Was Ehrgeiz anrichten kann … - Patricia Vandenberg - E-Book

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Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Oh, Tatjana, dieses Kleid ist ein Traum!«, entfuhr es Désirée Norden, jüngste Tochter des Allgemeinarztes Dr. Daniel Norden und von allen liebevoll nur Dési genannt. Verzückt drehte sie sich vor dem Spiegel und beobachtete, wie der Rock des Kleides ihren schwungvollen Bewegungen folgte und sich schließlich sanft um ihre schlanken Mädchenbeine schmiegte. »Willst du mir das wirklich für die Aufführung leihen?« Unglaube stand Dési ins Gesicht geschrieben, als sie sich zur Freundin ihres ältesten Bruders umdrehte. »Natürlich, warum denn nicht?«, lachte die sehbehinderte Frau übermütig. Trotz ihrer jungen Jahre hatte Tatjana Bohde schon einige Schicksalsschläge wie den Unfalltod ihrer Mutter und ihre eigene Erblindung hinnehmen müssen. Das erklärte auch ihre unbändige Lust aufs Leben, das sie nur selten nicht auf die leichte Schulter nahm, ohne jedoch oberflächlich oder gar leichtsinnig zu sein. Eine ganz besondere Energie umgab sie wie eine Aura und ließ auch ihre Umgebung erstrahlen. So wie jetzt, als sie das, was sie von ihrer jungen Freundin erkennen konnte, zufrieden betrachtete. »Warum sollte ich es dir nicht leihen? Ich glaube kaum, dass ich Danny nach seiner Schulterverletzung so schnell wieder zum Tanzen überreden kann. Deshalb hängt es bei mir sowieso im Schrank«, erklärte sie und dachte dabei an die Zerrung, die er sich vor ein paar Wochen bei einer Hebefigur zugezogen hatte. »Der soll sich mal nicht so haben«, kommentierte Dési das Verhalten ihres ältesten Bruders herablassend. Sie stand immer noch vor dem Spiegel ihres Kleiderschranks und konnte die Augen nicht von dem pfirsichfarbenen Kleid mit dem engen Oberteil und dem weit schwingenden Rock mit Spitzeneinsätzen lösen. Fast zärtlich strich sie über den seidenweichen Stoff.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden – 77 –Was Ehrgeiz anrichten kann …

Patricia Vandenberg

»Oh, Tatjana, dieses Kleid ist ein Traum!«, entfuhr es Désirée Norden, jüngste Tochter des Allgemeinarztes Dr. Daniel Norden und von allen liebevoll nur Dési genannt. Verzückt drehte sie sich vor dem Spiegel und beobachtete, wie der Rock des Kleides ihren schwungvollen Bewegungen folgte und sich schließlich sanft um ihre schlanken Mädchenbeine schmiegte. »Willst du mir das wirklich für die Aufführung leihen?« Unglaube stand Dési ins Gesicht geschrieben, als sie sich zur Freundin ihres ältesten Bruders umdrehte.

»Natürlich, warum denn nicht?«, lachte die sehbehinderte Frau übermütig.

Trotz ihrer jungen Jahre hatte Tatjana Bohde schon einige Schicksalsschläge wie den Unfalltod ihrer Mutter und ihre eigene Erblindung hinnehmen müssen. Das erklärte auch ihre unbändige Lust aufs Leben, das sie nur selten nicht auf die leichte Schulter nahm, ohne jedoch oberflächlich oder gar leichtsinnig zu sein. Eine ganz besondere Energie umgab sie wie eine Aura und ließ auch ihre Umgebung erstrahlen. So wie jetzt, als sie das, was sie von ihrer jungen Freundin erkennen konnte, zufrieden betrachtete.

»Warum sollte ich es dir nicht leihen? Ich glaube kaum, dass ich Danny nach seiner Schulterverletzung so schnell wieder zum Tanzen überreden kann. Deshalb hängt es bei mir sowieso im Schrank«, erklärte sie und dachte dabei an die Zerrung, die er sich vor ein paar Wochen bei einer Hebefigur zugezogen hatte.

»Der soll sich mal nicht so haben«, kommentierte Dési das Verhalten ihres ältesten Bruders herablassend.

Sie stand immer noch vor dem Spiegel ihres Kleiderschranks und konnte die Augen nicht von dem pfirsichfarbenen Kleid mit dem engen Oberteil und dem weit schwingenden Rock mit Spitzeneinsätzen lösen. Fast zärtlich strich sie über den seidenweichen Stoff. »Wahrscheinlich ist Danny nur eifersüchtig auf die anderen Männer und führt dich deshalb nicht zum Tanzen aus. In diesem Kleid siehst du bestimmt aus wie eine Göttin.«

»Ach was!« Tatjana winkte verlegen und mit leicht geröteten Wangen ab. Dabei wusste sie selbst gut genug, dass Dési recht hatte, selbst wenn ihr diese Tatsache ganz und gar nicht wichtig war. »Im Umgang mit Männern solltest du dir eines merken: Schönheit genügt, um ins Auge zu fallen. Aber man braucht Charakter, um im Gedächtnis zu bleiben.« Tatjana griff nach dem leichten, breiten Schal, der auf dem Bett lag, und drapierte ihn fast liebevoll um Désis schmale Schultern. »Das gilt übrigens für beide Geschlechter. Gib dich niemals mit einer schönen Hülle zufrieden. Viel wichtiger ist der Inhalt.« Als sie ihr Werk beendet hatte, trat sie einen Schritt zurück und lächelte. »Fertig. So kannst du zu deiner Vorführung gehen.«

»Du kommst doch auch, oder?«, fragte Dési hoffungsvoll, als der Ruf ihrer Mutter durchs Haus hallte.

*

Felicitas rief zum Abendessen, und eiliges Fußgetrappel zeugte von der hungrigen Meute, die nur auf dieses Signal gewartet zu haben schien. Nachdem Tatjana versichert hatte, sich Désis Aufführung auf keinen Fall entgehen zu lassen, machten auch sie sich auf den Weg nach unten. Dési hingegen tauschte nur noch schnell das schöne Kleid gegen Jeans und Shirt. Dann gesellte auch sie sich zu ihrer Familie, die sich bereits um den liebevoll gedeckten Tisch im Esszimmer versammelt hatte. Auch ihr zweitältester Bruder Felix war schon da und wie fast immer zu Scherzen aufgelegt.

»Mein Körper besteht zu 60 Prozent aus Müdigkeit. Der Rest ist Hunger«, bemerkte er. Einer spontanen Eingebung folgend machte er einen theatralischen Kniefall vor der Haushälterin. Er griff nach Lennis Hand und drückte einen schmatzenden Kuss darauf. »Du rettest wieder einmal mein Leben, tapfere Maid. Wie kann ich dir nur dafür danken?« Er schickte ihr einen schmachtenden Augenaufschlag, und Lenni lachte belustigt auf.

»Indem du dich auf deine vier Buchstaben setzt und die Suppe isst, bevor sie kalt ist«, erwiderte sie pragmatisch und nicht bereit, sich von seinem Charme einlullen zu lassen. »Sonst muss ich sie nämlich nochmal warm machen. Und darauf habe ich keine Lust.«

Felix stöhnte verzweifelt auf und schleppte sich auf seinen Stuhl, während seine Familie belustigt lachte.

»Was ist nur mit den Frauen heutzutage los? Selbst das schönste Kompliment vermag sie nicht mehr zu beeindrucken.«

»Im Laufe ihres langen Lebens hat Lenni wahrscheinlich gelernt, dass Taten mehr zählen als Worte«, hatte Fee eine Antwort auf diese Frage.

»Versuch’s doch mal mit einem romantischen Walzer«, bemerkte Daniel Norden amüsiert. Er hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und genoss die erheiternde Entspannung, die ihm nur sein geliebtes Familienleben bieten konnte.

»Oder wie wär’s mit einem rassigen Tango?«, machte Anneka einen weiteren übermütigen Vorschlag, den Lenni mit einem entsetzen Aufschrei quittierte.

»Wenn euch euer Essen lieb ist, solltet ihr mich mit solchen Anschlägen auf meine Gesundheit verschonen.« Sie hatte das verräterische Blitzen in Felix‘ Augen gesehen und verschwand aus dem Esszimmer, bevor er auf die Idee kommen konnte, einen dieser Vorschläge in die Tat umzusetzen.

»Dieses Risiko können wir natürlich nicht eingehen«, bemerkte Tatjana und hielt Danny – er hielt die Schöpfkelle in der Hand und verteilte die heiße Tomatencremesuppe auf die Teller seiner Lieben – ihren Teller hin. Ihr herausfordernder Blick ruhte auf ihrem Freund, dem Übles schwante. »Aber wir beide könnten ohne Weiteres wieder einmal das Tanzbein schwingen, findest du nicht?« Über den Tisch hinweg blinzelte sie Dési zu, die zufrieden den Daumen der rechten Hand in die Luft reckte.

Die Schülerin verstand ohnehin nicht, dass es Menschen gab, die ihre Begeisterung für dieses Hobby nicht teilten. Sich in den Armen eines Partners zu Musik zu bewegen, das gehörte für sie zu den schönsten Dingen der Welt.

»Nachdem du eh nicht kochen kannst, ist das Risiko für mich relativ gering«, fügte Tatjana frech grinsend hinzu und griff nach der Schüssel mit den knusprigen, hausgemachten Croutons, die Lenni zur Tomatensuppe reichte.

»Du hast das Verletzungsrisiko vergessen«, spielte Danny auf seine Zerrung an und hoffte, Tatjana auf diese Weise von ihrer Idee abzubringen.

Doch er hatte die Rechnung ohne seine unternehmungslustige Freundin gemacht.

»Nachdem ich nicht vorhabe, dich als sterbenden Schwan über meinem Kopf schweben zu lassen, kann ich dieses Risiko getrost vergessen«, gab sie zurück. »Ich schlage vor, dass wir uns zur Einstimmung Désis Vorführung ansehen. Dann haben wir die richtige Inspiration, um ordentlich loszulegen.«

Danny Norden zog es vor, nicht auf diesen Vorschlag einzugehen. Er gab sich den Anschein, ganz vertieft in den Genuss seiner köstlichen Suppe zu sein in der Hoffnung, Tatjana auf diese Weise von ihrem Vorhaben abzulenken.

Diese Gelegenheit nutzte Felicitas, um sich an ihren Mann zu wenden.

»Du schaffst es doch morgen zu Désis Aufführung, oder?«, erkundigte sie sich und verzierte nebenbei ihre Suppe mit einem Klecks saurer Sahne. Diese Frage war nicht ganz unberechtigt. In letzter Zeit ging es in der Praxis hoch her, und die Patienten gaben sich die Klinke in die Hand. Zu allem Überfluss stand auch noch die jährliche Qualitätssicherung an, eine Maßnahme, die sich Daniel Norden freiwillig verordnet hatte. Das Wohl und die Zufriedenheit seiner Patienten gingen ihm über alles und waren jede zusätzliche Mühe wert. Auch wenn manchmal die Familie dafür etwas zurückstecken musste.

»Um wie viel Uhr geht es los?«, fragte der engagierte Arzt zwischen zwei Löffeln Suppe.

»Um sechs Uhr im Saal des Bayerischen Hofs«, kam Dési ihrer Mutter aufgeregt mit einer Antwort zuvor.

Schon jetzt fiel es ihr schwer, ruhig auf dem Stuhl zu sitzen.

Nachdenklich wiegte Daniel den Kopf.

»Ich werde alles tun, um die Praxis pünktlich zu verlassen. Aber bitte sei nicht böse, wenn ich ein paar Minuten zu spät komme«, bat er vorsichtshalber um Verständnis.

Wie nicht anders erwartet, lächelte ihn seine jüngste Tochter engelsgleich an.

»Natürlich nicht«, versicherte Dési innig. »Aber kommen musst du schon. Ohne dich ist der Abend nur halb so schön.«

»Hört, hört«, feixte Felix angesichts dieser Worte. »Was führt dieses raffinierte Weibsbild im Schilde? Spekulierst du auf eine Taschengelderhöhung? Einen eigenen Fernseher im Zimmer?«

Désis beleidigter Blick traf den jungen Mann, während sich Daniel von der Liebeserklärung verzaubern ließ. Während seine Familie lachte und scherzte, lehnte er sich zurück und ließ den Blick über die Köpfe seiner Lieben wandern, sich seines Glückes wohl bewusst. In diesen Momenten war er dem Schicksal besonders dankbar und kostete sie jedes Mal bis zur Neige aus.

*

Es war schon hell im Zimmer, als der Wecker klingelte. Trotzdem nahm Janine Merck keine Notiz davon. Verschlafen und mit geschlossenen Augen streckte sie den Arm aus und kuschelte sich an den Mann, der mit bloßem Oberkörper in ihrem Bett lag und ebenfalls tief und fest zu schlafen schien. Unerbittlich klingelte der Wecker weiter. Erst nach und nach drang das lästige Geräusch durch Janines benebelte Sinne und verjagte auch noch die letzten Reste des schönen Traums, den sie in den starken Armen des Tennisstars Johannes Keppler geträumt hatte.

»Machst du mal den Wecker aus?«, bat sie ihn, ohne sich auch nur einen Millimeter aus seiner Umarmung zu bewegen.

»Hmmm«, stimmte Johannes zu.

Mit geschlossenen Augen streckte er die Hand nach dem Quälgeist aus und stellte das schrille Klingeln ab.

»Puh, ein Glück.« Zufrieden räkelte sich Janine und rollte sich dann wieder auf die Seite, um die muskulöse Brust neben sich mit kleinen Küssen zu bedecken. Nur der lästige, kleine Gedanke in ihrem Hinterkopf hinderte sie daran, sich ganz und gar fallen zu lassen. »Wie spät ist es denn?«, stellte sie schließlich die alles entscheidende Frage.

»Moment. Ich schau nach«, bot Johannes mit rauer Stimme an. Er hob den Kopf und küsste Janines duftendes Haar, ehe er die Augen öffnete und einen Blick auf den Wecker warf, den er wieder auf das Nachtkästchen gestellt hatte. »Halb neun.«

Es dauerte einen Augenblick, bis diese schreckliche Botschaft in Janines Bewusstsein vorgedrungen war. Einen Moment lang blieb sie noch ruhig liegen. Dann fuhr sie wie von der Tarantel gestochen hoch.

»Wie bitte?« Sie schnappte nach Luft und starrte Johannes entgeistert an. »So ein Mist. Die Sprechstunde hat vor einer halben Stunde angefangen.« Vergessen war die Leidenschaft, und sie sprang aus dem Bett, um ins Bad zu stürzen.

Jetzt war auch Johannes endgültig wach geworden. Seufzend setzte er sich auf und stopfte sich das Kissen in den Rücken. So konnte er seine neue Freundin wenigstens durch die halb geöffnete Badezimmertür beobachten. Er sah ihr dabei zu, wie sie das Schlafshirt über den Kopf zog, betrachtete ihre vollendeten Brüste und ihren schlanken Körper. Dieser verführerische Anblick brachte ihn augenblicklich auf dumme Gedanken, und ungeachtet Janines Eile stand er auch auf, um ihr unter die Dusche zu folgen.

»Ist hier noch ein Platz frei?«, fragte er heiser.

Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er den durchsichtigen Duschvorhang zur Seite und kletterte zu ihr in die Wanne.

»Ich versteh nicht, dass Wendy mich nicht angerufen hat.« Im ersten Moment nahm Janine keine Notiz von seinem appetitlichen Anblick. Das heiße Wasser lief ihr übers Gesicht, und sie hielt den Kopf nach hinten. »Jetzt komme ich mindestens eine Stunde zu spät.« Mit geschlossenen Augen tastet sie nach der Shampooflasche, als sie spürte, wie Johannes‘ zärtliche Hände über ihren nackten Rücken glitten. »Bitte, mein Liebster, das geht jetzt nicht. Ich muss unbedingt in die Arbeit. Die Praxis quillt momentan über vor Patienten, und nicht nur die Ärzte haben alle Hände voll zu tun.«

»Och, warum bist du immer so furchtbar vernünftig«, fragte Johannes enttäuscht und ließ zu Janines grenzenloser Erleichterung von ihr ab. Sie wusch sich die Haare, brauste sich ab und stieg schnell aus der Dusche, ehe ihre Widerstandskraft erlahmte.

»Weil ich ein pflichtbewusster Mensch bin. Genau wie du es auch wärest, wenn du nicht deinen Trainer rausgeworfen und deine Mannschaft verlassen hättest«, erinnerte sie Johannes an die unabänderlichen Tatsachen.

Natürlich hatte sie vollkommen recht, auch wenn es nicht gerade das war, was er in diesem Augenblick hören wollte. Er ließ einen Klecks Duschgel in die Handfläche fallen und schäumte seinen Körper ein.

»Stimmt schon!« Um das Rauschen zu übertönen, musste er lauter sprechen. Schließlich stellte er das Wasser ab und nahm dankend das Handtuch, das Janine ihm reichte.

Trotz der gebotenen Eile sah sie ihm sehnsüchtig dabei zu, wie er sich in den weichen Frotteestoff einwickelte.

»Ehrlich gesagt habe ich immer noch ein schlechtes Gewissen dir gegenüber«, gestand sie und streichelte versonnen über seine bloße Schulter. »Wegen mir bist du jetzt deinen Job los.«

»Unsinn.« Johannes nahm ihr schmales Gesicht in beide Hände und sah ihr tief in die Augen. »Ohne dich und deinen hartnäckigen Einsatz wäre ich heute wahrscheinlich tot. Du weißt so gut wie ich, dass dieses Mittel, das mir der Teamarzt untergejubelt hat, eine tickende Zeitbombe aus mir gemacht hat. Bei der kleinsten Anstrengung hätte ich jederzeit zusammenbrechen können.« Seine Stimme war zärtlich, und als er Janines feuchte Lippen sanft berührte, wäre sie um ein Haar schwach geworden.

Sie seufzte leise und löste sich dann mit Gewalt von ihm.

»Stimmt schon. Trotzdem …«, wollte sie widersprechen, als er ihr lächelnd den Zeigefinger auf die Lippen legte.

»Kein trotzdem«, mahnte er seine Freundin bestimmt. »Und jetzt ab mit dir zur Arbeit, bevor ich ein schlechtes Gewissen bekomme, weil ich dir nur Ärger mache. Dabei will ich dich doch glücklich sehen.«

Janine, die schon auf dem Weg ins Schlafzimmer war, drehte sich noch einmal um. Das Lächeln, das um ihre Lippen spielte, war überirdisch schön und zeugte von ihrem großen Glück.

»Das gelingt dir in jeder Minute, in der ich mit dir zusammen sein darf«, gestand sie leise, ehe sie sich von seinem Anblick losriss, um sich endlich fertig zu machen und in die Praxis zu fahren.

»Pass auf dich auf, mein Liebling«, bat Johannes beim Abschied und küsste sie noch einmal, diesmal aber nur links und rechts auf die Wange. »Und heute Abend gehen wir beide schön zusammen essen. Was hältst du davon?«

»Mit dir würde ich sogar in einem Ameisenhaufen Picknick machen«, lachte Janine übermütig und zog die Wohnungstür hinter sich zu.