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Arttu Tuominen

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Beschreibung

"Freundschaft hat nichts mit Recht oder Schuld zu tun. Das wüssten Sie, wenn Sie auch nur einmal in Ihrem Leben jemanden gekannt hätten, dem Sie bedingungslos vertrauen konnten."

Pori, Finnland. An einem stürmischen Herbsttag wird ein sturzbetrunkener Mann mit mehreren Messerstichen in einem Holzhaus ermordet. Ein typisch finnischer Mord - so der lakonische Kommentar der hinzugerufenen Kommissare. Der Fall scheint zunächst schnell gelöst: Im nahe gelegenen Wald wird noch am gleichen Abend ein verdächtiger Mann festgenommen.

Doch für den Ermittler Jari Paloviita entpuppt sich der Mord als schwierigster Fall seines Lebens. Der Verdächtige war in der Jugend sein allerbester Freund. Und Jari Paloviita verdankt ihm sein Leben ...



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Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhalt

CoverÜber das BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungVorspannPrologI Totschlag12345678910II X – Steht für den Schatz1112131415III Geöffnete Gräber161718192021IV Kosmisches Rauschen222324V Schuld25262728293031VI Die spitzen Zähne der Zeit3233343536VII Prügelei am Fluss37383940VIII Das Messer4142IX Tiina43X Vergeltung44454647XI Die Mittsommerfeuer erlöschen48XII X Steht für ewige Freundschaft495051Epilog

Über das Buch

Pori, Finnland. An einem stürmischen Herbsttag wird ein sturzbetrunkener Mann mit mehreren Messerstichen in einem Holzhaus ermordet. Ein typisch finnischer Mord – so der lakonische Kommentar der hinzugerufenen Kommissare. Der Fall scheint zunächst schnell gelöst: Im nahe gelegenen Wald wird noch am gleichen Abend ein verdächtiger Mann festgenommen.

Doch für den Ermittler Jari Paloviita entpuppt sich der Mord als schwierigster Fall seines Lebens. Der Verdächtigte war in der Jugend sein allerbester Freund. Und Jari Paloviita verdankt ihm sein Leben …

Ausgezeichnet als »Bester Kriminalroman Finnlands 2020«

Über den Autor

Arttu Tuominen, geboren 1981, wurde für seinen Kriminalroman WAS WIR VERSCHWEIGEN in Finnland vielfach ausgezeichnet. Kritiker und Leser waren begeistert von den geschickt in die Story verwobenen Rückblenden in die Kindheit der Protagonisten sowie der sensiblen Zeichnung der komplexen Charaktere.

Arrtu Tuominen lebt mit seiner Familie in der Küstenstadt Pori, in Mittelfinnland, dem Schauplatz des vorliegenden Krimis. Neben dem Schreiben hervorragender Kriminalromane arbeitet der Autor auch als Ingenieur für Umwelttechnik.

ARTTU

TUOMINEN

WAS WIRVERSCHWEIGEN

KRIMINALROMAN

Übersetzung aus dem Finnischenvon Anke Michler-Janhunen

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Diese Übersetzung wurde gefördert von

Dieser Titel ist auch als Hörbuch erschienen

Titel der finnischen Originalausgabe:

»Verivelka«

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2019 by Arttu Tuominen

First published in Finnish by Werner Söderström Ltd (WSOY), Helsinki. Published in German language by arrangement with Bonnier Rights, Helsinki

Für die deutschsprachige Ausgabe:

Copyright © 2021/2022 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn

Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde

Einband-/Umschlagmotiv: © Amedeo Zullo/shutterstock; © ASolo/shutterstock

eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7517-1003-9

luebbe.de

lesejury.de

 

Für Susanne,

meine beste Freundin

 

Woran ich mich erinnere:

An den langsam fließenden Kokemäki

An meinen Vater im Wohnzimmer, über das Zeichenbrett gebeugt

An frische Blumen in der Vase

An den Geruch der aufsteigenden Blasen im Brunnen

An den Mittsommerabend 1991, als ein Johannisfeuer nach dem anderen rings um den See aufflammte

An dich.

PROLOG

»Und was, wenn hier Häuser gebaut werden?«, fragt der schmächtigere der beiden Jungen, klettert auf einen Findling und setzt sich. Moosfetzen lösen sich und rollen herab.

»Hier? Mitten im Wald? Warum sollte man hier bauen? Hier führt doch nicht einmal ein Weg her«, antwortet der Stämmigere der beiden und sticht den Spaten in den Boden. Das spitz zulaufende Spatenblatt gleitet durch die weiche Moosschicht und trifft auf harten Moränengrund.

»Siebenundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit, und der Platz ist schön. Wenn ich ein Erwachsener wäre, würde ich mir hier auf der Anhöhe ein Haus bauen.«

»Na, dann bau dir doch eins«, stöhnt der Stämmigere, wuchtet einen Torfballen zur Seite und sticht einer Heidekrautpflanze die Wurzeln ab. »Wie tief graben wir?«

»Mindestens einen halben Meter, damit es vom Bodenfrost nicht wieder nach oben gedrückt wird.«

»Jetzt bist du aber mal dran mit Graben. Verdammt steinig hier.«

»Mein Grips und deine Muckis«, grinst der schmächtigere Junge, springt aber vom Felsen herunter und greift nach dem Spaten. Sie graben abwechselnd und schichten die ausgehobene Erde zu Haufen auf. Als sie finden, das Loch wäre tief genug, legen sie eine orangefarbene, zylinderförmige Kapsel hinein. Feuchter, leicht säuerlicher Geruch steigt ihnen in die Nase. Die Jungen betrachten kurz ihr Werk und das Ding in der Kuhle, bevor sie alles wieder zuschaufeln. Sie sind nassgeschwitzt und atmen schwer.

Als das Loch wieder mit Erde gefüllt ist, sagt der Schmächtigere der beiden:

»Ich wette um einen Tausender, dass es hier liegen wird, bis in tausend Jahren irgendein Archäologe darauf stößt.«

»Nein, lass uns schwören«, schlägt der Stämmigere vor. »Dann müssen wir es tun.«

»Okay, worauf schwören wir?«

»Auf X.«

Sie fassen sich mit gekreuzten Unterarmen an den Händen und schauen einander fest in die Augen. Der Stämmigere fängt an: »Ich verspreche und schwöre, dass wir, egal was passiert, selbst wenn ein Krieg ausbricht oder die Pest, dass wir das, was wir heute vergraben haben, in siebenundzwanzig Jahren gemeinsam wieder ausgraben werden.«

Der Schmächtigere fährt fort: »Ich verspreche und schwöre, dass ich über dieses Versteck mit keinem Menschen sprechen werde. Sollte einer von uns sterben, dann wird der andere hierherkommen und es allein wieder ausgraben.«

Über dem Wald hängt nach dem Regen ein frischer Duft, eine Mischung aus Harz, Kiefernnadeln und Erde. Die Sonne schimmert zwischen den Bäumen hindurch und bescheint ihre Gesichter. Sie halten kurz inne, fassen sich noch immer mit überkreuzten Unterarmen an den Händen und lauschen, wie der Wind durch die Kiefernwipfel fährt. Sie wollen dem Moment etwas Feierlichkeit verleihen.

»Hast du das gespürt?«, fragt der Schmächtigere.

»Was?«

»Das Rauschen.«

Der Stämmigere nickt.

Bevor sie gehen, drehen sie sich noch einmal um und werfen einen Blick auf den Felsen und den hellen Fleck, der sich davor im Unterholz abzeichnet.

I

TOTSCHLAG

1

Herbst 2018

Pori, 9. November 2018

Antti sitzt im Sessel und starrt den Mann auf der anderen Seite des Raumes an. Er greift nach der Schnapsflasche auf dem Boden, trinkt einen großen Schluck und starrt weiter zu ihm hinüber. Draußen ist es dunkel. Der Wind braust über das Dach, die Balken ächzen. Im Raum sind viele Leute. Antti schraubt die Flasche wieder zu und stellt sie zurück auf den Boden. Lachen, laute Gespräche. Jemand geht hinaus, andere kommen herein. Ein kalter Luftzug streift die Gesichter. Tabakrauch.

Dort drüben am Kamin stehen ein hochgewachsener Mann und eine Frau. Antti starrt den Mann unverwandt an, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von ihm abzuwenden. Der Mann hat einen großen Bauch, der wie schwabbelnder Teig über dem Gürtel hängt. Als beide in schallendes Gelächter ausbrechen, wackelt der Bauch. Anttis Blick wird unstet, die Stimmen verschwimmen. Alle Bewegungen sehen aus wie in Zeitlupe. Formlose Schatten an den Wänden.

Der hochgewachsene Mann legt der Frau die Hand auf die Hüfte, fährt ihr über das Hinterteil, steckt seine Finger unter ihren Rock und bietet ihr den letzten Schluck Koskenkorva aus der Flasche an. Die Frau lacht wiehernd und wehrt die Hand ab, nimmt einen Schluck. Er greift erneut nach ihr, drückt sie an sich, flüstert etwas und fasst ihr an den Hintern. Im Mundwinkel wippt eine Zigarette. Lachend versucht sie sich zu befreien, doch er lässt sie nicht los und zieht sie noch fester an sich. Lautes Lachen, klappernde Absätze, sie ringt um ihr Gleichgewicht. Jetzt schiebt sie ihm ihre Hüfte entgegen, und ihre Bäuche berühren sich. Die von Besenreisern gezeichneten Waden spannen sich, sie gibt nach und lässt sich von dem Mann Hals, Schulter und Nacken küssen. Sie wirft den Kopf zurück und schließt die Augen. Der Mann knutscht stürmisch ihren Hals, fährt mit den Lippen hinab, nähert sich dem faltigen Brustansatz, der üppig aus dem Ausschnitt quillt.

Antti trinkt die Flasche leer, schraubt den Verschluss zu und steht auf. Er torkelt durch das Gedränge. Männer, Frauen, Bekannte, Fremde. Ist ihm egal. Irgendjemand ruft etwas. Es fährt ihm direkt durch sein Trommelfell, aber das Gesicht dazu fehlt. Die Ränder seines Gesichtsfeldes flimmern. Deutlich nimmt er die verschiedenen Ausdünstungen im Raum wahr. Er geht ins Bad, lehnt die Stirn an die Wandpaneele und pinkelt ins Toilettenbecken. Jemand rüttelt an der Türklinke. Antti starrt sein Ebenbild im Spiegel kurz an und geht wieder hinaus, sucht am Türrahmen Halt, geht weiter in die Küche. Auf der Spüle türmen sich leere Flaschen. Er beugt sich hinunter und trinkt Wasser direkt aus dem Hahn.

Auf dem Küchentisch liegt ein Brotmesser. Antti greift danach und kehrt ins Wohnzimmer zurück. Sein Blick irrt träge und unstet durch den Raum. Die Schatten sind gewachsen und reichen jetzt bis an die Decke. Sie sind überall und bewegen sich. Der Mann und die Frau am Kamin belecken sich immer noch. Ihre Hüften klatschen aneinander, Hände wandern unter ihren Rock und zwischen seine Beine. Noch mehr weißes Schenkelfleisch wird sichtbar.

Antti stützt sich an der Wand ab, stolpert über einen Hocker, verliert aber nicht das Gleichgewicht. Der baumlange Kerl steht mit dem Rücken zu ihm. Anttis Finger schließen sich fester um den Messergriff. Die Frau öffnet ihre Augen und sieht ihn näher kommen. Ihre Blicke verhaken sich ineinander.

Blut tropft. Antti rennt durch die Dunkelheit. Der Wald duftet nach Erde und vermoderndem Laub. Windböen pfeifen in den Wipfeln der Fichten. Vibration. Alles ist in Bewegung. Bäume, Sträucher, die Luft. Zweige brechen knackend, die Beine geben nach. Antti fällt mit dem Gesicht ins Moos. Er reißt sich die Hand auf, erhebt sich wieder, läuft weiter. Schmerz. Nadeln schlagen ihm ins Gesicht. Rinnsale laufen ihm aus dem Haar, über das Gesicht, in Hals und Nacken. Die schwarzen Stämme der Bäume rauschen vorüber, Hände und Kleider kleben vom Blut. Antti weiß, dass irgendwo das Meer ist, weit kann es nicht sein. Er kann es nicht sehen, aber hören und riechen. Weit hinter ihm verklingen die Schreie. Jetzt ist auch das letzte Licht erloschen. Antti ist allein. Er läuft.

Und läuft.

Und läuft …

2

Jari Paloviita, Interimsleiter des Kriminalkommissariats Pori, schaute aus dem Fenster. Dunkelheit. Der Regen peitschte gegen die Scheiben, Wassertropfen zeichneten feine Linien und vereinigten sich zu Rinnsalen, deren Schatten schmale schwarze Streifen auf sein Gesicht warfen.

Ein Blick auf die Uhr. Fünf vor sechs. Er schob den Stuhl zurück, rückte das Hörgerät zurecht und zog die Jacke über. Obwohl er es seit zwei Monaten trug, hatte er sich immer noch nicht an das Ding in seinem rechten Ohr gewöhnt. Es fühlte sich ständig so an, als würde es gleich herausrutschen, obwohl das gar nicht stimmte. Er hasste den Stöpsel in seinem Ohr. Mit vierzig ein Hörgerät verschrieben zu bekommen, war einfach peinlich. Manchmal kam es ihm so vor, als ob die Leute ihn deshalb für dümmer hielten.

Hörbehindert.

Er gähnte. Sein Blick wanderte über den Schreibtisch und blieb an dem Foto seiner Familie hängen, das vor ziemlich genau einem Jahr entstanden war. Er und seine Frau Terhi in der Mitte, beide mit einem der Mädchen auf dem Schoß. Auf dem Foto lächelten sie alle, aber er wusste, wie schwer das hinzubekommen war. Das Foto ist eine Lüge, dachte er, so wie die meisten Fotos in dieser Welt. Menschen lächeln, weil man das auf Fotos eben machte. Die Fotoalben der Menschen waren Sammlungen gelogenen Lächelns.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, riss ihn aus seinen Überlegungen. Er hob den Blick, sah Kriminaloberkommissar Henrik Oksman im Türrahmen stehen und fuhr zusammen.

»Mann, hast du mich erschreckt. Komm rein, ich wollte gerade gehen.«

Oksman trat in den Raum. Er war drei Jahre jünger als Paloviita und wurde auf dem Revier hinter vorgehaltener Hand »der Ochse« genannt. Oksman war hochgewachsen und trocken wie ein alter Fichtenzweig. Sein Gesicht war schmal und kantig mit dünnen Lippen und stechenden, schwarzen Augen, in denen eine Spur von Grausamkeit lag. Paloviita und Oksman waren Partner, schon seit drei Jahren. Aber im Moment vertrat Paloviita den Kommissariatsleiter Juhani Heinonen, der sich hatte freistellen lassen. Und so war er zurzeit Oksmans Vorgesetzter. Die Situation war ein bisschen seltsam und würde sich erst zum Jahreswechsel wieder normalisieren, wenn Heinonen zurückkehrte.

Paloviita schaltete sein Diensthandy aus und legte es neben Papierbergen und Laptop auf den Schreibtisch. Dann schaute er Oksman fragend an.

»Messerstecherei in Ahlainen, das Opfer ist tot«, gab Oksman bekannt. »Verdächtiger auf der Flucht.«

Paloviita fluchte im Geist, zog aber seine Jacke nicht aus. Er signalisierte Oksman fortzufahren und sah hinaus. Draußen wütete ein waschechter Herbststurm.

»Der Ort liegt auf der Landspitze Korpholma abseits der Hauptstraße. Ein Saufgelage in einem Wochenendhaus. Zwei Wagen und die Technik sind schon unterwegs.«

»Gut«, erwiderte Paloviita und schaute auf die Uhr an der Wand, die Punkt sechs zeigte. »Gibt es Augenzeugen? Wissen wir, wen wir suchen?«

Oksman blickte Paloviita direkt in die Augen. »Den Namen des Täters kennen wir nicht, aber viele haben die Tat beobachtet. Wie gesagt, da sind eine Menge Leute vor Ort. Der Angreifer ist in den Wald geflüchtet. Einer der Streifenwagen hat einen Hund dabei.«

»Gut«, wiederholte Paloviita und wollte etwas Kluges sagen, aber sein Gehirn war wie verkleistert. Oksman erwartete offensichtlich weitere Anweisungen von ihm, und die Stille zog sich quälend in die Länge. Schließlich unterbrach Oksman selbst das Schweigen:

»Es ist auch möglich, dass es niemanden gibt, den wir suchen könnten.«

»Was meinst du damit?«

»Vielleicht ist niemand vom Tatort geflohen. Vielleicht ist der Angreifer noch vor Ort und die Geschichte von dem Flüchtenden reine Erfindung.«

»Ja. Aha«, antwortete Paloviita und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Es misslang ihm, und das Gähnen bahnte sich umso heftiger seinen Weg hinter der Armbeuge hervor. »Ich muss nach Hause, wir haben etwas vor«, fuhr Paloviita fort und bemerkte, dass er anfing, sich zu rechtfertigen. Oksman ließ ihn keinen Moment lang aus den Augen.

»Du leitest die Ermittlungen vor Ort. Ist Linda noch da?«, fragte Paloviita.

»Ja.«

»Fahrt zusammen da raus. Ihr wisst, was zu tun ist. Nimm die Zeugenaussagen auf und sorg dafür, dass die Technik nichts vermasselt. Je mehr Hunde ihr bekommt, desto besser. Aber keiner geht ohne Schussweste und Helm.«

Oksmans spannte die Wangenmuskulatur an: »Das Wetter ist scheußlich.«

»In der Tat. Wer ist der Leiter der Spurensicherung?«

»Raunela.«

»Gut, er hat Erfahrung bei allen Witterungen.« Paloviita schaute erneut zur Uhr. »Jetzt muss ich aber wirklich gehen. Eigentlich sollte ich schon längst unterwegs sein. Ich nehme mein Telefon mit. Du kannst mich jederzeit erreichen, egal aus welchem Grund.«

Er schnappte sich sein Diensthandy, das er bereits ausgeschaltet hatte, und steckte es in seine Jackentasche.

Oksman nickte und ging hinaus in den Flur. Paloviita fluchte im Geiste. Er müsste eigentlich bleiben. Na klar müsste er bleiben, und Oksman wusste das auch. Es ging um ein Tötungsdelikt, der Verdächtige war auf der Flucht, vermutlich bewaffnet und gefährlich – und Paloviita trug die Verantwortung. Auch wenn das Ganze wie ein Selbstläufer klang: Messerstecherei unter Betrunkenen in Privaträumen. Aber das konnte sich blitzschnell ändern. Eine Bedrohungslage konnte entstehen, vielleicht musste Gewalt angewendet werden. Und wer weiß, was sonst noch passieren konnte, wenn ein verzweifelter Mensch in eine ausweglose Situation geriet. Er sollte zumindest so lange im Büro bleiben, bis der Verdächtige gefasst war. Sollte jemand verletzt werden, würden sich alle Blicke auf ihn richten.

Aber es war bereits nach sechs und Zeit für den Abendbrei der Mädchen. Wenn er sich verspätete, erwartete ihn zu Hause die Hölle. Terhi wollte heute zur Weihnachtsfeier mit ihren Kollegen, und er hatte versprochen, sich um die Kinder zu kümmern. Kam er zu spät, drohte ihm ein Krach, auf den er keine Lust hatte. Zumindest nicht heute, nicht an diesem Abend. Außerdem hatten Henrik Oksman und Linda Toivonen die Zügel in der Hand, ein besseres Team konnte man sich nicht wünschen. Beide waren mindestens ebenso fähig wie er. Und außerdem war er ja den ganzen Abend erreichbar.

Paloviita schaltete das Licht im Büro aus und ging zum Fahrstuhl. Obwohl alles in geordneten Bahnen lief, war er unruhig. Er drückte den Knopf für das Erdgeschoss. Der Fall weckte schlimme Vorahnungen in ihm. Doch dann schüttelte er die Gedanken ab. Sicher lag alles nur daran, dass dies sein erstes Tötungsdelikt in seiner neuen Rolle als Chef war.

Kaum trat er aus der Tür, schlugen ihm eisige Regentropfen ins Gesicht. Himmel, was für ein Sturm. Drinnen am Schreibtisch hatte er nicht geahnt, dass es so schlimm war. Vornübergebeugt rannte er zu seinem Wagen, war aber trotzdem durchnässt, als er sich hinters Steuer fallen ließ. Er dachte an Henrik Oksman und Linda Toivonen – und all die anderen Kollegen: die Techniker, die Polizisten, die den Tatort sicherten, und alle, die bei diesem Wetter durch den dunklen Wald stapfen mussten – und fühlte so etwas wie Schadenfreude. Chef zu sein hatte neben dem Gehalt noch andere gute Seiten. Daran könnte er sich glatt gewöhnen.

3

Als Paloviita zu Hause eintraf, wartete seine Frau schon in voller Festmontur im Flur auf ihn. Ihre Haare waren zu einem eleganten Dutt hochgesteckt, ein paar Strähnen kräuselten sich locker in der Stirn. Ihr Make-up war stärker als sonst, und sie trug große Perlenohrringe. Er hatte sie ihr zum zehnten Hochzeitstag geschenkt, aber wenn sie gemeinsam ausgingen, trug sie die Ohrringe nie. Immer nur, wenn sie sich mit ihren Freundinnen verabredete.

In der Wohnung roch es nach einer Mischung aus Parfüm und Haarlack. Paloviita ließ Jacke und Schuhe im Vorraum stehen und trat in den Flur. »Du siehst schön aus«, sagte er und lächelte, doch sein Lächeln wurde nicht erwidert.

»Hast du mal auf die Uhr geschaut? Hättest du nicht wenigstens heute mal pünktlich sein können? Du wusstest doch, dass ich was vorhabe. Immer bleibst du bis zur letzten Sekunde im Büro!«

Paloviitas Lächeln erlosch. Er schaute zur Uhr in der Küche: halb sieben, genau genommen kurz vor halb.

»Ich habe doch gesagt, dass ich spätestens um halb zu Hause bin.«

Terhi erwiderte nichts, schwirrte ins Bad ab und kontrollierte ihr Make-up.

»Wann kommst du nach Hause?«

»Die Feier ist um eins zu Ende. Aber vielleicht gehe ich danach noch mit ein paar Kolleginnen was trinken. Warte nicht auf mich.«

»Wo war die Feier noch mal?«, fragte er.

»Papi«, kreischten die Mädchen fröhlich und stürmten aus dem Spielzimmer in den Flur. Paloviita fing sie auf, drehte sie ein paar Runden in der Luft und ließ sie wieder herunter. Er gab jeder einen Kuss auf die Wange und fuhr ihnen durch die Haare. Die Mädchen umklammerten seine Hosenbeine.

Autoscheinwerfer leuchteten durch das Küchenfenster, und Paloviita schaute hinaus. Auf der Zufahrt stand im strömenden Regen ein neuer, protziger BMW. Die Scheinwerfer leuchteten direkt ins Fenster, und er konnte nicht erkennen, wer hinter dem Steuer saß.

»Du wirst abgeholt«, rief er Terhi zu, die im Bad ihre Puderdose zudrehte, in die Handtasche steckte und nach ihrem langen, eleganten Wollmantel griff. Dann durchsuchte sie hektisch den Vorraum und anschließend den Garderobenschrank im Flur. Draußen wurde gehupt. »Wo ist denn mein Regenschirm?«

Paloviita angelte ihn vom Garderobenschrank herunter, Terhi riss ihm den Schirm aus der Hand und zog in Windeseile ihre hohen Lederstiefel an. Paloviita begleitete sie an die Haustür und versuchte, ihr einen Kuss zu geben, doch Terhi schob ihn beiseite und sagte lächelnd: »Das Make-up verwischt.« Dann öffnete sie die Tür, drehte sich noch einmal um und rief: »Denk dran, den Mädchen ihre Vitamin-D-Tropfen zu geben, sie stehen oben im Regal in der Küche.«

»Sei vorsichtig«, rief er ihr noch hinterher, aber die Tür fiel schon mit einem lauten Krachen ins Schloss. Paloviita ging in die Küche und sah seiner Frau nach, wie sie sich unter den Regenschirm duckte, um ihre Frisur zu schützen, während sie zu dem Auto lief. Dann nahm sie auf dem Beifahrersitz Platz. Der BMW setzte zurück auf die Straße. Paloviita versuchte erneut, zu erkennen, wer am Steuer saß, konnte aber im Schein der Straßenlaterne nur die Silhouette eines Mannes ausmachen. Das Wasser aus den Pfützen spritzte zur Seite, als der Wagen beschleunigte. Er stand so lange am Fenster, bis auch die roten Rücklichter des Wagens am Ende der Straße verschwunden waren. Dann griff er nach dem Kugelschreiber auf dem Küchenwagen, schrieb das Autokennzeichen auf ein Post-it und steckte ihn zusammengefaltet in die Hosentasche seiner Jeans. Der Wind fegte über die Briefkästen, die in einer Reihe am Straßenrand aufgestellt waren, und öffnete ihre Klappen wie die Schnäbel hungriger Vogeljungen.

Der Regen ließ nicht nach, sondern nahm mit dem Einbrechen der Nacht sogar noch zu. Ebenso der Wind, der über das Dach und die Regenrinnen heulte, und klang, als ob ein Mensch schrie. Die Straße hatte sich in einen strömenden Bach verwandelt. Paloviita steckte die Mädchen in die Badewanne. Während sie im Wasser plantschten, saß er auf der Bank der Sauna im Bad, passte auf sie auf und las dabei Zeitung. Auf Seite fünf stand sein Name. Erwähnt wurde er im Zusammenhang mit einem Mord, der demnächst vor Gericht verhandelt werden würde und viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen hatte. Er war der zuständige Ermittler in dem Fall gewesen, bevor er die Vertretung seines Chefs übernommen hatte.

Nach dem Bad kochte er für die Mädchen Brei, den er anbrennen ließ. Also schmierte er ihnen stattdessen zwei Butterbrote. Während er das Kinderzimmer zum Schlafengehen vorbereitete, verwüsteten die Mädchen das komplette Spielzimmer. Sie hatten den Inhalt aller Spielzeugkisten zu einem großen Berg angehäuft. Ein einziges Durcheinander aus Plüschtieren, Legosteinen, Barbiepuppen und Ponys. Zuerst versuchte Paloviita die Spielsachen in die richtigen Kisten zu sortieren, gab dann aber auf und schaufelte sie einfach zurück. Terhi konnte das Durcheinander morgen entwirren, schließlich hatte sie sich das System ausgedacht.

Die letzte halbe Stunde bis zum Schlafengehen verging im Schneckentempo. Die Mädchen trugen pausenlos Spielsachen ins Wohnzimmer, und Paloviita trug sie im gleichen Rhythmus wieder zurück. Die Laken waren vom Rumhüpfen zerwühlt, Decken und Kissen lagen wüst durcheinander. Der Sekundenzeiger tickte so langsam wie eine sich allmählich in Gang setzende Diesellok. Von Zeit zu Zeit warf Paloviita einen Blick auf sein Diensthandy, aber es blieb stumm. Als er die Mädchen endlich im Bett hatte, machte er sich eine Dose Amstel auf und entdeckte auf dem oberen Regal die ungeöffnete Packung mit den Vitamin-D-Tropfen. Der Verschluss knirschte, als er ihn auf- und wieder zudrehte und das Fläschchen zurück ins Regal stellte. Die Stunden in der Polizeischule waren nicht für die Katz gewesen.

Paloviita setzte sich auf das Sofa, schaltete erst den History Channel ein und zappte dann durch die Programme. Die Abendnachrichten begannen. Die Wirtschaft erholte sich, und die Zinsen stiegen. Paloviita stöhnte. Ihm war die Rezession ganz gelegen gekommen, die Zinsen waren niedrig gewesen, doch jetzt sah es leider so aus, als wäre es damit vorbei. Gut für viele, schlecht für ihn. Er schaltete den Fernseher aus, sah nach den Mädchen, ging nach oben, zog sich aus und legte sich schlafen. Der Regen trommelte gegen das Dach.

Im Traum lief er über eine Wiese, auf der ihm die Gräser bis zu den Achseln reichten. Die Mittagssonne schien warm auf seine Wangen, die Farben leuchteten unwirklich intensiv. Hunderte Insekten. Schmetterlinge, Libellen. Fliegen klebten auf der Haut, drangen in die Augen, in den Mund.

Und die ganze Zeit über quälte ihn ein seltsamer Gedanke. Etwas, das von außerhalb des Traumes zu ihm durchdrang. Es kam von ganz weit her und wurde von jemand anderem ausgesendet.

Kosmisches Rauschen.

Es gab keine Zeit, im Traum verharrte alles regungslos – er war der Einzige, der sich bewegte.

Weil er durch die Zeit reiste.

Paloviita breitete die Arme aus und fuhr mit den Handflächen über die Halme. Die Schwalben flogen tief auf der Jagd nach Insekten. So weit das Auge reichte, ringsum nichts als Wiese, weit wie die Prärie. Wolken hingen über der Unendlichkeit wie eine Armada aus Kriegsschiffen.

Wieder schob sich ein seltsamer Gedanke störend in den Traum und überdeckte ihn wie die Schatten der Wolken.

Er war ein Fremder auf der Reise durch die Zeit.

Aus dem Grasmeer erhob sich ein lange verlassenes Haus. Die Farbe an den Wänden bröckelte, Bretter hingen lose herab, die Fensteröffnungen blickten leer und traurig. Der Horizont schwankte.

Er reiste auf einem Kugelschreiber durch die Zeit, und im Radio wurde kosmisches Rauschen gespielt.

Im Traum hörte er das Weinen eines Mädchens. Es klang angsterfüllt und schrecklich und drängte sich durch die Zeitspalten des Traums in sein Bewusstsein. Mit einem Schlag war Paloviita hellwach. Er war schweißgebadet, die Härchen auf seinen Armen standen zu Berge.

Sara weinte im Schlaf und verstummte wieder. Der Regen trommelte gegen die Fensterbänke aus Blech. Paloviita lauschte, ob Sara noch einmal anfing zu weinen, aber im Haus blieb es still. Es war halb fünf Uhr morgens. Terhis Betthälfte war leer. Er wurde erst wieder wach, als Terhi nach Hause kam. Aber sie kam nicht nach oben ins Bett, sondern legte sich auf das Sofa im Wohnzimmer.

Der Wind kam und ging in Wellen.

4

Henrik Oksman stellte den Wagen hinter den anderen auf dem Waldweg ab. Tropfen prasselten gegen die Scheibe. Es war stockdunkel. Im Lichtkegel der Autoscheinwerfer glänzten die Stämme der Fichten schwarz. Oksman und Linda Toivonen stiegen aus, zogen ihre Regensachen an und gingen in Richtung Grundstück, das von hellen Scheinwerfern ausgeleuchtet wurde. Der Wind wehte scharf, und sie mussten ihre Kapuzen festhalten, damit er sie ihnen nicht vom Kopf riss. Ihre Gesichter waren sofort nass, und der kalte Novemberregen lief ihnen den Hals hinunter in die Kleidung. Die Müdigkeit, die im warmen Auto von ihnen Besitz ergriffen hatte, war wie weggeblasen.

»Was für ein Höllenwetter«, rief Linda über den Sturm hinweg.

Sie erreichten das Grundstück, auf dem das Wochenendhaus stand. Die Polizisten hatten versucht, Absperrbänder um das Haus herum zu befestigen, doch sie waren fast alle wieder gerissen und flatterten lose im Wind. Eine Menge Leute stand herum. Im Wald und unten am Strand blinkten Taschenlampen. Eine Gruppe war damit beschäftigt, Flutlichtscheinwerfer aufzustellen. Außerhalb der Lichtkegel war es düster wie in einem Grab. In den Pfützen bildeten sich Blasen, Schuhe versanken im Matsch und in tiefen Fahrrinnen. Im Wochenendhaus und auf der Terrasse brannte Licht. Sie konnten erkennen, dass sich auch im Inneren des Gebäudes viele Personen aufhielten: uniformierte Polizisten, in weiße Schutzanzüge gehüllte Kriminaltechniker, aber auch Zivilisten.

Oksman und Toivonen steuerten auf zwei mit einem Flutscheinwerfer hantierende Polizeibeamte zu. Sie waren von der Kriminaltechnik: Der Ältere war Ville Raunela, der Jüngere Teemu Salminen. Raunela, der in zwei Jahren in Rente gehen würde, war vor allem für zwei Dinge bekannt: Er erledigte seine Aufgabe immer sorgfältig und korrekt, und er war grimmig wie ein Berggeist. Er hatte einen großen Bauch, eine Brille mit dickem Rand und einen kahlen Hinterkopf, der jetzt von einer Mütze verdeckt wurde. Salminen war das komplette Gegenteil seines Kollegen: dreißig Jahre jünger, schlank, sportlich und meistens guter Laune. Die Männer kämpften mit einer Kabeltrommel. Ihre Kapuzen hingen ihnen nass auf dem Rücken. Schon von Weitem konnten Oksman und Linda ihr Fluchen hören.

»Wieso leuchtest du dorthin? Hier spielt die Musik!« Das war Raunela.

»Versuch mal den anderen Stecker.«

»Welchen anderen Stecker? Hier gibt es nur diesen einen. Himmelarsch, wir werden ja wohl noch dieses Kabel anschließen können!«

»Wir haben noch ein zweites mit, das mit der … soll ich es …«

»Fuchtel nicht so rum, leuchte gefälligst hierher!«

Oksman schaltete seine Taschenlampe an. Raunela und Salminen drehten sich verwundert um.

»Wie ist die Lage?«, fragte Oksman, nahm Raunela den Stecker aus der Hand, drehte ihn einmal und steckte ihn dann in die Steckdose. Der Flutlichtscheinwerfer flammte auf und warf einen hellen Lichtkegel auf den Boden.

»Schwarz wie ein Wichtelarsch«, sagte Raunela und wischte seine Brillengläser mit einem Papiertaschentuch trocken. »So ein gottverdammter Einsatzort!«

Salminens Taschenlampe erlosch, und er musste ein paarmal mit der Hand draufschlagen, bevor sie wieder leuchtete. »Wenn der Wind stärker wird und der Strom ausfällt, dann ist hier der Teufel los. Wir sollten uns sicherheitshalber ein paar Notstromaggregate herbringen lassen«, sagte er, richtete den Scheinwerfer auf die Terrasse aus und fuhr zu Raunela gewandt fort: »Der bleibt so nicht stehen, wir brauchen ein paar Gewichte.«

»Soll ich mich in eins verwandeln, oder wie?«

»Such mal nach einem großen Stein.«

»Such doch selber, Mann. So eine verdammte Mistkacke. Ist doch sowieso egal, wir können auch alle postwendend wieder abziehen. Messerstechereien unter Besoffenen haben wir in diesem Land schon oft genug untersucht.«

Ein Hundeführerteam ging durch den Lichtkegel in Richtung Strand. Ein Schäferhund zog an der Leine, dahinter zwei Polizisten, die ihre Taschenlampen hin und her schwenkten. Oksman und Linda wussten, dass sie aus Raunela und Salminen nicht mehr herauskriegen würden. »Wo ist die Leiche?«, fragte Linda.

»Im Haus. Geht durch die rechte Tür«, antwortete Salminen und justierte den Scheinwerfer.

Sie stiegen die Treppe zur Terrasse hinauf. Oben sammelte ein Techniker im weißen Anzug Zigarettenkippen ein und steckte sie in durchsichtige Tütchen. Das Meer toste in der Dunkelheit. Oksman schaute in Richtung Ufer. Nur die Wellen, die an die Ufersteine klatschten, waren zu erkennen. Draußen auf dem Meer leuchtete in der Ferne das Licht eines einsamen Häuschens. Durch die großen Terrassenfenster sahen sie, dass sich drinnen mindestens fünfzehn Zivilpersonen befanden, etwa die Hälfte von ihnen Männer, die anderen Frauen. Sie waren aufgefordert worden, auf dem Sofa und auf Stühlen, die in einer Reihe an der Wand aufgestellt worden waren, Platz zu nehmen. Zwei Polizeibeamte nahmen die Personalien auf. Oksman und Linda zogen ihre Regenmäntel aus, hängten sie an einen Nagel, der aus einem der Stützpfeiler ragte, und gingen hinein.

Warme Luft schlug ihnen entgegen. Neben dem Kamin lag in einer Blutlache und mit dem Gesicht zum Boden die Leiche eines Mannes mit beleibter Körpermitte. Seine Haut war schon leicht gräulich. Auf den Mann war mehrere Male mit einem Messer eingestochen worden. Das Hemd am Rücken war von dickflüssigem Blut durchtränkt. Zwei Techniker machten sich bei der Leiche zu schaffen. Überall lagen leere Flaschen, wohl mehr als hundert – Schnaps- und Bierflaschen sowie Dosen in allen Farben und Größen. Abgesehen von dem Flaschenmeer wirkte der Raum recht ordentlich, das Wochenendhaus ziemlich neu und gut ausgestattet. Die abgestandene Luft im Inneren roch nach Alkohol und Zigaretten. Oksman streifte sich Einweghandschuhe über.

Es war unschwer zu erkennen, dass die Gesellschaft auf dem Sofa aus Männern und Frauen vom Fach bestand. Alles Alkoholiker durch und durch, und das hier war ihr Saufcamp gewesen. Oksman ging zur Leiche. Einer der Techniker, eine Frau, erhob sich und begrüßte ihn. Sie sah müde aus, was Oksman nicht verwunderte, schließlich war auch er müde. Und sie hatten noch eine lange Nacht vor sich.

»Messerstiche im Rücken und im Hals. Mindestens sechs.«

»Wo ist das Messer?«

»Wurde nicht gefunden. Der Angreifer ist durch diese Tür geflohen, offensichtlich mit dem Messer«, sagte sie und deutete auf eine Tür, deren Türgriff und Glasscheibe voller roter Flecken waren. Und auf dem Boden neben der Tür waren blutige Fußabdrücke zu sehen.

Oksman betrachtete die Menschen im Raum. Niemand hatte Blutspuren an der Kleidung oder an den Händen. Die Technikerin erriet Oksmans Gedanken:

»Es gibt viele Augenzeugen. Die Erstbefragung wurde durchgeführt, gestaltete sich aber schwierig. Die meisten haben mindestens zwei Promille.«

»Wir müssen sie wegschaffen und den Ort absperren.«

Der zweite Techniker, ein Mann, erhob sich. »Und wie in aller Welt sollen wir das anstellen? Wir können sie ja nicht vor die Tür jagen. Und Fahrzeuge, um die Meute irgendwohin zu kutschieren, haben wir auch nicht.«

»Ich muss mal aufs Klo. Ich pisse mir gleich in die Hose«, rief eine Frau und erhob sich. Der Polizeibeamte versuchte die Frau dazu zu bringen, sich wieder hinzusetzen, aber sie ließ sich nicht aufhalten und torkelte in Richtung Toilette. Der Polizist hob die Schultern und fasste die Frau am Arm, um sie zu stützen.

»Pfoten weg, du Scheißbulle«, fuhr sie ihn an und schüttelte seine Hand ab.

»Ich muss auch pinkeln«, meldete sich ein Mann.

»Wann kann man hier mal eine rauchen?«, fragte ein weiterer.

»Wie lange dauert das hier noch. Gebt uns wenigstens eine Pulle Schnaps«, lallte ein dritter.

Oksman wusste, dass die Situation ihnen schon bald entgleiten würde, wenn sie nichts unternahmen. Er wendete sich wieder an den Mann von der Spurensicherung, hielt dessen grimmigem Blick stand und sagte ruhig: »Wie dem auch sei, sie müssen hier schnellstmöglich raus, wir müssen alle Spuren sichern.«

»Erklär du uns nicht, wie wir die Tatortsicherung durchzuführen haben.«

Oksman wandte sich an einen der Polizisten: »Bestell irgendwo einen Kleinbus und wenn du keinen bekommst, dann ein paar Großraumtaxis. Wir müssen sie hier wegschaffen.«

»Und wohin sollen wir sie bringen?«

»Wenn euch nichts anderes einfällt, eben ins Präsidium.«

»Und wer bezahlt den Spaß?«

»Die Finnen bezahlen immer brav ihre Steuern«, entgegnete Oksman.

»Blöder Ochse«, hörte Oksman den männlichen Technikerkollegen murmeln, als dieser sich wieder über die Leiche beugte.

Die Tür wurde geöffnet, und Raunela und Salminen kamen herein. Sie hatten ihre Regenkleidung gegen weiße Schutzanzüge getauscht. Beiden rann das Wasser übers Gesicht, Raunela trocknete mal wieder seine Brillengläser.

»Kriegen wir die Bude hier verdammt noch mal bald leer?«, polterte er los. Der männliche Technikerkollege schaute wütend zu Oksman hinüber. Oksman ging zu Raunela.

»So wird das nichts. Die Truppe fängt an, unruhig zu werden.«

Raunela nickte. »Draußen ist es noch schlimmer. Alles der reinste Brei. Wenn es weiter so regnet, können wir das Außengelände komplett vergessen.«

Oksman winkte den Polizisten zu sich heran und zog einen Spiralblock aus der Brusttasche: »Kennen wir den Namen des Opfers schon?«

Der Polizist schaute auf seine Aufzeichnungen: »Rami Nieminen. Aber niemand hier scheint ihn zu kennen.«

»Und der Verdächtige, der geflohen ist?«

Der Mann zuckte mit den Achseln: »Sein Vorname ist Antti, aber niemand kennt seinen Nachnamen. Er war heute zum ersten Mal dabei.«

»Wem gehört das Wochenendhaus?«

Der Polizist wies mit dem Stift auf eine Frau, die in einem Sessel saß und deren verlebtes Äußeres kaum Rückschlüsse auf ihr Alter zuließ. Sie war sicher über fünfzig, hatte sich aber gekleidet wie eine Zwanzigjährige, trug einen Minirock, Netzstrumpfhosen und Stöckelschuhe. Ihr Busen quoll aus dem freizügigen Ausschnitt, ihr Make-up war schrill und bunt wie die Farben des Regenbogens, und ihre Augen waren halb geschlossen.

Oksman sah die Frau an und sagte dann zu Linda: »Befrag du die Hausbesitzerin. Versuch herauszufinden, um wen es sich bei all den Leuten handelt, und wie sie in diesen abgelegenen Winkel gelangt sind. Ich schaue mich in der Zwischenzeit ein wenig um.«

Linda nickte und wandte sich an die Frau, während Oksman in die Küche ging. Auch hier war alles mit Flaschen übersät: sämtliche Abstellflächen, der Tisch und auch der Fußboden. Hier und da lagen zwischen den Flaschen Lebensmittelverpackungen, benutzte Servietten, und in der Spüle stapelte sich dreckiges Geschirr. Dem Gestank nach zu urteilen, hatte die Meute schon mehrere Wochen hier gehaust. Oksman öffnete die Schranktür unter der Spüle. Der Abfalleimer quoll über, und auch der Boden des Schranks war voller Müll. Ihm stieg ein solch entsetzlicher Gestank in die Nase, dass er die Tür schnell wieder schloss. In der Schublade fand er eine Reihe sauberer Brot- und Schälmesser. Der Messerblock war leer, aus dem Berg schmutzigen Geschirrs ragte hier und da ein Messergriff heraus. In diesem Durcheinander war es schwer zu sagen, ob eines der Messer oder gar mehrere fehlten.

Dann drehte Oksman eine Runde durch die übrigen Räume. Neben dem Wohnzimmer und der Küche gab es noch zwei kleine Schlafzimmer. Auch sie waren unaufgeräumt, die Betten nicht gemacht und der Boden klebrig von verschüttetem Bier. Auf einem Nachtschränkchen lagen ein benutztes Kondom und die aufgerissene Verpackung.

Als er an der Toilette vorbeikam, stolperte eine Frau heraus und stieß fast mit ihm zusammen. Sie taumelte, Oksman hielt sie fest und roch Alkohol und Zigarettenqualm in ihrem Atem, mit dem sich ein aufdringlicher Parfümgeruch verband. Sie kicherte, schlang ihren linken Arm um Oksmans Hals und kniff ihm mit der anderen Hand in den Hintern.

»Oha, du hast ja einen Arsch aus Stein«, gluckste sie und versuchte Oksman zu küssen. Er wich ihr aus, aber die Frau ließ nicht locker, sie prüfte seinen Bizeps, und ihre Lippen fummelten an seiner Wange herum.

»Na, du Schmuseboy«, quakte sie. »Wie wär’s mit uns beiden?«

Oksman befreite sich aus der Umklammerung. Der Polizist, der die Frau zur Toilette begleitet hatte, kam ihm zu Hilfe und brachte die Frau zurück auf ihren Platz. Linda Toivonen tat derweil ihr Bestes, die Besitzerin des Wochenendhauses zu befragen. Aber deren Blick irrte unstet umher, ab und zu fuhr sie sich mit der Zunge über die rot verschmierten Lippen. Oksman fand, dass es besser wäre, Linda in Ruhe ihren Job machen zu lassen, und so ging er hinaus auf die Terrasse.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, sah der männliche Technikerkollege zu der Frau hinüber, die wieder Platz genommen hatte, und raunte seiner Kollegin zu: »Die Prinzessin war wohl nicht gut genug für unseren Ochsen. War wohl zu weiblich.«

Draußen pfiff der Wind wie eine Lokomotive, wirbelte durch die Wipfel der Bäume und peitschte das Seil gegen den Fahnenmast. Ein Windspiel flatterte wie verrückt. Oksman zog die Regenkleidung wieder über und ging hinaus. Seine Stiefel versanken gleich unterhalb der Treppe im Morast, der Regen stand waagerecht und fuhr ihm stechend ins Gesicht. Er schaltete seine Taschenlampe ein, fand den Pfad, der zum Strand hinunterführte und folgte ihm. Das Tosen des Meeres drang selbst durch den Sturm und klang wie das Heulen eines Raubtieres. Auf halbem Weg kam ihm ein Kollege entgegen, der ihm im Vorbeigehen zurief: »Höllisches Wetter. In dem stockdunklen Wald können auch die Hundeführer nichts ausrichten. Bald werden hier Bäume umstürzen.«

Am Ufer stand eine Sauna, in der Licht brannte. Oksman öffnete die Tür einen Spalt und stellte fest, dass sich niemand darin befand, die Sauna aber ebenso unaufgeräumt war wie das Wochenendhaus. Im Saunavorraum hatte jemand geschlafen, auf dem Boden lag ein blauer Schlafsack und daneben stand eine Sporttasche, aus der Männersachen quollen.

Das Meer war dunkel. Die Wellen drängten eine nach der anderen ans Ufer wie unsichtbare Riesen und zerschellten an den Uferfelsen zu weißem Schaum. Nur ein einziger unbeweglicher Punkt leuchtete in der Dunkelheit. Während er zu dem Licht schaute, erlosch es. Oksman sah auf seine Uhr, die selbst leuchtenden Zeiger standen auf Punkt sieben. Es würde noch mehr als zwölf Stunden dauern, bevor es wieder hell wurde. Der Regen machte keinerlei Anstalten nachzulassen. Von weit her war das Bellen eines Polizeihundes zu hören, klar und scharf. Oksman hielt angespannt inne. Das Bellen hörte nicht auf, erklang weiter gleichmäßig, fast manisch und wurde vom Sturm von links herübergeweht. Oksman lief im Laufschritt zurück zur Hütte. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe hüpfte hin und her, das Wasser spritzte, die Stiefel schlitterten.

Vor dem Haus, im Schein des Lichts, stand eine Gruppe Polizisten mit dem Rücken zum Wind. Oksman steuerte auf sie zu. Das Funkgerät knarrte, und einer von ihnen bestätigte etwas. Dann sahen sie Oksman aus dem Dunkeln auf sie zustürmen und wandten sich ihm zu.

»Wir haben ihn«, bestätigte ihm der Polizist, der das Funkgerät bedient hatte, ohne gefragt worden zu sein. »Er wird gerade hergebracht.«

»Und das Messer?«, fragte Oksman.

Der Polizist drückte die Sprechtaste seines nagelneuen VIRVE-Funkgeräts für das landesweit einheitliche Funknetz und fragte, ob auch das Messer gefunden worden sei.

Das Telefon rauschte. »Nein, haben wir nicht. Aber der Mann ist voller Blut und stammelt zusammenhangloses Zeug. Er war auf Strümpfen und ohne Jacke unterwegs. Wir bringen ihn gleich zum Wagen.«

»Nummer zwei bestätigt«, sagte der Polizist und rief seinem Kollegen auf der Terrasse zu: »Sie bringen ihn. Mach das Auto startklar, und lass uns hier verschwinden!«

»Wird aber auch Zeit«, antwortete ihm dieser.

Linda Toivonen kam auf die Terrasse. Oksman sah, dass sie lächelte. Es war Freitag, der neunte November 2018. Der eisige Wind kam und ging in Böen.

5

Am nächsten Morgen fand Paloviita die Sachen seiner Frau im Flur verstreut. Im Vorraum die Lederstiefel, jeder in einer Ecke, ihr Mantel auf dem Boden. Paloviita hängte ihn auf einen Bügel, glättete die gröbsten Falten und konnte der Versuchung nicht widerstehen, die Taschen zu durchsuchen. Er fand eine Taxiquittung und ein paar zerknüllte Geldscheine. Dann stellte er die Schuhe ordentlich in den Schrank und untersuchte Terhis Handtasche, die auf dem Tischchen im Flur stand. Portemonnaie und Handy waren da, ebenso die Hausschlüssel. Den Kassenbons nach zu urteilen, war es ein langer Abend im Anton gewesen, die Feier war wohl weitergegangen, bis das Lichtzeichen den Ausschankschluss angezeigt hatte. Das eine oder andere Getränk musste auch geflossen sein. Terhi schlief auf dem Sofa unter einer Wolldecke mit dem Gesicht zur Lehne. Auch die Mädchen schliefen noch fest. Auf dem Sofatisch standen ein Wasserglas und eine angebrochene Packung Aspirin.

Paloviita setzte Kaffee auf und holte die Satakunta-Morgenzeitung aus dem Briefkasten. Der Regen hatte nachgelassen, aber der Wind wehte immer noch in Böen. Paloviita schmierte ein Brot, briet ein Ei für Terhi und schüttete den restlichen Kaffee in die Thermoskanne. Für die Mädchen kochte er Brei, ließ ihn auch diesmal anbrennen und kippte ihn in den Müll. Er schrieb einen Zettel, auf dem er Terhi mitteilte, dass man am Abend eine Leiche gefunden hatte und er ins Büro musste. Er würde nach Hause kommen, sobald er die Dinge im Büro in die richtigen Bahnen gelenkt hätte. Dann ging er aus dem Haus. Am Horizont zogen schwarze Wolkenbänke auf.

Als Paloviita im Büro eintraf, erwartete ihn Henrik Oksman schon. Paloviita zog seine Jacke aus und setzte sich.

»Na, wie lief’s?«, fragte er und betrachtete Oksman genauer: keine Spur von Müdigkeit, Bart rasiert und die Haare noch feucht vom Duschen. Paloviita fühlte sich, als wäre er dem Grab entstiegen. Oksmans stechender Blick bohrte sich schon wieder in sein Innerstes.

»Ordentlich nass war es, wir sind alle vollkommen durchweicht. Wir müssen heute noch mal bei Tageslicht in das Wochenendhaus. Die Arrestzellen sind voll mit den Säufern aus dem Mökki.«

»Wieso das?« Paloviita sah Oksman fragend an.

»Wir mussten sie da wegschaffen, bevor sie uns alle Spuren zerstört hätten. Die meisten wussten nicht wohin.«

»Und da hast du entschieden, sie hierher bringen zu lassen?«, bemerkte Paloviita in zu strengem Ton, aus dem sein schlechtes Gewissen sprach, weil er selbst nach Hause verschwunden war.

»Das war meine Entscheidung, und ich trage die Verantwortung dafür. Außerdem müssen sie alle noch einmal vernommen werden. Die meisten waren so betrunken, dass wir kein vernünftiges Wort aus ihnen herausbekommen haben.«

Paloviita nickte. Er wusste, Oksman hatte richtig gehandelt, aber er konnte es ihm nicht sagen.

»Und der Angreifer? Der vom Tatort geflohen ist? Habt ihr den?«

»Ein Hundeführerteam hat einen halben Kilometer entfernt im Wald einen Mann unter einer Fichte gefunden, dessen Sachen komplett durchnässt und voller Blut waren.«

»Ist er freiwillig mitgekommen?«

»Ja. Er war völlig unterkühlt und stark alkoholisiert. Wenn wir ihn nicht gefunden hätten, wäre er höchstwahrscheinlich erfroren.«

»Ausgezeichnet«, sagte Paloviita und lächelte. Der Tag fing großartig an. Er wäre spätestens zu Mittag wieder zu Hause.

»Und die Leiche?«

»Ist schon in der Rechtsmedizin. Wird Montag untersucht«, antwortete Oksman und fuhr fort. »Das Messer wurde noch nicht gefunden. Die Suche wird heute bei besseren Lichtverhältnissen fortgesetzt.«

Paloviita schaute aus dem Fenster. Es wurde langsam hell. Der Himmel war immer noch wolkenverhangen, der Wind kräftig, aber es regnete nicht mehr. »Ist Linda schon da?«

»Nein, noch nicht.«

»Bitte sie, zu mir zu kommen, wenn sie da ist.«

»Wie verfahren wir weiter mit dem Verdächtigen?«

»Verhör ihn gemeinsam mit Linda. Es sieht ganz so aus, als ob ihr alles im Griff habt.«

Paloviita wendete seine Aufmerksamkeit den Papieren zu und gab damit zu verstehen, dass die Unterredung beendet war. Als Oksman schon fast zur Tür hinaus war, hob er seinen Blick noch einmal und sagte: »Gute Arbeit, Henrik.«

Oksman nickte und verschwand im Flur.

Paloviita war guter Dinge. Der Abend war auch ohne ihn gut verlaufen, nichts Außergewöhnliches war vorgefallen. Linda und Oksman würden den Fall ohne Komplikationen zu einem guten Ende bringen.

Er blätterte in den Papieren vor sich. Sie gehörten zu einem anderen Fall, einem Tötungsdelikt, das schon ein Jahr zurücklag. Ein Mann hatte seine Freundin mit dem Gürtel eines Saunamantels erwürgt und versucht, die Leiche zu entsorgen, indem er sie in der Badewanne mit hundert Litern Rohrreiniger übergossen hatte, die er sich zuvor kistenweise in den umliegenden Geschäften besorgt und dabei ganze Regale mit dem Zeug leer gekauft hatte. Aber natürlich hatte es nicht funktioniert. Die Lauge hatte die Abwasserleitungen im Haus durchgeätzt, und die Brühe war in die Wohnung unter ihm gelaufen. Deren Eigentümer wiederum hatte den Hausverwalter angerufen, der die Leiche – beziehungsweise das, was von ihr übrig war – in der Badewanne gefunden hatte. Beim Eintreffen empfing sie solch eine Schweinerei und ein solch bestialischer Gestank, wie es Paloviita noch nie erlebt hatte und wohl auch so schnell nicht wieder erleben würde. Die Haut der Frau war so schwer verätzt, dass man die Leiche anhand der Zähne identifizieren musste.

Der Fall hatte viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen, und der Leiter der Ermittlungen, Juhani Heinonen, hatte auf diese Weise eine gewisse Berühmtheit erlangt. Unter anderem aus diesem Grund hatte Heinonen auch eine Vertretungsstelle beim Zentralen Kriminalamt in Helsinki angetreten, sodass Paloviita ihn hier kommissarisch vertrat. Jetzt sollte der Fall dem Staatsanwalt vorgelegt werden, und Paloviita ging ihn noch einmal Punkt für Punkt durch. Wahrscheinlich würde er als Zeuge vor Gericht aussagen müssen, denn er hatte die Ermittlungen so lange geleitet, bis sie an eine andere Abteilung übergeben worden waren.

Der Verdächtige, Veeti Sirniö, war ein vierundzwanzigjähriges, mit anabolen Steroiden vollgepumptes narzisstisches Arschloch, das in den Augen von Paloviita völlig überflüssigerweise auf dieser Erde lebte. Zum Glück war der Typ nicht die hellste Kerze auf der Torte und hatte seine Spuren nicht besonders geschickt verwischt. Sie hatten ihn noch am selben Tag, an dem die Leiche gefunden worden war, in der Wohnung seines Bruders aufgespürt. Er hatte schon eine neue Frau am Wickel. Sirniö, den sie im ganzen Polizeigebäude nur Mr Muscle nannten, war in den Verhören nichts zu entlocken gewesen, stattdessen hatte er sie beschimpft und auf den Boden gerotzt. Aber die Beweislage war eindeutig. Unter anderem waren in Sirniös Geldbörse die Quittungen für exakt dieselbe Menge Flaschen Rohrreiniger gefunden worden, wie es leere Flaschen im Bad gegeben hatte.

Später stellte sich heraus, dass Sirniös Freundin, die sechs Jahre jüngere Abiturientin Kaisa Maria Angervo, ungefragt eine Zigarette von Sirniö genommen hatte, was für ihn als Motiv gereicht hatte, den Gürtel des Saunamantels aus dem Bad zu holen und sie von hinten zu erwürgen (oder wie Sirniö es ausdrückte: »Der Schlampe mal ein bisschen Manieren beizubringen.«).

Paloviita hoffte, dass für Sirniö lebenslänglich herausspringen würde, obwohl er selbst dies für ein zu mildes Urteil hielt.

Es klopfte an der Tür, und Paloviita hob den Kopf. In der Tür stand sein Vorgesetzter Tapio Vesalainen. Vesalainen war der Leiter der Kriminalpolizei und ein ergrauter Gentleman, der immer sorgfältig ausgewählte Garderobe trug. Paloviita mochte den Kriminaldirektor, auch wegen dessen Unverblümtheit. Er war umgänglich und aufgeschlossen, und zwischen ihnen war ein herzliches Miteinander entstanden.

»Na, Chef?«, fragte Vesalainen und trat ein.

Paloviita bat ihn mit einer Geste, sich zu setzen. »Und selbst?«, fragte er, um dann selber fortzufahren: »Wir sind auf der Zielgeraden. Noch gut einen Monat.«

»Was liegt im Moment an?«

»Die Ermittlungen zu Mr Muscle sind abgeschlossen. Ich habe schon mit dem Staatsanwalt gesprochen. Er stimmt mit mir darin überein, dass die Anklage auf Mord lauten wird.«

»Wer ist der zuständige Staatsanwalt?«

»Wihlman.«

»Gut. Was gibt es noch?«

»Ein paar Schlägereien. Ein Kioskeinbruch, ein Autodiebstahl, und auf dem Zebrastreifen in der Itsenäisyydenkatu Ecke Otavankatu wurde eine Fußgängerin angefahren. Die Geschädigte ist ziemlich schwer verletzt. Und dann die Messerstecherei gestern auf Korpholma. Ein Mann tödlich verletzt, der Verdächtige gefasst und in Gewahrsam.«

»Gut. Wie fühlen Sie sich in Ihrer neuen Rolle?«

Paloviita sah seinen Vorgesetzten an. Vesalainen hatte sich zurückgelehnt und zupfte mit Zeigefinger und Daumen an seinen dünnen Schnurrbarthaaren, die ebenso grau waren wie sein Haupthaar.

»Es ist schon anders. Mehr Papierkram, aber man bekommt auch einen besseren Überblick.«

»Keine Angst vor der Verantwortung?«

Paloviita lacht. »Es gab so viel zu tun, dass ich keine Zeit hatte, mir darüber Gedanken zu machen.«

Vesalainen sah ihn ernst an, aber seine Augen lächelten weiter. »Was würden Sie sagen, wenn die Vertretung über den Jahreswechsel hinaus verlängert würde?«

Paloviita sah seinen Vorgesetzten perplex an.

Vesalainen lächelte, als er Paloviitas Gesichtsausdruck sah. »Heinonen hat mich gestern angerufen. Ihm wurde eine feste Stelle beim KRP, dem Zentralen Kriminalamt, angeboten, und er will sie annehmen.«

»Was heißt das?«

»Was das heißt?«, wiederholte Vesalainen lachend. »Vielleicht habe ich mich ja doch in Ihnen getäuscht. Vielleicht sind Sie doch kein finnischer Sherlock. Das heißt, dass die Leitung des Kommissariats im März ausgeschrieben wird. Ich bin gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie die Vertretung bis dahin übernehmen würden? Und unter uns gesagt, ich bin mit Ihrer Arbeit mehr als zufrieden. Ich sähe Sie gern unter den Bewerbern, falls die Stelle ausgeschrieben und neu besetzt wird. Also, was sagen Sie?«

Paloviita sah, wie sich die Lippen seines Vorgesetzten bewegten, hörte die Worte, aber ihre Bedeutung erreichte ihn erst mit Verzögerung, so wie der Knall eines Überschallflugzeugs. Reflexartig korrigierte er die Position seines Hörgeräts.

»Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?«, fragte Vesalainen mit einem Grinsen.

»Das kam etwas überraschend. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass nach Weihnachten alles wieder wie vorher ist.«

»Ich auch«, antwortete Vesalainen. »Aber jetzt hat sich die Lage geändert.«

Paloviita wägte seine Worte ab, als er antwortete, und bemühte sich um einen ernsten Gesichtsausdruck. Allerdings fürchtete er dennoch, seine Begeisterung zu offen zu zeigen. Eine Welle der Genugtuung schwappte durch sein Inneres: »Natürlich bin ich interessiert und übernehme die Vertretung gern auch noch länger. Was die Bewerbung betrifft … Heinonen hinterlässt große Fußspuren. Ich bin bei Weitem nicht so erfahren und weiß nicht …«

Vesalainen lachte laut auf und beugte sich vor. »Papperlapapp, Jari! Wir wissen beide, dass Sie mindestens ebenso qualifiziert sind wie Heinonen. Ehrlich gesagt, bin ich sehr zufrieden, dass das KRP ihn übernehmen will. Juhani ist in bestimmten Fällen gut, aber er versteht einfach nichts von Zahlen und Kennziffern – aber wir brauchen hier jemanden, der etwas davon versteht. Die Stelle in Vantaa ist wie geschaffen für Heinonen. Sollten Sie sich für eine Bewerbung entscheiden, werde ich Sie der Auswahlkommission empfehlen.«

»Danke«, antwortete Paloviita. »Wenn Sie das so sehen, werde ich unter den Bewerbern sein.«

»Wunderbar. Dann sind wir uns also einig«, sagte Vesalainen und erhob sich. »Dann viel Erfolg weiterhin. Ich sage Ihnen Bescheid, wenn ich mehr weiß.«

Der Kriminaldirektor ging. Paloviita saß auf seinem Stuhl und starrte regungslos die Tür an. Sein Herz hämmerte. Als wäre er gerade aus einem Traum erwacht, kreisten seine Gedanken um das Gespräch. Hatte Vesalainen ihm gerade den Posten zugesagt? So gut wie. Ein Gedanke jagte den nächsten und landete beim Geld. Terhi und er waren seit Längerem knapp bei Kasse. Das regelmäßige Einkommen eines Hauptkommissars würde das Problem lösen. Terhi wusste nicht ansatzweise, wie dünn das Eis unter ihren Kreditraten tatsächlich war. Sie war es nicht gewohnt, sich einzuschränken, und er hatte es nie von ihr verlangt, denn jede Diskussion über Geld endete unweigerlich im Streit. Sie hatten im Laufe ihrer Ehe schon eine Reihe von Auseinandersetzungen miteinander geführt, und im Grunde ging es immer ums Geld. Die Stellvertretung hatte ihnen eine kurze Atempause verschafft, aber er machte sich bereits Sorgen, was passieren würde, wenn er nach Weihnachten wieder mit dem Gehalt eines Kriminaloberkommissars auskommen musste. Jetzt schien ihm das Schicksal einen Ausweg aus dem chronischen Engpass zu eröffnen.

Sein Telefon klingelte. Es war Terhi. Er drückte die Verbindungstaste, stand auf und schloss die Tür. »Guten Morgen, wie fühlst du dich?«

»Was glaubst du?«

»Wann bist du nach Hause gekommen?«, fragte Paloviita, obwohl er die Antwort auf die Minute genau wusste. 05:28 Uhr. Das hatte auf der Taxiquittung gestanden.

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Was ist los?«

»Was los ist? Ich habe einen Kater, und du lässt mich hier allein mit den Mädchen. Hier sieht es aus wie bei den Hottentotten. Und die Spielzeugkisten sind ein komplettes Chaos.«

»Ist es so wichtig, wo welcher Barbie-Schuh liegt?«

»Na klar! Du hast leicht reden dort im Büro. Der Herr muss sich ja nicht die ganze Zeit das Theater anhören, wenn die Mädchen ihre Sachen nicht finden. Außerdem passt so nicht alles in die Kisten.«

Paloviita wurde langsam wütend. »Woher kann ich denn wissen, wo welches Puzzleteil hingehört. Du sortierst die Kisten alle paar Wochen komplett neu, und ich muss dann aus dem Stegreif wissen, wo die Frozen-Puppe heute reinkommt.«

»Du kannst mich mal! Ich gehe zweimal im Jahr mit meinen Freundinnen aus, und nicht einmal dann darf ich eine Stunde länger schlafen. Aber wenn du irgendeinen Sauna- oder Pokerabend hast, dann muss es still im Haus sein und etwas Herzhaftes auf dem Tisch stehen. Das werde ich mir merken!«

»Terhi, hör mal zu. Ich musste ins Büro. Wir haben einen Mord. Eine Messerstecherei, und ich bin für die Ermittlungen verantwortlich. Ein Mensch ist tot, ermordet. Wir haben darüber gesprochen, damals, als ich die Vertretung übernommen habe.«

»Also alles wie immer. Du bist und bleibst ein Scheißkerl und wirst dich niemals ändern!«

»Ich komme, sobald ich kann, in Ordnung? Dann reden wir. Dann kannst du dich weiter ausruhen. Aber erst muss ich mich um diesen Fall kümmern.«

Mit einem Hauch von Nachsicht in der Stimme fuhr sie fort: »Kann sich nicht Oksman darum kümmern? Er ist doch ein guter Polizist. Sag einfach, du wärst krank oder so was.«

»Henrik ist nicht Kommissariatsleiter, ich bin es. Es wird nicht lange dauern, Schatz. Hör mal, ich habe auch gute Nachrichten. Lass uns darüber reden, wenn ich zu Hause bin. Stell den Mädchen ein Video an, und leg dich wieder aufs Sofa.«

»Bring etwas Salziges mit, wenn du kommst«, sagte Terhi und beendete das Telefonat.

Paloviita schüttelte noch kurz den Kopf und vertiefte sich dann wieder in die Mr-Muscle-Papiere. Er hatte schon eine Stellungnahme in einer Boulevardzeitung abgegeben und war sich sicher, dass sich noch vor Weihnachten die nächste melden würde. Damals, als der Fall frisch war, verging kaum eine Woche ohne Heinonens Konterfei in einer Zeitung. Paloviita lag das öffentliche Posieren eigentlich nicht so, aber jetzt konnte es seiner Karriere neuen Schwung verleihen. Und ein Fernsehauftritt würde bei Terhi (und ihrem Vater) ordentlich Eindruck schinden.

Es klopfte an der Tür. Linda Toivonen trat mit einem Lächeln ein: »Morgen!«

Paloviitas Blick streifte die Uhr. Er sah, dass Linda es bemerkte, und errötete. Heinonen hatte immer auf die Uhr geschaut, wenn seine Mitarbeiter kamen oder gingen. Jetzt sah es ganz so aus, als wäre die Unsitte auf ihn übergegangen.

Linda war zwei Jahre älter als Paloviita und in jüngeren Jahren in jeder Hinsicht sagenhaft gut aussehend gewesen. Hochgewachsen, schlank, üppige lange Haare. Paloviita wusste, so wie jeder hier im Revier, dass Linda mit Anfang zwanzig nebenberuflich als Model gearbeitet hatte. Ein Streifenpolizist hatte einmal einen alten Stockmann-Kaufhauskatalog in die Hände bekommen, in dem Linda als Unterwäschemodel posiert hatte. Der Katalog hatte in der Umkleidekabine seine Runden gemacht, bis ein älterer Polizist ihn einkassiert und vernichtet hatte. Linda und Paloviita waren seit acht Jahren Kollegen und vertrauten einander vollkommen.

»Morgen«, entgegnete Paloviita und wies auf den freien Stuhl, aber aus irgendeinem Grund blieb Linda in der Tür stehen. Sie lutschte eine Halspastille und schaute ihn argwöhnisch an. Ihre Augen waren nach der kurzen Nacht gerötet.

»Henrik hat schon gesagt, dass es gestern spät geworden ist.«

Linda nickte. »Ich habe mich wohl etwas verkühlt, ich fühle mich ein wenig krank. Besser, wenn ich nicht näher komme.«

»Wie geht es zu Hause?«, fragte Paloviita.

»Wie soll es gehen. Alles im Lot«, antwortete Linda zurückhaltend.

»Diese Messerstecherei. Hast du den Mann gesehen, den sie festgenommen haben?«

Die Halspastille knackte zwischen den Zähnen, als Linda sie zerbiss. »Habe ich. Ein groß gewachsener Mann, er war komplett durch den Wind. Ich weiß nicht, was er sonst noch genommen hat, aber Alkohol hatte er ganz sicher in großen Mengen intus. Er stand komplett neben sich, wie der Besen neben dem Schneemann.«

»Wenn der Mann einigermaßen ausgenüchtert ist, hol ihn dir in die Eins, und verhör ihn gemeinsam mit Henrik.«

»Das wird sicher Nachmittag. Wir haben die Bude voll mit diesen Hüttensäufern«, entgegnete Linda.

»Das hat Henrik schon erzählt. Himmel, was für ein Schlamassel. Bittet die Ordnungspolizei um Amtshilfe. Und fragt auch Vironen, vielleicht hat er noch jemanden, der euch helfen kann. Wir müssen sie möglichst schnell wieder loswerden. Das ist hier keine Herberge. Heute ist Sonnabend, und die Weihnachtsfeiern haben angefangen. Uns gehen die Einzelzimmer aus.«

»Bist du bei den Verhören dabei?«, fragte Linda.

»Ich werde es wohl nicht schaffen. Ich habe eine ganze Menge auf dem Tisch. Und eigentlich ist heute mein freier Tag. Die Vernehmungen sind doch Routine, das schafft ihr auch ohne mich. Ruft an, wenn ihr mich braucht.«

Linda nickte. »Henrik und ich fahren jetzt erst noch mal raus zu dem Wochenendhaus. Gestern Abend waren die Wetterverhältnisse zu schlecht. Ein Hundeteam begleitet uns. Mal sehen, vielleicht finden wir ja das Messer.«

»Prima, meldet euch, wenn ihr es findet. Oder wenn sonst irgendwas ist.«

Linda nickte und entfernte sich, ließ aber die Tür offen. Paloviita erhob sich, um die Tür wieder zu schließen. Er hielt kurz inne und erschnupperte Lindas Parfum, in das sich der Geruch der Halspastillen mischte. Er runzelte die Stirn, irgendetwas an dieser Mischung war seltsam.

6

Die Fahrt nach Korpholma dauerte ziemlich genau eine halbe Stunde. Als sie losfuhren, war es noch dunkel, aber in Höhe der Brücke zur Insel Reposaari wurde es langsam hell. Das Schwarz des Himmels war verwaschen, und an einzelnen Stellen riss die Wolkendecke auf. Die Möwen flogen tief und absolvierten lange Gleitflüge im heftigen Wind. Das Meer war übersät mit Schaumkronen, die gegen die Steine der Uferstraße klatschten und bis auf den Asphalt spritzten.

Den ganzen Weg über hatten Linda und Oksman kein Wort gesprochen, nicht einmal das Wetter kommentiert. Als Paloviita Chef und Oksman und Linda Partner geworden waren, hatte Linda schnell festgestellt, dass es sinnlos war, mit Oksman ein wie auch immer geartetes Gespräch anzufangen, das nichts mit dem Fall zu tun hatte. So betrachtete sie die Gegend, die trotz aller Kargheit fast erhaben wirkte. Die Bäume hatten ihre Blätter abgeworfen und standen schwarz, bereit für den ersten Schnee. Die Wipfel bogen sich im Wind wie Peitschen, und nach der Nacht war die Straße übersät mit Zweigen und den Zapfen der Nadelbäume. Das Grundstück und das Wochenendhaus wirkten bei Tageslicht ganz anders. Sie stellten das Auto am Wegesrand ab. Ein Streifenwagen stand an der Einfahrt, die nachts eilig gezogenen Polizeibänder flatterten lose im Wind. Oksman grinste, als er sah, in welchem Zustand das Gelände war: eine Matschwüste voll schwarzer Pfützen, tiefer Reifenspuren und Stiefelabdrücken, in denen das Wasser stand. Eine große Fichte war im Sturm umgestürzt und versperrte den Weg zum Schuppen. Eine zweite Fichte lehnte gefährlich schräg am Stamm einer Birke vor dem Haus. Auf einer Gehwegplatte war eine Engelsfigur umgekippt und hatte einen Flügel verloren, während die Flügel einer Miniatur-Windmühle sich im Wind drehten wie die Rotoren eines Flugzeugs. Das Wochenendhaus sah bei Licht überraschend klein aus, ebenso das Grundstück, das sich, an beiden Seiten von Fichtenwald begrenzt, sanft zum Meer hin absenkte. Am Strand sahen sie jetzt auch die Sauna, in die Oksman am Abend zuvor geschaut hatte. Der Weg dorthin war von Dutzenden im strömenden Regen hin und her eilender Polizisten vollkommen zertreten worden.

Das Hundeführerteam wartete am Haus. Zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau, die Linda beide gut kannte. Der Hund, eine schlanke Schäferhündin, war abgeleint und beschnüffelte das Fundament des Hauses. Linda rief sie zu sich. Die Hündin kam mit hängender Zunge und wedelndem Schwanz zu ihr gelaufen. Linda kniete sich hin, um ihr raues Fell zu kraulen, und die Hündin leckte ihr das Gesicht ab. Linda lachte und versuchte, ihr auszuweichen so gut sie konnte. Oksman machte indessen nicht die geringsten Anstalten, die Hündin zu streicheln, und so begnügte sie sich damit, an seiner Hand zu schnüffeln, und streifte dann weiter umher.

Sie gingen zu den beiden Polizisten, die aussahen, als stünden sie schon länger hier.

»Was ist der Plan?«, fragte der Polizist mit der Wollmütze und wischte sich mit dem Handschuhrücken über die laufende Nase.

Oksman zeigte in Richtung Wald, in dem man den Verdächtigen gefasst hatte. »Versucht, das Messer zu finden. Folgt den Spuren, und durchkämmt das Gelände dort, wo er gefasst wurde. Wenn ihr nichts findet, kommt am Ufer entlang zurück.«

Die beiden nickten, die Frau rief den Hund zu sich und ließ ihn am Schuh des Verdächtigen die Spur aufnehmen.

»Heute Nacht hat es heftig geregnet«, stellte Linda fest. »Ist das ein Problem?«

»Kann sein. Aber Neea ist gut. Wir werden sehen.«