Was mir so im Gehirn rotiert - Werner Arand - E-Book

Was mir so im Gehirn rotiert E-Book

Werner Arand

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Beschreibung

Amüsant bis nachdenklich, schrill oder elegant; in stets geschliffenen Versen bringt der Autor auf den Punkt, was ihm so im Gehirn rotiert. Die daraus resultierenden, meist gereimten Kurzgeschichten bewegen sich thematisch von der scheinbar schlichten Legende bis zur skurrilen Kriminalstory, von mancher Hommage an Großmeister der Literaturgeschichte bis an die Grenzen zur Parodie ebensolcher, vom unwiderleglichen Poetry-Nonsens bis zur Spekulation über Alles und Nichts. Witz und Überaschung ergeben sich aus den teils schrägen Sujets wie aus dem Experimentieren mit den Potenzialen der Sprache, aus Semantikjonglage und Wortakrobatik.

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Seitenzahl: 84

Veröffentlichungsjahr: 2018

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WERNER ARAND, Jahrgang 1935, produzierte in einem Berufsleben querbeet durch die kulturellen Sparten einen Haufen Sachtexte. Sein Vergnügen am kreativen, freien Umgang mit gebundener Sprache entdeckte er erst in ziemlich fortgeschrittenem Alter. Bewahrt aus seinem früheren Leben hat er sich die Leidenschaft für eine präzise, konsequent optimierte, verbindliche Form, mit welcher er seine meist gereimten Verse so klar wie abwechslungsreich strukturiert.

für Friedel † und Ruth

INHALTSVERZEICHNIS

DAS KAM SO Oder: Eine Art Prolog

LESERBRIEF Oder: Prosa gegen Poesie

INSPIRATION Oder: Vom Wasser hat's der Bach gelernt

HEIDELUST Oder: Ein Barde und sein Schüttelreim

LAST, LUST UND LIST Oder: Trilogische Hommage an Peter Rühmkorf

HOLPERSTEIN Oder: Der schüttelgereimte Lebenslauf des Heinrich von Wernstein

DOPPELMOPPEL UND TRIPELTIPPEL 1 - 6 Oder: Gestotter muss kein Unsinn sein

EIN SCHIFFER SCHIFFT Oder: Unwiderleglicher Nonsens

ALBTRAUM Oder: Groteske zwischen Zwölf und Eins

DAS KANNST DU NICHT Oder: Ich hoffe auf Milde

MORITAT, HINTERM DEICH ZU SINGEN Oder: Eine ziemlich schräge Hommage an Fritz Grasshoff, Wilhelm Busch, den Volksmund u. a.

HASE UND IGEL Oder: Auch Flügel machen keinen Dummen klug

GESCHOSSENE GESELLSCHAFT Oder: Sorry, hab‘ mich versippt

DER VERLIEBTE KAMM Oder: Nicht immer hält ein Blondschopf, was sich ein armer Tor davon verspricht

SCHIFFSMELDUNGEN Oder: Seltsame Botschaften aus fremden Sphären

ZEIT, RAUM,GOTT Oder: Was wir so glauben

KEIN MOND IST AUFGEGANGEN Oder: Wenn Matthias Claudius heute leben würde

ABSATZ Oder: Schwitters sah ihn relativ

WELTQUOTIENT Oder: Weisheit ist stets relativ zu sehen

TRUCKER'S NIGHTSONG Oder: Das konnte Herr von Goethe sich noch nicht vorstellen

DAS FRUSTRIERTE WIESEL Oder: Von wegen ästhetisch, Herr Morgenstern; nur total verknallt damals, das gute Tier!

ABSOLUT RELATIV Oder: Hatte Einstein eigentlich Recht?

BLASSE BLÄTTERSCHATTEN Oder: Welten können zwischen Dichtern liegen

PLAGIAT Oder: Alternativer Zapfenstreich I.

EHRENMANN Oder: Alternativer Zapfenstreich II.

DAS LIED VON DEM HAUSE Oder: Eine gewagte, immerhin pünktliche Hommage an Friedrich von Schiller

OBERGRENZE Oder: Auf ewig frei

MIT DEN WÖLFEN HEULEN Oder: Bernd Höcke gewidmet

FÄDEN SCHLUCKEN ODER: Kritische Materialprüfung

UND NOCHMAL EIN NEUES JAHR Oder: So ähnlich könnte Theodor Fontane sein Weihnachtsgedicht von 1891 heutzutage fortgesetzt haben

WIE ICH MICH SO FÜHLE Oder: Unter Umständen

ALLES VORBEI Oder: Eine Art Epilog

I. AM ANFANG WAR DER LESERBRIEF

DAS KAM SO

Oder: Eine Art Prolog

Kein Dichter bin ich, kein Poet!

Das sei hier mal gleich klargestellt.

Ich sitze nicht von früh bis spät

tiefschürfend über Gott und Welt.

Hab' erst als alter Mann begonnen

und einfach Spaß daran gewonnen,

all die ungereimten Sachen,

die mir so im Gehirn rotieren,

ohne Anspruch, Kunst zu machen,

in schlichten Versen zu notieren.

Warum?

Ein ehrenwerter Mann begann,

bei manchem Mitleid zu erregen

mit Versen, die er dann und wann,

unglücklicher Neigung wegen,

die er für Poesie empfand,

an die Presse eingesandt.

Die gereimten Holperstrophen,

frei von Sinn und Klarheit,

gerieten ihm zu Katastrophen.

Das ist die triste Wahrheit.

Und nun?

Es schaffen doch fast alle Laien,

Reime sauber hinzutrimmen,

wie Verse recht zu setzen seien,

dass Maß und Rhythmus stimmen.

Könnte man ihm das erklären?

Wird er sich dagegen wehren,

machte man sich gar damit verhasst?

Egal! Ich hab es einfach mal versucht,

in Versform einen Leserbrief1 verfasst,

auch wenn der ,Dichter‘ mich verflucht.

Und wann?

Mancher schafft gern früh am Tage,

kommt beizeiten in die Gänge.

Allerdings stellt sich die Frage,

ob mir das morgens schon gelänge.

In der Nacht, wenn ich die Runde

dreh' mit Timo, meinem Hunde,

sprudeln die Ideen nur so raus;

nachts, da werd' ich kreativ und rege.

Das Ergebnis drucke ich noch aus,

bevor ich in der Frühe mich zur Ruhe lege.

Und dann?

Der Gute holpert weiter wie bislang,

der wohl den Anstoß nicht auf sich bezog,

nicht spürt, wie ihm die Dichterei misslang.

Was mich selbst zur Reimerei bewog?

Ich sah, es ging mir flüssig von der Hand;

die Verse liefen nur so wie vom Band,

wenngleich wohl nicht auf höchstem Rang,

trainiere ich so immerhin komplexes Denken

und bin zufrieden, falls es mir gelang,

des Lesers Neugier auf den Rest zu lenken.

2011

1LESERBRIEF Oder: Prosa gegen Poesie, S. 14

LESERBRIEF

Oder: Prosa gegen Poesie

Oft kann man lesen in der Zeitung,

wie zu veröffentlichten Sachen,

mal mit, mal ohne viel Bedeutung,

sich Leser ihre Meinung machen.

Es ist ja immer interessant,

wie andere die Dinge finden,

die man vielleicht selbst anders fand

und so den Meinungsstrauß zu binden.

Da gibt es eine Menge Themen,

die es reizt zu kommentieren,

etwa wie manche sich benehmen,

die als Eliten sich gerieren

aus Wirtschaft oder Politik,

mal seinen Senf dazu zu geben,

wenn sie, immun gegen Kritik,

an den Finanzen sich verheben.

Ob wieder mal die Ratsfraktionen

über Problemchen sich entzweien,

etwa fehlende Millionen

für manches nicht vorhanden seien,

was aus der Bahnhotelruine1

irgendwann mal werden soll,

wohin bloß mit der dritten Schiene2,

wo gar kein Platz mehr da ist? Toll!

Leerstand in der Kaufpassage,

Preissteigerung bei Energie,

so was bringt Bürger echt in Rage,

auch andere Fragen, etwa die,

ob eine Pseudo-Ratsfassade3

den hohen Aufwand wirklich lohnt,

ein Schlichtbau an der Esplanade4

das Stadtbild negativ betont.

Kurzum: Das alles und weit mehr,

˗ nicht die Betuwe5 zu vergessen,

Umgehungsführung, Nahverkehr

und jede Menge Petitessen ˗

ergibt viel Stoff zum Diskutieren,

nachdem die Presse drüber schrieb.

Da kann sich mancher echauffieren,

wenn etwas ihn zur Weißglut trieb.

Dann schreibt man einen Leserbrief,

um seine Ansicht kundzugeben,

nachdem man erst mal drüber schlief,

oder auch gleich anzuheben.

In Prosa machen das fast alle,

da sie die größte Klarheit schafft.

Im einen oder andern Falle

nutzt jemand seine Dichterkraft.

Mancher liebt eben Poesie,

möcht' immer einen Reim sich machen.

Doch oft geht's besser ohne sie,

sei denn, man soll darüber lachen,

wenn Holperverse ohne Maß

und Rhythmus als Gedicht gedacht,

woran der Autor lange saß,

viel Mühe sich damit gemacht.

Ein Leserbrief hat mehr Gewicht

in klaren Worten abgefasst,

ist vorzuziehen dem Gedicht,

wenn weder Reim noch Versfuß passt.

Der Brief, den ich hier selber dichte,

soll kein schlechtes Beispiel geben.

Dass ich ihn alsbald vernichte,

schwöre ich bei meinem Leben.

2009

1 Das seit Jahren leerstehende frühere Bahnhotel wurde von der Stadt für einen beträchtlichen Preis erworben, um eine unerwünschte Nutzung zu verhindern, wirtschaftliche Vermarktung erscheint derzeit nicht in Sicht.

2 Bei einer Untertunnelung des Bahngeländes wurde offenbar jede Möglichkeit für ein vorgesehenes zusätzliches Gleis verbaut.

3 65 Jahre nach der Vernichtung des historischen Weseler Rathauses 1945 wird jetzt eine Nachbildung seiner spätgotischen Fassade einer modernen Neubauzeile am Großen Markt vorgesetzt. Stadt, Land und andere geben für den Unsinn einen Haufen Geld aus. Könnte man natürlich viel preiswerter in PVC tiefgezogen herstellen. Das hätte zudem den Vorteil, dass die potemkinsche Kulisse nicht nach einiger Zeit für das Original gehalten, sondern nach Auslauf des aktuellen Zeitgeistes ohne besonderen Aufwand entfernt werden könnte.

4 In ortsbildprägender Situation wurde vor einiger Zeit ein Geschäftsgebäude von grotesker Hässlichkeit errichtet. Geopfert wurde dieser Bausünde mit dem ehemaligen Sitz der Stadtwerke ein originelles, qualitätvolles Baudenkmal aus der Wiederaufbauphase nach nahezu völliger Kriegszerstörung der Stadt.

5 Betuwelinie: Am Niederrhein allgemein vehement abgelehnte Trassenführung der Güterbahnverbindung Rotterdam - Ruhrgebiet mit höchster Frequenzverdichtung, entsprechender Lärmbelästigung und unvertretbarem Gefährdungspotenzial.

II. SEMANTIKJONGLAGE UND WORTAKROBATIK

INSPIRATION

Oder: Vom Wasser hat's der Bach gelernt

Es begab sich, der Legende nach,

eines Sonntags in der Frühe,

da sah an einem kleinen Bach

den großen Bach man promenieren,

Herrn Johann Sebastian,

wie er ganz spontan begann,

sichtlich erheitert, ohne Mühe

ein neues Werk zu komponieren.

Was ihn dazu inspirierte?

Ein Steg über das Bächlein führte

aus Holz, mit einer Fugenspalte,

aus der das Plätschern lieblich schallte.

Dies fiel dem Meister sogleich auf

und im weiteren Verlauf

entstand in einem Zuge

die erste Bach'sche Fuge2.

2014

2 Höre: Bach, Johann Sebastian, Das Wohltemperierte Klavier, Praeludium und Fuge in C-Dur Nr. 1, BWV 846.

HEIDELUST

Oder: Ein Barde und sein Schüttelreim

An einem stillen Heidewege,

wo ich meine Weide hege,

saß im blühenden Heidekraut

die süße Maid mit Kreidehaut

und Wellenhaar aus purem Gold.

Im Hellen war sie, ach, so hold,

mit mir einen Gin zu heben

und sich lustvoll hinzugeben.

Ihr wohlgeformtes Wadenbein

berauschte mich wie Badenwein.

Feurig spürt' ich meine Sinne

wie jeder Barde seine Minne.

Im Bach am Fuß der Felswand,

worin ich einen Wels fand,

nahm ich noch ein Fußbad

und machte mich auf den Bußpfad.

2011

LAST, LUST UND LIST

Oder: Trilogische Hommage an Peter Rühmkorf3

Selten nur wird mir bewusst,

wie List verwandelt Last in Lust.

Andererseits ist's mir verhasst,

wird durch List die Lust zur Last.

Doch Lust auf Last ist oft nur List,

dass man die Mühen leicht vergisst.

Ich würde raten: Aufgepasst;

mit Lust auf List fällt man zur Last!

Hunger kann man auch mit Pillen

statt Stullen oder Stollen stillen.

Ich fand schon Spritzen und Ampullen

in stillen Stollen, doch nie Stullen.

Ein Streicher biss im Bus in seinen Bass

und machte sich die Hose nass.

Falls aus solcher Quelle eine Qualle quölle,

dächte ich an Jerome Bosch und an seine Hölle.

Ein Landwirt, sagt man, füttere in Iserlohn

Hahn und Huhn mit Most. Ein Hohn!

Und wenn der Bauer noch so stur ist:

Auch Mast mit Most ergibt nur Mist.

Ein Ross riss Ruß aus einer Esse

bei einem Schmied in Han-sur-Lesse.

In eine kahle Kuhle stampfte es die Kohle;

das Pferdchen wollte partout keine neue Sohle.

Es tragen, wie man hört, in Husen Hasen Hosen

und mümmeln Möhren nur aus Dosen.

Nackt hingegen starb bei Ulm ein Olm auf einer Alm

nach jähem Sturz von einem Halm.

Ändern sich auch rasch die Moden,

kaufen Luden doch im Laden meistens Loden,

und zum Feiern auf der Wies'n

betonen meine Basen den Busen gern mit Biesen.

Sie lohnt es mir mit einem Kuss,

wenn ich der Miss Maß nehmen muss

und hofft, dass ich die Zahlung ihr erlasse.

Doch kesse Küsse füllen keine Kasse.