Was mir am Herzen lag - Alfred Sommer - E-Book

Was mir am Herzen lag E-Book

Alfred Sommer

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Beschreibung

Das vorliegende Buch ist gewissermaßen eine unausgesprochene Hommage an meinen Vater zu seinem 75. Geburtstag. Er hatte seit jeher feste Leitlinien im Leben, von denen er nicht so leicht abwich. Sein unerschütterlicher Glaube, seine konsequente Erziehungshaltung, aber auch seine oft nachdenkliche, über die richtige Lebensgestaltung sinnierende Art haben mich immer beeindruckt. Bei aller Themenvielfalt der Vorträge lassen sich doch vielfach ähnliche Leitprinzipien in seinem Denken feststellen. Als ich eines Tages bemerkte, wie schwer es ihm fiel, seine Reden, die er vor dem Stefanuskreis gehalten hatte, zu entsorgen, habe ich den Entschluss zu der vorliegenden Sammlung gefasst. Vielleicht können ja einige der Gedanken, die meinem Vater am Herzen lagen, auch für Außenstehende von Nutzen sein.

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Seitenzahl: 399

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Zum Geleit

Die in diesem Band zusammengefassten Vorträge aus den Jahren 1991 bis 2015 wurden vorwiegend im Kreis der Stefanusgemeinschaft Immenstadt, aber auch in Kempten, Kaufbeuren, Schongau und in Nachbarorten gehalten. Ich wollte mit diesen Vorträgen interessierte Christen aus den unterschiedlichsten Bildungsschichten im Glauben stärken, ihren Horizont erweitern oder ihnen aufzeigen, welche Stellung ich zu gängigen Themen unserer Zeit einnehme. Keinesfalls sollte man an das Buch die Maßstäbe anlegen, wie sie für wissenschaftliche Arbeiten gelten, da Zitate und Übernahmen aus Zeitungen, Zeitschriften oder anderen einschlägigen Veröffentlichungen nicht immer gekennzeichnet sind und auch keine Quellenangaben erfolgen. (Auf gute Literatur zum jeweiligen Thema habe ich meist bei der Einleitung oder der Aussprache hingewiesen.) Sprachlich habe ich gelegentlich etwas provoziert, um die Zuhörer zur anschließenden Diskussion anzuregen. Einige Beiträge (besonders in den Anfangsjahren) sind etwas zu ausführlich ausgefallen, andere zeigen nur ganz knapp den Gedankengang auf, weil ich zum betreffenden Thema so viel zu sagen hatte, dass ich keine Notizen brauchte. Gelegentliche Übernahmen von Textstellen aus früheren Vorträgen sind dadurch zu erklären, dass es sich ja um Reden aus zweieinhalb Jahrzehnten handelt. In dieser langen Zeit wechselt zum einen das Publikum, zum anderen haben die Zuhörer meist längst wieder vergessen, was vor einigen Jahren gesagt wurde. (Als Lehrer wundert man sich oft, wie schnell selbst eindringlich vorgetragener Stoff vergessen wird.)

Das Buch eignet sich nicht dazu, es von vorne nach hinten einfach durchzulesen. Den größten Gewinn hat man wohl, wenn man sich zu einem Thema erst selbst Gedanken macht, dann erst mit dem Lesen beginnt und schließlich noch etwas darüber nachdenkt. Bei der Konzeption der Vorträge habe ich natürlich nie an eine Veröffentlichung gedacht. Aber mein Sohn Georg hat die teilweise nur handschriftlich erhaltenen Manuskripte eines Tages mitgenommen, aufbereitet und zu meiner Überraschung als Buch herausgegeben. Dafür möchte ich ihm herzlich danken.

Alfred Sommer

Inhaltsverzeichnis

Warum nervt die Kirche? (2011)

Die Betrachtung des Gewissens und der Gebote

Die Glaubensinhalte der Kirche

Zentral ist die Menschwerdung Gottes

Falsche Erwartungen

Tomas Morales: Die Stunde der Laien (2010)

Hinderungsgründe bei der Mobilisierung der Laien

Unsere Wirkungsmöglichkeiten

Die Weitergabe des Glaubens in der Familie (2006)

Die Familie als Hauskirche

Familienkatechese

Wallfahrten und Glaubensgespräche

Der Gedanke ans Sterben hilft bewusster zu leben (2008)

Das Sterben eines Christen

Gott kommt nach Beresniki (2012)

Rückblick

Die Anfänge des Wirkens von Pfarrer Fink

Pilgerfahrt nach Beresniki

Der Christ und die Bildung (1999)

Glauben - Wissen - Reden:

Das Märchen vom wahren Glück durch Bildung

Ist Bildung für den Glauben notwendig?

Der Kern der christlichen Bildung

Ohne Christus laufen unsere Bildungsbemühungen ins Leere

Vom Sinn des menschlichen Leidens (2006)

Tiefenpsychologische Hintergründe

Die Annahme des Leids

Unsere Feiertage: sinnentleert und umgedeutet? (2014)

Die Profanierung der Glaubensinhalte

Was wir tun können?

Freiheit und Gehorsam - ein Widerspruch? (1993)

Der Begriff „Gehorsam“

Die Freiheit

Das Gewissen

Hinweise zum Gehorsam in der Heiligen Schrift

Fehlargumente, die beim Thema „Kirche und Gehorsam“ oft auftauchen

Das richtige Verständnis des Gehorsams in Freiheit

Die Aufgabe der Eltern zur Weitergabe des Glaubens (1993)

Die Situation der Jugendlichen

Die Situation der Elternhaus

Realisierung der Glaubensweitergabe

Lebenshilfe aus den Briefen des Hl Apostel Paulus (2009)

Aus Sorge um unsere Kirche (1997)

Lebensfragen unserer Zeit (2000)

Solidarität unter den Menschen

Egoismus - Selbstbezogenheit

Der Mensch ist auf Erfüllung angelegt

Wozu sind wir auf Erden?

Krisen in der Geschichte der katholischen Kirche (2004)

Die Krise der Kirche heute

Beispielhafte Krisen aus früherer Zeit

Legenden und historische Wirklichkeiten (1994)

Der Fall Galilei

Die Inquisition

Soziale Bewegungen und Lösungsversuche im Zeitalter der industriellen Revolution (2005)

Die Wirtschaft Deutschlands im Umbruch

Das Zeitalter der Industrialisierung

Wohn- und Arbeitsbedingungen des Industrieproletariats

Lösungsversuche der sozialen Frage

Würdigung Papst Benedikts anhand seiner Reden (2007)

Papst Benedikt als oberster Lehrer

Papst Benedikt als oberster Hirte

Papst Benedikt als Pontifex maximus

Die Kirche auf dem Weg in die Zukunft (1998)

Das Streben des Menschen nach der Wahrheit (2003)

Stefanus-Gemeinschaft: Betrachtung und Diskussion

Der Gebrauch der Sprache als Machtmittel

Will der Mensch die Wahrheit hören?

Relative oder absolute Wahrheit?

Jesus Christus - der Grund des Glaubens (1995)

Irreführende Jesusvorstellungen

Das Wesen Jesu laut NT

Glaube als Lebenshilfe (2015)

Dankbarkeit

Ehrlichkeit

Arbeit und Geld

Selbstbestimmung des Menschen und der Welt (1991)

Einführung

Die Selbstbestimmung unter historischem Aspekt

Der Mensch ist auf Erfüllung angelegt

Die Selbstbestimmung des Christen

Fazit und praktische Folgerungen

Der Plan Gottes - Antworten auf Probleme unserer Zeit (1992)

Die Herrschaft des Menschen über die Natur

Das Streben des Menschen nach Autonomie

Die gesellschaftliche Verflechtung

Die „Gleichschaltung“ der Menschen

Die Säkularisierung

Der Plan Gottes

Die Liebe

Der Mensch: Bild und Gleichnis Gottes

Christus, unser Wegweiser

Warum nervt die Kirche? (2011)

Wenn man die Nachrichten hört, die Zeitung liest oder sich im Bekanntenkreis unterhält, bekommt man den Eindruck, die Kirche sei eine echte Nervensäge. Sie hält dogmatisch am Althergebrachten fest, kümmert sich weder um die Meinung ihrer Mitglieder, noch um das Wohl ihrer Angestellten und Priester, obwohl sie selbst jede Menge Dreck am Stecken hat. Schon in der Vergangenheit hat sie Tausende unschuldiger Frauen als Hexen verbrannt, auf den Kreuzzügen aus Machtgier die friedliebenden Araber überfallen und Galileo Galilei untersagt, die Wahrheit über seine Gestirnforschungen zu verkünden.

Während des Nationalsozialismus hat sie feige gekniffen, statt ernsthaften Widerstand zu leisten - Sinnbild dafür ist Papst Pius XII. - in den Nachkriegsjahren hat sie in ihren Kinderheimen ihre Schutzbefohlenen geprügelt und sexuell missbraucht und auch in unseren Tagen hören wir immer wieder von Vorfällen, die uns innerlich bewegen, emotional aufregen und uns an der Einfühlsamkeit der Kirche zweifeln lassen: Da verliert eine beliebte Angestellte eines katholischen Kindergartens ihre Arbeit, weil sie nach einer Scheidung wieder geheiratet hat. Ein junger Priester, der wegen seiner Natürlichkeit und seiner Volksnähe von allen Leuten hoch geschätzt wird, muss seine Berufung aufgeben, weil er sich in eine Frau verliebt hat und heiraten will. Konfessionsverschiedene Ehepaare können nach wie vor nicht gemeinsam die Hl. Eucharistie empfangen. In der Kirchenarbeit engagierte Frauen dürfen ihren Traumberuf „Priester“ nicht ergreifen, Homosexuelle ihre von der Norm abweichenden Neigungen nicht ausleben und sogar in das Eheleben mischt sich die Kirche ein, indem sie die künstliche Empfängnisverhütung verbietet.

Und damit dem Ganzen die Krone aufgesetzt wird, behauptet die katholische Kirche sogar, im Besitz einer unfehlbaren Wahrheit zu sein, sie hört nicht auf, zu predigen und zu missionieren, statt die Menschen mit einem anderen Glauben einfach in Ruhe zu lassen. Muss einen das nicht ärgern und aufregen? Es dürfte kaum eine Institution geben, die ein so miserables Medienecho hat wie die Kirche. Angefangen vom „ZDF“ über das Magazin „Spiegel“, die „Süddeutsche Zeitung“ bis hin zum „Allgäuer Anzeigeblatt“ stoßen die meisten Medien in das gleiche Horn: Die Kirche „nervt uns!“ Und nur zu oft haben sie mit ihren meist konzentriert vorgetragenen Kampagnen Erfolg, wie es das Beispiel um unseren ehemaligen Diözesanbischof Dr. Walter Mixa deutlich zeigt.

Das Ansehen der katholischen Kirche in der Bevölkerung sinkt, die Unzufriedenheit mit vielen „von oben“ verordneten Maßnahmen nimmt zu und es gibt sogar Fälle, wo Priester in der Öffentlichkeit ungeahndet bespuckt wurden. Vielerorts rebelliert das Kirchenvolk und reklamiert für sich: „Wir sind Kirche“, verbunden mit der Forderung, nunmehr die Geschicke der katholischen Kirche selbst in die Hand nehmen und sie demokratisch umgestalten zu können. Andere treten ganz aus und kehren der Kirche den Rücken, nicht ohne den Hintergedanken, sich in Zukunft die Kirchensteuer zu sparen. Sogar von den derzeit nur noch 12 Prozent verbleibenden regelmäßigen Besuchern des sonntäglichen Gottesdienstes in der katholischen Kirche fordern laut Allensbacher Jahrbuch über die Hälfte eine stärkere Anpassung der Lehre an den Zeitgeist. „Das zu tun, was Gott von mir erwartet“ sieht heute laut „Trendmonitor 2010“ nur noch jeder zehnte junge Katholik zwischen 16 und 29 Jahren als Sinn seines Lebens an, eine Zahl, die mir persönlich fast noch zu hoch gegriffen erscheint.

„Herr, rette uns, wir gehen zugrunde!“ (Math. 8,26) riefen die Jünger einst beim Sturm auf dem Meer und angesichts der heutigen Situation könnten wir auch auf den Gedanken kommen, so zu rufen, was sicher nicht ganz falsch wäre. Aber wir wollen am heutigen Abend an dieser Stelle einmal einhalten und nachdenken. Sind „Der Spiegel“ und die linksgerichteten Medien tatsächlich dafür bekannt, dass sie sich um die Gefühle, die psychische Befindlichkeit und das Wohlergehen von katholischen Priestern Sorgen machen oder geht es ihnen beim Aufgreifen eines solchen Themas um etwas ganz anderes, für sie Entscheidenderes? Geht es ihnen bei ihrer Forderung, dass wiederverheiratete Geschiedene Zugang zu den Sakramenten haben darum, dass diese ihr Glück und ihr Seelenheil in der Kirche finden oder wollen sie in erster Linie der katholischen Kirche nur am Zeug flicken und ihrem Ansehen in der meist unbedarften und leicht zu beeinflussenden Öffentlichkeit schaden?

Die Betrachtung des Gewissens und der Gebote

Es liegt der Verdacht nahe, dass die katholische Kirche die säkularisierte Gesellschaft unserer Tage aus viel tieferen und schwerwiegenderen Gründen stört als allgemein vorgegeben wird. Die nicht gerade im Verdacht von zu starker Kirchenfreundlichkeit stehende Wochenzeitung „Die Zeit“ hat vor einiger Zeit (Nr. 40/2009) unter der Überschrift „Warum nervt die Kirche?“ einen interessanten Artikel veröffentlicht, aus dem ich kurz zitieren darf: Die Kirche „nervt“ erstens, weil sie muss. Diese Gesellschaft hat es vorzüglich gelernt, ihre Sünden und Abgründe ins wohlige Bad des Mainstreams zu tauchen. Das Böse nähert sich als Genosse Trend, sagt dann „ey du, wenn es für dich okay ist, dann ist es auch für mich okay“. Dagegen muss eine Kirche stehen, sie muss Trennlinien zwischen Gut und Böse ziehen, muss den Konsens zerschneiden, bei allen Formen des Im-Stich-Lassens, bei Leben, Tod und Pflegeheim. Das ist die gute Kirche, die nervt, weil sie die Anstößigkeit des antiken Revolutionärs Jesus Christus am Leben erhält.“

Die katholische Kirche ist heute fast die einzige Bastion, die für das ungeschmälerte Lebensrecht der Menschen von der Zeugung bis zum natürlichen Tod eintritt, sich für alle – auch die ungeborenen – Behinderten einsetzt und ohne Vorbedingungen mit zig-Tausenden Ordensangehörigen und Helfern – oft unter Lebensgefahr – den Hungernden in der ganzen Welt hilft. Damit stört sie natürlich all jene, die aus ideologischen, finanziellen oder Forschungsgründen die Freiheit, alles zu tun, was sie wollen, über das Lebensrecht stellen.

Ein Beispiel ist die Euthanasie. Wenn vor allem alte und kranke Menschen zur Belastung werden, euthanasiert man sie. Der erste Staat, der die Euthanasie gesetzlich geregelt hat, sind die Niederlande. Im Jahr 2007 wurde nach offizieller Statistik 2120 Menschen auf diese Weise das Leben genommen, das sind 1,4 Prozent aller niederländischen Todesfälle. Untersuchungen der Regierung kommen zu dem Schluss, dass wohl nur jeder zweite Euthanasiefall gemeldet wird und schätzungsweise 1000 Menschen jährlich ohne Einwilligung euthanasiert werden.

Beispiel Abtreibung: Nach vorsichtigen Schätzungen werden in Deutschland jedes Jahr 200000 Kinder abgetrieben. Das sind seit 1970 über 8 Millionen Abtreibungen. Die Verhütungs- und Abtreibungsorganisationen verdienen jedes Jahr allein in Deutschland 7-stellige Summen.

Bei der neuerdings in Deutschland erlaubten Präimplantationsdiagnostik werden die künstlich hergestellten Embryonen einem Qualitätscheck unterworfen, bevor sie eventuell in die Gebärmutter eingepflanzt werden. Bei natürlichen Schwangerschaften fördert die Bundesregierung mit Steuergeldern Programme, mit denen die werdenden Mütter gezielt Trisomie untersucht werden sollen, damit mongoloide Kinder frühzeitig abgetrieben werden können.

So könnte man fortfahren, die stillschweigende Erosion des Lebensschutzes zu Gunsten von mehr Freiheit oder Profit anderer Menschen zu beklagen. Außer der katholischen Kirche findet sich aber kaum mehr eine Institution, die dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten versucht. Und das in einem Land, dessen erster Artikel der Verfassung lautet: Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Natürlich stört die Kirche mit ihrem uneigennützigen Einsatz zu Gunsten der Armen in den Entwicklungsländern oft auch die dortigen Regierenden und Land-Lords, die das Land lieber zu ihrem Vorteil und Profit nutzen oder die Bodenschätze ohne Rücksicht auf Verluste ausbeuten möchten. In Mexiko und in vielen Bereichen Südamerikas stehen meist nur die Ortspfarrer auf der Seite der armen Bauern, die sich dagegen wehren müssen, dass reiche Großgrundbesitzer oder große Handelsgesellschaften sie enteignen, um in großem Stil die Produkte anzubauen und zu vermarkten, die im reichen Europa gute Gewinne versprechen, wie Futtermittel, Sojabohnen und Mais. Ist es da ein Wunder, dass die Kirche als lästiger Störenfried angesehen wird, wenn sie sich dem in den Weg stellt? Dabei muss man nicht einmal ein gläubiger Katholik sein, wenn man den Lebensschutz, die Menschenrechte und die Bewahrung der Natur gegen alle anderen Interessen und seien sie auch mit noch so guten Gründen vorgetragen – mit aller Kraft verteidigt. Die Rede Papst Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag am 22. September liefert eine sehr gute Grundlage dafür, nach welchen Vorgaben sich die politischen Entscheidungen bei wirklich wichtigen Dingen zu orientieren haben.

Aber die Kirche nervt auch, weil sie mit klaren Anweisungen – den 10 Geboten – in das tägliche Leben der Menschen eingreift und dadurch unbequem wird. Immer heißt es, Du sollst nicht dieses und Du sollst nicht jenes. Als ob ich das im Grunde nicht selber wüsste! - Aber diese Notlüge erspart mir nun einmal eine lästige, lange Diskussion. - Aber meine Eltern selbst in mein Haus aufzunehmen und zu betreuen, das ginge nun wirklich zu weit!- Aber jeden Sonntag in die Kirche zu gehen, das ist mir zu fromm. Gott hat sicher Verständnis dafür, wenn ich am Sonntagvormittag einmal ausschlafe oder meinen Lieblingssport betreibe. - Solche Gewissenskämpfe – sofern man sie überhaupt noch verspürt – tragen sicher nicht zur Beliebtheit der Kirche bei.

Meist sieht man den Sinn der Gebote prinzipiell ja durchaus ein, vor allem wenn sie den bösen Nachbarn betreffen, für sich selbst schlüpft man aber gerne unten durch. (Ganz nebenbei: man stelle sich nur einmal vor, was passieren würde, wenn sich diese Leute auch über die Verkehrsregeln so nonchalant hinwegsetzen würden!) Aber umso größer ist dann die Befriedigung, wenn man in einer Zeitung liest, dass scheinbar auch die Kirche Fehler macht oder ungerechtfertigte hartherzige Forderungen stellt. Dann ist für Otto Taufscheinkatholik die Welt wieder in Ordnung, denn offensichtlich wirft die Kirche mit Steinen, obwohl sie im Glashaus sitzt, und zudem sind ihre Anforderungen insgesamt zu hoch, sodass man sich heutzutage nicht mehr danach zu richten braucht.

Sie, liebe Stefanusfreunde, wissen natürlich, dass sich das seelische Gleichgewicht auf andere, urkatholische Weise viel leichter und nachhaltiger einstellen würde, wenn man nämlich zur Beichte geht und dort seine Schwächen und Sünden bekennt. Es ist eine gewisse Tragik der Kirche, dass sie dort, wo sie Normen und Gebote aufstellt, im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, aber im Beichtstuhl, wo sie liebt, verzeiht und berät, völlig im Verborgenen bleibt. Die Vernachlässigung des Sakramentes der Buße durch die Gläubigen in der heutigen Zeit trägt ganz entscheidend zu ihrer Entfremdung von der Kirche bei.

Und damit sind wir beim wichtigsten Punkt unseres Themas: Die Kirche ist ja in erster Linie nicht eine moralische Anstalt, die den Menschen vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben, sondern das pilgernde Volk Gottes, die Gemeinschaft der Gläubigen, die den durch Jesus Christus offenbarten Glauben angenommen haben und sich als Teil des unsichtbaren mystischen Leibes des Herrn verstehen. Um die Kirche als ständige lästige Mahnerin bei vielen moralischen Positionen zu schwächen, müssen die Gegner nur die Glaubensinhalte aushöhlen, damit die Gläubigen nicht mehr hinter ihr stehen, denn ein Reich, das uneins ist, zerfällt, wie schon Christus einmal sagte. Und leider haben sie dabei bei vielen Katholiken Erfolg, besonders bei jenen, die sich für aufgeklärt und theologisch gebildet halten. Diese innere Zerrissenheit unter den Gläubigen ist heute eines der Hauptärgernisse der ganzen westeuropäischen Kirche.

Die Glaubensinhalte der Kirche

In der Tat öffnen sich ja nicht alle Glaubensinhalte so ohne weiteres dem reinen Intellekt. Diese Schwierigkeiten der Gebildeten mit seiner Lehre hat Jesus vorausgesehen, als er in seinem wunderbaren Lobpreis an seinen Vater ausrief: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses vor Weisen und Klugen verborgen, den Kleinen aber geoffenbart hast. Ja, Vater, denn also ist es wohlgefällig vor dir. Alles ist mir von meinem Vater übergeben; und niemand kennt den Sohn als der Vater; und auch den Vater kennt niemand als der Sohn, und wem es der Sohn offenbaren will.“ (Math. 11, 25-27).

Auch der Hl. Apostel Paulus weist in den ersten drei Kapiteln seines 1. Briefes an die Korinther auf das Anstößige des christlichen Glaubens hin, der sich nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft gründen soll. „Keiner täusche sich selbst. Wenn jemand unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, so werde er ein Tor, damit er weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Es steht nämlich geschrieben: Er fängt die Weisen in ihrer Schlauheit. Und wiederum: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen in ihrer Nichtigkeit.“ (Kor 3, 18-21)

Die ersten drei Kapitel des 1. Korintherbriefes erscheinen mir geradezu prophetisch in Hinblick auf die vielfach überheblichen Angriffe von Intellektuellen in unserer Zeit auf die Kirche geschrieben zu sein.

Der Streit um die Inhalte der katholischen Lehre ist weder neu noch kann er einen im Glauben gefestigten Christen tatsächlich überraschen, denn Christus selbst hat in die Zukunft blickend vorhergesagt: „Glaubt nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert!Ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter, die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und die Feinde des Menschen werden seine Hausgenossen sein ... Und wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“ (Math. 10, 34-39). Hat man angesichts der Zwistigkeiten unter Klerus und Gläubigen nicht manchmal den Eindruck, dass diese Prophezeiung heutzutage in Erfüllung geht?

Im Evangelium kommen sehr viele Stellen vor, in denen Jesus auf die künftigen Auseinandersetzungen um seine Lehre hinweist bzw. solche Auseinandersetzungen geradezu herausfordert, wenn er beispielsweise - ohne irgendeine Amtsgewalt hierfür zu besitzen - die Tische der Geldwechsler und Händler im Tempel um schmeißt und diese aus dem Tempel wirft oder wenn er die damaligen Theologen - die Pharisäer und Schriftgelehrten - als Heuchler und Natterngezücht beschimpft. Jesus bediente sich einer sehr unverblümten Ausdrucksweise bei der Verkündigung seiner Lehre - ich erinnere nur an die Vorfälle bei der Verheißung des Altarsakramentes (Joh 48ff) oder wenn er beispielsweise den Untergang von Bethsaida und Kapharnaum prophezeit (Math. 11, 20ff). Da nimmt er keinerlei Rücksicht auf die Gefühle der Zuhörer. Er war knallhart in seinen Aussagen, wenn es darum ging, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen.

Und er möchte, dass auch wir Gläubige eindeutig Stellung beziehen. Wen die Auseinandersetzungen um die Kirche nicht aufwühlen oder wer glaubt, sich zwischen allen Meinungen hindurch lavieren zu können, den trifft das Wort an die Gemeinde von Laodicea aus der Geheimen Offenbarung: „Weder kalt bist du noch warm. O wärest du doch kalt oder warm!Da du aber lau bist und nicht warm noch kalt, so bin ich daran, dich aus meinem Munde auszuspeien.“ (Offb. 3, 15-16). Wer zu Kirche gehören will, also alle Kyriakoi - die zum Herrn Gehörigen - muss sich von ihr auch etwas sagen lassen; im Unterschied zu einer heute weit verbreiteten Auffassung dürfen wir uns nicht selbst als ihre Herren verstehen, die ihre Richtung bestimmen. Vielmehr sollten wir uns als Rebzweige betrachten, die am Weinstock bleiben müssen, um Frucht bringen zu können. Für uns gilt das Wort: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“.

Zentral ist die Menschwerdung Gottes

Anders ist die Sachlage, wenn Nichtgläubige mit der kirchlichen Lehre konfrontiert werden. Schon allein die Tatsache, dass die Kirche beansprucht, mit ihrer Lehre im Besitz der Wahrheit zu sein, ja dass es überhaupt so etwas wie eine Wahrheit gibt - und nicht je nach Betrachtungsweise viele Wahrheiten, wie es im Zeitalter des Relativismus zu glauben modern ist, stellt für viele von ihnen ein Ärgernis dar. Mir ist das neulich wieder so richtig zu Bewusstsein gekommen, als ich den bekannten atheistischen Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon (Mitbegründer der kirchenfeindlichen Giordano-Bruno-Stiftung) im Vorfeld des Papst-Besuches bei einer Diskussion im Fernsehen erlebte. Er machte sich darüber lustig, dass die Christen sich einbildeten, ein unendlich großer Schöpfer des ganzen Kosmos, der ja bereits seit Jahrmilliarden existiert, könne sich um ein so unbedeutendes Wesen wie den Menschen kümmern oder sich sogar um ihn sorgen. Bei seinem Spott gingen mir wieder einmal die Augen auf, wie unfassbar für den Verstand tatsächlich unser Glaube ist, dass dieser unendlich große Gott die Menschen nicht nur wahrnimmt, sondern sie sogar nach seinem Ebenbild geschaffen hat und sie wie ein Vater dermaßen liebt, dass er seinen Sohn geschickt hat, um sie vor dem Verderben zu retten. Dieses Wunder ist so groß, dass es die Fassungskraft des menschlichen Verstandes übersteigt. Ich empfehle Ihnen, dass Sie sich in einer stillen Stunde - am Besten, bevor Sie Ihre Gebetszeit beginnen - wieder einmal in dieses Geheimnis vertiefen. Sie werden dann viel andächtiger beten.

Die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus ist das unfassbarste Geheimnis der Weltgeschichte, daran hängt der ganze christliche Glaube. Es ist eine unverdiente Gnade, dass wir daran glauben können, und es ist unsere Aufgabe, jedem Rede und Antwort zu stehen, der uns nach dem Grund unserer Hoffnung befragt, wie es im 3. Kapitel des ersten Petrusbriefes heißt. Jesus sagt es nach seiner Auferstehung selbst klipp und klar: „Gehet hin in alle Welt und verkündet die Frohbotschaft allen Geschöpfen. Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.“ (Mk 16, 15-16)

Wenn wir erst einmal das Unbegreifliche glauben, dass der allmächtige Schöpfergott seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, um uns zu erlösen, dann sind all die anderen unfassbaren Wunder, die heute manchmal so umstritten sind, für den Gläubigen aus diesem Wissen heraus durchaus glaubhaft, nämlich dass dieser Gottessohn auch den Tod überwunden hat, dass er in der Hl. Eucharistie immer bei uns bleibt und dass z.B. seine jungfräuliche Mutter ohne Erbsünde empfangen wurde. Für Gott, der das ganze Universum und unsere Erde mit ihren geheimnisvollen Gesetzmäßigkeiten geschaffen hat, kann es doch nicht unmöglich sein, dass er die Frau, aus der sein Sohn Fleisch annehmen soll, mit ganz außergewöhnlichen Gnaden und Gaben ausstattet. Wenn man es sich etwas tiefer überlegt, dann haben all die Zweifelnden und Kritiker von katholischen Glaubenswahrheiten eines gemeinsam: Sie glauben nicht wirklich, dass der Stifter dieses Glaubens, Jesus Christus, der wahre Sohn Gottes ist, dem alle Gewalt gegeben ist. Und weil sich die katholische Kirche als der mystische Leib ihres Herrn Jesus Christus betrachtet, kann sie auch nichts davon aufgeben, was Christus gelehrt hat, auch wenn das der jeweilige Zeitgeist verlangt. Das ist der tiefste Grund dafür, weshalb die Kirche mit ihren Aussagen und Lehren in unserer Zeit immer wieder aneckt und Widerspruch findet.

Gewissermaßen der Garant dafür, dass die Kirche von ihrem substantiellen Inhalt nichts aufgibt, ist der Hl. Geist, der ihr als Lehrer und Beistand zugesagt ist. Man muss sich doch sehr darüber wundern, dass in den 2000 Jahren des Bestehens der Kirche bei all den Stürmen, durch die sie gehen musste, nie der Kern der Lehre angetastet wurde, obwohl formal ihre Leitung schwachen Menschen anvertraut ist. Wie Sie sicher wissen, gab es in der Geschichte durchaus auch machtbesessene und lasterhafte Päpste, die ein durch und durch amoralisches Leben führten. Das hat zwar dem Ansehen der Kirche schwer geschadet und schadet ihr heute noch, aber in der Glaubenslehre ist sie dank der Leitung von Gottes Geist auch aus diesen Epochen unbeschadet hervorgegangen.

Schon bei der Auswahl seiner Jünger hat Jesus ja nicht auf hoch gebildete Theologen und Schriftgelehrte gebaut, sondern auf einfache Menschen, wie Fischer und Zöllner, die ihn später bei seiner Gefangennahme aus Furcht verlassen sollten. Und ausgerechnet Petrus, der aus Menschenfurcht gewissermaßen meineidig geworden ist, bekommt die Leitung der Kirche übertragen - nach menschlichen Maßstäben unbegreiflich. Etwas schnoddrig möchte man sagen: so eine Personalpolitik kann nur einer betreiben, der entweder sehr tief in das Innere eines Menschen hineinschauen kann oder einfach auf den Hl. Geist vertraut. Wer dieses Selbstverständnis der Kirche kennt, wundert sich nicht darüber, dass Papst Benedikt XVI. bei seinem kürzlichen Besuch in Deutschland fast alle von den Medien und linkslastigen Theologen hochgespielten Erwartungen wie Seifenblasen platzen ließ und statt dessen den Glauben in Deutschland zu stärken versuchte.

Falsche Erwartungen

Es ist hier nicht der Ort und auch gar nicht die Zeit, um auf alle Erwartungen im Vorfeld des Papstbesuches einzugehen, zumal diese Forderungen für das Gros der Katholiken auf der ganzen Welt kaum eine Rolle spielen. Fragen Sie doch einmal einen Priester aus Afrika oder Indien, der vielleicht gerade in einer deutschen Pfarrei Ferienvertretung macht, wo die wahren Probleme der Kirche zu suchen sind! Er wird sie bestimmt nicht beim Zölibat der Priester oder der Zulassung der Frauen zum Priesteramt oder bei der Diskriminierung von Homosexuellen sehen. Diese und ähnliche Randthemen werden fast nur in Deutschland - leider in starkem Maße auch innerkirchlich - immer wieder aufgewärmt und verdunkeln den klaren Blick auf die wahren Problemfelder, z.B. die mangelnde Begeisterung der Laien und mancher Priester für Christus und die dadurch ausbleibende Glaubensweitergabe. Deshalb schauen die deutschen Katholiken im Unterschied zu den afrikanischen auch nicht erlöst drein und sie verhalten sich auch entsprechend; Sie haben ständig etwas zu meckern. Wollen Sie vielleicht in einen Verein eintreten, in dem ständig nur gemeckert wird? Fühlt sich dagegen ein im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehender Katholik, wie z. B. der Nachrichtensprecher Alex Dorow oder der Spiegelredakteur Mathias Matussek in seiner Kirche wohl, erscheint das gleich wie eine Sensation.

Was die Erfüllung der Forderungen des Manifests der deutschen Theologen anbelangt, konnte ich neulich bei einer Fernsehdiskussion einen interessanten Einblick gewinnen. Die bekannte Feministin Alice Schwarzer erzählte von einem ihrer Bücher („Die Päpstin“), in dem sie von einem von ihr erdachten Weg der Kirche träumt: Die Kirche hat in diesem Buch alle genannten Forderungen der „Berufskatholiken“ erfüllt und ist darüber zu einer sektenhaften Größe von einer Million Anhängern zusammengeschmolzen. Da sie immer weniger Anforderungen stellte, interessierte sie schließlich auch kaum noch jemand. Erst eine neu gewählte Päpstin verleiht ihr wieder Auftrieb, indem sie sich strenge Aufnahmekriterien ausdenkt. Was mir daran so erstaunlich erschien, war die Beobachtung, dass selbst eine Kirchenkritikerin wie Alice Schwarzer die Erfüllung der genannten Forderungen gedanklich nicht mit einem Aufschwung, sondern mit einem Niedergang der Kirche in Verbindung bringt. Wenn ich im Folgenden trotzdem auf einige dieser Forderungen kurz eingehe, so deshalb, weil ich Ihre Erwartungen nicht ganz enttäuschen will.

Da verlangten die Protestanten als Zeichen des Fortschritts in der Ökumene vehement ein Entgegenkommen des Papstes hinsichtlich der „eucharistischen Gastfreundschaft“, d.h. die Zulassung der Protestanten zur Hl. Kommunion. Da in unserer Zeit die meisten Katholiken um die tiefsten Grundlagen ihres Glaubens gar nicht mehr Bescheid wissen, stimmen dieser Forderung auch viele Katholiken zu, insbesondere natürlich jene, die in einer Mischehe leben und daher bei jeder Eucharistiefeier schmerzlich an die Trennung der beiden großen Konfessionen in Deutschland erinnert werden. Aber meist dürfte ihnen dabei gar nicht bewusst sein, was sie eigentlich verlangen.

Die Hostie ist ja im katholischen Verständnis nicht einfach „heiliges Brot“, das im Gedächtnis an die Abendmahlsfeier verzehrt wird, um an das erste Abendmahl zu erinnern, wie es die Protestanten handhaben. Bei ihnen werden nach dem Abendmahl die überzähligen Hostien einfach zu den nicht geweihten zurückgelegt und der nicht konsumierte Wein weg geschüttet oder sonst wie verwendet, da sie in ihrer Substanz keinerlei Wandlung erfahren haben. Dagegen werden nach der katholischen Lehre die Hostie und der Wein tatsächlich in Leib und Blut Christi verwandelt (Transsubstantiation), sodass der zur Kommunion Hinzutretende wirklich Christi Leib empfängt und damit die innigst denkbare Gemeinschaft mit Jesus eingeht. Er bestätigt diesen Glauben durch sein „Amen“. Diese Vereinigung mit Jesus setzt natürlich voraus, dass der Gläubige entsprechend konstituiert ist, d.h. keine schweren Sünden hat, denn „wer unwürdig davon isst und trinkt, isst und trinkt sich das Gericht, da er den Leib des Herrn nicht unterscheidet.“ (1 Kor 11,29)

Zum anderen ist die Kommunion die innigste Verbindung der Gläubigen untereinander, sie werden ja durch die Vereinigung mit Christi Leib auch untereinander ganz eins. Das beinhaltet auch die Zustimmung zum ganzen, ungeschmälerten katholischen Glauben, mit allem, was dazu gehört. Jemand hat einmal gesagt, wer zur Hl. Kommunion geht und hinterher „Amen“ sagt, muss dabei auch die Unfehlbarkeit des Papstes, die Dogmen, die Marienverehrung und die Beichte, kurz: die ganze katholische Lehre schlucken, sonst ist sein „Amen“ eine Lüge. Ich glaube nicht, dass das allen Katholiken und schon gar nicht den Protestanten in dieser Deutlichkeit bewusst ist. Wenn ein Protestant an die Transubstantiation in der Wandlung glaubt, könnten ja die zu Christi Leib gewandelten Hostien nicht einfach zu den anderen zurückgelegt, sondern müssten entsprechend verehrt werden. Im Übrigen wird meist nicht bedacht, dass auch die orthodoxe Kirche an die Realpräsenz in der Hl. Kommunion glaubt, so dass ein Abweichen davon wieder einen Keil in die Ökumene zwischen orthodoxer und katholischer Kirche treiben würde.

Eine andere Forderung ist seit langem die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten. Die katholische Kirche wird hier immer als besonders hartherzig und unbeugsam dargestellt, weil sie im Unterschied zur protestantischen Kirche auf der Unauflöslichkeit der Ehe besteht. Nun, zum einen ist das Wort Jesu von der Unauflöslichkeit der Ehe „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen“ nicht nur von den 3 Synoptikern, sondern auch in den Briefen des Hl. Apostels Paulus unzweideutig überliefert und erklärt. Eine Wiederverheiratung wird durchgehend als Ehebruch bezeichnet. Darüber kann man sich nicht einfach hinwegsetzen, wenn man die Worte Jesu ernst nimmt. Zum anderen hat die Verbindlichkeit einer einmal getroffenen Entscheidung vor Gott einen sehr hohen Stellenwert. In gleicher Weise, wie Gott das Jawort der Eheleute zueinander ernst nimmt, prägen auch die Sakramente der Taufe, der Firmung und der Priesterweihe der Seele ein unauslöschliches Siegel ein und können deshalb nicht mehr zurückgenommen werden.

Die Ehe findet ihr alttestamentliches Vorbild im Bund Gottes mit seinem Volk Israel und neutestamentlich in der Vermählung Christi mit seiner mystischen Braut, der Kirche. Auch wenn die Juden als Volk Gottes immer wieder abfallen und untreu werden: Gott bleibt treu, er wendet sich keinem anderen Volk zu, sein Jawort ist verbindlich. Und auch wenn die Kyriakoi, die der Kirche Angehörigen, immer wieder sündigen und schwach werden, Jesus wird immer treu bleiben, sein Ja zu den von ihm Erlösten ist verbindlich, sie können immer zu ihm zurückkehren. Das gilt auch für die Wiederverheirateten Geschiedenen, die ja keineswegs aus der Kirche ausgeschlossen sind, lediglich die innigste denkbare Gemeinschaft mit ihm kann - solange die zweite Ehe währt - nicht eingegangen werden. Die Geschiedenenpastoral darf nicht auf den Zugang zu den Sakramenten verengt werden, sie wird auch den Erfahrungen der Betroffenen nicht gerecht. Obwohl sie die eigene Ehe als ein Scheitern erlebt haben, sind sie berufen, für den Plan Gottes der Ehe und Familie Zeugnis zu geben. Zur Geschiedenenpastoral, die es auch in der Diözese Augsburg gibt, gehören z.B. die Vertiefung in die Lehre der Kirche, damit der Gehorsam ihr gegenüber besser gelebt werden kann, Anregungen zu einem Weg der Versöhnung mit dem Ehepartner, mit Gott und mit sich selbst. Wichtig ist schließlich die konkrete Erfahrung, von der Gemeinschaft der Kirche angenommen zu sein. Dabei gibt es so viele unterschiedliche persönliche Situationen, dass eine generelle Lösung, etwa einer allgemeinen Zulassung zu den Sakramenten, derzeit nicht vorstellbar ist.

Zur Stellung der Frau in der Kirche und der Frage ihrer Gleichberechtigung haben wir erst vor einigen Jahren eine eigene Stefanustagung abgehalten. Obwohl wir auch schon über den Zölibat der Priester mehrfach gesprochen haben, möchte ich darüber noch einige Worte verlieren.

Selbstverständlich ist der Mangel an geistlichen und priesterlichen Berufungen in ganz Westeuropa ein großes Problem, schon allein, weil dadurch die vorhandenen Priester immer stärker belastet werden. Es gibt seit Jahrzehnten weniger Kinder und Jugendliche und von den wenigen ist nur ein ganz kleiner Teil kirchlich interessiert. Es gibt auch weniger christlich engagierte Familien, die früher das erste und wichtigste „Priesterseminar“ waren. Trotzdem wären jedoch nur äußerliche Reformen und die Schaffung neuer Strukturen ohne tiefe Grundlage und Begeisterung für den Glauben nur sinnloser Aktionismus, wie Kardinal Walter Kasper kürzlich in einem Gespräch in der Tagespost hervorhob. Die Einführung von „viri probati“ sei nach seinen Worten nur eine Scheinlösung und würde verdunkeln, dass wir in der gegenwärtigen Situation Priester brauchen, die so „verrückt“ sind für Gott und die Kirche, dass sie dafür alles dran geben.

Im Übrigen war letzte Woche in Nr. 121 der Tagespost ein überzeugendes Plädoyer für den Zölibat aus der Sicht der Psychologie zu lesen: ich möchte daraus nur 3 Gedanken zitieren:

Warum wird dem zölibatären Mann, der sich überlegt und freiwillig in diesen Lebensstand begeben hat, eigentlich immer ein quälendes „nicht dürfen“ unterstellt, während anderen Junggesellen, die sich oft unfreiwillig in diesem Zustand befinden, ein fröhliches „alles dürfen“ konstatiert wird? Das lässt tief blicken auf die ideologischen Scheuklappen vieler Zeitgenossen.

Die emotionale Energie, die der Verheiratete zu Recht in Partnerschaft, Nestbau und Brutpflege investiert, ist beim Zölibatären verfügbar für die Gottesbeziehung „mit ungeteiltem Herzen“ und zum Dienst am anderen. Beziehungsarbeit, bei Verheirateten Zweisamkeit mit dem Partner, beim Zölibatären Gebet, ist eine wertvolle Investition in die Zukunft.

Ein religiös motivierter Zölibat stabilisiert die psychische Gesundheit, d.h. dass der Glaube das Leben prägt und formt. Erst beim Verlust der religiösen Überzeugung ist die zölibatäre Lebensform dann sinnentleert und wird vielleicht nur äußerlich aus Opportunitätsgründen fortgeführt. Dieser Spagat ist psychisch belastend, weil das „Warum“ verlorengegangen ist. Das führt zu einem Doppelleben, das nicht mehr glücklich macht. Ein Zölibatärer ohne Gebet driftet immer mehr in ein unverbindliches Selbstverständnis ab, bis er seine ursprünglich eingegangene Verbindlichkeit nicht mehr erträgt (Bsp. EFi).

Ich möchte jetzt aber zum Schluss kommen und Ihnen dabei ein Geständnis machen: Auch mich nervt die Kirche ganz schrecklich! Allerdings nicht die Institution selbst, mit der ich durchaus mitfühle und mitleide, aber mich nerven die Zustände in ihr und viele ihrer Repräsentanten: Manchmal die Deutsche Bischofskonferenz und einige Kardinäle und Bischöfe, der Zentralrat der Deutschen Katholiken, der Diözesanrat, das Ordinariat, einzelne Pfarrer, der Pfarrgemeinderat, die Stefanusgemeinschaft. Aber immer sind diese Schwächen, Fehler und Sünden einzelnen Menschen zuzuordnen, nie der Kirche als Institution. Nicht zuletzt ärgere ich mich über mich selbst, weil ich manchmal zu wenig streitbereit bin und zu schnell resigniere, nach dem Motto: Da kann man ja ohnehin nichts machen. Ich vermute, ähnlich wie mir ergeht es dem Papst, vielen Bischöfen und Priestern und nicht zuletzt Ihnen, liebe Stefanusfreunde.

Was muss sich also am dringendsten an der Kirche ändern? Mutter Theresa hat auf diese Frage einmal einem Journalisten eine ganz kurze Antwort gegeben: Wir beide, Du und ich! Dieser Antwort ist nichts mehr hinzuzufügen.

Tomas Morales: Die Stunde der Laien (2010)

Vor hundert Jahren stellte Papst Pius X. einigen Kardinälen die Frage: Was ist in der heutigen Gesellschaft am notwendigsten? Da kamen viele Antworten: Schulen errichten, Kirchen bauen, Priesterberufungen fördern, die christliche Medienarbeit verbessern usw. Der Papst sah sie an, schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein! Am notwendigsten heute ist, in jeder Pfarrei eine kleine Gruppe von Laien zu haben , die wahre, gebildete, entschiedene und furchtlose Apostel sind.“ Ein Jahrhundert ist seither vergangen, doch die kategorische Forderung des Heiligen Vaters ist bis heute noch nicht erfüllt, geschweige denn überholt, ganz im Gegenteil, sie ist dringlicher als je zuvor. Wir bilden uns heute immer noch ein, dass das Apostolat die ausschließliche Aufgabe der Priester und einiger weniger Heiliger sei und vergessen, dass Kleriker und Ordensleute kein Monopol darauf haben, das Evangelium zu verkünden.

Die Welt würde sich verändern, wenn alle Priester und Ordensleute sich dazu entschlössen, ein paar Laien als Mitarbeiter für das Apostolat um sich zu sammeln und - das muss man dazusagen - wenn wir genügend beten, damit uns der Hl. Geist von der Angst vor dieser Aufgabe befreit! Die Laien müssen erkennen, dass es an der Zeit ist, den christlichen Glauben in all seinen Dimensionen zu leben..

Dann werden sie freudig weitere Mitarbeiter suchen und sich den Schlaf aus den Augen reiben, der sie übermannt hat. Um eine gleichgültige und ungläubige Welt mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen, gibt es keine andere Lösung! Weltweit gibt es über eine Milliarde Katholiken. Trotz ihrer Zugehörigkeit zu Christus durch die Taufe kümmert sich jedoch die überwiegende Mehrheit nicht um sein Heilswerk. Die tiefste Wurzel der Krise, in der sich die Welt heute befindet, muss man in der Passivität der Getauften sehen, die in der Welt nicht länger Sauerteig sind ( vgl. Mt.13,33), sondern sich in eine träge Masse verwandelt haben.

Wenn die Laien dem Ruf des Evangeliums nicht nachkommen, kann die Kirche jene Gesellschaftsschichten nicht erreichen, die am weitesten von ihr entfernt sind. Die Situation ist vergleichbar einem potentiell fruchtbaren Land, das nach Wasser dürstet, und mittendurch fließt ein mächtiger Fluss, aber es fehlt an Bewässerungskanälen, die das Wasser auf die weiten, trockenen Felder leiten, so dass nichts wachsen kann. Deshalb ist die Passivität der Christen, ihr Desinteresse am Apostolat und ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche so unverständlich wie tragisch. Angesichts einer Welt, die „ohne es zu wissen, Wege beschritten hat, die Seele und Leib, Gut und Böse, Nationen und Völker in den Abgrund führen“ (Pius XII.), ist ihre Teilnahmslosigkeit und Passivität unentschuldbar.

Diese Passivität der Christen ist völlig unverständlich, denn der Getaufte lebt seine Identität nur, wenn er sich für andere hingibt, sich der Welt um ihn herum öffnet und so Christus ähnlich wird, der sein Leben für uns hingegeben hat, damit auch wir das Leben für sie hingeben.(1 Joh 3,16).

Außerdem ist sie tragisch hinsichtlich ihrer Konsequenzen für Zeit und Ewigkeit: tragisch für die Zeit, weil die Passivität der Getauften die Welt durch den Mangel an Liebe zum Ersticken bringt. Eine Gesellschaft, die vom Krebs des Egoismus zerfressen wird, will durch die Liebe erlöst werden. Ohne es vielleicht zu wissen, möchte sie Christus begegnen. Sie fühlt sich betrogen, wenn sie lhn nicht im Leben von Christen sehen kann, die sich selbstvergessen für andere hingeben.

Diese Passivität ist jedoch vor allem tragisch wegen ihrer ewigen Folgen. Scharen von Seelen gehen möglicherweise verloren, weil sie in ihrem Leben nie konsequenten Christen begegnet sind, die das Evangelium leben. Der Hl. Chrysostomus ist davon überzeugt, dass keiner das ewige Heil erlangen kann, der sich nicht für andere hingibt. Er sagt: „Ich kann beim besten Willen nicht glauben, dass einer gerettet wird, der sich in keiner Weise um die Rettung seines Nächsten bemüht hat.“

Für die Laien, die sich dieser Herausforderung stellen, ist die Aufgabe gewaltig: Erstens gilt es, eine Vielzahl von Getauften zurückzugewinnen, die den Glauben nicht leben und sich Tag für Tag - vor allem in den Tagen ihrer Jugend - von der Kirche abwenden und die schließlich in der Gleichgültigkeit versinken oder das rein Materielle vergötzen. Zweitens muss man jene fünf Sechstel der Menschheit ansprechen, die von der Gemeinschaft der Liebe, die die Kirche Jesu Christi verkörpert, noch getrennt sind.

Wenn es uns gelingt, die Laien zu mobilisieren, können wir ein Potential an Kräften freisetzen, das die Welt verwandelt. Noch sind diese Kräfte aufgestaut, aber sobald sich die Schleuse öffnet, werden sie altes überfluten. Es sind gewaltige , tiefgefrorene Energien, die man auftauen muss. Genau darin besteht unsere Aufgabe, dass wir dieses ungenutzte Potential freisetzen müssen - ein ungeahnt mächtiges Potential, das aber leider fast völlig unbekannt ist.

Hinderungsgründe bei der Mobilisierung der Laien

Bei der Mobilisierung der Laien gilt es vor allem zwei Schwierigkeiten zu überwinden, und zwar bei den Klerikern ebenso wie bei den Weltchristen.

Zum einen muss man sich von der Meinung verabschieden, dass die Kirche ein gemütliches Schiff sei, auf dem man bequem zum Himmel gelangt. Vielen fällt es schwer einzusehen, dass sie selbst rudern müssen, damit das Schiff vorankommt. dass man seine eigene Seele rettet, indem man anderen hilft, gerettet zu werden. Die Seele ist nämlich ein Schatz, den man nicht gewinnt, indem man ihn egoistisch für sich behält, sondern indem man ihn zum Wohl aller Menschen verschwendet.

Viele Laien betrachten sich nicht mehr selbst als „Salz der Erde“, wie es Christus uns aufgetragen hat, sondern schieben die Pflicht zur Evangelisierung allein den Priestern und Ordensleuten zu. Das ist eine sehr bequeme Ausflucht, die auch zu unserem gleichgültigen Rückzug aus der Gesellschaft passt. Die Hl. Teresa von Avila betont nachdrücklich, dass Gott eine Seele, die wir mit unserem Gebet und Fleiß für ihn gewinnen, viel höher schätzt als alle Dienste, die wir sonst für ihn verrichten können. Jetzt werden einige vielleicht einwenden: Ich habe mich aber nicht mit Theologie befasst und bin „nur“ eine Hausfrau mit Kindern oder ein Angestellter, der viel zu arbeiten hat oder ein Rentner, der jeden Tag beim Aufstehen spürt, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Nichts aber wäre falscher als zu meinen, man müsse theologisch gebildet sein oder gar seinen Stand als Laie aufgeben und Priester werden, um die Botschaft Jesu zu verbreiten. Man muss nur erfüllt und begeistert von Christus sein! In jedem Lebensstand - in welchem Beruf auch immer, ob gesund oder krank, gebildet oder ungebildet, alt oder jung, kann ein echter Christ ein Apostel sein. Es genügt, dass man die Taufe lebt, die in der Firmung bekräftigt, im Sakrament der Versöhnung erneuert und in der Eucharistie gestärkt wird. Der Laie besitzt als Getaufter die dynamische Kraft des Glaubens, die von ihm verlangt, dass er alle Bereiche der Gesellschaft mit ihr durchdringt und in der Arbeit, der Familie, der Erziehung und Kultur missionarisch wirkt, was die Priester und Ordensleute nicht leisten können. Von dieser für einen Christen heilsnotwendigen Einstellung haben sich die meisten Christen in Deutschland verabschiedet.

Darüber hinaus gibt es noch einen zweiten, tieferen Grund für die Passivität der Laien, dessen Wurzel im Willen liegt. Es geht um die Furcht davor, sich zu etwas zu verpflichten, die Angst, vor anderen Farbe zu bekennen und mutig zu einer Sache zu stehen. Als Laien schrecken wir - übrigens nicht anders als manche Geistliche - davor zurück, uns auf das Abenteuer des Glaubens einzulassen und ihn den anderen zu bringen. Das Ärgernis des Kreuzes, wie es im ersten Korintherbrief heißt , lähmt uns. Die Furcht vor beständiger Anstrengung, Einsamkeit oder Unverständnis, das einem konsequenten Christen immer begegnen wird, hält uns davon ab, uns entschieden um unsere eigene Heiligung und um die Missionierung unserer Mitmenschen zu bemühen.

Diese Erkrankung des Willens war zwar schon immer vorhanden, es handelt sich nämlich um eine Wunde, die die Erbsünde unserer Natur zugefügt hat: Alles, was wir beginnen, ermüdet uns alsbald wieder. Wir bevorzugen ein bequemes Leben ohne Probleme, das uns keine Unannehmlichkeiten bereitet, und uns auch nicht dazu zwingt, anderen welche zu bereiten. Aber auch wenn die Willensschwäche eine Krankheit aller Zeiten war, so müssen wir doch zugeben, dass sie insbesondere ein Übel unserer Tage zu sein scheint. Die Wohlstandsgesellschaft, der wir angehören, das Konsumdenken, das unser Leben prägt, und die beständigen Verlockungen zum oberflächlichen Genuss durch sinnliche Reize schwächen unseren Willen. Wir haben Angst vor dem Opfer, dem Verzicht auf unser bequemes Leben. Anstelle der Liebe macht sich heute überall Egoismus breit. Und deshalb leidet heute ein Großteil der Getauften in der westlichen Welt an Atrophie und Sklerose des Willens. Ein Organ, das nicht beansprucht wird, verkümmert. Wer erzieht heute in Familie, Schule und Freizeit den Willen - in der Anstrengung, in der Pflichterfüllung und in der Selbstlosigkeit? Die Herrschaft des Fernsehens mit seiner beständigen Aufforderung zum schrankenlosen Genuss setzt den Willen wie unter Drogen und stumpft ihn ab. Deshalb sind wir heute gar nicht mehr willens, die Welt zu retten, die im Verfall begriffen ist.

Man könnte sich auch fragen, wozu dienen die vielen kirchlichen Kongresse, Konferenzen und Beschlüsse, auf denen der Zustand der Welt beklagt und großartige Resolutionen verfasst werden, wenn der Wille von vornherein beschlossen hat, das Opfer zu fliehen und im bequemen Egoismus zu verharren? Trotz dieser „Versammlungswut“, einer Krankheit unseres Jahrhunderts, entfernt sich die Welt immer weiter von Christus.

Alfred Lange hat einmal gesagt: „In unserer Zeit der Entscheidung, der Zeit eines gigantischen Kampfes zwischen Gut und Böse, hat niemand das Recht, abseits zu stehen oder mittelmäßig zu sein.“ Wir dürfen uns keinen Illusionen hingeben : Der Feind ist auch nicht mittelmäßig. In einer kommunistischen französischen Zeitschrift, die sich an Katholiken wendet, stand vor einiger Zeit: Wir stellen der Sache des Kommunismus unser Geld zur Verfügung und widmen ihr unsere Freizeit sowie einen Teil unserer Ferien. Ihr dagegen opfert kaum eure Zeit noch spendet ihr Geld für die Ausbreitung der Botschaft Christi. Wie sollte jemand an den unübertrefflichen Wert dieses Evangeliums glauben, wenn ihr es weder lebt noch verkündet noch Zeit oder Geld dafür opfern wollt? Ihr habt doch in Wirklichkeit bloß Angst, euch die Hände schmutzig zu machen für euren Gott. (Paix et liberte‘) - Ein kämpferischer Atheist hat einmal in einer Versammlung vor Katholiken berichtet, wie erfolgreich seine Organisation die Kirche bekämpft und hat seine Rede mit den Worten geschlossen: Wir sind die Elite Satans. Und Ihr? Seid ihr die Elite Gottes? Ich glaube, vor dieser Frage müssen wir alle schuldbewusst zusammenzucken - aber wir dürfen es nicht dabei bewenden lassen, sondern müssen Gott darum bitten, dass er uns von unserer Lethargie befreit! Die Mobilisierung der Laien ist nämlich möglich und vielfach in der Geschichte auch schon geschehen. Greifen wir nur einmal eine historische Jahreszahl heraus, das Jahr 64 n. Chr., das einen hervorragenden Schauplatz bietet, um uns die sensationelle Ausbreitung des Christentums vor Augen zu führen. Wir befinden uns 30 Jahre nach dem Pfingstereignis in Jerusalem. Im Römischen Imperium gelten die Christen bereits als eigene Religionsgemeinschaft. Obwohl noch nicht einmal alle Evangelien geschrieben worden sind, ist die frohe Botschaft bereits in die entlegensten Gebiete des Imperiums gelangt: von den arabischen Wüsten bis zum Schwarzen Meer, von Afrika über Dalmatien bis nach Rom und Süditalien.

Das ist in erster Linie das Verdienst von Laien, die zum Glauben fanden - von Soldaten der römischen Armee, die weit im Imperium herumkamen, von Sklaven, die von der neuen Lehre ihre Menschenwürde zurückerhielten, von Hausfrauen, die ihre Familien bekehrten oder von Kaufleuten, die mit ihren Waren auch das Christentum verbreiteten. Petrus und Paulus begossen zu dieser Zeit die Grundfesten der Kirche mit ihrem Blut. In 30 Jahren haben die Zeugen des Pfingstereignisses mit der Hilfe derer, die sie bekehrt hatten, in allen Anrainerländern des Mittelmeeres das Christentum verbreitet.

Welch große Wunder wirkt doch der Hl. Geist, wenn sich die Seelen von ihm entzünden lassen! Man muss sich nur bewusst werden, dass das Apostolat eine Pflicht ist, die sich aus der Taufe selbst ergibt. Den ersten Christen war bewusst, dass die Kirche nichts Abstraktes, sondern lebendige Wirklichkeit ist. Jeder Einzelne der ersten Christen wusste, dass er selbst Kirche oder ein Zweiter Christus war, dazu berufen, Ihm sein Menschsein ganz zur Verfügung zu stellen, damit Er Sein Erlösungswerk durch ihn fortsetzen konnte. Die Folge davon war: „Der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.“(Apg.2,47)