Weihnachtszaubernächte - Thomas Klappstein - E-Book

Weihnachtszaubernächte E-Book

Thomas Klappstein

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Beschreibung

Jede Menge "NEUE KLEINE GESCHICHTEN ZUM GROßEN ALTEN FEST". Wenn die Autorenfreunde und -Kollegen Thomas Klappstein, Mickey Wiese und Frank Bonkowski - sich entschließen, gemeinsam ein Buch mit von ihnen geschriebenen Kurzgeschichten zum Thema Advent und Weihnachten zu veröffentlichen, darf man sicher sein, daß es keine alltäglichen und keine 08/15 Geschichten zur zauberhaftesten Zeit des Jahres sind. Da wird humorvoll geschildert, wie sich ein Europäer im amerikanisch-familiären Weihnachtswahnsinn wiederfindet, ein geistlicher Würdenträger sorgt mit einer ungewöhnlichen Aktion für eine Stunde Weihnachten in einem speziellen Etablissement, Fatima-Heike und Adolf wollen ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest mit ihren unterschiedlichen Herkunftsfamilien feiern. Am Elbstrand in Hamburg berührt auf einmal der Himmel die Erde, weil in einem Café am Heiligen Abend zufällig Menschen zusammengebracht werden, die eigentlich gar nicht zusammen passen. Mit "Draußen bleiben" gibt es aber auch eine Geschichte, in der das erhoffte Weihnachtswunder zunächst mal ausbleibt. Kalendergedanken beschäftigen sich mit der Zeit "zwischen den Jahren" und dem Jahreswechsel und Mickey Wiese schildert im letzten literarischen Beitrag in sehr persönlicher Weise , warum er Weihnachtsgeschichten schreibt. Jede Menge "neue kleine Geschichten zum großen alten Fest". Ganz neue und ein paar bewährte persönlich ausgesuchte Lieblingsgeschichten. Geschichten die es in sich haben. Von 3 Autoren die es draufhaben, sich schätzen und mögen und die wundersame und zauberhafte Zeit des Advents und Weihnachten einfach lieben. In dem humor- und phantasievollen, romantischen und nachdenklich machenden, manchmal auch schrägen Geschichtenreigen, findet sich die Vielfalt dieser besonderen Jahreszeit wieder.

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Seitenzahl: 212

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhalt

Ein Wort vorweg

Ein Europäer im amerikanischen Weihnachtswahnsinn

von Frank Bonkowski

Eine Stunde Weihnachten

von Mickey Wiese

Wunderkind

von Thomas Klappstein

Wikingerweihnacht

von Thomas Klappstein

Weihnachten bei Fatima-Heike und Adolf

von Mickey Wiese

Heiligabend allein im Café

von Frank Bonkowski

Als der Himmel die Erde am Elbstrand berührte

Ein Weihnachtswunder am Hamburger Elbstrandvon Thomas Klappstein

Weihnachten im Linienbus

von Mickey Wiese

Der Tag, an dem ich Weihnachten kapierte

Adventliche Einblicke in das Tagebuch einer Pastorentochtervon Frank Bonkowski

Neulich in Bethlehem – eine ereignisreiche Nachtschicht

Eine Weihnachtsgeschichte für Kleine und Großevon Thomas Klappstein

Weihnachten im Waschsalon

von Mickey Wiese

Gold, Weihrauch und ... was?!?

von Frank Bonkowski

U79 – Die Weihnachtswunderlinie

von Thomas Klappstein

Der letzte Weihnachtsbaum erleuchtet die Hölle

von Mickey Wiese

Ich bin doch nur ein Geschäftsmann

von Frank Bonkowski

Ein Weihnachtswunder in herausfordernden Zeiten

von Thomas Klappstein

Schwarze ZOOMnachten

von Mickey Wiese

Der Tyrann

von Frank Bonkowski

Weihnachtswunderblumen hinter Gittern

von Thomas Klappstein

Weihnachten in der Sporthalle

von Mickey Wiese

Nigel der Tölpel

von Frank Bonkowski

Draußen bleiben

von Frank Bonkowski

Die Brücke der Lichter

von Mickey Wiese

Die Weihnachts-Lese-Tour der Heiligen drei Trioinfernalisten

von Thomas Klappstein

Kalendergedanken

von Thomas Klappstein

Weihnachten in der Hohe Mark – Ein Licht in der Dunkelheit Warum ich Weihnachtsgeschichten schreibe

von Mickey Wiese

Weihnachtswurzeln

Die Autoren

Das Allerletzte –Historische persönliche Vorworte aus „Weihnachtswunderzeit“, dem ersten Buch in der Trio Infernale Edition

Ein Wort vorweg

Auch wenn „Vorworte“ die wahrscheinlich am häufigsten überblätterten und am wenigsten gelesenen Texte eines Buches sind, wie einer von uns drei Freunden und Autorenkollegen gerne bemerkt, so ist ein Buch ohne „Vorwort“ ja eigentlich unvollständig, wie ein anderer meint. Deshalb ein paar Worte vorweg.

Das selbsternannte „Trio Infernale Autorenkollektiv“ freut sich sehr, nach zwei erfolgreichen gemeinsamen Buchveröffentlichungen, nun mit „WEIHNACHTSZAUBER-NÄCHTE“, quasi eine Trilogie zustande gebracht zu haben.

Neue kleine Geschichten zum großen alten Fest. Adventlich-weihnachtliche Kurzgeschichten, die wir alle drei so gerne mögen. Ganz neue und ein paar bewährte persönliche Lieblingsgeschichten.

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen – man weiß nie, was man bekommt“. Dieses mittlerweile berühmte Filmzitat aus „Forrest Gump“ kommt uns in den Sinn bei An- und Durchsicht des fertigen neuen Manuskriptes. Ihr und Sie haltet es in Buchform in der Hand. Alle Geschmacksrichtungen können vertreten sein. Aber da Pralinen kleine Meisterwerke sind, schmecken sie eigentlich alle gut. Auch wenn man persönlich natürlich geschmackliche Vorlieben hat. So wird es auch mit den Geschichten dieses Buches sein. Nicht jede Geschichte entspricht dem für einige wichtigen weihnachtlichen, manchmal klischeebeladenen „Schmuseideal“. Auch in der Advents- und Weihnachtszeit ereignet sich das ganz normale Leben. Und manchmal mögen wir es auch etwas schräg. Es kann sein, das einen eine Geschichte einmal nicht so sehr berührt oder erreicht. Dafür geht einem anderen Menschen genau bei diesem Text gerade ein Licht auf, das er schon lange ersehnte und das ihn auf seinem Weg stärkt. Oder er findet sie einfach nur schön. Und auch umgekehrt.

Kleine literarische Oasen, die in einer besonderen Zeit des Jahres zum Nachdenken, Meditieren, gerne auch Diskutieren und zum Schmunzeln anregen können. Auch einfach nur unterhalten dürfen. Die einfach guttun.

Zwei der neuen Geschichten ähneln sich übrigens auf den ersten flüchtigen Blick. Sie spielen am selben Ort und haben z. T. ähnliche Protagonisten. Nachdem die erste dieser Geschichten geschrieben und den Kollegen zugemailt und vorgestellt wurde, wurde einer der anderen Kollegen fast unmittelbar inspiriert, die Geschichte noch einmal aus der Sicht von zwei „Nebencharaktären“ der ersten Story zu erzählen. Mit künstlerisch-schriftstellerischer Freiheit natürlich. Ihnen und Euch wird schnell auffallen, um welche beiden Geschichten es sich handelt.

Uns drei, das „Trio Infernale“ – eine Gruppe junggebliebener, oft eigenwillig (andere sagen originell) denkender Autoren und Theologen (die Beschreibung „Out-of-the-box-Theologen“ finden wir auch gut ) – eint die Hoffnung und Sehnsucht, einen besonderen, einen speziellen Advent zu erleben und eine Weihnachtszeit, die voller Wunder und Zauber steckt, die und den es zu entdecken gilt. Z. B. durch neue kleine Geschichten zum großen alten Fest .

Ihnen und Euch als Leserin und als Leser wünschen wir anregende Lese-Momente. Gute Adventstage und -wochen, eine frohe Weihnachtszeit (die übrigens bis in den Januar hinein dauert) und jedes Jahr mindestens ein echtes Weihnachtswunder bzw. eine echte Weihnachtszaubernacht. Egal zu welcher Jahreszeit.

Herzlichst, das TRIO INFERNALE: Frank Bonkowski, Thomas Klappstein, Mickey Wiese

Bad Segeberg an der Trave / Duisburg an Rhein und Ruhr / Frankfurt am Main - AD 2025

P.S.

Die eigentliche „Weihnachtswurzel“, die Originalgeschichten und Texte, von denen aus in unseren Herzen etwas angezündet wurde, was ein Blitzlichtgewitter in unseren Gehirnen auslöste, finden sich zum Nachlesen noch mal am Ende des Buches. Die Weihnachtsgeschichten nach Lukas und Matthäus, aus dem Neuen Testament der Bibel. Alle Geschichten, die wir je über Weihnachten geschrieben haben und noch schreiben wollen, entwachsen aus diesen beiden Wurzeln. Die neutestamentlichen Weihnachtstexte sind die Wurzeln und unsere Geschichten sind quasi die bunten Triebe und Blüten.

Wer mag, kann die Originale auch gerne vorab lesen und sich dann den weiteren Geschichten widmen. Dann einfach das Buch auf den hinteren Seiten zuerst aufschlagen. Absolut lesenswert auf jeden Fall der unmittelbar vor den „Weihnachts-wurzeln“ neue und sehr persönliche Text von Mickey Wiese „Weihnachten in der Hohe Mark – Ein Licht in der Dunkelheit“, mit dem dann auch der Geschichtenteil abgeschlossen wird. Hier beschreibt Mickey seinen Durchbruch zum „Zauber der Weihnacht“ und warum er Weihnachtsgeschichten schreibt. Kann man auch gerne lesen, bevor es an seine anderen Geschichten geht, weil er mit diesem Text einen guten Leitfaden für seine Storys anbietet.

P.P.S

Zur besseren Einsortierung und Motivation, warum das „Trio Infernale“ überhaupt Bücher dieser Art veröffentlicht, am Ende des Buches, nach den „Weihnachtswurzeln“ und den Kurz-Viten der Autoren, noch einmal die drei persönlichen Vorworte aus dem ersten Band der Trilogie „Weihnachtswunderzeit“. Leicht aktualisiert. Auch wenn es für einige Leserinnen und Leser u. U. bedeutet, noch mehr Seiten in diesem Falle gar nicht erst aufzublättern, was wir keinem verübeln, aber für uns haben sie immer noch Relevanz und sie sind uns wichtig. Historisch Interessierte wird’s sicherlich freuen. Auch diese darf man natürlich gerne vorab lesen.

Ein Europäer im amerikanischen Weihnachtswahnsinn

von Frank Bonkowski

Als Daniel von seiner Verlobten Emily nach Amerika eingeladen wurde, um dort Weihnachten mit ihrer Familie zu verbringen, hatte er sich das irgendwie stilvoller vorgestellt. Er wollte einen guten Eindruck machen – charmant, höflich, der perfekte zukünftige Schwiegersohn.

Aber schon nach zehn Minuten im Haus der McAllisters wusste er: Er war im falschen Weihnachtsfilm.

Wie man den ersten Eindruck verkackt.

„Daniel! Welcome to the family!“ brüllte Mr. McAllister und zog ihn in eine Umarmung, die einem Wrestling-Griff glich.

„Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Sir“, sagte Daniel höflich.

Stille.

„Sir?“ Bob McAllister runzelte die Stirn. „Junge, hier sind wir locker! Nenn mich einfach Bob!“

Daniel zwang sich zu einem Lächeln. „Natürlich… Bob.“

„Guter Mann! Would you like a Beer? Dafür seid ihr Deutschen ja berühmt.“

Es war 10 Uhr morgens.

Daniel wollte höflich sein. „Oh, nein danke. Vielleicht später.“

Stille. Alle starrten ihn an.

„Naja, dann wenigstens einen Eggnog!“

Daniel nahm den Becher, trank einen Schluck – und versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen. Es schmeckte, als hätte jemand eine Crème Brûlée ertränkt und dann mit billigem Rum wiederbelebt.

Erste Mission: Eindruck schinden? Misslungen.

Kulturelle Fettnäpfchen im Minutentakt

Nachmittags wollte Daniel sich nützlich machen – in Europa ein sicherer Weg, Pluspunkte zu sammeln. In Amerika: ein Desaster.

Als er sich anbot, beim Dekorieren zu helfen, drückte ihm Elenor, seine zukünftige Schwiegermutter, einen hässlichen Weihnachtspullover in die Hand.

„Zieh den an! Weihnachtsfoto!“

Daniel zögerte. „Oh, eigentlich trage ich lieber Hemden…“

„Zieh! Ihn! An!“

Zehn Minuten später stand er da, eingewickelt in ein Rentier-Ungetüm, dessen Nase durch eine LED-Lampe rot blinkte.

Bob stellte sich mit einem Bier neben ihn und brüllte: „Jetzt siehst du endlich aus wie’n richtiger Amerikaner!“

Als Daniel sich beim gemeinsamen Singen für „Stille Nacht“ in der deutschen Originalversion entschied, verstummte nach drei Zeilen der Raum und er sang „Nur das traute hochheilige Paar“ als solo. Tante Linda blinzelte nervös.

„Äh… schön! Sehr... klassisch!“ sagte Emily hastig.

Zweite Mission: Europäische Eleganz beweisen? Gescheitert.

Das Essen – Daniel gegen Amerika

Als es endlich ans Weihnachtsessen ging, schöpfte Daniel Hoffnung. Essen konnte er. Was sollte da schief gehen.

Dann sah er, was auf seinem Teller lag.

Truthahn mit Cranberry-Sauce (okay), grüne Bohnen mit frittierten Zwiebeln (ungewöhnlich), Süßkartoffeln mit Marshmallows (bitte was?).

„Das ist unser berühmter Casserole-Auflauf!“ strahlte Tante Linda.

Daniel nahm höflich eine Gabel. Seine Geschmacksknospen schickten sofort einen Notruf ans Gehirn. Süß, salzig, cremig, klebrig – alles gleichzeitig. Es war, als hätten sich Nachtisch und Hauptgang in einer dunklen Gasse geprügelt.

„Lecker, oder?“ fragte Bob.

Daniel zwang sich zu einem Nicken. „Ein echtes… Erlebnis.“

Dritte Mission: Kulinarische Anpassung? Schwere Magenverstimmung.

Der Santa-Fail – und das unerwartete Ende

Nach dem Essen drückte Emily ihm ein Santa-Kostüm in die Hand. „Hör zu, mein Dad liebt es, wenn jemand den Santa für die Kinder spielt. Du wärst perfekt!“

Daniel, inzwischen ein geschlagener Mann, zog sich das unbequeme, nach Plastik riechende Outfit an und setzte sich auf einen viel zu kleinen Stuhl, während die Kinder kreischend auf ihn zustürmten.

Sophie, Emilys sechsjährige Nichte, kletterte auf seinen Schoß.

„Santa, bringst du mir eine Katze?“ fragte sie mit leuchtenden Augen.

„Ähm, also, ich weiß nicht, ob—“

„Du musst! Ich war brav! Sonst bist du nicht der echte Santa!“

Daniel geriet ins Schwitzen. Er wollte nicht lügen, aber auch kein Kind enttäuschen und vor allen Dingen sollten die nicht merken, dass er gar nicht der echte Santa war.

Also sagte er: „Vielleicht... wenn du ganz lieb bist?“

Sophie begann zu weinen.

„Oh nein! Santa denkt, dass ich nicht brav genug war!“

Bob sah ihn streng an. „Junge, du hättest einfach ‚Ja‘ sagen sollen.“

Später, nach dem Krippenspiel, in der Kirche, saßen Emily und Daniel im Auto.

„Ich hab‘ alles verbockt, oder?“ murmelte er.

Emily lachte. „Nein, du hast dich tapfer geschlagen.“

Daniel atmete erleichtert aus. Zumindest sie hatte noch Vertrauen in ihn.

„Wenigstens müssen wir das nicht jedes Jahr machen“, fügte er hinzu.

Emily schwieg.

„Emily?“

Sie biss sich auf die Lippe.

„Meine Familie liebt dich“, sagte sie langsam. „Sie haben mich gerade gefragt, ob wir unsere Hochzeit nächstes Jahr an Weihnachten in den USA feiern wollen.“

Daniel erstarrte.

Draußen leuchteten Rentiere, Santa wackelte im Wind, und irgendwo explodierte eine Lichterkette.

Er starrte in die blinkende Apokalypse.

Ihm lief ein Schaudern über den Rücken, als er sich seine sehr deutsche Familie im nächsten Jahr in diesem Christmas Chaos vorstellte. Schließlich war er ja der moderne, weltoffene in der Familie.

Er nahm einen tiefen Atemzug und sagte das Einzige, was ihm in diesem Moment in den Kopf kam: „Meinst du es ist noch was von diesem verdammten Eggnog zuhause?“

Eine Stunde Weihnachten

von Mickey Wiese

Eingang des unscheinbaren Hauses hinter dem Bahnhof leuchtet fast so bunt wie der Weihnachtsbaum, den sein jüngster Sohn gestern für den heutigen Weihnachtstag mit kindlich-kreativer Energie in den grellsten Regenbogenfarben geschmückt hat. Er atmet noch einmal tief durch, bevor er das Bordell im Bahnhofsviertel seiner Heimatstadt betritt. Es ist ihm bewusst, dass er mit diesem so klein anmutenden Schritt etwas Neues wagt. Ihn fröstelt und das liegt nicht nur an den winterlichen Temperaturen.

So schreiend bunt der Eingang ist, so gedämpft rot ist das Licht hinter der Fassade. Von irgendwoher dudelt ein Radio leise quäkend Weihnachtslieder. Der Duft von irgendeiner Kaufhauskräutermischung zur Saison hängt in der aufgeheizten Luft. Er muss unwillkürlich an kalten Weihrauch am Morgen nach einer Mitternachtsmesse denken. Der Bordellbetreiber hinter dem Tresen schaut kaum auf und winkt den neuen Besucher weiter in Richtung des Kontakthofs. Auf den sechs Stockwerken mit je elf Zimmern bieten 66 Frauen aus aller Herren Länder ihre Dienste an.

Der Besucher öffnet seinen Wintermantel und nestelt nervös an seinem Kollar herum, daß ihn sofort für jeden als Geistlichen erkennbar macht. Er ist überrascht, denn trotz des Weihnachtsfestes herrscht hier große Betriebsamkeit, sodass der Pastor den vielen Freiern kaum auffällt. Im Kontakthof riecht es nach schweren Parfums und abgestandenen Alkoholausdünstungen. Er erinnert sich an einen alten Zeitungsartikel über Bordelle mit dem Titel „Eine Weide, die nach Schlachthof riecht“ und findet das nicht unpassend. Beherzt macht er einen Schritt in die Mitte des Raums. Sofort kommen einige der Frauen, die an der Wand gelehnt haben, auf ihn zu und fragen, worauf er Lust habe.

„Ich habe Lust“, sagt er mit fester Stimme, „alle Frauen, die heute hier arbeiten, eine ganze Stunde lang zu mieten.“ Fatima-Heike, Tochter von muslimisch-christlichen Eltern, die hier irgendwie hängen geblieben ist, kontert ihm schnippisch: „Das könnte teuer werden! Und was willst du überhaupt mit so vielen Frauen? Glaubst du etwa, du bist omnipotent?“ Das Wort hatte sie vor ein paar Tagen im Radio aus einem klassischen Weihnachtslied aufgeschnappt und sich gemerkt, weil es so witzig klingt.

„Nein, das wohl kaum. Und was das Geld anbelangt: Ich habe mein Erspartes genommen und möchte euch allen eine Stunde Weihnachten schenken. Ich habe hier 6.666 Euro. Könntet ihr bitte den anderen Frauen in den Zimmern Bescheid geben? Dann kann ich jeder Frau die vereinbarten 101 Euro für eine Stunde in die Hand geben.“

Es dauert eine ganze Weile, bis alle Frauen aus ihren Zimmern gekommen sind und ihr Geld in Empfang genommen haben. Fatima-Heike fragt frech: „Und jetzt? Sollen wir dir ’ne Nonnennummer machen?“ Die Freier im Kontakthof grinsen und warten gespannt, wie es weitergehen wird.

„Nein danke!“, schmunzelt der Pastor. „Ihr könnt mit dieser Stunde machen, was ihr wollt. Das ist ja der Sinn eines Geschenks.“

„Aber warum?“, ruft eine andere Frau aus der Menge. „Warum tust du das? Du kennst uns doch gar nicht.“

„Das stimmt“, antwortet er. „Wie ich schon sagte: Ich wollte euch allen einfach nur eine Stunde schenken, weiter nichts. Danach halte ich den Weihnachtsgottesdienst in meiner Gemeinde. Und dann gehe ich nach Hause zu meiner Familie, und es gibt die Bescherung. Aber ich möchte euch diese eine Stunde schenken, damit ihr an diesem Nachmittag nicht arbeiten müsst und die Gelegenheit habt, euch über Weihnachten zu freuen. Denn Weihnachten heißt, dass allen Menschen große Freude verkündet wird, weil für sie in der ersten Weihnacht der Retter Jesus geboren worden ist.“

„Was geht uns das an! Das erzählst du besser den Leuten in deiner Kirche“, unterbricht ihn eine Blondine. „Der Jesus, der will doch nichts mit uns zu tun haben. Der verurteilt doch unseren Lebensstil“, fährt sie fort. „Die Leute in einer Moschee und die in deiner Kirche tun das auch, die wollen uns dort nicht haben!“, mischt sich Fatima-Heike ein. „Außer wir steigen aus“, fährt sie fort, „und leben von Hartz IV und lassen uns als Vorzeigeobjekte der Barmherzigkeit der Kirche herumreichen.“ Sie lacht dabei, aber der Pastor merkt, wie verletzt sie tief innen ist.

„Das kann leider sein, dass Leute euch ablehnen“, gibt der Pastor zu, „aber der Herr der Kirche, Jesus, verurteilt euch jedenfalls nicht. Ich will es euch ganz kurz erklären: Damals, in der ersten Weihnacht, hat Gott Jesus auf die Erde geschickt, um den Menschen zu sagen: Ich habe euch lieb. Allen voran den Hirten, die wegen ihres Berufs und der damit verbundenen miesen Arbeitsbedingungen Ausgestoßene aus der Gesellschaft waren. Jedenfalls keine „Vorzeigeobjekte“, sondern eher zwielichtige Gestalten, Penner und ehemalige Gangster. Doch gerade die hat Gott sich ausgesucht, um ihnen zuallererst die Weihnachtsbotschaft zu erzählen. Sie saßen am Lagerfeuer, und auf einmal umleuchtete sie eine riesige Lightshow. Als sie sich an das grelle Licht gewöhnt hatten, sahen sie einen Engel. Der sagte zu ihnen: „Fürchtet euch nicht! Ich bringe euch die größte Freude für alle Menschen: Heute ist für euch in der Stadt, in der schon David geboren wurde, der lang ersehnte Retter zur Welt gekommen. Es ist Jesus Christus, der Herr. Und daran werdet ihr ihn erkennen: Das Kind liegt, in Windeln gewickelt, in einer Futterkrippe.“

Weihnachten hat also mit Jesus Christus zu tun. Weihnachten bedeutet, dass Gott sich den Menschen zuwendet und ihnen sagt: Ihr seid mir unendlich wertvoll und ich habe euch total lieb. Weihnachten bedeutet, dass Gott den Menschen mit Jesus ein großes Geschenk macht: An dem Leben von Jesus sollen nämlich alle sehen können, wie man glücklich werden kann. Für Muslime ist Jesus ein großer Prophet, für Christen ist Jesus der Sohn Gottes. Für alle Menschen aber ist Jesus der Grund, warum es Weihnachten gibt, warum es Geschenke gibt und man einen ganzen Abend lang mal nur fröhlich sein kann. Aus dem Grund wollte ich euch heute eine Stunde Weihnachten schenken.“

„So hat mir das noch nie jemand erzählt!“, sagt Fatima-Heike bewegt. Sie unterhalten sich noch eine Zeitlang und stellen dem Pastor Fragen. Am Ende ist die eine Stunde viel zu schnell vorbei, während sie miteinander lachen und glücklich sind.

„Wisst ihr was?“, sagt der Pastor, bevor er gehen muss. „Ich habe zwar kein Geld mehr, aber ich werde mir welches leihen und euch noch eine Stunde schenken, mit der ihr machen könnt, was ihr wollt, weil wir die erste Stunde ja nun hauptsächlich mit Reden verbracht haben. Und wenn ihr mögt: Ich lade euch alle in meinen Gottesdienst ein, damit ihr noch mehr Weihnachten erleben könnt. Ihr könnt gleich mit mir kommen, müsst aber nicht. Ihr könnt die Stunde auch einfach nur genießen und nichts tun. Aber ich würde mich sehr freuen, wenn ihr am Gottesdienst teilnehmt. Ich werde das sofort mit eurem Chef besprechen.“

Mit einem verlegenen Räuspern meldet sich da genau der zu Wort. Er hat sich seit einiger Zeit unbemerkt im Halbdunkel aufgehalten. „Das wird nicht notwendig sein. Du musst keinen Kredit aufnehmen, Pastor. Ich selber werde die nächste Stunde von meinem Geld bezahlen.“ Während die Frauen ihren Boss ungläubig ansehen, murren einige Freier. „Und was ist mit uns?“, fragt einer verärgert? „Sorry, aber die nächste Stunde ist der Laden dicht!“, verkündet der Bordellbesitzer bestimmt. „Du kannst mich mal!“, sagt einer der Freier ungehalten und steuert auf den Ausgang zu. Ein anderer ruft wütend: „Jetzt machst du wohl einen auf fromm, was?“

Die Frauen sind noch immer sprachlos über die zusätzliche freie Stunde. Manche verziehen sich in ihre Zimmer, andere an die Bar. Einige von ihnen aber, allen voran Fatima-Heike, machen sich auf den Weg, um im Gottesdienst der Gemeinde zu sehen, ob die Weihnachtsgeschichte wirklich das hält, wovon der Pastor gesprochen hat.

Wunderkind

Basiert auf einer wahren BegebenheitVon Thomas Klappstein

„Hallo, Wunderkind!“ – das waren die ersten Worte, die sie hörte, als sie die Augen aufschlug. Es war taghell. Eigentlich mehr als das. Auf jeden Fall: zu hell für sie. Zu hell für Gaby.

Doch die Sonne schien ihr nicht direkt ins Gesicht. Sie lag in einem Raum, in dem es ununterbrochen piepste und fiepte. Geräusche in einer Frequenz, die ihr unangenehm ins Ohr schnitt – alles wirkte wie eine technisierte Kakophonie.

Was machte sie hier? Eben noch hatte sie mit ihrer Familie Heiligabend gefeiert. Am nächsten Vormittag wollte sie mit ihrer Tochter Lisa den Tisch für das festliche Essen decken. Gäste waren eingeladen. Und nun lag sie hier – in einem grell beleuchteten Raum, umgeben von einer nervtötenden Geräuschkulisse. Als man ihr sagte, dass bereits der 26. Dezember sei, murmelte sie nur benommen:

„Ich muss doch morgen wieder arbeiten …“

„Wunderkind, du musst erst mal gar nichts“, sagte ein junger Mann in weißer Kleidung und lächelte mild. „Deine Arbeitsstelle muss eine Zeit lang ohne dich auskommen.“

Sein Name war Mirko – wie sie erst später erfuhr.

Gaby hatte keine Ahnung, was passiert war. Keine Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen war. Die letzten fast zwei Tage waren einfach ... verschwunden.

Am 24. Dezember 2019, dem Heiligabend, hatte sie noch mit Gerd – ihrem Mann –, mit Lisa, ihrer erwachsenen Tochter, und Gretel, ihrer Schwiegermutter, zusammengesessen. Sie genossen das liebevoll zubereitete Festmenü – in der kleinen Gartenhütte, die Gerd zur Partyhütte umgebaut hatte. Der Kamin spendete wohlige Wärme. Die Geschenke waren sorgfältig ausgewählt. Ein stimmungsvoller, friedlicher Abend.

Für den 1. Weihnachtstag hatten sie Gäste eingeladen – Gerds Schwester und Schwager. Lisa, die über Nacht geblieben war, wollte mit ihr zusammen das Esszimmer festlich dekorieren. Gerd hatte Frühschicht – die Maschinen in seinem Betrieb standen auch an Weihnachten nicht still.

Nach einem gemütlichen Frühstück gönnten sie sich erst einmal einen der klassischen Weihnachtsfilme im Fernsehen – wie früher, als Lisa noch klein war. Ganz entspannt, im Jogginganzug. Nur Mutter und Tochter. Es war genug Zeit.

Nach dem Film ging Lisa ins Bad. Gaby blieb noch auf der Couch liegen. Plötzlich – ein stechender Schmerz in ihrem Kopf. So intensiv, so vernichtend, als wolle ein Bus durch ihren Schädel fahren und scheitere daran. Immer wieder knallte er gegen die Schädelwand.

Sie dachte nur: Lass mich sterben!

Trotz allem schaffte sie es noch, aufzustehen. Irgendwie schleppte sie sich in ihr Zimmer. Dort brach sie schließlich zusammen.

Dann: Blackout.

Erst als sie in diesem grellen Raum wieder zu sich kam und Mirko sie mit „Hallo, Wunderkind!“ begrüßte, begann ihre Erinnerung langsam zurückzukehren. Und ja – gut sah er aus, der Mirko.

Doch was war in der Zwischenzeit geschehen?

Gretel, ihre Schwiegermutter, war es, die sie fand. Sie kam – wie so oft – unangemeldet durch die Terrassentür, die selten abgeschlossen war, wenn Gaby zu Hause war. Lisa war noch unter der Dusche – das Wasser rauschte. Gretel entdeckte Gaby regungslos am Boden und rief sofort nach Lisa. Gleichzeitig wählte sie den Notruf 112.

Der Rettungswagen brachte Gaby ins St.-Josef-Krankenhaus nach Moers – in eine völlig überfüllte Notaufnahme. Man vermutete ein Kreislaufproblem. Sie wurde abgelegt, zunächst nicht weiter beachtet. Akutere Fälle schienen dringender.

Lisa und Gretel wichen ihr nicht von der Seite.

Nach drei langen Stunden verlangte Lisa eindringlich ein CT. Gabys Zustand besserte sich nicht. Inzwischen war auch Gerd eingetroffen. Als er die Szenerie sah, sagte er nur: „Das sieht hier aus wie im Krieg.“ Es herrschte Chaos an diesem ersten Weihnachtstag.

Endlich: Das CT.

Röhre auf, Gaby rein, Knopf an, Knopf aus, Gaby wieder raus.

Dann wurde es ernst.

Gaby wurde hinausgetragen. Eine Schwester sagte: „Bleiben Sie bitte hier stehen.“

Wenig später kam sie wieder: „Der Arzt möchte Sie sprechen.“

Gerd – mit Gaby seit anderthalb Jahren verheiratet – wurde bereits vorsorglich ihr Ehering ausgehändigt.

Der diensthabende Arzt zeigte das CT-Bild. „Alles, was Sie hier weiß sehen, ist in Wahrheit rot – es ist Blut, das sich in ihrem Kopf ausgebreitet hat.“ Man habe die Bilder bereits an das Universitätsklinikum Essen und die Wedau-Kliniken Duisburg geschickt.

Im schlimmsten Fall handele es sich um ein geplatztes Aneurysma. Dann müsse sofort operiert werden.

In dem Moment klingelte das Telefon. Es war die Klinik in Duisburg. Der Arzt sagte nur: „Alles klar, wir schicken sie sofort los.“

Ein Rettungswagen wurde organisiert. Gaby wurde für den Transport stabilisiert. Die OP sollte dreieinhalb Stunden dauern.

Die Sanitäter erklärten Gerd und Lisa: „Sie können hinterherfahren, aber wir haben Sonderrechte.“

Trotzdem kamen Lisa und Gerd zuerst an. Als man Gerd später fragte, wie das möglich war, sagte er trocken:

„Ich fahre einen AMG-Mercedes.“

Die Operation verlief gut.

Am nächsten Tag – dem 26. Dezember – kamen Gerd und Lisa in die Klinik. Eine Schwester empfing sie mit den Worten:

„Gut, dass Sie da sind. Ihre Ehefrau und Mutter dreht gerade durch.“

Gaby hatte keine Erinnerung an die Ereignisse. Ihr Kopf schmerzte. Das Licht war zu grell. Die Geräusche zu laut. Sie wollte mit niemandem sprechen.

Als sie Gerd und Lisa sah, war da ein großes Fragezeichen in ihren Augen. Auch Mirko stand da – der Pfleger, der sie mit „Hallo, Wunderkind!“ begrüßt hatte.

Gerd zeigte ihr den Ehering, den er im Krankenhaus in Moers erhalten hatte. Erst dadurch ließ sie erste Erklärungen zu. Langsam begann sie zu begreifen.

Aber was hatte es mit dem „Wunderkind“ auf sich?

Als sie Mirko später danach fragte, antwortete er:

„Von Menschen wie Ihnen haben wir mehrere. Aber mit denen kann man nicht reden.“

Dann fügte er hinzu:

„An dem, was Sie hatten, sterben 50 Prozent sofort. 40 Prozent behalten schwere Schäden zurück. Und die restlichen 10 Prozent … nun, das sind die Ausnahmefälle. Dass Sie so klar sind – das ist wirklich ein Wunder.“

Gaby schwieg. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie knapp sie dem Tod entkommen war.

Trotz allem kehrte sie langsam zurück zu ihrer typischen Leichtigkeit. Ihrem Humor – oft schwarz, manchmal bissig, aber immer hilfreich, um schwierige Situationen zu bewältigen.

Das Licht allerdings blieb ein Problem. Bei jeder Visite wurde es noch heller. Gaby fragte sich, wo das Personal all die Schalter herholte, um die Helligkeit noch weiter zu steigern.

Als die Kopfschmerzen nicht verschwanden, murmelte sie: „Der nächste, der hier Licht anmacht, den bring ich um.“

Drei Tage später brachte Gerd ihr eine Sonnenbrille. Bei der Visite fragte man sie: „Warum tragen Sie eine Sonnenbrille?“

Gaby antwortete trocken: „Warum machen Sie so viel Licht an?“

Die Antwort: „Weil das hier eine Intensivstation ist.“ –

Na dann.

Die neue Realität war schwer zu akzeptieren. Gaby war es gewohnt, Dinge im Griff zu haben. Jetzt musste sie sich fügen. Geduld war nicht ihre Stärke. Der Verband auf ihrem Kopf erinnerte sie ständig daran, dass dort Haare fehlten – und dass sie nicht mehr die Alte war.

Als sie Lisa nach einem Spiegel fragte, meinte die nur:

„Du siehst kacke aus. Das musst du dir nicht auch noch im Spiegel anschauen.“

Aber sie fand auch bald wieder zu ihrer manchmal etwas vordergründigen Leichtigkeit zurück, die ihr half, herausfordernde Situationen leichter zu bewältigen. Auf jeden Fall war sie noch auf der Intensivstation – und normal war noch gar nichts. Auch Tagesabläufe gerieten immer noch durcheinander.