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Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. Patricia Vandenberg ist die Begründerin von "Dr. Norden", der erfolgreichsten Arztromanserie deutscher Sprache, von "Dr. Laurin", "Sophienlust" und "Im Sonnenwinkel". Ohne ihre Pionierarbeit wäre der Roman nicht das geworden, was er heute ist. »Primärprävention bedeutet die Vermeidung der Entstehung einer Krankheit durch Beseitigung ihrer Ursachen. Sekundärprävention zielt dagegen darauf ab, eine Erkrankung im asymptomatischen Frühstadium zu erkennen«, murmelte Janine Merck vor sich hin, während sie in ihrer Wohnung hin und her eilte. Sie befüllte die Waschmaschine und schaltete sie ein, legte im Wohnzimmer eine Decke zusammen, räumte die Spülmaschine aus und schenkte sich bei dieser Gelegenheit einen Kaffee ein. »Logischerweise kommt danach die Tertiärprävention.« Während sie nachdachte, löffelte sie Zucker in die Tasse und öffnete den Kühlschrank, um Milch herauszuholen. »Tertiäre Prävention … Mist, sauer.« Ärgerlich betrachtete sie die Flocken, die im Kaffee schwammen. »Unter tertiärer Prävention versteht man das …, versteht man die … Mensch, Kopf, was ist los mit dir? So schwer ist das doch nicht.« Unwillig ging Janine hinüber zum Tisch, wo ein ganzer Stapel Bücher über-, auf- und nebeneinander lag. Es dauerte eine Weile, bis sie das richtige gefunden hatte. »Hier steht's ja! Tertiärprävention bedeutet das Aufhalten der weiteren Verschlechterung oder Verminderung von Komplikationen einer bestehenden Krankheit. Das ist doch nicht so schwer«, schalt sie sich selbst. »Warum kannst du dir das nicht merken?« In ihren Monolog hinein klingelte es an der Tür. Augenblicklich dachte sie an Peter Kern, den sie doch mit Hilfe ihrer Fortbildung ein für alle Mal aus ihrem Kopf verbannen wollte. Ein paar Monate lang hatte sie sich mit dem Witwer getroffen.
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2023
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»Primärprävention bedeutet die Vermeidung der Entstehung einer Krankheit durch Beseitigung ihrer Ursachen. Sekundärprävention zielt dagegen darauf ab, eine Erkrankung im asymptomatischen Frühstadium zu erkennen«, murmelte Janine Merck vor sich hin, während sie in ihrer Wohnung hin und her eilte. Sie befüllte die Waschmaschine und schaltete sie ein, legte im Wohnzimmer eine Decke zusammen, räumte die Spülmaschine aus und schenkte sich bei dieser Gelegenheit einen Kaffee ein. »Logischerweise kommt danach die Tertiärprävention.« Während sie nachdachte, löffelte sie Zucker in die Tasse und öffnete den Kühlschrank, um Milch herauszuholen. »Tertiäre Prävention … Mist, sauer.« Ärgerlich betrachtete sie die Flocken, die im Kaffee schwammen. »Unter tertiärer Prävention versteht man das …, versteht man die … Mensch, Kopf, was ist los mit dir? So schwer ist das doch nicht.« Unwillig ging Janine hinüber zum Tisch, wo ein ganzer Stapel Bücher über-, auf- und nebeneinander lag. Es dauerte eine Weile, bis sie das richtige gefunden hatte. »Hier steht’s ja! Tertiärprävention bedeutet das Aufhalten der weiteren Verschlechterung oder Verminderung von Komplikationen einer bestehenden Krankheit. Das ist doch nicht so schwer«, schalt sie sich selbst. »Warum kannst du dir das nicht merken?«
In ihren Monolog hinein klingelte es an der Tür. Augenblicklich dachte sie an Peter Kern, den sie doch mit Hilfe ihrer Fortbildung ein für alle Mal aus ihrem Kopf verbannen wollte.
Ein paar Monate lang hatte sie sich mit dem Witwer getroffen. Gemeinsam hatten sie neue Hobbys entdeckt, viel unternommen, geredet und gelacht. Nie hatte Peter Anstalten gemacht, ihr zu nahe zu kommen. Janine war das ganz recht gewesen. Nach einigen unerfreulichen Männerepisoden wollte sie es langsam angehen lassen. Wendys Warnung, auf diese Weise würde sie über kurz oder lang auf der Freundesliste landen, hatte Janine in den Wind geschlagen.
Bis eines Tages eine Frau die Tür seines Apartments geöffnet hatte.
»Du kennst doch Hettie?« Verliebt lächelnd hatte Peter den Arm um die andere gelegt. »Wir haben uns beim Klettern kennen gelernt, damals, als du überraschend absagen musstest wegen eines Notfall sin der Praxis.«
Dieser Satz hallte immer noch in Janines Kopf nach. Das Bild von Peter und seiner neuen Freundin war in ihren Kopf eingebrannt. Wendy hatte recht behalten. Doch Janine wollte sich nicht unterkriegen lassen. Nach ein paar Trauertagen beschloss sie, die neugewonnene Zeit gewinnbringend in eine Fortbildung zu investieren. In zwei Tagen stand die Prüfung an. Aber auch wenn sie dachte, Peter überwunden zu haben, blitzte die Erinnerung an ihn immer wieder unerwartet auf. So wie an diesem Mittag. Mit weichen Knien ging sie zur Tür.
»Mein Name ist Lauer von der Telefongesellschaft.« Der Mann vor der Tür lächelte sie an. »Sie haben eine Störung gemeldet.«
»Richtig! Sie hatte ich völlig vergessen.« Janine atmete tief ein und aus, ehe sie zur Seite trat und ihn einließ.
»Wirklich?« Er lachte. »Warum sind Sie dann um diese Uhrzeit zu Hause?«
»Eins zu null für Sie!« Janine schnitt eine Grimasse. »Diese Prüfung bringt mich völlig durcheinander. Hier lang! Da drüben ist mein Telefonanschluss.« Sie winkte ihn mit sich.
»Sie haben eine Prüfung vor sich?« Thomas Lauer machte vor dem Anschluss im Flur Halt und stellte seine Tasche ab.
»Ich weiß auch nicht, welcher Teufel mich geritten hat, als ich mich für die Fortbildung angemeldet hab«, erzählte Janine, während sie ihm dabei zusah, wie er sich an der Telefonbuchse zu schaffen machte, Kabel und Kontakte prüfte.
»Mit dem Kopf verhält es sich wie mit den Muskeln. Ohne Training geht nicht viel.« Er griff zum Telefon und hielt den Hörer ans Ohr. »Und ohne Internet geht Ihr Festnetztelefon nicht.«
»Weil ich das erkannt habe, sind Sie heute hier.«
»Damit steht es unentschieden«, bemerkte Thomas vergnügt. Er öffnete den Koffer und holte ein paar Messinstrumente heraus. »Dann wollen wir mal.« Er steckte eines der Geräte an der Telefonbuchse an und begann mit seiner Arbeit.
»Stört es Sie, wenn ich in der Küche noch ein bisschen Krankheitsprävention lerne?«, erkundigte sie sich.
»Nur zu. Wenn Sie mich nett bitten, frage ich Sie auch später ab.«
»Geht leider nicht. Wenn Sie hier fertig sind, muss ich zurück zur Arbeit.« Janine war schon auf dem Weg in die Küche, als sie sich noch einmal umdrehte. »Wollen Sie einen Kaffee? Aber nur ohne Milch. Die ist mir sauer geworden.«
»Auch ein Prüfungsopfer?«, neckte der Techniker sie gut gelaunt. »In diesem Fall verzichte ich und werde mich beeilen, damit ich Sie nicht länger als unbedingt nötig von Ihrer Arbeit abhalte«, versprach er und beugte sich über sein Messgerät.
Janine blieb noch einen Moment in der Küchentür stehen und sah ihm zu. Dann kehrte auch sie zu ihren Büchern zurück, um vor Ende der Mittagspause wenigstens die Präventionen zuverlässig zu lernen.
*
Um die Mittagszeit war das Café ›Schöne Aussichten‹ immer gut besucht. Schnell hatte es sich herumgesprochen, dass es hier nicht nur den besten Kuchen der Stadt gab. Auch Gemüsequiche, fantasievoll belegter Flammkuchen und kleine Mahlzeiten wie Suppen und Salate erfreuten die Mägen der arbeitenden Bevölkerung.
Seitdem musste Tatjana Bohde einen Platz reservieren, wenn ihr Freund Danny Norden seine Mittagspause mit ihr verbringen wollte. Hektisch, wie es an diesem Montag seit dem frühen Morgen zuging, dachte sie aber erst wieder an ihn, als er durch die Tür der Bäckerei trat.
»Ach, du Schreck, Danny! Was machst du denn heute hier?«
»Super! Ich freu mich auch, dich zu sehen!« Er beugte sich zu ihr hinab und drückte ihr einen Kuss auf den Mund.
»Jedem, wie er’s verdient.« Tatjana ließ ihren unvollkommenen Blick schweifen.
Nach einem Autounfall war sie viele Jahre blind gewesen, bis eine Operation ihr einen Teil des Sehvermögens zurückgegeben hatte. In dieser Zeit hatte sie mithilfe der verbliebenen Sinne eine fast mystische Verbindung zu ihrer Umwelt aufgebaut. Tatjana fühlte und erinnerte mehr, als gesunde Menschen wahrnahmen. Manchmal war sie selbst ihrem Freund Danny unheimlich.
»Du hast mir nachts mindestens drei Mal die Bettdecke geklaut. Deshalb wollte ich heute nicht an dich denken.« Sie zwinkerte ihm zu, nahm ihn bei der Hand und schlängelte sich geschickt vorbei an Stühlen und Tischen, bis sie – ohne sich auch nur ein einziges Mal zu stoßen – vor einem freien Platz Halt machte.
»Haben Sie was dagegen, wenn Ihnen dieser gut aussehende, wohlerzogene junge Mann Gesellschaft leistet?«, fragte sie die Dame, die allein dort saß. »Vielleicht gelingt es ihm sogar, Sie aufzumuntern.«
Irritiert blickte die Dame auf.
»Woher wissen Sie, dass ich traurig bin?«
Danny musterte die Frau überrascht. Tatjana dagegen lächelte und zuckte mit den Schultern.
»Ich weiß nicht. Ich spüre das. Aber wenn Dr. Norden junior bei Ihnen sitzt, haben Sie sicher schnell wieder gute Laune.« Sie beugte sich zu ihr hinab, als wollte sie ein Geheimnis mit ihr teilen. »Er kann sehr witzig sein«, raunte sie ihr zu.
»Einverstanden.« Die Dame zwinkerte Danny wohlwollend zu, ehe sie sich wieder an Tatjana wandte. »Obwohl es mir schon gut geht, wenn Sie mir noch ein Stück von dieser köstlichen Schoko-Sahne-Torte bringen.« Sie hielt ihr den Teller hin.
»Sehr gern. Sonst noch was? Und für Sie, Herr Norden?«, wandte Tatjana sich scherzhaft an ihren Freund.
»Ich nehme einen Flammkuchen mit Rucola und Tomaten. Und ein Sprudelwasser.«
Wie immer merkte sich Tatjana die Bestellung und machte sich auf den Weg, um das Gewünschte in Auftrag zu geben. Als sie allein waren, wandte sich Danny an die Frau.
»Mich laust der Affe! Frida … Sie …, du bist doch Frida? Mums Freundin, die vor vielen Jahren nach Italien gegangen ist?«
Die Dame lachte.
»Dann habe ich mich also doch nicht verhört. Erkannt hätte ich dich nämlich nicht mehr«, gab sie zu und wirkte schon gar nicht mehr traurig. »So ein Zufall aber auch.«
»Seit wann bist du in München? Weiß Mum davon?«
Frida schüttelte den Kopf.
»Noch nicht. Aber sie wird es bald erfahren.« Vor Freude begannen ihre Augen zu blitzen. Oder lag das an der Torte, die Marla – eine Mitarbeiterin der Bäckerei – vor sie auf den Tisch stellte? »In letzter Zeit hatten wir nicht mehr so viel Kontakt. Wie geht es euch?«
»Ausgezeichnet. Wie du siehst, bin ich in die Fußstapfen meiner Eltern getreten und auch Arzt geworden«, gab Danny bereitwillig Auskunft und griff nach dem Besteck, um dem Flammkuchen zu Leibe zu rücken. »Ich arbeite mit Dad in der Praxis.«
»Und deine Mutter? Macht sie noch diese Fortbildung zur Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie?« Auch Frida machte sich mit gutem Appetit über die Torte her.
Danny verneinte.
»Sie ist inzwischen Leiterin der Pädiatrie in der Behnisch-Klinik. Ihr werdet euch viel zu erzählen haben.« Mehr wollte er nicht verraten. »Aber sag: Wie ist es dir ergangen?«
»Gut, sehr gut. Ich habe allerhand erlebt, viele Erfahrungen gesammelt, bis mich die Sehnsucht nach meiner alten Heimat und meiner lieben Freundin wieder hergetrieben hat.« Inzwischen war auch das zweite Stück Kuchen von Fridas Teller verschwunden. Ihr Blick war der eines noch nicht zufriedenen Babys. »Deine Mutter und ich, wir hatten viel Spaß damals.« Ihre suchenden Augen glitten über die zahlreichen Gäste. Als sie Marla entdeckte, hob sie die Hand. Dann kehrte ihre Aufmerksamkeit wieder zu Danny zurück. »Ich bin gekommen, um die Zeit von damals nocheinmal aufleben zu lassen.«
Skeptisch wiegte Danny den Kopf.
»Glaubst du wirklich, dass das möglich ist? Wann immer ich versucht habe, ein besonders tolles Erlebnis zu wiederholen, war das Ergebnis mehr als ernüchternd.«
Frida lachte.
»Keine Angst. Mir ist schon bewusst, dass die Welt sich ändert. Weder deine Mutter noch ich sind dieselben wie früher. Trotzdem denke ich, dass wir immer noch viel Spaß haben können.«
»Den ich euch von Herzen gönne«, erwiderte Danny lächelnd.
Fridas Gedanken waren unterdessen weiter gewandert.
»Übrigens ist es sensationell, dass ich dich getroffen habe. Das erleichtert mir die Suche. Du kannst mir sicher sagen, wann und wo ich Fee am besten treffen kann.«
»Warum hast du nicht vorher mit ihr gesprochen? Sie hätte sich Urlaub nehmen können.« Danny hatte seine Mahlzeit beendet. Er legte das Besteck beiseite und trank einen Schluck Wasser.
»Und was, wenn das nicht geklappt oder sie aus einem anderen Grund abgelehnt hätte?« Frida schüttelte den Kopf. »Nein. Dieses Risiko wollte ich nicht eingehen. Ich muss das Leben jetzt feiern.«
Ehe Danny etwas erwidern konnte, trat Marla an den Tisch.
»Na, ihr zwei Hübschen, was kann ich noch für euch tun?«, erkundigte sie sich keck. »Noch eine Schokotorte?«
Frida nickte mit glänzenden Augen.
»Und noch einen Flammkuchen für den Herrn Doktor. Er braucht Kraft für seine Patienten.«
Erschrocken hob Danny die Hände.
»Um Gottes willen. Noch einen Bissen mehr und ich platzte. Mal abgesehen davon, dass das mir das meine schlanke Linie übel nehmen würde. Von Tatjana mal ganz zu schweigen.«
»Ein Glück, dass das bei mir schon egal ist«, erwiderte Frida lapidar und orderte ein weiteres Stück Torte.
Danny sagte nichts dazu, wunderte sich aber insgeheim. Er erinnerte sich dunkel daran, dass sie früher sehr auf ihr Gewicht geachtet hatte. Da er sie aber nicht beschämen wollte, verzichtete er auf einen Kommentar und verwickelte sie in ein anregendes Gespräch über ihre Zeit in Italien. An diesem Nachmittag musste er nicht zurück in die Praxis. Er übernahm die Hausbesuche, ehe er am nächsten Morgen mit Tatjana in einen Kurzurlaub aufbrechen würde. So konnte er der Freundin seiner Mutter noch ein wenig Gesellschaft leisten und amüsierte sich über ihre humorvollen Erzählungen, bis es schließlich doch Zeit wurde zum Aufbruch.
Danny zückte seine Brieftasche.
»Lass nur, junger Mann. Diese Rechnung geht auf mich.« Fridas Ton duldete keinen Widerspruch. »Als Ausgleich kannst du mir die Adresse verraten, wo ich Fee finden kann.«
Danny dachte kurz nach.
»Was hältst du davon, wenn ich dich an der Behnisch-Klinik absetze?«
»Nur, wenn es keine Umstände macht.«
»Überhaupt nicht. Den Rest des Tages bin ich mit Hausbesuchen beschäftigt. Und für dich nehme ich den kleinen Umweg sehr gern in Kauf.« Galant half er ihr in den Mantel und bot ihr den Arm.
Frida lachte zufrieden. Nachdem sie sich von Tatjana verabschiedet hatten, ließ sie sich zur Tür führen.
»Deine süße Freundin hat recht. Du bist ein überaus charmanter Zeitgenosse. Ein Glück, dass ich schon so alt bin. Sonst könnte ich mich nicht beherrschen …« Sie zwinkerte ihm zu, und ihrer beider Lachen hallte bis auf den Gehweg hinaus, als sie die Bäckerei ›Schöne Aussichten‹ gemeinsam verließen.
*
»Oh, Sie sind fertig! Das trifft sich gut. Meine Mittagspause ist auch gleich zu Ende«, teilte Janine dem Telefontechniker mit, der dabei war, seine Sachen zusammen zu packen. »Ich muss zurück an die Arbeit.«
Thomas Lauer klappte den Deckel der Tasche zu. Mit leisem Klacken schnappten die Schlösser ein.
