Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Weiße Eifel - Stefan Winges

Skurrile Figuren, geschliffene Dialoge und ein Showdown, der es in sich hat. Der zurückgezogen in einem Eifeldorf lebende Oskar Bylandt steht einem millionenschweren Tourismus-Projekt im Weg. Als erst sein Hund erschossen und dann auch noch ein Toter bei ihm gefunden wird, holt Oskar seinen Vetter aus Köln zu Hilfe. Wieder einmal betätigt sich Harry Immanuel Bylandt als Detektiv und läuft in der Eifel zur Höchstform auf. Das muss er auch, denn es bleibt nicht bei einer Leiche.

Meinungen über das E-Book Weiße Eifel - Stefan Winges

E-Book-Leseprobe Weiße Eifel - Stefan Winges

Stefan Winges ist nach einem Studium der Philosophie als Autor, Antiquar und Lehrer für Kampfsport tätig und lebt mit Frau und zwei Katern in einem alten Haus in Köln. Bisher hat er neben einem Hörspiel für den WDR sieben Romane veröffentlicht, in denen es unter anderem auch Sherlock Holmes an den Rhein verschlägt.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2018 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: MMchen/photocase.de

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Lothar Strüh

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-432-2

Originalausgabe

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EINS

In der Nacht hatte es offenbar weiter kräftig geschneit. Er würde die lange Auffahrt also noch einmal freischaufeln dürfen. Zwanzig Zentimeter Neuschnee waren auch für den Landrover zu viel. Nicht, dass er sich beklagte, dafür hatte er die Festtage viel zu oft in den Tropen verbringen müssen, bei schmelzenden Kerzen und Temperaturen um vierzig Grad. Er freute sich über den Schnee und die Aussicht auf eine weiße Weihnacht. Wenn er ehrlich war, so freute er sich sogar auf das Schneeschippen. Eine ordentliche Morgengymnastik konnte nicht schaden.

Oskar füllte den Kessel und setzte ihn auf die Herdplatte. Während er darauf wartete, dass das Wasser kochte, lehnte er sich gegen die Theke, verschränkte die Arme und betrachtete versonnen das Postkarten-Idyll draußen vor dem Fenster. Wie eine riesige, blendend weiße Decke lag der Schnee meterhoch auf den Wiesen und Feldern unterhalb des Hauses. Die Landschaft wirkte still, friedlich und noch unberührt. Nur die Landstraße, die unten im großen Bogen um den Fuß des Hügels und weiter nach Schwarzenbach führte, war schon geräumt worden. An beiden Seiten türmte sich der Schnee zu einem regelrechten Wall auf. Der Lärm des Pflugs war bis in sein Schlafzimmer zu hören gewesen und hatte ihn geweckt.

Allerdings gehörte im Moment auch nicht viel dazu, ihn aufzuwecken. In letzter Zeit schlief er schlecht.

Er konnte sich nicht genau erinnern, wann es das letzte Mal so viel Schnee in der Eifel gegeben hatte. In seiner Kindheit natürlich, so kam es ihm jedenfalls im Rückblick vor. Damals schien jeder Winter so gewesen zu sein. Nichts als Schlittenfahrten, Schneeballschlachten und riesige Schneemänner, die sie vor dem Haus aufgebaut hatten. Und kalt war es gewesen, saukalt. Die Wollhandschuhe immer nass, genau wie die Strümpfe, weil die Schuhe nie lange dicht gehalten hatten. Nach zwei, drei Stunden waren er und seine Spielkameraden dann jedes Mal verfroren in die Küche zurückgelaufen, um ihre klammen Hände und die nackten Füße am Ofen aufzuwärmen. Oskar konnte beinahe noch das schmerzhafte und doch so angenehme Kribbeln spüren, wenn die Finger allmählich wieder auftauten. Sogar der Geruch nach heißen Äpfeln, von denen anscheinend immer einige oben auf der Herdplatte gelegen hatten, schien auf einmal wieder in der Luft zu schweben. In den Nächten hatte er sich dann unter das schwere Plumeau verkrochen, und jeden Morgen war das Fenster in seiner Schlafkammer dick mit Eisblumen bedeckt gewesen. Geheimnisvolle Figuren und Muster, denen man mit den Fingern folgen und dabei so leicht ins Träumen geraten konnte. Richtige Winter halt.

Das leise Brodeln des Wassers rief Oskar aus seinen Erinnerungen zurück. Er setzte den Filterbecher aus Plastik auf die Isolierkanne, legte eine Filtertüte hinein und füllte sie mit drei großen Löffeln Kaffeepulver auf. Dann nahm er den mittlerweile pfeifenden Kessel von der Platte und goss vorsichtig ein. Als das kochend heiße Wasser sich mit dem Pulver vermischte, verbreitete sich das Aroma von frisch aufgebrühtem Kaffee in der Küche.

Genießerisch zog er den Duft ein, nur um anschließend bedauernd zu seufzen. Die Eisblumen vermisste er nicht wirklich. Im Gegenteil, er war dankbar für die Annehmlichkeiten einer immer noch halbwegs funktionierenden Zentralheizung aus den Siebzigern. Nein, was er wirklich vermisste, jeden Tag vermisste, war eine Gauloise zum Morgenkaffee. Oder zwei. Aber auf die würde er wohl in Zukunft verzichten müssen, hatte ihm sein Zahnarzt eröffnet, zumindest wenn er seine Implantate auf Dauer behalten wollte.

Auf der Straße kam ein gelber Lieferwagen in Sicht. Er hielt unten vor der kaum noch erkennbaren Einmündung der Hauszufahrt und hupte kurz, bevor er seine Tour fortsetzte. Das Signal galt Oskar. Er goss sorgfältig den Filterbecher ein zweites Mal voll, dann stieg er in seine gefütterten Gummistiefel und nahm den langen Wintermantel vom Haken. Flüchtig überlegte er, Stanley zu einer Runde Frühsport zu verdonnern, aber damit würde er sich nur unbeliebt machen. Also stapfte er allein hinunter zur Straße, um die Post zu holen.

Der Briefkasten war ein solides Modell aus Metall, das sich aus dem amerikanischen Mittelwesten hierher verirrt zu haben schien. Er stand etwas zurückgesetzt von der Fahrbahn, montiert auf einem Eisenpfosten. Die vom Pflug aufgetürmten Schneemassen überragte er nur knapp, und die dicke Schneeschicht auf seinem halbrunden Dach wirkte wie eine Verzierung aus Zuckerwatte. Auf der klappbaren Vorderseite war ein graviertes Schild angebracht: »Haus Bellevue«. Die leicht verschnörkelten Buchstaben passten nicht ganz zum eher rustikalen Stil des Briefkastens. Ein Familienname fehlte. Oskar hatte die Beschriftung so belassen, als er vor ein paar Jahren wieder hierher zurückgezogen war. Das Haus gehörte nun mal zu der Sorte, die einen eigenen Namen führt.

In der Box steckten seine Zeitung, die unvermeidlichen Werbebroschüren und ein gutes halbes Dutzend Briefe und Weihnachtskarten. Er stopfte alles in seine Manteltaschen, warf einen ergebenen Blick den Hügel hinauf und marschierte den Weg wieder zurück. Man wohnte eben nicht ungestraft in einem Haus, das »Bellevue« hieß und diesen Namen auch verdiente, wie Oskar gern zugab. Von der hoch gelegenen Terrasse vor dem Haus hatte man nicht nur eine wunderschöne Aussicht auf das Tal, auch die herrschaftliche Villa selbst konnte sich sehen lassen. 1904 in dezentem Jugendstil erbaut, bot sie mit ihren geschwungenen Fensterlinien, den runden Erkern und dem kleinen Turm einen recht dekorativen Anblick, keine Frage. Vermutlich hatte es seinerzeit auch nie an Personal gemangelt, das jeden Tag die Post hinaufgeschleppt hatte.

In der Zwischenzeit war der Kaffee durchgelaufen. Oskar schenkte sich einen großen Becher voll, setzte sich an den Tisch und ging seine Post durch. Hauptsächlich handelte es sich um die üblichen Weihnachtsgrüße: ein paar Karten aus Übersee von alten Freunden aus dem Amt, von seiner Sparkasse, der Kirchengemeinde, dem Heimatverein und einer regional ansässigen Maklerfirma, die seine diplomatisch formulierte Antwort auf ihre lästigen Anfragen offenbar gründlich missverstanden hatte. Wie jedes Jahr brachte sich auch ein angeheirateter Cousin zweiten oder dritten Grades, so genau wusste Oskar das gar nicht, mit einer Weihnachtskarte als potenzieller Erbe in Erinnerung. Der Junge hatte einen langen Atem, das musste man ihm lassen.

Die Werbeprospekte für Neujahrsböller und Last-Minute-Weihnachtsgänse schob er achtlos zur Seite. Übrig blieb noch ein unfrankierter Umschlag, an ihn adressiert, aber ohne Absenderangabe. Oskar riss ihn auf. Er enthielt eine einfache weiße Karte, auf der in gedruckter Großschrift nur zwei Worte standen: »Letzte Warnung!!«. Zur Sicherheit hatte sie jemand noch mit einem Filzschreiber dick unterstrichen und gleich zwei Ausrufungszeichen hinzugesetzt.

Bedächtig trank Oskar erst seinen Kaffee aus, den Blick unverwandt auf die Karte gerichtet. Dann steckte er sie zurück in den Umschlag und riss ihn mittendurch. Anschließend schenkte er den Becher wieder voll, nahm ihn in beide Hände und lehnte sich zurück. Nur am Rande nahm er wahr, dass draußen leichter Schneefall eingesetzt hatte.

»Verdammte Implantate!«, murmelte er.

Eschborn hob beschwichtigend die freie Hand, obwohl van der Bock die Geste nicht sehen konnte. »Keine Sorge, ich arbeite daran.«

»Mit dem nötigen Nachdruck, hoffe ich. Wenn Sie diesen Bylandt nicht endlich zur Vernunft bringen, haben wir ein Problem.«

Eschborn lächelte freudlos. »Sie meinen, ich habe dann ein Problem.«

»Genau das meine ich. Ein ernstes Problem.«

Eschborn nickte nur, ohne etwas zu sagen.

»Sie haben noch Zeit bis Ende des Jahres«, fuhr van der Bock kühl fort. »Eine weitere Fristverlängerung wird es nicht geben, das sollte Ihnen klar sein.«

»Selbstverständlich. Eine Verlängerung ist auch nicht erforderlich, Sie können unbesorgt sein. Ihre Mandanten auch.«

»Schön, dann erwarte ich, bald von Ihnen zu hören. Angenehme Festtage.«

Bevor Eschborn die Wünsche erwidern konnte, hatte sein Gesprächspartner die Verbindung bereits unterbrochen. Langsam legte Eschborn sein Smartphone auf die Schreibtischplatte und versuchte, das kaum merkliche Zittern seiner Hand zu unterdrücken. Die kultivierte Stimme am anderen Ende der Leitung war höflich geblieben. Ein Edgar van der Bock hatte es nicht nötig, zu drohen oder gar ausfallend zu werden. Die Botschaft war auch so deutlich genug. Eschborn blieb nur noch eine Woche, um die Verträge endgültig unter Dach und Fach zu bringen. Eine Woche, um Oskar doch noch umzustimmen. Andernfalls würden die russischen Investoren, die van der Bocks Kanzlei vertrat, ihre Einlagen mit sofortiger Wirkung zurückziehen. Ihre sämtlichen Einlagen. Eschborn gab sich keinen Illusionen darüber hin, was ihn dann erwartete. Er stand vor dem vollständigen finanziellen Ruin. Und das war nicht einmal die schlimmste Aussicht.

Er zog die untere Schublade auf, die mit der Flasche. Eigentlich war es noch zu früh für einen Schluck, sicher, aber zum Teufel damit. Er goss sich gleich einen Doppelten ein und nahm das Glas mit hinüber zu dem bodentiefen Fenster, das praktisch die gesamte Nordseite des großen Raums bildete. An den Panoramablick über den Fluss und die halbe Stadt hatte er sich immer noch nicht gewöhnt, und jetzt, so tief verschneit, sah Köln überdies seltsam verfremdet aus. Eschborn trank einen großen Schluck und spürte, wie der hochprozentige Alkohol heiß seine Kehle hinunterlief. Zugegeben, die Aussicht auf den Dom war spektakulär, trotzdem hatte er für die Wohnung zu viel bezahlt. Das war ihm von Anfang an klar gewesen, hatte aber nichts genützt. Bei den Verhandlungen hatte der Makler gnadenlos gemauert, anscheinend gab es für das Penthouse im alten Rheinhafen auch zu diesem Preis noch genug andere Interessenten. Dabei gefielen Eschborn die drei neuen Kranhäuser nicht einmal besonders, die so hochgelobte Architektur war ihm viel zu klobig. Aber die Adresse machte etwas her, und ein Lukas Podolski in der Nachbarschaft schadete auch nicht. Bei Caro hatte es jedenfalls gewirkt. Bei van der Bock nicht. Für den würde er immer der Bauer aus dem Eifelkaff bleiben, der neureiche Emporkömmling, egal was er anstellte.

Da konnte er auch ruhig schon vormittags Selbstgebrannten aus der Eifel trinken. Er leerte sein Glas in einem Zug und verzog das Gesicht. Wieder fühlte er seine Kehle brennen, dann machte sich eine wohlige Wärme in seinem Magen breit. Früher hatte er darunter gelitten, nicht wirklich dazuzugehören. Zu wissen, dass sich einige Türen nie für ihn öffnen würden. Mittlerweile war ihm das egal. Auch ein van der Bock tanzte nach der Pfeife der Russen, sein elitäres Gehabe war hohl und verlogen. Letztlich ging es nur um Geld, nichts weiter.

Eschborn sah auf seine Breitling und verzichtete auf ein weiteres Glas. Er musste sich beeilen, die Geschäfte in der City würden an Heiligabend nur bis Mittag geöffnet sein. Außerdem wollte er nicht mit einer zu auffälligen Fahne in der Dessous-Boutique aufkreuzen. Es war auch so schon peinlich genug. Caro hatte dort in der Auslage ein Teil bewundert, das Eschborn nicht auf Anhieb für ein Kleidungsstück gehalten hätte. Es erinnerte eher an ein drapiertes Geschenkband. An ein sehr sparsam drapiertes Geschenkband, was vermutlich auch Sinn und Zweck des Arrangements gewesen war. Zum Ausgleich hatte der Preis im höheren dreistelligen Bereich gelegen. Eschborn fragte sich, wie man so etwas wohl an- und auszog. Aber das würde er ja erfahren. Immerhin war Weihnachten.

Und danach würde er sich um Oskar kümmern.

Hatte er etwas vergessen?

Nachdenklich musterte Max seine Reisetasche aus braunem Segeltuch, die geöffnet vor ihm auf dem Bett stand, umgeben von Reiseutensilien und ein paar restlichen Kleidungsstücken. Ihre besten Tage hatte sie bereits hinter sich, fiel ihm auf. Die Seiten waren abgewetzt und etwas fleckig, die mit Leder verstärkten Ecken verschrammt. »Bestoßen, mit deutlichen Gebrauchsspuren«, hätte es in einem Antiquariatskatalog geheißen, »ordentliches Exemplar«. Vor allem war sie schon ziemlich vollgepackt. Er verstaute seinen Kulturbeutel in der Tasche, zögerte kurz und stopfte dann den dicken Wollpullover auch noch hinein. Zwar ließ sich jetzt der Reißverschluss nur mit Mühe zuziehen, aber einen zweiten Pullover würde er draußen im Bergischen ganz sicher gut gebrauchen können. Längst nicht alle Zimmer in dem alten Herrenhaus waren beheizt.

Er trug die Tasche hinunter in die Küche. In der Kanne war noch ein letzter Rest Kaffee, den er sich einschenkte. Anschließend schaltete er die Warmhalteplatte der Maschine aus. Vorsichtig nippte er an der heißen Tasse und betrachtete dabei die exotischen Ansichtskarten auf seiner Kühlschranktür. Inzwischen waren es über ein halbes Dutzend, eine richtige kleine Sammlung. Maria hatte Wort gehalten und anscheinend von jeder größeren Insel, die sie mit ihrem Boot angelaufen war, eine Karte geschickt. Die letzte war erst gestern gekommen, pünktlich zu Weihnachten: »Happy Seasons from Samoa«. Zusammen mit einer Einladung, sie doch auf ihrem Schoner zur nächsten Insel zu begleiten. Durch die Südsee auf den Spuren von Stevenson und Jack London – wenn das keine verführerische Vorstellung war!

Vor seinem inneren Auge sah sich Max schon in einem Liegestuhl auf Deck ruhen, ein Glas in der Hand und nichts als Teak und poliertes Messing um ihn herum. Ein sanft geschwungener, von Palmen gesäumter Sandstrand auf der Landseite, weit draußen auf See ein goldener Sonnenuntergang. Maria, mit dem Rücken gegen die Reling gelehnt, lächelte ihn an, während sich das leise Rauschen der Brandung und ferne Hula-Klänge mit dem Klimpern der Eiswürfel in den Cocktails mischten. Magnum hätte es nicht besser hinbekommen. Und wenn sie nicht geschmolzen sind, so klimpern sie noch heute.

Amüsiert verzog Max seinen Mund. Zu einem richtigen Lächeln reichte es nicht. So verlockend die Einladung war, folgen würde er ihr nicht. Nur eine Etappe war ihm zu wenig, das wusste Maria natürlich auch. Trotzdem war es ein nettes Angebot, und die Palmenstrände machten sich gut an seinem Kühlschrank.

Mit einem Magneten platzierte er die Karte neben die anderen und trat wieder zurück. »Na dann!« Grüßend hob er seine Tasse. »Aloha! Oder wie immer das auf Samoa heißen mag.« Immerhin bestand dort kein großer Bedarf an zusätzlichen Wollpullovern, so viel war sicher.

Ein Blick auf die verschneiten Baumkronen vor seinem Fenster brachte den Hauch von Südsee, der gerade noch die Küche durchweht hatte, im Handumdrehen zum Verschwinden. Es gab endlich wieder einen richtigen Winter. Sogar hier in Köln blieb der Schnee kniehoch auf den Dächern und nicht geräumten Flächen liegen. Das kam nur selten vor, und laut Wetterbericht waren die nächsten Schneefronten bereits im Anmarsch. Vermutlich feierten hartgesottene Trump-Fans schon die Widerlegung des Klimawandels.

Im Bergischen bei Harry musste es jetzt traumhaft aussehen. Max freute sich auf den Besuch, freute sich auf weiße Weihnachten wie aus dem Bilderbuch. Oder eher noch wie aus einem guten alten englischen Landhauskrimi, nur ohne Dinnerjacket. Und ohne die obligatorische Leiche in der Bibliothek mit anschließender Mörderjagd als Gesellschaftsspiel. Obwohl Max den gar nicht so leisen Verdacht hegte, dass Harry einer solchen womöglich einiges abgewinnen konnte.

Stattdessen würde es wie immer gefüllten Truthahn geben, ausgiebig Punsch am Kaminfeuer und dabei einen der Peter-Alexander-Filme aus Harrys legendärer Sammlung, was sich schlicht nicht vermeiden ließ. Als krönenden Abschluss dann die Mitternachtsmette mit Gesangseinlage in der Dorfkirche. Letzteres allerdings nur optional, soweit der Alkoholpegel das noch erlaubte. Laut Harry durfte man nämlich erst dann zu Recht von einem »Punsch« reden, wenn der entflammbar war, und damit meinte er leicht entflammbar.

Also mehr oder weniger das gleiche Programm wie in den letzten zwanzig Jahren, womit Max durchaus einverstanden war. Weihnachten bei Harry auf Ahrenfels zu verbringen, und zwar genau so, hatte sich längst zu einem dieser kleinen persönlichen Rituale entwickelt, mit denen man sich im Leben komfortabel einrichtete. Ein Ritual, das Max nicht missen wollte.

Harry kam sogar pünktlich, sofern man ihm das akademische Viertel zubilligte. Er klingelte zweimal kurz, kam aber nicht herauf, sondern wartete unten im Wagen. Als Max die Haustür hinter sich ins Schloss zog, verstand er auch, warum. Der dunkelgrüne Benz blockierte die Hofeinfahrt des Nachbarhauses. Da Harry sonst in diesen Dingen nicht zimperlich war, musste es für den laufenden Motor eine andere Erklärung geben. Max beschlich eine böse Vorahnung, die durch den Umstand verstärkt wurde, dass Harry hinter dem Steuer nicht nur seinen Dufflecoat anbehalten, sondern auch noch die Kapuze hochgeschlagen hatte und damit aussah wie ein Jedi-Ritter. Außerdem trug er Handschuhe.

»Die Heizung schwächelt am Anfang immer etwas«, erklärte Harry ungerührt, nachdem Max sich angeschnallt hatte. »Wird gleich besser.«

Max nickte, ohne schon überzeugt zu sein, und zog den Reißverschluss seiner Skijacke bis unters Kinn. Bei einem Wagen, der inzwischen offiziell als Oldtimer galt, musste man eine lausige Heizung eben in Kauf nehmen. Harry hatte ihn damals zusammen mit dem Anwesen geerbt. Anders als die Gebäude war er in einem tadellosen Zustand gewesen, eine wahre Augenweide. Wegen der obszönen Tankquittungen benutzte Harry ihn nur selten, doch wenn wie jetzt Schnee lag, hatte das schiere Gewicht des Benz seine Vorteile.

Der Verkehr hielt sich in Grenzen, an Heiligabend trieb es nicht viele heraus auf die Straßen. Sie kamen gut durch die Stadt, und tatsächlich machte sich nach und nach die Heizung bemerkbar. Als sie über die Zoobrücke das ehemals römische Germanien in Richtung Wildnis verließen, hatte sich das Wageninnere immerhin so weit erwärmt, dass Harry seine Handschuhe auszog. Es würde dieses Jahr noch einen weiteren Gast auf Ahrenfels geben, erfuhr Max, einen Vetter von Harry, der sich kurzfristig und anscheinend auch überraschend angekündigt hatte.

»Du hast hoffentlich nichts dagegen«, entschuldigte sich Harry. »Oskar ist mein nächster Verwandter, obwohl wir uns kaum noch sehen.« Das erklärte, warum Max noch nie von diesem Vetter gehört hatte. »Sein Vater war der ältere Bruder von meinem Vater. Als Kind war ich oft zu Besuch bei ihnen in der Eifel. Es gab einen richtigen Sessellift und im Winter auch eine tolle Rodelbahn. Ich habe mich dort immer wohlgefühlt, wir hatten eine Menge Spaß, Oskar und ich. Aber dann haben sich unsere Väter fürchterlich verkracht und bis zu ihrem Tode kein Wort mehr miteinander geredet.«

»Streit ums Erbe?«

Harry wiegte leicht den Kopf hin und her. »In gewisser Weise«, stimmte er zögernd zu. »Es ging nicht etwa um Geld oder so, dafür wäre eh nicht genug da gewesen. Das hätte sich nicht gelohnt. Nein, mein Onkel konnte einfach nicht akzeptieren, dass sein Bruder das ›von‹ vor dem Namen abgelegt hatte. Das sei ein Verrat an der Familienehre. Und als mein Vater dann darauf bestand, dass in Deutschland der Adel immerhin schon seit 1919 abgeschafft war und es folglich auch keine Barone mehr gab, sondern nur noch Leute, die so hießen, war der Ofen endgültig aus. Als der Ältere der beiden sah mein Onkel sich natürlich als Familienoberhaupt. Also hat er meinen Vater verstoßen.«

»Im Ernst? Nur deswegen?«

»Schwer verständlich, ich weiß.«

»Und sie haben sich nie wieder versöhnt? Auch später nicht?«

»Es gab kein Später, jedenfalls nicht lange.«

Max konnte sich dunkel an Harrys Vater erinnern, einen freundlichen, aber sehr kranken Mann, der meist in einem Rollstuhl gesessen hatte. Er hatte ein Bein und wohl noch einiges andere in Stalingrad verloren, als er gerade mal zwanzig gewesen war. Davon hatte er sich nie mehr ganz erholt und war Anfang der siebziger Jahre gestorben.

»Immerhin ist er zur Beerdigung seines Bruders gekommen«, erklärte Harry mit einem Achselzucken. »Danach habe ich ihn nicht mehr gesehen, nicht lebendig.« Es klang nicht so, als wäre das ausschließlich die Schuld seines Onkels gewesen. Auch Harry konnte stur sein.

»Was ist mit deinem Vetter?«

»Oskar. Wir haben über die Jahre immer losen Kontakt gehalten. Er ist nach dem Studium standesgemäß in den diplomatischen Dienst eingetreten. Anscheinend ist dafür ein ›von‹ auch heute noch recht hilfreich. Er selbst hätte ja lieber als Historiker gearbeitet, aber das kam nicht in Frage. Sein Vater hat ihm da keine große Wahl gelassen. Dabei war Oskar denkbar ungeeignet für diesen Beruf, das diplomatische Corps muss für ihn die Hölle gewesen sein. Oskar ist abgrundtief schüchtern Fremden gegenüber, und seine Versuche, das zu kompensieren, haben immer schon ausgesprochen arrogant gewirkt. Dabei ist er im Grunde ein lieber Kerl, nur etwas … sagen wir: verschroben. Und sehr eigensinnig.«

»Tatsächlich? Muss dann wohl der Einzige in eurer Familie sein.«

Harry überhörte souverän die kleine Spitze. »Oskar hat dann auch keine große Karriere gemacht, immer nur untergeordnete Posten, die sonst niemand haben wollte. Weitab vom Schuss, in unbedeutenden exotischen Ländern. Vor ein paar Jahren hat er vorzeitig seinen Abschied genommen, als Vizekonsul oder so. Seitdem wohnt er wieder in Schwarzenbach und treibt historische Studien, hauptsächlich Familiengeschichte.«

»Hat er selbst Familie? Frau, Kinder?«

»Nein, Oskar hat nie geheiratet. Er ist das, was man früher einen eingefleischten Junggesellen genannt hätte. Einen Hagestolz, wenn es so etwas noch gäbe. Jedenfalls lebt er sehr zurückgezogen dort unten. Außer mit seinem alten Stanley pflegt er nicht viel Umgang, glaube ich.«

»Moment – er hat einen Diener?« Irgendwie hätte Max das nicht gewundert.

Harry grinste von einem Ohr zum anderen. »Diener ist gut, das muss ich ihm erzählen!«

»Was ist daran so lustig?«

»Nun ja, die Machtverhältnisse zwischen den beiden sind nicht so eindeutig. Stanley ist eine alte Bulldogge.«

»Ein Hund.«

»Genau. Oskar hat schon als Kind immer Hunde gehabt und sie alle nach berühmten Afrikaforschern benannt. Ich kann mich noch gut an einen Gustav erinnern.«

»Wie die Nachtigall, nehme ich mal an, nur mit einem ›L‹.« Auch Max war schließlich als kleiner Junge mit den Forschern und Entdeckern früherer Zeiten auf große Fahrt gegangen.

»Chapeau!«, zollte Harry übertriebenen Respekt. »Gustav war allerdings ein Pudel. Und ein bissiges Mistvieh.« Trotzdem erschien ein verträumtes Lächeln auf Harrys Gesicht.

»Scheint, als wäre dein Vetter ziemlich einsam da draußen in der Eifel. Warum hast du ihn nicht schon früher über Weihnachten eingeladen?«

Harrys Lächeln verschwand. »Das habe ich. Seit Jahren schon, aber Oskar hat immer abgesagt. Nur diesmal nicht. Er hat letzte Woche angerufen, sich für die Einladung bedankt und sich für den ersten Weihnachtstag angekündigt.«

Max sah Harry fragend an. Irgendetwas an dem Telefonat musste ihn gestört haben.

»Es klang so, als hätte er Ärger.«

Die beiden Näpfe für das Nass- und Trockenfutter waren noch halb voll. Offenbar hatte Stanley keinen großen Appetit und hielt es für unter seiner Würde, aufzustehen und sein Herrchen zu begrüßen. In seinem Alter durfte er das auch, erst recht mit einer fortgeschrittenen Arthritis. Deswegen hatte ihm schon der Tierarzt in den Ohren gelegen. Oskar atmete einmal tief durch. Ihm war bewusst, dass in naher Zukunft eine schwere Entscheidung anstand, und er würde sie auch treffen. Aber nicht zu Weihnachten.

Er ging den Flur entlang in den Wintergarten. Die filigrane Konstruktion aus Glas und Eisen befand sich noch weitgehend im Originalzustand und musste ständig beheizt werden, weil sonst das ganze Haus auskühlen würde. Stanleys Korb mit der Decke, sein Lieblingsplatz, stand dicht vor einem altmodischen Rippenheizkörper, der leise Geräusche von sich gab. Verwundert sah Oskar auf den Korb hinunter. Er war leer, von Stanley keine Spur. Das war seltsam. Es gab zwar in der Hintertür eine Hundeklappe, doch Stanley hatte sie zuletzt nur noch selten benutzt, und freiwillig würde er sich bei diesem Wetter kaum lange im Freien aufhalten.

Als Oskar die Hintertür aufzog, sah er ihn. Stanley lag unter dem kleinen Vordach vor der Türschwelle und war tot, das erkannte Oskar sofort. Das Tier lag auf der Seite, alle viere von sich gestreckt. Ein Auge stand weit offen und war gebrochen. Das andere fehlte, an seiner Stelle gab es nur das hässliche, dunkel verschmierte Loch einer Schusswunde. Angewehte Schneeflocken bedeckten seinen Rücken.

Oskar ließ sich auf die Knie fallen und legte sanft seine Hand auf Stanleys Flanke. Die Leiche war eiskalt und steif gefroren. Stanley hatte wohl nicht gelitten, der Schuss musste ihn auf der Stelle getötet haben. Es war ein tröstlicher Gedanke, der Oskars Trauer lindern würde, das wusste er, aber nicht seine Wut.

Auf dem Boden waren keine Blutspuren zu sehen, der Hund musste irgendwo anders erschossen worden sein, nicht hier. Also hatte ihn jemand hier abgelegt, ohne ihn zu benachrichtigen. Aber vermutlich war gerade das die Nachricht. Oskar stand langsam wieder auf. Stanleys Tod war kein Unfall gewesen, sondern eine Botschaft. Nur um sicherzugehen, dass Oskar sie auch wirklich verstand, die letzte Mahnung.

Heiligabend war noch lange kein Grund, auf das tägliche Fitnessprogramm zu verzichten. Im Gegenteil, das gute Essen würde sonst unweigerlich Spuren hinterlassen, auch wenn das früher einmal anders gewesen sein mochte. Die Welt war eben ungerecht. Also schwamm sie nach den fünf Kilometern auf dem Laufband noch brav im Becken eine halbe Stunde lang ihre Bahnen. Anschließend verzog sie sich für zehn Minuten in die Saunakabine, döste vor sich hin und sah zu, wie immer mehr Schweißperlen ihre Beine hinunterliefen. Fast wäre sie eingeschlafen.

Unter der Dusche wurde sie schnell wieder munter. Sie trocknete sich ab und schlüpfte in ihren Frotteebademantel. Um die nassen Haare wickelte sie das Handtuch zu einem Turban und ging zur Treppe, die aus dem Souterrain nach oben führte. Auf der ersten Stufe schaute sie zurück, ob sie etwas vergessen hatte, dann schaltete sie die indirekte Beleuchtung des Schwimmbads aus. Für einen privaten Pool hatte das Becken eine anständige Bahnlänge, das musste man Heribert lassen. Bei dem Haus hatte er nicht gekleckert.

Im Radio suchte sie einen Sender heraus, der nicht abwechselnd Bing Crosby und die Weihnachtsaufnahme der Regensburger Domspatzen spielte, und cremte sich sorgfältig von Kopf bis Fuß ein. Sie ließ sich Zeit damit, den leicht herben Duft der Körperlotion mochte sie. Als der Sender ein frühes Stück von Simply Red brachte, sprang sie auf die Füße und tanzte im Raum herum, sie konnte einfach nicht anders. Kritisch, aber nicht unzufrieden betrachtete sie sich dabei im Spiegel. Auch die Waage zeigte die richtige Zahl an. So weit war alles in Ordnung.

Während die Lotion langsam in ihre Haut einzog, überlegte sie sich das passende Outfit für den Abend. Bei den Dessous fiel die Wahl leicht. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie an ihren neuen fliederfarbenen Slip und den zugehörigen BH dachte. Ein Traum von einem Nichts, und eigentlich völlig überflüssig. Nach ihrer Erfahrung hatten Männer in solchen Dingen einen sehr schlichten Geschmack und ließen sich schon durch einfachste Mittel schnell begeistern. Im Grunde war jede Raffinesse an sie verschwendet.

Wie auch immer, die hauchzarte Spitze fühlte sich gut auf der Haut an.

Als er die Stimme hörte, wusste Herrmanns sofort, dass es Ärger geben würde. Nach bald zwanzig Jahren Erfahrung mit Betrunkenen oder sonst wie renitenten Personen konnte er die Tonlage einer Stimme ziemlich genau einschätzen, bildete er sich ein. Und diese hier war eindeutig auf Krawall gebürstet. Seufzend legte er die Serviette neben den Teller und schob seinen Stuhl zurück. Eigentlich war er ja nicht im Dienst, aber das würde ihm hinterher auch nicht viel nützen. Laut Oberkommissar Kieling hatte ein Polizist immer dienstbereit zu sein, egal wann und wo. Vor allem die Mitarbeiter seiner eigenen Dienststelle. Herrmanns trat in den Durchgang und sah in den Schankraum hinein.

»Wo ist er?«, rief Oskar jetzt noch einmal und blickte sich dabei grimmig im Raum um. Er war nahe an der Tür stehen geblieben, leicht vorgebeugt und die Hände zu Fäusten geballt. Also genau das, was Herrmanns erwartet hatte. Krawall.

Steinkamp, der Wirt, kam hinter dem Tresen hervor. »Was ist denn überhaupt los?«, fragte er alarmiert.

Aber da hatte Oskar sein Ziel schon ausgemacht und steuerte auf den Stammtisch in der hinteren Ecke zu. Dort saßen drei Dörfler bei einem Bier zusammen. Ein letzter Skat, bevor es später zu Hause mit den Familienfeiern losging. Herrmanns kannte die Runde, Bauer Luttke und die Piet-Brüder von der Kfz-Werkstatt. Sie schauten verwundert von ihren Karten hoch, als Oskar auf sie zumarschierte. Auch Herrmanns setzte sich in Bewegung. Oskar hielt sich nicht erst lange mit einem Vorspiel auf. Er zerrte den überraschten Luttke von der Sitzbank hoch und versetzte ihm einen schnörkellosen Schwinger seitlich ans Kinn, der ihn mit Wucht zurück auf die Bank beförderte. Bevor Oskar nachsetzen konnte, war Herrmanns bei ihm und hielt ihn auf. Er wunderte sich etwas über den Schlag, der offenbar nicht von schlechten Eltern gewesen war. Das hätte er Oskar gar nicht zugetraut.

Der Bauer anscheinend auch nicht, so verdutzt, wie er Oskar anstarrte. Er war zwar einen Kopf kleiner als Oskar, aber bestimmt doppelt so breit und mit beeindruckend großen Fäusten ausgestattet. Niemand, mit dem man sich leichtfertig anlegte. Ein schmales Hemd wie Oskar würde er locker mit einer Hand erledigen. Normalerweise.

Vorsichtig betastete Luttke sein Kinn. »Verdammt, was soll der Scheiß?«

Das wollte auch Herrmanns wissen.

»Stanley ist tot«, antwortete Oskar, ohne ihn anzusehen. Den Blick hielt er unverwandt auf Luttke gerichtet. Es sah nicht so aus, als wäre er schon fertig mit ihm. »Jemand hat ihn erschossen. Einfach so.« Oskar wollte wieder auf den Bauern los, doch Herrmanns packte seinen Arm und hielt ihn zurück.

»Und das soll ich gewesen sein?«, fragte Luttke, immer noch fassungslos über Oskars Auftritt.

»Wer denn sonst?«

»Bist du jetzt völlig durchgedreht?« Luttke stand wütend auf und machte einen Schritt aus der Bank heraus. Offensichtlich hatte er nicht vor, auch noch die andere Backe hinzuhalten. Weihnachten hin oder her.

Herrmanns schob sich dazwischen. Er maß gut eins neunzig und trug einen soliden Rettungsring um Bauch und Hüften mit sich herum, was sich manchmal als hilfreich erwies – leider nicht auf den Datingportalen, hatte er feststellen müssen, aber sehr wohl, um zwei aufgebrachte Streithähne voneinander zu trennen. »Immer mit der Ruhe, Leute! Wie kommst du denn darauf, dass ausgerechnet Horst deinen Hund erschossen haben soll?«

»Das fragst du noch? Wer hat denn hier noch am Samstag laut getönt, ich soll mal lieber aufpassen, sonst passiert noch was? War das etwa keine Drohung? Dafür gibt es genug Zeugen! Falls hier nicht sowieso alle unter einer Decke stecken.«

»Jetzt mal halblang!«, schnappte Luttke. »Natürlich hast du dich hier unbeliebt gemacht, was glaubst du denn? Viele von uns könnten ein gutes Geschäft machen, wenn du mitziehen würdest. Das ist die Chance für unser Dorf! Aber nein, der feine Pinkel hat das ja nicht nötig! Er will hier keinen Tourismus, kein Wellnesshotel, keine neuen Skipisten und Lifte. Alles soll schön beim Alten bleiben. Was das für uns bedeutet, geht dem Herrn am Allerwertesten vorbei. Soll doch das Dorf ruhig weiter vor die Hunde gehen, du bist ja gut versorgt, und wir anderen können sehen, wo wir bleiben. Vielen Dank auch, Herr von und zu! Ob mir das stinkt? Da kannst du aber Gift drauf nehmen! Und wenn du zwanzig Jahre jünger wärst, würden wir das draußen vor der Tür klären. – Aber ich gehe doch nicht hin und erschieße deinen Hund!«

Oskar antwortete nicht sofort, und Herrmanns nutzte die Gelegenheit zur Deeskalation. »Es könnte doch auch nur ein dummer Unfall gewesen sein«, sagte er beschwichtigend, »hast du daran schon mal gedacht, Oskar? Ein Jäger, der voreilig abgedrückt hat. Stanley wäre nicht der erste Hund, der beim Wildern erschossen wurde. So etwas kommt vor.«

Was durchaus stimmte, so etwas kam vor. Aber nicht bei einem Meter Schnee. Außerdem hatte er Stanley gekannt. Der hätte allenfalls sein Geschäft im Freien verrichtet, um dann so schnell wie möglich wieder zurück ins Warme zu kommen. Und gewildert hatte er vermutlich auch in seiner besten Zeit nicht.

»Ach ja?« Oskar holte einen zerrissenen Briefumschlag aus der Manteltasche und warf ihn auf den Tisch. »Und was ist damit?«

In dem Umschlag hatte eine Karte gesteckt, die nun ebenfalls durchgerissen war. Herrmanns fügte die beiden Teile aneinander und las den knappen Text. Letzte Warnung, das erklärte einiges von Oskars Verhalten. »Wann hast du den Brief denn bekommen?«

»Heute Morgen. Er lag in meinem Briefkasten. Kurz danach habe ich Stanley gefunden.«

»Verstehe.« Herrmanns legte die beiden Teile der Karte aufeinander und verstaute sie in seiner Hosentasche. »Du siehst da einen Zusammenhang.« Er formulierte es nicht als Frage.

Oskar schnaubte verbittert. »Ist doch klar, wer dahintersteckt! Genau wie hinter den Sabotageakten. Und die Polizei wird wieder niemanden verhaften, genauso wenig, wie sie herausgefunden hat, wer die Liftsessel demoliert hat. Dabei weiß doch jeder hier Bescheid!«

»Wir brauchen nun mal Beweise, Oskar, und die gab es nicht«, erklärte Herrmanns geduldig. »Aber ich gehe der Sache nach, versprochen. Am besten komme ich gleich mit, um alles aufzunehmen.« Womit sein restliches Mittagessen gestrichen war. Mit sanfter Gewalt bugsierte er Oskar in Richtung Tür. Nach zwei Schritten drehte er sich noch einmal um. »Und was die Angelegenheit von vorhin angeht«, begann er, doch der Bauer winkte ab.

»Lass man, Paul, ist halb so wild.« Luttke setzte sich wieder auf die Bank und griff nach seinem Bier. »Wenn jemand meine Cora erschossen hätte, wüsste ich auch nicht, wie ich reagieren würde.«

Die beiden Piet-Brüder murmelten zustimmend. Herrmanns hätte ein Monatsgehalt darauf gewettet, dass keiner von ihnen an einen Jagdunfall glaubte. Er selbst glaubte ja auch nicht daran. Hätte er aber gern.

Herrmanns nickte ihnen zu, holte seinen Mantel und ging hinüber zu Oskar, der am Eingang auf ihn wartete. Sein Zorn schien sich gelegt zu haben, er wirkte jetzt nur noch verloren und traurig. Etwas unbeholfen legte ihm Herrmanns die Hand auf die Schulter und schob ihn behutsam zur Tür hinaus. Oskar tat ihm leid, es gab bestimmt schönere Arten, die Weihnachtstage einzuläuten. Aber das war es nicht allein, was ihm Sorgen bereitete.

Irgendwie lief der Streit um Schwarzenbachs großartige Zukunft aus dem Ruder.

ZWEI

Der harte Kern war geblieben. Es gab immer noch zwei Dutzend Schaulustige, die hinter dem Flatterband ausharrten, um ja nichts zu verpassen. Herrmanns kannte die meisten von ihnen, Leute aus dem Dorf. Wenigstens hielten sie jetzt einigermaßen Abstand, nachdem er den Fundort großräumig abgesperrt hatte. Was er sich genauso gut hätte sparen können. Vor seinem Eintreffen schien bereits eine Völkerwanderung vorbeigezogen zu sein. Die Spurensicherung würde im Dreieck springen. Falls Kieling sie überhaupt anforderte. Die hatten im Moment genug mit der Sache in Prüm zu tun. Dort war die Weihnachtsfeier einer Großfamilie etwas unglücklich verlaufen und hatte in einer Messerstecherei geendet. Zwei Tote und fünf Verletzte, das ging vor. Noch dazu jetzt, wo alle in Unterbesetzung arbeiten mussten. Einige Kollegen hatten sich freigenommen und verbrachten nun ihren Weihnachtsurlaub in den Alpen oder irgendwo fern in der Sonne unter Palmen. Aus purer Bosheit, wie Kieling sofort unterstellt hatte, als er davon erfuhr. Seine Stimmung schien sich seitdem nicht gebessert zu haben.

Herrmanns hielt sich bedeckt, die schlechte Laune sollten ruhig andere ausbaden. Verstohlen betrachtete er seinen Chef von der Seite. Kieling hatte sich leicht vorgebeugt und beide Hände über seinem Magen verschränkt. Er sah übel aus, so übel, dass sogar der Notarzt ihn kritisch gemustert hatte. Ob er vielleicht Hilfe brauche? Aber Kieling hatte nur abgewinkt und etwas von »Magen verdorben« gebrummt, »geht schon«. Der Arzt hatte nicht weiter insistiert, ohne deshalb schon überzeugt zu wirken.

»Verdammter Mist!«, fluchte Kieling jetzt leise. »Das hat mir gerade gefehlt, noch eine Leiche!«

Herrmanns nickte stumm, auch er hätte gern darauf verzichtet.

Sie traten zur Seite und sahen zu, wie die beiden Sanitäter den Körper auf die Tragbahre luden und anhoben. Der Rettungswagen hatte ein gutes Stück weiter unten halten müssen. Durch die Bäume hindurch konnte man von hier oben das rotierende Warnlicht sehen. Die Sirene war ausgeschaltet, es gab keinen Grund zur Eile. Normalerweise wurde der einspurige Fahrweg über den Berg im Winter nicht geräumt, aber Herrmanns hatte den Pflug herbeordert und dafür gesorgt, dass der Transit so nahe wie möglich an die Fundstelle herankommen konnte. Die letzten Meter führten über einen unbefestigten Schotterweg, der für den Rettungswagen zu schmal und vor allem zu steil war. Vorsichtig stapften die beiden Sanis mit ihrer Bahre durch den Schnee nach unten. Keiner von ihnen hatte Lust auf eine Rutschpartie.

Mit seiner Minox hatte Herrmanns mehrere Fotos geschossen, um wenigstens die Position der Leiche festzuhalten. Man wusste ja nie. Sonst gab es auch nicht mehr viel zu dokumentieren, nachdem halb Schwarzenbach hier herumgetrampelt war. Er hatte auch die Gondel des Sessellifts fotografiert, die in ungefähr acht Metern Höhe ziemlich genau senkrecht über der Fundstelle hing. Es war gar nicht so einfach gewesen, die Perspektive exakt einzufangen. Von dort oben musste der Mann heruntergestürzt sein. Eine andere Möglichkeit sah Herrmanns nicht.

Da die Leiche steif gefroren war, ließ sich über den Todeszeitpunkt noch nichts Genaueres sagen. Nur die unmittelbare Todesursache stand bereits fest: Genickbruch. Daneben gab es wohl noch weitere Knochenbrüche im Schulter- und Armbereich und vermutlich auch innere Blutungen. Die Sanitäter hatten bestätigt, dass die Verletzungen zu einem Sturz aus der Gondel passten. Der Sessellift hatte die richtige Höhe.

Alles deutete auf einen Unfall hin. Die Frage war eigentlich nur, ob der Mann gefallen war, womöglich unter Alkoholeinfluss, oder gesprungen. Herrmanns hatte von solchen Fällen in den Alpen gelesen. Von Leuten, die man in ihren Gondeln einfach vergessen hatte und die dann aus purer Verzweiflung, um nicht zu erfrieren, in den Tod gesprungen waren.

Missmutig betrachtete Kieling den Personalausweis, den sie bei dem Toten gefunden hatten. »Mario Ebers. Ausgestellt in Köln. Ein Urlauber?«

»Ich habe vorhin im ›Sporthotel‹ nachgefragt, er ist dort abgestiegen. Nicht zum ersten Mal.«

»Also gut!« Kieling schien eine Entscheidung getroffen zu haben. »Mal sehen, was die Gerichtsmedizin sagt, aber …« Er zögerte und ließ den Satz unvollendet. Aus zusammengekniffenen Augen musterte er die altmodische Sitzgondel über ihnen. Offenbar erwartete er von den Medizinern keine Ergebnisse, die seine Einschätzung korrigieren würden. »Bis auf Weiteres behandeln wir das hier als Unfall mit Todesfolge. Wir müssen natürlich überprüfen, ob hier irgendein Verschulden vorliegt, womöglich ein technischer Defekt. Bei dieser Liftanlage würde mich das nicht wundern. Sieht nicht unbedingt danach aus, als wäre sie auf dem neuesten Stand. Die muss doch uralt sein.«

Herrmanns nickte. »Ich bin schon als Kind damit gefahren.« Schon damals war sie nicht mehr neu gewesen.

Plötzlich machte Kieling einen Schritt zur Seite, beugte sich vor und übergab sich. Herrmanns angelte nach der Packung Tempo-Taschentücher, die für solche Fälle immer in seinem Parka steckte, und reichte sie Kieling, der mit einem dankbaren Blick danach griff.

»Vielleicht sollte der Arzt doch mal nach Ihnen sehen, Chef!«

Kieling richtete sich ächzend wieder auf. »Nicht nötig! Ich muss zurück nach Prüm.« Er hielt eine Hand auf seinen Magen gepresst, mit der anderen vollführte er eine umfassende Geste. »Und Sie, Paul, Sie kümmern sich um die Angelegenheit hier. Es ist schließlich Ihr Dorf.«

Herrmanns ging als Letzter. Nachdem die Leiche einmal abtransportiert war, hatte das Interesse der Zuschauer schlagartig nachgelassen. Die Show war vorbei, es gab hier nichts mehr zu sehen. Wie auf Kommando waren sie aufgebrochen, vermutlich, um hinterher im »Hirschen« das Ereignis ausgiebig zu diskutieren. An Gesprächsstoff würde es ihnen nicht mangeln.

Kieling hatte sich mit dem Rettungswagen bis zur Landstraße mitnehmen lassen, wo sein Auto stand. Für Herrmanns war kein Sitz mehr frei gewesen. Es machte ihm nichts aus, er ging gern zu Fuß, es half ihm beim Nachdenken. Man sollte sogar schlank davon werden, hatte er gehört.

Der Weg ins Tal hinunter folgte einem kleinen Bachlauf. Herrmanns ließ sich Zeit, um den Abstand zu den Dörflern vor ihm zu vergrößern. Nach einer Biegung verschwanden sie aus seinem Blickfeld, und bald verloren sich auch ihre Stimmen. Bis auf das knirschende Geräusch seiner Schritte auf dem festgetretenen Schnee und das leise Plätschern des Wassers war es still. Herrmanns mochte diese Stille, die eigentümlich dämpfende Stille einer Winterlandschaft, die einem das Gefühl gab, allein auf der Welt zu sein. Als er jetzt einen dünnen, durchdringenden Schrei hörte, blieb er stehen und sah nach oben. Hoch über ihm drehten zwei Bussarde ihre Kreise. Wie Kieling gesagt hatte, es war sein Revier. Und sein Toter.

Mehrmals kreuzte der Weg die Schneise, die man für den Lift in den Wald geschlagen hatte. Von einer Stelle aus konnte man auch die leere Piste ein Stück weit einsehen. Genau genommen gab es mehrere. Die eigentliche Abfahrt führte in großen Bogen den Hang hinunter und endete an der Talstation des Lifts. Abgesehen von einer engen Kehre mit steilerem Gefälle war sie leicht zu befahren. Nichts für Alpinisten. Er selbst zog die zwei schmaleren Seitenpisten vor, die sich durch den Wald schlängelten. Es waren weniger richtige Abfahrten, sondern eher sanft abschüssige Zugwege, auf denen man gemächlich zwischen den verschneiten Bäumen hindurchgleiten konnte. Unter der Woche hatte man die Strecke in der Regel für sich allein. Aber auch sonst traten die Wintersportler sich hier nicht gegenseitig auf die Füße.

Kieling hatte recht, der Sessellift war tatsächlich alt, älter als Herrmanns. Die Anlage stammte noch aus den Sechzigern, als es in der Gegend auch im Winter einen bescheidenen Fremdenverkehr gegeben hatte. Davon war nicht mehr viel übrig geblieben. Die mit der Anlage verbundenen Hoffnungen auf eine Belebung des Tourismus hatten sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, in den folgenden Jahren und Jahrzehnten blieben immer mehr Gäste aus, und wenn sie doch kamen, dann meist nur als Tagesausflügler. In gewisser Weise war Schwarzenbach dem Wirtschaftswunder zum Opfer gefallen. Wer heute Ski fahren wollte, konnte es sich leisten, dafür gleich in die Alpen zu reisen. Hinzu kam, dass die Winter immer milder wurden und inzwischen auch die Hochlagen in der Eifel nicht mehr ausreichend schneesicher waren. Der aktuelle Kälteeinbruch mit seinen Schneemassen war da nur eine Ausnahme und würde langfristig nichts ändern.

Nachdenklich musterte Herrmanns einen der Eisenpfeiler, an denen die beiden dicken Drahtseile für die Sessel befestigt waren. Auch in einem anderen Punkt musste er Kieling recht geben. Die Anlage wirkte ziemlich heruntergekommen. Ob nun Grund oder Folge des Ausbleibens der Touristen – darüber gab es im Dorf unterschiedliche Meinungen, in letzter Zeit auch offenen Streit. Bisher hatte sich Herrmanns aus dieser Diskussion immer heraushalten können. Damit war es jetzt womöglich vorbei. Erst die Sache mit dem Hund und der anonymen Drohung und jetzt ein Toter unter Oskars Lift. Das konnte Zufall sein, sehr wahrscheinlich sogar. Trotzdem hatte Herrmanns ein ungutes Gefühl.

Wie sicher war die Anlage? Das war die entscheidende Frage. Zwar gehörte Oskar der Sessellift, aber er betrieb ihn nicht selbst. Und da lag das Problem. Während der Saison wurde der Lift von dem alten Gerbers bedient und gewartet, der damit seine Rente aufbesserte. Das Alkoholproblem des Alten war mehr oder weniger ein offenes Geheimnis. Doch soweit Herrmanns wusste, hatte er bisher immer zuverlässig gearbeitet, und offizielle Beschwerden waren auch nicht eingegangen. Gerbers selbst hätte natürlich nie von einem »Problem« gesprochen. Er trank einfach gern, das war alles.

Es gefiel Herrmanns nicht, doch ein bestimmter Verdacht ließ sich nicht von der Hand weisen: Vielleicht hatte Gerbers gestern wieder einmal einen über den Durst getrunken und dann einfach vergessen, dass da noch jemand in einer der Gondeln gesessen hatte. Das musste er klären, so schnell wie möglich. Andererseits war man nicht unbedingt auf Gerbers’ Dienste angewiesen, um den Lift benutzen zu können. Die Schwarzenbacher hatten das seit Langem unter der Hand geregelt. Mit dem passenden Schlüssel konnte jeder in der Talstation den Lift selbst starten. Die Piet-Brüder hatten die Anlage so eingerichtet, dass sie sich nach einer vollständigen Runde von allein wieder abschaltete.

Von diesen Schlüsseln musste es Dutzende geben. Wie die meisten Einheimischen besaß auch Herrmanns seinen eigenen. Und für Übernachtungsgäste hing im »Goldenen Hirschen« immer ein Exemplar hinter der Theke, genau wie an der Rezeption des »Sporthotels« auf dem Gipfel des Nachbarberges, dem Kalten Hans. Dass er in der Skijacke des Toten einen Schlüssel gefunden hatte, der seinem eigenen wie ein Ei dem anderen glich, hatte Herrmanns deshalb nicht sonderlich überrascht. Falls es der richtige war, hätte der Mann mit dem Lift fahren können, auch nachdem Gerbers bereits die Anlage geschlossen hatte. In der Nacht wäre das niemandem aufgefallen. Das musste er zwar noch überprüfen, aber Herrmanns war sich sicher, dass keiner der Anwohner etwas bemerkt hatte. Sonst hätte sich schon längst jemand bei ihm gemeldet.

Während des restlichen Abstiegs überlegte er, welche Vorstellung schlimmer war: ein betrunkener Gerbers, der im Suff einen furchtbaren Fehler gemacht hatte, oder ein tödlicher Unfall, weil sie alle viel zu leichtfertig mit den Schlüsseln umgegangen waren. Vielleicht hatte der Lift ja einfach mitten auf der Strecke gestoppt, weil irgendetwas geklemmt hatte oder warum auch immer, und niemand war da gewesen, um den Fehler zu beheben. Die Regelung, die Anlage quasi privat und jederzeit nutzen zu können, mochte ja bequem sein, aber eben auch riskant. Darüber hatte er sich bisher keinerlei Gedanken gemacht, gestand sich Herrmanns ein. Offenbar musste erst etwas passieren.

Die Talstation bestand aus einem kleinen, massiven Blockhaus mit Fenstern auf jeder Seite, deren Läden fest verschlossen waren. Auf dem Dach lag eine dicke Schneeschicht, von der Traufe hingen ein paar Eiszapfen herab. Der Schlüssel des Toten passte tatsächlich. Herrmanns trat ein und zog zwei Fensterläden auf, um Licht hereinzulassen.