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Über Generationen zu schreiben ist riskant. Kaum fängt man an, flennt ein "Feinfühliger" über unfaire Verallgemeinerungen. Heul, schnief. Genau deshalb tun wir es: lustvoll und ohne Filter. Die Generation Z ist das erste Kollektiv mit permanentem Internet und chronischem Akku-Mangel. Sie doziert ernsthaft über Mikroaggressionen, während sie 15-sekündige Tanzvideos produziert. Sie fordert Nachhaltigkeit, lässt sich den Lifestyle aber per unterbezahltem Kurier vor die Haustür liefern. Das ist keine Kritik, nur eine Beobachtung – na gut, vielleicht doch. Jede Generation hat ihre Macke: Boomer bauten auf Plastik, Millennials auf das öffentliche Ausweiden ihrer Gefühle. Und nun die Gen Z: Sie rettet zwar die Welt, scheitert aber an einem Drucker, der älter als fünf Jahre ist. Dank ihrer Teilzeitphobie wird sie ohnehin noch mit 70 arbeiten müssen. Dieses Buch ist keine Analyse, sondern Satire. Im Zentrum stehen Walter und Klara Dietrich – zwei Menschen, für die das Leben nie fragte, ob sie sich gerade "emotional sicher" fühlen. Hier prallt der Glaube, Sprache forme die Realität, auf die harte Erkenntnis, dass sich die Realität einen Dreck um Wörter schert. Am Ende steht der Verdacht: Wahrscheinlich sind einfach beide Seiten ein bisschen verrückt.
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Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Weicheier
Die Generation Z aus Sicht zweier Babyboomer
Walter und Klara Dietrich
1. Auflage © 2026
Über Generationen zu sprechen ist ein riskantes Geschäft. Sobald man es tut, meldet sich garantiert ein Feinfühliger zu Wort und erklärt schulmeisterlich, dass man selbstverständlich nicht alle meinen könne. Dass Verallgemeinerungen unfair seien. Dass jede Generation vielfältig, komplex und individuell sei. Heul, schnief. Das stimmt natürlich. Und deshalb wird dieses Buch im Folgenden genau das tun, was man angeblich nicht tun darf: Es wird verallgemeinern. Und das lustvoll!
Die sogenannte Generation Z – geboren ungefähr zwischen 1997 und 2012 – ist die erste Generation der Menschheitsgeschichte, die gleichzeitig mit drei Dingen aufgewachsen ist: permanentem Internet, permanentem moralischem Bewusstsein und permanentem Akku-Ladebedarf. Sie spricht mit bemerkenswerter Ernsthaftigkeit über mentale Gesundheit, Identität, Mikroaggressionen und Selbstfürsorge – während sie gleichzeitig Videos produziert, in denen Menschen fünfzehn Sekunden lang tanzen.
Von den Babyboomern werden sie als egoistische Weicheier wahrgenommen, die mehr Ansprüche anmelden als sie zu Leisten bereit sind.
Sie fordert Sinn in der Arbeit, Authentizität im Leben und Nachhaltigkeit im Konsum – bestellt dann aber mit erstaunlicher Effizienz Dinge im Internet, die von einem Lieferfahrer gebracht werden, der vermutlich weniger Work-Life-Balance hat als alle Beteiligten zusammen und fliegt in der Welt herum. Das ist keine Kritik. Das ist nur eine Beobachtung. Doch, ist es.
Natürlich sind auch frühere Generationen nicht gerade durch makellose Vernunft aufgefallen. Die Babyboomer haben die Welt mit Autos, Plastik und Karrieren gefüllt. Die Generation X hat gelernt, dass Zynismus eine akzeptable Lebensstrategie sein kann. Die Millennials haben entdeckt, dass man Gefühle nicht nur haben, sondern auch öffentlich diskutieren kann. Und nun ist also die Generation Z da.
Eine Generation, die mit bewundernswerter Überzeugung weiss, wie die Welt gerechter, sensibler und bewusster werden muss – und die gleichzeitig gelegentlich Schwierigkeiten hat, einen Drucker zu bedienen, der älter als fünf Jahre ist. Wie jede Generation zuvor hält sie sich selbstverständlich für die erste, die wirklich verstanden hat, wie alles funktioniert. Und wie jede Generation zuvor wird sie irgendwann feststellen müssen, dass die Realität ein ausgesprochen störrisches Konzept ist. Diese Generation wird in 35 Jahren ein ähnlich gelagertes Buch über die dann 20-Jährigen schreiben, weil sie dann dank ihrer Teilzeitphobie später dann noch als 70-Jährige arbeiten werden müssen.
Dieses Buch ist keine soziologische Analyse. Es ist auch keine pädagogische Handreichung für den Umgang mit jungen Menschen. Es ist eine Satire über Generationen, über Sprache, über Moral.
Im Zentrum stehen zwei Menschen, die lange genug gelebt haben, um zu wissen, dass jede Zeit ihre Modebegriffe, ihre Gewissheiten und ihre moralischen Lieblingskämpfe hat. Walter und Klara Dietrich gehören zu jener Generation, die gelernt hat, dass das Leben selten danach fragt, ob man sich gerade emotional sicher fühlt.
Als sie mit der Welt der Generation Z zusammentreffen, prallen deshalb zwei Wirklichkeiten aufeinander: eine, die glaubt, dass Sprache Realität formt, und eine, die glaubt, dass Realität sich herzlich wenig für Sprache interessiert. Was folgt, sind Missverständnisse, Diskussionen, Empörungen, ironische Bemerkungen und gelegentlich der leise Verdacht, dass vielleicht beide Seiten ein kleines bisschen recht haben könnten.
Oder – was sehr viel wahrscheinlicher ist – beide Seiten ein kleines bisschen verrückt sind.
Die Figuren in diesem Buch sind selbstverständlich überzeichnet. Nicht weil junge Menschen wirklich so sind. Und auch nicht, weil ältere Menschen wirklich so sind. Sondern weil Menschen generell dazu neigen, ein wenig absurd zu werden, sobald sie überzeugt sind, im Besitz der moralisch besseren Weltanschauung zu sein.
Wer sich in diesem Buch wiedererkennt, darf beruhigt sein: Das war wahrscheinlich beabsichtigt.
Walter. Ich kam in diese Wohnung mit der vorsichtigen Hoffnung, dass irgendjemand einen Stuhl besitzt, der nicht aus recycelten Fahrradteilen zusammengebaut ist. Der Flur war still – zu still für eine Wohnung, in der sechs junge Menschen lebten. Ich stellte meinen Koffer ab. Es roch nach drei Dingen gleichzeitig: Hafermilch, Räucherstäbchen und dieser süssliche Duft von Menschen, die zu viele Zimmerpflanzen besitzen. Ich rief: „Hallo?“ Keine Antwort. Aus einem Zimmer hörte ich Stimmen. Zwei Menschen diskutierten mit der Intensität von Leuten, die überzeugt sind, dass ihre Gefühle geopolitische Bedeutung haben. „Ich sage nur“, sagte eine Stimme, „dein Ton war gerade sehr grenzüberschreitend.“ Eine zweite Stimme antwortete: „Wow. Krass, dass du das so framest.“ Ich stellte den Koffer neben die Wand; das fing ja gut an.
Die Tür zum Wohnzimmer ging auf und ein dünner junger Mann trat heraus. Bart wie ein schlecht gepflegter Moosgarten, Wollmütze – und das bei 24 Grad. Er sah mich an, ich sah ihn an. „Du bist Walter“, sagte er schliesslich. „Es besteht diese Möglichkeit.“ – „Ich bin Kevin.“ Wer hätte es geahnt – der Name Kevin war bei diesem Vogel quasi vorprogrammiert. Diese Generation bestand zur Hälfte aus Kevins – und die andere Hälfte war ein Produkt des integrativen Unterrichts: Man konnte zwar seinen Namen tanzen und kannte 42 Geschlechter, scheiterte aber beim Ausrechnen des Wechselgelds am Dreisatz, weil die Lehrerin damit beschäftigt war, drei verhaltensauffällige Kinder davon abzuhalten, die Wandtafel zu essen. „Du wohnst jetzt hier“, sagte er. „Das war der Plan.“ Kevin nickte ernst. Die jungen Leute nickten viel; ich hatte den Verdacht, sie hielten Nicken für eine Form von Kommunikation.
„Die anderen sind gerade im Check-in“, erklärte er. „Im was?“ – „Check-in.“ Ich wartete, doch er erklärte es nicht weiter. „Ist das eine Art Flughafen?“, fragte ich. Kevin lächelte geduldig, wie jemand, der mit einem älteren Verwandten spricht, der noch glaubt, Faxgeräte seien modern. „Wir machen jeden Tag ein emotionales Check-in." Ich sah ihn an. „Ihr setzt euch zusammen und erzählt euch, wie es euch geht?" -- „Genau." -- „Jeden Tag." -- „Ja." Ich schwieg kurz. „Und habt ihr dabei auch einen emotionalen Check-out? Oder sitzt du da um Mitternacht noch und weisst nicht, ob du traurig oder einfach nur hungrig bist?" Kevin sah mich an, als hätte ich gerade vorgeschlagen, den Mond zu versteuern. „Arbeit ist nicht nur Erwerbsarbeit." -- „Das stimmt", sagte ich. „Manchmal ist Arbeit auch Erwerbsarbeit. Zum Beispiel dann, wenn man essen, Miete zahlen und – falls das Konzept bekannt ist – für das Alter vorsorgen möchte." Kevin lächelte geduldig. „Wir denken da anders über Sicherheit nach." -- „Das sehe ich. Ihr denkt darüber nach. Ihr sorgt nur nicht dafür." Natürlich nicht.
Die Tür zum Wohnzimmer ging wieder auf und eine junge Frau trat heraus. Kurze Haare, Nasenring, entschlossener Blick. „Oh“, sagte sie. „Der Boomer ist da.“ Ich räusperte mich. „Walter.“ – „Luna.“ Sie schüttelte meine Hand mit der Energie einer Aktivistin, die gerade eine Petition gestartet hat. „Wir versuchen hier einen Safe Space zu halten." Ich sah mich um. „Ist das der Raum da drüben?" -- „Nein, das ist das Bad." -- „Perfekt. Das ist auch meiner, während ich unbewusst schon die Gartenhandschuhe in meiner Jackentasche betastete und mich fragte, ob meine Rosen zu Hause diesen Ausflug ohne meinen täglichen Rückschnitt überstehen würden. „Gott sei Dank haben wir zu Hause noch ein echtes Wohnzimmer ohne Ringlichter, in dem wir uns von eurem 'Safe Space' wieder erholen können.“
Hinter ihr tauchten zwei weitere Gestalten auf. Eine junge Frau mit einem Handy auf einem kleinen Stativ filmte – natürlich filmte sie. „Hi Leute“, sagte sie ins Telefon. „Kurzes Update: Der neue Mitbewohner ist angekommen.“ Sie schwenkte das Gerät auf mich. „Das ist Walter.“ – „Ich bin kein Tier im Zoo“, sagte ich, und für einen Moment fühlte ich mich wie ein Relikt in einem Museum, dessen Beschriftung niemand mehr lesen kann. „Der hat richtig gutes Delivery.“ Kevin grinste. „Das ist Maya.“ Ich nickte. „Influencerin?“ – „Content Creator.“ Natürlich.
Dann erschien ein vierter Bewohner: Gross, dünn, Brille, ernster Blick. Er sah mich an, als würde er sofort diagnostizieren, welche emotionalen Defizite mich in diese Küche geführt hatten. „Ich bin Jonas.“ – „Walter.“ Er nickte langsam. „Wie fühlst du dich gerade?“ Ich überlegte kurz. „Alt.“ Er schrieb etwas in ein kleines Notizbuch. Ich schwöre, er schrieb es wirklich auf. „Und wo ist der fünfte?“, fragte ich. Kevin deutete auf eine geschlossene Tür. „Alex streamt.“ – „Was streamt er?“ – „Er filmt sich dabei, wie er antike Taschenuhren mit Pinzetten auseinandernimmt. Er nennt es 'Mechanische Meditation'.“ – „Arbeitet er?“ Kevin schnaubte. „Nur wenn der Akku leer ist und er zum Ladekabel kriechen muss.“
In diesem Moment öffnete sich eine weitere Tür, die ich bisher für eine Besenkammer gehalten hatte. Eine Person trat heraus – Anfang zwanzig, kurze Haare, ein T-Shirt mit der Aufschrift „they/them", und dem Ausdruck von jemandem, der gerade ein sehr wichtiges inneres Gespräch unterbrochen hat. „Ich bin Finn", sagte die Person. „Und ich benutze they/them-Pronomen." Ich nickte. „Walter. Ich benutze meinen Namen." Finn lächelte geduldig. „Das ist auch eine Form von Identität." -- „Das freut mich." Finn sah mich an, als hätte ich einen Geheimcode eingegeben, der noch nicht ganz aufging.
Ich sah mich im Wohnzimmer um. Es gab eine Yogamatte, drei Zimmerpflanzen, eine Kerze, aber keinen Fernseher. „Wo sitzt man hier?“ Luna zeigte auf einen grossen Sitzsack. „Das ist unsere Gesprächszone.“ Ich sah den Sitzsack an. Er sah aus wie eine übergewichtige Muschel, die irgendwann aufgehört hatte, Perlen zu produzieren. „Ich nehme den Stuhl." -- „Das ist ein Meditationsstuhl." -- „Dann meditiere ich eben." Ich setzte mich. Die Stille dauerte vier Sekunden. „Fertig", sagte ich.“ Ich setzte mich. Maya filmte immer noch. „Walter“, sagte sie. „Kannst du einmal sagen: Hallo TikTok?“ Ich sah sie an. „Ich sage gar nichts zu TikTok.“ – „Das wäre aber super Content.“ – „Mein Leben ist kein Content.“ Kevin lachte. „Doch.“
Die fünf sahen mich an, als wäre ich ein interessantes Museumsstück. Vielleicht war ich das auch. „Also“, sagte Luna schliesslich. „Wir müssen ein paar Regeln klären.“ Natürlich mussten wir das. „Regel Nummer eins: Keine toxische Kommunikation.“ Ich nickte. „Und was gilt hier als toxisch?“ Jonas hob den Finger. „Aggression. Sarkasmus. Dominanz." Ich sah ihn an. „Das ist mein Wochenendprogramm." -- „Das ist nicht lustig." -- „Das sage ich auch nicht. Das ist ein Terminplan.“ Maya grinste. „Ich liebe ihn jetzt schon.“ Kevin klatschte einmal in die Hände. „Okay Leute. Neues Kapitel.“ Ich fragte mich, was zum Teufel ich hier eigentlich machte.
Dann ging die Tür auf und meine Frau Klara kam herein. Sie sah sich einmal im Raum um und sagte: „Walter.“ – „Ja.“ – „Sag mir bitte, dass das hier kein Kult ist.“ Ich zeigte auf die fünf jungen Menschen. „Noch nicht.“ Klara sah die Gruppe an, die Gruppe sah Klara an. Zwei Sekunden Stille. Dann fragte sie: „Welcher von euch hat die Kerze angezündet?“
Abbildung 1: Klara
Klara. Die Kerze stand auf dem Couchtisch wie ein kleiner, überflüssiger Leuchtturm. Dickes Glas, matter Deckel, beiges Etikett. Darauf stand in einer Schrift, die aussah, als hätte jemand sie aus Langeweile mit einer stumpfen Feder gekratzt: nordic silence. Nordische Stille. Sie brannte mitten in einem Wohnzimmer, in dem fünf Leute gleichzeitig atmeten, filmten und ihre Gefühle sortierten.
Ich stellte meine Tasche ab, zog die Jacke aus und sah mich um wie jemand, der plötzlich merkt, dass er statt in eine Wohngemeinschaft in eine schlecht beleuchtete Therapiesitzung geraten ist. „Also?“, fragte ich. „Wer von euch hat die Duftkerze angezündet?“ Die junge Frau mit den kurzen Haaren hob langsam die Hand. „Ich.“ – „Natürlich du“, sagte ich.
Walter sass auf einem Holzgestell, das aussah, als sei es entweder ein Meditationsstuhl oder ein Folterinstrument für Achtsame. Er warf mir diesen Blick zu, den er immer bekam, wenn er wusste, dass ich gleich in den ersten dreissig Sekunden mehr Schaden anrichten würde als er in einem ganzen Nachmittag. „Klara“, sagte er mahnend. „Was denn? Ich frage nur. Früher hat man gelüftet. Heute stellt man für achtundzwanzig Franken ein Glas mit Zimtgeruch hin und tut so, als hätte man ein Innenleben.“
Die junge Frau mit den kurzen Haaren richtete sich auf. „Ich bin Luna.“ – „Natürlich bist du das." -- „Was soll das heissen?" -- „Dass du aussiehst, als würdest du Luna heissen. Oder Finja. Oder Jara. Namen, die klingen wie Geräusche, die ein Bambus macht, wenn man ihn falsch hält.“ Walter hustete in die Faust. Nicht weil er krank war, sondern weil er lachte.
Die mit dem Handy hielt sofort drauf. Jung, geschniegelt, perfekter Lidstrich. Sie grinste mich an, als wäre ich ein überraschend gut erhaltener Dinosaurier. „Oh mein Gott“, sagte sie. „Sie ist ja noch besser als er.“ – „Nimm das Ding runter“, sagte ich. „Ich filme nur ein bisschen Behind the Scenes.“ – „Hinter den Kulissen wovon? Von deinem Mangel an Erwerbsbiografie?“ – „Ich sammle eigentlich Geräusche von schmelzendem Eis für meine Follower“, sagte sie trocken. „Echte Arbeit würde meinen kreativen Flow stören.“ Sie lachte laut. Dieses Lachen klang wie jemand, der gewohnt ist, dass jeder Raum sofort seine Bühne wird. „Ich bin Maya“, sagte sie. „Content Creator.“ – „Früher hiess das Selbstdarstellerin", sagte ich. „War kürzer. Und ehrlicher. Und hatte weniger Follower, dafür mehr Scham, was ich für einen gesunden Zustand halte.“
In diesem Moment ging eine Tür auf und ein grosser Kerl im Kapuzenpulli kam heraus. Blass, Augenringe, Blick wie nach einer langen Nacht. „Sind das die Alten?“, fragte er. „Die Alten sind da“, sagte ich. „Und du bist vermutlich der Nachtportier.“ – „Alex“, murmelte er. „Arbeitest du hier irgendwann mal?“ Er sah mich kurz an. In seinem Blick lag ein Hauch von Respekt, als hätte er nicht erwartet, dass jemand so direkt spricht. „Ich streame." -- „Was?" -- „Taschenuhren zerlegen." Ich sah ihn an. Lange. „Ich habe 38 Jahre Steuern bezahlt, damit du Uhren zerlegen kannst und das Arbeit heisst." Alex zuckte mit den Schultern. „Die Leute schauen zu." -- „Ich schaue auch zu, wenn mein Nachbar seinen Briefkasten leert. Ich monetarisiere es nur nicht.“
Kevin trat dazwischen mit der glatten Ruhe von Menschen, die zu viele Motivationsvideos gesehen haben. „Ich glaube, wir sollten erstmal ankommen.“ Ich musterte ihn. „Wo ankommen? In eurer Erlebniszone?“ – „Klara“, sagte Walter wieder. „Walter, halt den Mund. Ich habe vier Stunden im Zug gesessen neben einem Mann, der ein Ei ausgepackt hat, als wäre er auf dem Weg zu einer Belagerung. Und jetzt stehe ich in einer Wohnung, die nach Vanille, Biobaumwolle und Selbstüberschätzung riecht. Ich bin längst angekommen.“
Der Dünne mit der Brille – Jonas – hob beschwichtigend die Hände. „Vielleicht wäre es gut, wenn wir einen Rahmen setzen.“ – „Für was?“, fragte ich. „Für die Tatsache, dass zwei Erwachsene sich für ein Wochenende in eure Studentenkrippe einmieten, nur um zu sehen, ob sie ohne Nervenzusammenbruch überleben?“ – „Das ist keine Studentenkrippe“, sagte Luna scharf. „Das ist solidarischer Wohnraum.“ – „Aha. Und die Miete zahlt vermutlich die UNO.“
Walter stand auf. „Vielleicht zeigen wir uns erstmal die Zimmer.“ – „Ja“, sagte Kevin sofort. „Safe. Das ist voll gut.“ Ich drehte mich zu Walter. „Hat er gerade safe gesagt?“ – „Hat er.“ – „Als Adverb?“ – „Ja.“ – „Herrgott.“ Maya grinste. „Ich liebe das so sehr.“ – „Das glaube ich dir“, sagte ich. „Du liebst vermutlich auch Zahnschmerzen, wenn sie genug Reichweite bringen.“
Die Küche war offen. Heute war alles offen: Küchen, Beziehungen, Traumata und Browser-Tabs. Nur der Verstand schien nirgends mehr geschlossen zu sein. Auf einem Regal standen Gläser voller Linsen, Chiasamen und dieser Haferpampe, die hier offenbar als Nahrung gilt. Auf dem Kühlschrank klebten Magnete mit Sprüchen: Choose kindness. You are enough. Breathe.
„Wenn ich noch einmal so einen Wandspruch sehe, muss ich mich übergeben“, sagte ich. „Das ist ironisch“, erklärte Maya. „Natürlich“, sagte ich. „Eure ganze Generation ist ironisch, sobald sie sich für irgendwas schämt.“
Walter stellte seinen Koffer neben den Tisch. Ein Tisch, an dem vermutlich noch nie einfach gegessen worden war. An solchen Tischen wurde „gehostet“, „geteilt“ und „Räume gehalten“. Luna verschränkte die Arme. „Es wäre wichtig, dass wir jetzt nicht direkt in eine abwertende Dynamik rutschen.“ Ich drehte mich zu ihr. „Kindchen, ich bin zweiundsechzig geworden in einem Land, in dem Männer glaubten, ein Salatblatt sei eine politische Haltung. Das hier ist ein freundlicher Einstieg.“ – „Ich bin nicht dein Kindchen“, sagte sie. – „Dann benimm dich nicht wie eins.“
Stille. Walter sah auf den Boden, Kevin an die Decke. Luna atmete tief ein. „Solche Bezeichnungen sind paternalistisch.“ – „Das Wort kennst du aber gut“, sagte ich. „Ich habe einen Master.“ – „Worin? Im Beleidigtsein?“ Walter presste die Lippen zusammen. Maya flüsterte ins Handy: „Leute, ihr habt keine Ahnung, was hier gerade passiert.“
Jonas stellte Tassen auf den Tisch. Natürlich handgetöpfert, keine rund. „Möchte jemand Tee?“ – „Nein“, sagte ich. „Ich möchte Alkohol und einen funktionierenden Staat. Aber wir sehen ja, wie beides läuft.“ Kevin lächelte dünn. „Klara, vielleicht hilft es, wenn wir kurz erklären, wie wir hier zusammenleben. Wir haben montags ein WG-Plenum, mittwochs einen Haushalts-Check und freitags einen emotionalen Debrief.“ – „Einen was?“ – „Damit Spannungen nicht aufstauen.“ – „Natürlich nicht“, sagte ich. „Sonst müsste man sie irgendwann aushalten.“
Dann erklärte Kevin den Putzplan. Nicht starr, sondern flexibel, weil man Leistung nicht von der Tagesform trennen wolle. Ich hörte zu. „Also putzt ihr, wenn ihr Lust habt." -- „Wenn wir die Kapazität haben." -- „Meine Toilette hat keine Meinung dazu. Ich sah Walter an. „Hast du das verstanden?“ – „Leider ja.“ – „Dann erklär es mir.“ – „Es putzt keiner, wenn er sich gerade nicht danach fühlt.“ – „Ah“, sagte ich. „Also wie in einer Bahnhofsunterführung.“
Jonas öffnete noch einmal den Mund. Ich sah ihn an. Er schloss ihn wieder.
Plötzlich kochte auf dem Herd etwas grau-grünes über. Alex nahm den Topf herunter. „Was ist das?“, fragte ich. „Overnight Oats“, sagte Maya. „Die kocht man?“ – „Nein, die sind nur warm geworden.“
Luna hatte das Rezept auf ihrem Handy aufgerufen und las die Zubereitungsschritte halblaut vor. Ich sah ihr eine Weile zu. „Hast du das schon mal gemacht?" Sie scrollte weiter. „Nein. Aber ich habe drei Videos dazu geschaut." Ich nahm ihr das Handy sanft aus der Hand, legte es auf den Tisch und stellte den Topf auf den Herd. „Luna", sagte ich, „manche Dinge lernt man nicht durch Zuschauen." Sie öffnete den Mund. Dann schloss sie ihn wieder und sah zu, wie ich das Wasser aufsetzte. Ohne Handy. Fast andächtig.
Ich rührte kurz in der Masse. „Das ist kein Frühstück. Das ist ein medizinischer Befund.“ Walter nickte. „Das ist Tapetenkleister." -- „Tapetenkleister hat mehr Biss", sagte ich. „Und einen klareren Verwendungszweck.“
