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"Was geschieht im Gottesdienst?" Diese Frage stellt sich sowohl Gottesdienstbesucher*innen als auch denjenigen, die sie gestalten. Das Buch führt in die liturgischen Grundfragen ein. Es stellt traditionelle und neuere Gottesdienstformen gut verständlich vor und erklärt ihre theologischen Grundlagen. Dabei geht es um die Voraussetzungen des Gottesdienstes, den gottesdienstlichen Raum, das Kirchenjahr, die Dramaturgie sowie um die einzelnen Stücke des evangelischen Gottesdienstes in ihren Grundformen. Zentrale Aspekte wie Gebet, Abendmahl, Musik und Segen rücken in den Mittelpunkt. Auch wendet sich der Autor "anderen" Gottesdiensten zu – Kasualien, Gottesdiensten für bestimmte Zielgruppen und alternativen Gottesdiensten. Die Verbindung von Gottesdienst und Spiritualität, Gemeindeaufbau, Qualität, Inklusion und Theologie sowie 16 Anregungen für den Gottesdienst beschließen das Buch.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
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Jochen Arnold
Was geschiehtim Gottesdienst?
Zur theologischen Bedeutungdes Gottesdienstes und seiner Formen
Mit 3 Abbildungen und 2 Tabellen
3., überarbeitete und erweiterte Auflage
Vandenhoeck & Ruprecht
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,
Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: © Biewer_Jürgen / Adobe Stock
Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage |www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-647-99970-8
Inhalt
Einleitung
IGrundsätzliche theologische Überlegungen
1 Gottes Dienst – eine Betrachtung zur Menschenfreundlichkeit Gottes
2 Den Gottesdienst ins Gespräch bringen – Entdeckungen mit Lukas 24
3 Das dreifache Geschenk des dreieinigen Gottes
4 Die großen Themen der Menschen – damals und heute
5 Gesellschaftliche Milieus und ihre Bedeutung für den Gottesdienst
IIDie Voraussetzungen des Gottesdienstes
1 Der gottesdienstliche Raum
2 Das Kirchenjahr
3 Rollen, Ämter und Dienste im Gottesdienst
4 Zur dramaturgischen Struktur des evangelischen Gottesdienstes
IIIDie zentralen Elemente und Formen des evangelischen Gottesdienstes
1 Die wiederkehrenden Stücke nach Grundform I (Messe)
2 Das Gebet im Gottesdienst
3 Die biblischen Lesungen im Gottesdienst
4 Die Predigt im Gottesdienst – lebendiger Trialog
5 Theologie und Feier des Abendmahls
6 Musik (nicht nur) im Gottesdienst
7 Sendung und Segen
IVAndere Gottesdienste
1 Kasualien (Amtshandlungen)
2 Gottesdienste bei Gelegenheit und für bestimmte Zielgruppen
3 Alternative Gottesdienste
VDer Gottesdienst in der Mitte des christlichen Lebens
1 Gottesdienst und Spiritualität
2 Gottesdienst und Gemeindeentwicklung
3 Gottesdienst und Qualität – Was ist ein guter Gottesdienst?
4 Gottesdienst und Inklusion
5 Gottesdienst und Theologie
6 Sechzehn Anregungen für den Gottesdienst (16 Thesen)
Anhang
1 Elementares Kirchenjahr
2 Psalmen lebendig gestalten
3 Liste der Kernlieder nach dem Evangelischen Gesangbuch
Literatur
1Quellen
2 Weiterführende Literatur
Einleitung
Schon bald nach dem Erscheinen der ersten Auflage meiner Dissertation zur Theologie des Gottesdienstes im Jahr 2004 ist der Verlag Vandenhoeck & Ruprecht durch Herrn Jörg Persch mit der Bitte an mich herangetreten, doch einmal über eine Neubearbeitung des Themas nachzudenken, um es einem größeren Kreis von Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen. Ich gebe zu, dass ich gezögert habe, mich dieser Aufgabe zu stellen, da sie mir nicht nur viel Zeit forderte, sondern auch recht anspruchsvoll schien. Aber eigentlich kann man eine solche Frage nur positiv beantworten. Denn wenn wir über unseren Glauben und unsere Hoffnung Rechenschaft geben sollen (vgl. 1. Petr 3,15), dann geht es auf jeden Fall auch zentral um das Thema Gottesdienst.
In diesem Sinne möchte ich das vorliegende Buch verstehen: als eine Hilfe in liturgischen Grundfragen auskunftsfähig zu werden. Ich möchte dazu anregen, die theologischen Grundlagen sowie die traditionellen und aktuellen Formen des Gottesdienstes besser kennen zu lernen, um daraus einen eigenen Standpunkt zu entwickeln für eine existenzielle Theologie des Gottesdienstes. Mit anderen Worten: Ich möchte nicht nur ein Wissen über Liturgie vermitteln, sondern dazu anregen, den Gottesdienst als Mitte der Gemeinde und als Lebens- und Kraftquelle des Glaubens (wieder) zu entdecken.
Was geschieht im Gottesdienst? Auf den ersten Blick klingt diese Frage recht harmlos. Man könnte sie als Auftrag verstehen, das zu beschreiben, was in einem Gottesdienst der Reihe nach »dran ist«. Gewiss spielt dieser »agendarische« Aspekt auch eine Rolle. Aber neben der Außenschau (wer spricht/singt/spielt was wann?) gibt es auch eine Innenperspektive: Was berührt? Was vergewissert? Was rüttelt auf und ermutigt? Sehr schnell sind wir damit bei der aufregenden Frage nach dem Verhältnis menschlichen und göttlichen Handelns im Gottesdienst. Was können wir dazu tun, dass ein Gottesdienst gelingt, dass es ein »guter, schöner, ermutigender, einladender« etc. Gottesdienst wird? Was ist dabei Tun des Menschen und was ist uns als Werk Gottes schlechterdings unverfügbar?
Ich breche diese Überlegungen hier ab. Nicht weil sie es nicht wert wären, diskutiert zu werden, sondern weil sie als ein Querschnittsthema immer wieder in unseren Darlegungen auftauchen werden.
Neben der »Außen«- und »Innenseite« des Ereignisses Gottesdienst ist noch ein zweites Problem in unserer Frage enthalten, das momentan sowohl in der kirchlich-ökumenischen als auch in der wissenschaftlich-theologischen Debatte höchst kontrovers diskutiert wird. Kann man überhaupt von »dem Gottesdienst« sprechen? Oder müsste man sich nicht besser auf eine jeweilige Form oder Gestalt eines spezifischen Gottesdienstes (z. B. evangelische Messe; kath. Messe; göttliche Liturgie, Predigtgottesdienst, Taufgottesdienst, alternativer Gottesdienst usw.) beschränken, um etwas Genaueres sagen zu können?
Um es kurz zu machen: Wir wollen dieser Frage hier keinesfalls ausweichen, sondern vielmehr mutig behaupten, dass alle christlichen Gottesdienste ihrem Wesen nach verwandt und daher auch gemeinsam verhandelbar sind: Ob Familiengottesdienst mit dem Kindergarten oder Gospelgottesdienst, ob liturgische Feier im Stil der Messe oder ein schlichter Predigtgottesdienst, ob Thomasmesse, Nachteulengottesdienst oder Go special – solche Vielfalt ist charakteristisch für den evangelischen Gottesdienst. Aber gerade darin behaupten sich die zentralen Strukturmomente des Gottesdienstes, die schon der Evangelist Lukas für die frühchristliche Gemeinde herausgestellt hat: Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. (Apg 2,42)
Diese zentralen Elemente liturgischen Handelns verbinden uns – wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung – durchaus mit den Geschwistern in der Ökumene. Hier haben sich in den letzten Jahrzehnten zwei Grundeinsichten etabliert, die sich in knapper Form folgendermaßen darstellen lassen:
1. Jeder Gottesdienst ist durch ein dialogisches Wechselspiel geprägt, bei dem Gott sich uns gnädig mitteilt und wir uns ihm hörend und antwortend zuwenden. Sowohl katholische als auch evangelische Theologinnen und Theologen betonen dabei die sachliche Unumkehrbarkeit dieser beiden Aspekte: Zuerst handelt und redet Gott, daran hängt sich unser Glaube, der sich seinerseits in Klage und Lob, Bitte und Dank wieder an Gott wendet. Das ist das eine. Das Zweite schließt sich dem an, ja folgt notwendigerweise daraus:
2. Jeder Gottesdienst ist Angelegenheit der ganzen Gemeinde. »Gemeinde feiert Gottesdienst.« So beschreibt es das Evangelische Gottesdienstbuch mit seinem ersten Kriterium. Gottesdienst wird dort seinem Auftrag und seiner Verheißung gerecht, wo die Gemeinde nicht nur Zuschauerin ist, sondern sich aktiv mit Singen, Beten, ja sogar in der Verkündigung, einbringen kann. Das II. Vatikanische Konzil spricht daher von der »aktiven Teilnahme« (actuosa participatio) der Gemeinde innerhalb der Liturgie, was sich u. a. in der Verwendung der Volkssprache (anstelle des Lateinischen) bemerkbar macht. Wir wagen also, selbst wenn wir uns im Folgenden in der Regel auf evangelische Gottesdienste beziehen, das große Thema Gottesdienst auch ökumenisch zu bedenken, und vertreten damit die Überzeugung, dass sich der Gottesdienst nicht im konfessionellen Binnenraum, sondern nur in ökumenischer Weite beschreiben lässt und zwar als evangelischer, d. h. dem Evangelium von Jesus Christus gemäßer Gottesdienst.
Jochen Arnold, Januar 2010
I Grundsätzliche theologische Überlegungen
1Gottes Dienst – eine Betrachtung zur Menschenfreundlichkeit Gottes
Im Gegensatz etwa zu den benachbarten romanischen Sprachen (vgl. culte/culto, liturgie/liturgia) enthält das deutsche Wort Gottesdienst ein pointiertes theologisches Programm, das in zwei Richtungen entfaltet werden kann: Gott dient uns und wir dienen ihm. Gott verspricht uns seine Liebe, er wendet sich uns freundlich zu. Und wir lassen uns auf diese dienende Zuwendung ein, indem wir, so wie wir sind, mit allem, was uns bewegt und umtreibt, zusammenkommen und uns Gott öffnen. Martin Luther hat dieses zweifache Dienen im Sinne eines dialogischen Ereignisses verstanden und auf eine knappe Formel gebracht, die sich in vielen liturgischen Lehrbüchern und Artikeln findet:
Im Gottesdienst – so sagt er bei der Einweihung der Torgauer Schlosskirche 1544 – solle nichts anderes geschehen, als »dass unser lieber Herr mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden in Gebet und Lobgesang« (WA 49, 588). Das 2. Vatikanische Konzil hat diese Formulierung fast wörtlich aufgenommen. Dort heißt es: »In der Liturgie redet nämlich Gott zu seinem Volk. Christus verkündigt das Evangelium. Das Volk aber antwortet Gott mit Gesängen und Gebet.« (Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium 33) [»In Liturgia enim Deus ad populum suum loquitur; Christus adhuc Evangelium annuntiat. Populus vero Deo respondet tum cantibus tum oratione.«]
Damit ist der Gottesdienst als ein beziehungsreich-dialogisches Wort- und Klanggeschehen beschrieben, in dem sich eine Begegnung zwischen Gott und Mensch ereignet.
Der erste Teil dieser Beschreibung, dass Gott selbst durch sein Wort zu uns redet, lässt sich wiederum in einer doppelten Weise verstehen. Zunächst die Außenseite: Durch die Lesungen der Heiligen Schrift, durch deren Auslegung in der Predigt, durch die Austeilung des Abendmahls und den Zuspruch des Segens geschieht Gottes Wort. Dies ist gleichsam die objektive Seite des göttlichen Dienens. Gottes Geist ist durch menschliche Worte, Gesten und »Aktionen« hindurch am Werk. Dazu gehört auch eine Innenseite: Herzen werden berührt und Augen geöffnet, Glaube geweckt und gestärkt. Diese Erfahrung lässt sich empirisch nicht nachweisen, auch wenn viele Gottesdienstbesucherinnen sie bezeugen. Sie ist uns nicht verfügbar, sie geschieht, »wann und wo Gott es will« (vgl. Art. V der Augsburger Konfession: »ubi et quando visum est Deo«).
Dasselbe gilt für unseren Dienst: Die Tatsache, dass wir uns überhaupt versammeln und damit Gebot und Verheißung Jesu Christi folgen, ist äußerlich betrachtet der erste Schritt des Dienstes der Gemeinde vor Gott. Die Tatsache, dass wir hören und beten, singen und musizieren, klagen und loben, drückt das (dienende) Vertrauen auf den lebendigen Gott aus. Zugleich hoffen wir, dass mit diesem Dienst der versammelten Gemeinde auch Gottes Herz erreicht wird, ja Gottes Freude hervorgerufen wird.
In diesem Sinn sind auch die folgenden Ausführungen zu verstehen, mit denen wir Grundlinien einer Theologie des Gottesdienstes skizzieren wollen.
1.1Gott dient uns
Was heißt es, dass Gott uns dient? Werfen wir dazu zuerst einen Blick ins Neue Testament. Hier kommt der Begriff des göttlichen Dienens (griechisch: diakonein, leiturgein, latreuein) an einigen prominenten Stellen vor. Jesus sagt von sich selbst: Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene, und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele (Mk 10,45 vgl. Mt 20,28). Dienen (hier: diakonein) wird hier also mit der Selbsthingabe – von einem Opfer an Gott ist hier nicht die Rede! – Jesu an die Menschen in Verbindung gebracht, die Grundlage für unser Heil, ja für unsere Seligkeit ist. Die Wendung »für viele« ist höchstwahrscheinlich nicht exklusiv gemeint. Der Sinn ist nicht: »schon viele, aber einige nicht«. Vielmehr mein das griechische polloi inklusiv die unvorstellbar große Zahl aller Menschen, denen sich Gott in seiner Liebe zuwendet. Gott will das Heil für alle Menschen (vgl. 1. Tim 2,4), deshalb sendet er seinen Sohn in die Welt (vgl. Joh 3,16) Der Hebräerbrief (8,2) bezeichnet ihn daher als wahren Diener (leiturgos) am Heiligtum Gottes.
Dass Gott ein Dienender ist, heißt: Gott bückt sich zu uns herunter, redet uns an durch Worte, Lieder und Zeichen, Bilder und Räume. Er ist aber auch ansprechbar und hört uns zu. Wir haben im Gottesdienst Audienz beim Schöpfer, Erlöser und Vollender des Himmels und der Erde. Darum lautet auch eine geprägte liturgische Eröffnung so:
Liturg/in: Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn.
Gemeinde: Der Himmel und Erde gemacht hat.
Gottesdienst ist etwas Leibliches, nichts rein Geistiges. An Weihnachten hören wir folgenden Bibelvers in zahlreichen Gottesdiensten: Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. Was der Evangelist Johannes (Joh 1,14) von der göttlichen Offenbarung, der Menschwerdung Jesu schreibt, gilt auch für den christlichen Gottesdienst. Der menschenfreundliche Gott kommt leiblich zu uns. Er spricht durch fehlbare Menschen hindurch und ruft uns zu: Fürchte dich nicht! Ich bin für dich da. Diese Zusage ist reines Geschenk ohne Vorbedingung. Sie ist nicht an unser Tun oder an unsere Person gebunden. Damit löst Gott das Versprechen seiner Gegenwart ein, von der Jesus sagt: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18,20).
Christen sind der festen Überzeugung: Gott ist gegenwärtig, wo sein Wort verkündigt wird. Dies geschieht in vielen Formen. Schon mit dem Gruß wird etwas vom Wesen des dreieinigen Gottes mitgeteilt: »Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!«
In den alttestamentlichen Lesungen spricht Gott zu der hörenden Gemeinde von dem Weg, den er mit Israel gegangen ist, als er sein Volk aus der Gefangenschaft befreit hat. In der Lesung der Evangelien wird von der Sendung des Sohnes in die Welt erzählt, seinem Predigen, Heilen und Feiern, seinem Leiden, Sterben und Auferstehen; von einer Geschichte, die uns bis heute trägt. In der Predigt redet Gott mit uns über unser Leben und gibt unserem Handeln aktuelle Orientierung. Aber auch in den Sakramenten – die Theologen des 17. Jh. sprechen von Medien des Heils – Taufe und Abendmahl spricht Gott uns an und teilt uns seine bedingungslose Zuwendung mit. Wir sehen: Der dreieinige, uns in Jesus Christus gnädig zugewandte Gott ist durch seinen Heiligen Geist im Gottesdienst der Handelnde: Er predigt und tauft, lädt uns ein an seinen Tisch. Mit dem Wort »Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird« hören wir eine kraftvolle Zusage, die auch über die Grenze des Todes hinausreicht.
Doch auch Räume und Bilder, sinnliche Zeichen und Gesten können sprechen und verkündigen. In alten Kirchen sprechen ganze Bilderzyklen als »Armenbibel«, oft erzählen sie die Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt bis hin zur Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag. Eine prominente Rolle nimmt auch die Kirchenmusik ein. In alten Chorälen und neuen geistlichen Liedern, in Kantaten, Motetten oder Gospels hören wir die Freude und Gewissheit des Glaubens und singen uns diese gegenseitig zu.
Zu guter Letzt erfahren wir Gottes gütige Zuwendung im Segen. Wie ein ausgerollter Teppich begleitet uns diese gnädige Spur des allmächtigen und barmherzigen Gottes in den Alltag hinein, wenn wir uns wieder unserer Arbeit zuwenden.
Dass Gott uns dient, heißt für mich: Ich lasse mich berühren vom Morgenglanz der Ewigkeit: In einer äußerlich oft sehr schlichten Versammlung kann ich gemeinsam mit anderen Menschen Gott selbst begegnen. Hier wird etwas hörbar und greifbar, was zwar mit anderen Veranstaltungen wie einem Fest – da wird gegessen, Musik gehört und ggf. fröhlich getanzt –, einem wissenschaftlichen Vortrag, einer politischen Versammlung – da soll überzeugt werden! – oder einem Fußballspiel – da wird gefiebert und gefeiert – verwandt, letztlich aber nicht vergleichbar ist. Die Kraft des Evangeliums (vgl. Röm 1,16f) – nicht unser Ideenreichtum oder unsere tolle Performance! – bewirkt das Wunder, dass wir anders gehen als wir gekommen sind, dass wir gottesdienstlich verwandelt werden.
Immer wieder bin ich gefragt worden: Was macht einen christlichen Gottesdienst aus? Wann ist ein Gottesdienst gut? Kurz gesagt: Ein Gottesdienst ist dann gut, wenn er transportiert, dass Gott trotz allem Leid und aller Not in dieser Welt ein menschenfreundlicher, liebender, persönlich zugewandter Gott ist.
Christlicher Gottesdienst ist Darstellung und Mitteilung der Menschenfreundlichkeit des dreieinigen Gottes im Fest der versammelten Gemeinde.
So wie Gott in Christus eine radikale, zuweilen auch anstößige Menschenfreundlichkeit riskierte, so soll die Menschenfreundlichkeit Gottes auch in unseren Gottesdiensten aufleuchten.
Fragen wir uns deshalb: Geschieht in unseren Gottesdiensten eine Anrede auf Augenhöhe, wie Jesus sie praktiziert hat? Nicht klerikal oder dogmatisch von oben herab, sondern durch verständliche Worte in der Sprache heutiger Menschen, durch ansprechende Lieder und erlebbare Zeichen? Liebevoll und doch wahrhaftig? Ich denke dabei z. B. an dialogische Lesungen, die uns das Evangelium in großer Lebendigkeit mit unterschiedlichen Stimmen zu Gehör bringen; an eine gründlich vorbereitete Auslegung des biblischen Textes oder an eine fantasievolle Liedpredigt. Ich denke aber auch an eine der Einsetzung Jesu gemäße Abendmahlsfeier, in der wirklich Gemeinschaft mit Gott und untereinander erfahren werden kann; an eine liebevoll gestaltete Taufe, in der die Eltern und Paten gut einbezogen sind.
Oft sind es schon die kleinen Gesten, die das Eis brechen. Hier wäre viel zu sagen, über lieblose Abkündigungen, kalte Kirchen, pfeifende Lautsprecher, eisiges Neonlicht oder scheußliche Wandbehänge und vor allem über griesgrämiges Personal! All das hat mit praktizierter Kreuzesnachfolge nichts zu tun. Reden wir deshalb lieber über eine freundlich-zugewandte Begrüßung schon am Eingang, über schönen Blumenschmuck, gute Tontechnik und anmutige, bisweilen auch anstößige sakrale Kunst. Und natürlich über die Musik: So ist etwa das gesungene Fürchte dich nicht! eine unmittelbare Anrede, die Herzen bewegt und verändert. Wie ein roter Faden geht sie durch die ganze Bibel. Vom Chor oder von der Gemeinde gesungen bringt sie in uns das Entscheidende zum Klingen: Gott ist für dich da. Die Mitteilung der Menschenfreundlichkeit Gottes, die seine Zuwendung für unsere Gegenwart »übersetzt«, ist die zentrale Aufgabe im Blick auf die Gottesdienstgestaltung. Es geht darum, das Evangelium facettenreich unter die Leute zu bringen: in der Verkündigung des Wortes, der Feier der Sakramente und immer wieder auch im Lied, das Gottes Liebe und Wahrheit zum Klingen bringt.
1.2Wir dienen Gott
Doch kommen wir nun auch zur anderen Seite: Was könnte das meinen, dass wir Gott dienen? Können Menschen überhaupt dem ewigen Gott einen angemessenen Dienst tun? Geht es um die gehorsame Erfüllung einer verordneten Pflicht, vergleichbar mit der Ausführung eines angeordneten Befehls oder Beschlusses? Entscheidend ist auch hier der Beziehungsaspekt. Gottes Handeln bleibt nicht ohne Resonanz bei seinen Kindern, seine Liebe findet Widerhall, stößt auf echte Gegenliebe. Betrachten wir dazu wiederum den Dienst Jesu Christi, der in jeder Hinsicht Schlüssel für das Wesen menschlichen Gottesdienstes ist.
Jesus sucht immer wieder die Stille. Im Gebet redet er Gott vertrauensvoll als Abba (Papa) an, wie etwa im Vaterunser (vgl. Mt 6,9– 13 bzw. Röm 8,15). Aber er dient dem Vater auch in Situationen, die für ihn schwierig und schmerzlich sind: Jesus trinkt den bitteren Kelch des Leidens (vgl. Mt 26,39–42 par) in der Nacht des Verrats und der Verleugnung. Damit wird deutlich, dass Gottesdienst auch eine fordernde, unbequeme Seite hat, die nach Gehorsam fragt. Paulus bezeichnet die Sendung Jesu deshalb als »Entäußerung« (vgl. Phil 2,6).
Doch dies ist nur die eine Seite. Gott anzurufen und zu loben, erhebt uns auch, bringt uns in neue Sphären, ja lässt uns an Gottes Schönheit und Herrlichkeit teilhaben. Ein nochmaliger Blick in die Bibel eröffnet uns diese Spuren. Menschlicher Lobpreis Gottes ist immer Antwort auf ein göttliches Geschenk.
Beim Auszug aus Ägypten (2. Mose 12) heißt es: Ihr sollt sagen: Es ist das Passaopfer des Herrn, der an den Israeliten vorbeiging in Ägypten, als er die Ägypter schlug und unsere Häuser rettete. Und das ganze Volk betete ihn an.
Nach dem Durchzug durch das Schilfmeer und Gottes Rettung vor den Feinden stimmt Miriam mit Tanz und Trommeln ein Loblied an: Singet dem Herrn, denn er hat eine große Tat getan!
Lob und Dank haben ihren Ursprung im »richtigen Leben«, gerade in den durchlebten Krisen und Nöten, wird Gott immer wieder als ganz groß erfahren.
Paulus schreibt an einer zentralen Stelle des Römerbriefs (Röm 12,1): Mit unserem ganzen Leben sollen wir Gott »vernünftig« – d. h. dem einen Logos Jesus Christus gemäß – dienen (latreuein). Wir dürfen ein Tempel des heiligen Geistes sein (1. Kor 6,19). Damit bekommt der Gottesdienst der Christenheit eine große Weite: Er ist nicht beschränkt auf eine Stunde am Sonntagmorgen, sondern geschieht immer auch »im Alltag der Welt«, dann nämlich, wenn wir in Familie, Schule oder Beruf unseren Glauben bekennen oder uns für andere und diese Welt engagieren. Gottesdienst ist eine Lebenshaltung, ein ständiger Lobpreis Gottes in der Aufmerksamkeit und liebevollen Hinwendung zu unseren Mitmenschen. In Kol 3,17 heißt es dazu passend: Alles, was ihr tut, mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen Jesu Christi und preist Gott den Vater durch ihn.
In Apostelgeschichte 2,41–47, dem am häufigsten angeführten Text zum christlichen Gottesdienst, wird von der Ursprungssituation der Gemeinde erzählt und damit der Zusammenhang von Gottesdienst am Sonntag und im Alltag erhellt:
Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen. Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. … Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.
Wir sehen: Wir dienen Gott und den Menschen um uns her am besten mit der Haltung der Dankbarkeit, mit einem fröhlichen Gloria, Halleluja oder Sanctus auf den Lippen. Denn Gott will, dass sein Lichtglanz, seine Herrlichkeit und Ehre (lat. gloria) bei uns aufleuchtet und schon jetzt – als Vorschein der ewigen Herrlichkeit – durch unser Lieben und Loben etwas von seiner Schönheit zurückstrahlt.
Dies ist auch der Sinn des dritten (vierten) Gebotes zur Heiligung des Sabbats: Im Heidelberger Katechismus heißt es dazu (Frage 103):
»Was will Gott im vierten Gebot? Gott will […], dass das Predigtamt und die christliche Unterweisung erhalten bleiben und dass ich, besonders am Feiertag, zu der Gemeinde Gottes fleißig komme. Dort soll ich Gottes Wort lernen, die heiligen Sakramente gebrauchen, den Herrn öffentlich anrufen und in christlicher Nächstenliebe für Bedürftige spenden. […] So fange ich den ewigen Sabbat schon in diesem Leben an.«
Natürlich ist uns nicht immer zum Loben zumute: Persönliche oder familiäre Krisen, Arbeitslosigkeit oder Trennung, Krankheit, Krieg und Tod hinterlassen im persönlichen und öffentlichen Bereich unübersehbare Spuren: Spuren des Leids und der Not, der Schuld und des Zweifels. Wie können wir in solchen Situationen Gott angemessen dienen, ohne zu heucheln? Paulus kommt auf solche Erfahrungen in Röm 8 zu sprechen:
Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick seufzt und in Wehen liegt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die den Geist als Erstlingsgabe haben, sehnen uns nach der Kindschaft und warten auf die Erlösung des Leibes. […] Desgleichen hilft auch der Geist unserer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.
Dieser Vorbehalt ist wichtig und lässt uns »auf dem Boden der Tatsachen« bleiben: Auch mit unseren Zweifeln, mit unserer Klage und Ungewissheit können wir Gott dienen, indem wir uns versammeln, zu ihm hinwenden, also: mit ihm in Kontakt bleiben.
Versuchen wir diese Überlegungen in die liturgische Praxis hinein zu übersetzen: Der erste Schritt unseres Dienens besteht darin, dass wir uns die freundliche Zuwendung Gottes gefallen lassen und sie dankbar annehmen. Unsere erste Resonanz drückt sich darin aus, dass wir schlicht »Amen« sagen, Gottes Freundlichkeit annehmen, an uns wirken lassen. Von uns aus können wir das nicht. Vielmehr ist schon diese schlichte Zustimmung ein Werk des Heiligen Geistes, der »unserer Schwachheit aufhilft« (Röm 8,26).
Ein evangelischer Gottesdienst enthält aber auch viele aktive Elemente: Wir machen uns bewusst auf einen leiblichen und geistlichen Weg. Er kann mit einem Kyrie beginnen, das unsere Angewiesenheit auf Gottes Erbarmen ausdrückt, und immer wieder ins Gloria münden, das Dank und Anbetung umfasst. Gott dienen heißt daher, eingestimmt zu werden ins Gebet. Gemeinsam mit Israel sprechen wir den Psalter. Mit Jesus beten wir das Vaterunser, das an Formen des Psalters anschließt. Diesem väterlichen und mütterlichen Gott dürfen wir uns anvertrauen, wir dürfen ihm klagen, dass wir traurig sind, und ihm vorhalten, dass wir ihn vermissen. In den Fürbitten legen wir ihm die Not der Menschen dieser Erde ans Herz, danken ihm aber auch dafür, dass er bei uns ist und die Welt schön gemacht hat.
Ein Gottesdienst ist daher oft ein geistlicher Weg, der Veränderung bringt: ein Weg von Zweifel und Klage hin zu Trost und Ermutigung, aus der neue Dankbarkeit und Zuversicht geboren wird. Perspektiven der Freude und der Hoffnung öffnen sich. Gott selbst nimmt uns auf und verwandelt uns.
Wie das geschieht, können wir exemplarisch an einem österlichen Bibeltext ablesen.
2Den Gottesdienst ins Gespräch bringen – Entdeckungen mit Lukas 24
Für manche Autoren lässt Lukas 24 die seelsorglichen Qualitäten des auferstandenen Jesus durchscheinen, viele sehen darin aber auch einen programmatischen Text für den Gottesdienst mit den Stationen der Begegnung, der Schriftauslegung, der Mahlfeier und der Sendung. Fragen wir uns mit dieser Perikope, was uns für den Gottesdienst verheißen und aufgetragen ist.
13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Stunden entfernt; dessen Name ist Emmaus.
Zwei sind genug. Gottesdienst heißt: sich gemeinsam auf den Weg machen. Aufbrechen zu neuen, auch zu unbekannten Orten, auch in kleine vermeintlich unbedeutende Dörfer.
14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.
Miteinander reden. Hier geht es nicht um den Austausch von Belanglosigkeiten. Die beiden Jünger machen nicht einfach Smalltalk. Sie teilen sich mit, was sie wirklich umtreibt, was sie unbedingt angeht. Erzählen wir uns das? Geschichten mit Gott, die berühren, die auch etwas von uns preisgeben? Wagen wir auch zu sagen, wo wir Gott vermissen und woran wir leiden?
15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.
Jesus kommt dazu und geht mit. Er lässt die verzagten Jünger nicht allein, ja löst das Wort seiner Verheißung ein: Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen (Mt 18,20).
16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.
Damit müssen wir rechnen. »Gehaltene Augen« sind gleichsam der alltägliche, aber auch der »all-sonntägliche« Normalfall. Der »österliche Durchblick« ist uns nicht verfügbar.
17 Er aber sprach zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.
Jesus fragt nach. Er öffnet sich für die Not und die Fragen der Menschen. Deshalb können sie ihre Gefühle zeigen: Gefühle der Trauer und der Wut, der Enttäuschung und des Zweifels. Und Jesus hält mit ihnen gemeinsam inne. Wo in unseren Gottesdiensten geschieht das? Wo werden Menschen nach ihren Gefühlen gefragt? Wo gibt es Räume der Stille und Orte, spontan Gefühle auszudrücken?
18f Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? Und er sprach zu ihnen: Was denn?
Die beiden Männer fragen zurück. Wo gibt es im Gottesdienst einen Ort, an dem wir uns Fragen stellen lassen? Passiert das ausschließlich monologisch in der Predigt? Und falls nicht: Sind wir wirklich offen für die kleinen und großen Fragen der Menschen?
19 Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk.
Noch klingt Begeisterung in ihrer Stimme. Jesus, das war ein mächtiger Prophet in Wort und Tat. Er hat vorgelebt, wie das zusammengeht: das messianische Heilen und Helfen, Predigen und Beten. Nicht um dogmatische Richtigkeit geht es daher, wenn wir ihn verkündigen, sondern um das glaubwürdige Zeugnis, das unser Glauben und Lieben im Leben verbindet.
20 wie ihn die Hohenpriester und Oberen überantwortet haben zur Todesstrafe und gekreuzigt haben.
Wer von Jesus redet, kann und soll auch sein Leiden und Sterben nicht verschweigen. Zum Skandal des Kreuzes sollen wir uns bekennen, auch wenn manche das Kruzifix lieber durch ein anderes, »bekömmlicheres« Symbol ersetzen würden. Eine Zumutung ist das, aber auch eine unmittelbare Ermutigung für alle die, deren Leben von Leid, Schmerzen und Verfolgung geprägt ist. Ihnen gilt sein liebendes Hinschauen.
21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.
Wenn wir vom Tod Jesu reden, können wir auch die damit verbundene Hoffnung nicht verschweigen: die Hoffnung seiner Erhörung und Auferweckung und damit die Hoffnung, dass auch Israel erlöst wird. Deshalb soll unser Gottesdienst in Achtsamkeit gegenüber dem auserwählten jüdischen Volk geschehen (Kriterium 7 des Ev. Gottesdienstbuches, vgl. EGb, 18f).
22–24 Auch haben uns erschreckt etliche Frauen aus unserer Mitte; die sind früh beim Grab gewesen, haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. Und etliche unter uns gingen hin zum Grabe und fanden’s so wie die Frauen sagten, aber ihn sahen sie nicht.
Schrecken und Furcht treten nochmals ganz in den Vordergrund. Sie stehen der Hoffnung diametral gegenüber. Wie artikulieren wir unsere Angst im Gottesdienst, besonders im Gebet?
Der kleine Abschnitt atmet zugleich eine wunderbare Frische. Wir sind ganz in der Gegenwart des Geschehens. Von Ostern wird so erzählt, als wäre es gerade erst passiert. Lassen wir uns noch hineinziehen und begeistern von dem, was da geschehen ist und unser Leben fundamental verändert hat?
25–27 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben? Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war.
Der Auferstandene konfrontiert auch. Er streichelt nicht nur die Seele, sondern »wäscht den Jüngern den Kopf«. Haben wir dazu den Mut, wahrhaftig zueinander zu sein? Erspüren wir dafür aber auch den richtigen Zeitpunkt?
Dann folgt eine weitere Schlüsselstelle: Im Gottesdienst geht es auch darum, biblische Zusammenhänge aufzuzeigen, das Ziel der Geschichte Gottes zu entdecken. Gesetz, Propheten und Psalmen, sie alle weisen bereits auf Christus selbst hin und sollen deshalb in einem lebendigen Zusammenspiel zum Klingen kommen.
28f Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleib bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.
Wir dürfen und sollen ihn nötigen, ihn dringend um seine Nähe bitten, wenn es um uns dunkel wird, wenn die Einsamkeit uns anfällt, denn: Er lässt sich bitten! Er bleibt bei ihnen. Welch eine wunderbare Aussicht: Er kommt herein zu uns – in unsere Kirchenräume, in unsere Gottesdienste, in unsere Herzen.
30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.
Immer dichter wird die Szene. Aus der scheinbar zufälligen Begegnung wird ein intensives Gespräch über Gottes Geschichte mit den Menschen und ein gemeinsames Essen, Mahlgemeinschaft. Er bricht das Brot und dankt dem Vater. In einem alltäglich schlichten, persönlichen Mahl zeigt und offenbart sich der Auferstandene seinen Jüngern. Er setzt damit fort, was er zu seinen »Lebzeiten« begonnen hat.
Welche Erwartungen haben wir an unser Abendmahl? Bitten wir um seine Gegenwart, lassen wir uns beschenken durch die Gemeinschaft mit Christus, danken wir Gott dafür?
31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn.
Augen und Herzen tun sich auf. Jeder noch so gut geplante
und inszenierte Gottesdienst schafft das nicht durch menschliche Anstrengung. Es ist und bleibt Gottes Sache, dass wir berührt und verwandelt werden.
Und er verschwand vor ihnen.
Auch das gehört zur Wahrheit dieser Geschichte. Christus ist und bleibt uns nicht verfügbar. So gewiss er gegenwärtig ist unter Wort und Sakrament, so wenig können wir seine gnädige Gegenwart festhalten.
32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege, als er uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde und gingen zurück nach Jerusalem …
Welch eine Freude ist es, einander mitzuteilen, was wir in der Begegnung mit Jesus erfahren haben. Ich wünsche mir Gottesdienste, aus denen Menschen mit brennenden Herzen und leuchtenden Augen hinausgehen und anderen davon weitersagen. Gottesdienst und christliches Zeugnis gehören untrennbar zusammen!
3Das dreifache Geschenk des dreieinigen Gottes
Am Anfang eines jeden Gottesdienstes steht der Name des dreieinigen Gottes. Das Votum Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes erinnert uns an unsere Taufe und verspricht Gottes Gegenwart für eine Versammlung, die Menschen zwar vorbereiten und feiern, aber zuerst und zuletzt doch Gottes Sache ist.
Im Gottesdienst vergegenwärtigt sich der drei-eine Gott. Zeit und Ewigkeit berühren sich, Gottes Geschichte wird immer wieder neu mit unserer Lebensgeschichte verknüpft und »versprochen«. Wir finden einen Ort zum Aufatmen und Loslassen, lassen uns anstecken von der Freude über den Sieg Jesu und bekommen neue Orientierung für unser Leben. Wir lassen uns be-geist-ern und dazu animieren, unseren Glauben in den verschiedensten Zusammenhängen dieser Welt und der Gemeinde zu leben. Versuchen wir diese dreifache Gabe Gottes, die uns in jedem Gottesdienst angeboten und gefeiert wird, etwas genauer zu beschreiben: Gott, der Schöpfer, beschenkt uns: Im Gottesdienst lässt uns der Schöpfer des Himmels und der Erde teilhaben an seinem Sabbat, der Ruhepause, die er einlegte, als die Welt gemacht war.
Jeder Gottesdienst ist eine Einkehr in die schöpferische Pause, die Gott sich selbst gönnte, nachdem er die Welt geschaffen hatte (Gen 1). Gottesdienst unterbricht unseren Alltag, wir dürfen kommen und da sein, wie wir sind. Hier müssen wir im Gegensatz zur täglichen Arbeit nichts leisten. Diese Unterbrechung tut uns gut, Leib und Seele dürfen aufatmen. Zugleich ist jeder Gottesdienst ein kreatives Geschehen. Der Schöpfer gibt uns Anteil an seinem Ideenreichtum, animiert uns zum Staunen über eine Welt, die er wunderbar geschaffen hat. Der schöpferische Geist öffnet unsere Ohren und Lippen, Herzen und Hände zum Dienst vor ihm und füreinander.
Gottesdienst heißt demnach Sabbatzeit, geschenkte Zeit, oder besser: geschenkte Ewigkeit zum Aufatmen Er lässt uns staunen, dankbar und achtsam werden gegenüber der Schöpfung und dem Schöpfer. Deshalb brauchen wir den Sonntag auch als (staatlich) gesicherte Insel der Ruhe. Hier gewinnen wir die Freiheit zum fröhlichen Spiel der Kinder Gottes zurück, die uns im Alltag so oft verloren geht. So leuchtet das Licht des Schöpfungsmorgens neu auf, wie es im Lied (EG 455,2) heißt:
»Sanft fallen Tropfen, sonnendurchflutet, so lag auf erstem Gras frischer Tau./Dank für die Spuren Gottes im Garten, grünende Frische, vollkommnes Blau.«
Doch damit nicht genug: Gott, der Erlöser, schenkt neues Leben: Jeder Gottesdienst vergegenwärtigt Jesu Kreuz und Auferstehung. Jeder Gottesdienst ist ein österliches Fest des Lebens. Durch seinen Sieg über den Tod und alles Böse steht uns der Himmel offen. Im Gottesdienst erfahren Christen Vergebung der Sünden und lebendige Gemeinschaft mit Gott in Christus und untereinander. Die »Grundstimmung« eines christlichen Gottesdienstes ist daher die österliche Freude.
Martin Luther schreibt dazu treffend in einer Gesangbuchvorrede (1545):
»Singet dem Herrn ein neues Lied! … Denn Gott hat unser Herz und Mut fröhlich gemacht durch seinen lieben Sohn, welchen er für uns gegeben hat zur Erlösung von Sünden, Tod und Teufel. Wer solches mit Ernst glaubt, der kann’s nicht lassen, er muss fröhlich und mit Lust davon singen und sagen, dass es andere auch hören und herzukommen.« (WA 35, 477)
Christlicher Gottesdienst hat mit der Gegenwart Gottes im Leiden und mit einem kosmischen Sieg zu tun. Gott hat die Welt mit sich versöhnt (2. Kor. 5,17). Was an Karfreitag und Ostern passiert ist, brachte die Wende schlechthin, die Christen sagen lässt: Alles wird, nein: alles ist schon gut. Gott hat uns die Hölle zugeschlossen und den Himmel geöffnet. Christus hat die unheilige Allianz von Sünde, Tod und Teufel zunichte gemacht. Sein Tod hat den ersten Tod »gefressen« (vgl. EG 101,3+4).
Dazu gibt es wunderbare Darstellungen in der Kunstgeschichte. Vor allem im orthodoxen Raum, aber auch im lateinischen Westen geben viele Darstellungen ein beredtes Zeugnis von der kosmischen Wucht des Geschehens, das zwischen Karfreitag und Ostern liegt: Christus hält Einzug im Totenreich, nimmt die Toten an seine Hand und holt sie – als Erstgeborene einer neuen Schöpfung – heraus. Dies ist der tiefe Sinn, wenn wir im Glaubensbekenntnis sagen: Hinabgestiegen in das Reich des Todes.
Dieser Zusammenhang von Tod und Leben wird auch in vielen Kirchenräumen sichtbar. Wenn man zum Altar schaut, sieht man oft das Kreuz, vielfach mit dem daran gehefteten Jesus. In zahlreichen Kirchen findet sich aber auch, z. B. im Chorfenster oder über einem »heiligen Grab«, Bilder des Auferstandenen, oft mit einer Siegesfahne und dem roten Mantel als Zeichen. Diese Gleichzeitigkeit von Passion und Ostern richtet uns aus, sie »orientiert«. Der Blick nach Osten (= oriens) versinnbildlicht das Wesen österlicher Hoffnung: Noch steht es unübersehbar da, das Kreuz. Noch ist das Leid nicht völlig aus der Welt geschafft. Aber es gibt einen, der das alles selbst durchlitten, durchkämpft und besiegt hat. Dieser österliche Durchblick tröstet und gibt frohe Gelassenheit zum Feiern.
In einem Osterlied von Jörg Zink und Hans-Jürgen Hufeisen bekommt diese Hoffnung tänzerische Leichtigkeit und poetische Kraft (freiTöne 95):
»1. Wir stehen im Morgen aus Gott ein Schein,
durchblitzt alle Gräber, es bricht ein Stein,
erstanden ist Christus ein Tanz setzt ein.
Refr. Halleluja …
2. Ein Tanz, der um Erde und Sonne kreist,
der Reigen des Christus voll Kraft und Geist.
Ein Tanz, der uns alle dem Tod entreißt. Halleluja …
3. An Ostern, o Tod, war das Weltgericht,
wir lachen dir frei in dein Angstgesicht.
Wir lachen dich an – du bedrohst uns nicht! Halleluja …« (es folgen Str. 4f)
Auch Gott, der Heilige Geist, beschenkt uns. Er weitet unseren Horizont, stiftet uns an zur Begeisterung für Gott und zu Taten der Versöhnung in der Welt. So ist jeder Gottesdienst auch ein kleines Pfingstfest. Gottes Geist lässt uns spüren, dass es noch etwas anderes gibt als die Gesetze von Macht und Kapital, Schönheit und Erfolg. Wir erleben, dass sich im Gottesdienst Zeit und Ewigkeit verschränken und sich unser Blick in die Welt verwandelt. Gottes Geist weitet unseren Blick in die Vertikale und die Horizontale: Zum einen öffnet sich unsere Perspektive »nach oben«: Christus hat uns den Himmel geöffnet und den Weg zu Gott freigemacht. Er lehrt uns bitten und rufen, glauben und bekennen, lieben und hoffen. Zum anderen weitet der Geist Gottes auch unseren Blick in die Welt und für die Welt. Gottes Dienst im Heiligen Geist löst keine Welt-Flucht aus, fördert nicht einen kirchlichen Tunnelblick, sondern macht die Räume weit und hell. Denn Gottes Geist ist ein kreativer, schöpferischer Geist, und das Evangelium eine Kraft, die die Welt rettet (Röm 1,16f). Im Gottesdienst gewinnen wir nicht nur einen neuen Selbst- und Gottesbezug, sondern auch ein neues Verhältnis zu unserer Erde und ihren Menschen. Die Welt bleibt – trotz ihrer tödlichen Schatten – Gottes Welt. In jedem Gottesdienst geschieht eine Art »Heimholung der Schöpfung« zu ihrem Gott.
Wo und wie wird das erfahrbar? Im Abendmahl etwa schmecken wir nicht die allgegenwärtige Pflicht des »Du sollst«, sondern empfangen Gottes Zusage, die lautet: »Du darfst.« Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird, sagt Jesus. Hier findet ein fundamentaler und befreiender Wechsel statt, wie er grundsätzlicher kaum sein kann:
Wo Menschen im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes zusammenkommen, Herzen für ihn brennen (Lk 24,33) und ihn preisen, da wird die Logik dieser Welt unterbrochen und eine andere Kultur vernehmbar als einer gnadenlosen, globalen Ökonomie. Hier geschieht gleichsam cultura per cultum, Kultivierung der Welt durch das Evangelium. Die »Gegenkultur« der Liebe und der Vergebung Jesu, wird durch den göttlichen Geist erschlossen und erlebbar. Freilich sind diese Güter nicht einfach verfügbar.
Daniel W. Hardy und David Ford sprechen pointiert von einer »logic of overflow« (Hardy/Ford, 19), der Logik des Überfließens, die gerade nicht kalkulierbar, sondern in doppelter Weise überschwänglich ist! Das überfließende Potenzial der Liturgie hat eine vertikale und eine horizontale Dimension: Gottesdienst ist Verherrlichung Gottes, aber auch Dienst an der Welt und in der Welt. Zur Verherrlichung Gottes in der Liturgie gehört das Zeugnis im Alltag in Wort und Tat. Christliches Loben und Lieben – das kann man an den zehn Geboten mit ihren beiden Tafeln ablesen – gehören zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Sie lassen sich verstehen als Gottesdienst I und Gottesdienst II.
In der Fürbitte und bei der Einsammlung des Dankopfers (Kollekte) passiert dieser Perspektivwechsel. Wir werden hinein genommen in die Ver-antwort-ung für die Schöpfung und die Bewahrung des Friedens unter den Menschen, werden hineingezogen in das Erbarmen Gottes, in seine Hingabe an die Welt. Denn: Wer selbst den Segen Gottes gehört und gesehen, geschmeckt und gespürt hat, der wird ihn auch fröhlich an andere weitergeben, mit innerer Beteiligung wahrnehmend zunächst, dann aber auch aktiv.
Wer mit Herz und Mund bei Gott ist, der ist auch mit Händen und Füßen bei den Menschen in einer Welt und für eine Welt, die Gott liebt. Dann tragen wir den Dienst Gottes an uns hinaus in den Gottesdienst im Alltag der Welt.
Gottes Geist erfrischt uns. Ohne seine Kraft würden wir auf die Dauer ausbrennen. Die Geistkraft hilft uns, andere Menschen anzunehmen und Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und für den Frieden in der Welt zu übernehmen. Durch den tröstenden und schöpferischen Geist von Pfingsten (vgl. Joh 14,26), der in unseren Herzen wohnt, bekommen wir Orientierung im Alltag und tragen die Vision von Gottes neuer Welt weiter.
So dürfen wir den Gottesdienst als Gabe des dreieinigen Gottes erfahren:
Hier geschieht Einkehr in die göttliche Schöpfungsruhe, Vergegenwärtigung des Leidens Christi, Feier des österlichen Sieges und erfrischende Inspiration des göttlichen Geistes. Wir dürfen durchatmen, bekommen neue Hoffnung und lassen uns begeistern für Gottes neue Welt schon hier und jetzt.
4Die großen Themen der Menschen – damals und heute
Lebendige Liturgie, die die Menschenfreundlichkeit Gottes feiert, ist nur dann menschenfreundlich, wenn sie anschlussfähig ist an das Leben und die Sprache heutiger Menschen. Zwei Aspekte scheinen mir in dieser Hinsicht wesentlich. Gottesdienste sollen die großen Fragen und Themen heutiger Menschen aufnehmen (Relevanz), sie aber auch entschieden ins Licht Gottes stellen.
Menschen kommen dann zum Gottesdienst, wenn ihre aktuellen und letzten Fragen zur Sprache kommen, wenn die Themen der Predigt und die Gebete aktuell und relevant sind. Allerdings ist dies nur eine Seite. In den Gottesdienst kommen Menschen auch, weil sie wissen wollen, wie sie »mit Gott dran« sind. Sie wollen nicht nur Information, sondern erwarten eine Transformation ihres Lebens durch die Begegnung mit Gott. Was im Gottesdienst geschieht, soll relevant sein, soll sie »unbedingt angehen« (Tillich), ohne dass in trivialer Weise das wiederholt wird, was man auch in den Medien oder in der Literatur erfahren kann. Dahinter verbirgt sich nicht nur die Frage nach dem Sinn des Lebens im Hier und Jetzt, sondern auch nach der ewigen Wahrheit Gottes. Es geht um das, woran unsere Glaubensgewissheit hängt. Paul Tillich schreibt:
»Das, was uns unbedingt angeht, ist von allen zufälligen Bedingungen der menschlichen Existenz unabhängig. […] Was uns unbedingt angeht, läßt keinen Augenblick der Gleichgültigkeit und des Vergessens zu. Es ist ein Gegenstand unendlicher Leidenschaft« (Tillich I, 19).
Vielfach werden die Themen eines Gottesdienstes im Vorfeld leider nicht kommuniziert. Ob morgen der 17. Sonntag n. Trinitatis ist, interessiert heute kaum jemanden mehr. Die Menschen sollten deshalb schon im Vorfeld (z. B. durch den Gemeindebrief, eine gute Website die Tageszeitung oder digitale Medien) wissen, worum es im Gottesdienst inhaltlich gehen wird.
Menschen interessieren sich, wie ihr Leben gelingen kann, wie sie so zusammen leben können, dass sie sich nicht gegenseitig verletzen. Dies beginnt im Kleinen von Ehe/Partnerschaft und Familie und setzt sich fort im größeren Zusammenhang einer Stadt, einer Gesellschaft oder eines ganzen Volkes. Es wird nochmals auf die Probe gestellt im Blick auf das Miteinander der unterschiedlich geprägten Völker in der Welt. Besonders das erste Testament ist reich an Erzählungen und Texten, die eindrucksvoll davon berichten: Väter- und Müttergeschichten mit unterschiedlichen Geschwisterkonstellationen, Gebotsketten mit konkreten Aufforderungen, z. B. Witwen, Waisen und Fremdlinge zu schützen (vgl. 2. Mose 22,20–22), aber auch Texte, in denen das Verhältnis der Völker zueinander anklingt.
Diese Themen sind durch zeitgenössische Predigten und Gebete in heutiger Sprache zu bearbeiten und aufzunehmen. Gottes Geschichte mit den Menschen soll uns in lebendiger Erinnerung bleiben, indem diese alten Texte gelesen und durch aktuelle Auslegung mit unserer Gegenwart verknüpft werden. Ich versuche einige Themen exemplarisch zu skizzieren und jeweils eine Verbindung in die Heilige Schrift zu ziehen:
Schuld und Vergebung
Zur Wirklichkeit und Wahrheit des Lebens gehört es, dass Menschen scheitern und schuldig werden. Wo Menschen sich verletzen und Beziehungen beschädigt werden, ja zerbrechen, kann dies unterschiedliche Gründe haben. Die Bibel spricht auch davon. Die großen »Helden« wie Abraham und Sara, Mose und Aaron, David und Bathseba, Salomo und Elia, Petrus und Paulus: Alle werden schuldig. Es spricht für die Wahrhaftigkeit der Bibel, dass diese Facetten der Geschichte nicht ausgeklammert werden, sondern menschliches Versagen im privaten wie im öffentlichen Bereich zur Sprache kommt. Ja mehr noch: Es gehört zum großen Schatz der jüdisch-christlichen Tradition, dass diese Wahrheit vor Gott benannt und bearbeitet wird. So gilt es, die Lebensgeschichten der biblischen Helden neu zu entfalten und für heute zuzuspitzen. Dazu ein Beispiel:
Zuerst sieht er sie nur von weitem. Er beobachtet sie beim Baden. Fühlt sich zu ihr hingezogen, begehrt sie. Und dann hat er keine Ruhe mehr, lässt sie zu sich kommen und schläft mit ihr. Als sie schwanger ist, stellt er ihren Mann an die Spitze des Heeres. Todsicher … Doch die Sache lässt sich nicht vertuschen: »Du bist der Mann, du bist schuldig, euer Kind wird sterben.« So schmettert es ihm der Prophet entgegen. Verzweifelt möchte der König mit Gott und dem Verstorbenen ins Reine kommen. Er würde das alles so gerne wieder gut machen, aber wie? Er fleht zu Gott mit folgenden Worten: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen Geist (vgl. Psalm 51 bzw. EG 230).
Dies ist ein Gebet, das im Gottesdienst Israels und der Kirche große Bedeutung gewonnen hat. Bis heute bekennen wir im Gottesdienst unsere Schuld mit diesen oder ähnlichen Worten (Sündenbekenntnis bzw. Vorbereitungsgebet). Zu Recht, denn es braucht Zeiten und Orte, um eigenes und gemeinsames Versagen zu bearbeiten und eine geistliche Perspektive, die weiterführt als das, was in öffentlichen Debatten mit schnellen Schuldzuweisungen an Einzelne immer wieder passiert. Im Unterschied zur medialen Öffentlichkeit geht es dann nicht um ein Aburteilen, sondern um Wahrhaftigkeit gegenüber Tätern und Opfern zum einen und um die Möglichkeit von Versöhnung und Vergebung zum anderen.
Unverschuldetes Leid
Nicht immer ist es Schuld, die unser Leben gefährdet oder Beziehungen zerstört. Zuweilen geraten Menschen auch völlig unverschuldet in eine Lebenskrise oder werden durch schwere Katastrophen heimgesucht. Ein Beispiel dazu finden wir im Buch Hiob, das auch narrativ eingeführt werden kann:
Er hatte so ziemlich alles, was man im Leben braucht: eine große Familie, ein schönes Haus und Hunderte von Hektar an Ländereien. Bei den Leuten war er hoch angesehen, denn sie wussten: Auf sein Wort ist Verlass. Er war mit Gott und der Welt im Reinen. Doch dann kommt es knüppeldick: Unbekannte ermorden seine Knechte und stehlen sein Vieh, sein Haus wird bei einem Gewitter vom Blitz getroffen und brennt nieder. Seine Kinder kommen ums Leben. Ja sogar er selbst bleibt nicht verschont. Überzogen mit Geschwüren fragt er: Warum ausgerechnet ich? Was habe ich nur getan? Warum lässt Gott das zu? Er ringt und fleht, klagt an und argumentiert und erfährt zugleich: Selbst der »fremde«, weit entfernte Gott lässt mich nicht los.
In den Klagepsalmen (vgl. Ps 13; 22; 69) wird solche Not vor Gott gebracht. Ein dreifaches Beziehungsgeflecht können wir beobachten: Die Krise betrifft nicht nur die Person selbst, sondern auch ihre Gottesbeziehung und das Verhältnis zu den Menschen (die sog. »Feinde«). Jesus selbst betet in seiner Todesnot am Kreuz mit Worten eines solchen Psalms: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk 15,34)
Am Ende vieler Klagepsalmen gibt es eine Perspektive auf Hoffnung, ja bisweilen die Gewissheit, dass sich die Not wendet/gewendet hat, weil Gott selbst eingreift. Ob sich Gottes Nähe für die Betenden selbst – gleichsam unmittelbar – wieder erschlossen hat oder ob sie einer Person begegnet sind, die sie getröstet haben, ist nicht immer auszumachen. Beim Propheten Jesaja im 54. Kapitel lesen wir gleichsam im Rückblick aus der Perspektive Gottes dazu:
Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen … Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.
Rettung aus großer Not – Heil und Heilung
Immer wieder erzählt die Bibel von wunderbaren Rettungen. Menschen kommen, durch Naturgewalten, Krankheit oder Feinde bedroht, an die Grenze des Todes. Jakob ringt mit einem geheimnisvollen göttlichen Wesen und überlebt, ja bekommt, wenn auch nunmehr hinkend, den Segen Gottes zugesprochen (1. Mose 32). Doch auch ein ganzes Volk erlebt ein solches Wechselbad:
Die Schatten der Nacht liegen noch auf ihren Seelen. Das Blut an den Pfosten der Häuser, das Geschrei der Kinder, als der Todesengel durch die Straßen ging. Endlich war er da der Tag der Freiheit. Doch schon wenig später scheint alles aus. Der Traum zu Ende. Sie stehen am Schilfmeer und hören hinter sich die Wagen der Feinde. Doch die Fluten teilen sich. Trockenen Fußes erreichen sie das rettende Ufer. Gerettet – vor den Naturgewalten und der Streitmacht der Feinde (2. Mose 15). Noch zittern ihre Knie. Doch dann muss alles raus: die Erleichterung, die Dankbarkeit, der Schrecken. Ein wird ein Lied angestimmt und getanzt. Miriam geht mit ihren Freundinnen voran. Ihre Handpauken animieren das Volk zum Singen und Tanzen: Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine große Tat getan (vgl. dazu Liederbuch freiTöne 106).
Diese Erfahrung Israels verdichtet sich im Neuen Testament: Die Heilungs- und Wundererzählungen der Evangelien bekennen Jesus als mächtigen Herrn der Welt und Retter aus der Not (vgl. aramäisch Jeschua: Retter, Mt 1,21). Damit wird deutlich: Der Retter ist derselbe wie der Schöpfer oder genauer: als Retter ist er auch der Neuschöpfer. Gottes Heilshandeln hat nicht nur eine spirituelle, sondern immer auch eine leibliche Dimension. Dies wird eindrucksvoll in der Heilungsgeschichte von einem Gelähmten (vgl. Mk 2,1–12) deutlich, der von seinen vier Freunden zu Jesus gebracht wird. Jesus vergibt dem Mann – zum Entsetzen der anwesenden Schriftgelehrten – seine Sünde und macht ihn dann gesund. Gottes Handeln in Christus beinhaltet mehr, als Menschen erwarten, und überschreitet zugleich die Grenzen religiöser Denkmuster und bürgerlicher Konventionen. Das Evangelium beinhaltet diese Botschaft: Gottes heilvolle Zuwendung gilt dem ganzen Menschen, selbst dann, wenn eine körperliche Heilung noch aussteht oder ausbleibt.
Gelassene Weisheit
Der große Philosoph des Alten Testamentes, der Prediger Salomo (Kohelet), hat ein Buch geschrieben, das in seiner Nüchternheit und gedanklichen Klarheit einzigartig in der Bibel ist. Im dritten Kapitel zeichnet er den poetischen Entwurf einer gelassenen Lebenshaltung: Unter dem Motto Alles hat seine Zeit werden Beginn und Ende, Höhen und Tiefen des Lebens entfaltet: Geboren werden hat seine Zeit; sterben hat seine Zeit usw. Seine Empfehlung am Ende zielt auf einen maßvollen Genuss der guten Gaben Gottes im Alltag:
Da merkte ich, dass es nichts Besseres gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinen Mühen, das ist eine gute Gabe Gottes. (Pred 3,12f)
Eine ähnliche Haltung finden wir auch in einzelnen Psalmen (z. B. Ps 104) und in den Sprüchen Salomos bzw. im Buch Jesus Sirach. Sie steht für eine weise Glaubensheiterkeit, die sich selbst nicht zu wichtig nimmt und die Widerfahrnisse dieser Welt im Vertrauen auf Gott gelassen hinnimmt, ja sich daran freut. Ohne Gottes jenseitige Welt gänzlich auszublenden, bieten sich von diesem philosophischtheologischen Ansatz her Perspektiven für eine Predigt, die nach dem Sinne des Lebens im Hier und Jetzt fragt und auf eine Lebenskunst im Alltag zielt.
Liebe und Eros
Entgegen des Vorwurfs, das Christentum sei eine leibfeindliche, ja prüde Religion, ist zu beachten, dass die Bibel auf die körperliche Beziehung von Mann und Frau durchaus positiv zu sprechen kommt. Mit dem Hohelied Salomos ist ein ganzes Buch mit erotischen Gedichten in die Bibel gelangt, die von großer Kraft und Schönheit sind. Betörend klingt die Liebeserklärung des jungen Mannes an seine Freundin:
Wie schön und lieblich bist du, du Liebe voller Wonne. Dein Wuchs gleicht einem Palmbaum und deine Brüste den Trauben … Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel und deinen Mund wie der beste Wein …
Sulamith antwortet darauf ihrem Geliebten: Mein Freund ist mein, und nach mir steht sein Verlangen. Komm, mein Freund, lass uns aufs Feld hinausgehen und unter Zyperblumen die Nacht verbringen … (Hld 7,7ff)
Am Ende findet sich eine tiefgründige Zusammenfassung, wie Leben und Tod durch menschliche Liebe erfahren und ertragen wird. Dabei weitet sich das Verständnis von der körperlich-sinnlichen Liebe zu einer umfassenden, sogar dem Tod widerstehenden Gottesmacht:
Lege mich wie ein Siegel auf auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme. Viele Wasser können die Liebe nicht auslöschen noch die Ströme sie ertränken. (Hld 8,6f)
Friede und Gerechtigkeit – Die Völker an einem Tisch
An etlichen Stellen der Bibel finden wir prophetische Visionen eines gelingenden friedlichen Zusammenlebens unter den Völkern. In jüngerer Zeit – man denke an die Friedensbewegung der 1980er-Jahre oder an die Antiapartheidsbewegung – hat besonders ein Bild große Wirkung ausgeübt (Jes 2,2–5 vgl. Micha 4 bzw. auch EG 426): Darin wird das Ende von Rüstung und Krieg proklamiert: Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen.
Doch damit nicht genug: Gott macht sich durch sein weisendes Wort neu vernehmbar inmitten der Welt und ihrer Völker; wie ein Leuchtturm steht es in der Welt, erhaben und klar vor allen Menschen, welcher Nation oder Religion sie auch sein mögen.
In Jesaja 25 wird gar davon erzählt, dass einmal alle Völker um einen Tisch sitzen und Gemeinschaft untereinander und mit Gott haben werden. Sie sehen Gott von Angesicht zu Angesicht und bekommen ein opulentes Mahl aufgetischt. Es ist eine Siegesfeier, um die es hier geht, die aber nur einen Verlierer kennt: den Tod. Dabei wird auch Gottes erwähltes Volk rehabilitiert:
Und Gott wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird abwischen alle Tränen von allen Angesichtern und wird aufheben alle Schmach seines Volkes in allen Landen.
Der exemplarische Durchgang durch verschiedene biblische Texte zeigt: Der Gottesdienst ist reich an großen Lebensthemen. Sie werden in den biblischen Lesungen gehört und in der Predigt zeitgenössisch ausgelegt. Bei der letzten Reform der Predigt- und Lesungstexte (2018, vgl. unten III.3 128ff) haben diese Gesichtspunkte deutlich mehr Beachtung bekommen, besonders durch die Erweiterung des Umfangs und der Gattungen alttestamentlicher Texte.
5Gesellschaftliche Milieus und ihre Bedeutung für den Gottesdienst
Springen wir von diesen exemplarischen Betrachtungen zur Welt der Bibel in einen ganz anderen Zusammenhang: in die Lebenswelt der Menschen unserer Zeit. Wer Gottesdienste verantwortlich gestalten möchte, kommt nicht umhin, sich mit der Zielgruppe, den »Adressaten«, und deshalb auch mit soziologischen Fragen auseinandersetzen. Vielfach wird die »Milieuverengung« innerhalb unserer Kirche heftig kritisiert und darin ein Grundübel gesehen, warum unsere Gottesdienste wenige Menschen erreichen und ansprechen. Diese Einschätzung ist gewiss zutreffend. Wir können allerdings beobachten, dass anthropologische und kulturelle, psychologische und soziologische Fragestellungen in der evangelischen Theologie innerhalb der letzten drei Jahrzehnte ein größeres Gewicht bekommen haben. Dazu gehört, dass die EKD ein eigenes Institut gegründet hat (Sozialwissenschaftliches Institut in Hannover), das diese Fragen erforscht. Die in den letzten Jahrzehnten entstandenen Milieutheorien gehen von folgenden Voraussetzungen aus:
5.1Pluralität und Gleichwertigkeit der Milieus und Musikkulturen
Die klassische Einteilung von großbürgerlicher Oberschicht, breiter Mittelschicht und Unterschicht wird heute soziologisch als ein Nebeneinander unterschiedlicher sozialer Großgruppen mit je eigenen Erlebniswelten verstanden. Das gilt auch ästhetisch-kulturell, wenn man etwa an die Klassifizierung von Musik denkt: Die alten Kategorien von »Ernster Musik« und »Unterhaltungsmusik« sind nicht mehr geläufig. Es gibt hochkulturelle Konzerte mit Chor- und Orchestermusik, aber auch Pop- oder Rockfestivals, Folknächte, Weltmusik- oder Volksmusiktreffen, Jazztage oder lange Nächte mit Samba und Salsa. Unterschiedliche Stile stehen, ohne dass damit etwas über ihre Qualität gesagt wäre, »gleichberechtigt« nebeneinander.
Welche Aspekte sind für die Erfassung eines Milieus wichtig? Wie können wir mehr über Lebensraum, Alter, Geschlecht, Interessen, Freizeitgewohnheiten, Werte und Ziele von Menschen erfahren und diese auch angemessen beschreiben? Wichtig sind in diesem Zusammenhang die sog. »Indikatoren der Lebensführung« Musikvorlieben, Freizeitgestaltung, Umgang mit Medien und insbesondere die Werte (z. B. Familie, politische und religiöse Orientierung usw.)
Um ein Milieu einzuordnen, kann man ein Achsenkreuz zeichnen, das zwei Aspekte zur näheren Charakterisierung in den Vordergrund rückt:
Die X-Achse beschreibt die Orientierung: Hier wird der Grad der Modernität der Werte in Sachen Religion, Familie, Genuss, evtl. auch im Wahlverhalten eingetragen.
Die Y-Achse bezeichnet den sog. »Status«: Hier werden Bildungsstand bzw. sozialer Stand, Ausstattungsniveau (Haus, Auto, Reisen), mithin der Lebensstandard beschrieben.
Daraus ergeben sich grob vier Quadranten (Felder oberhalb und unterhalb einer gedachten x-Achse bzw. rechts und links einer y-Achse), die in einschlägigen Untersuchungen immer wieder auftauchen.
5.2Ansätze der Systematisierung von Milieus
Der Ansatz von Gerhard Schulze aus den 1990er-Jahren hat die Milieu-Diskussion wesentlich geprägt und wurde theologisch am meisten aufgenommen.
Schulze beschreibt unsere Gesellschaft in seinem grundlegenden Entwurf von 1992 dezidiert als Erlebnisgesellschaft mit einem Erlebnismarkt, so »dass man schöne Erlebnisse herbeiführen kann, indem man aus der Fülle der Erlebnisangebote die richtigen, individuell passenden auswählt« (Schulze, 431). Die Angebote reichen vom Stadt- oder Volksfest bis hin zur Reise in ein ausgefallenes Urlaubsparadies, von diversen Wellnessprogrammen bis hin zu erotischen Genüssen. Auch wenn Menschen nicht nur durch Freizeit, sondern auch durch Arbeit und Familie wesentlich bestimmt sind, markiert der Erlebnisbegriff dennoch einen wesentlichen Aspekt heutiger Lebenswelt, die für Schulze durch fünf unterschiedliche Milieus wesentlich gekennzeichnet ist.
Schulze nennt das hochkulturell-konservative Niveaumilieu, das eher kleinbürgerlich-konservative Harmoniemilieu, aber auch das hochkulturell-moderne Selbstverwirklichungsmilieu und das jugendkulturelle Unterhaltungsmilieu. Im Zentrum steht – gleichsam für die bürgerliche Mitte – das Integrationsmilieu, das sich mit den vier anderen Milieus z. T. überschneidet.
Noch genauer differenziert die besonders im katholischen Bereich vielfach aufgenommene und diskutierte Sinusstudie (Stand 2020). Sie unterscheidet insgesamt zehn Milieusegmente: Die »Bürgerliche Mitte« umfasst 13 %, um sie herum gruppieren sich »Traditionelle« (11 %), »Konservativ-Etablierte« (10 %), »Prekäre« (9 %), »Sozialökologische« (7 %), »Adaptiv-Pragmatische« (11 %) und »Hedonisten« (15 %). Etwas weiter entfernt sind die »Performer« (8 %), »Liberal-Intellektuelle« (7 %) und »Expeditive« (9 %).
Aktuell (2020) ist auf der einschlägigen Website (https://www.sinusinstitut.de/sinus-loesungen/sinus-milieus-deutschland) zu lesen:
»Während der Anteil der traditionellen Milieus seit Jahren zurückgeht, beobachten wir ein kontinuierliches Wachstum im modernen Segment. Am schnellsten wachsen die beiden Zukunftsmilieus Expeditive und Adaptiv-Pragmatische, deren Umgang mit den aktuellen Herausforderungen zukünftige Trends erkennen lässt.«
Zum Verständnis der Milieutheorie, die inzwischen auch zunehmend kritisch angefragt wird, wesentlich erscheint mir, dass ein Koordinatensystem von zwei Achsen die Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext beschreibt: die X-Achse steht für den Grad der Modernität im Denken und Handeln. Die Y-Achse beschreibt holzschnittartig den gesellschaftlichen Status (Bildung/Wohlstand). Die vorletzte EKD-Mitgliedschaftsstudie von 2004 schloss sich recht eng an die fünf Milieus von Gerhard Schulze an, korrigierte aber die Begrifflichkeiten (Niveaumilieu etc.) und sprach stattdessen von Clustern oder Lebensstilen. Hinzu kam dabei eine sechste Gruppe, die sog. »Zurückgezogenen«.
5.3
