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Zehn Erzählstücke vom Unterwegssein im Zugabteil, on the road, in Träumen, Bildern und Büchern.... berührend, seltsam, mitnehmend... Zehn Wegstücke - Etappen vielleicht. Ausgehend von scheinbar alltäglichen Situationen seiner Protagonisten entwickelt Roland E. Ruf in diesen Erzählungen die Kraft dessen, was nicht intendiert oder zumindest voraussehbar war: Das Aufbrechen von bisher Verborgenem, auch Ungelebtem. Das Entdecken von Möglichkeiten und Beschränkungen. Er-Fahrungen. Mal heiter, oft melancholisch, auch bedrückend bisweilen. Es sind langsame Erzählungen, die durch präzise Sprache und vielsagenden Detailreichtum den Leser in ihren Bann ziehen, ihn ein Wegstück mitnehmen, im besten Fall freilich zu eigenen Gedankenreisen aufbrechen lassen.
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Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2019
Der Autor
Roland E. Ruf *1939
lebt und arbeitet in Freiburg im Breisgau
www.roland-e-ruf.de
Roland E. Ruf
Wegstücke
Erzählungen
© 2019 Roland E. Ruf
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
Gestaltung und Illustration: Inge Reuter-Eck
ISBN
Paperback:
978-3-7469-9229-7
Hardcover:
978-3-7469-9230-3
e-Book:
978-3-7469-9231-0
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Das Abteil
Herbst 2005
15:28 auf der Uhr über dem Portal. Er schleudert den Mantel über die Schulter und nimmt die Computertasche auf. Den Rollkoffer ziehend, strebt er ohne Hast dem Bahnhofsgebäude zu.
Christoph Wellig, Experte für Regeltechnik, 42 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, ist auf dem Weg in die Schweiz, von Mannheim nach Olten. Die Bahnhofshalle - der Zeitschriftenstand, eine Schachzeitschrift. Christoph löst leidenschaftlich Schachaufgaben. Ein orientierender Blick auf die Anzeigentafel: der ICE nach Basel, Gleis 3. Mehr als zwanzig Minuten bis zur Abfahrt - einkalkulierte Minuten!
Vor etwa zwanzig Jahren hat seine Firma in einem Einkaufszentrum Rolltreppen eingebaut, in letzter Zeit störanfällig. Die Zentrale gab Anweisung, vor Ort die Überholung zu überwachen. Morgen früh wird das Technikerteam von der Niederlassung in Zürich eintreffen, ausgestattet mit allem Nötigen: Messgeräte, Spezialwerkzeuge, Ersatzteile - in diesem Fall neue Antriebsaggregate und Schaltelemente. Die sind der eigentliche Punkt oder auch das Problem: Die Konstruktion hat sich geändert – moderner Elektroantrieb, energieeffizient. Elektronik, wo bisher Mechanik den Betrieb regelte.
Der Benutzer sieht einer Rolltreppe nicht an, ob sie bereits elektronisch gesteuert ist. Nach wie vor erscheinen die gerillten Stufen passgenau im gezähnten Auftritt und verschwinden ebenso am anderen Ende. Und ein Handlauf ist ein Handlauf, ein gummiähnliches Band. Allenfalls das plötzliche Anlaufen beim Betreten ist ein Hinweis auf Elektronik, eventuell auch die Beobachtung, dass sich der Handlauf zu den Stufen in angepasster Geschwindigkeit bewegt.
Christoph geht am Zug entlang. Wagen 9, Erste Klasse Platz 68, notiert auf dem Abrisszettel in der Jackentasche. Nach dem Zusteigen schiebt er sich im Pulk von Abteil zu Abteil. Einige drängeln vorbei, wie er auf der Suche nach ihren Reservierungen. Andere schieben Abteiltüren auf und hoffen auf freie Plätze. Alle mit Gepäck, mehr oder weniger sperrig. Im Gedränge rutscht ihm der Mantel von der Schulter. Die Computertasche, von der reflexartigen Bewegung des Armes beschleunigt, prallt mit der Schmalseite auf den Oberarm einer älteren Dame. Die zerrt im gleichen Moment an einer Abteiltür, rettet sich mit raschem Schritt durch die aufgezogene Tür aus der Meute der Zugestiegenen.
Eine Entschuldigung murmelnd drängt Christoph weiter. Über dem nächsten Abteil beginnt die Leuchtanzeige der Platzreservierungen mit der Zweiundsiebzig. Also zurück, vorbei an einem jungen Mann in Jeans mit löchrigen Knien, der seinen Getränkebecher mit einer schwappenden braunen Flüssigkeit am ausgestreckten Arm elegant an Christoph vorbei balanciert.
Als habe sie mit seiner Ankunft gerechnet, lächelt ihm die ältere Dame entgegen. Schemenhaft nimmt er einen weiteren Reisenden wahr, deponiert Koffer und Computertasche auf einem der freien Sitze und überprüft die Platznummern. - Der Zug nimmt Fahrt auf.
Den Fensterplatz in Fahrtrichtung hat der Mitreisende belegt, auf den Knien ein geöffnetes Hand-Case. Der Herr blättert in Papieren, zieht sofort den schräg aufgerichteten Deckel tiefer, als Christoph neben ihm steht und die Anzeige der Reservierungen studiert. Platz 68 ist tatsächlich der am Fenster in Fahrtrichtung. Der Herr hebt mit zwei Fingern vorsichtig ein Blatt an, blickt auf das darunter liegende, streicht es glatt. Christoph räuspert sich. - Keine Reaktion.
Diese Ignoranz veranlasst ihn, dem Seitenfach der Computertasche die Reiseunterlagen zu entnehmen. Lautstark wendet er sich nun dem Herrn zu und reklamiert seinen reservierten Platz. Der beugt sich über den hingehaltenen Reservierungsbeleg und lässt sich Zeit. Dann richtet er sich ruckartig auf, verlegen wie ein Pennäler, den der Hausmeister beim Rauchen auf der Toilette erwischt hat. Selbstverständlich könne er den Platz wechseln, räumt er ein. Leider habe man für ihn den gegenüber reserviert. Er presst die Hand an die Stirn. „Wenn Sie mir erlauben diesen hier beizubehalten und bereit wären, stattdessen meinen zu nehmen, wäre ich Ihnen sehr dankbar. Der Kopf tut nicht mehr alles, was ich ihm zumute. - Unfallbedingt“, fügt er an. „Ich sollte in Fahrtrichtung sitzen. Verstehen Sie bitte!“
Achselzuckend beginnt Christoph sein Gepäck auf der Ablage unterzubringen. Der Koffer ist zu sperrig. „Die Ablage für größere Gepäckstücke befindet sich am Anfang des Gangs“, säuselt die Dame mit dem abgeklärten Lächeln manch älterer Menschen. Christoph hätte ihr gerne geantwortet, dass er das Reisen gewohnt sei und die Ablage kenne. Stattdessen bringt er stumm den Koffer hinaus. Zurückgekehrt, greift er zur Schachzeitschrift. Der Herr von gegenüber zieht das Rollo auf halbe Fensterhöhe.
Beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses bleibt Christoph an der Rubrik Leichte Nachmittagspartien hängen. Seite 8, der passende Einstieg. In diesem Moment wird die Zeitschriftenseite von einer Visitenkarte überschoben. „Ich möchte Ihnen für Ihr Entgegenkommen danken“, sagt der Reisegefährte, und das wolle er nicht anonym tun.
Überrascht schaut Christoph auf, nimmt die Visitenkarte entgegen.
Karl-Philipp Hachental, Kunstsachverständigerim Auftrag von NOSART
Keine Adresse, nur eine Telefonnummer - Frankfurt, der Vorwahl nach. Der Herr beobachtet ihn, erwartet wohl eine Reaktion.
„Sie sind verwundert über die Unvollständigkeit?“ Er lächelt. „Das ist in meiner Branche so üblich.“
„Ungewöhnlich, Herr Hachental“, bemerkt Christoph betont gleichgültig, reicht die Visitenkarte zurück und zieht die Schachzeitschrift hoch, die zwischen seine Knie geraten ist. Für Hachental ist die Situation noch nicht geklärt.
„Verstehen Sie bitte, die Angabe einer Adresse käme der Aufforderung gleich, sich am genannten Ort gelegentlich umzusehen –ungefragt natürlich.
„Kunstwerke?“ Christoph sieht ihn erstaunt an. Von dreisten Kunstdiebstählen hatte er gehört - Einbrüche in Villen, in Museen. Aber bei diesem schlicht anmutenden Mann?
„Ach wo!“ reagiert Hachental auch sofort. „Die würde im Ernst keiner bei mir vermuten. Nein, Notizen, Entwürfe, Expertisen, Schriftwechsel. Eben alles, was über den Prozess der Schätzung und des Handels mit diesen Objekten Informationen enthalten könnte.“
Wenn schon im Kunstgeschäft, wer aus dieser Szene würde im Zug einem Fremden gegenüber so seine Identität preisgeben? Eine seltsame Erscheinung, dieser informationsfreudige Mensch!
„Und diese Telefonnummer? Die erlaubt keine Lokalisierung?“
„Ein Anwaltsbüro! Anrufe werden automatisch registriert, im Zweifelsfall verfolgt.“
Er lächelt überlegen. Die Dame sieht mit demonstrativer Gleichgültigkeit, einen Finger zwischen Buchseiten, durch das Glas der Abteiltür auf den Gang.
„Angenommen, ich würde Sie - sagen wir vor Ihrer Rückkehr - unter dieser Nummer anrufen?“, hakt Christoph nach. Hachental lehnt sich zurück, schmunzelt aus der Sicherheit seiner anonymen Existenz.
„Ich gehe davon aus, Sie würden sich zu erkennen geben, Herr …“ „Pardon!“ Christoph greift über sich in die Gepäckablage nach der Computertasche und entnimmt dem Seitenfach nun seine Visitenkarte.
„Aha, Sie sind Ingenieur, Herr Wellig, das dachte ich mir fast.“ Hachental betrachtet erneut Christophs Visitenkarte.
„Also Regeltechnik!“, stellt er fest, als ob sich seine Ahnung bestätigte. „Auch für Sicherheitsanlagen, Herr Wellig?“
„Denkbar“, antwortet der und ergänzt, dass seine Aufgaben derzeit ausschließlich im Bereich der Installation und technischen Unterhaltung von Fahrtreppen und Liftanlagen liegen.
„Nun ja, da wäre ein Berührungspunkt“, fährt Hachental beiläufig fort, „wenn man in Betracht nimmt, dass Rolltreppen ebenso wie Alarmanlagen ihren Zwecken entsprechend intelligent zu regeln sind.“
Small Talk, nichts anderes denkt Christoph und wendet sich wieder der Schachzeitschrift zu. Die ältere Dame räuspert sich.
Die Abteiltür wird aufgezogen. „Kaffee, kalte Getränke, Snacks?“ – Kein Bedarf! Schweigen im leisen Summen des Fahrgeräusches.
Die eingetretene Stille hat Hachental offenbar zum Nachdenken über Rolltreppen angeregt. „Schon seltsam“ meint er versonnen, „welche Funktionen Rolltreppen außer der des Personentransportes erfüllen. Veranlasst ihre Nutzung nicht geradezu zur Besinnung über Zeit und Bewegung?“ Er kreuzt die Hände im Nacken. „Zwar in Momenten nur, doch nachhaltig für den, der zu beobachten weiß.“
Meine Güte, welch eine krause Gedankenwelt! Und dann auch noch diese abgehobene Ausdrucksweise! Christoph ignoriert sein Gegenüber, blättert lustlos in der Schachzeitschrift. Am liebsten würde er das Abteil wechseln.
Unbeirrt setzt Hachental die Betrachtung über die erweiterte Funktion einer Rolltreppe fort, und Christoph ist sich jetzt nicht sicher, ob der Mann vor sich hinspricht oder ihn meint.
„Nach dem Einstieg steht man zunächst steif wie alle anderen auf einer Stufe. Erreicht man die Stelle, an der sich aufsteigende und niedergehende Treppen begegnen, fällt der Blick auf jene, die prozessionsartig nach unten gleiten - untätig und ergeben in das Unvermeidliche einer Fahrt mit der Rolltreppe. Man beginnt an seiner Wahrnehmungsfähigkeit zu zweifeln: Bewege ich mich nach oben oder der Raum sich nach unten?“ Er räuspert sich. Da Christoph noch immer nicht reagiert, zieht er sich in seine Sitzecke zurück und murmelt vor sich hin - „eine Szene, die Fritz Lang geschaffen haben könnte: bildliche Parabel der Schicksalhaftigkeit des Lebens moderner Menschen, im Auf- und Abstieg gebunden an Automatismen.“
Tiefsinniges Geschwafel! sagt sich Christoph. Dennoch lächelt er Hachental verständnisvoll zu. Hoffentlich schweigt er dann, dieser Reisephilosoph! Der, offenbar zufrieden mit seinem Vergleich, streicht sich über das Haar. Für Christoph stellt sich die Frage: Pferd oder Springer opfern? Die Dame an der Tür legt einen Papierstreifen zwischen die Seiten, schließt das Buch.
Der ICE verlangsamt die Fahrt. Der Blick aus dem Fenster fällt auf Kleingartenanlagen, Industriebauten, Straßen, Vorstadtsiedlungen. Der Zug schwingt über Weichen. Hachental beugt sich zum Fenster. „Karlsruhe“, sagt er.
„Schon?“ meldet sich die ältere Dame, rückt den Rock zurecht und nimmt die Reisetasche von der Ablage. „Gute Reise!“ wünscht sie und zieht die Abteiltür auf, wendet sich dann nochmals um und mustert die beiden Männer.
Wir erreichen in wenigen Minuten Karlsruhe … der dezente Ton der Zugdurchsage. Sie haben Anschluss…
Hachental hat das Hand-Case geschlossen, die Hände darüber gefaltet. Der Zug gleitet in die Bahnhofshalle, noch immer in beachtlichem Tempo. Dann greifen die Bremsen. Erstaunlich, sinniert Christoph, wie Bremsvorgang und Standfestigkeit der Menschen auf den Gängen und vor den Waggontüren in einem modernen Zug harmonieren. Kaum ein auszugleichender Schub nach vorne. Der Zug hält.
Hachental ist aus seiner lethargischen Beobachtung erwacht. „Ja, Karlsruhe, die Stadt der Kunst“, raunt er vor sich hin. Christoph stellt nach flüchtigem Aufblicken mit Befriedigung fest, dass die Anmerkung nicht ihm galt. Er blättert nach einer weiteren Partie, nun einer auf mittlerem Niveau.
Das Aufschieben der Abteiltür unterbricht ihn. Zwei Herren treten ein, angelockt von den vier freien Sitzen. Der jüngere studiert die Reservierungsanzeige: „Ach, ab Karlsruhe nur noch einer unbelegt“, nuschelt er und verlässt das Abteil. Sein Begleiter zieht die Brille hinter dem Einstecktuch hervor, vergewissert sich und folgt.
„Dann werden wir gleich Mitreisende bekommen“, bemerkt Hachental. „Sie fahren auch bis Basel, Herr Wellig?“
Christoph nickt. Hachental erhebt sich, unterzieht die Reservierungsvermerke einer genaueren Untersuchung.
„Bis Freiburg“, murmelt er, öffnet die Abteiltür und tritt auf den Gang.
Christoph schaut ihm nach: Ein schlanker, mittelgroßer Mann mit vollem meliertem Haar, am Ansatz weiß. Über dem schwarzen Polohemd eine Lederjacke in der Patina ihrer Jahre, Gabardinehose und Slipper in abgestimmten Brauntönen. Eine unauffällig elegante Erscheinung, dieser merkwürdige Mensch. Etwa Mitte Siebzig? Der schaut den Gang entlang, als müsse er von ihm erwarteten Mitreisenden entgegengehen.
Der ICE fährt an, Hachental kehrt zurück, nimmt das Hand-Case auf, setzt sich. „Wir haben Glück gehabt, Herr Wellig. Die uns Angekündigten haben offenbar ihre Pläne geändert.“ Er reibt das Kinn, raunt nachdenklich in das anschwellende Fahrgeräusch: „Es hätte mich gereizt, die Reise in Karlsruhe zu unterbrechen. Aber ich werde ja in Basel erwartet.“
Wann Hachental ihn meint oder Selbstgespräche führt, ist für Christoph noch immer nicht abzuschätzen. Dessen Bedarf, mit ihm im Gespräch zu bleiben, ist aber offensichtlich. Diese Art der Kommunikation erinnert Christoph an den Schwiegervater. Nach dem Tod der Frau einsam im großen Haus, ruft er zu ungelegenen Zeiten an. Der letzte Besuch beim Internisten oder der Streit mit dem Nachbarn über das Schneiden der Hecke rauscht durch die Hörmuschel. Er hat einen Menschen erreicht, zu dem er sprechen kann.
Christoph legt die Schachzeitschrift auf den Platz neben sich, nahe genug, um sie gegebenenfalls rasch zur Hand zu haben. Hachental lässt sich die Zufriedenheit über diese Geste nicht anmerken. Er knüpft an, wo er im Moment zuvor verblieben war, der in Karlsruhe wünschenswerten Reiseunterbrechung, die heute seiner Verpflichtung in Basel wegen nicht sein kann.
„Ja, Karlsruhe, ein Ort der Kunst und Technik! Bei weitem keine langweilige Beamtenstadt mehr. Vielleicht war sie das einmal, zu Zeiten der badischen Großherzöge von Napoleons Gnaden!“ Er zwinkert schelmisch: „Versäumen Sie nicht, lieber Wellig, den Chef des Hauses Baden mit Königliche Hoheit anzusprechen, falls Sie ihm als Spezialist für Aufzüge in einem seiner Schlösser oder Landhäuser begegnen sollten. Er besteht darauf!“ Und nach einer Kunstpause … „Besser, man engagiert Sie in Magazinen der Museen und Galerien. Da wäre ich gerne dabei“, meint er nachdenklich. „An solchen, von Geheimnissen umwitterten Orten, stößt man aller Wahrscheinlichkeit nach eher auf Werke vergessener Künstler, als beim Adel… Maler, Herr Wellig, denen der Durchbruch in schlechten Zeiten nicht gelang und die Beachtung verdient hätten!“, ergänzt er nachdrücklich.
Was versucht er anzudeuten? Christoph, einem Nachgeborenen, sind die großen Verwerfungen jener Zeit schemenhaft bewusst. Wie sie sich auf Kunst und Künstler ausgewirkt haben, dazu fällt ihm nur ein Begriff ein: Entartete Kunst! Dieser seltsame Mensch - ihm gegenüber in einem Eisenbahn-Abteil -, der Christoph Satz um Satz seine Welt aufdrängt, hat allem Anschein nach eine ambivalente Beziehung zur Kunst dieser Jahre, einem Chamäleon gleich. Nun gut, seine Sache! Nicht von ihm, dem Ingenieur, zu beurteilen. Dieser Mann bezeichnet sich schließlich als Sachverständiger.
„Tja, diese Zeiten ließen zunächst die verschwinden“, setzt Hachental fort, „die nach Dreiunddreißig nicht mehr gefragt sein durften und nach Kriegsende jene, die in der braunen Zeit der vorgegebenen Ästhetik gefolgt sind.“ Er beugt sich zu Christoph, winkt ihn mit der Hand zu sich, als vertrüge selbst im leeren Abteil sein Insiderwissen nur den Flüsterton. „Und trotz Malverbot hat so mancher oder manche dennoch nach Dreiunddreißig gearbeitet.“ Er lehnt sich wieder zurück. „Völlig unbekannt gebliebene Werke, meistens harmlose Sachen und keine großen Formate - Landschaften, Portraits. Kaum Anlehnungen an vorausgegangenes Œuvre . . ,“ er beugt sich erneut zu Christoph, als gelte es noch immer, sich vor unerwartet auftretenden Lauschern in Acht zu nehmen - „… und daher unverdächtig. “
Er hebt die Augenbrauen, kraust die Stirn und sieht über Christoph hinweg. Taktik, um sich dessen Aufmerksamkeit zu vergewissern? Die scheint ihm jetzt sicher zu sein. Christoph hat offenbar die Schachzeitschrift vergessen und zeigt sich auf Hachental konzentriert.
„Manch einer umging den untersagten Erwerb von Öl- oder Pastellfarben, von Leinwänden und speziellen Papieren“, fährt der fort, „indem er Farben benutzte, die für Anstriche vorgesehen waren. Der Geruch nach frischer Farbe durfte im Raum nur nicht sofort wahrzunehmen sein. Der Blockwart konnte plötzlich auftauchen. Also malte man des Nachts oder in frühen Morgenstunden und lüftete gründlich. Es entstanden Bilder auf zerteilten Leinwänden unfertiger Werke oder über alten Skizzen und auf der Rückseite von Tapeten. Einige verwendeten Farbkreiden auf Karton, klebten Collagen oder bemalten Wände.“
„Sind das die Werke, die Sie in den Magazinen vermuten?“
Hachental verschränkt die Arme und lehnt sich ins Polster, übergeht Christophs Frage.
„Wellig, kleine Aquarelle und vor allem Bleistiftzeichnungen waren immer möglich, in der Regel im Besitz der Künstler beziehungsweise ihrer Familien verblieben. Wer von denen, die mit Malverboten belegt waren, wollte sich mit Stillstand abfinden? Der braune Spuk musste doch einmal ein Ende nehmen!“ Er streicht sich über den Kinnbart und lacht verhalten.
„Die nach Fünfundvierzig aus den Museen Ausgeschlossenen hatten es vergleichsweise leichter. In gewissen Kreisen waren sie nicht vergessen, sind es bis heute nicht.“
Zu welcher Seite tendiert er nun eigentlich in seinem kryptischen Gerede, fragt sich Christoph. Er wird den Verdacht nicht los, hier baue sich einer mit Quasi-Insiderwissen in Andeutungen auf. Ein kleiner Fisch im seichten Teich.
Hachental rückt auf dem Polster vor, stützt mit der Hand die Wirbelsäule, atmet durch, als schmerze ihn das Leid vergessener Künstler.
„Ewig Gestrige gewannen nach und nach wieder Einfluss“, quetscht er angestrengt atmend hervor. „Oh, mein Rücken! Auch ein Resultat dieser verdammten Jahre.“
Nun runzelt Christoph die Stirn. Einer, der zu den vom Rassenwahn Betroffenen zählte oder doch im Dienst der offiziellen Kunstszene stand? Im Durcheinander der Nachkriegsjahre war vermutlich Sachverstand gefragt, und der wechselte gegebenenfalls die Seite.
Hachental ahnt wohl Christophs Verunsicherung und wird deutlicher. „Ich erinnere an die vor Spruchkammern in Nachkriegsjahren als minderbelastet Eingestuften aus Unternehmerfamilien. Große Namen, Herr Wellig, offenbar unverzichtbar für den Wiederaufbau und rasch wieder im Geschäft. - Wer von diesen eine Skulptur von Arno Breker sein Eigen nennt, verbirgt sie heute längst nicht mehr. Und wer ein Gemälde von Emil Nolde besitzt, dem Pendler zwischen Kunst und Partei, wird das Bild nicht in einer dunklen Flurecke seiner Villa aufhängen.“
Er sieht Christoph eindringlich an, fixiert ihn geradezu.
„Aber das sind Bekannte auf eigenen Wegen in Zeiten ‚völkischer Kunst’, Herr Wellig. Die Werke ihrer linientreuen Zeitgenossen - muskulöse Gestalten, die Spitzhacken schwingend, sehnige Bauernhände am Pflug und lachende rotwangige Maiden am Heuwagen, alles in Öl - werden noch immer an den Wänden so mancher Kanzlei hängen, beziehungsweise in Stuben gewisser Leute die Bedeutung ‚wahrer Kunst’vermitteln.“
Die Namen sagen Christoph nichts; die beschriebenen Sujets sind ihm in Wohnungen der Eltern von Studienkollegen hin und wieder aufgefallen. Für ihn, den Techniker, romantisierender Kitsch in Öl. Sichtbare Nachklänge einer nicht überwundenen völkischen Gesinnung ihrer Besitzer. Hachental wird einer sein, der den Spuren der Hinterlassenschaft weniger bekannter Künstler jedweder Couleur folgt. Sollte sich der Kunsthandel aus Skrupeln und Gewissensnöten einer Richtung verschließen? Die Bemerkung über Malverbote im Dritten Reich? Ein Nebenweg, auf dem Hachental seine Mission zu verharmlosen sucht?
Christoph wagt den Einwand, dass Künstler, die zur Nazizeit nicht ausstellen durften, nach Kriegsende doch die Chance gehabt hätten, nun ihre Werke öffentlich zu präsentieren.
„Ach Gott, lieber Wellig, wo denn damals? In zerstörten Galerie-Räumen oder in ruinierten Museen? Die Menschen dachten eher an Brot und Kartoffeln als an Kunst. Und dann das Geld – wertlose Reichsmark! Meine Güte, ein Bild wechselte eher gegen Eier, Speck und vor allem für Kaffee und Zigaretten den Besitzer. Über Devisen verfügte doch nur eine Minderheit.“
Hachental beugt sich wieder vor. Kleine rote Flecken bilden sich auf seinen Wangen. Er wischt sich über die Stirn, als verlange der nächste Satz Mut.
„Aber dennoch, Herr Wellig, entstanden in jenen Jahren Sammlungen, die später ihren neuen Eigentümern Vermögen bescheren sollten. In der Regel reguläre Ankäufe aus dem Ausland durch Vermittlung versierter Händler – er lächelt maliziös -, „doch einige sicher unter der Hand, weil aus vormals jüdischem Besitz! … Herr Wellig, von den Erwerbern wird sie wohl keiner freiwillig einer Provenienzprüfung unterziehen.“
Danach richtet er sich im Sitz auf, hebt die Hände. „Und wo stehen wir heute?“, fragt er rhetorisch, wohl um das Glatteis der Vergangenheit zu verlassen. „Übersehen Sie nicht, Wellig: Wenn sich Installationen von Dingen des täglichen Gebrauchs und sogar Müll in der Kunstwelt etablieren, ist die Sehnsucht nach dem sogenannten Schönen auch nicht weit. Dieser Bedarf wächst, und der Markt kennt kaum Tabus, wenn der Gewinn lockt.“
„Ach ja, Millionen für Sonnenblumen in Öl.“
„Mein Gott, Wellig! Solche Vorgänge sind Stoff für die Boulevardpresse. Man kann allenfalls bedauern, dass dieser Van Gogh und bedeutende Werke der Gegenwartskunst der Öffentlichkeit entzogen werden. Museen haben in der Regel keine Mittel für derartige Ankäufe. Die sind bei weitem nicht der eigentliche Kunstmarkt.“
„… auf dem Sie sich umsehen, Herr Hachental?“
Dessen eben noch lebhafte Mimik verkrustet. Die Falten unter seinen Augen bilden fein verästelte Linien. Er zieht die Lippen nach innen. Der den Mund umkränzende Kinnbart schiebt sich nach vorne. Hachental starrt zum Fenster hinaus. Bei etwa 160 km/h zieht die Landschaft vorüber wie ein zu rasch ablaufendes Video.
