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Die neue Praxis Dr. Norden - So war es nicht geplant, doch Dr. Danny Norden betrachtet es als Chance. Äußere Umstände zwingen ihn zu einem Neustart. Und diesen nimmt Danny tatkräftig in Angriff, auch, wenn er mit Abschied, Trennung, Wehmut verbunden ist. Dr. Danny Norden praktiziert jetzt in seiner neuen, modernen, bestens ausgestatteten Praxis. Mit Kompetenz, Feingefühl und Empathie geht er auf seine Patienten zu und schafft ein Klima, das die Genesung fördert: eben Dr. Danny Norden, wie er leibt und lebt, und er wird immer besser! »Ihr wart ein wunderschönes Brautpaar«, stellte Ophelia begeistert fest und wandte sich ihrer Großmutter zu, die neben ihr auf dem grünen Sofa im Esszimmer saß, während sie ihr das fertige Werk auf dem Laptop, den sie auf dem Schoß hielt, zeigte. Sie hatte es übernommen, die verschiedenen Filmaufnahmen, die die Familie von Ottilies und Hannes` Hochzeit vor vier Wochen aufgenommen hatte, zu einem Film zusammenzuschneiden. »Ich gebe zu, wir sehen recht gut aus«, stimmte Ottilie ihrer Enkelin lächelnd zu und betrachtete das Standbild, auf dem sie und Hannes zu sehen waren. Hannes trug einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine silbergraue Fliege, sie ein weißes Kostüm mit einer schmal geschnittenen Jacke und weiße Pumps. Das schulterlange rote Haar, das Strahlen in ihren hellen blauen Augen, alles an ihr ließ keinen Zweifel daran, dass sie eine glückliche Frau war. Als Ophelia den Film weiterlaufen ließ, sah Ottilie sich mit Hannes und ihren Gästen auf der Fähre, die vom Ufer des Starnberger Sees aus zur Roseninsel fuhr. Die von einem dichten Laubwald bewachsene Insel galt im Raum München als eine der ersten Adressen für eine romantische Trauung. Nachdem die Fähre angelegt hatte, folgte die Kamera, die ein Freund von Hannes bediente, dem Brautpaar und den Gästen. Zuerst liefen sie einen von Hecken gesäumten Weg entlang, der in einem Rosengarten mündete. Die Blüten der kreisförmig angeordneten Rosenbüsche schillerten in den unterschiedlichsten roten und gelben Farbtönen. Am Ende des Weges stießen sie auf ein im alpenländischen Stil mit viel Holz erbauten Haus, dem Sitz des Standesamtes auf der Insel. Isabella Strobel, eine freundliche Mittvierzigerin im hellblauen Dirndl, die auch schon Daniel und Olivia getraut hatte, erwartete sie bereits im Trauzimmer. Auch dort war viel Holz verbaut worden, Parkettboden, Holzdecke, eine halbhohe Holzverschalung an den hellgrünen Wänden und holzumrahmte Flügeltüren, die den Blick auf den See freigaben. Die Hochzeitsgäste nahmen auf den dunklen Holzstühlen Platz und verfolgten die Zeremonie in andächtiger Stille. Auch Oda, die in der ersten Reihe auf Daniels Schoss saß, und Vincent, den Olivia im Arm hielt, hörten aufmerksam zu. Erst nachdem Ottilie und Hannes laut und deutlich »Ja« gesagt hatten, Hannes Ottilie in die Arme nahm und zärtlich küsste, meldeten sich die Zwillinge zu Wort. »Hannes Oma so lieb habe!«
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2024
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»Ihr wart ein wunderschönes Brautpaar«, stellte Ophelia begeistert fest und wandte sich ihrer Großmutter zu, die neben ihr auf dem grünen Sofa im Esszimmer saß, während sie ihr das fertige Werk auf dem Laptop, den sie auf dem Schoß hielt, zeigte. Sie hatte es übernommen, die verschiedenen Filmaufnahmen, die die Familie von Ottilies und Hannes` Hochzeit vor vier Wochen aufgenommen hatte, zu einem Film zusammenzuschneiden.
»Ich gebe zu, wir sehen recht gut aus«, stimmte Ottilie ihrer Enkelin lächelnd zu und betrachtete das Standbild, auf dem sie und Hannes zu sehen waren.
Hannes trug einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und eine silbergraue Fliege, sie ein weißes Kostüm mit einer schmal geschnittenen Jacke und weiße Pumps. Das schulterlange rote Haar, das Strahlen in ihren hellen blauen Augen, alles an ihr ließ keinen Zweifel daran, dass sie eine glückliche Frau war.
Als Ophelia den Film weiterlaufen ließ, sah Ottilie sich mit Hannes und ihren Gästen auf der Fähre, die vom Ufer des Starnberger Sees aus zur Roseninsel fuhr. Die von einem dichten Laubwald bewachsene Insel galt im Raum München als eine der ersten Adressen für eine romantische Trauung.
Nachdem die Fähre angelegt hatte, folgte die Kamera, die ein Freund von Hannes bediente, dem Brautpaar und den Gästen. Zuerst liefen sie einen von Hecken gesäumten Weg entlang, der in einem Rosengarten mündete. Die Blüten der kreisförmig angeordneten Rosenbüsche schillerten in den unterschiedlichsten roten und gelben Farbtönen. Am Ende des Weges stießen sie auf ein im alpenländischen Stil mit viel Holz erbauten Haus, dem Sitz des Standesamtes auf der Insel.
Isabella Strobel, eine freundliche Mittvierzigerin im hellblauen Dirndl, die auch schon Daniel und Olivia getraut hatte, erwartete sie bereits im Trauzimmer. Auch dort war viel Holz verbaut worden, Parkettboden, Holzdecke, eine halbhohe Holzverschalung an den hellgrünen Wänden und holzumrahmte Flügeltüren, die den Blick auf den See freigaben.
Die Hochzeitsgäste nahmen auf den dunklen Holzstühlen Platz und verfolgten die Zeremonie in andächtiger Stille. Auch Oda, die in der ersten Reihe auf Daniels Schoss saß, und Vincent, den Olivia im Arm hielt, hörten aufmerksam zu. Erst nachdem Ottilie und Hannes laut und deutlich »Ja« gesagt hatten, Hannes Ottilie in die Arme nahm und zärtlich küsste, meldeten sich die Zwillinge zu Wort.
»Hannes Oma so lieb habe!«, rief Oda und klatschte in die Händchen.
»Super lieb habe!«, schloss sich Vincent an, was der Aufruf für die anderen Hochzeitsgäste war, das Ja-Wort des Brautpaares zu bejubeln.
»Die süßen kleinen Häschen«, flüsterte Ottilie, und sie war so gerührt, über die Anteilnahme der Zwillinge, dass sie ein paar Tränen vergoss.
»Es war eine wirklich außergewöhnliche Hochzeit«, stellte Ophelia fest, als die Kamera eine schlanke kleine Frau mit dunklem langem Haar zeigte, die in einer der hinteren Reihen neben Freunden des Brautpaares saß.
»Stimmt, es kommt sicher nicht so oft vor, dass die zweite Frau eines Mannes die zweite Hochzeit seiner Ex-Frau besucht«, entgegnete Ottilie lachend.
»Nein, vermutlich nicht«, stimmte Ophelia ihr zu. Dass ihre Großmutter und Hannes Catalina zur Hochzeit eingeladen hatten, war im Sinne der Familienzusammenführung eine wirklich gute Entscheidung.
»Ich bin unendlich froh, dass Tim Catalina begegnet ist und sie ihn gerettet hat«, sagte Ottilie.
»Was unsere große glückliche Familie noch einmal vergrößert hat«, entgegnete Ophelia lächelnd. Wie sich herausgestellt hatte, lebte ihr Großvater noch, der vor dreißig Jahren während einer Expedition in den Anden verschwand. Er hatte damals durch einen Unglücksfall sein Gedächtnis verloren, sein vorheriges Leben vergessen und mit Catalina, der jungen Ärztin aus Argentinien, die ihn einsam und verlassen in den Bergen fand und sich um ihn kümmerte, ein neues Leben begonnen. Inzwischen konnte er sich wieder an sein altes Leben erinnern und er, seine Frau und seine beiden erwachsenen Kinder waren nun auch ein Teil von ihrer Familie.
Tim, Ophelias Großvater, der wegen seines Unfalls an Ottilies Hochzeitstag noch im Krankenhaus lag, hatte an der Feier nicht teilnehmen können. Er und Catalina waren inzwischen wieder zu Hause in Buenos Aires. In den nächsten Winterferien wollten Ophelia, Olivia, Daniel und die Zwillinge die Familie in Argentinien besuchen.
»Ich habe Durst. Willst du auch ein Glas Orangensaft?«, fragte Ophelia und hielt den Film wieder an.
»Ja, ich könnte auch etwas trinken, gehen wir in die Küche«, sagte Ottilie.
»Dieser Mann hat wohl weniger Glück als wir«, stellte Ophelia fest, als sie gleich darauf aus dem Küchenfenster schaute, während Ottilie ihr ein Glas Orangensaft reichte und sie einen Mann in einem grauen Mantel mit einem schwarzen Rucksack auf dem Rücken auf der Straße vorbeilaufen sah.
»Wie kommst du darauf? Kennst du ihn?«, wollte Ottilie wissen, die sich auch ein Glas Orangensaft eingegossen hatte.
»Seit einigen Tagen steht er jeden Morgen an diesem Imbiss an der U-Bahn-Station und trinkt einen Kaffee. Letzte Woche waren Marius und ich auf dem Weg zur Schule gerade auf Höhe des Imbisses, als der Mann plötzlich zusammenbrach.«
»Ich nehme an, du bist gleich hingelaufen, um ihm zu helfen«, entgegnete Ottilie und betrachtete ihre Enkelin mit einem liebevollen Lächeln.
»Ja, natürlich habe ich das gemacht. Die anderen Leute, die vorbeikamen, haben einfach nur hilflos dagestanden. Während meines Praktikums in Daniels Praxis habe ich ja einiges über Erste Hilfe gelernt.«
»Ein guter Arzt, eine Sanitäterin der Feuerwehr und Sophia, als ehemalige OP-Schwester, ich bin sicher, dass du einiges gelernt hast«, stimmte Ottilie ihrer Enkelin zu. »Konntest du dem Mann denn auch helfen?«
»Als ich zu ihm kam, war er schon wieder bei sich. Er meinte, es sei ihm nur kurz schwindlig geworden. Ich habe seinen Puls gefühlt, der ein bisschen erhöht war, und Marius hat ihm ein Glas Wasser besorgt. Ich wollte dann einen Krankenwagen rufen, aber das hat er strikt abgelehnt. Ich habe ihm geraten, wenigstens einen Arzt aufzusuchen.«
»Und das wollte er auch nicht?«
»Nein, wollte er nicht, ich habe ihm aber trotzdem die Adresse und die Telefonnummer von Daniels Praxis auf eine Serviette geschrieben und ihm erklärt, dass er diesem Arzt vertrauen kann.«
»Das heißt, du hattest den Eindruck, er misstraut Ärzten?«
»Zumindest traut er sich wohl nicht, einen Arzt aufzusuchen. Vielleicht ist er obdachlos und schämt sich dafür.«
»Wie kommst du darauf, dass er obdachlos ist?«
»Er hat immer dasselbe an und er sieht immer zu Boden, so als wollte er nicht erkannt werden.«
»Du hast ihn offensichtlich genau beobachtet«, stellte Ottilie fest und schaute dem Mann mit dem kurzen hellen Haar nach, den sie auf Mitte fünfzig schätzte.
»Es ist mir halt aufgefallen, dass er immer so traurig aussieht. Mir tun Menschen eben leid, die nicht so viel Glück wie wir haben und Teil einer liebevollen Familie sind.«
»Aber du weißt schon, dass du nicht die ganze Menschheit retten kannst«, sagte Ottilie und legte ihren Arm um Ophelias Schultern.
»Nein, das werde ich wohl nicht schaffen«, stimmte Ophelia ihr zu. »Aber vielleicht kann ich ja ein paar retten.«
»Es gibt spezielle Anlaufstellen für Obdachlose, wenn sie medizinische Hilfe brauchen.«
»Ja, weiß ich, aber vielleicht hat er ja eine Krankenversicherung. Mama hat mir mal erzählt, dass es manche Menschen auf die Straße zieht, weil sie Schlimmes erlebt haben und sie deshalb aus dem normalen Leben aussteigen. Einige gehen tageweise arbeiten, um sich zumindest ihre Krankenversicherung zu erhalten, damit sie der Gesellschaft nicht zur Last fallen.«
»Das ist richtig, so etwas kommt vor. Diese Menschen haben von allen, die unser sogenanntes normales Leben aufgeben, die beste Chance, in einen geregelten Alltag zurückzufinden.«
»Er biegt in die Einfahrt zur Praxis ein«, stellte Ophelia gleich darauf fest, die den Mann nicht aus den Augen ließ.
»Dann war dein Rat, sich medizinische Hilfe zu suchen, wohl erfolgreich.«
»Falls er nicht vor der Praxistür noch umkehrt, dann schon.«
»Hoffen wir für ihn, dass er es nicht tut. Selbst wenn Daniel ihn nicht als Patienten aufnehmen kann, wird er ihm die richtigen Tipps geben, wohin er sich wenden kann, und ihm auch klarmachen, dass es ihm nicht peinlich sein muss, diese Hilfe anzunehmen.«
»Deshalb habe ich ihm die Visitenkarte der Praxis gegeben. Wir können nicht einfach die Augen vor der Not der anderen verschließen, nur weil wir gerade nicht dafür zuständig sind.«
»Da sehe ich bei dir keine Gefahr, mein Schatz. Aber wie gesagt, du kannst nicht alle retten. Und jetzt sehen wir uns den Film weiter an. In Ordnung?«
»Auf jeden Fall«, sagte Ophelia. »Und wenn du den Schnitt genehmigst, dann machen wir am Wochenende einen Filmabend mit der ganzen Familie.«
»So machen wir es, mein Schatz«, sagte Ottilie und streichelte ihrer Enkelin liebevoll über das Haar.
*
»Guten Tag, was können wir für Sie tun?«, fragte Lydia den Mann in dem grauen Mantel, der vor ihr am Tresen stand und sie anschaute, dem es aber offensichtlich schwerfiel, etwas zu sagen. »Geht es Ihnen nicht gut?«, wollte sie wissen und sah ihn mitfühlend an.
»Ich denke, ich hätte nicht herkommen sollen«, entgegnete der Mann leise und wandte sich zum Gehen.
»Es ist in Ordnung, dass Sie hergekommen sind. Sagen Sie mir, wie wir Ihnen helfen können«, bat Lydia den Mann.
»Ich habe Konzentrationsschwierigkeiten und Kopfschmerzen«, sagte er.
»Dann sind Sie bei uns richtig.«
»Meine Krankenversicherungskarte ist nur noch einen Monat gültig.«
»Gültig ist gültig«, sagte Lydia.
»Ich kümmere mich um eine neue Karte«, entgegnete der Mann und legte seine Versicherungskarte auf den Tresen.
»Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz, Herr Glaser«, bat Lydia den Mann, auf dessen Versicherungskarte Rudi Glaser stand.
»Danke«, sagte er, steckte seine Versicherungskarte in seine Manteltasche und ging in das Wartezimmer mit den gelben Sesseln und den hochgewachsenen Grünpflanzen, das nur durch eine Glaswand von der Empfangsdiele getrennt war.
Die Nachmittagssprechstunde hatte gerade begonnen und es saßen erst zwei Patienten im Wartezimmer, zwei ältere Herren in Trachtenanzügen, die in der Nachbarschaft wohnten und regelmäßig in die Sprechstunde kamen. Der eine wegen seines Rheumaleidens, der andere wegen seiner Neurodermitis. Rudi Glaser setzte sich auf den Sessel am anderen Ende des Wartezimmers, so weit wie möglich von den beiden Herren entfernt, die sich angeregt miteinander unterhielten.
»Wer ist das? Den Mann habe ich bei uns bisher noch nicht gesehen«, stellte Sophia fest, die das Labor für die Nachmittagssprechstunde vorbereitet hatte und noch einmal zum Tresen kam, bevor sie den ersten Patienten zur Blutabnahme zu sich bat.
»Sein Name ist Rudi Glaser, ich habe ihn auch noch nie gesehen. Es scheint ihm höchst unangenehm, hierhergekommen zu sein. Obwohl es ihm ganz offensichtlich nicht gut geht, wollte er gleich wieder umkehren, als er vor mir am Tresen stand.«
»Aber du hast ihn davon überzeugt, zu bleiben.«
»Ich denke, er braucht Hilfe«, sagte Lydia und schaute ins Wartezimmer. »Tu mir einen Gefallen und rufe Herrn Otto und Herrn Ambrosius zuerst ins Labor, bevor sie zu Daniel ins Sprechzimmer gehen. Dann kann ich Herrn Glaser vor ihnen zu Daniel schicken.«
»Bevor ihn erneut der Mut verlässt.«
»Richtig.«
»Alles klar, dann machen wir es so«, stimmte Sophia ihrer Freundin und Kollegin zu.
Da Daniel bereits vor ein paar Minuten in die Praxis gekommen war, dauerte es nicht lange, bis Rudi Glaser durch den Lautsprecher im Wartezimmer von Daniel gebeten wurde, ins Sprechzimmer zu kommen.
»Hallo, Herr Glaser, bitte setzen Sie sich«, bat Daniel seinen ersten Patienten an diesem Nachmittag.
»Danke, Herr Doktor«, sagte Rudi und nahm auf einem der beiden Stühle vor Daniels Schreibtisch Platz.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte Daniel.
»Eigentlich wollte ich gar nicht zu einem Arzt gehen, aber ein junges Mädchen hat mir Ihre Visitenkarte in die Hand gedrückt und mir geraten, mich an Sie zu wenden, falls ich gesundheitliche Probleme habe. Sie meinte wohl, dass Sie mich wegen meines Lebenswandels nicht verurteilen werden.«
»Warum sollte ich Sie verurteilen?«
»Ich lebe auf der Straße«, sagte Rudi und senkte den Blick.
»Es gibt Lebensumstände, die Menschen überfordern können«, entgegnete Daniel mitfühlend.
»Ich gehöre wohl zu diesen Menschen«, seufzte Rudi.
»Was ist passiert?«, fragte Daniel.
»Meine Frau hat mich verlassen und hat meinen Sohn mitgenommen. Sie hatte bessere Anwälte als ich und hat es geschafft, das alleinige Sorgerecht für ihn zu bekommen. Ich habe den Jungen nie wiedergesehen. Irgendwann dachte ich dann, dass alles keinen Sinn mehr macht. Es war eine Kurzschlussreaktion, aber ich konnte nicht anders. Ich wollte einfach nicht mehr.«
»Wie lange ist das her?«
»Fünfzehn Jahre. Ich war damals Börsenmakler, uns ging es finanziell gut, aber ich habe viel gearbeitet und war oft auf Reisen.«
»Haben Sie nie nach Ihrem Sohn gesucht?«
»Nachdem meine Frau das Sorgerecht bekam, habe ich nichts mehr von ihr gehört. Als ich dann auf der Straße lebte, war es ohnehin vorbei.«
»Sie müssen nicht auf Dauer so leben.«
»So wie ich mich im Moment fühle, muss ich mir um die Zukunft wohl keine Gedanken mehr machen«, sagte Rudi leise und ließ seinen Blick durch das helle Sprechzimmer mit den weißen Möbeln und der schönen alten Standuhr aus rotem Ahornholz schweifen.
»Welche Beschwerden haben Sie, Herr Glaser?«, fragte Daniel.
»Seit ein paar Wochen habe ich oft Kopfschmerzen und Schwindelanfälle, ich kann mich auch nur noch schlecht konzentrieren. Nicht, dass ich mich wirklich auf etwas konzentrieren müsste, aber hin und wieder lese ich Zeitung oder ein Buch. Ich werde dann immer schnell müde oder verliere den Faden und muss einen Absatz zweimal lesen.«
»Wann waren Sie denn das letzte Mal bei einem Arzt?«
»Das ist schon einige Jahre her, vielleicht fünf Jahre oder auch sechs oder sieben. Ich weiß es nicht mehr«, gab Rudi zu.
»Schon in Ordnung, dann machen wir jetzt erst einmal ein großes Blutbild. Falls das zu keiner Erklärung für Ihre Beschwerden führt, werden wir genauer suchen. Wollen wir es so machen, Herr Glaser?«
»In Ordnung«, willigte Rudi in Daniels Vorschlag ein.
