskind‹ ... So war es gekommen, dass er den alten Kasten nach und nach, weil ihm nichts Besseres eingefallen war, in ein schickes Lokal verwandelt hatte und bereits kurz nach Abschluss seines Studiums ein gutgehendes Restaurant führte.

Und was konnte ich dagegen vorweisen? Zugegeben, bisher war ich mit meiner beruflichen Laufbahn recht zufrieden gewesen. Ich hatte es geschafft, mich zu einem gutbezahlten, einigermaßen angesehenen Job hochzuschuften. Aber jetzt – stand ich auf der Straße. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass wenigstens meine Wohnsituation gesichert war. Das Zusammenleben mit meinem Bruder war zwar manchmal recht mühsam, hatte aber durchaus seine Vorzüge – sowohl für ihn als auch für mich. Abgesehen von der Miete und den Haushaltsarbeiten, die wir relativ gut aufteilten (okay, die Miete zahlte im Moment überwiegend Paul – was aber erst seit der doofen Cindy so ist, möchte ich betonen!), nutzen wir uns gegenseitig bei ›schwierigen‹ Dates, um es einmal so auszudrücken. Wir hatten im Laufe der Zeit eine Strategie entwickelt, an deren Perfektion es nichts zu rütteln gab. Hatte einer von uns eine »Bekanntschaft«, die zu beenden erstrebenswert schien, brachten wir sie oder ihn nach Hause mit. Da keiner von uns je die Existenz des anderen erwähnte, machte sich schon einmal das Türschild gut: »Hier wohnen Antonia und Paul Neuberg«. Und genau das war unser Ziel. Wir gaukelten einfach vor, wir wären verheiratet, und wenn das noch nicht ausreichte und der gewünschte Effekt ausblieb, waren wir inzwischen Meister darin, eine grandiose Eifersuchtsnummer des betrogenen Ehegatten hinzulegen. Manche Vorstellungen waren derart grandios, dass wir mit Sicherheit schon einige Male einen Grammy verliehen bekommen hätten. Wobei Paul unser Arrangement wesentlich öfter nutzte als ich, um dies nebenbei zu bemerken.

Ich schielte zu ihm hinüber. Er sah auch wirklich toll aus, mein großer Bruder! Etwas größer als ich, sportliche Figur, ebenfalls braune Haare, die er immer leicht verwuschelt trug – sehr sexy! – und immer gut gelaunt. Die Mädels flogen ihm regelrecht zu.

»Solltest du nicht langsam los?«, frage Paul über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg.

Ich seufzte und stand auf.

Paul grinste: »Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, du wärst auf dem Weg zur Schlachtbank.«

Ich schnitt ihm eine Grimasse und ging federnden Schritts zum Spiegel, um einen letzten prüfenden Blick hineinzuwerfen. Eine Frau mit schulterlangen, braunen Haaren sah mir entgegen. Das Make-up dezent, aber gelungen. Ich trug ein taupefarbenes Kostüm, dazu passende Pumps. Was ich sah, gefiel mir sogar. Ich schnappte mir meine Handtasche und angelte die Autoschlüssel vom Schlüsselbrett.

»Ich drück dir die Daumen, Tiger«, rief Paul mir hinterher, aber da war ich bereits auf dem Weg nach unten.

 

Der Verkehr war die Hölle. Feierabendverkehr! Warum hatte ich daran nicht gedacht und war etwas früher losgefahren? Aber zum Glück hatte ich mein Ziel jetzt erreicht. Es fehlte nur noch eine Parklücke. Und da war sie auch schon! Volltreffer. Eine kleine Lücke, in die mein Mini-Cooper geradeso hineinpassen würde. Leider hatte ich sie zu spät gesehen. Also Blinker setzen und warten, bis die anderen an mir vorbei waren, und dann … Na, das gab’s doch nicht! Da versuchte sich doch glatt so ein protziger 7er-BMW in MEINE Parklücke zu quetschen. Ich hupte und wedelte sauer mit den Händen. Den Typen hinter dem Lenkrad schien dies jedoch nicht im Geringsten zu stören. Er kurbelte und kurbelte. Fuhr ein bisschen vorwärts und wieder zurück. Hin und her, etwas raus und wieder rein, und dann – tatsächlich – er stand drin! Zwar Stoßstange an Stoßstange, aber er stand drin. Ich schnappte entsetzt nach Luft! »Das war meiner!«, schrie ich und fuchtelte mit den Armen. Doch er stieg gelassen aus und zwinkerte mir sogar noch zu. So ein arroganter Schnösel! Ich kniff die Augen zusammen. »Du mich auch!«, brummte ich und schaute verärgert weg. Doch eine Sekunde später sah ich trotzdem nochmal hin. Er mochte zwar ein arroganter Schnösel sein, aber er sah klasse aus. Groß, kurze, dunkle Haare, vielleicht etwas älter als ich, und er trug einen perfekt sitzenden dunkelgrauen Anzug, in dem er ungelogen eine tolle Figur machte. Der typische erfolgreiche Geschäftsmann eben. Ich stöhnte innerlich und schüttelte über mich selbst den Kopf. So einer war doch gar nicht mein Typ. Ich flog immer grundsätzlich auf die Loser-Typen.

Als ich endlich vor dem Eingangsportal des Veranstaltungsunternehmens »star-event« stand, hatte ich bereits einen Teil meines Kampfgeistes eingebüßt. Ich hatte weitere fünf Minuten verschwenden müssen, bis auch ich einen Parkplatz gefunden hatte, den mir keiner wegschnappte, und weitere fünf Minuten, um hierher zu laufen. Jetzt war ich aber wirklich pünktlich! Keine Sekunde zu früh. Immerhin aber auch keine zu spät. Ich straffte die Schultern und ging die drei Treppenstufen hinauf zur Glastür.

 

Der Empfangsraum wirkte freundlich und sehr professionell. Die Wände waren hell und der Boden bestand aus dunkelgrauen, großen Fliesen, die sich im Licht spiegelten. Links war eine moderne Sitzgruppe mit einem kleinen Tisch. Daneben stand ein riesengroßer Benjaminbaum. Direkt gegenüber der gläsernen Eingangstür befanden sich zwei Aufzüge, auf der rechten Seite die Rezeption, hinter der eine gutgekleidete Frau mittleren Alters saß. Sie hatte das Haar zu einem Knoten hochgesteckt, eine Brille auf der Nase und trug entweder ein Kostüm oder einen Hosenanzug. Das war in der sitzenden Position für mich nicht erkennbar. Auf dem kleinen Schild vor ihr konnte ich ihren Namen lesen. Marie Schuller. Als ich nähertrat, blickte sie zu mir auf und lächelte mich an. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie mit warmer Stimme.

»Äh …«, ich musste mich räuspern, weil ich auf einmal einen Kloß im Hals hatte. »Mein Name ist Antonia Neuberg und ich habe mit Herrn Kalauer einen Termin.«

Sie schaute auf den Bildschirm, der vor ihr stand, und nickte dann. »Ich gebe ihm Bescheid, dass Sie da sind. Wenn Sie vielleicht in der Zwischenzeit mit dem Aufzug in den ersten Stock fahren würden? Gleich neben dem Fahrstuhl befindet sich eine kleine Sitzgruppe. Bitte nehmen Sie dort noch kurz Platz.« Frau Schuller deutete mir den Weg zum Aufzug, nickte freundlich und nahm den Telefonhörer in die Hand, wahrscheinlich, um mich anzumelden.

Während ich auf den Fahrstuhl wartete, trat ich von einem Bein aufs andere. Ich war nervös und angespannt und musste mich zusammenreißen, damit ich nicht so herumzappelte. So vornehm hatte ich mir das Unternehmen nicht vorgestellt. Sicherlich, der Internetauftritt, den ich mir gestern Abend nochmals angeschaut hatte, wirkte sehr qualifiziert, aber das durfte man von einem Veranstaltungsunternehmen auch erwarten, oder? Die Aufzugtüren glitten auf und ich stieg ein. War ich tatsächlich für diesen Laden geeignet? Der erste Stock war gleich erreicht und die Sitzgelegenheit, die mir angeboten worden war, unübersehbar. Ich setzte mich so elegant wie möglich hin und schaute mich zwecks Ablenkung um. Direkt mir gegenüber befand sich ein weiterer Empfangstresen. Dahinter saß eine ebenso elegant gekleidete junge Frau, die ein Headset trug und eifrig in die Tasten ihres Computers tippte. Links und rechts davon waren Bürotüren und verschiedene Gänge zu sehen. Das gesamte Stockwerk erstrahlte in einem frühlingshaften, hellen Lindgrün, das mit dem weißen Mobiliar und den Türen hervorragend harmonierte. Durch das Fenster neben mir suchten sich einige der letzten Sonnenstrahlen des Tages den Weg nach drinnen, und ich begann, mich etwas zu entspannen.

Dann ging eine Tür auf und ich sah einen gutaussehenden, großgewachsenen Mann auf mich zukommen. Ich schluckte und wollte gerade aufstehen, als ich ihn erkannte. Es war niemand anderes als der Idiot, der mir den Parkplatz weggeschnappt hatte. Solche Zufälle konnten auch nur mir passieren! Ob er den »Volltrottel« vorhin gehört hatte? Wie versteinert saß ich da und harrte der Dinge, die auf mich zukamen. In meinem Kopf herrschte heilloses Durcheinander. War das etwa Herr Kalauer? Wie konnte ich ein Vorstellungsgespräch mit dem Mann führen, den ich noch vor wenigen Minuten einen Volltrottel genannt hatte? Sollte ich etwa sagen: »Ach, Sie sind das? Mit Volltrottel habe ich natürlich nicht Sie, sondern mich gemeint! Und genau aus diesem Grund müssen Sie mich einstellen, denn mindesten einen Volltrottel sollte doch jede Firma haben, oder?«

Doch er zwinkerte mir nur kurz zu, ging an mir vorbei, drückte den Liftknopf, die Türen glitten auf und zu, und weg war er. Verwirrt und erleichtert atmete ich tief durch. Ich hatte vor lauter Schreck die Luft angehalten, ohne es zu merken. Ich begann mich gerade wieder etwas zu entspannen, als plötzlich die Headset-Frau vor mir stand und fragte:

»Sie sind Frau Neuberg? Bitte folgen Sie mir. Frau Bartoschek erwartet Sie.«

Ich zuckte kurz zusammen, dann schoss ich von meinem Sitzpolster hoch, dass es schon ein wenig peinlich war. Wo kam die Frau so urplötzlich her? Eben hatte sie doch vertieft tippend an ihrem Platz gesessen. Und wer war Frau Bartoschek? Was wollte ich hier überhaupt nochmal? In meinem Kopf herrschte plötzlich gähnende Leere. Immerhin funktionierte aber der Rest von mir noch. Denn ich lief der Headset-Frau brav hinterher. Sie öffnete eine der weißen Türen und ließ mich eintreten. Es war ein mittelgroßes Büro, in dem zwei Schreibtische standen, auf denen, abgesehen von Telefon und Bildschirmen plus Tastatur, Berge von Papier lagen. Einer der Tische war verwaist, aber hinter dem anderen Papierberg konnte ich einen Kopf erkennen. Der Papierstoß wurde ordentlich zur Seite geschoben und der Kopf erhob sich. Er gehörte zu einer Frau, schätzungsweise Mitte vierzig. Sie war etwas kleiner als ich, hatte rötlich-lilafarbene Haare (ich glaube, die Tönungsfarbe wird »Pflaume« genannt), die sich in Locken bis über ihre Ohren kringelten.

»Hallo«, sagte sie und schüttelte mir die Hand, »mein Name ist Bartoschek. Herr Kalauer befindet sich momentan leider in einem wichtigen Termin.«

»Antonia Neuberg«, antwortete ich lahm und konnte meinen Blick kaum von der Pflaumenfarbe lösen. Die Farbe war derart intensiv, dass sie fast schon blendete. Hatte die gute Frau vergessen, die Tönung nach einer halben Stunde wieder auszuwaschen?

»Ja, ich bin informiert. Bitte setzen Sie sich doch.« Sie zeigte auf den freien Stuhl gegenüber ihrem Schreibtisch und nahm ebenfalls wieder Platz. Dann wühlte sie kurz in ihren Papierbergen und zog meine Bewerbungsmappe hervor. »Sie haben also Interesse, bei uns Team-Assistentin zu werden«, stellte sie nach einem kurzen Blick in die Mappe fest. Ich nickte. Bevor ich aber etwas antworten konnte, sprach sie schon weiter: »Und was, Ihrer Meinung nach, qualifiziert Sie für diesen Job?« Ihre Augen fixierten mich und ich hatte schon wieder einen Kloß im Hals. Ich schluckte ihn tapfer hinunter und setzte mein strahlendes Lächeln auf.

»Wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können«, ich deutete auf die Mappe und Frau Bartoschek zog die linke Augenbraue nach oben, »habe ich über einen längeren Zeitraum als Sekretärin gearbeitet. Büro- und Terminorganisation sind für mich ein Leichtes. Den Umgang mit Geschäftspartnern bin ich ebenfalls gewöhnt und ich bin flexibel, um auf die unterschiedlichen Wünsche einzugehen. Dies war niemals ein Problem.« Frau Bartoscheks zweite Augenbraue zog sich langsam ebenfalls nach oben und ich verstummte. Was zum Teufel gab ich da für einen Mist von mir? Ich hatte es schon versaut, bevor ich überhaupt eine Chance hatte. Dabei könnte ich mir wirklich vorstellen, hier zu arbeiten.

Frau Bartoschek warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, wandte sich dann wieder meinen Unterlagen zu und nickte. Sicherlich würde sie mir gleich die Hand schütteln und sagen: »Danke, aber wir können Sie leider nicht gebrauchen. Vielleicht sollten Sie zuerst einmal einen Kurs bei der Volkshochschule absolvieren und lernen, wie man sich bei einem Vorstellungsgespräch besser verkauft.«

Doch überraschenderweise lächelte sie mich an. »Gut, gut. Sie machen einen netten Eindruck auf mich und Ihr beruflicher Werdegang scheint alle Voraussetzungen zu erfüllen. Ihr Arbeitszeugnis könnte jedenfalls nicht besser ausfallen. Deshalb schlage ich vor, sofern natürlich auch Ihrerseits Interesse besteht, Sie fangen morgen probeweise bei uns an und alles Weitere wird sich nach, sagen wir, zwei Monaten Probezeit entscheiden. Bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht mehr Zeit aufbringen kann, aber ich habe noch einen wichtigen Termin. Außerdem bin ich sowieso der Meinung, dass Taten mehr als Worte aussagen. Also, sind Sie einverstanden?« Frau Pflaume, äh, Bartoschek stand bereits auf und kam um den Schreibtisch herum auf mich zu. Etwas perplex schüttelte ich ihr die Hand und hörte mich sagen: »Gerne. Einverstanden.«

»Sehr schön. Wir machen dann den Vertrag morgen Vormittag. Seien Sie pünktlich um zehn Uhr hier, alles andere klären wir dann morgen.« Damit schob sie mich lächelnd zur Tür hinaus.

Als sich die Tür hinter mir schloss und ich wieder in dem lindgrünen Foyer stand, musste ich erst einmal kurz blinzeln. Das war alles gewesen? So schnell bekam man hier einen Job? Nicht, dass ich nicht ausreichend Qualifikation dafür hätte, dachte ich jedenfalls, aber sollte ein Vorstellungsgespräch nicht mindestens dreißig Minuten oder länger dauern? Frau Bartoschek hatte mich nichts, aber auch überhaupt nichts weiter gefragt!

Das Telefon der Headset-Frau klingelte und riss mich aus meinen Gedanken. Ich stand noch immer vor der Bürotür und sollte wohl allmählich gehen. Nicht zuletzt, um zu verhindern, dass die Pflaume in mich hineinrannte auf dem Weg zu ihrem wichtigen Termin.

2

 

Als ich wieder nach Hause kam, war Paul bereits weg. Dafür lümmelte Mike, meine beste »Freundin«, auf dem Sofa herum und zog sich irgendeine Seifenoper rein. Nur um das klarzustellen, Mike ist ein Mann und durch und durch schwul. Wir kennen uns schon aus dem Sandkasten, und er weiß praktisch alles über mich und ich über ihn. Wir haben so manchen Liebeskummer mit Wodka und Eiscreme zusammen durchgestanden. Und er ist die beste Freundin, die man sich vorstellen kann, wenn man von seiner hypochondrischen Neigung einmal absieht.

»Hallo Mike, was machst du denn hier?«, fragte ich und schmiss meine Handtasche auf die Anrichte, während ich die Schuhe wegkickte.

»Hey meine Süße! Da bist du ja!« Wendig wie ein Gepard veränderte er augenblicklich seine Position, sodass er nun über der Sofalehne thronte und mich mit leuchtenden Augen ansah. »Na hör mal. Ich weiß doch, dass du heute dein Vorstellungsgespräch hattest. Also los, erzähl! Wie ist es gelaufen?«

Obwohl ich äußerst lässig versuchte, mit den Schultern zu zucken, konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen. Mikes Augen wurden sofort groß. Er kannte mich einfach zu gut!

»Nein, sag nichts. Du hast den Job, stimmt’s?« Und schon war er auf den Beinen und umarmte mich stürmisch.

Ich lachte. Als er mich endlich losließ und ich wieder Luft bekam, begann ich zu erzählen.

»Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass ich den Job bekomme, geschweige denn gleich heute eine Zusage«, beendete ich schließlich meinen Bericht.

»Du bist viel zu bescheiden! Warum sollten sie jemanden wie dich nicht nehmen? Die wären ja bescheuert, sich so eine Top-Arbeitskraft entgehen zu lassen.« Er bekräftigte seine Aussage mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Aber jetzt erzähl noch mal von dem Typen am Aufzug. Sah er wirklich so hervorragend aus? Mensch, warum hast du ihn dir dann nicht gleich geschnappt?«

Ich verdrehte die Augen. »Als ob das das Wichtigste an der Geschichte wäre. Aber um deine Frage zu beantworten: Abgesehen davon, dass er ein überheblicher Vollidiot ist und ich mir vorkam wie ein Reh im Scheinwerferlicht, als ich ihn erkannte? Weil es nicht meine Art ist, mich einfach jemanden an den Hals zu werfen, zumal ich keinen weiteren Mann in meinem Leben brauche!«

Mike schüttelte mit mitleidigem Blick den Kopf. »So bekommst du auch nie einen ab! Und was heißt hier einen weiteren Mann im Leben? Hab‘ ich irgendwelche attraktiven Männer verpasst?«

Ich seufzte. »Ich habe Paul und ich habe dich«, erklärte ich in einem Tonfall für Begriffsstutzige. »Glaub mir, das genügt vollkommen!«, schoss ich gleich noch nach. Jetzt war es an Mike, huldvoll zu seufzen. »Amen«, sagte er.

»Und was gibt’s bei dir Neues?« fragte ich, bemüht, das Thema zu wechseln.

Sofort verzog Mike das Gesicht zur Grimasse, drückte seine rechte Hand auf den Unterbauch und stöhnte: »Ach Toni, mir geht’s seit Tagen so komisch im Bauch herum. Ich glaube, der Blinddarm ist entzündet. Bestimmt muss er raus. Morgen habe ich einen Termin bei Marcus. Ich hoffe, dass der Blinddarm bis dahin nicht durchbricht!«

Ungläubig schaute ich auf Mike herunter, der jetzt jammervoll zusammengesunken am Sofa saß, und konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. »Du armer Kerl!«, sagte ich und klopfte ihm liebevoll auf die Schulter. Es war doch immer dasselbe mit ihm. Kaum war er von einer eingebildeten Krankheit geheilt, ereilte ihn die nächste. Seinen Hausarzt Dr. Marcus Nieselmeyer beglückte er mindestens einmal in der Woche. Die Telefonnummer der Praxis war auf der Schnellwahltaste in Mikes Handy gespeichert! Ein Glück für Mike, dass »Dr. Marcus« viel Humor hatte und gutmütig alle kommenden und gehenden Wehwehchen sozusagen mit »Geduld und Spucke« behandelte. Die beiden kannten sich inzwischen so gut, dass sie bereits beim »Du« waren und sich hin und wieder zum Squash trafen. Warum Mike sich ständig Krankheiten einbildete, konnte ich nicht genau sagen. Vielleicht brauchte er einfach die Aufmerksamkeit. Er war ein Einzelkind und seine Eltern waren fast immer mit ihrem Juweliergeschäft beschäftigt gewesen. Irgendwann hatte Mike wohl gemerkt, dass sie sich, wenn er krank war, mehr Zeit für ihn nahmen, und hatte begonnen, sich immer wieder ein anderes Zipperlein auszudenken. Inzwischen war er zwar längst erwachsen, aber es schien ihm ins Blut übergegangen zu sein und ich konnte ihn mir ohne seine ständigen Beschwerden gar nicht mehr vorstellen. Es gehörte zu ihm, wie seine blauen Augen, die blonden Haare und die gute Figur. Ja, er war optisch ein echter Frauenschwarm, und ich erntete nicht selten neidische Frauenblicke, wenn ich mit ihm unterwegs war. Zumal man ihm das Schwulsein nicht anmerkte. Okay, hin und wieder schon. Aber im Großen und Ganzen, wenn man es nicht wusste, würde erst einmal niemand darauf tippen. So ähnlich war es auch mit seinen hypochondrischen Anfällen. Er ging damit keinem auf die Nerven. Abgesehen von Dr. Marcus vielleicht. Manchmal hegte ich den leisen Verdacht, dass er deshalb so oft zu ihm ging, weil er sich nach wie vor nicht sicher war, ob der liebe Doktor möglicherweise ebenfalls Männer bevorzugte – wenn Sie verstehen, was ich meine. Jedenfalls kann man mit Mike durchaus stundenlang Zeit verbringen, ohne nur einmal etwas von schlimmen Schmerzen oder so zu hören. Es genügt ihm, wenn er ein bis zwei Mal am Tag eine kleine Schmerzenshymne von sich geben kann, dann liebevoll getätschelt wird wie ein Bernhardiner – und er ist glücklich.

»Soll ich dir einen Tee machen oder dich lieber gleich in die Notaufnahme fahren?« Manchmal konnte ich mir ein wenig Spott einfach nicht verkneifen. Aber das tat unserer Freundschaft keinen Abbruch. In dieser Hinsicht ähnelten wir fast einem alten Ehepaar.

Mike schnappte beleidigt nach Luft. »Mach dich nur lustig über mich! Du wirst schon sehen, wenn du übermorgen an meinem Grab stehst ... Dann bereust du zutiefst, nicht netter zu mir gewesen zu sein.«

»Du hast ja recht und es tut mir leid. Meinst du, ein Gläschen Sekt würde deiner Gesundheit vielleicht auch gut tun? Wir könnten rüber zu Paul fahren und mit ihm auf meinen neuen Job anstoßen. Was meinst du?«

 

Als wir wenig später im »Carmelito« ankamen, war es wie immer bis zum letzten Platz gefüllt. Kein Wunder, wer hier einen Tisch bekommen wollte, musste bereits Wochen vorher reservieren. Trotzdem versuchten immer wieder ein paar Mutige ihr Glück und kamen so vorbei. Ich hatte allerdings noch nie erlebt, dass sie bleiben konnten.

Gleich neben dem Eingang befand sich deshalb ein kleines Pult, hinter dem Carla, die Empfangsdame, stand und aufpasste, dass sich niemand hereinschmuggeln konnte. Ansonsten nahm sie Reservierungen entgegen und begleitete die Gäste zu ihren Tischen.

Der Vorteil für mich als Schwester des Inhabers war natürlich, dass ich immer hineinkam. Während Carla mit freundlicher Geduld wieder einmal einem Gast erklärte, dass er ohne Reservierung heute leider nicht hier essen könnte, winkte ich ihr über die Schulter des scheinbar ziemlich hartnäckigen Mannes kurz zu und schlängelte mich mit Mike vorbei. Prompt drehte sich der Mann um und zeigte entrüstet auf uns.

»Hey, die beiden gehen einfach durch!«, beschwerte er sich auch gleich, wieder an Carla gewandt.

Ich blieb stehen, und Mike lief fast in mich hinein. Das Letzte was ich wollte, war, meinetwegen einen Aufruhr im Restaurant zu verursachen. Die ersten Gäste schauten bereits zu uns herüber. Keine angenehme Situation für Carla. Ich spreche aus Erfahrung, da ich hin und wieder selbst hinter diesem Pult stehe.

»Sie haben hier aber eine seltsame Reservierungspolitik! Unsereins steht sich die Beine in den Bauch und andere können kommen, wie sie wollen! Wir sind Ihnen wohl nicht fein genug, was?«, wetterte er weiter. Sein Gesicht begann sich gefährlich rot zu verfärben. Er war mittelgroß, hatte eine fortgeschrittene Glatze, Schnauzer, ein rundes Gesicht und einen ebenso runden Bauch, den er hinter einem weißen Hemd mit Krawatte versteckte. Dazu trug er Jeans. Die Frau neben ihm war lang und schmal. Sie hatte hochtoupierte, rote Haare und ein grün-schwarz-gemustertes Stretchkleid an. Alles in allem machten die beiden auf mich einen durchschnittlichen Eindruck.

Carla holte tief Luft. »Aber nein. Bitte beruhigen Sie sich doch. Die junge Frau ist die Schwester des Inhabers.«

»Na und? Arbeitet sie hier in dem Laden? Ansonsten muss sie ebenso reservieren, wie wir anderen! Oder was meinst du dazu?«, fragte er mit Seitenblick auf seine Frau. Die zuckte nur kleinlaut mit den Schultern.

»Hin und wieder hilft sie aus. Möchten Sie nun einen Tisch für einen anderen Tag reservieren?«, fragte Carla bemüht höflich.

Er murmelte etwas vor sich hin, nickte dann aber. »Morgen um acht.«

Carla schüttelte bedauernd den Kopf. »Tut mir leid, aber wir sind die nächsten vier Wochen bereits ausgebucht.« Sie blätterte in ihrem Kalender. »Wie wäre es denn am Donnerstag, den …«

»Na, das ist ja wohl die Höhe! Woher soll ich denn heute wissen, ob ich an irgendeinem Donnerstag in vier oder fünf Wochen Hunger habe!« Sein Kopf wurde noch röter, wenn das überhaupt möglich war, und die Ader über seinem rechten Auge pochte heftig. Vielleicht sollte er den Krawattenknoten etwas lockern, bevor er hier vor allen Leuten noch umfiel. »Komm, wir gehen«, sagte er aber stattdessen und zog seine Frau wütend hinter sich zur Tür. »Saftladen!«, wetterte er noch, bevor sich die Tür hinter dem Paar schloss.

Perplex starrten wir ihnen nach. Während Carla erleichtert tief durchatmete, war Mike der Erste, der seine Sprache wiederfand.

»Na, das nenne ich ein Unterhaltungsprogramm. Titel: ›Aus dem Leben gegriffen‹!« Mit den Händen rollte er vor sich ein imaginäres Titelplakat auseinander. Carla und ich mussten lachen.

Als wir endlich an der Bar saßen und mit Sekt (auf Kosten des Hauses) auf meine neue berufliche Karriere anstießen, war der Vorfall schon fast wieder vergessen.

 

Am nächsten Morgen durchwühlte ich unter Zeitdruck und leicht verkatert den Kleiderschrank nach dem passenden Outfit für meinen ersten Arbeitstag. Es musste etwas Modisches sein, nicht zu elegant, aber doch mit dem gewissen Pep. Schließlich, nach weiteren zehn vergeudeten und zermürbenden Minuten, entschied ich mich für eine schlichte weiße Bluse, darüber einen schwarzen, kurzärmligen Longpullover mit weitem Rollkragen, dazu eine schwarze Jeans und als i-Tüpfelchen trug ich einen breiten schwarzen Gürtel über den Hüften und schwarze Stiefeletten mit 5-cm-Absatz. Perfekt für Mitte März. Leider hatte ich den Klimawandel nicht berücksichtigt, wie ich noch später am Tag feststellen sollte.

Diesmal ohne Parkplatz-raubende Zwischenfälle, stand ich pünktlich um zehn Uhr im ersten Stock vor dem Tresen der Headset-Frau und wartete darauf, dass sie endlich aufhörte zu telefonieren und zu mir aufblickte. Während ich so dastand, merkte ich, dass die zwei Tassen Kaffee, die ich mir (und meinem Kater) zu Hause noch gegönnt hatte, so langsam meinen Körper durchlaufen hatten. Unauffällig begann ich mich nach den Toiletten umzusehen, ohne mich von der Stelle zu bewegen. Doch bevor ich mein Ziel ausmachen konnte, ging eine Tür auf und Frau Pflaume eilte mir entgegen.

»Antonia, da bist du ja. Pünktlich auf die Minute. Das schätze ich.«

Ich lächelte etwas gezwungen und versuchte, meine Blase zu ignorieren.

»Ich hoffe doch, es ist in Ordnung für dich, wenn ich du sage. Bei uns in der Branche duzen sich eigentlich alle«, redete die Pflaume gleich weiter und schob mich dabei sanft zu ihrem Büro.

Dankbar ließ ich mich auf dem Stuhl nieder, auf dem ich schon gestern gesessen hatte. Der Druck in meiner Blase ließ leicht nach und ich atmete etwas auf.

»Gut, gut. Dann wollen wir mal sehen, was wir heute alles zu tun haben.« Sie ließ ihren Blick erst über ihren eigenen, dann über den anderen Schreibtisch im Raum schweifen, spitzte die Lippen, lächelte und zeigte mit ausladender Geste auf den zweiten Schreibtisch. »Ich würde sagen, hier wäre es an der Zeit, mal etwas Ordnung hineinzubringen. Findest du nicht?«

Ich begutachtete meinen neuen Arbeitsplatz. Die Papierstapel, die sich darauf türmten, glichen meines Erachtens dem Mount Everest. Ich war mir sicher, dass, wenn ich auf dem Stuhl dahinter erst einmal Platz genommen hatte, man eine Vermisstenanzeige für mich würde aufgeben müssen.

Ermunternd nickte mir die Pflaume zu. »Dann mal ran an die Arbeit.« Sie klatschte freudig in die Hände und bewegte sich bereits wieder auf die Tür zu. »Du hast ja Erfahrung mit Papierkrieg. Sieh dir einfach alles an und ordne es vorerst in verschiedene Haufen. Auf diese Weise bekommst du gleich einen Einblick, was wir hier alles so machen. Das meiste von dem Zeug ist irgendwelcher Schriftverkehr, der nur abgelegt werden muss. Aber einiges muss auch noch beantwortet werden.«

Und schon war sie wieder draußen und überließ mich meinem Schicksal. Immer noch stumm wie ein Fisch, begab ich mich vorsichtig an den neuen Arbeitsplatz. Ich fühlte mich vollkommen überrumpelt und mir fehlten schlicht die Worte. Die Pflaume war wie ein Hurrikan über mich hinweggefegt. Ein durchaus passender Vergleich, wie ich fand, denn ich war diejenige, die nun sozusagen hinter ihr aufräumen durfte. Wo sollte ich nur anfangen? Abgesehen davon drückte meine Blase weiterhin. Also beschloss ich, zuerst die entsprechenden Örtlichkeiten aufzusuchen.

Leider ging gerade in diesem Moment schwungvoll die Tür auf und die Pflaume kam mit zwei duftenden Tassen Kaffee hereingefegt. Eine stellte sie direkt vor mir, auf dem Gipfel des Mount Everest, ab. »Mit ein wenig Koffein geht die Arbeit doch gleich viel leichter«, zwinkerte sie mir zu.

»Danke«, lautete meine knappe Antwort, während meine Blase schon beim Anblick der Tasse noch heftiger drückte und mir mit Streik drohte.

Frau Pflaume sank auf ihren Stuhl und begann, genüsslich zu schlürfen. Für einen kurzen Moment schloss sie genießerisch die Augen. »Es geht doch nichts über Kaffee, um morgens fit zu werden.«

Meine Schenkel fest zusammengepresst, starrte ich perplex zu ihr hinüber. Um fit zu werden? Wenn sie noch nicht fit war, wie in aller Welt benahm sie sich erst, wenn die angestrebte Leistungsebene erreicht war? Wie Road Runner? Doch bevor ich diesen erschreckenden Gedanken weiterverfolgen konnte, klopfte es an der Tür und ein junger Mann mit Stoppelfrisur und rot gerahmter Brille steckte den Kopf herein. »Morgen, Gisela. Du wolltest mich sprechen?«

Die Pflaume war schon wieder auf den Beinen und nickte. »Genau!«, rief sie und zeigte auf mich. »Darf ich vorstellen, unsere neue Teamassistentin Antonia. Und das ist Uwe, unser IT-Genie. Er wird dich ins Programm einweisen. Schließlich sollst du ja etwas am Computer arbeiten können.«

»Hallo«, sagte ich und streckte ihm meine Hand vorsichtig entgegen, um nicht eine Lawine am Mount Everest auszulösen.

Seine Hand fühlte sich leicht feucht an und er grinste etwas verlegen. »Von mir aus könnten wir gleich anfangen. Ich habe momentan eh ein wenig Luft«, meinte er.

»Prima. Just in time! Dann mal los, ihr beiden.« Die Pflaume wedelte mit den Händen und bedeutete uns, aus ihrem Büro zu verschwinden. War die Frau hyperaktiv? Bisher hatte ich das nur von Kindern gehört. Ob es das Syndrom auch bei Erwachsenen gab? Und war sie gestern schon so gewesen? Oder hatte sie bereits fünf Red Bull intus? Ich stand auf und straffte die Schultern. Meine Blase quengelte. Na, wenigstens musste ich den Kaffee nicht trinken. Ob ich Uwe gleich mal nach den Toiletten ausfragen konnte? Oder schickte sich das für die erste Bekanntschaft nicht? Schließlich wollte ich an meinem ersten Tag nichts falsch machen und mich nur positiv präsentieren. Doch inzwischen wurde mir vor lauter Anstrengung schon leicht warm. Der etwas dickere Pulli trug dazu noch bei.

 

Während ich hinter Uwe durch verschiedene Gänge trippelte, suchte ich alle Türen nach dem Hinweis »WC« ab und rang gleichzeitig mit mir, die für mich in diesem Moment alles entscheidende Frage zu stellen. Warum fiel mir das nur so schwer? Es war schließlich ein rein menschliches Grundbedürfnis! Aber manchmal bin ich eben einfach etwas verklemmt. Als wir fast Uwes Büro erreicht hatten, war ich vollkommen orientierungslos. Uwe drehte sich zu mir um und sah meinen wirren Blick.

»Keine Sorge. Im Laufe der Zeit findest du dich in den Haufen von Gängen und Büros schon zurecht«, versuchte er mich zu beruhigen.

»Glaube ich auch«, gab ich bemüht locker zur Antwort. Plötzlich ging eine Tür auf und mehrere Krawattenträger stürmten in den Gang und trennten mich von Uwe. Im gleichen Moment sah ich die Tür, die mir Erlösung versprach. »Ich bin …, ich muss …«, rief ich schnell und hatte schon die Klinke in der Hand. Im Laufschritt eilte ich in die erstbeste Kabine. »Aaaahhhh!«, entfuhr es mir ungewollt. Das war Rettung in letzter Sekunde!

»Na, na!«, kam die prompte Antwort von einer eindeutigen männlichen Stimme jenseits der Kabinentür. »Alles in Ordnung da drin?«

Noch leicht benebelt und etwas verwirrt starrte ich auf die weiße Tür direkt vor mir. Was war los? Meinte der mich? Ich räusperte mich und quiekte: »Alles okay.«

Vorsichtig öffnete ich die Tür und ging zum Waschbecken. Einer der Krawattenträger beugte sich gerade über selbiges und wusch sich die Hände. Verdammt, war ich etwa im Herrenklo gelandet? Na ja, auch egal. In der Not frisst der Teufel eben Fliegen. Etwas verlegen wartete ich in gebührendem Abstand. Als er sich aufrichtete und mich durch den Spiegel musterte, war ich mir sicher, dass ein Teufelchen tatsächlich seine Finger im Spiel hatte. Der Krawattenträger war niemand anderer als der gutaussehende »Volltrottel von Parkplatzdieb.« Aus der Nähe betrachtet sah er sogar noch besser aus.

Doch anstatt den Raum zu verlassen, machte er lediglich am Waschbecken Platz und lehnte sich zu mir gewandt an den Waschtisch links daneben. Wer war er? Gehörte er etwa zum Team von »star-event«? So wie er aussah bestimmt zur Führungsriege, wenn er nicht sogar der »Oberboss« war. Na, mein erster Arbeitstag fing ja super an. Erst hatte ich ihn als Volltrottel beschimpft (und bei meinem Glück hatte er es mit Sicherheit gehört!) und nun traf ich ihn im Herrenklo. Besser ging’s ja wohl nicht. Das kalte Wasser lief über meine Hände und kühlte mein auf Hochtouren arbeitendes Gehirn etwas herunter. Sein Blick schien mich regelrecht zu durchbohren.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich nervös.

Amüsiert betrachtete er mich eine gefühlt endlos weitere Minute. »Sind Sie allein?«, fragte er schließlich.

Ich blickte ihn fragend an. »Wie bitte?«

Lässig nickte er Richtung Kabinentür. »So, wie Sie gestöhnt haben …« Den restlichen Satz ließ er in der Luft hängen.

Verwirrt zogen sich meine Augenbrauen zusammen und dann kapierte ich, was er andeuten wollte. Entsetzt schnappte ich nach Luft. Doch in dem Moment, in dem ich meinen Mund aufmachte, um eine empörte Antwort von mir zu geben, öffnete sich die Tür zum Gang und Uwe steckte seinen Kopf herein.

»Ach, hier bist du! Ich hab‘ dich schon überall gesucht. Du warst auf einmal weg! Du weißt aber, dass du hier falsch bist? Die Damentoilette ist eine Tür weiter«, sagte er und trat grinsend ein.

»Danke, das habe ich inzwischen auch bemerkt.«

Uwe nickte dem Mann zu meiner Linken zu.

»Tja, dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag«, sagte dieser, zwinkerte mir zu und verschwand.

 

Ich trocknete meine Hände ab und fragte ganz nebenbei: »Wer war das?«

Uwe hielt bereits die Tür auf. »Ach das ist der Leiter der Marketing- und Vertriebsabteilung unseres Ticketveranstalters. Tom Neuburg.« Und damit ging er voraus und führte mich endlich in sein Büro, während ich über Tom nachdachte und zu dem Schluss kam, dass Tom ein schöner Name war und zu ihm passte. Allerdings wusste ich noch immer nicht, ob er nun zu »star-event« gehörte oder nicht. Dazu fehlte mir schlicht das Wissen über die Betriebsstrukturen.

»So, da wären wir. Willkommen in meinem Reich«, präsentierte Uwe mir stolz sein Büro mit einer ausladenden Handbewegung. Allerdings konnte ich nichts Außergewöhnliches an diesem Raum feststellen. Ein eingebauter Büroschrank zog sich über die gesamte Innenwand des Raums. Zwei große Fenster ließen es hell, aber auch etwas trist erscheinen. Denn abgesehen von zwei Schreibtischen, drei Bildschirmen, vier unterschiedlichen Druckern und einem stattlichen Kopierer befanden sich lediglich etliche Papierhaufen im Zimmer. Keine Pflanzen, keine persönlichen Gegenstände oder etwas anderes Farbenfrohes waren zu sehen.

Uwe grinste mich schief an und rückte seine Brille zurecht. »Ich will ja nicht prahlen, aber ohne mich, und Aaron natürlich, wäre der Laden aufgeschmissen.« Er zeigte auf den zweiten Schreibtisch. »Aaron lernst du auch bald kennen. Der hat im Moment Urlaub. Hier bei uns laufen alle Daten im Haus zusammen. Wenn die weg wären, könnte »star-event« zumachen. Letzten Monat ist das Computer-System abgestürzt. Die Datensicherung davor war drei Stunden her. Allein die Daten, die in der verlorenen Zeit eingegeben wurden und weg waren, verursachten eine halbe Katastrophe.«

Interessant. Ich nickte anerkennend, fast ehrfürchtig. »Und was ist ein Ticketveranstalter?«, platzte es schließlich aus mir heraus, obwohl das mit Uwes Vortrag überhaupt nichts zu tun hatte.

Uwe rückte einen zweiten Bürostuhl an seinen Schreibtisch. »Was?«, fragte er verwirrt. »Ach so. Wir sind ein Konzertveranstalter und planen und organisieren Konzerte und Tourneen. Und dann gibt es den Ticketveranstalter. Der kümmert sich nur darum, die verschiedenen Tickets unter die Leute zu bringen. Übers Internet, Vorverkaufsstellen und so weiter. Und diese Ticketveranstalter sind auch oft an erfolgreichen Konzertveranstaltungsfirmen beteiligt. Wie in unserem Fall. Tom ist Marketing- und Vertriebsleiter der Ticketing- und Eventveranstaltungs-goFun-AG. Die halten bei »star-event« eine Mehrheitsbeteiligung und Tom ist in der Regel einen Tag in der Woche bei uns, um alles Mögliche mit Kalauer zu regeln.«

»Dann ist Tom also einer von den hohen Tieren hier?«, hakte ich nochmal nach.

Uwe nickte. »Kann man so sagen. Aber Tom ist in Ordnung. Mit ihm kommt eigentlich jeder klar. Zum Glück ist er wieder da! Er war für ein Jahr in England für goFun tätig gewesen. Du hättest mal den Typ sehen sollen, der in der Zwischenzeit seinen Job hier übernommen hatte. Ich sage nur: aufgeblasen und Höhenflug … Wir haben uns alle gefreut, dass der endlich wieder weg ist.«

»Das ist wohl noch nicht so lange her?«, grinste ich, Uwes Reaktion nach zu schließen.

»Nein, erst letzte Woche kam Tom wieder.« Er zwinkerte mir zu. »Also auch ein Neuer, so wie du. Jedenfalls was das Gebäude betrifft. Als er ging, waren wir noch im alten Haus. Hier sind wir erst seit einem guten halben Jahr.«

3

 

Den restlichen Vormittag verbrachten wir vor dem Computer. Uwe war voll in seinem Element und mir schwirrte der Kopf. Bis zur Mittagspause hatte ich mir drei Seiten Notizen erarbeitet. Und am Nachmittag durfte ich mich mit der Ablage vergnügen. Nachdem ich den »Mount Everest« so gut ich konnte in lauter kleine Häufchen aufgeteilt hatte, machte ich mich auf die Suche nach der Registratur. Vier Gänge und fünf falsche Türen später hatte ich mein Ziel erreicht. Die Registratur befand sich in einem kleinen Zimmerchen zur Außenseite des Gebäudes hin. Sie platzte förmlich aus allen Nähten, zumal durch das große Fenster definitiv ein Stellplatz für ein weiteres Regal fehlte. Die Nachmittagssonne schien erbarmungslos herein und heizte den kleinen Raum zum wahrhaftigen Brutkessel auf. Als Erstes versuchte ich das Fenster zu kippen. Leider war es abgeschlossen, und so blieb mir nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu fügen. Bereits nach wenigen Minuten schwitzte ich wie ein Hund, und vor mir lagen noch gefühlte hundert Ordner, in denen ich wühlen musste. Warum nur hatte ich mich heute früh für dieses Outfit entschieden?

Ich zupfte an meinem Pullunder, und als ich gerade unter meinen Achseln schnüffelte, ob mein Deo hielt, was es versprach, ging die Tür auf und Tom stand plötzlich vor mir.

»Sie schon wieder«, sagte er und schaute seelenruhig zu, wie ich irritiert meinen Arm sinken ließ.

Warum nur tauchte dieser Mann immer in den unpassendsten Momenten auf? Ich hatte in meinem Kämmerchen mit keinem Besuch gerechnet. Und schon gar nicht von »ihm«.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich wie schon zuvor am Herrenklo. Wahrscheinlich dachte er, ich sei eine von denen, die nicht bis drei zählen konnten, bei dem beschränkten Wortschatz, den ich in seiner Gegenwart einsetzte. Aber mehr fiel mir leider im Moment nicht ein.

»Langsam habe ich das Gefühl, als gäbe es in diesem Haus nur eine Mitarbeiterin, und das sind Sie.«

Ich zuckte betont gelassen mit den Schultern.

Süffisant lächelnd ging er einen Schritt auf mich zu. »Heiß hier drin«, bemerkte er.

Das hatte ich auch schon festgestellt. Ob ich die Situation von vorhin klarstellen sollte? Aber sicherlich war es besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Die Zusammentreffen mit ihm waren sowieso schon peinlich genug für mich. »Suchen Sie hier irgendetwas Bestimmtes?«, brachte ich endlich heraus.

»Ach so. Nein, ich habe mich einfach nur in der Tür geirrt.«

Ich lächelte ihn an. »Verstehe, davon gibt es hier wirklich mehr als genug.«

»Aber ich muss zugeben, die Treffen mit Ihnen sind eine erfrischende Abwechslung vom restlichen Tag.«

Was meinte er jetzt damit? Hier in diesem Raum war überhaupt nichts erfrischend. Schon gar nicht ich! Flirtete er etwa mit mir?

»Übrigens, ich bin Tom. Tom Neuburg«, stellte er sich vor und schüttelte meine Hand. Sein Händedruck war angenehm fest und die Härchen in meinem Nacken richteten sich leicht auf. »Und Sie sind …?«, fragte er weiter.

Ich versuchte, meine Nackenhärchen zu ignorieren. »Antonia. Mein Name ist Antonia Neuberg.«

»Ach? Was für ein Zufall, dass wir fast denselben Nachnamen haben«, stellte er fest und schaute mir tief in die Augen. Oder bildete ich mir das nur ein? Doch bevor ich darüber nachdenken konnte, steckte ein weiterer, mir bisher unbekannter Krawattenträger den Kopf herein. »Tom, da bist du ja! Wir warten schon auf dich. Herr Kalauer und Frau Bartoschek sind ganz unruhig, weil du verschwunden bist.«

»Dann bis zum nächsten Mal, Antonia.« Er nickte mir entschuldigend zu und verschwand, nicht ohne mir in letzter Sekunde noch kurz zuzuzwinkern. Als ich wieder allein war, sank ich auf den nächstbesten Stapel, der herumlag und eine halbwegs vernünftige Sitzposition bot. Meine Beine fühlten sich wie Wackelpudding an und mein Kopf schien zu explodieren. Ich schnappte mir einen Briefbogen und fächerte mir Luft zu. Warum fühlte ich mich so durch den Wind? Wegen Tom? Nein. Bestimmt war es einfach nur dieser schrecklich warme Raum. Wer würde sich hier nicht wie ein Grillhähnchen fühlen?

 

Durchgeschwitzt und total erschöpft kam ich am Abend zu Hause an. Ich ließ mich auf das Sofa fallen und schloss die Augen. Irgendwie hatte ich mir den Job anders vorgestellt. Aufregender und interessanter! Andererseits – was hatte ich erwartet? Dass ich gleich irgendwelche Promis bezirzen würde? Als Neue war man doch immer erst einmal der Handlanger. Und wenn ich ehrlich war, hätte man mich tatsächlich sofort auf eine größere Sache angesetzt, ich hätte Blut und Wasser geschwitzt, so ganz ohne Ahnung! Wobei, geschwitzt hatte ich für heute trotzdem genug!

Ich musste wohl eingedöst sein, denn als das Telefon klingelte, fiel ich vor Schreck fast vom Sofa. Noch leicht benebelt suchte ich nach dem blöden Mobilteil. Dass Paul es auch nie an einen Platz legte, an dem man es finden konnte. Schließlich fand ich es zwischen drei dreckigen Tassen an der Spüle.

»Neuberg«, meldete ich mich.

Es entstand eine kurze Pause, doch gerade, als ich wieder auflegen wollte, sagte eine schrille, eindeutig weibliche Stimme: »Wer sind Sie denn?«

Ich seufzte leise und schloss kurz die Augen, um mein Repertoire im Geiste durchzugehen. Dass eine Frau hier anrief und so empört fragte, wer ich bin, konnte nur bedeuten, dass es sich um eine von Pauls »ungewollten« Bekanntschaften handelte. Lag ihm etwas an seiner neuen Flamme, bekam sie seine Handynummer. Wollte er sie loswerden, gab er ihr grundsätzlich nur die Festnetznummer, in dem beruhigenden Glauben, ich würde sie schon abwimmeln. Ich hielt es ebenso. Allerdings, wie bereits erwähnt, bewegten sich meine Männerbekanntschaften in sehr geringem Rahmen. Während es bei Tom hin und wieder durchaus vorkam, dass er den Überblick verlor.

»Wer sind Sie?«, fragte die schrille Stimme nochmal zur Bekräftigung am anderen Ende der Leitung. »Und wo ist Paul?«

Ich seufzte nochmals tief und dieses Mal gut hörbar. »Ich bin Pauls Frau. Hat er Ihnen nicht gesagt, dass er verheiratet ist? »

»Waaaas?!«, kreischte sie, und ich hatte das Gefühl, mein Trommelfell würde gleich platzen.

»Tut mir leid, so ist es. Aber machen Sie sich nichts daraus. Das kommt leider öfters vor. Der Arme leidet unter Gedächtnisschwund und vergisst immer wieder, dass er verheiratet ist«, sagte ich mit mitleidiger Stimme.

»Sie wollen mich doch verarschen!«

»Ich weiß, wie sich das anhört. Aber es stimmt. Der arme Paul hatte im letzten Jahr einen schweren Autounfall und seitdem leidet er an temporärer Amnesie.«

»Aber, aber …,« stammelte die Frau, dann legte sie einfach auf.

 

Grinsend legte ich den Hörer beiseite. Jede Wette, dass das wieder so ein aufgetakeltes Blondchen war, auf die Paul pausenlos abfuhr. Wann würde er endlich die EINE finden? Und plötzlich schoss mir der Gedanke durch den Kopf. Was, wenn sie das eben am Telefon war? Die EINE für meinen Bruder! Und er bemerkte es überhaupt nicht, wie Männer nun einmal sein können? Und ich wäre dann diejenige, die ihm noch half, sie abzuwimmeln! Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Das waren wieder einmal Gewissensbisse – ohne Zweifel. Warum half ich ihm auch jedes Mal bei seinen Weibergeschichten? Selbst schuld. Na, solange sich mein Gewissen noch meldete, war wohl doch nicht alles verloren, oder? Vielleicht sollte ich wieder einmal zur Kirche gehen und meine Sünden beichten. Aber diesen Gedanken hatte ich bisher weitgehend zur Seite geschoben. Der arme Pfarrer würde bestimmt ohnmächtig zusammensinken, wenn er all die Geschichten hören müsste, die Paul und ich schon auf der Suche nach dem anderen Geschlecht durchgezogen hatten. Nein, das konnte ich dem armen Mann einfach nicht zumuten!

Glücklicherweise hatte ich nicht weiter Gelegenheit, über mich, meinen Bruder und diesbezügliche Skrupel nachzudenken, denn es klingelte an der Tür und Mike kam wie ein Wirbelwind hereingefegt.

»Toni, zum Glück bist du zu Hause. Ich habe tolle Neuigkeiten!«, plapperte Mike aufgeregt und drückte mir links und rechts ein Küsschen auf die Wange. »Stell dir vor, ich war heute bei Dr. Marcus!«

Na, was für eine Neuigkeit. War er nicht inzwischen schon fast täglich dort? Aber ich behielt meinen Kommentar lieber für mich.

»Na, du weißt schon. Weil ich mich doch gestern nicht so gut gefühlt habe. Wegen des Blinddarms und so. Er meinte aber zum Glück, dass es nichts Ernstes ist. Vielleicht habe ich nur zu viel Sauerkraut gegessen. Hm. Na ja, jedenfalls haben wir uns dann noch ein wenig unterhalten und er hat mich nach der Computermesse gefragt, die übernächste Woche hier in der Stadt ist. Und ich habe ihm erzählt, dass wir über die Firma Eintrittskarten bekommen haben. Und so führte eins zum anderen und jetzt gehen wir zusammen hin. Was sagst du?« Er strahlte mich an wie ein Honigkuchenpferd.

»Super! Glückwunsch!«

»Ach Toni! Dass ich das noch erleben darf! Mein erstes Date mit Dr. Marcus! Was soll ich bloß anziehen? Du musst unbedingt mit mir shoppen gehen!«

Aufgeregt zupfte er zuerst an seinem Ärmel, dann an meinem.

»Aber doch nicht jetzt gleich, oder?«, fragte ich entsetzt. Das Letzte, was mir heute noch fehlte, war eine Mike-Shopping-Tour. Aus Erfahrung wusste ich, dass es sich hierbei nur um Stunden handeln konnte und man (also ich) jede Menge Geduld mitbringen musste. Ich warf einen heimlichen Blick auf die Uhr und stellte erleichtert fest, dass es bereits kurz vor acht war, fast Ladenschluss.

»Du wieder!«, lächelte Mike kopfschüttelnd. »Wie wäre es aber gleich morgen?«

»Ich weiß nicht. Keine Ahnung, wie lange ich arbeiten werde. Ist ja alles noch neu«, gab ich zu bedenken. Denn wenn sich Mike einmal einen Shopping-Termin in den Kopf gesetzt hatte, konnte er ziemlich nervig und ungemütlich werden, sollte aus welchen Gründen auch immer etwas dazwischenkommen. Sogar der Tod seiner Tante Frida hatte ihn damals nicht abhalten können, sich die neue angesagte Lederjacke zu holen, auf die er so scharf gewesen war. Nicht einmal, als ihm seine Mutter deshalb den Kopf gewaschen und gemeint hatte, dass es doch im Moment wahrlich Wichtigeres geben würde. Doch Mikes Antwort hatte gelautet: »Aber wenn ich mir diese schwarze Lederjacke nicht kaufe, habe ich zur Beerdigung nichts anzuziehen.« Und war von dannen gezogen.

»Aber das Date ist schon nächste Woche!«, protestierte er sofort.

»Keine Panik. Was hältst du vom Samstag? Ich glaube nicht, dass ich da arbeiten muss. Wir könnten shoppen gehen und irgendwo schön mittagessen.«

Strahlend umarmte er mich. »Abgemacht.« Dann schob er mich ein Stück von sich und sah mir direkt in die Augen. »Süße, ich will ja nicht unhöflich sein, aber du hast auch schon mal besser gerochen.«

»Wenn du wie ein Hähnchen gegrillt worden wärst, würdest du ebenfalls so duften«, gab ich unwirsch zurück und verzog mich schmollend in die Dusche. Hoffentlich hatte ich am Nachmittag, als Tom hereingekommen war, nicht schon so gemieft, schoss es mir augenblicklich durch den Kopf. Womöglich sollte ich mir am Samstag sogar selbst etwas Neues zum Anziehen gönnen. Etwas weniger Warmes! Jetzt, wo ich in der Welt der Stars und Sternchen angekommen war.

 

Leider war die Welt der Stars meilenweit von mir entfernt, wie ich in den nächsten Tagen desillusioniert feststellen konnte. Nicht einmal Sternchen waren an meinem Horizont zu erkennen. Denn alles, womit ich mich beschäftigen durfte, waren Berge von Papier. Entweder man fand mich in der Registratur bei der Ablage oder vor dem Computer an Aarons vorübergehend freiem Arbeitsplatz. Hier gab ich den lieben langen Tag Zahlen, Fakten und Termine irgendwelcher Künstler oder Festivals ein. Wenn man es überhaupt so sehen wollte, war das schon der nähest mögliche Bezug zur Glimmerwelt. Aber ich war ja auch eigentlich nur auf der Suche nach einem neuen Job gewesen, der mir Spaß machte. Die »Stars« waren reiner Zufall. Und ich kämpfte mich voran. So konnte ich am Ende der Woche schon einige Erfolge vorweisen. Die Berge waren sichtlich geschrumpft und die Pflaume nickte mir anerkennend zu, als sie mir Freitagmittag zufällig über den Weg lief. »Ich glaube, mit dir haben wir einen Glücksgriff gemacht«, lobte sie mich und schenkte mir ein Lächeln. »Ich bin wirklich erstaunt, wie viel du schon geschafft hast.«

»Danke«, erwiderte ich verlegen und freute mich. Gelernt war eben gelernt und rationelles Arbeiten zählte schon immer zu meinen Stärken.

»Wenn du weiterhin so fix bist, sind wir die nächsten Tage tatsächlich mal auf dem Laufenden mit diesem …«, sie wiegte leicht mit dem Kopf und suchte nach den richtigen Worten, »… lästigen Kram.«

Wir lachten beide. »Wollen wir in die Cafeteria gehen und uns ein Sandwich holen?«, frage sie.

»Ja, gerne. Bisher habe ich die Mittagspause mit Uwe in seinem Büro verbracht und ihm geholfen, sofern ich konnte, weil er ohne Aaron ziemlich viel zu tun hat.«

»Dann wird es aber Zeit, dass du mal etwas anderes siehst«, meinte sie aufmunternd und ging voraus zum Aufzug.

 

Die Cafeteria befand sich im Erdgeschoss. Ein Raum gleich gegenüber dem Empfang. Ich winkte Frau Schuller im Vorbeilaufen zu und betrat hinter der Pflaume den hellen, fast durchgehend verglasten Raum. Die linke Seite zur Straße bestand aus einer Fensterfront mit leicht getönten Scheiben. Eine große Glastür führte nach draußen auf eine schöne begrünte Terrasse. Der übrige Raum war, wie das restliche Gebäude, in Weiß gehalten mit lindgrünen Farbtupfen, die sich in der Buffettheke, einem breiten Streifen an der Wand und durch die lindgrünen Stühle wiederfanden. Überall standen weiße, runde Tische mit einer dekorativen, modernen, kantigen Blumenvase und einer weißen Tulpe. An der rechten Seite befand sich das Buffet mit einer Auswahl an frischem Obst, Salaten und verschiedenen Sandwiches sowie unterschiedliche Flaschen mit Wasser und Säften. Etwas weiter hinten stand eine Kaffeemaschine für Kaffee, Latte macchiato oder Cappuccino. Es gab alles, was das Herz begehrte, für das hippe Gesundheitsbewusstsein, das in der Glimmerwelt unumgänglich war, um die Topfigur zu erhalten. Und in der Tat sah ich nur junge, dünne und dynamische Menschen um mich herum. Einzige Ausnahme war die Pflaume, Frau Bartoschek, die sowohl mit ihrem Alter als auch mit ihren Rundungen aus dem Rahmen fiel. Ich hatte jedoch nicht den Eindruck, dass sie das störte. Beherzt nahm sie ein Tablett und lud sich zwei Sandwiches darauf. Eines mit Käse und Schinken, eines mit Salami und Rucola. Ich selbst entschied mich für eins mit Tomaten und Mozzarella, dazu eine Flasche Wasser. Lecker! Nachdem wir unser Essen bei der netten Dame bezahlt hatten, steuerte die Pflaume auf einen Tisch mit drei jungen Frauen zu.

»Hallo, ihr Lieben. Ich möchte euch gerne Antonia vorstellen. Sie gehört seit dieser Woche zu unserem Team«, sagte sie und stellte ihr Tablett neben das einer zierlichen, rothaarigen Frau mit moderner Bobfrisur (hinten kürzer, vorne etwas länger) ab. Nachdem sie sich gesetzt hatte, zeigte sie auf ihre Nachbarin: »Das ist Alina, das Ellen und dies Sofie. Alle drei sind in der Ticketing-Abteilung.«

»Hallo. Freut mich«, sagte ich und setzte mich ebenfalls. Die drei lächelten mich freundlich an und nickten. Dann führten sie ihr Gespräch fort. Ich schätzte sie auf Mitte zwanzig. Alina war zierlich und rothaarig, Ellen hatte blonde, glatte lange Haare und Sofie trug ihre braunen als freche, ausgefranste Kurzhaarfrisur. Jede hatte ein flippiges T-Shirt an und, soweit ich erkennen konnte, verwaschene Jeans. Unauffällig blickte ich an mir hinunter. Mit meinem Jeansrock und dem schwarzen Carmen-Shirt konnte ich halbwegs mithalten. Das klingelnde Handy der Pflaume riss mich aus meinen Gedanken. Nach ein paar knappen Sätzen ins Telefon schlang sie den Rest ihres Sandwiches hinunter und verabschiedete sich. »Tut mir leid, aber ich werde gebraucht«, meinte sie und weg war sie. Ich aß genüsslich weiter und hörte den anderen halb zu, während ich den Ausblick auf die Terrasse genoss. Sie unterhielten sich über irgendetwas Berufliches.

»Habt ihr Tom schon gesehen?«, fragte eine die anderen plötzlich, und aus undefinierbaren Gründen war meine Aufmerksamkeit dem Gespräch zugewandt.

»Ja«, seufzte Alina.

»Er sieht immer noch so gut aus wie früher«, schwärmte Sofie.

»Quatsch, fast noch besser! Hast du den leichten grauen Haaransatz bemerkt? Ich finde, das macht einen Mann erst so richtig sexy.«

»Aber, ist er nicht jetzt verheiratet?«, fragte Sofie.

»Hm. Leider!« Das war Ellen, die das sagte. Sie zog die Lippen zu einem Schmollmund.

»Ich würde nur zu gerne wissen, wie seine Frau aussieht. Sie soll ja Engländerin sein«, steuerte Sofie wieder bei.

»Die sieht bestimmt top aus. Oder meinst du, jemand wie Tom gibt sich mit einer grauen Maus ab?«

Wieder sah ich heimlich an mir herab und verschluckte mich dabei fast am Mozzarella. Ich trank einen Schluck Wasser, um den Aufruhr in meinem Inneren etwas abzuschwächen. Diese Ausstrahlung hatte Tom also nicht nur auf mich. Scheinbar zog er, ähnlich wie Paul, sämtliche Frauen in einem Umkreis von mehreren Kilometern an. Die drei warfen mir einen kurzen Blick zu. Anscheinend hatten sie völlig vergessen, dass ich mit am Tisch saß.

»Alles in Ordnung?«, frage Alina.

»Ich hab‘ mich nur verschluckt«, wehrte ich ab und deutete auf die Wasserflasche.

»Das ist die Kohlensäure«, erklärte Ellen, »deshalb trinke ich nur stilles Wasser. Soll übrigens besser für die Haut sein.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich hab’s gern spritzig.«

»Ich auch«, meinte Sofie und prostete mir mit ihrem Glas zu.

Wir unterhielten uns noch ein wenig über dies und das, dann gingen wir wieder an die Arbeit.

 

4

 

Der Duft von Kaffee strömte in meine Nase. Müde öffnete ich langsam die Augen. Mike stand freudestrahlend neben meinem Bett, in der einen Hand eine Tasse mit frischem Kaffee, mit der anderen wedelte er den Duft zu mir herüber. Ich schloss wieder die Augen und kuschelte mich tiefer in mein Bett.

»Aufstehen, Prinzessin!«, flötete Mike.

»Wie spät ist es?«, brummte ich unwillig.

»Punkt acht Uhr! Wenn du dich noch frisch machen willst, musst du jetzt aus den Federn hüpfen. Sonst kommen wir zu spät, wenn die Läden um neun öffnen.«

»Hm!« Ich verdrehte die Augen, was Mike nicht sehen konnte, da ich sie weiterhin geschlossen hatte.

»Auf, auf!«, trötete er und schob mir die Kaffeetasse weiter unter die Nase. Ich spielte kurz mit dem Gedanken, ihn mit dem heißen Gebräu zu übergießen, um damit zum Ausdruck zu bringen, was ich von seiner Idee hielt, verkniff es mir dann jedoch. Es half sowieso nichts. So war er eben. Der einzige Mensch, den ich kannte, der pünktlich zur Ladenöffnungszeit kommen musste. Als ob es die Verkäuferinnen interessierte, ob er etwas früher oder später kam.

»Na los«, bettelte er, »ich hab‘ dir extra schon Kaffee gemacht.«