Wechselbad der Gefühle - Patricia Vandenberg - E-Book

Wechselbad der Gefühle E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Klären Sie sofort, wie das passieren konnte, Steinberg! Und beschaffen Sie mir die Unterlagen von Hübner, ich muß mich auf die Besprechung vorbereiten.« Genervt ließ Leana Wollrab den Hörer auf die Gabel fallen, rückte ihre rahmenlose Brille zurecht und stöberte in dem Papierwust, der sich vor ihr auf dem Schreibtisch türmte. Schon wieder klingelte ihr Telefon, gleichzeitig erschien auf dem Bildschirm ihres Computers eine neue Textmeldung. Während sie telefonierte, las Leana die eingegangene Nachricht und beantwortete sie sofort. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, was einen Teil ihres geschäftlichen Erfolges ausmachte. Doch manchmal schienen selbst ihr, der streßerprobten Karrierefrau, die Dinge über den Kopf zu wachsen. So hängte sie das Telefon einfach aus, um in Ruhe ein paar E-Mails zu beantworten. Sichtlich ungehalten hob sie den Kopf, als sich die Tür zu ihrem geschmackvoll eingerichteten Büro öffnete und ihre Sekretärin Mizzi Wolke den blonden Schopf durch den Spalt steckte. »Entschuldigen Sie die Störung, Lea, aber bei Ihnen ist ständig besetzt.« Lächelnd wies sie mit dem Kopf in Richtung Telefon. Sie hatte also richtig geraten. »Erwischt!« gestand Leana, die den Blick bemerkte. »Ich weiß auch nicht, was heute morgen los ist. Alle Welt scheint ausgerechnet mit mir sprechen zu wollen. Dabei muß ich mich eigentlich mit dem anstehenden Meeting beschäftigen.« »Keine Panik, ich verrate Sie schon nicht«, gab Mizzi lachend zurück. Die beiden Frauen arbeiteten schon seit geraumer Zeit zusammen.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 152 –Wechselbad der Gefühle

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

»Klären Sie sofort, wie das passieren konnte, Steinberg! Und beschaffen Sie mir die Unterlagen von Hübner, ich muß mich auf die Besprechung vorbereiten.« Genervt ließ Leana Wollrab den Hörer auf die Gabel fallen, rückte ihre rahmenlose Brille zurecht und stöberte in dem Papierwust, der sich vor ihr auf dem Schreibtisch türmte.

Schon wieder klingelte ihr Telefon, gleichzeitig erschien auf dem Bildschirm ihres Computers eine neue Textmeldung. Während sie telefonierte, las Leana die eingegangene Nachricht und beantwortete sie sofort. Im Laufe der Jahre hatte sie gelernt, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, was einen Teil ihres geschäftlichen Erfolges ausmachte. Doch manchmal schienen selbst ihr, der streßerprobten Karrierefrau, die Dinge über den Kopf zu wachsen. So hängte sie das Telefon einfach aus, um in Ruhe ein paar E-Mails zu beantworten. Sichtlich ungehalten hob sie den Kopf, als sich die Tür zu ihrem geschmackvoll eingerichteten Büro öffnete und ihre Sekretärin Mizzi Wolke den blonden Schopf durch den Spalt steckte.

»Entschuldigen Sie die Störung, Lea, aber bei Ihnen ist ständig besetzt.« Lächelnd wies sie mit dem Kopf in Richtung Telefon. Sie hatte also richtig geraten.

»Erwischt!« gestand Leana, die den Blick bemerkte. »Ich weiß auch nicht, was heute morgen los ist. Alle Welt scheint ausgerechnet mit mir sprechen zu wollen. Dabei muß ich mich eigentlich mit dem anstehenden Meeting beschäftigen.«

»Keine Panik, ich verrate Sie schon nicht«, gab Mizzi lachend zurück. Die beiden Frauen arbeiteten schon seit geraumer Zeit zusammen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hatten sie sich schließlich zusammengerauft und waren seitdem ein eingeschworenes Team. »Allerdings habe ich auch einen Anrufer zu vermelden. Ein gewisser Christian Thaller hat bereits mehrere Male bei der Zentrale angerufen und ist schließlich bei mir gelandet. Scheint ein sehr hartnäckiger Mann zu sein, er läßt sich einfach nicht abwimmeln.« Mizzi richtete ihren Blick auf Leana, die eingefleischte Junggesellin. War da etwa eine Männergeschichte im Busch?

»Privat oder geschäftlich?«

»Er sagte privat. Aber in den heutigen Zeiten kann man ja nie wissen, welche Tricks die Vertreter anwenden.«

»Christian Thaller, Christian Thaller«, murmelte Lea nachdenklich, während sie einen Satz in den Computer tippte und nebenbei die Nachrichten ihres Handys abhörte. »Irgendwie kommt mir der Name bekannt vor, aber ich kann ihn gerade nicht einordnen. Wissen Sie was, Miz-zi, stellen Sie ihn einfach durch, wenn er wieder anruft.«

»Dazu sollten Sie aber Ihr Telefon wieder einhängen«, schlug die Sekretärin augenzwinkernd vor, ehe sie das Büro ihrer Chefin verließ.

Leana sah ihr belustigt nach und legte den Hörer wieder auf. Kurz darauf klingelte der Apparat erneut. Sie legte den Kopf schief und stellte überrascht fest, daß ihr Herz einen unvermuteten Satz machte, obschon sie immer noch nicht wußte, um wen es sich bei dem mysteriösen Anrufer handelte. Kopfschüttelnd meldete sie sich mit ihrer Schönwetterstimme, wie Mizzi Wolke den weichen Tonfall nannte, der in krassem Gegensatz zu ihrer knallharten Geschäftsstimme stand.

»Ach, Mutti, du bist es«, seufzte sie und sank in ihrem Stuhl zusammen.

»Wen hast du denn erwartet, Lea-Schätzchen?« Waltraud Wollrab horchte erstaunt auf.

Einen Augenblick lang war Leana versucht, alles zu leugnen, doch dann entschied sie sich plötzlich anders.

»Kannst du dich an einen gewissen Christian Thaller erinnern, Muttchen?«

»Aber natürlich kann ich das! Der Chrissi war immer so ein lieber Bub. Er ist mit seinen Eltern vor Jahren ins Dorf gezogen. Die Saskia, der Chrissi und du, ihr wart doch immer unzertrennlich. Bis er wieder zurück nach Konstanz mußte. Das ist typisch für euch modernen jungen Frauen, daß ihr eure Vergangenheit am liebsten ausradieren würdet.«

»So ein Unsinn, Mutti«, fiel Lea ihr ungehalten ins Wort. »Natürlich erinnere ich mich an Chrissi. Ich hatte nur im Augenblick soviel anderes im Kopf. Wie könnte ich je die tollkühnen Streiche vergessen, die wir drei ausgeheckt haben!« Sie stützte das Kinn in die Hand und schloß die Augen. Der Duft frisch gemähter Felder zog durch ihre Erinnerung, fröhliches Kinderlachen hallte in ihren Ohren wider. Sie sah sich mit zwei anderen Kindern über einen Bach springen und auf Bäume klettern.

»Bist du noch da, Lea? Warum antwortest du mir nicht?«

»Ich habe nur gerade an früher gedacht. Damals war das Leben noch leicht und unbeschwert.« Sie seufzte tief.

»Das könnte es heute auch noch sein, wenn du nur wolltest. Aber du hast dich ja für die Karriere entschieden, statt dir einen lieben Mann zu suchen, zu heiraten und Kinder zu bekommen.« Waltraud machte keinen Hehl aus ihrem Mißmut.

»Diese Diskussion hatten wir schon so oft, Mutti. Du kennst meine Meinung und dabei bleibt es, basta! Warum hast du eigentlich angerufen? Ich habe wenig Zeit.«

»Wenig Zeit, wenig Zeit!« blaffte Traudi zornig zurück. »Warum habe ich denn eigentlich eine Tochter, wenn die sich nicht um mich kümmert?«

»Das ist nicht wahr, und du weißt es so gut wie ich. Fast jeden Abend schaue ich auf eine Stunde bei dir vorbei. Werde jetzt bitte nicht ungerecht.«

»Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann du mich zuletzt besucht hast.«

Leana verdrehte die Augen zum Himmel und ermahnte sich, geduldig zu bleiben. Doch die Termine brannten ihr unter den Nägeln, der Computer meldete schon wieder zwei neue Nachrichten, und auch das Handy piepste störrisch.

»Laß uns ein andermal darüber reden, Mutti. Ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Bis später. Küßchen.« Sie hauchte einen Kuß in den Hörer und legte auf, ohne auf eine Antwort zu warten. Wenn Waltraud in dieser Stimmung war, konnte ein Telefonat Stunden dauern, ohne ein Ergebnis zu bringen. Nur kurz wunderte sich Leana über den Umstand, daß sich ihre Mutter nicht an ihren letzten Besuch erinnern konnte, der erst zwei Tage zurücklag. Gewöhnlich hatte sie noch kein schlechtes Gedächtnis. Das ständige Alleinsein bekommt ihr nicht, dachte Leana, während sie ihre Unterlagen zusammenraffte und in eine Tasche stopfte. Dann verschob sie diese Überlegungen auf einen späteren Zeitpunkt. Das Meeting wartete, und der Chef duldete weder Verspätung noch Unkonzentriertheit.

*

Um die Mittagszeit ging es im Café ›Schöne Aussichten‹ immer hoch her. Es war bekannt wegen seiner schmackhaften, leichten Küche und bot für jeden Geldbeutel und Hunger das Passende. So war es kein Zufall, daß die Belegschaft der umliegenden Büros einen Besuch in dem ›Schöne Aussichten‹ einem lieblos zubereiteten Kantinenessen vorzogen. Dazu gesellten sich ein paar versprengte Touristen, unternehmungslustige Rentner mit kleinem Geldbeutel und hin und wieder auch Teenager auf der Suche nach einer warmen Mahlzeit vor dem Nachmittagsunterricht. Es war ein bunt gemischtes Publikum. Gerade das war es, was Saskia an ihrem Café, das sie zusammen mit ihrer ehemaligen Studienkollegin Nana betrieb, besonders liebte.

»Hey, Sasa, gibt es noch Erdbeeren mit Schlagsahne?« tönte ein lauter Ruf durch das angenehme Stimmengewirr, und Saskia drehte sich lachend um.

»Klar, Fred, für dich habe ich doch immer ein Schälchen im Kühlschrank«, entgegnete sie freundlich.

»Kann ich bitte noch ein alkoholfreies Bier haben?« Ein anderer Gast hob sein leeres Bierglas.

»Und ich möchte bezahlen. Die Arbeit ruft wieder.«

»Ich komme sofort.« Saskia drehte sich um die eigene Achse und versuchte, die Wünsche ihrer Gäste schnell und zu aller Zufriedenheit zu erfüllen. Da sie ihre Arbeit mit einer unverkennbaren Freude machte, kamen die Leute immer wieder gern hierher in das Café, das seinem Namen gleich auf zweierlei Art gerecht wurde. Im ersten Stock eines modernen Glasbaus untergebracht, bot es einen wunderbaren Ausblick auf die Münchner Innenstadt. Aber auch Saskia war eine wahre Augenweide mit den naturgelockten mittelblonden Haaren und den fröhlich blitzenden Augen. Sie kleidete sich gern ausgefallen und schreckte vor keinem noch so schrillen Modetrend zurück. Ihre Freundin Nana, die das genaue Gegenteil von Saskia war, wunderte sich beständig über diese Frohnatur. Das glatte Haar zu einem unscheinbaren Zöpfchen geflochten, stand sie lieber in der Küche und kreierte unermüdlich neue Gerichte, während Saskia ihre Erfüllung zusammen mit zwei Aushilfen im Umgang mit den Gästen fand.

Auch Leana bemühte sich, sich zumindest einmal täglich aus ihrem Büro abzuseilen, um in dieser ungezwungenen Atmosphäre wenigstens für eine Stunde Abstand zu ihrem stressigen Job zu gewinnen. In dieser kostbaren Zeit schaltete sie sogar ihr Handy aus.

»Da bist du ja, Lea. Ich habe dich schon vermißt.« Saskia hatte ständig die Tür im Blick und winkte ihrer besten Freundin aus Kindertagen fröhlich zu, als die sichtlich eilig hereinwehte.

»Meeting beim Chef!« rief Leana zurück und zuckte die Schultern. Saskia deutete auf einen freien Tisch, doch Lea schüttelte nur den Kopf und kämpfte sich vor zur Bar. Heute hatte sie allerhand zu erzählen und schob sich auf einen der gemütlichen Barhocker, die sogar über eine Lehne verfügten.

»Wie geht’s dir denn? Du siehst so aus, als hättest du was auf dem Herzen.« Saskia musterte ihre Freundin mit Kennermiene, während sie mit einem feuchten Lappen über den Platz am Tresen wischte.

»Hey, ich habe tolle Neuigkeiten. Du wirst Augen machen.«

»Warte noch einen Moment. Zuerst deine Bestellung. Laß mich raten, ein Salat mit Hühnerbruststreifen, Joghurt-Dressing und ein Glas stilles Mineralwasser.«

»Der Salat ist okay. Aber heute brauche ich was Stärkeres. Wie wäre es mit einem Glas Prosecco?« Mit sichtlicher Freude sah Leana den überraschten Gesichtsausdruck ihrer Freundin.

»Was ist denn heute los? Das gab es ja noch nie.«

»Erstens habe ich dem Chef eine tolle Präsentation hingelegt und zweitens… aber halt, das ist eine Überraschung. Dafür habe ich mir eine kleine Belohnung verdient.«

»Wie du willst. Ich platze schon vor Neugier.« Sasa schenkte den Prosecco ein und stellte ihn vor Lea-na. »Der Salat kommt gleich. Ich kassiere nur noch schnell da drüben ab, dann kann meine Kollegin weitermachen. Ich bin gleich wieder da.«

Es dauerte etwas länger als versprochen, und Lea befürchtete schon, ihre Mittagspause überziehen zu müssen. Doch endlich konnte sich Saskia von ihrem Gast loseisen, der sie in ein Gespräch verwickelt hatte. Sie eilte zurück zu ihrer Freundin.

»Tut mir leid, Gäste gehen vor Privatvergnügen«, entschuldigte sie sich.

»Bin ich etwa kein Gast?« Scheinbar verärgert zog Leana eine Augenbraue hoch, doch Sasa kannte sie lange genug.

»Jetzt schieß endlich los. Was für eine Überraschung hast du für mich?« Zur Feier des Tages schenkte sie sich auch einen Prosecco ein und setzte sich mit erwartungsvoller Miene neben Leana.

»Kannst du dich an einen gewissen Christian Thaller erinnern?«

»An Chrissi? Natürlich, wie könnte ich den vergessen?« rief Saskia sofort begeistert aus. »Was hatten wir doch für eine herrliche Zeit zusammen! Wie viele Jahre ist das nur her?«

Leana konnte sich nur wundern.

»Wieso kannst du dich sofort an seinen Namen erinnern?«

»Wir haben uns noch ein paarmal geschrieben, nachdem er weggezogen war. Leider ist die Sache schließlich im Sande verlaufen, wie das in dem Alter halt so ist.«

»Davon hast du mir nie was erzählt.« In Leanas Stimme schwang ein Hauch Eifersucht.

»Natürlich, wahrscheinlich weißt du es nicht mehr. Alles, was nicht mit deinem Beruf zusammenhängt, scheinst du ja verdrängt zu haben.«

»Jetzt redest du schon genauso wie meine Mutter.« Beleidigt leerte Lea ihr Glas.

»Sei nicht bockig. Wie kommst du denn auf Chrissi?« erkundigte sich Sasa versöhnlich.

»Er hat mich heute in der Firma angerufen.«

»Woher hatte er denn deine Nummer?« Saskia konnte sich nur wundern. »Die schirmen dich doch ab wie einen Superstar.«

»Danke für das Kompliment«, lachte Leana. »Im Ernst, er war einfach beharrlich genug, daß die Telefonistin schließlich nicht mehr ein noch aus wußte und ihn zu Mizzi durchstellte. Die hatte endlich Mitleid mit ihm.«

»Woher weiß er, wo du arbeitest?« Jetzt war es an Saskia, ein wenig eifersüchtig zu sein.

»Es ist doch neulich dieser große Bericht über unsere Firma in der Zeitung erschienen. Da war auch ein Foto von mir drin mit einer Bildunterschrift. Habe ich dir das nie gezeigt?« fragte Lea erstaunt.

»Natürlich nicht. Du hast es mal wieder vergessen.«

»Tut mir leid, ich werde es so bald wie möglich nachholen.«

»Nicht nötig, ich glaube es auch so. Aber was ist jetzt mit Chrissi?« Saskia wurde zunehmend neugierig.

»Stell dir vor, er kommt für ein paar Monate nach München und möchte uns treffen«, berichtete Leana stolz. Sie hatte außerhalb ihrer Arbeit nicht oft Interessantes zu berichten und rechnete es Sasa hoch an, trotzdem noch ihre Freundin zu sein.

»Das ist ja toll! Wie geht es ihm?«

»Unser kleiner Chrissi ist inzwischen Arzt und wird für eine Weile an der Behnisch-Klinik arbeiten.«

»Behnisch-Klinik? Nie gehört.« Sasa zuckte mit den Schultern.

»Typisch meine beste Freundin. Die Behnisch-Klinik ist eine sehr renommierte Privatklinik in der Stadt. Mutti war schon hin und wieder dort, zuletzt nach ihrem schweren Sturz vor einem Jahr. Ein tolles Haus mit hervorragenden Ärzten und sehr netten Schwestern.«

»Nichts für mich Normalsterbliche. Mit meinen paar Euro kann ich mir keine Privatklinik leisten«, meinte Saskia und räumte Leas Teller und das Glas ab. »Wann kommt Chrissi denn?«

»Er will uns nächstes Wochenende treffen. Paßt dir das?«

»Hm, laß mich mal nachdenken. Wenn ich es recht im Kopf habe, schiebe ich am Samstag den Frühdienst. Ab Mittag bin ich also zu allen Schandtaten bereit.«

»Chris und ich könnten natürlich auch ein schönes Frühstück hier einnehmen und dir bei der Arbeit zuschauen. Was hältst du davon?« sagte Leana süffisant.

»Untersteht euch! Sonst besorge ich mir für Samstag einen Türsteher, der euch nicht reinläßt«, warnte Saskia lachend.

»Also gut, überzeugt. Ich kann ihm also Bescheid sagen, daß wir uns Samstagmittag um eins am Fischbrunnen treffen?«

»Das krieg ich hin«, freute sich Saskia. »Endlich mal wieder was los!«

Kurze Zeit später verabschiedete sich Lea von ihrer Freundin und machte sich wieder auf den Weg ins Büro. Kaum war sie aus der Tür getreten, als sie ihr Handy auch schon wieder anschaltete und die eingegangenen Nachrichten abhörte. Mit der einen Hand telefonierend, mit der anderen heftig gestikulierend, schritt sie weit aus, um nicht noch mehr Arbeitszeit zu verlieren. Saskia sah ihre Freundin davoneilen und lächelte in sich hinein. Leana war einfach unverbesserlich in ihrer Arbeitswut. Daran würde auch die Rückkehr von Christian Thaller gewiß nichts ändern.

*

Waltraud Wollrab saß auf der Terrasse im Schatten. Obwohl es ihr Hausarzt verboten hatte, steckte sie sich trotzig ein großes Stück Schokoladenkuchen in den Mund. Seit ihre einzige Tochter Leana vor drei Jahren endgültig ausgezogen war, um ihr Glück in der Stadt zu suchen, machte ihr die Einsamkeit mehr und mehr zu schaffen. Obschon das Haus für drei Personen gerade recht gewesen, also nicht groß war, erschien es ihr jetzt riesig und die Stille beinahe erdrückend. Insgeheim hatte sie gehofft, Lea würde sich nach kurzer Zeit besinnen und aufs Land zurückkehren, um eine Familie zu gründen. Doch es sah nicht mehr danach aus, als ob sich ihre Hoffnung je erfüllen würde.

Traudi seufzte und erhob sich schwerfällig. Die überschüssigen Pfunde machten das Leben nicht gerade leichter. Mühsam ging sie in die Küche, um sich ein Glas Milch einzuschenken. Drohend klangen ihr die Worte ihres Hausarztes Dr. Wallner in den Ohren: Zu hoher Blutdruck, die Cholesterinwerte bedenklich gestiegen. Er hatte ihr dringend ans Herz gelegt, auf tierische Fette zu verzichten, aber Traudi liebte nun einmal alles, was gut und nahrhaft war. Und auch die Seelenschmerzen ließen nach, wenn der Magen zufrieden war.

Sie blickte auf den verwilderten Garten hinaus. Wahrlich, die Zeiten hatten sich geändert. Dort auf der Wiese, wo Leana früher ausgelassen getobt hatte, wucherte jetzt das Unkraut. Wenn Waltraud die Augen schloß, meinte sie, Mann und Kind wie in einem Film vor sich zu sehen und hörte sogar die vertrauten Stimmen wieder. Aber Leana war längst groß und Fritz vor vielen Jahren gestorben. Ein warmes Gefühl durchflutete Traudis Herz, als sie an Fritz dachte, den Mann, der ihr Leben schließlich doch noch lebenswert gemacht hatte, indem er die unglückliche, damals gerade schwangere Frau bei sich aufgenommen und somit ehrbar gemacht hatte. Niemals war ein Vorwurf über seine Lippen gekommen, und stets hatte er Leana freundlich, wenn auch distanziert, behandelt.

Doch die zufriedenen Jahre waren vergangen und verschwanden im Nebel der Erinnerung. Waltraud bemerkte selbst verwundert, wie sehr sie ihr Kurzzeitgedächtnis immer öfter im Stich ließ. Dafür trat die Zeit in ihrer Erinnerung auf einmal klar und deutlich hervor, die vor ihrer Ehe mit Fritz lag. Unter all den Bildern, die vor ihrem geistigen Auge aufstiegen, war eines besonders deutlich, das Gesicht eines Mannes, jung und gutaussehend. Schmerzlich berührt stöhnte Traudi auf, das Herz in ihrer Brust schlug hart gegen die Rippen. Sie öffnete die Augen und verdrängte die Bilder, die ihr nur Wehmut bereiteten. Langsam ging sie wieder zurück auf die Terrasse, als sie bemerkte, wie der Boden bedrohlich unter ihren Füßen zu schwanken begann.

Panik stieg in ihr auf, der Gedanke zu stürzen und dann hilflos auf dem Boden zu liegen, gab ihr die Kraft, sich zum stützenden Geländer zu schleppen. Waltraud ermahnte sich, tief ein- und auszuatmen. Aus Erfahrung wußte sie, daß sich ihr aufgeregtes Herz bald beruhigen würde.