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Ein Leben in der Nachfolge Jesu sollte niemals langweilig oder fade sein, noch sollte man es allein in Angriff nehmen. Während wir versuchen, Jesus immer ähnlicher zu werden, entdecken wir, dass die Nachfolge Jesu eine Entdeckungsreise der Gnade ist. In Weg, Wahrheit, Leben lädt David Busic dazu ein, sich die verschiedenen Wege vor Augen zu führen, auf denen Gottes suchende, rettende, heiligende, erhaltende und ausreichende Gnade uns dort begegnet, wo wir uns in unserem Leben gerade befinden. Wenn wir in Treue dem Ruf dessen folgen, der uns liebevoll zu dieser Entdeckungsreise der Gnade beruft und befähigt, werden wir uns einer tieferen Beziehung zu Jesus Christus erfreuen, der selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Weg, Wahrheit, LebenGottes Gnade entdeckenDavid A. Busic
Edition Gemeindeakademie
Band 2
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derdeutschen Nationalbibliographie, detaillierte bibliografische Daten sindim Internet unterhttp://dnb.dnb.deabrufbar.Titel der amerikanischen Originalausgabe:Way, Truth, Life: Discipleship as a Journey of Grace, vonDavid A. Busic© 2020 The Foundry Publishing, Kansas City (USA)Die Veröffentlichung dieser Ausgabe erfolgt mit GenehmigungvonThe Foundry PublishingAlle Rechte vorbehalten.Aus dem Amerikanischen übersetzt von Erich FischerLektorat: Dennis LieskeNeues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002/2006 SCMR.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen2. AuflageHerausgegeben 2023, Kirche des Nazareners, Deutscher Bezirke.V.Frankfurter Str. 16–18D-63571 GelnhausenISBN (Print): 978–3–7557–7426–6ISBN (Tolino Media): 978–3–7546–3590–2
In Erinnerung an Robert E. Busic, einen Vater, der mich gelehrt hat, dass die Nachfolge eine von Gnade durchflutete Entdeckungsreise und Christusähnlichkeit unsere Bestimmung ist.
Herr, zeige mir den richtigen Weg, damit ich nach deiner Wahrheit lebe! Gib mir das Verlangen ins Herz, dich zu ehren. – Psalm 86,11
Der Dank kann ein weites Spektrum abdecken, von der Anerkennung derjenigen, die etwas ermöglicht haben, bis hin zu einer Dankesschuld, die unmöglich zurückgezahlt werden kann. So ist es nun auch hier.
Als ich zum Generalsuperintendenten der Kirche des Nazareners gewählt wurde, wusste ich, dass meine Kollegen im Rat der Generalsuperintendenten mein Leben beeinflussen würden, das Ausmaß ihres Einflusses war jedoch nicht abschätzbar. Auch wenn es in unseren unzähligen Gesprächen zu Führungsthemen fast immer Meinungsverschiedenheiten gibt, so bleiben doch zwei Dinge unerschütterlich: ihr Engagement, treu und unter Gebet das zu tun, was für die Kirche am besten ist – auch wenn es einen hohen Preis fordert –, und mein absolutes Vertrauen in die Stärke ihres Charakters und die Reinheit ihres Herzens. Vielen Dank Filimao Chambo, Gustavo Crocker, Eugenio Duarte, David Graves, Jerry Porter, Carla Sunberg und J. K. Warrick. Euer Einfluss hat mich dazu inspiriert, dieses Buch im Dienst der Kirche zu schreiben, um uns bei der Erfüllung unseres Auftrags zu helfen, „zu allen Völkern zu gehen und sie zu Jüngern zu machen“.
Mein Dank gilt Scott Rainey, dem Leiter von „Global Discipleship Ministries“ der Kirche des Nazareners, für die Einladung, ein einfaches Buch zu schreiben, in dem Heiligung und Nachfolge vorrangig als eine Entdeckungsreise der Gnade dargestellt werden. Ein herzliches Dankeschön an Bonnie Perry, Redaktionsleiterin bei The Foundry Publishing, für ihre unerschütterliche Überzeugung, dass das Aufschreiben und Weitergeben solider Theologie an unsere Kinder eine Aufgabe von so großer Wichtigkeit ist, dass es sich lohnt, dafür die besten Jahre des Lebens zu investieren. Vielen Dank an Audra Spiven, die mit einem Auge für Klarheit redigiert und immer wieder die Frage gestellt hat: „Wie wäre es, wenn Sie es so ausdrücken würden?“ Schließlich möchte ich mich bei der nicht übermäßig stark besuchten, jedoch außerordentlich liebevollen Gemeinde der Kirche des Nazareners meiner Jugend bedanken, die mich gelehrt hat, dass Heiligung nicht nur darin besteht, was Gott in Christus für uns getan hat, sondern auch darin, was Gott in Christus unablässig in und durch uns tut, wenn wir das Recht auf uns selbst aufgeben und Jesus Herr sein lassen.
Wie in meinen früheren Schriften, ermutige ich den Leser, die zahlreichen Fußnoten zu konsultieren, um ein umfassenderes Verständnis der Christusnachfolge und der Entdeckungsreise der Gnade zu gewinnen. Die zahlreichen Anmerkungen spiegeln meine Wertschätzung für das Denken anderer und meinen Wunsch wider, zusätzliche Einsichten zu vermitteln, die für den Hauptteil des Textes eine Belastung darstellen würden. Um die Lesbarkeit zu erleichtern, werden die Zitatangaben jedes Mal, wenn ein neues Kapitel beginnt, erneut vollständig wiedergegeben, auch wenn der Autor oder die Quelle bereits zuvor genannt wurde.
Jesus lädt uns ein zu einer Reise. „Komm, folge mir nach.“ Es ist eine schlichte Einladung, sich mit einem geliebten Freund auf ein Abenteuer zu begeben. Das Leben eines Christen ist mehr als Rechtgläubigkeit. Es ist auch mehr als intellektuelle Zustimmung. Es ist eine Einladung zu einer Reise mit Jesus.
Ein anderes Wort für die Reise mit Jesus ist Nachfolge oder Jüngerschaft. Nachfolge bedeutet, dem Weg Jesu zu folgen und mit Jesus unterwegs zu sein. Der Weg führt über viele Wendungen, Kurven und Straßenbiegungen. Manchmal fühlt er sich leicht an, manchmal aber auch wie eine mühsame Steigung. Doch das Endziel (auf Griechisch Telos) der Nachfolge ist immer dasselbe: so werden wie Christus.
Wenn Ihnen dies unmöglich erscheint, haben Sie eine sehr gute Ausgangsposition. Es wäre tatsächlich unmöglich, gäbe es nicht eine sehr wichtige Gewissheit: Wir machen die Reise mit Jesus. Deshalb ist es eine Entdeckungsreise der Gnade.
Als Jesus sagte, „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6), meinte er damit mehr als eine sequenzielle, intellektuelle Gleichung oder eine geschäftliche Vereinbarung, die wir mit Gott treffen. Vielmehr beschrieb er die beziehungsorientierte Art, in der sich die Christusnachfolge abspielen wird. In der Tat sind Weg, Wahrheit und Leben auch keine philosophischen Abstraktionen oder Lebensprinzipien. Weg, Wahrheit und Leben sind eine Person.
Jesus wies auf das eigentliche Telos (Ziel) der Reise hin: Das echte Leben, wie es von Gott beabsichtigt ist, und die Mittel, mit denen wir das Ziel erreichen, sind der Weg und die Wahrheit, die sich in und durch ihn selbst erfüllen.1 Die Entdeckungsreise der Gnade ist durch und durch beziehungsorientiert.
James K. A. Smith beschreibt Jüngerschaft als „eine Art Immigration, aus dem Reich der Finsternis ins Reich des geliebten Sohnes Gottes (Kolosserbrief 1,13)“.2 Dies ist die Sprache einer Reise – man zieht von einem Land in ein anderes.3 Es geht darum, die Staatsbürgerschaft und die Zugehörigkeit zu wechseln, was ohne die Gnade Gottes in Jesus Christus, der der Weg ist, völlig unmöglich ist. Smith fährt fort: „In Christus erhalten wir einen himmlischen Pass; in seinem Leib lernen wir, wie „Einheimische“ seines Reiches zu leben. Bei einer solchen Immigration in ein neues Reich geht es nicht nur darum, in ein anderes Gebiet teleportiert zu werden; wir müssen uns an eine neue Lebensweise gewöhnen, eine neue Sprache lernen, uns neue Gewohnheiten aneignen – und uns die Gewohnheiten der gegnerischen Herrschaft abgewöhnen.“4
Ich glaube wirklich, dass das Versprechen Jesu „ich gehe voraus, um euch einen Platz vorzubereiten“ (Johannes 14) die Garantie beinhaltet, dass er persönlich die Reservierungen für unsere Reise getätigt hat, einschließlich der Unterbringung bei unserer Ankunft. Er ist unser himmlischer Ausweis, der uns dazu befähigt, in einem neuen Land heimisch zu werden – in seinem Königreich. Das Beste dabei ist, dass er verspricht, uns die ganze Zeit über auf unserem Weg nach Hause zu begleiten. Jesus wird unser Weg für die Reise sein. Dies ist die Hoffnung einer Entdeckungsreise der Gnade.
Als Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, meinte er damit nicht ein abstraktes Lebensprinzip, das man sich als Plakette an die Wand hängen könnte. Vielmehr war es eine Antwort auf eine Frage, die von verängstigten und unsicheren Jüngern gestellt wurde. Die Aussage stammt aus einem Abschnitt des Johannesevangeliums, den Theologen als „die Abschiedsreden Jesu“ bezeichnen (Johannes, Kapitel 14 bis 17). Diese vier Kapitel aus dem Johannesevangelium geben uns, mehr als jedes der drei anderen neutestamentlichen Evangelien, einen Einblick in das, was Jesus in den Stunden vor seinem Leiden und Sterben am Kreuz dachte und seine Jünger lehrte. Man könnte sie also durchaus als den letzten Willen und das Testament Jesu Christi bezeichnen.5
Wir erinnern uns: Die Jünger hatten äußerst schlechte Nachrichten zu verdauen. Sie sitzen in einem gemieteten Raum eng zusammen. Jesus wäscht seinen zwölf Jüngern die Füße, wobei sich alle unwohl fühlen. Dann sagt er ihnen, dass einer von ihnen ihn sehr bald verraten wird (13,21). Als wäre das alles nicht schon schlimm genug, teilt Jesus ihnen nach mehreren Jahren gemeinsamer Pilgerschaft mit, dass er sie verlassen wird und sie nicht mit ihm gehen können (13,33).
Das ist alles sehr beunruhigend! Jesus spürt, wie sich das Gewicht seiner Worte auf sie legt. Kein Wunder, dass er sagt: „Habt keine Angst“ (14,1) (wörtlich „lasst eure Herzen nicht aufgewühlt sein“). Das Wort, das hier mit „aufgewühlt“ übersetzt wird, ist dasselbe Wort, mit dem das Wasser des Sees Genezareth während eines heftigen Sturms beschrieben wird. Der Wind hat das Wasser des Sees aufgepeitscht und aufgewühlt. So fühlen sich auch die Jünger. Ihnen ist flau im Magen. In ihren Köpfen dreht sich alles. Ihre Gefühle fahren Achterbahn. Jesus versucht, ihre aufgewühlten Herzen zu trösten: „Habt keine Angst. … ich gehe voraus, um euch einen Platz vorzubereiten. … ich werde kommen und euch holen, damit ihr immer bei mir seid, dort, wo ich bin. Ihr wisst ja, wohin ich gehe und wie ihr dorthin kommen könnt.“ (Johannes 14,1–4)
Dann meldet sich Thomas zu Wort. Die Geschichte hat ihm den Spitznamen „ungläubiger Thomas“ verpasst, aber ich bin froh, dass er da war, denn Thomas hat den Mut, die Frage zu stellen, die alle anderen beantwortet haben wollen. Er ist wie ein Student in einem Hörsaal, der den Professor bei der Vorlesung unterbricht und sagt: „Entschuldigung. Das mag jetzt eine dumme Frage sein, aber wir haben keine Ahnung, wovon Sie gerade sprechen.“ Eigentlich war es gar keine dumme Frage. Ich finde es großartig, dass Thomas die Geistesgegenwart besaß, die Frage zu stellen, die unausgesprochen im Raum stand und jeden beschäftigte: „Nein, Herr, das wissen wir nicht. Wir haben keine Ahnung, wo du hingehst; wie können wir da den Weg kennen?“ (14,5).
So ist das Leben, nicht wahr? Es gibt Zeiten, in denen wir uns fragen, welche Richtung wir einschlagen sollen. Manchmal glauben wir zu wissen, wohin wir gehen – oder hoffen zu wissen, wohin wir gehen – müssen dann aber zugeben, dass wir uns völlig verirrt haben. Es scheint so viele Kreuzungen und Abzweigungen zu geben, so viele Möglichkeiten und Sackgassen. Was wir uns mehr als alles andere im Puzzle des Lebens wünschen, ist eine Karte. Vielen Menschen geht es jedoch so, dass sie diese Karte nicht finden, und dann beschließen, dass es besser ist, irgendwohin zu gehen, als nirgendwo zu bleiben. Also wählen sie eine Richtung und gehen den Weg, der den geringsten Widerstand zu bieten scheint.
Zum Glück antwortet Jesus auf die Frage von Thomas (und auf unsere): „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (14,6) Interessant ist, dass der Schwerpunkt der Aussage Jesu eindeutig auf dem Wort „der Weg“ liegt. Der Weg steht in der Reihenfolge an erster Stelle. Das soll nicht etwa heißen, dass die Wahrheit und das Leben nicht wichtig wären. Es bedeutet einfach, dass die Wahrheit und das Leben erklären, wie und warum Jesus der Weg ist.6
Er ist der Weg, weil er die Wahrheit ist – die Offenbarung Gottes. Er ist der Weg, weil das Leben Gottes, das jedem Menschen zur Verfügung steht, in ihm und nur in ihm liegt. Er ist gleichzeitig der Zugang zum Leben mit Gott und die Verkörperung dieses Lebens. Der Kern der frohen Botschaft des Johannesevangeliums besteht darin, dass wir in Jesus – dem fleischgewordenen Wort und einzigartigen Sohn Gottes – Gott auf eine Weise sehen und erkennen können, wie es nie zuvor möglich war. Er ist die autorisierte Selbstoffenbarung Gottes.7 Mit anderen Worten: Jesus ist nicht nur ein Weg, sondern der Weg – weil er die außergewöhnliche, sichtbare Manifestation des unsichtbaren Gottes ist, den wir als Vater kennen (1,1.14.18; 6,46; 8,19; 12,45).8
„Niemand kann zum Vater kommen außer durch mich.“ (14,6) Viele von uns können die Frage von Thomas nachvollziehen: „Wie können wir den Weg kennen?“ (14,5), denn jeder Mensch, ob ausgesprochen oder nicht, sucht nach Antworten auf spirituelle Fragen. Unsere Gesellschaft ist heute spirituell so offen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Das Problem ist, dass die Menschen für viele verschiedene Zugänge zur Spiritualität offen sind.
Die moderne westliche Weltanschauung speist sich aus einer allumfassenden Verbrauchermentalität. Sie steht in Verbindung mit dem sehr aktuellen politischen Anliegen, den Pluralismus zu fördern. Dies führt dazu, dass viele Menschen jeden spirituellen Weg als genauso relevant und legitim ansehen wie jeden anderen, solange ihre persönlichen Bedürfnisse erfüllt werden und sie sich selbst treu bleiben. Und so wird davon ausgegangen – ob man sich nun für den Buddhismus, den Hinduismus, den Islam, Scientology, das Judentum, das Christentum oder eine andere Religion entscheidet –, dass, solange man aufrichtig ist und mit seiner Wahl zufrieden ist, diese Alternative so gut ist wie jede andere, weil alle Wege (so die Weltanschauung) zu demselben Gott führen.
Eines der vielen Probleme einer solchen Sichtweise besteht darin, dass sich diese verschiedenen Überzeugungen oft widersprechen und gegenseitig ausschließen. Im Lichte all der anderen unterschiedlichen religiöse Systeme betrachtet, ist das Christentum der einzige Glaube, der den definitiven Anspruch erhebt, dass Jesus der einzige Weg zu Gott ist. Man kann nicht an den ausschließlichen Anspruch Jesu Christi glauben: „Niemand kann zum Vater kommen außer durch mich“, und dennoch behaupten, dass es andere Wege gibt, um Zugang zum Vater zu erhalten. Damit würde man Christus selbst, der diese Worte gesprochen hat, verleugnen. Jesus sagte nicht: „Ich bin einer von vielen Wegen zum Vater“. Er sagte nicht: „Ihr könnt mir folgen, wenn ihr wollt, aber es gibt auch andere Möglichkeiten, die genauso gut funktionieren“. Jesus sagte auch nicht: „Welchen spirituellen Weg ihr auch beschreitet, mir ist es recht, solange ihr aufrichtig seid“. Mit keiner Silbe hat Jesus das auch nur angedeutet. Er hat klar gesagt, dass er der einzige Weg zum Vater ist.9
Kurz nachdem unsere Familie in eine neue Stadt gezogen war, hatten meine Frau und ich einen Termin am anderen Ende der Stadt. Wir fuhren in getrennten Fahrzeugen. Da ihr Orientierungssinn schon immer besser war als meiner, fuhr sie voraus. Plötzlich gerieten wir in dichten Verkehr, und ich verlor sie aus den Augen. Ich sah einen Wagen, den ich für ihr Fahrzeug hielt, und folgte ihm. Als ich merkte, dass ich dem falschen Fahrzeug gefolgt war und mich nun auf einer völlig anderen Straße befand, war es bereits zu spät, um den Termin wahrzunehmen. Also kehrte ich einfach um und fuhr nach Hause. Die Moral von der Geschicht’ ist einfach: Man kann bei der Wahl seines Weges aufrichtig sein und gleichzeitig aufrichtig falsch liegen. Tatsache ist, dass es mehr als Aufrichtigkeit braucht, um den richtigen Weg zu finden.10 Es braucht Wahrheit! Man kann in der gewählten Richtung sehr gut vorankommen. Wenn es jedoch die falsche Richtung ist, spielt es keine Rolle, wie schnell man ankommt.
Der Anspruch Jesu ist auf radikale Weise inklusiv, weil alle eingeladen sind, dem Weg zu folgen, aber er ist auch radikal exklusiv, weil jeder Weg, dem ein Mensch folgt, um die Wahrheit zu finden, in einer Sackgasse endet – es sei denn, es ist der eine Weg, der zu dem einen wahren Gott führt.
Jeder Mensch – jeder Einzelne von uns – ist dadurch schuldig geworden, dass er die falsche Richtung eingeschlagen hat, geistlich gesprochen. Als Folge davon sind wir alle weit weg von Gott. Der Prophet Jesaja bringt es auf den Punkt: „Wir alle gingen in die Irre wie Schafe. Jeder ging seinen eigenen Weg.“ (53,6) Der Apostel Paulus bekräftigt dies im Römerbrief: „Denn alle Menschen haben gesündigt und das Leben in der Herrlichkeit Gottes verloren.“ (3,23) Warum? Weil wir alle im Leben den falschen Weg eingeschlagen haben. Wir alle haben uns entschieden, unseren eigenen Weg zu gehen, anstatt Gottes Willen und Weg für unser Leben zu verfolgen.
Das Evangelium (die gute Nachricht) besteht darin, dass Jesus für Menschen wie uns gekommen ist. Der Evangelist Lukas sagt uns, dass das erklärte Ziel der Mission Jesu darin besteht, „Verlorene zu suchen und zu retten“ (19,10). Jesus ist nicht gekommen, um uns unschlüssig an einer Weggabelung stehen zu lassen oder, schlimmer noch, einer ziellosen Reise auf dem völlig falschen Weg zu überlassen, sondern, um uns den einzigen Weg zu Gott, zum neuen Land des Reiches Gottes und zum ewigen Leben zu zeigen.
Ein Kommentator umschreibt die Worte Jesu folgendermaßen: „Ich, ich bin der Weg dorthin, und ich, ich bin die Wahrheit, die euch auf dem Weg dorthin führen wird, und ich, ich bin das Leben, das euch die Kraft geben wird, der Wahrheit auf dem Weg dorthin zu folgen“.11 „Ich bin12 der Weg“ ist keine Wegbeschreibung, keine Straßenkarte, keine Ansammlung von Hinweisen – ich bin der Weg. „Ich bin die Wahrheit“ ist keine Sammlung von Ordnungsprinzipien für das Leben oder von philosophischen Voraussetzungen – ich bin die Wahrheit. „Ich bin das Leben“ ist kein Alternativangebot für ein optimistischeres Lebenskonzept – ich bin das einzig wahre Leben, das einzige Mittel, um wahres Menschsein zu verwirklichen.
Der Anspruch Jesu Christi, nicht nur ein Weg, eine Wahrheit und ein Leben zu sein, sondern der wahre und einzige Sohn Gottes, ist das Fundament des Christentums. Dabei geht es nicht darum, andere Glaubenssysteme schlecht zu machen; es bedeutet lediglich, dass es nur einen Weg zum Vater gibt, und der führt über Jesus Christus. Er ist das einzige Mittel, durch das wir gerettet werden können. Frederick Bruner bringt es auf den Punkt: „Der Osten sehnt sich seit jeher nach ‚dem Weg‘ (dem Tao), der Westen nach ‚der Wahrheit‘ (Veritas) und die ganze Welt (Osten, Westen, Norden und Süden) nach ‚dem (wahren) Leben‘. Jesus verkörpert alle drei in Person“.13
Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer fremden Stadt und fragen jemanden nach dem Weg zu einem schwer zu findenden Ort. Die Person, die Sie um Hilfe gebeten haben, könnte etwa Folgendes sagen: „Sie müssen sich an der nächsten großen Kreuzung rechts halten. Dann überqueren Sie den Platz, fahren an der Kirche vorbei und bleiben auf der mittleren Spur, die Sie direkt zur dritten Straße auf der rechten Seite führt, bis Sie zu einer vierspurigen Ampelkreuzung kommen“. Selbst bei klaren Anweisungen ist die Gefahr groß, dass man falsch abbiegt oder sich verirrt, wenn der Weg kompliziert ist.
Angenommen, die von Ihnen angesprochene Person sagt stattdessen: „Wissen Sie, es gibt keinen einfachen Weg dorthin. Es ist kompliziert, wenn Sie noch nie dort waren. Folgen Sie mir einfach. Besser noch, kommen Sie einfach mit und ich bringe Sie hin.“ Diese Person wird damit nicht nur zu Ihrem Führer, sondern eigentlich auch zu Ihrem Weg, und Sie können Ihr Ziel nicht verfehlen. Genau das tut Jesus für uns. Er gibt nicht nur Ratschläge und Anweisungen. Er begibt sich mit uns auf einen Weg der Gnade. Dabei erzählt er uns nicht nur etwas über den Weg – er wird selbst der Weg!
Der britische Theologe und renommierte Missionswissenschaftler Lesslie Newbigin hat diese Perspektive eindrucksvoll formuliert: „Es ist nicht so, dass er [Jesus] den Weg lehrt oder uns auf dem Weg anleitet: Wenn das so wäre, könnten wir ihm für seine Unterweisung danken und sie dann selbständig befolgen. Er selbst ist der Weg. … Diesem Weg zu folgen, ist in der Tat der einzige Weg zum Vater“.14
In Lewis Carrolls Erzählung „Alice im Wunderland“ kommt Alice an eine Kreuzung und fragt die Grinsekatze: „Würdest du mir bitte sagen, welchen Weg ich von hier aus nehmen soll?“ „Das hängt sehr davon ab, wohin du gehen willst“, antwortet die Katze.
„Es ist mir ziemlich egal, wohin ich gehe“, antwortet Alice.
„Dann ist es egal, welchen Weg du gehst“, sagte die Katze.
Vielleicht hat niemand den einzigartigen Anspruch Jesu treffender zusammengefasst als Thomas von Kempen in seinem Andachtsklassiker Nachfolge Christi.
So folge denn mir nach. Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Ohne Weg kein Gehen, ohne Wahrheit kein Erkennen, ohne Leben kein Leben. Ich bin der Weg, den du gehen, die Wahrheit, an die du glauben, das Leben, auf das du dein ganzes Hoffen richten musst. Ich bin der Weg ohne Fehl, die Wahrheit ohne Trug, das Leben ohne Ende. Ich bin der geradeste Weg, die höchste Wahrheit, das wahre, selige, unerschaffene Leben. Wenn du auf meinem Wege beharrst, so wirst du die Wahrheit erkennen, die Wahrheit wird dich frei machen und du wirst das ewige Leben erfassen.15
In Jesus finden wir den Weg zum Vater. Er ist der Weg nach Hause.
In Jesus finden wir die Wahrheit. Er verkörpert die unveränderliche, sichere und gewisse Wahrheit über den Charakter und das Wesen des Vaters.
In Jesus finden wir Leben – Leben in Fülle, sowohl jetzt als auch in der verheißenen neuen Schöpfung Gottes, die kommen wird.
Dies ist die Entdeckungsreise der Gnade.
Gnade ist überall. –- Georges Bernanos, Tagebuch eines Landpfarrers
„Amazing Grace“ ist heute eines der bekanntesten und beliebtesten Lieder der Welt. Obwohl es mehr als zwei Jahrhunderte alt ist, wird es immer noch in Hunderten von Sprachen und Dialekten gesungen.1 Es hat Grenzen von Rasse und Konfession, Ländern und Generationen überwunden. Man muss nicht einmal Christ sein, um die Worte zu kennen und von ihnen berührt zu werden.
Ein englischer Pastor namens John Newton schrieb das Lied. Als junger Mann war er Kapitän eines Sklavenschiffs gewesen, das unter seiner Führung Hunderte von Sklaven aus Westafrika nach Großbritannien brachte. Nach einer Nahtoderfahrung während eines heftigen Sturms auf See hatte er jedoch ein Bekehrungserlebnis, das ihn radikal veränderte. Danach war er nicht mehr derselbe.
Es war nicht nur der Beginn seiner Entdeckungsreise der Gnade mit Gott, sondern führte auch zu einer tiefen Reue und Umkehr hinsichtlich seiner persönlichen Beteiligung am Sklavenhandel. Er gab seinen Beruf als Kapitän auf, wurde anglikanischer Pfarrer und betätigte sich später als Mentor von William Wilberforce, der die Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Empire anführte. Im Alter von zweiundachtzig Jahren, als er im Sterben lag, erklärte Newton: „Mein Gedächtnis ist fast verschwunden. Aber ich erinnere mich an zwei Dinge: dass ich ein großer Sünder bin und dass Christus ein großer Retter ist“. Kein Wunder, dass er so poetisch schreiben konnte – er hatte die erstaunliche Gnade empfangen, erfahren und war von ihr verwandelt worden.
Dies ist ein Buch über Gnade. Es handelt von der Entdeckungsreise der Gnade, auf der wir immer mehr in das Ebenbild Jesu Christi verwandelt werden, der „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ist. Die Gnade kommt uns in vielen Formen entgegen, sowohl in der Heiligen Schrift als auch in unserem Leben, doch das Wesen der Gnade bleibt immer gleich. Wir empfangen sie persönlich als ein Geschenk von Gott und arbeiten dann mit Gott in einer engen Beziehung zusammen, die uns verändert.
Was ist die Gnade Gottes? Wie kommt sie in unser Leben? Wie beeinflusst, verändert und befähigt sie uns, ein christusähnliches Leben zu führen? Es gibt viele Definitionen von Gnade:
Gottes unverdiente Gunst.
Gottes unverdiente Liebe.
Die Gunst, die jemandem gewährt wird, der das Gegenteil verdient.
Der absolut freie Ausdruck der Liebe Gottes, dessen einziges Motiv in der Großzügigkeit und dem Wohlwollen des Gebers gründet.
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Gottes nicht an Bedingungen geknüpfte Güte.
Alle diese Definitionen der Gnade versuchen, die unbeschreiblichen und erstaunlichen Aspekte der liebevollen Antwort Gottes auf die eine solche Zuwendung nicht verdienende Menschheit zu beschreiben. Aus diesem Grund verwenden wir das Wort „erstaunlich“. Sie entzieht sich unseren menschlichen Kategorien von Beziehungen und Transaktionen.
Im Finanzwesen werden Karenzzeiten manchmal als „Gnadenfrist“ bezeichnet. Solche Gnadenfristen sind kleine Zeitspannen, in denen eine Zahlung ohne Strafe aufgeschoben wird. Eine „Gnadenfrist“ ist jedoch an Bedingungen geknüpft. Sie gilt nur für eine kurze Zeit. Irgendwann ist sie vorbei, und wenn jemand seine Schulden immer noch nicht beglichen hat, werden ihm zusätzliche Strafen auferlegt. Sie ist zwar unentgeltlich, aber nicht bedingungslos.
Gottes Gnade ist anders. Gottes Gnade ist unentgeltlich (nicht zu verwechseln mit „kostenlos“ – mehr dazu am Ende des Kapitels), und das ist auch gut so, denn wir könnten sie uns ohnehin nicht leisten. Was wir Gott schulden, könnten wir niemals bezahlen oder zurückzahlen. Durch seine Gnade tut Gott für uns, was wir niemals selbst tun könnten. Deshalb sagen wir, dass wir die Gnade nicht verdient haben und ihrer nicht würdig sind. Gott behandelt uns besser, als wir es verdienen. Es ist die Gunst, die uns zuteilwird, wenn wir das Gegenteil verdient haben, und die uns dazu treibt, Jesus in hingebungsvoller Nachfolge zu folgen.
Die einfachste Definition von Gnade ist „Geschenk“. Der Apostel Paulus entlehnte das gebräuchliche griechische Wort für „Geschenk“ oder „Gunst“, charis, und trug dazu bei, es neu zu definieren, um die umfassende Bedeutung all dessen zu beschreiben, was Gott in Jesus Christus für uns getan hat (2. Korintherbrief 8,9; 9,15; Galaterbrief 2,21; Epheserbrief 2,4–10).3 Es ist auch wichtig anzumerken, dass charis von der Wurzel char – „das, was Freude macht“ – abgeleitet ist.4 So ruft das Geben und Empfangen der Gnade sowohl Freude als auch Dankbarkeit hervor. In diesem Sinne ist es angemessen, dass die Empfänger der Gnade etwas zurückgeben: Dankbarkeit und ein geweihtes Leben. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die göttliche Gnade eine beziehungsorientierte Transaktion darstellt. Der Wunsch (oder die Erwartung), dass der Gefallen erwidert wird, macht die Kraft des Geschenks zunichte.5 Transaktionsdenken untergräbt und entwertet immer die Absichten eines Geschenks.
Wenn ich meinem Freund ein Geschenk mache, könnte ich sagen: „Ich möchte dir dieses Geschenk als Zeichen meiner Liebe zu dir geben“.
Normalerweise würde mein Freund das Geschenk annehmen und einfach „Dankeschön“ sagen.
Was wäre, wenn mein Freund stattdessen sagen würde: „Das ist sehr nett von dir. Wie viel schulde ich dir?“ Damit hätte er die Sprache des Geschenks mit der Sprache der Transaktion vertauscht: Du tust etwas Nettes für mich. Also schulde ich dir etwas.
Es gibt da noch ein Problem, wenn das Geschenk der Gnade mit dem Konzept rückzahlbarer Transaktionen vermischt wird. Die eigentliche Bedeutung der Gnade besteht darin, dass wir nichts tun können, damit Gott uns mehr liebt, und dass wir nichts tun können, damit Gott uns weniger liebt als er es bereits tut.6 Nichts an uns ist so gut, dass es uns würdig oder fähig macht, Gottes Liebe zu verdienen, und nichts an uns ist so schlecht, dass es uns von der Liebe Gottes trennen kann, die in Christus Jesus, unserem Herrn, erschienen ist (Römerbrief 8,35–39). Gott liebt uns nicht, weil wir gut sind, und Gott hasst uns nicht, weil wir schlecht sind. Gottes ureigenes Wesen ist heilige Liebe, was bedeutet, dass das Handeln, welches Gott am stärksten charakterisiert, die göttliche, sich selbst hingebende und ausgegossene Gnade ist.7
Philip Yancey erkennt dies an, wenn er schreibt: „Gnade bedeutet, dass Gott uns bereits so sehr liebt, wie ein unendlicher Gott nur lieben kann“.8 Da Gott uns von Anfang an nicht aufgrund unseres guten Verhaltens geliebt hat, wie könnte ein besseres Verhalten dazu führen, dass Gott uns mehr liebt? Wie könnte, analog dazu, ein schlechteres Verhalten unsererseits Gott dazu bringen, uns weniger zu lieben? Sie können nicht mehr beten, mehr spenden, mehr dienen oder mehr opfern und Gott dazu bringen zu sagen: „Sie hat sich so enorm verbessert. Endlich reißt sie sich wirklich zusammen. Ich liebe sie jetzt mehr als zuvor.“ Nein. Gott liebt Sie so, wie Sie sind. Was Gottes Liebe betrifft, hängt nichts von dem ab, was Sie tun oder wie Sie sich verhalten – nicht, weil Sie es verdienen, sondern weil dies die erste und letzte Neigung des Herzens Gottes ist.
Ein häufig verwendeter Vergleich zwischen Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Gnade bringt es auf den Punkt: Gerechtigkeit bedeutet, man bekommt das, was man verdient. Barmherzigkeit bedeutet, man bekommt nicht das, was man verdient. Gnade bedeutet, man bekommt das, was man nicht verdient.
Jesus erzählte viele Gleichnisse, um uns zu helfen, uns das Leben vom Standpunkt des Reiches Gottes aus neu vorzustellen. Die Gleichnisse waren nicht nur moralische Geschichten, die uns eine bessere Lebensweise vor Augen führen sollten. Sie helfen uns, das Wesen und das Herz Gottes besser zu verstehen und unsere Vorstellung davon zu korrigieren. Denken Sie an die Gleichnisse vom verlorenen Schaf, der verlorenen Münze und den verlorenen Söhnen (Lukas 15).9 Jesus beschreibt Gott als einen Hirten, der sich riesig freut – nicht, weil neunundneunzig Schafe die Regeln befolgt haben, sondern weil eines seiner Schafe, das verloren war, gefunden wurde. Er beschreibt Gott als eine Frau, die ihr Haus auf den Kopf stellt, um eine wertvolle Münze zu finden. Als sie sie findet, ist sie so begeistert, dass sie eine Party schmeißt, um mit ihren Freunden zu feiern. Und dann beschreibt er Gott als einen vor Kummer und Liebe kranken Vater, der den Horizont nach Anzeichen seines verlorenen Sohnes absucht. Als er den heimkehrenden Jungen sieht, „als er noch weit entfernt war“ (Lukas 15,20), wird er von Mitleid erfüllt und rennt los, um ihn zu Hause willkommen zu heißen. Dies alles sind Einblicke in das Wesen und das Herz Gottes. Das „Gefunden werden“ erfreut das Herz Gottes! Die Gnade überwindet das Umherirren, das Verlorensein und die Untreue.
Jesus erzählte ein weiteres Gleichnis über Arbeiter in einem Weinberg, deren Arbeitgeber allen Arbeitern den gleichen Lohn auszahlt, obwohl einige viel weniger Stunden gearbeitet haben als andere (Matthäus 20,1–16). Wirtschaftlich macht diese Geschichte keinen Sinn. Das Geschäftsgebaren erscheint nicht gerade weise. Solch rücksichtsloses Verhalten eines Unternehmers birgt die Gefahr, die fleißigsten Mitarbeiter zu verprellen und die weniger motivierten zur Faulheit zu verleiten. In diesem Gleichnis geht es jedoch nicht um Geschäftspraktiken; es ist ein Gleichnis über die überschwängliche Gnade Gottes. Gnade ist keine mathematische Gleichung, die die Arbeitsstunden der Mitarbeiter aufzeichnet, korrekte Buchhaltungsprinzipien befolgt oder die fleißigsten Arbeiter belohnt. Bei der Gnade geht es nicht darum, wer es verdient, bezahlt zu werden; es geht um Menschen, die es nicht verdient haben und die trotzdem beschenkt werden. Wenn dies für Ihre Ohren skandalös und für Ihren gesunden Menschenverstand absurd klingt, dann beginnen Sie zu verstehen, worum es bei der Gnade geht.
Wir können von der Erfahrung der Gnade sprechen, weil sie zutiefst persönlich und beziehungsorientiert ist. Gnade ist aus zwei wichtigen Gründen persönlich. Erstens: Gnade ist keine Sache. Sie ist keine Handelsware. Es ist keine heilige Substanz, die in uns eingefüllt wird wie „christliches Motoröl“, damit der „Motor“ unserer Christusnachfolge besser läuft. Die Gnade ist persönlich, weil sie in der Person Jesu Christi zu uns kommt, der gesagt hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“.10
Der wesleyanische Theologe Thomas Langford behauptet, dass die gesamte Kirchengeschichte hindurch zwei Auffassungen der Gnade miteinander im Wettstreit lagen:
Einerseits hat man sich die Gnade als eine Sache vorgestellt, als etwas, das Gott besitzt und geben kann, und vielleicht auch als etwas, das die Menschen annehmen und besitzen können; oder, umfassender ausgedrückt, als eine Atmosphäre, Energie oder Kraft, die Gottes Handeln repräsentiert und einen Rahmen für das menschliche Leben bietet. Andererseits wurde die Gnade mit einer „Person“ identifiziert; die Gnade ist eine Person, die Gnade ist Gott – Gott, der dem Menschen gegenwärtig ist. Von Gnade zu sprechen bedeutet, von Gottes Gegenwart und seinem fürsorglichen Umgang mit der Schöpfung zu sprechen. In diesem Verständnis basiert das Denken über die Gnade auf dem Nachdenken über das Leben, den Tod und die Auferstehung Jesu. Jesus Christus ist Gnade; Gnade ist Jesus Christus.11
Mich beeindruckt die Kraft von Diarmaid MacCullochs gewichtiger Aussage in seiner monumentalen Geschichte des Christentums: „Eine Person, nicht ein System, schlug [Paulus] bei den mysteriösen Ereignissen auf der Straße nach Damaskus in ihren Bann.“12 In vielerlei Hinsicht war Saulus von Tarsus – der später den Namen Paulus, der Apostel, erhielt – auf diese erstaunliche Offenbarung nicht vorbereitet. Sein Engagement galt einer Religion, einem definierten System, einer Tradition, einem Gesetz. Er kannte dieses System in- und auswendig. Er war sein geschulter und leidenschaftlicher Verfechter – aber es war eine Person, die ihn veränderte. Diese Person war Jesus von Nazareth, den Paulus später als Christus und Herrn bezeichnen würde.
Das vorherige Glaubenssystem des Paulus bestand in der totalen Befolgung des Gesetzes. Nach der Erfahrung auf der Straße von Damaskus (Apostelgeschichte 9,1–22) sah er die Dinge anders. Er glaubte immer noch, dass das Gesetz gut war, aber unvollständig. Als er der Person begegnete, richtete er sein Augenmerk nicht mehr auf das Gute (sein jüdisches Erbe), sondern auf eine unvergleichlich bessere Person: Jesus Christus. Durch die Erfahrung einer intimen Begegnung mit Christus entdeckte er eine Gerechtigkeit, die nicht seine eigene war.13 Paulus glaubte, dass die Beziehung des Gläubigen zu Christus (der Person) so innig werden kann, dass er von „Einssein in Christus“ spricht, womit eine völlige Vereinigung gemeint ist. Das Einssein war für Paulus kein abstraktes, griechisch-römisches, platonisches Konzept. Jesus Christus war (ist) ein realer Mensch in Raum und Zeit der jüngsten Geschichte. Er ist nicht nur der, der uns in seinem Menschsein ähnlich ist, sondern – als der, welcher Paulus auf der Straße von Damaskus begegnet ist – eine auferstandene, transzendente Person, deren Leben, Tod, Auferstehung und Himmelfahrt die Katastrophe unserer Sünde und unseres Sündenfalls umkehrte (1. Korintherbrief 15,22).
In einem sehr realen Sinn war die Namensänderung von Saulus zu Paulus mehr als eine Bekehrung – es war ein Erwachen: „Da fiel es Saulus wie Schuppen von den Augen, und er konnte wieder sehen“ (Apostelgeschichte 9,18). Es war eine Neugeburt. Paulus wurde ein reines, unverfälschtes Geschenk zuteil, das er sich weder erarbeiten konnte noch verdient hatte. Jetzt konnte er sehen, worauf das Gesetz die ganze Zeit hingewiesen hatte – auf eine Person. Aus diesem Grund schrieb er später: „Wenn wir also Christus als den Gekreuzigten verkünden, sind die Juden entrüstet und die Griechen erklären es für Unsinn. Für die aber, die von Gott zur Erlösung berufen sind – Juden wie Nichtjuden –, ist Christus Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1. Korintherbrief 1,23–24). Dies war ein Skandal für Menschen, die dem Gesetz und der Tradition des Judentums verpflichtet waren, und Wahnsinn für solche, die in den Bahnen der griechischen Elitekultur und der westlichen philosophischen Weltanschauungen dachten. Aber für diejenigen, die glauben konnten, dass Jesus der Christus Gottes war (im Griechischen bedeutet christos „Gesalbter“), wurde er durch die Gnade Gottes zu ihrer Rettung.14
Die ersten Christen haben weder ein System noch eine Religion gepredigt. Sie verkündeten eine Person. Für den Islam wurde das Wort zu einem Buch (Koran), für das Christentum wurde das Wort Fleisch (Johannes 1,14).15 Ein Mensch. Der ewige, eine Gott wurde ein Mensch. Inkarnation. Die ersten Christen gaben ihr Leben nicht für eine Theorie, ein Prinzip oder eine Lebensenergie hin. Vielmehr taten sie es für eine Person – eine reale Person, die wirklich gekreuzigt und begraben wurde, die wirklich von den Toten auferweckt wurde als Erstlingsfrucht der neuen Schöpfung, die wirklich in den Himmel aufgefahren ist und die wirklich wiederkommen wird.
Ich kenne niemanden, der dies deutlicher zum Ausdruck gebracht hätte als Dietrich Bonhoeffer: „Zu einer Idee tritt man in ein Verhältnis der Erkenntnis, der Begeisterung, vielleicht auch der Verwirklichung, aber niemals der persönlichen gehorsamen Nachfolge. Ein Christentum ohne den lebendigen Jesus Christus bleibt notwendig ein Christentum ohne Nachfolge, und ein Christentum ohne Nachfolge ist immer ein Christentum ohne Jesus Christus“.16
Bei der Entdeckungsreise der Gnade geht es also nicht darum, einem System, einem Buch, einem Manual, einer Konfession oder einer Tradition zu folgen. Wir folgen, verehren und dienen Jesus Christus. Gnade ist das Ergebnis aller Vorteile des Lebens, des Wirkens, des Todes, der Auferstehung und der Himmelfahrt des persönlichen Jesus, der jetzt Christus und Herr ist.
Eine christozentrische (Jesus-zentrierte) Darstellung der Gnade geht dabei nicht auf Kosten einer solideren trinitarischen Theologie der Gnade (Gott als Schöpfer und Vater; die Kraft des Heiligen Geistes im Leben eines Gläubigen). Die Gnade als Person zu verstehen bedeutet, sich daran zu erinnern, dass alles, was wir persönlich von Gott erfahren, am deutlichsten im Leben, in der Lehre und in der Erfahrung der Person offenbart wird, die Gott erwählt hat, um sich selbst zu erkennen zu geben. Das Ziel jeder christlichen Nachfolge ist es, die Empfänger der Gnade in das Ebenbild Jesu Christi zu formen. Gnade ist nicht eine Sache – Gnade ist eine Person.
Diese Feststellung führt uns zum zweiten Grund dafür, dass die Gnade persönlich ist: Die Gnade kommt zu jedem Menschen entsprechend seiner oder ihrer besonderen Bedürftigkeit oder Fähigkeit, sie zu empfangen. Jeder Mensch empfängt und eignet sich die Gnade in einzigartiger Weise an.
Ich habe viele Freunde, aber ich habe zu jedem eine andere Beziehung, weil jeder von ihnen einzigartig ist. Ich habe drei Kinder, und obwohl ich sie alle gleichermaßen liebe, kann ich sie nicht alle auf die gleiche Weise behandeln. Sie sind alle unterschiedlich, und deshalb muss ich meinen Erziehungsansatz an jedes Kind anpassen. Das ist die liebevolle Art, ein Freund und ein Elternteil zu sein.
Ebenso empfängt und eignet sich jeder Mensch die Gnade in einzigartiger Weise an, weil wir diese Gnade in einer persönlichen Beziehung zum dreieinigen Gott erfahren. Sie wird uns vom Vater geschenkt, durch Jesus Christus angeboten und vom Heiligen Geist bekräftigt. Die Gnade ist persönlich, weil sie in einer Person zu uns kommt und auf unsere persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Je mehr Gott uns von sich selbst gibt, desto mehr Gnade wird uns zuteil.
Dietrich Bonhoeffer erinnert uns daran, dass die Gnade zwar umsonst, aber nicht kostenlos ist. In einem eindringlichen Absatz seines bekanntesten Buches Nachfolge hebt Bonhoeffer den Unterschied zwischen billiger und teurer Gnade hervor, der im Fehlen der Forderung nach echter Nachfolge oder der Erwartung einer solchen besteht: „Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.“17
Ferner stellt Bonhoeffer schonungslos fest, billige Gnade sei der „Todfeind unserer Kirche“, „der bitterste Feind der Nachfolge“ und „hat mehr Christen zugrunde gerichtet als irgendein Gebot der Werke“.18 Man kann sagen, dass man allein durch die Gnade als Geschenk Gottes gerechtfertigt ist, aber die Frucht eines gerechtfertigten Lebens ist derjenige, der alles verlassen hat und Christus nachfolgt.19 Und der Grund dafür liegt darin, wie Bonhoeffer zu Recht feststellt, dass die Antwort der Jünger auf den Ruf Jesu in die Nachfolge zuerst ein Akt des Gehorsams ist, bevor sie ein lehrhaftes Glaubensbekenntnis ist (Markus 2,14).20
Bonhoeffer beschreibt dann, wie die Gnade teuer ist und warum eine vollständige und vollkommene Hingabe in der Nachfolge die einzig angemessene Antwort ist:
Die Gnade ist teuer, weil sie in die Nachfolge ruft, und Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft. Teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt. Teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist sie vor allem darum, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – „Ihr seid teuer erkauft“ –, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.21
Das Leben der Nachfolge ist eine Entdeckungsreise der Gnade. Es beginnt mit der Gnade, es erhält durch die Gnade seine Kraft und es ist von Anfang bis Ende von der Gnade durchdrungen. Es gibt keine echte Nachfolge, wenn wir nicht dem Weg Jesu folgen und gehorchen. Gottes Gnade kann als Geschenk – umsonst – empfangen werden, sie kann jedoch ohne die Forderungen der Nachfolge nicht bestehen.
Philip Yancey erzählt eine Szene aus dem Film Der letzte Kaiser, in der ein kleiner Junge zum letzten Kaiser von China gesalbt wird. Er lebt im Luxus und hat viele Diener, die ihm zur Verfügung stehen.
„Was passiert, wenn du etwas falsch machst?“, fragt sein Bruder.
„Wenn ich etwas falsch mache, wird jemand anderes bestraft“, antwortet der junge Kaiser. Um dies zu demonstrieren, zerbricht der junge Kaiser einen wertvollen Gegenstand, und einer der Diener wird dafür geschlagen.22
Dies war der alte Brauch von Königen und Kaisern. Er war weder gerecht noch barmherzig. Dann kam jemand aus einer anderen Welt. Er war ein König, der dem Konzept der Autorität eine neue Bedeutung verlieh. Er kehrte die alte Ordnung um und führte ein neues Reich ein. Wenn seine Diener in Sünde fallen, nimmt der König auf sich, was ihnen zusteht. Yancey resümiert: „Gnade ist nur deshalb umsonst, weil der Geber selbst die Kosten getragen hat.“23
Das ist nicht Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit – das ist Gnade. Teure Gnade. Vielleicht ist das der Grund, warum wir Newtons Lied immer noch so gerne singen. Gnade ist erstaunlich.
Wie zeigt sich nun die überschwängliche Gnade Gottes in unserem täglichen Leben? Es ist eine Sache zu wissen, was Gnade bedeutet. Es ist schön zu wissen, dass Gott uns so liebt, aber was bedeutet das für mein Leben? Wie sieht Gnade aus, wenn ich sie sehe? Was bewirkt Gnade, wenn ich sie erfahre? Welchen Unterschied macht Gnade in meinem täglichen Leben?
Gnade wird in vielfältiger, nuancierter und unterschiedlicher Weise erfahren. Der Rest dieses Buches ist der Darstellung der vielfältigen Ausdrucksformen der Entdeckungsreise der Gnade gewidmet.
Durch diesuchende Gnade(auchzuvorkommende Gnade genannt) geht Gott unsvoraus, um einen Weg zu bahnen und uns in eineBeziehung zu sich zu ziehen.
Der Menschensohn ist nämlich gekommen, um Verlorene zu suchen und zu retten. –- Lukas19,10
Nachfolge gleicht einem langen Gehorsam in derselben Richtung – mit Jesus als unserem Führer und Begleiter.2 Wir nennen dies eine Entdeckungsreise der Gnade. Die Entdeckungsreise der Gnade ist immer dynamisch, weil sie durch und durch beziehungsorientiert ist. Das Leben im Glauben ist mehr Abenteuer als Plackerei, mehr Freude als Pflicht, und jeder Schritt auf dem Weg der Nachfolge ist eingehüllt in die Gnade Gottes. Wir erfahren Gottes Gnade auf unterschiedliche Weise in den verschiedenen Phasen unseres Lebens. Diese Facetten der Gnade sind nicht immer aufeinander folgend (in einer bestimmten Reihenfolge), sie werden vielmehr gemäß den verschiedenen Zwecken unterschieden, die sie auf unserer Reise der Nachfolge erfüllen.3
In der Bibel gibt es mindestens fünf Motive, die zeigen, wie wir die Gnade Gottes erfahren. Das soll nicht heißen, dass es verschiedene Klassifizierungen der Gnade gibt, als ob die Gnade in verschiedene kategorische Maße oder Typen zerlegt werden könnte.4 Wie Jack Jackson betont, ist „Gottes Gnade einzigartig“5 oder, in Anlehnung an John Wesley, ist Gottes Gnade einfach „die Liebe Gottes“.6 Um die Tendenz , die Gnade in verschiedene Typen einzuteilen, zu vermeiden, entschied sich Wesley dafür, sich auf den erfahrungsbezogenen Aspekt der Gnade zu konzentrieren: „Je nach der jeweiligen Phase oder Stufe ihrer Nachfolge erfahren Menschen die Gnade Gottes unterschiedlich. Diejenigen, die sich im natürlichen (vorchristlichen) Zustand befinden, erfahren die Gnade in einer zuvorkommenden Weise; sobald sie erweckt sind, erfahren sie die Gnade in überführender und rechtfertigender Weise; und schließlich, sobald sie gerechtfertigt sind, erfahren sie die Gnade als wirksame Kraft, die ihren Verstand und ihr Herz heiligt“.7 Jacksons Beschreibung der Theologie Wesleys ist wunderschön geschrieben, logisch und doch flexibel, mit seiner Unterscheidung zwischen Gnade als Sache und Gnade als eine auf Beziehung gründende Reise, welche Lebensumstände und Erfahrungen, von Gott inszenierte Begegnungen und von der Vorsehung geplante Zeitabläufe einschließt. Die Gnade ist eine Person und wird uns auf persönliche Weise gewährt.
In diesem Sinne werden die folgenden Motive vorgestellt, die uns helfen sollen, besser zu verstehen, wie wir oft Gottes Liebe auf der Entdeckungsreise der Gnade erfahren, wobei wir uns bewusst sind, dass es sich nicht um verschiedene Arten von Gnade handelt, sondern um die unterschiedlichen Weisen, wie wir Gott als personifizierte Gnade im Laufe unseres Lebens erfahren können.8
Suchende Gnade
Rettende Gnade
Heiligende Gnade
Erhaltende Gnade
Ausreichende Gnade
In den folgenden Kapiteln werden wir jedes dieser Motive im Detail biblisch, theologisch und erfahrungsbezogen untersuchen. Wir beginnen hier mit der suchenden Gnade.
Die Gnade Gottes beginnt nicht erst im Augenblick unserer Erlösung. Sie geht sogar dem Bewusstsein voraus, dass wir Gott brauchen. Wir suchen Gott nicht von Natur aus, sondern Gott sucht uns. Der theologische Begriff für dieses Handeln, mit dem Gott uns näher an sich heranführen will, lautet zuvorkommende Gnade. Zuvorkommende Gnade bedeutet einfach, dass Gott zu uns kommt, bevor wir zu Gott kommen. Gottes Gnade sucht uns auf und kommt dorthin, wo wir sind.
Manchmal beginnen Christen ein Zeugnis über ihre Bekehrungserfahrung mit der Aussage, dass sie an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Alter „zu Jesus gefunden“ haben. Das sind aufrichtige Versuche, eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort zu nennen, an dem sie eine Begegnung mit Gott hatten und eine Wiedergeburt in Christus erlebten. Doch die Formulierung „zu Jesus gefunden“ ist nicht ganz korrekt, denn niemand findet jemals zu Jesus Christus. Jesus Christus findet uns. In einem sehr wichtigen Brief an die ersten Heidenchristen sagt der Apostel Paulus: „Auch ihr wart früher tot aufgrund eurer Sünden. Ihr habt genauso in der Sünde gelebt wie der Rest der Welt. Doch Gott ist so barmherzig und liebte uns so sehr, dass er uns, die wir durch unsere Sünden tot waren, mit Christus neues Leben schenkte, als er ihn von den Toten auferweckte. Nur durch die Gnade Gottes seid ihr gerettet worden“ (Epheserbrief 2,1–2.4–5). Achten Sie besonders auf ein Wort, das Paulus mit Nachdruck wiederholt: tot. Paulus nimmt dies sehr ernst. Er sagt nicht, dass wir in unseren Sünden „krank“ waren oder in unseren Sünden „feststeckten“. Nein, wir waren tot in unseren Sünden.
Der Bibel zufolge gibt es drei Arten von Tod: den körperlichen, den geistlichen und den ewigen. Paulus beschreibt hier den geistlichen Tod. Wir lebten und atmeten und gingen unseren Alltagstätigkeiten nach, waren aber aufgrund unserer Sünde geistlich tot. Ein Mensch kann körperlich lebendig sein und herumlaufen, aber im Inneren unfähig sein, auf geistliche Dinge zu reagieren, weil er kein geistliches Empfinden hat. Deshalb ist jemand, der geistlich tot ist, nicht empfänglich für geistliche Wahrheit. Sie ist für eine solche Person genau so wenig real wie es der Geruchssinn für einen Toten wäre. Tote Menschen sind nicht ansprechbar, haben keinen Kontakt zu anderen und nehmen ihre Umgebung nicht wahr.
Paulus sagt, dass wir uns alle in diesem zombieartigen Zustand der wandelnden Toten befunden haben. Da Tote nicht auf äußere Reize reagieren können, kann kein geistlich toter Mensch aus eigener Kraft „zu Christus finden“. Es muss Hilfe von außen kommen. Deshalb greift Gott laut Paulus und anderen biblischen Autoren in unsere verzweifelte Lage ein und tut etwas für uns, was wir aus eigener Kraft nicht tun können: Gott kommt dorthin, wo wir sind. Durch die Kraft des Heiligen Geistes bewegt sich Gott auf uns zu und erweckt unsere geistliche Sensibilität. Diese Realität führt zu einem tiefgründigen Gedanken: Sogar unsere Fähigkeit, Nein zu sagen zu den Eingebungen Gottes, ist nur möglich, weil Gottes zuvorkommende Gnade uns bereits begegnet ist. Wir sind nur deshalb frei, Gott zu antworten, weil Gott unser geistliches Bewusstsein dazu befreit hat. Jeder Antwort an Gott geht eine Einwirkung der Gnade auf uns voraus.
„Dornröschen“ ist ein berühmtes Märchen über eine Prinzessin, die von einer bösen Königin verzaubert wurde. Die Prinzessin befindet sich im Dauerschlaf und kann nur geweckt werden, wenn ihr Prinz kommt und sie küsst. Dieser Kuss wird sie aus ihrem komatösen Zustand aufwecken und sie aus ihrer hoffnungslosen Lage befreien. Auch wenn es nur ein Märchen ist, so ist es doch ein Symbol dafür, wie die zuvorkommende Gnade wirkt. Die Bibel sagt, dass sich jede menschliche Seele in einer Art geistlichem Todesschlaf befindet und dass wir nicht in der Lage sind, geistliches Bewusstsein in uns selbst zu wecken. Dann kommt der Prinz und küsst uns, der Zauber ist gebrochen, und wir erwachen zu neuen, bisher unbekannten Realitäten. Wie der liebeskranke Vater in Lukas 15 seinem ehrlosen Sohn auf dem Weg entgegenläuft, so steht dieser Kuss für die zuvorkommende Gnade. Lesen Sie diese Worte aus dem anrührenden Gleichnis noch einmal unter dem Aspekt der zuvorkommenden Gnade: „Er war noch weit entfernt, als sein Vater ihn kommen sah. Voller Liebe und Mitleid lief er seinem Sohn entgegen, schloss ihn in die Arme und küsste ihn. … denn mein Sohn hier war tot und ist ins Leben zurückgekehrt. Er war verloren, aber nun ist er wiedergefunden.‘ Und ein Freudenfest begann.“ (Lukas 15,20.24)
Unser theologischer Urahn John Wesley hatte viel über die zuvkormmende Gnade zu sagen. Er glaubte zwar nicht, dass die eigentliche Nachfolge schon vor der Bekehrung beginnt, behauptete jedoch, dass Gottes Gnade im Voraus wirkt, indem sie in den Menschen den Wunsch weckt, Gott zu suchen, und dass dieser Wunsch den Beginn der Erweckung eines Menschen markiert.9 Wir suchen Gott nur, weil Gott uns zuerst sucht.
John Wesley war zwar nicht der erste, der die Idee vertrat, die Kraft der zuvorkommende Gnade werde allen Menschen zuteil, er fügte jedoch seine eigene Unterscheidung zur Heilsordnung hinzu.10 Wesley, der sie manchmal als „vorbeugende Gnade“ (engl. preventing grace) bezeichnete, glaubte, dass Gottes Gnade von Geburt an in allen Menschen wirksam ist und sie zum ewigen Leben in Jesus Christus führen will. Das gilt selbst dann, wenn sie noch nie das Evangelium gehört haben. Gottes vorherige Gegenwart und sein Handeln durch den Heiligen Geist ist die Gnade, die dem Hören der guten Nachricht, dem geistlichen Erwachen und der Bekehrung „vorausgeht“.
Kein Mensch ist der Gnade Gottes fremd, und jeder ist das Ziel des Werbens des Geistes Jesu. Als gefallene Menschen, „tot in unseren Übertretungen und Sünden“ (Epheserbrief 2,1), sind wir nicht in der Lage, aus eigener Kraft zu Gott zu kommen. Deshalb ist Gott immer als erster zur Stelle, wenn es um Erweckung, Bekehrung und Veränderung des Lebens geht. Wir nennen das anfängliche Wirken des Heiligen Geistes „zuvorkommend“, weil es immer unserer Antwort vorausgeht. Man kann zum Glauben an Jesus Christus kommen, aber niemand „kommt zu Christus“, wenn Gott ihn nicht vorher zieht und befähigt. Jesus sagte seinen Jüngern, dass dies das Werk des Heiligen Geistes sein würde (Johannes 16,5–15; siehe auch Johannes 6,44).
Um es mit den Worten von Lovett Weems zu sagen: „Gott sucht uns, bevor wir jemals Gott suchen. Die Initiative zur Rettung liegt von Anfang an bei Gott. Bevor wir auch nur einen Schritt machen, ist Gott schon da.“11 Die Gnade ist nicht unwiderstehlich, aber kein Mensch bleibt ohne die Einladung zu einer persönlichen Beziehung zu Gott. Für die Vertreter der wesleyanischen Heiligungstradition bedeutet dies, dass wir, wenn wir das Evangelium mit jemandem teilen, niemals einen moralisch neutralen Kontext vorfinden. Jeder Mensch, dem wir begegnen, steht unter der Wirkung der zuvorkommenden Gnade. Sicherlich sind manche eher ablehnend, während andere aufgeschlossener sind, aber wir können sicher sein, dass Gott in ihrem Leben schon lange vor unserem Erscheinen auf der Bildfläche treu gewirkt hat. Der Prinz ist uns beim Betreten ihrer Lebensbühne zuvorgekommen.
Gottes Angebot der Errettung ist nicht zwingend. Das Wesen gegenseitiger Liebe (die Grundlage echter Beziehung) erfordert die Freiheit, angebotene Liebe anzunehmen oder abzulehnen. Dennoch geht die zuvorkommende Gnade unserer Antwort voraus und ermöglicht erst unsere Antwort. Dies ist die Reihenfolge bei der Errettung und der Beginn der Nachfolge. Gott initiiert, wir reagieren. Die Gnade kommt immer zuerst.
Das gesamte Neue Testament legt Zeugnis davon ab, und die Schriften des Apostels Paulus betonen besonders, dass „wenn ein Mensch zum Glauben an Jesus als den auferstandenen Herrn gekommen ist, dieses Ereignis selbst ein Zeichen dafür ist, dass der Geist durch das Evangelium wirkt, und dass, wenn der Geist das ‚gute Werk‘ begonnen hat, dessen erste Frucht dieser Glaube ist, man darauf vertrauen kann, dass der Geist das Werk vollenden wird“.12 Diese Gewissheit verneint jedoch nicht die Wichtigkeit der menschlichen Beteiligung. Beziehung führt zur Zusammenarbeit.
Paulus hebt hervor, wer den Weg der Gnade beginnt und wer ihn beendet: „Ich bin ganz sicher, dass Gott, der sein gutes Werk in euch angefangen hat, damit weitermachen und es vollenden wird bis zu dem Tag, an dem Christus Jesus wiederkommt“ (Philipperbrief 1,6).13 Darüber hinaus muss der Nachfolger (und die Kirche) Jesu „noch mehr darauf achten, dass Gottes Liebe in eurem Leben sichtbar wird. Deshalb gehorcht Gott voller Achtung und Ehrfurcht. Denn Gott bewirkt in euch den Wunsch, ihm zu gehorchen, und er gibt euch auch die Kraft zu tun, was ihm Freude macht.“ (2,12–13)14 Wir müssen – durch die Gnade – in der Welt das sichtbar machen, was Gott in uns wirkt. Dazu gibt es zahlreiche hilfreiche Beispiele in der Bibel.
Gott kam zu Abraham an einem Ort namens Ur der Chaldäer (heutiges Iran). Gott initiierte den Ruf: „Von dir wird ein großes Volk abstammen. Ich will dich segnen und du sollst in der ganzen Welt bekannt sein. Ich will dich zum Segen für andere machen.“ (Genesis 12,2) Wer kam zuerst? Gott. Wer begann das gute Werk in Abraham? Gott. Abraham musste jedoch im Gehorsam reagieren, um in der Welt das sichtbar zu machen, was Gott in ihm wirkte. Gott erschien Jakob im Traum und zeigte ihm eine Himmelsleiter (Genesis 28,10–22) und rang später mit Jakob am Fluss Jabbok (32,22–32). Wer kam zuerst? Gott. Wer begann das gute Werk in Jakob? Gott. Dennoch musste Jakob sichtbar machen, was Gott in ihm wirkte.
Mose befand sich „mitten in der Pampa“. Gott kam zu ihm in einem brennenden Dornbusch und berief ihn dazu, sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien (Exodus 3,1–4,17). Wer kam zuerst? Gott. Wer begann das gute Werk in Moses? Gott. Dennoch musste Mose sichtbar machen, was Gott in ihm wirkte.
Der lebendige Christus erschien (oder überfiel) Saulus auf der Straße nach Damaskus (Apostelgeschichte 9,1–19). Saulus war nicht auf der Suche nach Gott. Er hatte den Auftrag, die Christen zu verfolgen. Wer kam zuerst? Gott. Wer begann das gute Werk in Saulus (der bald darauf zu Paulus, dem Missionar für die Nichtjuden, wurde)? Gott. Dennoch musste Paulus, wie er später in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi sagen würde, sichtbar machen, was Gott in ihm wirkte.
Der Eunuch aus Afrika auf einer Wüstenstraße in Judäa (Apostelgeschichte 8), Kornelius durch eine Vision um drei Uhr nachmittags (Apostelgeschichte 10), Lydia an einem Flussufer (Apostelgeschichte 16): Was haben sie alle gemeinsam? Diese und viele andere Geschichten zeigen, wie Menschen im Glauben dem Gott antworteten, der zuerst zu ihnen kam. Sie alle machten sichtbar, was Gott in ihnen wirkte.
Es gibt ein einheitliches Muster, bei dem Gott mit zuvorkommender Gnade handelt und die Menschen im Glauben darauf reagieren. Der britische Missionswissenschaftler Lesslie Newbigin hat einmal gesagt: „Der Glaube ist die Hand, die das vollendete Werk Christi ergreift und es sich zu eigen macht.“Die zuvorkommende Gnade entbindet nicht von der Notwendigkeit einer Antwort, aber sie kommt immer zuerst. Selbst Augustinus, ein entschiedener Verfechter der Prädestinationslehre, bestätigte: „Er, der uns ohne uns selbst gemacht hat, wird uns nicht ohne uns selbst retten.“15
Es gibt einen Unterschied zwischen der Gnade der Vorsehung und zuvorkommender Gnade. Die Vorsehung ist die Art und Weise, wie Gott für den Unterhalt und die Versorgung seiner Schöpfung, einschließlich der Menschen, sorgt.16 Gott „sorgt dafür“ oder „sieht das vor“ (Genesis 22,8.14), was zur Erhaltung der Welt und zur Versorgung der Menschen notwendig ist.
Wie Gottes Vorsehung das Leben jedes Menschen kreuzt, ist zutiefst geheimnisvoll. Wann, wo und in welche Familie man geboren wird, ist eine Frage der Vorsehung. Warum ein Mensch 1765 in Indien in eine Hindu-Familie hineingeboren wird, während ein anderer 2020 in Mosambik in eine christliche Familie hineingeboren wird, ist eine Frage der Vorsehung. Die Vorsehung Gottes ist mit einem unterschiedlichen Maß an geistlicher Verantwortung verbunden. Jemand, der sein ganzes Leben lang die Gelegenheit hat, das Evangelium zu hören, wird anders beurteilt werden als jemand, der den Namen Jesus nie gehört hat. In Jesu Gleichnis vom treuen und klugen Knecht geht es um mehr als um materiellen Besitz – es geht um den Umgang mit der Gnade Gottes. „Von den Menschen jedoch, denen viel anvertraut wurde, wird viel verlangt, und von denjenigen, denen noch mehr anvertraut wurde, wird auch noch viel mehr verlangt werden.“ (Lukas 12,48) Nicht alle erhalten die gleichen Chancen und die gleiche Ausgangsposition. Einige erhalten mehr, andere weniger. Das Geschenk des „mehr“ bringt eine höhere Verantwortung mit sich. Dies sind Fragen der göttlichen Vorsehung.
Wenn Vorsehung der Ort ist, an den Gott uns stellt, dann beschreibt die zuvorkommende Gnade die facettenreichen Wege, auf denen Gott uns begegnet. Jeder erhält die gleiche Gnade, die der Errettung vorausgeht. Die Antwortmöglichkeiten sind jedoch unterschiedlich. Gott wendet sich beharrlich und geduldig an alle. Dieser Glaube unterscheidet das Christentum von anderen Weltreligionen, die lehren, dass Gott antwortet, wenn die Menschen sich zuerst auf Gott zubewegen. Das Christentum kehrt die Reihenfolge um: Gott handelt immer zuerst und ermöglicht so eine Antwort.
Gott initiiert das gute Werk der Gnade und des Friedens. Erlösung und Neuschöpfung beginnen immer mit Gottes Initiative. Nichts offenbart dies mehr als die Überzeugung, dass der Vater Jesus Christus in die Welt gesandt hat. Gott handelt immer zuerst. Der Heilige Geist macht den Menschen ihr Bedürfnis nach Errettung bewusst, überführt sie von Sünde und wendet das Sühnewerk Christi auf sie an, wenn sie im Glauben reagieren.
Für John Wesley beinhaltet die geistliche Erweckung mehr als nur ein Erwachen des Gewissens: „Es gibt keinen Menschen, der gänzlich ohne die Gnade Gottes wäre, es sei denn, er habe den Geist ausgelöscht. Kein lebender Mensch ist völlig frei von dem, was man gemeinhin als natürliches Gewissen bezeichnet. Jeder Mensch besitzt ein gewisses Maß an diesem Licht, … das jeden Menschen, der in die Welt kommt, erleuchtet. Und jeder … fühlt sich mehr oder weniger unwohl, wenn er gegen das Licht seines eigenen Gewissens handelt. Es sündigt also niemand, weil er keine Gnade hat, sondern weil er die Gnade, die er hat, nicht nutzt“.17 Ein unruhiges Gewissen, ein wachsendes Bewusstsein für Recht und Unrecht und ein erwachendes geistliches Bewusstsein sind Gottes gnädige Gaben für jeden Menschen. Diese Überzeugung hat wichtige Auswirkungen auf die Evangelisation im Geiste Wesleys.
Ich habe mich einmal mit einer Gruppe von christlichen Pastoren getroffen, die in einer Gegend leben, wo es schwer ist, Nachfolger Christi zu sein. Es ist zwar legal, Christ zu sein, jedoch ist es gesetzlich streng verboten, für einen Übertritt von einem Glauben zu einem anderen zu werben. Offene christliche Evangelisation wird mit Gefängnis und sogar mit dem Tod bestraft. Ich fragte die Pastoren, wie Evangelisation in einer so feindseligen und gefährlichen Umgebung vonstattengeht. Nach einigen Augenblicken der Stille antwortete ein Pastor: „Träume“. Ich verstand das nicht und bat ihn um eine Erklärung. „Nicht Dutzende, sondern Hunderte unserer Nachbarn haben in der Nacht Träume. Der auferstandene Christus erscheint ihnen in seiner ganzen Schönheit und Majestät. Wenn sie aufwachen, kommen sie und stellen Fragen. ‚Erzählen Sie uns von diesem Mann, der in der Nacht zu uns kommt.‘ Wenn sie fragen, ist es unsere Pflicht zu antworten. Wir evangelisieren nicht. Wir geben ihnen lediglich Hinweise aus unserer Erfahrung, um ihre Erfahrungen zu erklären. Viele von ihnen entscheiden sich auf diese Weise, ihr Leben Jesus Christus zu weihen“.
In Gegenden, wo die Kirche vor verschlossenen Türen steht, geht der Geist Gottes uns voran. Die zuvorkommende Gnade Gottes kennt keine Grenzen oder Schranken. Die Liebe Gottes streckt sich unnachgiebig auch nach den schwierigsten, widerspenstigsten und feindseligsten Menschen aus. Sie mögen nie mit Glauben und Gehorsam reagieren, aber sie können sich nicht der durchdringenden Gegenwart Gottes entziehen, der niemals aufhört, sie zu lieben und zu sich zu ziehen.
Das war die sich ständig wiederholende Geschichte des Jesus-Films. Dieser Film ist eine Darstellung des Lebens Christi. Im Leben von Tausenden von Menschen auf der ganzen Welt hat sich dieser Film als wirksames Instrument der Gnade erwiesen. Er wurde Menschen in entlegenen Gebieten gezeigt, wo der Name Jesus völlig unbekannt war. Eine Begebenheit erzählt vom Häuptling eines Stammes, der während einer Vorführung aufstand und sagte: „Stopp! Wir kennen diesen Mann! Er ist unseren Vorfahren vor vielen Jahren erschienen und hat ihnen diese Geschichte der Errettung offenbart. Er sagte, dass eines Tages jemand kommen würde, um uns seinen Namen zu sagen. Und jetzt wissen wir, dass sein Name Jesus ist“. Dies ist zwar nur ein Beispiel für andere ähnliche Geschichten, aber es zeigt, dass der Geist Gottes der Kirche, wie immer, weit voraus ist. Der Heilige Geist hatte den Boden in den Herzen der Menschen bestellt, um das Evangelium aufzunehmen. Die zuvorkommende Gnade hat sich mit Gottes Vorsehung überschnitten, lange bevor die Kirche ankam, um die gute Nachricht zu verkünden. Als Folge nimmt oft ein ganzer Stamm den Glauben an Christus an.
Die christliche Evangelisation ist weder ein Soloakt noch ein Moment der Einsamkeit. Sie ereignet sich in beziehungsorientierten Interaktionen, die durch den Heiligen Geist angeregt werden, der immer gnädig vorausgeht. Kein Christ kann in den Rückspiegel seines Lebens schauen und nicht sehen, auf welch wunderbare Weise Gott gehandelt hat, um ihn zu erwecken und zur Umkehr und zum Glauben an Jesus Christus zu bringen.
Mein Vater wurde als junger Teenager Christ durch seine Pflegeeltern, die der Kirche des Nazareners angehörten. Ich wurde Christ durch das Beispiel christlicher Eltern und einer Gruppe von Männern, die sich jeden Mittwochmorgen trafen, um speziell für meine Errettung zu beten. Ihre Entdeckungsreise der Gnade ist einzigartig für Sie. Was für alle gleich bleibt, ist, dass Gott immer vorangeht.
Mein Freund Stéphane war Atheist und studierte Roboterwissenschaften an einer Universität in Deutschland. Sein atheistischer Onkel erzählte ihm von dem Film Die Mission. Er empfahl ihm den Film wegen der „hervorragenden schauspielerischen Leistung und der schönen Landschaftsaufnahmen“. Der Film spielt im achtzehnten Jahrhundert, in den Regenwäldern im Nordosten von Argentinien. Eine spanische Missionsstation der Jesuiten wurde gegründet, um die Ureinwohner der Guarani-Stämme für Christus zu gewinnen.
Stéphane lieh sich den Film aus. Besonders wurde er durch eine Szene berührt, in der ein Sklavenhändler und Söldner namens Rodrigo Mendoza einen steilen Hang mit einem Wasserfall erklimmt. Auf dem Rücken trägt er sein Handwerkszeug – seine Rüstung und seine Schwerter. Er tut Buße für seine vielen Sünden. Als Mendoza den Gipfel des Steilhangs erreicht, springt ein Krieger des Stammes, den Mendoza entführt und in die Sklaverei verkauft hat, auf ihn zu und hält ein Messer in der Hand, als wolle er Mendoza die Kehle durchschneiden. Nach kurzem Zögern schneidet der Stammeskrieger das Seil von Mendozas Schultern und lässt den schweren Rucksack auf den Grund des Wasserfalls stürzen. Mendoza wird plötzlich bewusst: Etwas hat eine solche Veränderung bewirkt, dass dieser junge Krieger nicht mehr nach Rache dürstet, sondern bereit ist, Barmherzigkeit walten zu lassen.
Erschöpft und mit Schlamm bedeckt, fällt Mendoza zu Boden. Er beginnt unkontrolliert zu weinen, aber nicht aus Reue, sondern vor Freude über den inneren Frieden. Er findet Zuflucht in dem Dorf und wird in ihre Gemeinschaft aufgenommen. Schließlich legt Mendoza das Gelübde eines Jesuitenpriesters ab.
Später erhält Mendoza ein Buch, aus dem er eine Passage über die Bedeutung der Liebe vorliest. Stéphane kannte die Quelle dieser Worte nicht, aber er sagte, es seien die poetischsten und schönsten Worte, die er je gehört habe. Sie fesselten ihn so sehr, dass er sich die Szene immer wieder genau ansah. Er schrieb die Worte auf, um sie nicht zu vergessen. Dann ging er in eine Bibliothek, um nach der Quelle des Gedichts zu suchen. Zu seiner Überraschung stammten die Worte aus der Bibel. Er las wiederholt aus 1. Korintherbrief 13 – „dem Kapitel der Liebe“.
Kurze Zeit später begann Stéphane, sich für eine Kommilitonin zu interessieren. Eines Abends lud sie Stéphane in einen „Klub“ ein, wie sie es nannte. Der Klub entpuppte sich als ein Bibelgesprächskreis. Stéphane lernte das Vaterunser. Als Wissenschaftler glaubte er an Experimente, um logische Ergebnisse zu ermitteln. Stéphane stellte fest, dass er jedes Mal, wenn er vor dem Schlafengehen das Vaterunser betete, friedlich einschlief. Bald begann er, jeden Abend vor dem Schlafengehen zu beten. Er wurde von einer ihn verfolgenden Liebe und einer vorausgehenden Gnade erweckt.
Der missionarische Gott begann, die Gebete eines jungen Atheisten zu erhören. Er entdeckte die Herrlichkeit der Liebe Gottes durch einen Film mit „hervorragender schauspielerischer Leistung und schönen Landschaftsaufnahmen“. Stéphane antwortete auf die ihm vorausgehende Gnade. Er bekannte seinen Glauben an Christus und begann, in der Welt das sichtbar zu machen, was Gott in ihm wirkte. Stéphane ist jetzt Missionar in der Kirche des Nazareners. Das ist die zuvorkommende Gnade Gottes, die zu Umkehr und Veränderung führt.
Der Glaube an die Kraft der zuvorkommenden Gnade macht es unmöglich, jemanden aufzugeben, der noch nicht Christ geworden ist. Wir dürfen die Hoffnung für niemanden aufgeben, weil Gott sie nicht aufgibt. Das Vertrauen von Evangelisten ruht weder auf ihnen selbst noch auf den Fähigkeiten derer, die das Evangelium hören. Unser absolutes Vertrauen gründet vielmehr darin, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt. Sie ist verschwenderisch (Epheserbrief 1,7), unnachgiebig und unveränderlich. Es reicht aus, das zu vollenden, was Gott beginnt. Von Gott inszenierte Begegnungen stehen an!
Wie weit wird Gott gehen, um einen Menschen zu erreichen? Ich habe den Text des Liedes „Reckless Love“ (deutscher Titel: „gewagte Liebe“, wörtlich etwa „rücksichtslose Liebe“) von Cory Asbury aus dem Jahr 2017 zu schätzen gelernt, in dem es um die suchende Gnade Gottes geht. Das Lied handelt von der Gnade Gottes im Leben des Sängers, „bevor ich ein Wort sprach“ und „bevor ich einen Atemzug tat“. Er beschreibt die „überwältigende, nie endende, rücksichtslose Liebe Gottes“, die „mich jagt, kämpft, bis ich gefunden werde, die die neunundneunzig zurücklässt“. Der Refrain lautet wie folgt:
Es gibt keinen Schatten, den du nicht erhellst keinen Berg, den du nicht besteigst auf der Suche nach mir Es gibt keine Mauer, die du nicht zertrümmerst Keine Lüge, die du nicht einreißt auf der Suche nach mir.18
Überwältigend. Nie endend. So weit wird Gott gehen, um einen Menschen zu erreichen.
Durch dierettende Gnaderettet uns Jesus vonder Sünde und führt uns in die Wahrheit, die unsfrei macht.
Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; das unverdiente Geschenk Gottes dagegen ist das ewige Leben durch Christus Jesus, unseren Herrn. – Römerbrief6,23
Ein Sportreporter fragte einmal den berühmten Profigolfer Jack Nicklaus, was das häufigste Problem von Amateurgolfern sei. In der Erwartung, dass er etwas über mangelnde Übung oder die Unfähigkeit, konstant gut zu putten, sagen würde, war ich überrascht, als Nicklaus stattdessen antwortete: „Selbstüberschätzung“. Die Überzeugung, sie seien besser, als sie wirklich sind, oder könnten mehr, als sie wirklich können. Ich glaube, ich kann den Ball zwischen den beiden Bäumen hindurch spielen. Ich kann den Ball wahrscheinlich über das Wasser schlagen. Das ist Selbstüberschätzung.
