Was nahm ihr den Lebensmut? - Patricia Vandenberg - E-Book

Was nahm ihr den Lebensmut? E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Das Ehepaar Dr. Daniel Norden und Fee sehen den Beruf nicht als Job, sondern als wirkliche Berufung an. Aber ihr wahres Glück finden sie in der Familie. Fünf Kinder erblicken das Licht der Welt. Die Familie bleibt für Daniel Norden der wichtige Hintergrund, aus dem er Kraft schöpft für seinen verantwortungsvollen Beruf und der ihm immer Halt gibt. So ist es ihm möglich, Nöte, Sorgen und Ängste der Patienten zu erkennen und darauf einfühlsam einzugehen. Familie Dr. Norden ist der Schlüssel dieser erfolgreichsten Arztserie Deutschlands und Europas. Für Dr. Norden war es nicht neu, daß sich Mütter um ihre heranwachsenden Töchter Sorgen machten. Bei Dana von Coslin jedoch verhielt es sich anders. Sie hatte keine Mutter mehr, und obgleich Dr. Norden das junge Mädchen schon zwei Jahre kannte, hatte er noch nicht erfahren, ob ihre Mutter nicht mehr lebte oder die Eltern geschieden waren. Dana war zwanzig Jahre jung und ein sehr selbständiges, natürliches und intelligentes junges Mädchen. Junge Dame sollte man besser sagen, aber sie hatte nur gelacht, als Dr. Norden dies angedeutet hatte. Sie studierte Informatik für Wirtschaft und Recht, woraus schon zu schließen war, daß sie keine weiblichen Ambitionen hatte. Ihr herbes Gesicht verriet Willenskraft und Entschlossenheit, und so war er auch gar nicht überrascht, als sie erklärte, daß sie mit ihrer Clique einen Abenteuerurlaub in Kanada plane. Sie wollte sich deshalb einmal durchuntersuchen lassen. »Was sagt Ihr Vater dazu?« fragte Dr. Norden beiläufig. Er kannte den Baron von Coslin als einen sehr konservativen Mann, obgleich er keinen Wert auf den Titel legte und auch in recht bescheidenen Verhältnissen lebte. Die Coslins gehörten zum verarmten Adel. Dana wurde leicht verlegen. »Er braucht es nicht zu wissen. Wir machen ja offiziell auch eine Studienreise, und auch Tante Milli weiß es nicht anders. Ihnen vertraue ich es an, weil ich ja wissen muß, ob ich etwaigen Strapazen auch gewachsen bin.«

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Seitenzahl: 121

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Familie Dr. Norden – 789 –Was nahm ihr den Lebensmut?

Patricia Vandenberg

Für Dr. Norden war es nicht neu, daß sich Mütter um ihre heranwachsenden Töchter Sorgen machten. Bei Dana von Coslin jedoch verhielt es sich anders. Sie hatte keine Mutter mehr, und obgleich Dr. Norden das junge Mädchen schon zwei Jahre kannte, hatte er noch nicht erfahren, ob ihre Mutter nicht mehr lebte oder die Eltern geschieden waren.

Dana war zwanzig Jahre jung und ein sehr selbständiges, natürliches und intelligentes junges Mädchen. Junge Dame sollte man besser sagen, aber sie hatte nur gelacht, als Dr. Norden dies angedeutet hatte.

Sie studierte Informatik für Wirtschaft und Recht, woraus schon zu schließen war, daß sie keine weiblichen Ambitionen hatte. Ihr herbes Gesicht verriet Willenskraft und Entschlossenheit, und so war er auch gar nicht überrascht, als sie erklärte, daß sie mit ihrer Clique einen Abenteuerurlaub in Kanada plane. Sie wollte sich deshalb einmal durchuntersuchen lassen.

»Was sagt Ihr Vater dazu?« fragte Dr. Norden beiläufig. Er kannte den Baron von Coslin als einen sehr konservativen Mann, obgleich er keinen Wert auf den Titel legte und auch in recht bescheidenen Verhältnissen lebte. Die Coslins gehörten zum verarmten Adel.

Dana wurde leicht verlegen. »Er braucht es nicht zu wissen. Wir machen ja offiziell auch eine Studienreise, und auch Tante Milli weiß es nicht anders. Ihnen vertraue ich es an, weil ich ja wissen muß, ob ich etwaigen Strapazen auch gewachsen bin.«

»Wenn Sie sich nicht hautnah mit einem Bären einlassen wollen, sind Sie schon einigen Strapazen gewachsen. Ich will Ihnen das Vorhaben auch nicht ausreden, möchte aber doch sagen, daß Sie gewisse Grenzen einhalten sollten. Lassen Sie sich nicht zu etwas überreden, dem Sie sich doch nicht gewachsen fühlen.«

»Ich weiß schon, was ich mir zumuten kann, aber ich weiß auch, was Sie meinen, Dr. Norden.«

»Ansonsten ist nichts dagegen einzuwenden, wenn wißbegierige junge Menschen die Nase in den Wind stecken und Länder und Leute kennenlernen wollen, anstatt faul irgendwo an einem Strand zu liegen und nach einem heißen Tag auch noch ein heißes Nachtleben genießen wollen.«

»Damit habe ich gar nichts am Hut und meine Freunde auch nicht.«

»Wie viele seid ihr denn?«

»Acht, und in Toronto treffen wir noch zwei, mit denen wir im Briefwechsel stehen.«

»Bekomme ich mal eine Karte?« fragte Daniel Norden.

Dana lachte. »Wenn ich einen Briefkasten finde? Wenn Tante Milli zu Ihnen kommt, verraten Sie ihr aber bitte nichts von unserem Gespräch. Sie ist zwar sehr modern eingestellt, aber ihr sind Urlaube mit einem bestimmten Ziel und einem guten Hotel auch lieber.«

Dana wohnte bei ihrer Tante Ludmilla von Coslin, die sie liebevoll Milli nannte, die auch ihre Patin war. Sie war zehn Jahre mit einem bürgerlichen Armin Dörfler verheiratet gewesen. Sie hatte ihren Namen behalten, und er hatte diesem seinen hinzugefügt. Dafür hatte er ihr dann ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, das ihr ein sorgenfreies Leben ermöglichte. Es hatte ihr, deren Ehe kinderlos geblieben war, auch gestattet, ihrer geliebten Nichte ein Zuhause zu geben. Ihr Bruder Al-brecht lebte nur für seine Hobbys, Orchideen und andere seltene Blumen und Pflanzen züchtete, während sich in einer riesigen Voliére eine Vielzahl von Vögeln tummelte, mit denen er ebenso sprach, wie mit seinen vier Hunden unterschiedlicher Rassen.

Albrecht von Coslin war ein wunderlicher Mann, er selbst sah sich nur als einen Naturfreund. Mit seinem Auto, das er unbedingt brauchte, weil er weitab vom nächsten Ort lebte, stand er ständig auf Kriegsfuß.

Dana besuchte ihren Vater regelmäßig, Milli kam auch manchmal mit. Sie fühlten sich ihm beide verbunden, aber sie wußten nicht viel mit ihm anzufangen, abgesehen davon, daß sie Freude an den Vögeln hatten, die herrlichen Blumen bewunderten und mit den guterzogenen Hunden gut Freund waren.

Über Danas Mutter wurde nicht gesprochen. Sie war aus ihrem Leben verschwunden, als Dana zwei Jahre alt gewesen war, weshalb sie auch keinerlei Erinnerung an sie hatte. Da Dana Tante Milli hatte, interessierte sie sich nicht für den Verbleib ihrer Mutter. Sie wußte nur, daß deren Vorname Marie Luise lautete.

Soviel hatte Dr. Norden im Laufe der Zeit auch erfahren. Da auch Milli keine sehr mitteilsame Frau war, war es auch dabei geblieben. Obgleich Fee gar zu gern mehr über die Coslins erfahren hätte. Sie hatte etwas für ungewöhnliche Menschen übrig.

*

Eine Patientin, die zu der Kategorie der besorgten Mütter gehörte und in ganz normalen Verhältnissen lebte, kam auch an diesem Vormittag zu Dr. Norden in die Praxis.

Zu Übertreibungen neigte Ursula Rieger nicht, und so wurde Dr. Norden sehr nachdenklich, als sie ihm erzählte, daß ihre Tochter Andrea sich auffallend verändert hätte, seit sie aus dem Urlaub, den sie mit ihrer Freundin Vicky Sanders in Kenia verbracht hatte, zurück sei.

Dr. Norden kannte Andrea als fröhliches, lebenslustiges Mädchen.

Jetzt war er verwundert, daß sie nicht zu ihm gekommen war, wenn sie irgendwelche Beschwerden hatte, denn Andrea hatte zu ihm auch immer Vertrauen gehabt.

Als Ursula Rieger sagte, daß Andrea manchmal unter Schwindelanfällen leide und sich übergeben müsse, fragte er gleich spontan, ob sie vielleicht schwanger sei.

»Zuerst habe ich auch daran gedacht und sie auch gefragt. Sie weiß doch, daß wir über alles reden können. Aber sie ist nicht schwanger. Bei ihr ist wenigstens das auszuschließen, aber sonst ist sie ganz eigenartig, so verschlossen. Das haben sie auch im Büro festgestellt, obgleich an ihrer Arbeit nichts auszusetzen ist. Ich glaube, sie hat das Lachen verlernt. Gibt es einen Virus, der die Psyche negativ beeinflußt, Herr Doktor?«

»Hat sie womöglich Liebeskummer?«

Ursula Rieger zuckte die Schultern.

»Sie hat noch keinen festen Freund, es fällt mir nur auf, daß sie sich kaum noch mit Vicky trifft, mit der sie in Kenia war. Mit meinem Mann kann ich darüber nicht reden. Er sagte, daß Andrea erwachsen sei und ich mich nicht mehr wie eine Glucke verhalten soll. Ihm fällt es anscheinend auch gar nicht auf, wie verändert Andrea ist. Ich übertreibe bestimmt nicht, Herr Doktor.«

»Wenn sie mal zu mir gekommen wäre, könnte ich etwas dazu sagen, aber so tappe ich auch im dunkeln.«

»Ich habe schon gesagt, daß sie Sie doch mal aufsuchen solle, aber sie war sehr abweisend und erklärte, daß ihr nichts fehle und ich ihr gewaltsam was einreden wolle. Was soll ich also machen? Würden Sie kommen, wenn sie mal wieder zusammenklappt?«

»Selbstverständlich. Sie brauchen nur anzurufen. Wie wäre es, wenn sie mal mit Andreas Freundin sprechen würden?«

»Das ist doch peinlich. Es sind ja erwachsene Mädchen, volljährig und berufstätig. Sie haben es nicht gern, wenn Eltern sich einmischen. Es würde zwischen Andrea und mir eine noch größere Spannung geben, wenn ich mit Vicky reden würde.«

Dr. Norden verstand schon, daß Frau Rieger sich Sorgen machte, denn er zweifelte jetzt nicht mehr, daß sie wirklich Grund dazu hatte. Helfen konnte er aber nicht, bevor er Andrea nicht gesehen hatte.

Vielleicht steckte da eine Urlaubsbekanntschaft dahinter, von der sie sich mehr versprochen hatte. Wie oft passierte es, daß in der Urlaubslaune ein heißer Flirt zu ernstgenommen wurde. Dann kam der Alltag, und Versprechungen wurden nicht eingehalten. Jeder war in seine Umgebung zurückgekehrt. Aber er hatte keine Zeit, sich darüber noch länger den Kopf zu zerbrechen. Er hatte genügend Patienten, die weitaus schwerwiegendere Probleme hatten.

*

Dana von Coslin und Andrea Rieger kannten sich flüchtig. Sie waren beide gute Schwimmerinnen und hatten sich schon öfter in der Schwimmhalle getroffen.

An diesem Tag trafen sie sich zufällig in der Apotheke. Dana wollte die Sachen für die Reiseapotheke kaufen, die sie noch brauchte, und Dr. Norden hatte ihr ein paar Medikamente aufgeschrieben, die sie für den Notfall bei sich haben sollte.

Andrea war nach ihr gekommen und hatte sich zurückgehalten.

Dana entdeckte sie, als sie bezahlte.

»Hallo, Andrea, dich sieht man ja gar nicht mehr«, sagte sie unbefangen. »Bist du etwa krank?«

»Nein, mir ist anscheinend der Urlaub nicht bekommen«, redete sich Andrea heraus. Sie wollte Dana nicht vor den Kopf stoßen, denn sie mochte die andere, wenn sie sich auch nicht oft sahen. Eine bessere Ausrede fiel ihr jedoch nicht ein.

»Wo warst du denn?« fragte Dana arglos.

»In Kenia.«

»Muß interessant sein, warst du mit einer Gesellschaft dort?« Dana wußte, daß Andrea bei den Eltern wohnte und zu den behüteten Mädchen gehörte. Manche hatten sich darüber lustig gemacht, aber Dana gehörte nicht dazu.

»Mit einer Freundin.« Es klang sehr reserviert, und Dana hakte nicht nach.

»Ich fliege übermorgen mit einer Clique nach Kanada«, erzählte sie, »aber Kenia würde mich auch interessieren. Wenn ich wieder in München bin, könnten wir uns ja mal treffen und Reiseerinnerungen austauschen, wenn es dir recht ist.«

»Du kannst mich ja anrufen«, erwiderte Andrea ausweichend. »Paß nur gut auf dich auf, fremde Länder bergen auch ihre Gefahren.«

Das hatte sie eigentlich gar nicht sagen wollen, es war ihr so herausgerutscht. Dana kam es auch erst viel später wieder in den Sinn.

*

Zu Hause angekommen wurde Dana von Tante Milli empfangen, die anscheinend gerade ausgehen wollte.

»Schick siehst du aus«, stellte Dana fest, »hast du was Größeres vor?«

»Hast du vergessen, daß ich heute in die Oper gehe?«

»Total vergessen, Milli! Ist Wagner an der Reihe? Dann wird es ja eine lange Sitzung.«

»Aber eine tolle Besetzung, sonst wäre ich nicht gegangen. Hast du noch was vor?«

»I wo, langsam muß ich doch meine Klamotten zusammensuchen. Übermorgen geht es los.«

»Ich weiß«, seufzte Milli. »Willst du deinen Vater nicht noch mal besuchen?«

»Ich rufe ihn an. Man hat ja immer das Gefühl, daß er nicht gestört werden will. Daß ein Mann von fünfzig Jahren überhaupt keine Ansprüche ans Leben stellt, will mir einfach nicht in den Sinn. Andere in seinem Alter turteln mit Teenagern herum.«

»Was ja wohl auch nicht normal ist. Immerhin scheint mein lieber Bruder zufrieden mit seinem Leben zu sein, und ich bin schließlich mit meinem auch zufrieden.«

»Du bist eine attraktive Frau und kontaktfreudig.«

»Aber mit Männern habe ich nichts mehr im Sinn, mein Schätzchen.«

Sie hatten ein besonders inniges Verhältnis, wenn sie auch so locker miteinander redeten.

Dana war kein Schmusekätzchen und Milli war mehr Freundin als Tante. Dana wußte aber genau, was sie Milli alles zu verdanken hatte. Das zeigte sie ihr auch.

Sie machte sich einen Espresso und knabberte ein paar Kekse, dann rief sie ihren Vater an.

Seine Gedanken schienen mal wieder sonstwo zu sein, nur nicht bei dem, was sie sagte.

»Ich wollte mich von dir verabschieden, Vater«, sagte sie.

»Wieso?« fragte er.

»Ich fliege nach Kanada.«

»Was machst du da? Hast du das Studium an den Nagel gehängt?« Jetzt schien er doch nachzudenken.

»Es sind Semesterferien, und ich mache mit Freunden einen Studienurlaub.«

Kurzes Schweigen. »Das hattest du ja schon mal angedeutet, wenn ich mich recht erinnere. Das kann ja sehr interessant sein. Dann wünsche ich dir schöne Erlebnisse und hoffe, daß du gesund wiederkommst.«

Sie staunte, daß er soviel gesagt hatte, und dazu noch ohne etwas zu beanstanden.

»Es geht dir doch gut, Vater?« sagte sie stockend.

»O ja, ich habe eine neue Orchidee gezüchtet, ich werde sie Dana nennen.«

Das rührte sie. Es war so selten, daß er ihr das Gefühl gab, für ihn vorhanden zu sein.

»Ach, was ich noch sagen wollte, früher ist einmal ein Onkel von uns nach Kanada ausgewandert, kurz vor dem Krieg. Frag mal Milli, sie hat ein besseres Gedächtnis als ich.«

Milli hatte nie einen Onkel erwähnt, und sie hatten viel öfter von Kanada gesprochen. Aber Dana war das auch egal. Was sollte sie mit einem Großonkel, der nach Kanada ausgewandert war und von dem sie nie etwas gehört hatten? Wenn er schon vor dem Krieg ausgewandert war, war das gewesen, bevor ihr Vater geboren worden war.

Sie war nach diesem Gespräch aber doch sehr nachdenklich geworden. Was mochte Vater so Tag für Tag in seiner selbstgewählten Einsamkeit wohl alles durch den Sinn gehen. Große Besitzungen in Südwest-Afrika, ein Gut in Ostpreußen, aber er selbst hatte das feudale Leben des früheren Adels gar nicht kennengelernt. Ihnen war nichts geblieben als der Name, der Stammbaum und diese kleine Landwirtschaft, die ihre Großeltern erworben hatten, als sie aus Ostpreußen fliehen mußten.

Sie begann die Sachen zu ordnen, die sie mitnehmen wollte. Sie tat das wohlüberlegt, denn sie wollte sich nicht unnötig belasten.

Unwillkürlich mußte sie wieder an Andrea denken, die anscheinend mit gemischten Gefühlen an ihren Urlaub in Kenia dachte. Hoffentlich ging es ihr nicht auch so.

Ach was, sagte sie zu sich selbst, es wird bestimmt eine tolle Sache!

*

Bei den Riegers herrschte an diesem Abend wieder mal eine ganz triste Stimmung, da Alfred Rieger Ärger im Büro gehabt hatte. Eine Schreibkraft war des Diebstahls beschuldigt worden, aber sein Gefühl sagte ihm, daß da Intrigen im Spiel waren, denn er kannte das Mädchen und ihre Eltern.

Er hatte gerade mit seiner Frau darüber sprechen wollen, als Andrea kam.

»Du bist ja schon zu Hause, Papa?« sagte sie gepreßt. »Ist es denn schon so spät?«

»Ich kann doch auch mal früher kommen. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, Andrea. – Sag mal, du kennst doch Christel Schuster auch.«

»Ja, was ist mit ihr?«

»Eine dumme Geschichte. Kohler bezichtigt sie, ihm Geld aus dem Schreibtisch gestohlen zu haben.«

»Kohler? Wahrscheinlich hat sie ihn abblitzen lassen, und dafür will er sich rächen«, meinte Andrea spöttisch.

Ihre Eltern sahen sie bestürzt an, denn mit solcher Reaktion hatten sie nicht gerechnet.

»Wie kommst du denn auf solche Gedanken?« fragte Alfred Rieger.

»Du kennst doch Kohler gar nicht«, sagte Ursula erregt.

Andrea lachte blechern auf. »Ich weiß, wie er auf dem Frühlingsfest die jungen Dinger angemacht hat, einfach widerlich. Er ist ein schmieriger Typ. Du solltest ihn rausschmeißen, Papa.«

Konsterniert sah Alfred seine Tochter an. »Was ist denn bloß los mit dir, Andrea. Wie kannst du so reden?«

»Du hast gesagt, daß Christel Schuster Kohler bestohlen hätte, aber sie stiehlt nicht. Hast du sie etwa schon gefeuert?«

Sie war plötzlich so aggressiv, wie man sie sonst nicht kannte.

Ursula war erschrocken, wie voller Haß Andrea plötzlich war.

»Ich muß diese Sache doch untersuchen lassen. Kohler will das zwar nicht, ihm würde es genügen, wenn sie entlassen wird, aber…«

»Da haben wir es ja schon«, fiel ihm Andrea ins Wort. »Er will sich an ihr rächen.«

»Du bist sehr schnell mit deinem Urteil«, sagte Alfred vorwurfsvoll.

»Du aber anscheinend auch, denn Christel ist ja nur eine kleine Tipse, und die sollen froh sein, wenn sie dem Chef gefällig sein dürfen. Ich werde jetzt zu Christel gehen. Sie soll Anzeige gegen Kohler erstatten wegen böswilliger Verleumdung.«

»Aber du kennst doch den ganzen Sachverhalt gar nicht, Andrea!«