Wege des Protestantismus 1517-2017 - Alfred Leo Kraus - E-Book

Wege des Protestantismus 1517-2017 E-Book

Alfred Leo Kraus

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Beschreibung

Die Geschichte des Protestantismus mit seinen Ent­stehungsbedingungen und Einflüssen ist als Aufriss und Übersicht sehr informativ sowie spannend und anregend zu lesen. Die Einzelströmungen des Protestantismus werden differenziert dargestellt und in einen narrativen Zusammenhang gebracht. Reibungspunkte mit der römischen Kirche werden kenntnisreich herausgestellt. Durch die informativen und interpretierenden bzw. kommentierenden Passagen wird die Aufmerksamkeit des Lesers / der Leserin immer wieder neu angesprochen und zu neuen gedanklichen Verbindungen angeregt. Mit Hinweisen auf Wirkungen bis in unsere Gegenwart stellt sich ein aktueller Bezug her. Dem Autor gelingt somit außer der sozialgeschichtlichen Schwerpunktsetzung – bis hin zu Auswirkungen in moderner Sozialpolitik – eine kulturgeschichtliche Erhellung der protestantischen Bewegung im weitesten Sinne.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Vorwort

Einleitung

K

APITEL

Martin Luther

Philipp Melanchthon

Leipziger Disputation

„Der Deutsche Bauernkrieg“ – Einlassung

Luthers Schriften

Reformation

K

APITEL

Das Deutsche Pfarrhaus

Heinrich Heine zu Martin Luther

Bibelübersetzung

K

APITEL

„Zwei-Reiche-Lehre“

Augsburger Bekenntnis – Confessio Augustana – 25. Juni 1530

K

APITEL

Johannes (Jean) Calvin

Prädestination

Calvinismus

K

APITEL

Landeskirchen, Struktur und Aufbau

Reformation in Skandinavien und England

Deutschland

K

APITEL

Protestation zu Speyer 1529 – Namensgebung

Passauer Vertrag 1552

Augsburger Religionsfrieden 1555

Protestantismus heterogen

Reformierte Kirche

K

APITEL

Waldenser

Hussiten

Hugenotten

Böhmische (Mährische) Brüder

Täufer (Wiedertäufer – Anabaptisten)

Kongregationalisten

Pietismus – Lutherischer Pietismus

K

APITEL

Gegenreformation

K

APITEL

Der Dreißigjährige Krieg

Der Böhmisch-Pfälzische Krieg – 1618-1623

Der Niedersächsisch-Dänische Krieg – 1625-1629

Der Schwedische Krieg – 1630-1635

Der Schwedisch-französischen Krieg – 1635-1648

Westfälischer Frieden – Münster und Osnabrück

Folgen des Krieges

K

APITEL

Salzburger Exulanten

Merkantilismus

August Hermann Francke

Missionsarbeit

Herrnhuter Brüdergemeine

Methodismus

Erweckungsbewegung

K

APITEL

Kulturkampf

Kulturprotestantismus

K

APITEL

Kirchenkampf im Nationalsozialismus

Reflexion zur Haltung der Evang. Kirche im Nazi-Deutschland

Bekennende Kirche

Barmer Erklärung

Die Katholische Position im Kirchenkampf

K

APITEL

Diakonisches Werk der EKD

Evangelisches Hilfswerk

Diakonie Deutschland – Evangelischer Bundesverband

Die 19 Landesverbände

K

APITEL.

Nächstenliebe

K

APITEL

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD)

Die evangelischen Landeskirchen Deutschlands

Aufbau und Struktur

K

APITEL

Evangelische und kirchliche Sozialwerke in Deutschland

Innere Mission, Johann Hinrich Wichern

Wilhelm Löhe, Neuendettelsau

Die von Bodelschwinghschen Stiftungen – Bethel

K

APITEL

Der Deutsche Evangelische Kirchentag

Liste der Deutschen Evangelischen Kirchentage

Leuenberger Konkordie – Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa

K

APITEL

Reformierter Bund für Deutschland

Lutherischer Weltbund

Reformierter Weltbund

Presbyterianische Kirchen

K

APITEL

Ökumene – Ökumenische Bewegung

Weltmissionskonferenz in Edinburgh

Ökumenischer Rat der Kirchen

Distanz der römischen Kirche

Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre

Erbsünde (Peccatum originale)

Es stellen sich erneut Frage zur Ökumene

K

APITEL

„Soziale Gerechtigkeit“

Armut

Armutsgrenzen

Armut in Deutschland

Vermögensgrenzen

Hartz IV

Mindestlohn

Armut – Anspruch, Urteil, Stigma?

Zwischenbemerkung

Sozialethik

Evangelische Soziallehre, bzw. Sozialethik

Römisch-Katholische Soziallehre

K

APITEL

Kirche Christi – mehr als eine Idee

Das 1. – 2. und 4. ökumenische Konzil

Arianismus

Konzil von Nicäa

Konzil von Konstantinopel

Konzil von Chalcedon, 451 (Chalcedonense)

Christliche Kirche (historisch)

Schismata

Christliche Kirche – römisch katholisch

Marienverehrung

Glaubenswahrheiten der römisch-katholischen Kirche

K

APITEL

Kirchen der Reformation (im Alltag)

Geistliche Entwicklungen im Protestantismus

Erwartungen – Gottesdienstbesuch – eine Analyse

Gleichheit – Soziale Gerechtigkeit

K

APITEL

Reformation 1517 – 2017

Ein Jubiläum steht an

Die protestantischen Kirchen – Ein Überblick

K

APITEL

Traditionen und Lehrmeinungen der römisch-katholischen Kirche

Transsubstantiationslehre

Fronleichnam „Leib des Herrn“

Zölibat

Tridentinum

Apostolische Sukzession

K

APITEL

Schlussbemerkung

Quellen

Weitere Quellen

Vorwort

Der Protestantismus in der Welt!

Was bewog Martin Luther, Johannes Calvin und – bereits vor diesen überragenden, gleichsam monumentalen Gestalten biblischen Glaubens – Jan Hus, sich mit Leib und Leben der geistlichen Auseinandersetzung mit der mächtigen und omnipräsenten römischen Kirche zu verschreiben?

Es waren wahrhaft Zyklopenmauern der absoluten geistlichen Macht, repräsentiert von kirchlichen Ämtern und Würdenträgern, verwoben und verknotet mit politischem Anspruch, dem sich Kaiser, Könige und Fürsten ergaben, gegen die angegangen werden musste, sollte die christliche Kirche sich ihrer eigentlichen Aufgaben bewusst werden, um wieder eine Kirche Christi werden zu können.

Das Anliegen des Buches ist der Versuch, reformatorische Glaubensüberzeugungen im sozialen Zusammenhang aufzuzeigen und in die gesellschaftspolitischen Ereignisse der vergangenen fünf Jahrhunderte einzugliedern. Der Protestantismus, anfänglich eine zur Glaubensgewissheit gelangte streitbare Gemeinde, deren Zugehörige unterschiedlicher von Stand und Geburt nicht sein konnten, ist zu einer Erfolgsgeschichte geworden und auf der ganzen Welt wirksam.

Die Reformation bedeutet aber nicht nur die „Glaubensspaltung“ in Europa, sondern steht gleichzeitig am Beginn der Neuzeit sowohl gesellschaftspolitisch als kulturell und, gemäß ihrem Selbstverständnis, in geistlich-kirchlicher Dimension.

Wo steht der Protestantismus heute? Wo stehen die reformierten Kirchen und ihre Denominationen in den evangelikalen, weltweit auftretenden christlichen Kirchen?

Einleitung

Die Evangelisch Lutherische Kirche gründet sich auf Dr. Martin Luther, seiner Begründung aus der Heiligen Schrift und seiner Rechtfertigungslehre „allein durch Gnade“. Dies war der theologisch grundsätzliche Durchbruch zur Reformation. Faktisch begann sie mit dem Ablassstreit und dem Anschlag der 95 Thesen am 31. Okt. 1517. Die katholische Kirche wehrte sich mit aller Macht gegen den aufkeimenden Protestantismus, sie mochte ihm nicht ohne Weiteres das Feld überlassen. Mindestens genauso gefährlich für die neue Lehre waren die inneren Auseinandersetzungen mit Spiritualisten, wie Andreas Karlstadt und Ulrich Zwingli. Mit den Invocavit-Predigten, die Luther vom 9. bis zum16. März 1522 in Wittenberg hielt, gab er der Reformation eine friedliche Ausrichtung, anstatt gewaltsamen Lösungen zu den brennenden Fragen der Zeit das Wort zu reden. Durch das persönliche Erscheinen Luthers, konnte der neue theologische Ansatz gefestigt werden.

Luthers theologische Erkenntnisse waren – und sind – das Fundament der evangelischen Kirche. Sie sind wesentlich für den Protestantismus.

Mit der Übersetzung des Neuen und des Alten Testamentes und deren auch sprachlich meisterhaften Gestaltung hat Luther entscheidend zur Entwicklung der deutschen Hochsprache beigetragen.

Philipp Melanchthon prägte über lange Zeit das kirchliche und universitäre Schulwesen und hatte damit weittragende Bedeutung.

Die Bezeichnung Protestantismus geht auf die „Protestation von Speyer“ (1529) zurück, dem Einspruch der evangelischen Reichsstände gegen die katholische Mehrheit, in dem sie sich gegen die Verabschiedung des Wormser Edikts wendeten, durch das der Reichstag 1521 entschieden hatte, an der von Kaiser Karl V. verhängten Reichsacht über Martin Luther, festzuhalten. Obwohl 1524 als Reichsgesetz anerkannt, scheiterte seine Durchführung am Widerstand der evangelischen Reichsstände im Reichstag des Heiligen Römischen Reiches.

Der Protestantismus ist die Gesamtheit der maßgeblich von der Reformation bestimmten christlichen Kirchen und Bewegungen. Er umfasste im 16. Jh. alle theologischen Richtungen und konfessionellen Gruppen lutherischer, zwinglischer, calvinistischer, melanchthonscher Prägung auf evangelischer Seite. Die Bildung neuer Kirchen vom 17. bis 19. Jh. durch Pietisten, die Herrnhuter Brüdergemeine, Puritaner, Presbyterianer, Methodisten, die Erweckungsbewegung machen eine kirchlich-theologische und geschichtliche Abgrenzung nicht einfach.

Es gelten aber die zentralen Lehraussagen der Reformation: Der Mensch ist Sünder; seine Rechtfertigung vor Gott geschieht allein durch Christus, allein aus Gnade und allein durch den Glauben. Die vier „Soli“ nach Marin Luther lauten:

Sola scriptura . . . . . . . . allein durch die Schrift

Sola fide . . . . . . . . . . . . . allein durch den Glauben

Sola gratia . . . . . . . . . . . allein durch Gnade

Solus Christus. . . . . . . . allein durch Christus.

Die Mitwirkung des Menschen an seinem Heil wird, wie die Vermittlung durch Maria und die Heiligen sowie der Wert guter Werke für die ewige Seligkeit und eine automatische Gnadenmitteilung abgewiesen.

In seiner Geschichte hat der Protestantismus mehrere Wandlungen durchgemacht. Er hatte sich mit den philosophischen Strömungen und dem Denken der jeweiligen Zeit auseinanderzusetzen. Es erfolgte jedoch immer die Rückwendung auf die reformatorischen Grundsätze. Der Pietismus des 17. und 18. Jh. und die Erweckungsbewegungen des 19. Jh. suchten die Verinnerlichung und Verlebendigung des persönlichen Glaubens.

Die Einheit des Protestantismus ist weder in einer kirchlichen Institution zu erkennen, noch durch kirchliche Bekenntnisse zu sichern. Nach protestantischer Auffassung ist es eine geistige und geistliche Einheit, die im stetigen Hören auf das biblische Zeugnis besteht. In kirchlichen Ämtern und Organisationen kann die Einheit sich nicht ausdrücken, weil Christus allein die Herrschaft in der Kirche zukommt und er sie durch sein Wort und seinen Geist regiert. Die Kirche stellt sich in der Ortsgemeinde dar. Sie ist von daher die Gemeinschaft der Gläubigen. Die Synoden fällen Lehrentscheidungen und sind nicht unfehlbar.

Mit der Leuenberger Konkordie der reformatorischen Kirchen in Europa wird die Kirchengemeinschaft zwischen fast allen lutherischen, reformierten und unierten Kirchen Europas, einschließlich der Waldenser und der Böhmischen Brüder eingeführt bzw. hergestellt. Mit ihr werden die gegenseitigen Verwerfungen der Reformationszeit aufgehoben und auch die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft wird hergestellt. Dieser Fortschritt wird durch die „im Zentralen gewonnene Übereinstimmung“ in der Lehre von der Rechtfertigung und in der Sakramentsauffassung ermöglicht.

Die soziokulturelle Bedeutung des Protestantismus ist prägend für die nachfolgenden Zeiten. Die Reformation brach mit der Überordnung des Priester- und des Mönchstandes über den Laienstand. Luther führte zudem den Begriff „Beruf“ (Sir 11,20,21) in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Neu daran ist die Wertschätzung der Pflichterfüllung innerhalb der weltlichen Berufe.

Im Katholizismus hingegen zählt die weltliche Arbeit, obwohl von Gott gewollt, zum Kreatürlichen, sie ist – nach Thomas von Aquin – die unentbehrliche Naturgrundlage des Glaubenslebens, sittlich an sich indifferent wie Essen und Trinken..

Mit der Abschaffung der Benefizien und der Klöster flossen dem Protestantismus die Mittel zu einer intensiven Armen- und Krankenpflege sowie zum Ausbau von Schulen und Universitäten zu.

Die bahnbrechenden Arbeiten und Stiftungen August Herman Franckes (Franckesche Stiftungen in Halle), Nikolaus Graf von Zinzendorfs (Herrnhuter Brüdergemeine), Johann Hinrich Wicherns (Gründung der Inneren Mission), Wilhelm Löhes (Diakonie Neuendettelsau und der Gesellschaft für Innere und Äußere Mission) und nicht zuletzt Friedrich von Bodelschwinghs (Bodelschwinghsche Anstalten in Bielefeld) waren die entscheidenden karitativen Einrichtungen des deutschen Protestantismus im 18. und 19. Jh. und wirkten bis ins 20. Jh.

Das Beispiel von Wicherns Innerer Mission bewog die katholische Kirche 1897 zur Gründung des „Caritasverbandes für das katholische Deutschland“, der an die Stelle von vereinzelt arbeitenden Einrichtungen und Werken trat.

Die Reformation war gleichsam eine Initialzündung für geistigen, wirtschaftlichen und soziokulturellen Fortschritt der nachfolgenden Ära, zunächst in Deutschland und den angrenzenden Ländern, dann über England weiter bis nach Nordamerika (Presbyterianismus und Methodismus).

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. entwickelte sich unter dem politisch vorherrschenden Protestantismus (bürgerlich- liberaler Nationalstaat) ein politischer Katholizismus. Nach den deutschen Einigungskriegen in den Jahren 1865/66 und 1871 war es die unter den Hohenzollern mit Bismarck vollzogene Reichsgründung, die diese katholische Strömung hervorrief. Der politische Katholizismus entstand auf der Grundlage der Bestrebungen, spezifisch katholische und allgemein christliche Grundsätze in Staat und Gesellschaft zur Geltung zu bringen, er führte zur Gründung christlich-katholischer Parteien. Diesen ging es, zusammen mit einem ausgeprägten Vereinswesen, darum, die Grundsätze der katholischen Lehre vom Naturrecht und vom christlichen Sittengesetz in Politik und Gesellschaft zu wahren und durchzusetzen. (siehe Kapitel 11: Kulturkampf).

Die deutsche Innenpolitik wird seit 1949 mehr und mehr von Sozialpolitik bestimmt und geprägt. Insbesondere die katholische Soziallehre hat unter der Regierung Adenauer mit ihren Exponenten, wie Eberhard Welty und Oswald von Nell-Breuning, nachhaltigen Einfluss gewonnen. Der Sozialstaat ist inzwischen zu einem Versorgungsstaat mutiert. Ihm wäre von protestantischer Seite vorzuhalten, dass ein wesentliches Prinzip der katholischen Soziallehre völlig verdrängt worden ist: das Subsidiaritätsprinzip. Es wurde und wird aus opportunistischen und wahltaktischen Gründen mittlerweile von allen politisch relevanten Parteien vernachlässigt.

Dem politischen Protestantismus fehlen nach wie vor sowohl die klar definierte Soziallehre als auch die organisierte Trägerschaft, wie sie der politische Katholizismus besitzt. Der deutsche Protestantismus hat sich praktisch in die vorherrschende Strömung „eingeklinkt“ und seine gestalterische Position sozialpolitisch wie innenpolitisch aufgegeben.

Alle evangelischen Kirchen die ihren Ursprung in der Reformation Martin Luthers und Jean Calvins haben. mit ihren Denominationen auf der ganzen Welt, die sich unmittelbar auf das Alte und Neue Testament, auf deren inhaltliche Erläuterungen und Definitionen nach evangelischem Verständnis beziehen, gehören zum Protestantismus.

Der Protestantismus schließt alle Christen ein, welche die Glaubensgrundsätze

allein durch den Glauben

sola fide

allein durch Gnade

sola gratia

allein die Schrift

sola scriptura

allein Christus

solus Christus

als Basis ihrer Kirchlichkeit anerkennen und sich demgemäß zu ihrer Kirche in Glauben, Wort und Lehre bekennen.

Protestantismus beinhaltet weiter: „Evangelische“ Kirchen mit allen kirchlich orientierten evangelischen Einrichtungen.

Jedoch sind geistlich-kirchlich eigenständige Vereinigungen, d. h. Abweichungen von Roms Apodiktik und mit eigener Lehramtstätigkeit, nicht erst und nicht nur durch die Definitionen Martin Luthers und Jean Calvins postulierte Geistlichkeit entstanden. So die Waldenser, Ende 12. Jh., die Hussiten ab 1415, die Taboriten 1420 und die Böhmischen Brüder im 15. und 16. Jh.

„Wie viele hatten es schon vergeblich versucht, den Bann der mittelalterlichen Priesterkirche zu durchbrechen! Die einen waren damit gescheitert, weil sie aus dem Ideenkreis der sakramentalen Heilsanstalt nicht wirklich herauskamen, die anderen, weil in ihnen weniger das religiöse Erlebnis als die rationale Kritik säkularen Denkens sich äußerte, die dritten, (darunter „Vorläufer“ wie Wyklif und Hus), weil ihre Opposition sich zunächst an äußeren Mißständen des kirchlichen Lebens entzündete und von vornherein mit irdischen, politischen Forderungen, befleckte, ehe sie in den Kern des Heiligtums eindrang. Was sie alle nicht vermocht hatten, das vollbrachte der Wittenberger Mönch aus der Tiefe eines Gemütes und eines naiv-religiösen Wollens, das gerade vermöge seiner innerlichsten Regungen die stärkste historische Wirkung geübt hat, weil es alle Kraft aus einer Sphäre jenseits aller menschlich-irdischen Strebungen schöpfen musste.“1

1 Gerhard Ritter „Luther Gestalt und Tat“, DVA Stuttgart, 7. Auflage 1983

1. KAPITEL

In diesem Kapitel befassen wir uns kurz mit Luthers Herkunft, seiner Berufung bis zum Anschlag und der Veröffentlichung der 95 Thesen, Philipp Melanchthon, der Leipziger Disputation, der Erwähnung seiner Schriften, Luthers unfreiwilligem Engagement in der Erhebung von 1525, dem aktuellen Fortgang der Reformation unmittelbar nach seinem Tod.

Martin Luther

Der deutsche Reformator Martin Luther wurde am 11. November 1483 in Eisleben, in der Grafschaft Mansfeld, geboren und starb ebendort am 18. Februar1546. Sein Vater, Hans Luther (1459-1530), war Bergmann, seine Mutter, Margarethe, geborene Lindemann (1459-1531), stammte aus Neustadt an der Saale. 1484 war die Familie aus wirtschaftlichen Erwägungen von dem thüringischen Dorf Möhra nach Mansfeld übergesiedelt, wo Hans Luther Pächter eines Hüttenwerkes wurde und später an mehreren Schächten und Hütten beteiligt war. Martin Luther studierte nach dem Erwerb des Magistergrades ab 1505 Jura in Erfurt. Am 17. Juli desselben Jahres trat er in das Erfurter Augustiner-Eremitenkloster ein. Den Anstoß dazu gab ein Erlebnis, das er während eines Gewitters am 2. Juli 1505 vor Stotternheim hatte. Luther legte das Gelübde ab, Mönch zu werden.

Mit dem Thesenanschlag Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg, am 31. Oktober 1517, das heißt mit der Veröffentlichung und dem Anprangern der Missstände der katholischen Kirche, insbesondere hinsichtlich des Ablasshandels, wurde die Reformation eingeleitet.

Die 95 Thesen wurden zunächst in lateinischer Sprache in Umlauf gebracht, als Beifügung eines Briefes an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg (1490-1545). Da eine Stellungnahme ausblieb, gab Luther die Thesen an einige Bekannte weiter, die diese kurze Zeit später ohne sein Wissen veröffentlichten und damit zum Gegenstand einer öffentlichen Diskussion im Reich machten. Der eigenhändige Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 durch Luther an die Schlosskirche zu Wittenberg wird 1540 erstmals von Luthers Sekretär Georg Rörer, erwähnt (nach dem Fund einer Notiz 2006 in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena). 1547 wird der Thesenanschlag von Philipp Melanchthon in der Vorrede zum zweiten Band seiner „Werke Luthers“ erstmals schriftlich bezeugt.

Die Authentizität des Thesenanschlags durch Luther selbst, den damaligen akademischen Gepflogenheiten entsprechend, soll hier nicht Gegenstand weiterer Erörterungen sein. Die Existenz des Thesenpapiers und dessen Druck in größerer Anzahl sind zweifelsfrei. Luthers Thesen wurden alsbald ins Deutsche übersetzt. 1518 wurden sie in der deutschsprachigen Schrift „Sermon von Ablaß und Gnade“ in 15 hochdeutschen Ausgaben und einer niederdeutschen Ausgabe weiter verbreitet.

Philipp Melanchthon

Philipp Melanchthon, der eigentlich Schwartzerd hieß, wurde am 16. Februar 1497 in Bretten, bei Kralsruhe geboren und starb am 19. April 1560 in Wittenberg, er war ein deutscher Humanist und Reformator. Melanchthon war der Sohn eines Waffenschmieds und Großneffe von Johannes Reuchlin, der ihn förderte.2 Melanchthon studierte in Heidelberg und Tübingen und galt als umfassend humanistisch und scholastisch gebildet. Er war Professor für Griechisch und Theologie in Wittenberg und beschrieb bereits 1521 mit seinen „Grundlagen der Theologie“ (Loci communes rerum Theologicarum) systematisch die reformatorische Lehre. Melanchthon verfasste maßgeblich das „Augsburger Bekenntnis“, gestaltete die Wittenberger Universitätsreform und erweiterte das evangelische Bildungswesen mit der Gründung von neuen Schulen (wie in Eisleben, Magdeburg, Nürnberg), dem Entwurf von Schulordnungen und didaktischen Konzepten. Mit Luther baute er das Landeskirchensystem auf. Nach Luther blieb Melanchthon die einzige überragende Gestalt des deutschen Protestantismus.3

Philipp Melanchthon war als Reformator eine treibende Kraft der deutschen und europäischen kirchenpolitischen Reformation. Er gab mit seinen Werken der Reformation den theologischen und organisatorischen Rückhalt.

Leipziger Disputation

Im Verlauf der Auseinandersetzungen Luthers mit der römischen Kurie fand, anlässlich des Reichstages in Augsburg, das Gespräch mit Kardinal Thomas Vio von Gaeta, genannt Cajetan (1469-1534) vom 12. bis 14. Oktober 1518, statt. Luther sollte widerrufen, weigerte sich aber, wenn er nicht aus der Bibel widerlegt würde. Trotz kaiserlichen Geleitbriefes drohte ihm Verhaftung, der er aber entkommen konnte.

Eine öffentliche Verhandlung in einer Disputation hatte Luther schon von Cajetan verlangt, sie aber nicht erlangen konnte.

Die Leipziger Disputation vom 27. Juni-16. Juli 1519, entwickelte sich zu einer, wenn nicht die entscheidende theologische Auseinandersetzung zwischen den Führern der protestantischen Bewegung und der Kirche Roms. Es wird als ein heftiges theologisches Streitgespräch zwischen Martin Luther, Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt (1486-1541) und Philipp Melanchthon mit dem katholischen Professor der Theologie, Johannes Eck (1486-1543) beschrieben. Als Gastgeber trat Luthers entschiedener Gegner, Herzog Georg von Sachsen, auf der Pleißenburg in Leipzig in Erscheinung, in dessen Begleitung sich Fürst Georg von Anhalt befand. Außerdem hatte sich eine große Zahl Leipziger Bürger eingefunden um dem festlichen Schauspiel beizuwohnen.

Zunächst standen sich Karlstadt und Eck gegenüber. Eck brachte gegenüber Luther das Konzil von Konstanz, 1415, zur Sprache und versuchte ihn mit dem damals als Ketzer verbrannten Jan Hus gleichzustellen. Luther wurde dadurch veranlasst, die Heilsnotwendigkeit des päpstlichen Primats in Zweifel zu ziehen und wird mit dem Satz „Auch Konzile können irren“ zitiert. Damit stellte er die Schrift über Konzile. Das bedeutete nichts weniger als den Bruch mit der römischen Kirche. Denn Dr. Eck vertrat gleichsam als Legat den Papst. Luther appellierte 1520 an Papst Leo X. mit seinem Sendbrief „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ an ein neues Konzil.

Luther vollzog mit der Verbrennung der Schriften des kanonischen Rechts und der päpstlichen Bannandrohungsbulle am 10. Dezember 1520 vor dem Elstertor in Wittenberg den endgültigen Bruch mit Rom. Am 3. Januar 1521 wird Luther in den Kirchenbann gestellt.

Luther stand am 17. April 1521 vor dem Reichstag zu Worms. Er verweigerte erneut den Widerruf seiner Schriften. Die Reichsacht wurde bereits am 3. Mai über ihn verhängt. Ihr folgte fünf Tage später das „Wormser Edikt“.

Die 1521 verhängte endgültige Verbannung kam nur in den Territorien des Kaisers (habsburgische Erblande) und in den Territorien überzeugter katholischer Fürsten, wie Joachim von Brandenburg (1484-1535), Georg von Sachsen (1471-1539) u. a. zur Geltung.

„Der Deutsche Bauernkrieg“ – Einlassung

Seit mehr als einem Menschenalter fanden soziale und wirtschaftliche Unruhen statt. In Niklashausen -Hans Böhm 1476, Kärntner Bauernaufstände 1478-1515, Südwestdeutschland – Bundschuh 1493 - 1517 und „Armer Konrad“ – Württemberg 1514 mögen als Hinweise genügen. Die wirtschaftlichen und politischen Forderungen der oft uneigenen, bzw. leibeigenen Aufständischen summierten sich in der Herstellung, bzw. der Wiederherstellung des „göttlichen Rechts“ des Armen Mannes. Das war nun ganz und gar nicht die Auffassung Luthers, der im Sinne des Apostel Paulus und der mittelalterlichen Kirchenlehre patriarchalisch über die gottgewollte Ungleichheit der Menschen dachte.

Die durch den fanatischen Eifer Dr. Karlstadts und des Predigers Thomas Münzers (1489-1525) betriebenen Exzesse wie Bilderstürmerei und Eingriffen in gottesdienstliche Ordnungen und anderes mehr, fühlte sich Luther in seinem Exil auf der Wartburg veranlasst, dagegen einzuschreiten. Am Sonntag Invokavit, den 9. März 1522 trat Luther in Wittenberg als Prediger auf und stellte in der Woche bis zum 16. März mit seinen Invokavitpredigten die gefährdete kirchliche Ordnung wieder her.

Der Deutsche Bauernkrieg (Erhebung des gemeinen Mannes), die Bewegung von 1524/25, gehört nicht zur Kategorie der inneren Auseinandersetzungen im deutschen Protestantismus.

Gleichwohl berührt diese Bewegung die Reformation. Luthers Schriften und Vermahnungen an den Adel und an den „gemeinen Mann“ berührten die Stellung des Reformators direkt und veranlassten ihn, sich grundsätzlich und konkret zu äußern.

Luther werden in Eisleben von einer Abordnung der Aufständischen die zwölf Artikel der Bauern von Schwaben überreicht. Er wird als Schiedsrichter aufgerufen und um Stellungnahme zu den „12 Artikeln von Memmingen“ gebeten. In seiner „Ermahnung zum Frieden“ auf die „zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben“, 25. April 1525, wendet er sich an beide Seiten, an die Fürsten und an die Aufständischen. Der Theologe Thomas Münzer in Mühlhausen als Pfarrer tätig, war in Thüringen führend an der Erhebung beteiligt und wollte eine gewaltsame Lösung des Konflikts, die Luther aber grundsätzlich ablehnte.

Luther bittet darum, diesen Aufruhr nicht zu verachten. Sie, die Herren, „mögen doch die Güte nicht verlieren und sich darauf besinnen, dass sie im Guten mehr Nutzen schaffen könnten“. Luther hält insoweit die zwölf Artikel für billig und gerecht. An die Adresse der Bauernschaft gerichtet, mahnt Luther, dass sie nicht unrecht handeln sollen und so ihrer eigenen Sache schaden. Denn Ungerechtigkeit der Obrigkeit entschuldigt weder Zusammenrotten noch Aufruhr.

Luther verwendet hier stets den Begriff „Bauern“. Ihm ist offenbar nicht bewusst, dass sich die Aufständischen aus allen Kreisen der Bevölkerung zusammensetzen. Die Dominanz der Landbevölkerung ist demografisch begründet.

Luther hat als Theologe kein Verständnis für die Erhebung des „gemeinen Mannes“ jener Zeiten. Der hatte Ungerechtigkeit, Pein und Not zu ertragen, denn sie kamen von der Obrigkeit und die „kommt von Gott“, Röm 13, 1. Seine Reaktionen auf die Erhebung von 1525 setzten jenes Vorgehen gegen Willkür und Gewalt der Obrigkeit für ihn ins Unrecht.

„Dennoch wäre der Bauernkrieg weder nach Umfang noch Verlauf zu begreifen ohne seine Erscheinung“.4

Luthers „tautologische Dialektik“: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. – Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ („Von der Freiheit eines Christenmenschen“ 1520) konnte in der Zeit des Aufruhrs und der neuen Lehre nur zu Missverständnissen und Fehlinterpretationen führen. Luther charakterisiert diese Thesen als: „Diese beiden widerständigen Reden von der Freiheit und der Dienstbarkeit“.

Luthers theologische Argumentation nach 1. Kor 9,16; Röm 13,8; Gal 3,28 und 4,4-7 war dem „Gemeinen Mann“ in dieser Zeit nicht zu vermitteln. Wegen ihrer Griffigkeit hat sie aber gleichwohl sehr schnell Verbreitung gefunden und ist wegen ihrer sprachlichen Simplifizierung populär geworden. Für ihn hatten Luthers Thesen einen unmittelbaren Gegenwartsbezug, sowohl für die Obrigkeit als auch für den gemeinen Mann. Denn Luther selbst sagt, „dass jeder Mensch von zweierlei Natur ist, geistlicher und leiblicher“. Das Geistliche des Menschen ist auf den Glauben und auf Erlösung durch Christus gerichtet, das Leibliche auf das Wirken des Menschen im Diesseits. Nächstenliebe und Opferbereitschaft gehören demnach zur Freiheit des Leiblichen.

Luthers, im Grunde unfreiwilliges, verbales Engagement mit dieser epochalen Bewegung hat ihm bis in die Gegenwart wenig Sympathien gebracht. Seine Schriften kamen erst dann in die Hand der Leser, als aus den zunächst siegreichen Aufständischen in den Monaten Mai und Juni 1525 die Unterlegenen geworden waren. So haben sie eine Wirkung gehabt, die Luther nie beabsichtigt hatte. Seine Verbitterung darüber blieb erfolglos. Insbesondere seine Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“ sorgte für nachhaltige Irritationen, auch bei Protestanten. Nicht wenige seiner Anhänger wandten sich in der Folge den Täufern zu. (Siehe Täufer)*.

Luther hatte sich auch gegen den Vorwurf von altgläubiger Seite zu wehren, dass er mit seinen Angriffen auf die Kirche den Bauernkrieg heraufbeschworen habe.

Der Theologe Johannes Cochläus (1479-1552), unter anderem theologischer Berater Albrechts von Brandenburg, Domherr zu Meißen und Kanonikus am Dom in Breslau war zunächst lutherfreundlich, dann aber entschiedener Gegner Martin Luthers. Auf dem Reichstag in Augsburg, 1530, war Cochläus neben Johannes Eck an der Verfassung der katholischen Antwort auf die von Philipp Melanchthon verfasste „Confessio Augustana“, vom 25. Juni beteiligt. Die als „Confutatio Augustana“ bekannte Widerrede wurde am 3. August auf dem Reichstag verlesen.

Cochläus´ Kommentar zu Luthers Schriften, „Commentaria de actis et scriptis Martini Lutheri – das ist kurze Beschreibung seiner Handlungen und Inschriften der Zeit nach vom 1517. bis auf das 1546. Jahr seines Ablebens“, prägte mit der ursächlichen Verknüpfung von Bauernkrieg und Reformation die katholische Auffassung über den Bauernkrieg. Sein Kommentar zu Luther von 1549 beeinflusste über Jahrhunderte das katholische Lutherbild in der Geschichtsschreibung.

Erst Adolf Herte (1887-1970), katholischer Theologe und Kirchengeschichtler an der Theologischen Akademie Paderborn, setzte sich 1915 mit „Die Lutherbiographie des Johannes Cochläus“, kritisch auseinander.

Luthers Schriften

Luthers Schriften, die zur „Erhebung des gemeinen Mannes“ Stellung beziehen, bzw. damit in Verbindung gebracht werden:

An den christlichen Adel deutscher Nation, 1520.

Drei Mauern als Machtansprüche des Papstes:

Überordnung der geistlichen über die weltliche Gewalt

Das päpstliche Exegesemonopol

Nur der Papst darf ein Konzil einberufen

Von der Freiheit eines Christenmenschen, 1520.

Eine treue Vermahnung zu allen Christen, sich zu hüten vor Aufruhr und Empörung, 1522.

Von der weltlichen Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig ist, 1523.

Wider die falschen Propheten, gegen jegliche Gewaltanwendung (Karlstadt und Müntzer), 1524.

Ermahnung zum Frieden auf die 12 Artikel der Bauernschaft, 1525.

Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauernschaft, 1525.

Sendbrief von dem harten Büchlein Wider die Bauern, 1525.

Martin Luther, der geschichtsprägende Reformator, und Philipp Melanchthon, apostrophiert als Praeceptor Germaniae („Lehrer Deutschlands“), beide streitbar, theologisch und humanistisch umfassend gebildet, hatten keinen direkten Bezug zum einfachen Volk. Sicher wussten beide um die Sorgen und Nöte des gemeinen Volkes, hatten und zeigten auch ganz gewiss Mitgefühl, konnten aber kein Verständnis für politische und gesellschaftlich differenzierte Strömungen aufbringen, die eine Änderung der obrigkeitlich tradierten und festgefügten Strukturen zum Ziel hatten. Dennoch zeigt das Verhalten Luthers auch hier „wie fremd und fern dieser religiöse Prophet dem Spiel der hohen Politik allezeit geblieben ist“.5

„Der große Fehler in der deutschen Geschichte ist, dass die Bewegung des Bauernkrieges nicht durchgedrungen ist“. (Alexander von Humboldt 1843 zu Julius Fröbel (1805-1893), Politiker des Vormärz, 1848 Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung)*.

Reformation

Reformation, ein Begriff aus dem Lateinischen, beinhaltet: Umgestaltung, Erneuerung. Hauptsächlich dient er aber als Bezeichnung für die durch Martin Luther ausgelöste religiöse Bewegung im 16. Jh. Vielfach verlangte man bereits im späten Mittelalter nach einer Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern (John Wyclif (1320-1384) und Jan Hus (1369-1415). Seit dem 17. Jh. wird der Begriff auf die von Luther ausgelöste geistliche Bewegung angewandt. Der Beginn der Reformation ist eindeutig mit Luther gegeben. Ob es nun die Auseinandersetzungen um den Ablass, die 95 Thesen oder der Durchbruch zur reformatorischen Erkenntnis um 1513 oder 1518 mit Röm 1,17 war, die im frühen 16. Jh. das Datum setzten, mag umstritten bleiben, die geschichtsprägende Epoche hat ihren Anfang im frühen 16. Jh.

Was das zeitliche Ende der Reformation als historische Erscheinung zu bestimmen angeht, ist die geschichtliche Datenlage interpretationsfähig: Luthers Tod 1546, der Zusammenbruch des deutschen Protestantismus im Schmalkaldischen Krieg 1546/47, und die durch das Augsburger Interim 1548 ausgelösten Streitigkeiten oder der nachfolgende Augsburger Religionsfriede 1555, der die erste reichsrechtliche Anerkennung der Reformation bedeutet und die Kirchen der Reformation gleichberechtigt neben die römisch katholische Kirche stellt. Die Jahre 1560 – 1564, in denen mit dem Tod Melanchthons und Calvins die Zeit der großen Reformatoren zu Ende geht mögen des Erwähnens wert sein. Sie alle markieren entscheidende Phasen zum Abschluss der Reformation im Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit.

2 Johannes Reuchlin, 1455-1522, deutscher Philosoph, Humanist und Diplomat.

3 nach Meyers, Bd. 17.

4 Gerhard Ritter „Luther Gestalt und Tat“.

5 Gerhard Ritter: „Luther Gestalt und Tat“.

2. KAPITEL

Das Deutsche Pfarrhaus

Eine entscheidende Wirkung für die Reformation und den Protestantismus war, neben der direkten theologisch begründeten Abwendung von der römischen Kirche, die Heirat Martin Luthers mit Katharina von Bora (1499-1552), einer ehemaligen Nonne, am 13. Juni 1525.

Durch und mit Luthers Heirat entwickelte sich das „Deutsche Pfarrhaus“ als Form herausgehobenen lutherischen Hauswesens eigener Prägung. Das Pfarrhaus mit der Familie des Pfarrers war ein Fixpunkt zur Orientierung der Gemeinde. Obwohl die Pfarrersfamilie bis weit ins 19. Jh. in einfachen Verhältnissen lebte (auf dem Lande Selbstbeschaffung bzw. Selbsterzeugung der Nahrungsmittel in eigener Landwirtschaft, mit manch weiterführenden Anregungen zu agrarischen Verbesserungen) bildete sich dort ein eigenes geistig und geistlich kultiviertes Hauswesen. Die Familie war sich ihrer Sonderstellung, bei ansonsten gleicher Lebensweise, in der Gemeinde bewusst. Wegen der Abhängigkeit ihrer Berufung durch die Standesherrschaft war sie jener, trotz des von dort gewährten schmalen Salärs, natürlich verpflichtet. Bescheidene Lebensführung und ständige Präsenz und Offenheit für persönliche Belange des Einzelnen in der Gemeinde machten sie schon sehr bald zu einer moralischen Instanz. Die strenge geistige Disziplin im Pfarrhaus wirkte sich auf die Erziehung der eigenen Kinder und ihrer meist angestrebten akademischen Ausbildung aus. Viele große Persönlichkeiten gingen aus lutherisch geprägten Pfarrhäusern hervor, vor allem in Deutschland.

„Auf den ersten Blick würde man wohl kaum erraten, was diese Dichter, Denker, Künstler und Politiker mit einem Pfarrhaus verbindet:

Michael Praetorius, Andreas Gryphius, Georg Philipp Telemann, Johannes Christoph Gottsched, Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland, Matthias Claudius, Georg Christoph Lichtenberg, Gottfried August Bürger, Jean Paul, die Gebrüder Schlegel, Friedrich Schleiermacher, Friedrich Ludwig Jahn, Karl Friedrich Schinkel, Jakob Burckhardt, Alfred Brehm, Friedrich Nietzsche, C.G. Jung, Albert Schweitzer, Herrmann Hesse, Gottfried Benn, Horst Wessel, Ingmar Bergmann, Friedrich Dürrenmatt, Christine Brückner, Johannes Rau, Gabriele Wohmann, Reinhard von Gerkan, Gudrun Ensslin, Hans Wilhelm Geißendörfer, Friedrich Christian Delius, Christoph Hein, Rezzo Schlauch, Elke Heidenreich, Angela Merkel, Peter Lohmeyer, Katharina Saalfrank, Benjamin von Stuckrad-Barre.

Das deutsche Pfarrhaus ist zu einer Quelle und mächtigen Basis des Protestantismus und Teil unserer Gesellschaft und Kultur geworden.“6

Heinrich Heine zu Martin Luther

Zu Martin Luther schreibt er: „Unter den protestantischen Geistlichen finden wir nicht selten die tugendhaftesten Menschen, Menschen, vor denen selbst die alten Stoiker Respekt hätten.

Man muss zu Fuß, als armer Student, durch Norddeutschland wandern, um zu erfahren, wie viel Tugend, und damit ich der Tugend ein schönes Beiwort gebe, wie viel evangelische Tugend manchmal in so einer scheinlosen Pfarrerwohnung zu finden ist.

„Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuren Manne, dem wir die Rettung unserer edelsten Güter verdanken, und von dessen Wohltaten wir noch heute leben! Es ziemt uns wenig, über die Beschränktheit seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille aufgesetzt; aber zu der erhöhten Anschauung fehlt das hohe Gefühl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneignen können. Es ziemt uns noch weniger, über seine Fehler ein herbes Urteil zu fällen; diese Fehler haben uns mehr genutzt, als die Tugenden von tausend andern. Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin“.

Aber dieser Martin Luther gab uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondern auch das Mittel der Bewegung, dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gab dem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache. Dies geschah indem er die Bibel übersetzte.

In der Tat, der göttliche Verfasser scheint es ebensogut wie wir andere gewusst zu haben, dass es gar nicht gleichgültig ist durch wen man übersetzt wird, und er wählte selber seinen Übersetzer, und verlieh ihm die wundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begraben war, in eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte.

Man besaß zwar die Vulgata, die man verstand, sowie auch die Septuaginta, die man schon verstehen konnte. [Die Septuaginta ist die älteste Übersetzung der hebräischen Bibel in die altgriechische Alltagssprache].

Aber die Kenntnis des Hebräischen war in der christlichen Welt ganz erloschen. – Wie aber Luther zu dieser Sprache gelangt ist, worin er seine Bibel übersetzte, ist mir bis heute unbegreiflich. Der altschwäbische Dialekt war, mit der Ritterpoesie der Hohenstaufeschen Kaiserzeit, gänzlich untergegangen. Der altsächsische Dialekt, das sogenannte Plattdeutsche, herrschte nur in einem Teile Norddeutschlands, und hat sich, trotz aller Versuche, die man gemacht, nie zu literarischen Zwecken eignen wollen. Nahm Luther zu seiner Bibelübersetzung die Sprache, die man im heutigen Sachsen sprach, so hätte Adelung (Johann Christof Adelung, 1732-1806, dt. Sprachforscher u. Lexikograph) recht gehabt, zu behaupten, dass der sächsische, namentlich der Meißensche Dialekt, unser eigentliches Hochdeutsch, d. h. unsere Schriftsprache, sei. Das heutige Sächsische war nie ein Dialekt des deutschen Volkes, ebensowenig, wie etwa das Schlesische; denn so wie dieses, entstand es durch slawische Färbung. Ich bekenne daher offenherzig, ich weiß nicht, wie die Sprache, die wir in der lutherischen Bibel finden, entstanden ist“.7

Diese überschwänglichen Worte, mit denen Heine Luthers gedachte, sprechen uns noch heute an.

Den Zeitgenossen mag es befremden, wenn ein kenntnisreicher Protestant sich des späten Luthers wegen dessen derben Verbalinjurien gegen Papst und Papismus, den „Großen dieser Erde“, und den Juden, etwa schämen zu müssen glaubt!

Bibelübersetzung

Im Herbst 1521 übersetzte Luther das Neue Testament in nur 11 Wochen ins Deutsche. Als Vorlage diente ihm die griechische (und lateinische) Übersetzung des Erasmus von Rotterdam (1466-1536). 1522/23 erschien Luthers Teilübersetzung des Alten Testamentes. Bis 1534 übersetzte Luther das Alte Testament nach den Handschriften der Masoreten (die Masoreten waren Schriftgelehrte). Der Masoretische Tex ist der älteste hebräische Text des Tanach, der hebräischen Bibel.

Das Alte und das Neue Testament bilden zusammen die Lutherbibel von 1534.

„In Lautstand, Orthographie, Flexion (volle Endungen), Wortschatz und Syntax wurde gemeinsam mit den Druckern seiner Werke ein Mittelweg zwischen den bestehenden Schreibdialekten angestrebt.“8

Die Bibelübersetzung Luthers stellt keine Übersetzung der Vulgata dar, er greift auf die griechische Textausgabe des Erasmus von Rotterdam zurück. Die protestantische Bewegung lehnte die Vulgata wegen vieler Fehler ab und bevorzugte die griechische und hebräische Textausgabe. Die Vulgata ist die auf Hyronimus 383-390 zurückgehende, nach dem Auftrag von Papst Damasus I., 366-384, seit dem 8. Jh. maßgebliche Bibelübersetzung der katholischen Kirche. 1546 wurde sie auf dem Konzil zu Trient bestätigt. 1979 erschien auf der Grundlage der biblischen Originaltexte eine Neuedition, die Nova Vulgata.9

Die Evangelische Kirche in Deutschland verwendet heute die revidierte Fassung der Bibelübersetzung Martin Luthers von 1984. Nicht zuletzt wegen seiner Bibelübersetzung bezeichnete ihn Gerhard Ritter als „Prophet der Deutschen.“

6 Christine Eichel *1959, „Das deutsche Pfarrhaus“.

7 Heinrich Heine (1797-1856) zur Geschichte der „Religion und Philosophie in Deutschland“

8 Meyers Bd. 15.

9 nach Meyers, Bd. 24 und Wikipedia.

3. KAPITEL

„Zwei-Reiche-Lehre“