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Arttu Tuominen

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Beschreibung

Auf einen Nachtclub, den queere Partyleute gerne besuchen, wird ein Anschlag verübt. Ein Fanatiker, der sich in einem Bekennervideo als »Abgesandter« bezeichnet, hat Handgranaten in den Nachtclub geworfen. Fünf Menschen werden getötet und viele schwer verletzt. Kommissar Henrik Oksman von der Kripo in Pori übernimmt die Ermittlungen. Oksman war kurz vor dem Anschlag jedoch auch in dem Club - wovon niemand etwas wissen darf. Der Anschlag sorgt für große mediale Aufmerksamkeit. Im Internet verbreitet sich das Bekennervideo wie ein Lauffeuer, und die Foren quillen über vor Mutmaßungen, ob der Täter weiter morden wird. Und genau das muss Oksman verhindern: einen weiteren Anschlag.

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2022

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INHALT

CoverÜber das BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungProlog123456789101112131415161718192021222324252627282930313233343536373839404142434445464748Epilog

ÜBER DAS BUCH

Auf einen Nachtclub, den queere Partyleute gerne besuchen, wird ein Anschlag verübt. Ein Fanatiker, der sich in einem Bekennervideo als "Abgesandter" bezeichnet, hat Handgranaten in den Nachtclub geworfen. Fünf Menschen werden getötet und viele schwer verletzt.

Kommissar Henrik Oksman von der Kripo in Pori übernimmt die Ermittlungen. Oksman war kurz vor dem Anschlag jedoch auch in dem Club – wovon niemand etwas wissen darf. Der Anschlag sorgt für große mediale Aufmerksamkeit. Im Internet verbreitet sich das Bekennervideo wie ein Lauffeuer, und die Foren quillen über vor Mutmaßungen, ob der Täter weiter morden wird. Und genau das muss Oksman verhindern: einen weiteren Anschlag.

ÜBER DEN AUTOR

Arttu Tuominen, geboren 1981, wurde für seinen Kriminalroman Was wir verschweigen in Finnland vielfach ausgezeichnet. Kritiker und Leser waren begeistert von den geschickt in die Story verwobenen Rückblenden in die Kindheit der Protagonisten sowie der sensiblen Zeichnung der komplexen Charaktere.

Arrtu Tuominen lebt mit seiner Familie in der Küstenstadt Pori, in Mittelfinnland, dem Schauplatz des vorliegenden Krimis. Neben dem Schreiben hervorragender Kriminalromane arbeitet der Autor auch als Ingenieur für Umwelttechnik.

ARTTU

TUOMINEN

WAS WIRVERBERGEN

KRIMINALROMAN

Übersetzung aus dem Finnischenvon Anke Michler-Janhunen

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Titel der finnischen Originalausgabe:

»Hyvitys«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2020 by Arttu Tuominen

First published in Finnish language by Werner Söderström Ltd (WSOY), Published in German by arrangement with Bonnier Rights, Helsinki

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2022/2023 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, Köln

 

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.

 

Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

Einband-/Umschlagmotiv: © Amedeo Zullo/shutterstock; © Sea Wave/shutterstock; © Denis Belitsky/shutterstock

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-2811-9

luebbe.de

lesejury.de

 

Für Julia,

die Mutigste

PROLOG

Im Halbdunkel glänzen die Augen des Mannes fast schwarz. Die Bäume vor dem Fenster schwanken im Lichtkegel der Straßenlaternen und zeichnen feine Figuren auf sein Gesicht. Der Mann sitzt auf einem Holzhocker vor seinem Schminktisch und betrachtet sich im Spiegel. Der Fernseher dröhnt, eine Talkshow läuft. Der Erzbischof der evangelisch-lutherischen Kirche Finnlands ist anwesend, es geht um das Gesetz zur Ehe für alle. In der Runde sitzen außerdem je eine Parlamentsabgeordnete des Linksbündnisses und der Christdemokratischen Partei, ein Vertreter des Vereins für sexuelle Gleichberechtigung Seta sowie der Sprecher von »Widerstehe! – Heilung durch Glauben«, einer christlichen Kampagne, bei der finnische Jugendliche auf YouTube darüber berichten, wie sie sich von der Homosexualität abgewendet und zu Gott gefunden haben.

»Hätte Gott die Homosexualität gewollt, dann hätte er das auch deutlich gesagt und sie nicht verdammt …«

»Wo bitte hat Gott die Homosexualität verurteilt? Diese Bibelstelle müssen Sie mir erst mal zeigen!«

Der Mann vor dem Spiegel fährt sich über Wange, Kinn und Hals. Seine Fingerspitzen kratzen über die Bartstoppeln.

»Die Bibel ist in dieser Hinsicht ganz eindeutig …«

»Wenn zwei Menschen sich lieben, warum sollte die Gesellschaft sich dann zwischen sie stellen …«

Der Mann hat aschgraue Augen, eine schmale Nase und dünne, leicht nach unten gezogene Lippen. Seine Haare sind schwarz und widerspenstig wie die Mähne eines Löwen. In seinen Zügen liegt eine Spur harter Kälte, aber auch Traurigkeit.

»Was sagen Sie zu den offen rassistischen Demonstrationen auf dem Bahnhofsvorplatz in Helsinki, die schon seit April andauern? Sollte man sie beenden?«

»In Finnland gibt es das Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit …«

»Aber es ist Aufgabe der Polizei, Rassismus und Hetzreden zu unterbinden, die die öffentliche Sicherheit …«

Angewidert betrachtet er sein Spiegelbild: Hervorstehende Wangenknochen, kräftiger Hals und ein Bartwuchs, dem auch mit dem schärfsten Rasierer nicht beizukommen ist. Und erst sein Körper: breite Schultern, breiter Brustkorb und muskulöse Arme. Er hasst jedes Detail, das er sieht, das er berührt.

»Die Gesetzesinitiative für das Recht auf eine gleichgeschlechtliche Ehe haben bisher über einhunderttausend Bürger unterschrieben. Ist das nicht ein deutliches Signal …«

»Ich habe das Mandat von sechstausend Wählerinnen und Wählern und werde mich nicht von ihnen abkehren …«

Der Mann verteilt mit langsamen, exakten Bewegungen Make-up im Gesicht und pudert es anschließend leicht. Nach und nach verschwinden die kleinen Makel, Falten und Poren. Er trägt Lidschatten auf, tuscht sich die Wimpern und umrandet die Augen mit Kajal. Jeder Handgriff, jede Berührung lindert seine Abscheu. Irgendwo dort – unter der Hülle – wohnt sein wahres Ich. Jetzt vermag er im Spiegel einen leichten Schimmer davon zu erkennen, als könnte er einen kurzen Blick durch einen schmalen Türspalt werfen.

Das Innere war schön. Bunt. Lebendig.

Er befestigt ein Haarnetz, malt die Lippen rot an und setzt sich eine Perücke auf. Blonde Haare breiten sich wie ein Vorhang über seinen Rücken. Der Mann erhebt sich und schaltet den Fernseher aus. Die Perlen um seinen Hals schimmern im Dunkeln ebenso matt wie seine Augen, doch trifft sie ein Lichtstrahl, erstrahlen sie hell wie Elfenbein.

Er legt einen Büstenhalter um, nimmt das lange rot-weiße Kleid vom Bügel, legt sich ein Tuch um die Schultern und begutachtet sich im Spiegel. Er unterdrückt das Lächeln, das er in sich aufsteigen fühlt. Würde er lächeln, verflöge der Zauber. Diesen Augenblick will er genießen, obwohl er weiß, dass der Moment kommen wird, in dem der Glasschuh zu Boden fällt und zerspringt. Denn er zerspringt immer.

Das Taxi lässt ihn an der Yrjönkatu in Höhe des Marktplatzes heraus. Ein betrunkener Jugendlicher grölt etwas und fasst sich in den Schritt. Ein anderer pfeift. Der Türsteher vor dem Nachtklub hält ihm die Tür auf, und der Mann steckt ihm einen Schein zu. Drinnen ist es schummrig, bunte Lichter blinken. Bässe dröhnen. An der Garderobe herrscht Andrang, Körper berühren ihn. Er zwängt sich ins Gewühl, fühlt schwitzige Haut, riecht Schweiß und hört die Musik.

Der Tanzboden ist voll. Eine Nebelmaschine verbreitet schweren Dunst zwischen den Tanzenden. Er läuft quer durch den Club zur Damentoilette. Unterwegs streicht ihm jemand über den Oberschenkel, zieht aber nach einem Blick in sein Gesicht die Hand rasch wieder zurück. Ein ununterbrochener Strom von Menschen drängt sich ihm entgegen. Männer, Frauen, manche wie er, andere. Auf der Toilette prüft er sein Make-up und lächelt einer Frau, die sich neben ihm die Lippen nachzieht, im Spiegel zu. Sie lächelt zurück.

Im Gang schlägt ihm wieder der hämmernde Bass entgegen. Zwei Männer küssen sich an die Wand gelehnt. Er geht zur Bar und setzt sich auf einen gerade freigewordenen Hocker. Der junge Mann, der sich von der Bar entfernt, sieht ihn an und dreht sich kurz darauf noch einmal um. Ihre Blicke treffen sich. Er zwinkert und wirft dem jungen Mann einen Luftkuss zu. Der junge Mann schaut ihn verdutzt an, wendet sich ab und verschwindet in der Menge.

Er bestellt sich eine Flasche Mineralwasser ohne Eis und schaut zur Tanzfläche. Im blitzenden Strobolicht wirken die Bewegungen der Tanzenden abgehackt, wie in einem in Zeitlupe abgespielten Film. Plötzlich spürt er, dass ihn jemand am anderen Ende des Tresens anstarrt. Der andere hat ein gebräuntes Gesicht, einen Dreitagebart und dunkle Augen. Er trägt einen grauen Blazer und darunter ein weißes Hemd, an dem die oberen beiden Knöpfe offen stehen. Der Mann im Blazer sieht zu ihm herüber und lächelt. Er lächelt zurück. Der andere erhebt sich und kommt auf ihn zu. Er kann das Rasierwasser riechen. Sein Blick wandert zum offenen Kragen.

Der Mann im Blazer flüstert ihm etwas ins Ohr, bringt ihn zum Lachen. Sie gehen auf die Tanzfläche. Der andere nimmt ihn an der Hand und zieht ihn in die Menge. Er fühlt die Musik und die auf sie gerichteten Blicke. Er lässt sich von der Musik treiben, heute macht er sich nichts daraus. Seine Füße heben sich vom Boden, der Kopf fällt in den Nacken und die ganze Zeit bleibt der Mann im Blazer nah bei ihm, drückt ihn an sich, dreht ihn, berührt ihn und lacht.

Sie treten aus dem Nachtklub auf die Straße und überqueren Hand in Hand den Marktplatz in Richtung Hotel. Die Sommernacht ist hell, trotzdem brennen die Laternen. Man ruft ihnen hinterher, aber der Mann im Blazer zieht ihn nur noch fester an sich. Die Absätze klappern. Im Aufzug küssen sie sich das erste Mal. Ihre Lippen pressen sich aufeinander, die Hüften drängen zueinander. Er greift dem anderen ins Haar und lässt die Hand in dessen Nacken gleiten.

Die Hotelzimmertür fällt hinter ihnen ins Schloss. Der Mann hofft, der Glasschuh möge in dieser Nacht nicht zerschellen. Doch er weiß, dass er auch diesmal fallen wird, dass er ganz sicher fällt und zersplittert.

1

Er starrte an die weiß getünchte Hotelzimmerdecke. Der Mann aus dem Nachtklub lag neben ihm und schlief. Die Bettdecke hob und senkte sich im Rhythmus seiner Atemzüge. Geräusche von draußen hatten ihn geweckt. Etwas, das klang wie das Grollen eines Donners. Ein Hund bellte, die Alarmanlage eines Autos heulte.

Er richtete sich auf und stellte die nackten Fußsohlen auf den Teppichboden. Es war jener Moment der Nacht, in der der Zauber erlosch. Er stand auf und ging ins Bad. Das Licht brannte grell. Im Spiegel betrachtete er sich. Unter dem Make-up trat sein stoppeliges Gesicht hervor. Er verabscheute sich heftiger denn je.

Dann ging er zum Bett zurück und sammelte leise, um den Schlafenden nicht zu wecken, seine Kleidungsstücke vom Boden auf. Draußen waren jetzt Sirenen näherkommender Einsatzfahrzeuge zu hören. Sein Handy auf dem Nachttisch blinkte. Als er den Namen des Anrufers auf dem Display sah, runzelte er die Stirn. Er ging ins Bad und drückte die grüne Taste.

»Oksman.«

»Habe ich dich geweckt?«, erkundigte sich Jari Paloviita.

»Es ist halb vier.«

»Zieh dich an. Ich hole dich in zehn Minuten ab.«

»Was ist passiert?«

»Im Nachtklub Venus gab es eine Explosion. Im Gebäude brennt es, mehrere Menschen sind verletzt. Warum flüsterst du? Hast du eine Frau bei dir?«

»Ich habe bei meinen Eltern übernachtet. Meine Mutter ist krank. Wir treffen uns in zwanzig Minuten vor dem Nachtklub.«

Polizeioberkommissar Henrik Oksman beendete das Telefonat, ging zum Fenster und schaute durch die Vorhänge auf die Straße hinunter. Immer mehr Polizeiautos rollten heran. Zwei Feuerwehrfahrzeuge und ein Rettungswagen rauschten am Hotel vorbei.

»Musst du los?« Der Mann im Bett hatte sich aufgesetzt. Er blinzelte schläfrig, die behaarte Brust schimmerte nackt.

Oksman sah ihn an: Aus dem Schlaf gerissen und mit wirren Haaren sah er fast noch schöner aus als in seinem Blazer und sorgfältig frisiert. Oksman zog die Strumpfhose an und streifte das Kleid über. »Ja.«

»Sehe ich dich wieder?«

Oksman antwortete nicht. Er räumte seine restlichen Dinge vom Nachttisch in die Handtasche und ließ den Verschluss zuschnappen. Mittlerweile hallten von überall Martinshörner und brachen sich zwischen den glatten Fassaden der Innenstadt.

»Was ist da los?«, fragte der Mann und ging zum Fenster. Blaulicht flackerte über die Häuserwände. Sein Hintern leuchtete in dem fahlen Licht, das durch die Vorhänge fiel.

»Es brennt irgendwo«, sagte Oksman, ging zur Tür und sah sich ein letztes Mal zu ihm um. Dann war er verschwunden.

2

Es war fünfzehn nach vier, als Oberkommissar Henrik Oksman seinen Saab dem Taxistand gegenüber am Markt parkte. Näher heranzufahren war nicht möglich. Oksman war seit vierzehn Jahren Polizist und konnte sich nicht erinnern, je so viele Einsatzfahrzeuge auf einem Fleck gesehen zu haben. Straße und Markt waren über und über in blaues Licht getaucht.

Die Yrjönkatu war zwischen der Nordseite des Marktes und der Valtakatu vollständig gesperrt. Hinter den Absperrbändern drängten sich hunderte Zivilpersonen. Die meisten von ihnen Schaulustige aus den umliegenden Kneipen. Alle wollten den Unglücksort sehen, aber der Fahrzeugdschungel aus Feuerwehrautos, Rettungswagen, Streifenwagen und Polizeitransportern verstellte ihnen die Sicht.

Oksman schauderte. Erst vor zwei Stunden war er selbst in diesem Nachtklub gewesen. Der Gedanke irritierte ihn. Wie ein Störsignal im Fernsehen. Obwohl er sich eigentlich auf die bevorstehenden Ermittlungen konzentrieren sollte, gingen ihm all die Fragen durch den Kopf, die er möglicherweise beantworten musste. Er bückte sich unter der Absperrung hindurch und entdeckte Jari Paloviita, der an ein Löschfahrzeug gelehnt in sein Handy sprach. Paloviita steckte das Telefon in die Tasche, als er seinen Kollegen kommen sah, und ging ihm entgegen.

»Ich dachte schon, du kommst nicht mehr«, sagte Paloviita.

Oksman sah zum Eingang des Nachtklubs hinüber. Die Tür gab es nicht mehr, auch keine Fenster. Alles, was er sah, waren verkohlte Rahmen und in einem weiten Umkreis davor geborstenes Glas, Metall- und Holzsplitter. Feuerlöschschläuche schlängelten sich durch die schwarze Türöffnung, aus der immer noch dünne Rauchschwaden aufstiegen. Die Gäste waren aus dem Nachtklub evakuiert und auf die andere Straßenseite gebracht worden, wo Rettungssanitäter ihre Wunden versorgten und drei Streifenpolizisten die Personalien aufnahmen. Die Nacht hatte sich abgekühlt, und die meisten von ihnen waren zu leicht bekleidet. Jemand hatte einen Stapel Decken herbeigeschafft, die an jene verteilt wurden, die sie am dringendsten brauchten. Mindestens zwei Männer in Frauenkleidung konnte Oksman in der Menge ausmachen. Und er registrierte auch die vielsagenden Blicke, die seine Kollegen gerade auf sie richteten.

Vor dem Gebäude war eine Plane ausgebreitet, unter der sich fünf Wölbungen abzeichneten.

»Fünf?«, vergewisserte sich Oksman.

»Drei Männer und zwei Frauen. Bis jetzt. Sie haben noch niemanden reingelassen – nur die Technik und Linda.«

»Verletzte?«

»Dutzende. Die kritischen wurden ins Krankenhaus gebracht.«

Zwei Feuerwehrmänner in Rauchschutzanzügen traten auf die Straße. Ihnen folgte eine schlanke, hochgewachsene Frau, die einen Schutzanzug mit Atemschutzmaske trug. Sie riss sich die Maske vom Gesicht, sobald sie draußen stand, und suchte in ihren Taschen nach der Zigarettenschachtel.

Oksman und Paloviita traten auf sie zu.

»Und?«, fragte Paloviita.

Kriminalhauptmeisterin Linda Toivonen zündete sich eine Zigarette an und tat ein paar Züge, bevor sie antwortete: »Jemand hat eine Handgranate durch die Eingangstür geworfen. Die Garderobe ist völlig zerstört, ansonsten halten sich die materiellen Schäden in Grenzen. Wenn sich das Feuer ausgebreitet hätte, wäre noch viel mehr passiert.«

Linda bot Paloviita eine Zigarette an, doch der schüttelte den Kopf. Sie warteten, bis Linda zu Ende geraucht hatte. Um sie herum schwirrten die Einsatzkräfte: Feuerwehrleute rollten Schläuche auf, Streifenpolizisten wiesen Rettungsfahrzeuge ein, und Rettungssanitäter eilten zwischen den Autos hin und her.

Auch die Kommissariatsleiterin Susanna Manner war jetzt eingetroffen. Ihre Augenlider waren vom unterbrochenen Nachtschlaf gerötet, die Kiefer gespannt vom unterdrückten Gähnen. Manner trat hinter die Absperrung, sah sich um und kam auf die Dreiergruppe zu.

»Wie viele?«, fragte sie um Forschheit bemüht.

Linda hob die Finger ihrer rechten Hand. Manner nickte.

»Ein Terrorakt?«

»Eine Handgranate. Mit Sicherheit eine, höchstwahrscheinlich zwei«, sagte Linda.

»Warum?«, fragte Manner.

Oksman und Paloviita sahen sich an. Linda antwortete wieder für sie:

»Der Nachtklub ist bei Schwulen und Lesben beliebt.«

Alle verstummten. Keiner sprach es aus, aber in einer Welt, in der Handgranaten in Einkaufszentren explodierten, Menschen willkürlich auf der Straße niedergestochen und Autos absichtlich in Menschenmassen gesteuert wurden, war ein Sprengstoffanschlag auf einen Nachtklub gar nichts so Ungewöhnliches. Erschütternd, aber nicht außergewöhnlich.

3

Alle am Tisch waren müde, und keiner unternahm den Versuch, es zu verbergen. Die Runde gähnte und räkelte sich ungeniert. Die technischen Ermittlungen hatten bis in die Morgenstunden angedauert, und am Einsatzort würden sie noch bis zum Nachmittag weitergehen. Das Team von Susanna Manner war ins Präsidium gewechselt, nachdem alle Besucher des Nachtklubs medizinisch versorgt und nach Hause gebracht worden waren. Paloviita hatte erst einmal eine Kanne Kaffee gekocht und jedem eine große Tasse eingegossen. Er gähnte, rieb sich das Kinn und konnte seine unrasierten Bartstoppeln fühlen. Schon in der Nacht war ihnen klar gewesen, dass sich die Ereignisse wie ein Lauffeuer in Finnland und um die ganze Welt verbreiten würden. Die sozialen Medien waren bereits voll mit Fotos und Videoclips vom Tatort. Überall in Europa waren die Redaktionen gerade dabei, ihre Schlagzeilen zu formulieren.

Susanna Manner war ihnen allen immer noch ein Rätsel. Sie hatte im März als Leiterin des Kriminalkommissariats angefangen. Die Sechsunddreißigjährige hatte ein Polizeistudium absolviert und besaß einen Doktortitel der Rechtswissenschaften. Sie war aus dem zweihundert Kilometer weiter nördlich gelegenen Lapua nach Pori gezogen. In Lapua hatte sie erst als Polizeidirektorin und dann als Staatsanwältin beim Amtsgericht gearbeitet. Der frühere Leiter des Kriminalkommissariats Juhani Heinonen war als Spezialist ins Zentrale Kriminalamt nach Helsinki gewechselt und Jari Paloviita hatte ihn kurzzeitig vertreten. Doch dann waren Dinge vorgefallen, die ihn dazu gezwungen hatten, die Aufgabe abzugeben. Die Stelle wurde öffentlich ausgeschrieben, und Susanna Manner war aus einer Schar von über hundert Bewerbern als Beste ausgewählt worden. Einer neuen Chefin wurde fast immer mit Neugier, Zweifel, vielleicht auch Scheu begegnet. Doch in den wenigen Monaten, seit sie das Team leitete, hatte bisher noch keiner irgendetwas Negatives über sie zu sagen gewusst. Ganz im Gegenteil. Allerdings hatten bis jetzt alle mehr oder weniger darauf gewartet, wie sie sich in einem wirklich großen Fall verhalten würde. Und dieser Fall war jetzt eingetreten.

Linda schaltete den Fernseher an der Wand ein. Die Melodie der Morgennachrichten plärrte durch den Raum, dann verlas eine weibliche Stimme die aktuellen Meldungen:

»Handgranaten-Anschlag auf einen Nachtklub und beliebten Treffpunkt für sexuelle Minderheiten in Pori. Fünf Tote und Dutzende Verletzte. Die Polizei geht von einem Terroranschlag aus.«

»Schwerer Wohnungsbrand im Zentrum von Helsinki. Personen kamen nicht zu Schaden. Die Löscharbeiten dauern noch an.«

Als die Musik verstummte, kam das Gesicht der Sprecherin ins Bild. »Im Zentrum von Pori wurde heute Nacht gegen drei Uhr ein Bombenanschlag auf den Nachtklub Venus verübt. Nach Angaben der Polizei wurden dabei fünf Menschen getötet. Mehrere Dutzend Verletzte wurden zur Behandlung ins Krankenhaus eingeliefert. Die Angehörigen der Opfer werden zur Stunde informiert. Ein Tatverdächtiger konnte jedoch noch nicht festgenommen werden. Zu weiteren Details machte die Polizeidirektion Südwestfinnland bisher keine Angaben. Eine Pressekonferenz ist für neun Uhr angekündigt.«

In den Nachrichten wurden die Aufnahmen einer Handykamera gezeigt. In dem pixeligen Video waren die schwarze Fassade des Hauses und das Meer aus blinkenden Einsatzfahrzeugen zu sehen. Dann folgten Nachrichten aus der Wirtschaft, ein Bericht über die Reform des Sozial- und Gesundheitssystems sowie der Sport. Am Ende der Sendung ging es noch einmal um den Anschlag auf den Nachtklub. Im Studio saßen zwei Gesprächspartner.

Die Moderatorin eröffnete das Gespräch: »Wir freuen uns, zwei Terrorismusexperten im Studio begrüßen zu dürfen: Kari Salmi hat über das Thema Internationaler Terrorismus promoviert, und Major Tuomo Paju ist Koordinator für internationale Operationen beim Führungsstab der Verteidigungskräfte. Guten Morgen.«

»Guten Morgen.«

»Herr Dr. Salmi, Sie lehren und forschen zum Thema Internationaler Terrorismus mit dem Schwerpunkt Europäischer Terrorismus. Trägt der Anschlag auf den Nachtklub Venus für Sie die Merkmale einer terroristischen Tat?«

Kari Salmi trug einen schwarzen, leicht knittrigen Anzug. Sein Blick irrte unstet durchs Studio, als ob er eine herumschwirrende Fliege verfolgte.

»Also … äh, der Begriff Terrorismus ist nicht leicht zu definieren, und … so ein einzelner Anschlag … oder wenn sich der Anschlag nur auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe bzw. gegen sie richtet …«

»Wie genau ist Terrorismus denn definiert?«, präzisierte die Moderatorin ihre Frage.

»Terrorismus zielt auf die Verbreitung von Angst und … äh … Schrecken sowie die Destabilisierung von Strukturen …«

»Jeder weiß, dass das Venus ein Nachtklub ist, der bei sexuellen Minderheiten beliebt ist. Könnte das ein Motiv für den Anschlag sein?«

»Bisher, äh, ja … ein terroristischer Anschlag richtet sich meistens gegen einen gesellschaftlichen Missstand … eine Religion oder die Staatsmacht. Der Nationalismus an sich …«

»Sind Homosexuelle für Sie ein gesellschaftlicher Missstand? Könnte die sexuelle Orientierung Motiv für eine Terrortat sein?«

»Äh …«

Der zweite Moderator wandte sich an den Major. »Major Tuomo Paju, Sie sind Terrorismusexperte im Führungsstab der Verteidigungskräfte und leiten eine Einheit zur grenzüberschreitenden Terrorismusabwehr. Wie schätzen Sie den Anschlag ein?«

Der Major zeigte keine Regung, seine Hände lagen locker verschränkt auf dem Tisch. »Nach bisherigen Informationen war die Tat geplant, aber die genauen Motive kennen wir nicht. Was wir mit Sicherheit sagen können, ist, dass es sich um einen Sprengstoffanschlag handelt. Ob die Einordnung als Terrortat gerechtfertigt ist, bedarf weiterer Fakten.«

»Sprengstoffanschläge sind in Finnland äußerst selten. Was sind die häufigsten Motive für derartige Taten?«

»Wie Kari Salmi schon ausgeführt hat, sind die Beweggründe sehr weit gestreut und können von politischen Ideologien bis hin zu Nationalismus und Hass reichen.«

»Der Anschlag richtete sich gegen einen bei sexuellen Minderheiten beliebten Nachtklub und fand am selben Tag statt wie der Themenabend zur Ehe für alle beim Privatsender MTV.«

»Anschläge gegen sexuelle bzw. geschlechtliche Minderheiten gab es in der Welt schon einige. Am bekanntesten ist vielleicht der Anschlag auf einen Nachtklub im US-amerikanischen Orlando 2016, bei dem fünfzig Menschen ums Leben kamen und mindestens ebenso viele verletzt wurden«, führte der Major aus. »Es kommt jetzt darauf an, die Täter schnell zu fassen und mögliche weitere Anschläge zu verhindern.«

Die Moderatorin unternahm noch einen weiteren Versuch, den Dozenten zu einer Stellungnahme zu bewegen: »Herr Salmi. In Ihrer Doktorarbeit behaupten Sie, dass es in Finnland wie auch im übrigen Europa zu einer Ausbreitung des Terrorismus kommen wird. Erst das Messerattentat von Turku im August 2017 und jetzt der Anschlag auf den Nachtklub. Gibt es Grund zu der Sorge? Könnten solche Anschläge auch bei uns zu einer alltäglichen Bedrohung werden, wie dies in einigen südeuropäischen Ländern bereits der Fall ist?«

»Dieser Anschlag unterscheidet sich gravierend von dem Messerattentat in Turku, auch wenn … äh … terroristische Akte natürlich immer zu … Nachahmertaten führen können.«

»Der oder die Täter sind bisher nicht gefasst worden. Müssen wir mit weiteren Taten rechnen?«

»Das, nun … die Polizei … ich weiß es nicht.«

Die Kamera schwenkte wieder auf den Moderatorenkollegen, der den Dozenten erneut unterbrach:

»Gerade erreicht uns die Nachricht, dass vor dem Anschlag auf den Nachtklub ein Bekennervideo ins Netz gestellt wurde. Wir werden das Video direkt anschließend zeigen. Wir möchten darauf hinweisen, dass die Bilder jugendliche oder sensible Zuschauer schockieren könnten.«

Alle im Raum um Manner erstarrten und sahen sich entsetzt an.

Auf dem Fernsehbildschirm war jetzt ein YouTube-Video zu sehen, das in einem halbdunklen Raum, offenbar einem Keller oder Bunker, aufgenommen worden war. Limettengrüne Farbe blätterte von den Wänden und gab den grauen Beton darunter frei. Im Vordergrund stand ein Tisch, auf dem einige Gegenstände lagen. Einen davon identifizierte Jari Paloviita als eine polnische Selbstladepistole P 35. Er brauchte eine Weile, bis er begriff, dass es sich bei den übrigen sechs dunklen Gegenständen auf dem Tisch um Eierhandgranaten handelte. Auf die Wand fiel ein Schatten und wurde kleiner. Ein Mann lief um die Kamera herum und setzte sich wie bei einer Pressekonferenz auf einen Stuhl hinter den Tisch. Er hatte sich eine schwarze Sturmhaube über den Kopf gezogen, nur Mund und Augen waren frei. Die Sturmhaube war wie ein Totenschädel mit Kieferknochen und Zähnen bedruckt.

Der Mann schaute direkt in die Kamera. Seine Augen sahen aus wie Murmeln in einem Totenkopf.

»Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn.«

Sein Blick war unverwandt auf die Kamera gerichtet. »Der Wille Gottes ist auf den Seiten der Bibel verewigt: Gott hat die Sexualität zwischen Frau und Mann geschaffen. Alles andere ist eine Sünde.«

Erst jetzt blinzelte er zum ersten Mal. Sein starrer Blick war grauenerregend.

»Wenn ich in einer Menschenmenge stehe, sehe ich, dass die Welt auf Abwegen wandelt. Gottes Wort ist vergessen, und der Mensch hat sich der Sünde hingegeben. In der Bibel steht geschrieben: Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.«

Der Mann starrte wie hypnotisiert in die Kamera. Er schien dem Zuschauer direkt durch die Linse in die Augen zu schauen. Unter den Kollegen im Raum herrschte absolute Stille. Hätte jemand eine Büroklammer fallen lassen, wäre sie laut wie eine Hantelstange auf den Boden aufgeschlagen.

»So klar ist das heilige Buch der Gesetze. So klar ist Gottes Haltung: Homosexualität ist Ruchlosigkeit. Dennoch hat heute der Erzbischof die Botschaft der Bibel geleugnet und diese Abscheulichkeiten gerechtfertigt. Unser eigener Erzbischof tritt für die Homo-Ehe ein! Das ist unentschuldbar und widernatürlich!«

Dabei schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Handgranaten kullerten und klirrten leise.

»Selbst die Kirche unterstützt inzwischen die Sache der Schwulen. Sollte aber nicht gerade die Kirche Gottes Wort am entschiedensten verteidigen? Die Kirche bröckelt von innen heraus, so wie alle mächtigen Zivilisationen kurz vor ihrem Zusammenbruch. Die Mainstream-Medien stehen der Homosexualität positiv gegenüber. Homosexualität ist zur Mode geworden, sie ist Thema in allen Zeitungen und wird überall glorifiziert. Die Menschen verhalten sich feindselig gegenüber den wahren Jüngern des Herrn Jesus. Es steht auch geschrieben: Die Bibel prophezeit, dass sich die Welt vor ihrem Untergang der Gesetzlosigkeit hingeben wird.«

»Der Weg des Menschen steht vor seinem Ende. Der Feldzug, den die Mainstream-Medien für die Homos führen, beleidigt und verleumdet jene, die an die Bibel glauben. Diese Kampagne brandmarkt Gegner der Homosexualität als Rassisten und will sie dazu verleiten, sich für ihren Glauben an Gott zu schämen. Das ist falsch!«

Er griff nach einer der Handgranaten und drehte sie in der Hand.

»Es ist Zeit aufzubegehren. Für die wahren Jünger Jesu. Heute werden viele Sünder den Zorn Gottes zu spüren bekommen. Heute Nacht werde ich der Wind Gottes sein, der feurig in die Schar der Sünder bläst. Ich werde deutlich machen, dass wir uns nicht unterwerfen werden, dass wir noch nicht bereit sind für die Finsternis.«

Er hielt die Handgranate in die Kamera.

»Heute Nacht wird das Blut der Blasphemiker die Straßen rot färben!« Er hatte sich nach vorn gebeugt, sprach mit tiefer, drohender Stimme. Sein Blick war jetzt so eindringlich und fordernd, dass jedem, der zuschaute, die Haare zu Berge standen. Seine Augen funkelten wie Eiskristalle.

»Ich fordere euch auf: Folgt mir auf dem Weg zur Vereinigung mit Gott. Egal, ob Mann oder Frau, stark oder schwach. Wenn ihr nur unseren Herrn, den Allmächtigen, liebt und bereit seid, in seinen Heerscharen zu kämpfen. Homosexualität steht für all das, was unsere Gesellschaft zerstört. Es ist die vom Teufel gesandte Geißel, die auf uns herniederfährt. Ich flehe Euch an: Folgt mir. Folgt mir, und Christus, unser Herr, wird es Euch lohnen!«

Kommissariatsleiterin Manner schaltete den Fernseher aus. Alle Handys piepten und blinkten. Sie blickte von einem zum anderen, ihr Blick war ernst, die veränderte Stimmung fast greifbar. Als wäre ein kalter Windhauch durch das Zimmer geweht. Schließlich drehte sie sich zu ihrem Handy auf dem Schreibtisch um, das ebenfalls vibrierte. Sie erhob sich, warf einen Blick auf die Nummer auf dem Display und nahm das Gespräch an.

»Polizei Südwestfinnland, Susanna Manner … Ja, ich bin … Genau … Pressekonferenz um neun …«

Ihr Blick glitt zur Uhr an der Wand.

»In einer Stunde … Sicher, natürlich … Ja, ich weiß. Wir haben ein Team … Das ist, finde ich, viel zu früh … Das macht keinen Sinn, ich … bin entschieden anderer Meinung! Wenn das so ist, verlange ich eine schriftliche Entscheidung … Zum Teufel, ja! Ich protestiere! … Alles klar. Auf Wiederhören.«

Manner beendete das Telefonat, legte ihr Handy zurück auf den Tisch und wendete sich wieder ihrem Team zu. »Das war Säynätsalo vom Polizeipräsidium Turku. Das Zentrale Kriminalamt übernimmt die Leitung der Ermittlungen. Gemäß Artikel 34 des finnischen Strafgesetzbuches handelt es sich um ein terroristisch motiviertes Hassverbrechen gegen sexuelle Minderheiten und LGBT-Personen.«

Keiner erwiderte etwas. Allen war klar, dass das Gesetz in diesem Punkt eindeutig war. Die Nachrichtensendung gerade eben ließ nicht den geringsten Zweifel daran. Dennoch war Manners Miene extrem angespannt.

»Ein terroristisch motiviertes Hassverbrechen«, wiederholte Linda und schüttelte den Kopf.

»Das ZKA schickt noch heute seine Leute«, sagte Manner.

»Und was ist dann unsere Rolle? Oder werden wir komplett aufs Abstellgleis geschoben?«, fragte Paloviita.

»Wenn es nur so wäre. Wir unterstützen das ZKA mit all unseren Ressourcen. Mit anderen Worten, wir machen weiter wie bisher. Der einzige Unterschied ist, dass alle Entscheidungen über das ZKA laufen.«

»Und die Pressekonferenz?«

»Ist abgesagt. Von jetzt an ist das Zentrale Kriminalamt dafür zuständig, die Öffentlichkeit zu informieren. Keiner hier darf sich gegenüber der Presse äußern.«

»Dieser Typ ist verrückt«, sagte Linda. »Er wird es wieder tun.«

Manner nickte. »Ich habe absolut kein Verständnis dafür, dass so ein Video in einer Live-Sendung gezeigt wird. Das allein stellt schon eine Gefährdung der nationalen Sicherheit dar. Der Mann hat ja praktisch zum Krieg gegen Homosexuelle aufgerufen. Haben die Medien denn gar kein Verantwortungsbewusstsein?«

Paloviita ging zu Manners Laptop und tippte etwas auf der Tastatur. Als er den Bildschirm zu ihnen drehte, war darauf das gerade gezeigte Video zu sehen.

»Der Verfasser bezeichnet sich selbst als ›Gesandter Gottes‹«, erklärte Paloviita.

»Schon jetzt wurde das Video fast achttausend Mal aufgerufen«, stellte Manner entsetzt fest.

»Es verbreitet sich in allen sozialen Netzen. Niemand kann es mehr stoppen«, erklärte Paloviita. »Und was das Verantwortungsbewusstsein der Medien angeht – das hat noch nie existiert.«

»Okay«, sagte Manner. »Auch wenn die Ermittlungen offiziell nicht mehr bei uns angesiedelt sind, werden wir nicht hier sitzen, Däumchen drehen und auf das ZKA warten. Erstens müssen wir herauskriegen, wo das Video ins Netz hochgeladen wurde. Nehmen Sie Kontakt mit den Netzbetreibern auf. Dafür müssen wir Ressourcen einplanen. Wenn wir sie nicht selbst aufbringen können, müssen wir sie einkaufen. Der Preis spielt keine Rolle. Zweitens müssen wir jedes Pixel dieses Videos genauestens analysieren. Ich will alles darüber wissen. Die Marke seiner Kleidung, die er anhat, wo man sie kaufen kann, was für eine Pistole er in der Hand hielt, ob er Schmuck trägt, wie viel Staub auf dem Tisch liegt, welche Farbe seine Augen haben …«, zählte Manner auf.

»Und woher er verflixt noch mal eine Kiste Handgranaten hat«, ergänzte Linda Toivonen.

»Auch das … und dann seine Stimme. Ich will, dass sich ein Stimmsachverständiger das Video anhört und die Sprache analysiert. Ich will eine Einschätzung zu Alter, Dialekt usw. Benutzt er irgendwelche auffälligen Wörter, gibt es Wiederholungen, hat er Sprachfehler.«

»Der Mann ist jung«, begann Oksman. »Eher unter dreißig als darüber. Schlank. Könnte ein Sportler sein, seine Schultern sind breit, die Taille schmal.«

»Gut«, sagte Susanne Manner. »Was noch?«

»Die Waffe ist eine belgische FN. Kostet sicher ein-, zweitausend, vor allem auf dem Schwarzmarkt.«

Paloviita hatte das Gefühl, schnell auch etwas beisteuern zu müssen, wollte er nicht ins Hintertreffen geraten: »Ich bin mir allerdings sicher, dass es sich bei der Waffe um eine polnische P 35 handelt. Im Laufe meiner Karriere habe ich so viele davon gesehen, dass ich sie mit geschlossenen Augen erkennen würde.«

Oksman drehte sich zu Paloviita um und sagte nur: »Es ist eine FN.«

»Das wird sich sehr schnell herausstellen, wenn die Technik das Video untersucht hat«, warf Manner beschwichtigend ein. »Können Sie etwas zu den Handgranaten sagen?«

Beide Männer zuckten mit den Schultern, und auch Linda hatte dem nichts hinzuzufügen.

»Handgranaten bekommt man nicht an jeder Ecke. Hier nicht und auch nirgendwo sonst. Außer vielleicht irgendwo in Afrika. Also sind sie gestohlen«, warf Paloviita ein.

»Davon kann man wohl ausgehen«, pflichtete ihm Manner bei. »Wer hat die Möglichkeit, solche Sprengmittel zu beschaffen und woher? Gehen Sie alle Fälle der letzten zehn Jahre durch, bei denen Handgranaten im Spiel waren. Inklusive aller Beschlagnahmungen.«

Paloviita nickte. »Das wäre leichter, wenn wir mehr über die Handgranaten wüssten. Herstellungsjahr, Herkunftsland, Modell. Soweit ich weiß, gibt es verschiedene Typen.«

»Gehen Sie auch davon aus, dass dieser Gesandte etwas Ähnliches noch einmal versuchen wird?«, fragte Linda ihre neue Chefin.

Manner überlegte kurz, dann sagte sie: »Ja, ich denke, davon kann man sogar ziemlich sicher ausgehen. Dieser Mann hat gerade der Homosexualität den Krieg erklärt, die er für eine Krankheit hält. Und zu allem Übel steht eine Kiste voller Handgranaten auf seinem Tisch. Das verheißt nichts Gutes. Wir werden unter dem Druck agieren müssen, dass er eine weitere Tat verübt, wenn auch möglicherweise nicht sofort.«

Manner schnappte sich ihr Handy vom Tisch, das fast ununterbrochen gesummt hatte, drückte die Annahmetaste und wandte sich zum Telefonieren ab.

»Wir müssen den Täter so schnell wie möglich fassen, sonst lynchen uns die Leute«, erklärte Linda. »Der Messerstecher von Turku wurde bereits nach wenigen Minuten geschnappt, kaum vorzustellen, was damals passiert wäre, wenn es länger gedauert hätte.«

Paloviita nickte düster. »Das hier wird sowieso zu einer irrwitzigen Medienshow werden. Jedes erdenkbare finnische Journalistenteam ist sicher schon unterwegs hierher nach Pori. Und aus dem Ausland rücken sie auch an. Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir: Terrorist, der sich selbst ›Gesandter Gottes‹ nennt, droht mit neuen Anschlägen und ruft Gesinnungsgenossen zum Krieg gegen Homosexuelle auf. Polizei ist ratlos.«

Manner hatte ihr Telefonat beendet und wandte sich mit finsterer Miene wieder den anderen zu. »Das Zentrale Kriminalamt möchte Ortskundige in seinen Reihen haben. Das heißt, wir müssen Leute von uns abstellen. Ich möchte Sie gerne alle vorschlagen.«

Sie sahen sich an, und sofort war klar, dass die Angelegenheit keiner weiteren Beratung bedurfte.

»Was noch?«

»Die Informationspolitik. Ich gehe davon aus, dass keiner von uns schon einmal so einen Pressezirkus erlebt hat, wie er uns jetzt bevorsteht.«

»Ganz abgesehen von den sozialen Medien«, warf Paloviita ein. »Hat jemand gestern die Sendung zur Ehe für alle beim Privatsender MTV3 gesehen? Ich selbst konnte nur die erste Viertelstunde ertragen, dann habe ich umgeschaltet. Ich konnte einfach nicht länger zusehen. Selbst 2019 leben in Finnland noch Menschen, die Schwulsein für eine psychische Krankheit halten, von der man durch Beten geheilt werden kann. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie sich die Diskussion in der Anonymität der Internetforen entwickelt.«

»Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass jemand das Geschwafel dieser maskierten Hohlbirne für bare Münze nimmt. Homosexualität ist in der heutigen Zeit doch kein Tabu mehr«, sagte Linda.

»Na klar ist er ein Spinner«, entgegnete Paloviita. »Keiner mit einem einigermaßen funktionierenden Verstand wirft eine Handgranate in einen rappelvollen Nachtklub. Bedauerlich ist nur, dass er nicht der einzige Wirrkopf in diesem Land ist. Gewalt hat die unangenehme Eigenschaft, dass sie Nachahmer auf den Plan ruft. So wie bei Amokläufen an Schulen und anderen terroristischen Straftaten. – Sie schaukelt sich hoch. Und dann eine derartige Berichterstattung, solche Hetzreden. Das kann für den einen oder anderen Typen mit Gewaltphantasien der letzte Anstoß sein, weil er nur darauf wartet, dass jemand ihn zum radikalen Handeln auffordert.«

»Da wäre noch eine Sache«, sagte Manner und blickte Oksman an, der etwas abseits saß. »Die Bibel. Ich will alles wissen, was darin über Homosexualität gesagt wird. Darum kümmern Sie sich.«

Oksman nickte.

Manner fuhr fort: »Dass jemand seine Tat mit Gott begründet, ist ungewöhnlich für Finnland. Wir müssen mehr über seine Sicht auf die Welt herausfinden. Sobald Sie Zeit haben, sprechen Sie mit Gemeindemitgliedern, Pfarrern und dergleichen.«

»Mit Pfarrern?«, fragte Paloviita.

»Die Kirche muss sich zu den Vorkommnissen äußern. Wenn jemand das Töten von Menschen mit den Worten Gottes rechtfertigt, dann betrifft das auch die Kirche.«

»Wann hat denn die Kirche schon mal Verantwortung für irgendetwas übernommen?«, ereiferte sich Linda. »Im Namen von Gott oder Allah oder sonst wem sind Millionen von Menschen in der Welt getötet worden. Heute zitieren Terroristen die Bibel, gestern war es der Koran und morgen der Talmud. Ich wette um einen Hunderter, dass es keine zwei Stunden dauert, bis der Erzbischof den Anschlag verurteilen und seine Hände in Unschuld waschen wird wie seinerzeit Pilatus und Konsorten.«

Paloviita hielt Linda die Hand hin. »Angenommen! Ich bin ganz deiner Meinung, schätze aber, dass es nur eine Stunde dauert, bis die Kirche eine Pressemitteilung herausgibt.«

»An der gestrigen Diskussion über die Ehe für alle hat doch auch dieser Pfarrer aus Pori teilgenommen. Wie hieß er gleich?«, wollte Manner wissen und trommelte mit den Fingern auf den Tisch, um sich den Namen ins Gedächtnis zu rufen. »Dieser Hippie, mit den Ohrringen und den Tätowierungen. Wie hieß der doch gleich!«

»Meinen Sie Mikael Fredriksson?«, sagte Paloviita. »Er schien mir von der gestrigen Truppe noch am klarsten bei Verstand, auch wenn er eher an einen alten Rocker erinnert als an einen Pastor.«

»Reden Sie mit ihm«, schlug Manner vor.

»Religion oder nicht, Aufstachelungen wie diese bringen den Extremisten Zulauf. Die haben doch nur auf so etwas gewartet. Auf eine Gelegenheit, die Teufel in ihren eigenen Reihen ans Licht zu locken«, meinte Linda.

4

Auf dem Bürgersteig vor dem Nachtklub häuften sich Blumen und Kerzen, und es wurden ständig neue gebracht. Eine riesige Menschmenge hatte sich dort eingefunden. Fünf gerahmte Fotografien standen nebeneinander auf den verrußten Treppenstufen. An den Blumensträußen flatterten vereinzelte Regenbogenfahnen und Trauerflorbänder.

Auch jetzt war etwa ein Dutzend Menschen vor Ort, um Blumen niederzulegen. Eine etwa gleich große Anzahl Journalisten machte Fotos. Eine Gruppe Jugendlicher auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig weinte ohne Scheu. Der Himmel hing grau über der Stadt, zwischen den Häusern pfiff ein kalter Wind. Oksman schob sich durch die Menschenansammlung und bog in den Innenhof ein. Hier stand ein ziviler Transporter der Kriminaltechnik, der schon seit den frühen Morgenstunden vor Ort war. Am Hinterausgang des Klubs stand ein Polizist Wache. Es war Pasi Jaakola, wie Oksman erkannte. Pasi war einer der ganz wenigen Polizisten, mit denen Oksman hin und wieder ein Wort wechselte. Sie hatten sich vergangenen Herbst zufällig im Duschraum getroffen, und seitdem grüßten sie sich. Auch jetzt kreuzten sich ihre Blicke, und aus irgendeinem unerfindlichen Grund verwirrte Oksman das Lächeln des Kollegen.

»Kann ich eintreten?«, fragte er streng. Der offizielle Ton beeindruckte sein Gegenüber nicht im Geringsten, sein Lächeln wurde nur breiter.

»Ja, wenn du dich traust.«

Oksman hob die Brauen.

»Raunela ist …«

»… ganz er selbst?«, vervollständigte Oksman den Satz und musste jetzt auch lächeln, denn von drinnen erscholl ein donnerndes Fluchen. Oksman erkannte die Stimme von Ville Raunela sofort.

»Vielleicht warte ich lieber kurz«, sagte er und blieb neben Pasi stehen. Oksman ließ seinen Blick durch den Innenhof streifen, auf dem sich Betonelemente und übereinander geschichtete Teile eines Metallzauns häuften. Hier und da wuchs Unkraut aus Ritzen im Asphalt. Häuser sind wie Menschen, dachte er. Hinter einer hübschen Fassade verbergen sich Schmutz, Kälte und totes Laub.

Raunela trat in einem rußverschmierten Schutzanzug aus der Tür. Er ließ das Atemschutzgerät unters Kinn rutschen und streifte die Kapuze zurück. Raunelas kahler Schädel glänzte vor Schweiß. Als er seine beschlagenen Brillengläser trocknete, bemerkte er Oksmans und Pasis grinsende Blicke und schnaubte: »Ihr könnt euch selber mal in diese Montur schmeißen. Verdammte Einsatzkräfte! Mussten sie die Bude auch vollspritzen wie ein Schwimmbad? Alles ist total versaut!«

»Kann ich rein?«, fragte Oksman wieder.

Statt zu antworten, blickte Raunela ihn nur finster an. Also öffnete Oksman die Tür und ging hinein. Hinter der Tür befand sich ein Lagerraum, in dem Tische und Stühle gestapelt waren. Auch hier war der Boden nass, mit Ruß bedeckt und voller matschiger Schuhabdrücke von Technikern und Feuerwehrleuten. Der Anschlag und die anschließenden Löscharbeiten hatten einen gewaltigen Schaden verursacht, möglicherweise drohte sogar der Abriss. Hinter dem Lagerraum führte ein Flur zum Getränkelager, an das sich eine kleine Küche anschloss. Auf der gegenüberliegenden Seite lagen die Umkleideräume und ein winziges Büro mit Computer und Drucker. Oksman ging durch die Schwingtür am Ende des Flurs und fand sich hinter dem Tresen wieder. Unter seinen Schuhsohlen knirschten Glasscherben. Die Technik hatte überall Flutscheinwerfer aufgestellt, deren altertümliche Halogenlampen den Raum in eine feuchtheiße Sauna verwandelten. Auf dem Boden schlängelte sich ein Wirrwarr aus Schläuchen.

Nur noch eine Technikerin war vor Ort und bearbeitete das Eichenpaneel des Bartresens mit einer Messerspitze. Sie hörte das Knirschen, hob den Kopf, sah Oksman kommen und nickte ihm zu. Oksman nickte zurück und ließ sie in Ruhe weiterarbeiten. Der Nachtklub bot einen erbärmlichen Anblick. Das Regal mit den Spirituosen war geborsten, ebenso alle Flaschen und Gläser. Die Tische lagen umgekippt am Boden, entweder hatten die in Panik Fliehenden sie umgeworfen oder die hereinstürmenden Feuerwehrleute. Akustikdämmplatten hatten sich von der Decke gelöst und schwammen im Rußwasser. In den Räumen hing ein stechender, undefinierbarer Geruch, und Oksman wurde panisch bei dem Gedanken, dass er gerade Asbest oder etwas ähnlich Giftiges einatmete.

In der Garderobe befanden sich noch die durchnässten Jacken einiger Männer und Frauen. Sie sahen aus wie Fledermäuse, die von einer Höhlendecke herabhingen.

Oksman dachte daran, wie er selbst in der Nacht auf einem dieser Barhocker gesessen hatte, die jetzt kreuz und quer auf der Tanzfläche verstreut lagen. Er hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, diesen Ort zu verlassen und frische Luft einzuatmen. Die Räume erinnerten eher an Katakomben als an einen Nachtklub. Ihm kamen die Fotos draußen vor dem Eingang in den Sinn, und die Erhebungen unter den Planen, die er letzte Nacht auf der Straße gesehen hatte. Um ein Haar hätte er selbst darunter gelegen. Wie sehr das Leben doch manchmal an Kleinigkeiten hing. Wendet man sich nach links, bleibt man am Leben, wendet man sich nach rechts, winkt der Tod. Er konnte nicht umhin, sich die Kommentare seiner Kollegen vorzustellen, wenn sie ein Foto seiner Leiche bekleidet mit einem rot-weißen Kleid gesehen hätten, geschweige denn die Reaktionen seiner Eltern, seines Vaters.

Oksman fühlte sich vollkommen ausgelaugt. Er hatte seit achtundzwanzig Stunden kein Auge zugetan. Alles schien über ihm zusammenzubrechen, so wie die Akustikdämmplatten in dem aschgrauen Nachtklub. Er war Polizist und nur wenige Stunden vor der Explosion selbst Gast hier gewesen. Das hätte er definitiv sofort mitteilen müssen, um dann seine Aussage zu den Ereignissen in der Nacht zu machen. Es wäre seine Pflicht gewesen. Und es war ein Dienstvergehen, es zu verheimlichen.

Aber natürlich konnte er es auf gar keinen Fall irgendjemandem erzählen. Diese Schande würde er nicht ertragen. Mit dieser Sache verhielt es sich so wie mit dem Pfeiler in der Mitte des Raumes – fiele er um, würde der ganze zerfetzte Nachtklub endgültig über ihm zusammenbrechen.

Die Zahl der Todesopfer war gering, wenn man bedachte, was alles hätte passieren können. Wäre es statt in der Garderobe mitten auf der Tanzfläche zur Explosion gekommen oder wäre Feuer ausgebrochen, dann hätte es dutzende, vielleicht sogar hunderte Tote geben können. Oksman versuchte sich das Chaos vorzustellen, das in dem gut gefüllten Nachtklub geherrscht haben musste: Rauch und Staub und Geschrei, schubsende und alles niedertrampelnde Menschen, Flammen. Er schüttelte den Kopf, um das Bild wieder zu verscheuchen, und setzte seinen Weg durch die Räume fort. Der Anblick war weitaus erschreckender, als er es sich vorzustellen gewagt hatte.

»Bingo!«, rief eine Technikerin.

Oksman eilte mit weit ausholenden Schritten zu ihr. Er beugte sich über die behandschuhte Hand, und die Technikerin richtete ihre Stirnlampe auf das Teil in ihrer Handfläche, das in Form und Größe an ein Gitarrenplektrum erinnerte.

»Ein Splitter?«, fragte Oksman.

Sie nickte und drehte das Plättchen um. »Sieh es dir genauer an!«

Oksman erkannte eine Reihe eingestanzter Buchstaben und Ziffern: »Eine Seriennummer?« Sie rieb den Ruß vom Metall, bis die ganze Nummer sichtbar wurde. Dann steckte sie den Splitter in ein durchsichtiges Plastiktütchen, das sie mit rotem Siegelklebeband verschloss. »Mit ein bisschen Glück führt uns die Nummer auf eine Spur, und wir kriegen heraus, woher die Granate stammt.«

Die schlechte Luft im Nachtklub schlug Oksman auf den Magen. Sein Kopf schmerzte. Er ging den gleichen Weg zurück, den er gekommen war, blieb in der Tür stehen und sog gierig die frische Luft ein. Seine Haut glänzte feucht, das Hemd klebte ihm am Rücken. Er zog ein Taschentuch hervor und wischte sich damit über Gesicht und Hals.

»Scheußlicher Ort«, stellte Pasi fest, und Oksman nickte. Oksman entdeckte Raunela, der im Sturmschritt vor dem Fahrradständer auf und ab ging und lauthals ins Telefon brüllte. Offensichtlich war er gut in Fahrt. Sicher hatten seiner Meinung nach wieder alle alles falsch oder wenigstens in der falschen Reihenfolge gemacht. Pasi erriet seine Gedanken und grinste. Oksman grinste zurück.

Oksman ging über den Hof zurück auf die Straße, auf der immer noch jede Menge Menschen herumstanden. Es waren sogar noch mehr geworden. Etwas Schreckliches war in ihrer Stadt passiert, und Trauer verbindet. In dieser Menschenansammlung lag auch etwas Tröstliches, fand Oksman. Vielleicht war die Menschheit ja doch noch nicht ganz verloren. Er lehnte sich gegen eine Hauswand und betrachtete die Menge, die größtenteils aus jungen Männern und Frauen bestand, darunter nur wenige Ältere und auch ein paar Babys. Viele trugen das Regenbogen-Symbol an der Kleidung oder in den Haaren, als Armband oder Abzeichen. Oksman runzelte die Stirn, als er eine vierköpfige Männergruppe auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte, die sich durch ihren Kleidungsstil von den anderen abhob. Sie trugen alle eine Jeans und eine exakt gleich geschnittene schwarze Bomberjacke. Auf dem Rücken ein Emblem mit einer weißen geballten Faust, darunter die Buchstabenkombination »WO« und der Schriftzug »Blood & Honour«. Sie standen breitbeinig, eine Zigarette im Mundwinkel, und in regelmäßigen Abständen schossen zwischen ihren Zähnen Speichelfetzen auf die Straße hinaus. Immer wieder erscholl grölendes Gelächter. Oksman betrachtete sie genauer. Bis auf einen waren es alle bullige Kerle mit breiten Schultern und wulstigem Stiernacken. Eindeutig aus der Muckibude!

Oksman kannte die Abkürzung auf dem Emblem am Rücken: White Order war der Name einer rechtsradikalen Gruppierung, und Blood & Honour stand für ein Musikvertriebsnetzwerk der Neonazis, das auch Konzerte rechtsextremer Bands organisierte. Er hatte schon ein paar Mal dienstlich mit Mitgliedern von White Order zu tun gehabt, für Festnahmen gab es dabei immer exakt zwei Gründe: Gewalt oder Drogen, meist eine hübsche Kombination aus beidem. Oksman beobachtete, wie sie herumstanden – die Hände in den Taschen, Stahlketten vom Gürtel bis zu den Knien – und gemeinschaftlich rumrotzten. Instinktiv machten die Leute einen Bogen um die Gruppe. Auch eine Mutter zog ihre etwa fünfjährige Tochter näher zu sich, während sie ihnen auswich. Jedem war klar, die Typen waren hier, um Stunk zu machen und den Anschlag zu bejubeln.

Zorn stieg gärend in ihm auf.

Er steckte sein Handy wieder zurück in die Tasche und lief schnurstracks auf die Gruppe zu. Der hünenhafteste von ihnen trug einen Irokesenschnitt und sah ihn kommen. Er nickte seinen Kameraden zu, die sich sofort in seine Richtung drehten und ihn herausfordernd anblickten. Oksman zog seine Polizeimarke aus der Tasche und hielt sie sichtbar hoch.

Der Irokesenschnitt spuckte vor Oksman auf die Straße. Oksman ignorierte es, machte ohne hinzuschauen einen Schritt über den Speichelkleks und stellte sich vor sie. Die vier gruppierten sich im Halbkreis um ihn. Obwohl Oksman fast genauso groß war wie sie, brachte er etliche Kilo weniger auf die Waage. Die Situation blieb nicht unbemerkt, und sofort bildete sich ein Ring aus Neugierigen um sie herum.

Oksman und die Männer starrten sich an. Ein Mundwinkel des Irokesen hatte sich zu so etwas wie einem Lächeln verzogen, seine leicht geöffneten, aufgesprungenen Lippen gaben den Blick auf gelblich verfärbte Zähne frei. Er führte seine Zigarette zum Mund, sog die Lungen voll Rauch und blies ihn Oksman direkt ins Gesicht. Die anderen stießen sich beifällig in die Rippen.

»Und, Hering, was steht an?«, fragte der Irokese.

»Sie verschwinden von hier und lassen die Leute in Ruhe«, antwortete Oksman.

»Wir haben das gleiche Recht, uns an öffentlichen Plätzen aufzuhalten, wie jeder andere auch. Sollen die sich doch verziehen, wenn ihnen unsere Gesellschaft nicht passt.«

»Die Menschen haben ein Recht darauf, ungestört trauern zu können. Und Sie sehen nicht aus, als würden Sie irgendwie Anteil nehmen.«

»Bestimmt jetzt die Polizei, mit welchem Gesichtsausdruck in der Visage man rumlaufen darf?«

»Reden Sie keinen Scheiß«, ereiferte sich Oksman. Er fühlte, wie Wut in ihm aufstieg, und musste sich zwingen, ruhig zu bleiben. Der Irokese blickte ihn jetzt aus zusammengekniffenen Augen verächtlich an, nahm wieder einen Zug, blies dieses Mal den Rauch aber zur Seite.

»Korrekt. Ich kann tatsächlich nicht behaupten, dass es mich besonders mitnimmt, wenn ein paar Schwuchteln abkratzen. Ehrlich gesagt hat mich seit Langem nichts so gefreut.«

Eine Polizeistreife vor Ort hatte die White-Order-Horde ebenfalls ins Visier genommen und verfolgte die Situation. Jetzt kamen sie näher und drängten sich durch die Menschenansammlung. Einer der Typen von White Order mit Backenbart sah sie kommen und stieß seine Kameraden in die Seite. Die Fratze des Irokesen verzog sich wieder zu einem schiefen Grinsen.

»Die Kavallerie rückt an.«

»Sie haben drei Sekunden Zeit zu verschwinden.«

Der Irokese blickte in Richtung Streife: Zwei gewaltige Kerle mit klirrenden Koppeln hatten sich bereits bis auf zwanzig Meter genähert.

»Oder was?«

»Sonst geht’s zur Vernehmung aufs Präsidium, und es gibt eine Anklage wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt.«

Kurz sah es so aus, als wollte der Irokese etwas entgegnen, doch dann überlegte er es sich scheinbar anders. Immer noch grinsend bohrten sich seine Zähne in die Zigarette. Dann schlug er die Hacken zusammen, hob seinen rechten Arm zum Hitlergruß und verschwand mit seinen Kameraden in der Menschenmenge.

Im selben Moment traten die Kollegen zu Oksman. Sie schauten den Bomberjacken nach, bis sie um die Ecke verschwunden waren. Einer der beiden fragte ihn:

»Alles in Ordnung?«

»Alles okay«, antwortete Oksman, wobei er immer noch in die Richtung blickte, in die das Quartett abgerückt war.

»Hier haben sich seit dem Morgen verschiedene WO-Typen herumgetrieben – einzeln oder in kleinen Gruppen«, erklärte der andere Kollege.

»Warum habt ihr sie nicht davongejagt? Die Leute haben Angst vor ihnen«, fuhr Oksman sie an.

Die Polizisten sahen sich an, überrascht von Oksmans Heftigkeit. »Was hätten wir tun sollen? Sie haben kein Gesetz verletzt.«

Oksman sah ihnen scharf in die Augen, seine Kiefermuskeln tanzten. Dann drehte er sich plötzlich um, stürmte über die Straße und ließ die verdutzt dreinschauenden Polizisten einfach stehen.

Eine Weile sprach keiner der beiden Polizisten ein Wort. Schließlich brach einer von ihnen das Schweigen: »Meine Güte – was ist das nur für ein Ochse …«

Sein Kollege nickte. »Ich habe gehört, dass er letztes Jahr fast suspendiert worden wäre, weil er in einem Fall von Messerstecherei wichtige Beweismittel verschlampt haben soll.«

»Das ist kein Gerücht, sondern wahr. Es ging um die Tatwaffe, ein Messer. Der Verdächtige musste freigelassen werden, und es konnte keine Anklage erhoben werden. Von mir aus, hätten sie den auch feuern können. Wenn er das nächste Mal Hilfe braucht, soll er doch allein sehen, wie er mit diesem testosterongeschwängerten Stiernacken fertigwird. Die brechen den mitten durch wie einen trockenen Zweig.«

Lachend kehrten sie an ihren Platz vor dem Eingang des Nachtklubs zurück. Weitere Menschen kamen und gingen. Das Blumenmeer dehnte sich immer mehr aus. Ein heftiger Wind blies, aber allmählich brach die Sonne durch.

5

Susanna Manner las das Papier in ihrer Hand zunächst selbst und reichte es dann an Jari Paloviita neben ihr weiter. Dieser vergewisserte sich erst, dass sein Hörgerät richtig saß, was es – wie immer – auch diesmal tat. Dann las er laut vor:

»Psychologisches Profil des sogenannten ›Gesandten‹ vom 10. Juli 2019. Aktenzeichen Zentrales Kriminalamt POL/5560/34–56/2019. Erstellt durch den Kriminologen Dr. Joonas Sveholm und die Psychiaterin Dr. Anne Tiilikainen. Geheim, nur für den Dienstgebrauch.«

Paloviita blätterte in den Papieren, fand die Zusammenfassung und las weiter vor:

»Der Täter, der sich selbst ›der Gesandte‹ nennt, ist zweiundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt und männlich. Er ist kontaktscheu, verschlossen und agiert allein. Er meidet größere Menschenansammlungen. Er ist manisch-depressiv und leidet unter einer mittelschweren bis schweren Depression, die nicht adäquat behandelt wurde. Der Täter empfindet Leere, die sich als Hass gegenüber sexuellen Minderheiten äußert, aber auch in einer generellen Verachtung gegenüber Behörden, Medien und staatlichen Verwaltungsorganen allgemein.«

Woher in aller Welt wollen die das alles wissen?, fragte sich Paloviita. Laut sagte er jedoch nichts, sondern fuhr fort:

»Der Täter ist ein Beobachter, der sich nicht aktiv an gesellschaftlichen Aktivitäten oder Diskussionen beteiligt, diese aber intensiv über verschiedene Kanäle verfolgt. Falls der Täter einer Beschäftigung nachgeht, ist er möglicherweise gerade arbeitslos geworden oder befindet sich in einer Situation, in der er im Begriff steht, aus dem Arbeitsleben auszuscheiden. In jedem Fall haben in seinem Leben gerade große Veränderungen stattgefunden, die in ihm das Bedürfnis geweckt haben zu handeln. Über beruflichen Ehrgeiz verfügt er nicht, ebenso wenig ist er in seinem Job besonders sichtbar. Seine Arbeit erledigt er in der Regel tadellos, weil er kein Aufsehen erregen möchte. Seine Kollegen würden ihn sicher als gewissenhaft, still und zurückhaltend bezeichnen. Mögliche Berufe sind Metallfacharbeiter, Berufskraftfahrer oder Lagerarbeiter.«

Paloviita dachte an die Taxifahrer, denen er begegnet war, an die Regalauffüller beim Farbenhändler und den Mechaniker, der seinen Kotflügel ausgebeult hatte, konnte sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie Granaten in eine bei sexuellen Minderheiten beliebte Diskothek schleudern würden.

»Der Täter stammt aus einer Familie der unteren Mittelschicht und ist religiös erzogen worden. Gewalt und Erniedrigung waren Bestandteile seiner Erziehung. Für den Täter ist die Bibel eine sehr wichtige Handelsorientierung, und er versucht, sich in seinem Leben an die Lehren der Bibel zu halten. Er wohnt allein, hat weder einen Partner noch eine eigene Familie. Hinsichtlich seiner selbst und seiner sexuellen Orientierung ist er unsicher. In bisherigen Beziehungen ist er enttäuscht worden, sexuelle Erfahrungen verliefen unbefriedigend oder waren begleitet von sexuellem Versagen.«

Paloviita stellte fest, dass im Laufe der Lektüre ein Bild vom Aussehen des Täters in ihm heranreifte. Dabei hatte er sich von dem Gutachten eigentlich nicht beeinflussen lassen wollen. Aber er musste zugeben, dass es ihm sehr zutreffend erschien.

»Der Täter ist in der Lage, komplex zu denken und seine Tat akribisch zu planen. Die Folgen seiner Tat sind ihm durchaus bewusst, und er vermag, sich auf sie einzustellen. Der Täter ist nicht besonders körperbetont, führt aber ein geregeltes, gesundes Leben. Er nimmt keine Drogen und kümmert sich gewissenhaft um seine Steuern, Rechnungen und sonstigen Verpflichtungen. Sein Hass richtet sich gegen jene Teile der Gesellschaft, die seiner Meinung nach für die Dekadenz unserer Zeit verantwortlich sind. Aus diesem Grund richtet sich seine Tat gegen einen Ort, an dem sich sexuelle Minderheiten aufhalten, und nicht beispielsweise gegen einen einzelnen Vertreter einer sexuellen Minderheit. Sein Hass richtet sich gegen jene äußeren Strukturen, die Homosexualität und Anderssein akzeptieren. Die Botschaft des Täters ist, dass alle Akteure und Unterstützer der Queerkultur vernichtet werden müssen. Er interpretiert die Bibel fundamentalistisch und in ausgewählten, für ihn genehmen Teilen. Der Täter ist davon überzeugt, moralisch richtig zu handeln und Gottes Willen umzusetzen. Reue empfindet er keine. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der Täter weitere Terroranschläge geplant. Mögliche Ziele sind Treffpunkte von sexuellen Minderheiten, Büroräume oder Straßenumzüge wie der Christopher Street Day, aber ebenso auch Medienunternehmen, Amtspersonen oder Politiker, die wohlwollend gegenüber sexuellen Minderheiten eingestellt sind. Der Täter ist technikaffin. Er weiß, wie Informationsnetzwerke funktionieren, kennt sich mit Sendetechnik aus und kann elektronische Netze und Geräte für sich nutzen. Er ist fanatisch und vorsichtig, aber bereit, für seine Ideale sein Leben zu riskieren und zu sterben. Der Täter ist bewaffnet und wird in einer Konfrontation nicht zögern, Gewalt anzuwenden.«

Damit endete die Zusammenfassung. Paloviita ließ das Dokument herumgehen. »Ich muss – ganz ohne Groll – zugeben, das Profil wurde schnell erstellt. Der Anschlag liegt gerade einmal neun Stunden zurück.«

»Das hätte ich auch hingekriegt«, meinte Linda. »Das Profil passt auf alle religiösen Fanatiker. Strenge Erziehung und zu wenig Spielzeug als Kind.«

»Es handelt sich lediglich um ein vorläufiges Profil«, warf Manner verteidigend ein. »Natürlich ist es in dieser Phase noch sehr grob und wird peu à peu vervollständigt. Aber auch ein allgemeines Profil ist besser als gar keins. Die Verfasser gehören zu den Top-Profis unseres Landes.«

»Ich vertraue keinen Analysen, die in irgendeinem Helsinkier Büro von Leuten erstellt wurden, die noch nie mit reeller Polizeiarbeit zu tun hatten«, erklärte Linda.

»Na, na«, sagte Manner beschwichtigend. »Das Erstellen von Analysen ist keine exakte Wissenschaft. Profiling hat sich auf der Basis realer Fälle entwickelt. Es wird in den Vereinigten Staaten schon seit den Siebzigern erfolgreich angewendet, und auch bei uns schon seit den Neunzigerjahren.«