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Kriminelle Winzer schrecken vor nichts zurück ... In Bad Dürkheim kommt ein Winzer in einer Traubenpresse ums Leben, kurz vorher starb ein Kollege unter ungeklärten Umständen bei der Weinlese. Tragische Unfälle? Nicht für Oberstaatsanwalt Röder. Für seinen Geschmack waren die hiesigen Weinbauern in letzter Zeit auffällig unvorsichtig. Röder stellt Nachforschungen an und stößt schon bald auf eine erste Spur. Doch die führt ausgerechnet zu seinem besten Freund, Edelwinzer Achim Hellinger.
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Seitenzahl: 303
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Markus Guthmann wurde 1964 in Pirmasens geboren. Der Vater zweier erwachsener Söhne lebt heute mit seiner Frau und zwei kleinen ehemaligen Straßenhunden an der Deutschen Weinstraße. Seit über dreißig Jahren schreibt er erfolgreich im Nebenberuf und hat vor einigen Jahren den Weg zur Kriminalliteratur gefunden.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© 2025 Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: AdobeStock/Nadia
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Marit Obsen
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-98707-251-2
Pfalz Krimi
Originalausgabe
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Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß §44b
Weil es gäb auser de Palz jo a noch onneres zu seh.Sicher hoscht du recht, wonn du sagscht, dass ders onnerschtwu a gfallt. Awwer onnerschtwu is onnerscht und halt net wie in de Palz.
Die anonyme Giddarischde, »Palzlied«
PROLOG
»So lasse ich mich nicht von dir abspeisen.«
»Was denn? Ich habe dich doch immer bezahlt.«
»Du Arschloch, das waren Almosen. Du machst das dicke Geld, und ich gehe leer aus.«
»Quatsch, ich habe auch Kosten, und so lukrativ ist das Geschäft nun auch wieder nicht. Ich strample mich ab für die Familie, damit du und ich endlich mal sorgenfrei leben können.«
»Familie? Du meinst deine Mafiaorganisation. Klar bin ich ein Teil davon. Ich kann ja nicht anders. Du hast mich in der Hand und ziehst mich voll über den Tisch. Ein Mafiapate macht das nun mal so. Ich will jetzt, verstehst du, jetzt meinen Anteil, oder ich lasse dich auffliegen.«
»Das tust du nicht. Wir kennen uns, solange du lebst, und du wirst deinen gerechten Anteil bekommen.«
»Aber wann denn? Das versprichst du mir schon seit Jahren. Wir mögen uns seit Ewigkeiten kennen, aber du bist und bleibst ein Arschloch. Ich mache die Drecksarbeit, und du sahnst fett ab. Du lebst in Saus und Braus, während ich als unterbezahlter Kellermeister mein Leben fristen muss.«
»Du kannst froh sein, dass ich dir als letzter Mensch auf dieser Welt noch helfe. Das werde ich auch in Zukunft tun. Und noch mal: Du wirst deinen gerechten Anteil bekommen.«
»Ich sehe, du bist zu einem Menschenfreund mutiert. Der letzte Mensch, der mir noch hilft? Du hast mich erst recht in die Scheiße geritten.«
»Und gemeinsam kommen wir da wieder heraus.«
EINS
Der Frühlingsbeginn war noch nicht abzusehen, aber die ersten Schneeglöckchen und der eine oder andere zaghafte Krokus sprossen im Vorgarten. Die Haselnusssträucher blühten schon lange und verbreiteten für manche Pfälzer und Pfälzerinnen allergische Pollen. Der Vorfrühling kündigte sich an, aber es war kalt, und Regen wechselte sich mit Schnee ab, der nicht mehr lange auf dem Boden liegen blieb.
Röder wurde durch ein krächzendes »Woarschtmakt, Woarschtmakt« geweckt.
Manu rekelte sich und sagte verschlafen: »Gott sei’s gedrummelt und gepfiffe, dem Hugo geht’s wieder gut.«
»Ja, aber er hat bestimmt einen ganz schönen Kater«, antwortete Röder und schielte auf den Vogel, der noch etwas benommen in seinem Käfig auf der Stange saß. Lotte, die Familienhündin, schlief mit einem halb geöffneten Auge unter dem Käfig und schien Wache zu halten.
»Ist ja auch Fasching«, entgegnete Manu. »Das war mal wieder eine tolle Aktion von deiner Mutter.«
»Hmh«, erwiderte Röder, kroch aus dem Bett und füllte die Wasserschale im Vogelkäfig auf. Hugo war ein prächtiger Amazonenpapagei, den Röders Mutter vor zwei Jahren von einer Freundin übernommen hatte, als diese ins Altenheim umgezogen war und ihn nicht hatte mitnehmen dürfen. Hugo war Witwer, seine Partnerin war schon vor einigen Jahren verstorben. Eigentlich sollten Papageien nicht allein gehalten werden, und die Familie Röder hatte überlegt, ob sie Hugo nach Birkenheide in den Vogelpark bringen sollten. Aber das wollten sie Röders Mutter, die inzwischen ein inniges Verhältnis zu dem Vogel entwickelt hatte, nicht antun. Das Tier tat der neunzigjährigen Dame in ihrer fortschreitenden Demenz einfach nur gut. Stattdessen hatten sie beschlossen, dem Vogel eine Partnerin zu suchen und eine große Voliere zu bauen.
»Ist doch klasse«, hatte Laura irgendwann gesagt, »dann kriegt der alte Sack endlich mal eine junge Geliebte.«
Hugo hatte schon vierunddreißig Jahre auf dem Buckel und war damit deutlich älter als die jüngste Tochter des Hauses. Und er war ein echter Pfälzer. Von einem Pfälzer Züchter, bei einer Urpfälzerin aufgewachsen und mit dem Verhalten eines Pfälzers im Blut.
»Woarschtmakt, Woarschtmakt«, tönte es aus laut dem Käfig.
Röder streichelte dem Vogel über das Gefieder. »Ich hätte nicht gedacht, dass du die letzte Nacht überlebst.«
»Alla donn, alla donn.«
Röder war am Rosenmontag gegen halb acht von der Arbeit nach Hause gekommen. Wenn es die aktuellen Fälle zuließen, nahm er sich am Faschingsdienstag für die Familie frei, und so, wie es im Moment aussah, konnte er am Aschermittwoch im Homeoffice arbeiten. Röders Mutter hatte, wie es schon seit vielen Jahren ihre Gewohnheit war, tagsüber die Karnevalszüge im Fernsehen verfolgt. Obwohl sie eine gebürtige Hamburgerin, also Protestantin, war, schwärmte sie bis heute von ihrer Studienzeit in Mainz und der »Määnzer Fassenacht«. Die anschließende Promotion in Bonn rundete ihre prägenden karnevalistischen Erfahrungen ab.
»Wir hätten gestern besser auf die beiden aufpassen müssen«, sagte Röder.
»Na, danke. Du warst ja nicht da«, grummelte Manu. »Ich möchte dich mal hören, wenn man dir die Rieslingschorle verbietet.«
»Das ist doch ganz was anderes.«
»Blödsinn, selbst Harald sagt, dass ein bis zwei Weinschorlen für deine Mutter Medizin sind. Sonst hat sie doch nicht mehr viel.« Harald Kleber war ihr Hausarzt, und das seit Jahrzehnten. Er wollte sich jetzt bald ganz aus der Praxis zurückziehen, die er zusammen mit seinem Sohn führte. Eigentlich plante er diesen Schritt schon seit einiger Zeit, aber Marko Kleber hatte seine Approbation wegen einer rechtskräftigen Verurteilung erst vor zwei Jahren wiedererhalten. »Jetzt schleich dich und mach mir einen Kaffee.«
Röder schlurfte in die Küche. Der Vorabend war total chaotisch verlaufen. Nachdem Röder nach Hause gekommen war, hatte Manu wie üblich noch mal kurz nach Röders Mutter geschaut. Sie schnarchte friedlich, das leere Dubbeglas stand auf ihrem Nachttisch. Der Pflegedienst hatte seine Arbeit getan, und alles schien gut zu sein – bis sie Hugo sah. Sie war aufgeregt zu Röder gerannt. »Du musst runterkommen. Hugo hängt im Seil!«
Röder hatte sein Dubbeglas auf den Tisch geknallt, dass es schwappte, und war mit seiner Frau ins Erdgeschoss geeilt, gefolgt von Lotte. Seine Mutter war offensichtlich okay, aber Hugo, der Papagei, hing kopfüber in seinem Käfig, nur mit einer Kralle hielt er sich noch an der Stange fest.
»Oh nee, was ist denn mit Hugo los?«, rief Röder alarmiert, aber dann sah der Staatsanwalt und Ermittler in ihm die Packung Edel-Kirsch-Pralinen auf dem Nachttisch liegen sowie zwei passende angeknabberte Schokoladenreste im Käfig. Er nahm den Vogel behutsam in die Hände. »Er lebt! Mutter, wie kannst du Hugo nur Schokolade geben, das ist Gift für Vögel.«
»Ach Quatsch«, antwortete Röders Mutter schläfrig. »Schokolade mag Gift sein, aber der Inhalt nicht. Außerdem ist es nur Vollmilchschokolade, die hat ganz wenig Kakao.«
»Der Vogel ist völlig besoffen!«
»Hugo ist ein echter Pfälzer. Er mag neuen Wein, und ab und an kriegt er ein bisschen Riesling ins Wasser. Das schmeckt ihm, und er redet danach immer ganz viel mit mir. Ihr habt ja keine Zeit mehr für mich«, schmollte Röders Mutter.
Röder fehlten die Worte. Er packte den Käfig und trug ihn mit Hugo darin vorsichtig ein Stockwerk höher. Manu telefonierte bereits mit Dr. Zettler, dem Tierarzt ihres Vertrauens, mit dem sie auf dem Wurstmarkt schon das eine oder andere Glas Wein geleert hatten. »Da können wir jetzt auch nichts mehr machen«, erklärte der Tierarzt. »Entweder er überlebt, oder er geht an der Schokoladen- und Alkoholvergiftung ein. Es war aber Vollmilchschokolade und keine dunkle mit viel Kakao?«
Manu bestätigte das.
»Na, dann überlebt er es vielleicht. Ist doch ein Pfälzer Bub.«
Wenig beruhigt, hatten sich Röder und seine Frau auf den Schreck eine Schorle genehmigt. Manu wärmte dabei den sedierten Vogel in ihrem Schoß. Als sie zu Bett gegangen waren, hatten sie Hugo behutsam in den Käfig gelegt, den sie mittlerweile in ihr Schlafzimmer getragen hatten, und Lotte hatte sich unter dem Käfig zusammengerollt, um über ihren gefiederten Freund zu wachen.
Röder seufzte und musste bei der Erinnerung an die Aufregung sogar ein klein wenig schmunzeln. »So etwas gibt es auf keinem Schiff, das gibt’s nur bei den Röders«, murmelte er, während er den Kaffee zubereitete.
Altmodisch filterte er die zwei Tassen Kaffee mit der Hand. Niemals würden sie sich eine von diesen modernen Kaffeemaschinen anschaffen, die auf Knopfdruck Café Crema, Cappuccino, Latte macchiato, Espresso oder sonst etwas brühen und mischen konnten und dann vor sich hin schimmelten, wenn sie nicht ständig gereinigt wurden. Mit Porzellanfiltern und selbst gemahlenem Kaffeepulver hatte er die besten Erfahrungen gemacht. Noch nie hatte ihnen ein morgendlicher Muntermacher besser geschmeckt als der langsam aufgebrühte Kaffee nach ihrer Art. Allerdings gab es in ihrem Haushalt keinen bunten Kaffeewärmer mehr, den man früher über die Porzellankanne stülpte und der in seiner Kindheit auf keiner Kaffeetafel fehlen durfte.
Er brachte das Tablett mit den beiden Tassen und der aktuellen »Rheinpfalz« an das Ehebett. Manu döste noch. Faschingsdienstag, Urlaub in der Pfalz.
»Woarschtmakt, Woarschtmakt«, krähte Hugo nun schon wieder etwas munterer.
»Bis zum Wurstmarkt musst du noch eine ganze Weile warten.«
»Alla donn, alla donn.«
Röder nahm sich zuerst den Lokalteil der »Rheinpfalz«, die »Bad Dürkheimer Zeitung«, vor. Den Politikteil überflog er meist nur oder las ihn quer, wenn er mehr Zeit hatte. Der Lokalteil hingegen war ein Muss. »Einbruch in Grundschule«, »Parkendes Auto beschädigt – Fahrerflucht«, »Fassadenschmierer auf frischer Tat ertappt«, »Trunkenheitsfahrt in Leistadt« – alles Schlagzeilen eines beschaulichen Pfälzer Provinzstädtchens, das mit dem Wurstmarkt, dem »größten Weinfest der Welt«, gegen das Oktoberfest trotzdem locker anstinken konnte. Vor allem, da dieser viel mehr Lokalkolorit versprühte, als es das gigantische Fest in der bayerischen Hauptstadt jemals könnte.
»Alla donn, alla donn.«
Der Artikel, den Röder intensiv las, war der über den Karnevalsumzug der »Derkemer Grawler«. Es ging darin um das neue Sicherheitskonzept mit weniger Wägen am Veilchendienstag, wie der Faschingsdienstag in Bad Dürkheim genannt wurde.
Röder atmete auf. Wenigstens fanden nach der pandemiebedingten Abstinenz wieder Faschingsumzüge statt. Als gebürtiger Dürkheimer hätte er ohne diese Pause beinahe sechzig Umzüge erlebt haben können. Er konnte sich natürlich nicht mehr an alle erinnern, aber tatsächlich an die meisten. Vor fünfzig Jahren waren die Umzüge auch noch sehr klein gewesen. Erst seit etwa dreißig Jahren wuchs die Beteiligung der örtlichen Vereine von Jahr zu Jahr. Obwohl nach der erzwungenen Pause wieder weitestgehend Normalität herrschte, hatte der Umzug jedoch deutlich weniger Zugnummern. Alles schien ein wenig entschleunigter zu sein.
Er freute sich auf den Familientag, denn alle Töchter hatten ihr Kommen zugesagt. Die hochschwangere Marie-Claire wollte mit der kleinen Leonie pünktlich da sein. Ebenso Feli. Die Winzerin hatte ihren Arbeitgeber Hellinger leicht davon überzeugen können, den Tag freizunehmen, denn im Keller reiften die Weine, es gab nicht sonderlich viel im Weingut zu tun. Laura, die nach einem exzellenten Abi in Heidelberg studierte und in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollte, freute sich schon lange auf den Dürkheimer Fasching. Der Wurstmarkt im Spätsommer war die Zeit, in der alle in der Welt verstreuten Dürkheimer nach Hause strebten, um Familie und Freunde wiederzusehen und gemeinsam zu feiern. Der Umzug der »Derkemer Grawler« hatte fast den gleichen Stellenwert. Dass er nur den zweiten Platz unter den »Derkemer« Events einnahm, führte Röder auf die Jahreszeit zurück und darauf, dass er nur einen Tag, am Veilchendienstag, stattfand.
Er war noch immer in die »Bad Dürkheimer Zeitung« vertieft, als es an der Haustür klingelte. Mit Unterhose und einem T-Shirt bekleidet stapfte Röder zur Sprechanlage, die auf Anraten von Steiner mittlerweile mit Video ausgestattet war. Marie-Claire stand mit Leonie vor der Tür, die dicke Tränen weinte. Röder rannte sofort die Treppe hinunter und nahm seine Tochter und seine Enkelin in den Arm. Dieses Jahr würde Leonie in die Schule kommen. »Ihr seid echt früh dran.«
»Es ist Viertel nach neun«, antwortete Marie-Claire. »Rolfi musste schon früh raus und nach Mannheim.« Marie-Claires Mann war Volkswirt und Juniorprofessor an der dortigen Universität.
»Kommt rein. Willst du einen Kaffee?«
»Ja klar, aber nur so einen handaufgebrühten wie früher.«
»Kein Problem«, sagte Röder. Er ging aber erst ins Schlafzimmer, seine Jeans suchen. Manu war schnell aus dem Bett gesprungen, als es klingelte, um sich salonfähig zu machen.
Als Röder im Beinkleid die Küche betrat, saß Marie-Claire am Tisch und hatte die immer noch weinende Leonie im Arm. »Warum weinst du?«, fragte er und streichelte seiner Enkelin über den Kopf.
»Ich darf nicht in den Kindergarten.«
»Aber dafür gehen wir doch heute auf den Faschingsumzug, da sind sogar Pferde.«
Leonie schluchzte noch einmal. »Wirklich?«
»Ja, ganz große, und die ziehen einen Wagen. Ich kenne die Leute, die den Wagen lenken. Vielleicht kannst du mitfahren.«
Die Kleine begann zu strahlen.
»Der Fasching im Kindergarten war gestern«, sagte Marie-Claire.
»So, als was bist du denn gegangen?«, fragte die Oma, die gerade zur Tür hereinkam und ihre Enkelin herzte.
»Als Batgirl natürlich!«
Erst jetzt fiel Röder die schwarze Kluft auf, die Leonie über ihrer warmen Kleidung trug. Fledermausohren und Maske fehlten allerdings.
»Ich habe auch noch die Ohren«, sagte Leonie, während sie in ihrem Rucksack kramte, um sie den Großeltern zu präsentieren.
Es klingelte wieder, und Feli stand vor der Tür, zwei Flaschen Hellinger-Sekt in der Hand. »Es ist Veilchendienstag«, rief sie fröhlich, und Röder umarmte seine Mittlere.
Röder wurde sogleich genötigt, die Flaschen zu öffnen, als es um kurz vor zehn schon wieder klingelte. Laura war ebenfalls eingetroffen.
Nach einem großen Hallo fragte sie: »Wo ist denn Oma?«, und schnappte sich Feli, ohne eine Antwort abzuwarten. »Wir holen die Oma jetzt hoch, und dann geht’s auf den Umzug.« Der Korken knallte.
Um kurz vor elf ermahnte Röder seine Töchter, dass sich alle warm anziehen sollten, denn in wenigen Minuten würde der Umzug am Wurstmarktparkplatz starten, also gleich ums Eck.
»Und, was macht der Chris?«, fragte Marie-Claire an Feli gewandt.
»Hmh. Liebe vergeht, Hektar besteht.«
Laura griff nach ihrer Jacke und fragte ihre älteste Schwester: »Dir ist es in der ganzen Schwangerschaft nicht schlecht gegangen. Jedenfalls hast du nichts gesagt. Wird das jetzt ein Junge?«
»Ich verrate nichts«, antwortete Marie-Claire lächelnd. »Ich habe keinen Test machen lassen, lass dich überraschen.«
Der Zug hatte sich eben in Bewegung gesetzt, als die Familie Röder den Wurstmarktplatz erreichte. Die Oma mit Rollator, begleitet von Feli und Laura, Marie-Claire stiefelte mit der hüpfenden Leonie vorweg und Röder und seine Frau hinterher. Sie lächelten sich an und gaben sich einen innigen Kuss. »Was für eine chaotische Familie«, sagte Röder.
»Ja«, antwortete Manu, und sie küssten sich erneut.
In der Kurbrunnenstraße kam Röders Enkelin zu ihm gehüpft. »Opa, Opa, wo sind denn jetzt die Pferde?«
»Da vorne sind sie. Komm, lass uns schneller laufen.« Röder nahm Leonie an die Hand, und sie überholten lachend einige vor ihnen gehende Schaulustige. Irgendwo am Schlossplatz wurde er auf einmal angerempelt und stolperte, verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Als er fluchend wieder aufsah, war Leonie weg.
Röder stand auf und schaute sich nach seiner Enkelin um. Manu, die den Zusammenprall mitbekommen hatte, erreichte ihn atemlos nach einem kurzen Sprint. »Wo ist Leonie?«
»Sie ist da vorne.« Röder zeigte in die Richtung.
Marie-Claire kam mit Feli, Laura und Oma angelaufen und schrie: »Wo ist Leonie?«
In diesem Moment stoppte der Zug. Röder rannte vor und sah Leonie, die begeistert vor einem riesigen Haflinger stand. Der Gaul senkte den Kopf und schnüffelte gelassen an dem kleinen Hindernis. Der Kutscher hatte sein Gespann im Griff und lächelte, als Röder seine Enkelin packte.
»Darf sie mitfahren?«, fragte Röder.
»Aber klar doch, und die Mutti kann auch aufsteigen.«
Leonie erklomm sogleich mit Hilfe der »Grawler und Grawlerinnen« die Ladefläche hinter dem Kutschbock. Dann halfen viele gut gelaunte Menschen der hochschwangeren Mutter ebenfalls auf den Wagen.
»Helau. Helau.«
»Man sagt ›Hellau‹ und nicht ›Heehlau‹. Da ist doch ein Doppel-L drin«, erklärte eine ältere Frau, die neben Röder stand. Offensichtlich eine »Außergewerdische«.
»Nee, ›Hellau‹ is in Mänz, ›Helau‹ isses in Derkem.«
»Wie kannst du Leonie nur von der Hand lassen? Du hattest die Verantwortung«, beschwerte sich Feli, die mit Röders Mutter und ihrer Schwester zu ihnen aufgeschlossen hatte.
Laura, die angehende Juristin, sagte: »Ja, möglicherweise hast du deine Aufsichtspflicht verletzt. BGB 1626 ff.«
Röder sah seine Jüngste mit erhobenen Brauen an. »Laura, das meinst du jetzt nicht ernst.«
»Doch, Vaddern. Ich studiere Jura, wie du ›sellemols‹.«
Er lachte. »Ich merke schon, du bist immer noch ›e echtie Pälzerin‹.«
»Ei jo.«
»Das geht doch nicht«, moserte Feli weiter. »Du lässt Marie-Claire und Leonie ernsthaft auf dem klapprigen Pferdewagen mitfahren? Was ist, wenn Marie-Claire Wehen bekommt? Sie ist hochschwanger. Auf dem Fuhrwerk. Und was, wenn Leonie einen Tritt vom Pferd bekommen hätte?«
»Jetzt hört doch auf. Die haben Spaß. Alles ist gut.« Röder sah, wie seine Tochter und seine Enkelin unentwegt Kamelle vom Wagen in die Menge warfen.
»Trotzdem, du hättest besser auf sie aufpassen müssen«, sagte Feli in strengem Ton. Sie hatte gerade erst mit ihrem langjährigen Freund Schluss gemacht, weil dieser sich zum Veganer entwickelt und ständig Felis gelegentlichen Konsum von Saumagen und anderen Pfälzer Spezialitäten kritisiert hatte.
»Ja, Ben, du hast wieder nichts mitbekommen«, setzte Manu ironisch nach. Sie kannte die Beziehungskisten ihrer Töchter besser als Röder. »Du hast überhaupt kein Verständnis, wenn deine Töchter mal nicht bestens gelaunt sind.«
»Es ist doch Fasching.« Röder blickte ratlos auf seine Frauen, als sein Telefon klingelte. »Auch das noch«, entfuhr es ihm, als er nach längerer Suche in seinen Taschen Steiners Nummer auf dem Display erkannte. »Gerald, was gibt’s?«
»Ich wünschte, ich könnte ›Helau‹ sagen, aber wir haben einen Toten.«
Röder war sofort bei der Sache. »Okay, was ist passiert?«
»In der Winzergenossenschaft liegt ein zerquetschter Kellermeister. Der Notarzt konnte nur den Tod feststellen. Es sieht nach einem Unfall aus.«
»Und deshalb rufst du mich an? Ich bin erst zuständig, wenn es um Gewaltverbrechen oder ungeklärte Todesfälle geht.«
»Tja, das ist ja das Problem. Komm her, und ich werde dir meine Einschätzung erklären. Du kannst sogar zu Fuß herlaufen, wenn ich richtig informiert bin. Du bist doch auf dem Umzug, oder?«
Röder antwortete spontan mit: »Ja, ich komme«, und legte auf. Irgendwie, wenn auch mit schlechtem Gewissen, war er froh, dem Familienchaos entfliehen zu können, zumal der »Derkemer Faschingsumzug« wieder fröhlich weiterging.
»Schatz, Mädels, ich muss gehen. Die Arbeit ruft.«
Seine Frauen schauten ihn verständnislos an, aber es war nicht das erste Mal, dass Röder in seiner Freizeit wegen eines dringenden Falls angerufen wurde. Wenn Steiner nach ihm verlangte, war es wichtig.
»Jetzt? Wir wollten doch alle gemeinsam nach dem Umzug eine Kleinigkeit bei uns essen«, sagte Manu. »Und heute Abend steigt bei Achim wieder seine Fete.«
»Ich weiß, bis dahin bin ich längst wieder da.« Er gab allen einen schnellen Kuss und ging mit großen Schritten beschwingt in Richtung Winzergenossenschaft. »Uff«, murmelte er, als er das Gebäude erreichte. Das ganze Aufgebot, das bei einem Unfall mit Todesfolge zu erwarten war, parkte davor. Drei Streifenwagen, der Notarztwagen und ein Zivilfahrzeug des Kommissariats 11 in Ludwigshafen, das für Todesfallermittlungen zuständig war.
Röder begrüßte die Polizisten, die er alle persönlich kannte, und wurde umgehend von einem von ihnen in die Kelterhalle begleitet. Die Begleitung hatte er eigentlich nicht nötig, denn er kannte die Winzergenossenschaft spätestens seit seinen Ferienjobs in der Jugend in- und auswendig.
Ein Gewirr von Rohrleitungen und riesigen Behältern aus Edelstahl dominierte die Halle. Apparaturen, die man eher beim nicht weit entfernt ansässigen Weltmarktführer für Chemieprodukte erwartet hätte als in einem Betrieb zur Weinherstellung. Die Modernisierungen in der Branche waren unverkennbar. Röder hatte mehr als fünfzig Jahre theoretische und praktische Erfahrung mit Weinbau und wusste daher um den Wandel »vunn de Pälzer Schwefelbrieh« zum international renommierten Prädikatswein. Vieles Wissen, besonders auch das anwendungsorientierte, hatte er seinem engen Freund, dem Edelwinzer Hellinger, und den Ferienjobs in der Winzergenossenschaft zu verdanken. Hellinger, der damals ein besseres Abitur gemacht hatte als Röder, entschied sich nach der Schule bewusst dafür, den elterlichen Betrieb zu übernehmen und neuen Höhenflügen zuzuführen. Ihre enge Freundschaft bestand seit Kindertagen, und gemeinsam hatten sie schon einiges erlebt.
Röder musste schmunzeln, als er an seinen Freund dachte. Erst dann fiel sein Blick auf die vier modernen Trommelpressen, die in der Mitte des Raumes standen und somit quasi das Herzstück jeder modernen Weinerzeugung bildeten. Die beinahe sieben Meter langen Pressen waren eigentlich nur im Herbst im Gebrauch. Wenn ihre große Zeit des Einsatzes vorbei war, standen sie nur herum und warteten darauf, dass sie instand gehalten wurden.
So war es wohl auch bei der zweiten Maschine gewesen. Die Sanitäter packten gerade ihre Utensilien ein, die dieses Mal wohl nicht zur Reanimation hatten dienen können. Der Notarzt stand daneben und schrieb auf seinem »ruggedized« Tablet-Computer den Bericht. Etwas weiter hinten zogen sich die Kollegen der KTU, der Spurensicherung, etwas unwillig ihre sterilen Overalls an.
Zwischen der zweiten und dritten Presse lag lang ausgestreckt der Körper eines kräftigen Mittfünfzigers in einer Lache von Flüssigkeit. Röders Meinung nach konnte das nur Wasser sein. Wäre es Wein, hätten seine olfaktorisch pfälzisch geprägten Sinne längst angeschlagen.
Steiner kam mit großen Schritten auf Röder zu. Die letzte Rücken-OP hatte ihm wohl geholfen.
»Du hast gesagt, es sehe nach einem Unfall aus, was soll dann die KTU hier?«, fragte Röder den Leiter des K11.
Sybille, Steiners rechte Hand und die Frau von Röders wichtigstem Mitarbeiter Köksal, war Steiner gefolgt. Sie war endlich aus der Elternzeit nach der Geburt ihres zweiten Kindes zurück und antwortete an Steiners Stelle: »Ben, ich teile Geralds Bedenken, da stimmt was nicht. Deshalb haben wir beschlossen, die KTU hinzuzuziehen.«
»Dann erzählt mir endlich, was los ist«, antwortete Röder ungeduldig. »Was ist passiert?«
»Folgendes: Um diese Jahreszeit, während im Keller die Weine vor der Abfüllung des letzten Jahrgangs reifen, überprüft und wartet der Kellermeister«, sie wies auf den Toten, »die Maschinen. Bei der Hochdruckreinigung der zweiten Presse ist Wasser in der Maschine verblieben, was auf ein verschmutztes oder defektes Ablaufventil schließen ließ. Deshalb wollte er sich den Schaden heute ansehen.«
»Wie kann man denn dabei sterben?«, fragte Röder, während sich im Hintergrund die KTU ans Werk machte.
»Indem man in die Maschine steigt«, meldete sich Steiner zu Wort. »Der Kollege, der den Kellermeister heute fand, war gestern mit einer Hochdrucklanze selbst in der Höllenmaschine und stellte ein Problem fest, das er seinem Chef meldete. Der Kellermeister wollte das Problem offensichtlich beheben. Er vermutete ein defektes Ablaufventil.«
»Dabei sollte aber nichts passieren. Jeder, der an elektrischen Geräten arbeitet, schaltet vorher den Strom ab. Das mache sogar ich, wenn ich zu Hause eine neue Lampe aufhänge.«
»Genau das macht uns stutzig, denn der Kellermeister war laut Aussage seiner Mitarbeiter ein pflichtbewusster Profi«, sagte Steiner. »Komm, ich zeige es dir.« Er machte einen Schritt auf die Maschine zu, wurde vom genervten Teamleiter der Spurensicherung mit den deutlichen Worten »Wir machen jetzt erst einmal unsere Arbeit« aber sogleich des Platzes verwiesen.
Steiner blieb stehen. »Alles niemmi so wie frieher«, murrte er und spielte damit auf Pyrecks Weggang an. Der ehemalige Leiter der Spurensicherung war in Polizeikreisen eine Legende gewesen und bekannt für seinen trockenen Humor, der auch die härtesten Fälle für die Ermittler etwas erträglicher gemacht hatte. Vor drei Jahren war er in Pension gegangen.
»Alles niemmi so wie frieher«, echote Röder leise. »Was ist denn deiner Meinung nach geschehen?«
»Der Reihe nach. Der Mitarbeiter, der gestern mit der Hochdrucklanze in der Kiste war und dem Kellermeister das Problem mit dem nicht ablaufenden Wasser geschildert hat, wunderte sich vorhin, dass die Trommel lief, aber sein Chef nirgends zu sehen war. Er kam gerade von einer Zigarettenpause zurück und ist sofort losgerannt, weil er etwas Schlimmes ahnte, hat die Maschine vom Strom genommen und dann seinen Boss leblos im Inneren entdeckt. Mit Hilfe eines anderen Kollegen hat er ihn herausgezogen, den Notarzt gerufen und versucht, unser Opfer zu reanimieren.«
»Gut reagiert. Aber was hat den Kollaps des Kellermeisters bewirkt? Der Leichnam wirkt äußerlich unversehrt, er scheint also nicht verletzt worden zu sein.«
»Na ja, wenn du da drin bist, und die Maschine schaltet sich ein, dann wirst du zwischen dem Pressschlauch in der Mitte und der perforierten Außenwand der inneren Trommel eingeklemmt. So wie das Lesegut im Herbst. Wenn sich das Ganze schließlich noch in Bewegung setzt, fühlst du dich vermutlich wie beim Schleudern in der Waschmaschine. Schongang natürlich, die Trauben sollen ja nicht leiden.« Steiner verzog keine Miene.
»Wie lange hält man den Schongang aus?«, fragte Röder ernüchtert.
»Keine Ahnung. Ich stelle mir vor, dass dir über kurz oder lang die Luft aus den Lungen gedrückt wird, und dann kommt natürlich auch ein Schleudertrauma dazu«, antwortete Steiner ungerührt. »Da müssen wir Fachleute fragen. Ich als Laie schätze zehn Minuten.«
»Wie konnte sich das Ding nur in Bewegung setzen? Da sind doch bestimmt eine Menge Sicherheitssensoren verbaut.«
»Das ist der Grund, warum ich dich angerufen habe. Siehst du die beiden Drahtseile rechts und links der Trommel?«
»Klar, wenn du die berührst, geht die Maschine sofort in den Notstopp.«
»Jemand hat die Endschalter mit kleinen Holzkeilen blockiert. Die liegen dort auf dem Boden. Der Winzerkollege hat sie entfernt.«
Röder pfiff durch die Zähne. »Könnte der Kellermeister das selbst getan haben? Vielleicht wollte er das Ventil in Arbeit sehen?«
»Könnte, könnte. Der Kollege, übrigens der stellvertretende Kellermeister, sagte in einer ersten Vernehmung, dass der Deckel auf war und sich das Ding drehte, obwohl das eigentlich nicht sein kann. Auch da ist ein Sicherheitssystem installiert. Und wie gesagt, der Kellermeister war ein alter Hase. Ich glaube nicht, dass er so fahrlässig gehandelt hätte.«
Röder nickte. »Wie lautet denn eigentlich sein Name? Ich meine, der vom Kellermeister.«
»Lothar Hartleib, dreiundsechzig Jahre. Er wollte nächstes Jahr in Rente gehen und wohnt mit seiner Frau in Friedelsheim.«
»Weiß sie schon Bescheid?«
»Ich habe eine Streife hingeschickt«, antwortete Steiner.
»Okay, die Umstände müssen untersucht werden, aber bisher ist ein Unfall trotzdem nicht auszuschließen«, meinte Röder.
»Ich gebe dir grundsätzlich recht, doch ich finde den Zufall schon sehr seltsam.«
»Welchen Zufall?«, fragte Röder.
»Dass es in so kurzer Zeit zwei tödliche Unfälle mit Kellereimaschinen gibt. Es passiert zwar immer mal wieder was. Aber normalerweise gehen die Unfälle mit Weinbergschleppern und Traubenvollerntern glimpflich aus. Meist quetschen sich die Winzer bloß einen Finger ab oder haben eine Platzwunde am Kopf.«
»Welchen anderen Fall meinst du?«, hakte Röder nach.
»Bei der letzten Weinlese gab es doch bei der Loog-Berg-Genossenschaft diesen schlimmen Zwischenfall. Die Akte ging nicht über deinen Tisch, weil wir alle der Meinung waren, dass es ein Unfall war. Aber du hast bestimmt in der Zeitung davon gelesen.«
»Ah, du meinst den jungen Mann, der in den Anlieferungstrichter für die Trauben gestürzt und dann von der Förderschnecke zerschnitten und zerquetscht worden ist?«
»Genau, Niklas Wyss. Und ich halte das zumindest für sehr ungewöhnlich. Zwei Todesfälle in Kellereimaschinen innerhalb von vier Monaten. Kann natürlich Zufall sein. Klar, zwei Fälle sind nicht repräsentativ. Es ist womöglich nur ein Bauchgefühl, aber meine Intuition sagt mir, hier stimmt etwas nicht. Und wenn ich an den Fall im Herbst denke, gab es da auch Ungereimtheiten, die ich nicht wirklich fassen konnte.«
»Was sagt der Mitarbeiter, der den Kellermeister gefunden hat?«
»Frag ihn doch selbst, er steht da drüben.« Steiner zeigte mit einer Kopfbewegung auf einen Mann in Arbeitskleidung, der in einigem Abstand in einer Ecke stand und hektisch an einer Zigarette zog. »Sein Name ist Jan Weber.« Er besprach sich kurz mit Sybille, die versuchen wollte, von den anderen Mitarbeitern hilfreiche Informationen zu erhalten, während er und Röder sich von dem stellvertretenden Kellermeister die Maschine erklären ließen.
Röder ging auf Weber zu, ein großer junger Mann Anfang dreißig mit roten Haaren und einem zum Zopf geflochtenen Bart. Er hätte von der Optik her locker in einem Wikinger- oder Keltenfilm mitspielen können, wenn da nicht die starke Brille und die wenig altertümlichen Tattoos gewesen wären. »Hallo, ich bin Staatsanwalt Benedikt Röder. Herrn Steiner kennen Sie ja schon. Dürfen wir Ihnen noch ein paar Fragen stellen?«
»Ja klar.« Er trat seine Zigarette aus. »Normalerweise rauchen wir hier drin nicht, aber heute ist eine Ausnahme, denn das alles ist schon echt heftig«, erklärte er mit entschuldigender Miene. »Außerdem kenne ich Sie, Herr Röder. Sie sind hier sehr bekannt.«
Röder überging den Kommentar. »Was ist denn passiert?«
»Ich weiß es beim besten Willen nicht. Ich bin in die Halle zurückgekommen. Die Presse lief, und von Lothar keine Spur. Ich habe dann die Keile gesehen, den Notausschalter gedrückt und die Keile rausgerissen.«
»Nachdem Sie den Schalter gedrückt hatten, stoppte die Maschine. Warum haben Sie dann noch die Keile entfernt?«
»Weil man das nicht macht. Das ist gefährlich. Die Seile mit den Endschaltern sind eine Sicherheitsvorkehrung, die Maschine soll sich abschalten, wenn sie berührt werden. Die darf man nicht manipulieren. Klar, ich hätte sie auch stecken lassen können, aber das war ein Reflex.«
»Herr Weber, gibt es einen Grund, warum ein erfahrener Kellermeister wie Herr Hartleib, ehe er in die Maschine stieg, die Sicherheitssysteme lahmgelegt haben könnte?«, fragte Steiner.
»Das übersteigt meinen Horizont. Arbeitssicherheit ist wahnsinnig wichtig in unserem Beruf, das wird uns Winzern in der Ausbildung regelrecht eingebläut. Das mit den Keilen ist eine grobe Manipulation der Sicherheitsvorrichtungen und, wie man sieht, lebensgefährlich. Aber Lothar ist immer der Meinung, alle Probleme an den Maschinen selbst lösen zu können. Er ist, oh Sch… Er war ein Winzer von altem Schrot und Korn. Als er gelernt hat, arbeiteten die Winzer noch mit Spindelpressen. Ich war gestern zum Saubermachen in der Presse, und natürlich habe ich sie vom Strom genommen. Das Spülwasser ist nicht richtig abgelaufen. Wahrscheinlich irgendetwas mit dem Ablaufventil, das bei der Reinigung logischerweise offen sein sollte. Das sieht man aber erst, wenn man die halbe Maschine auseinandergenommen hat. Das habe ich Lothar gesagt, und er wollte es sich ansehen.«
»Ruft man da nicht den Service des Herstellers an, damit der das repariert?«, fragte Steiner.
»So war der Chef nicht. Wie ich schon sagte, er dachte, er könnte alles selbst richten. Meiner Meinung nach wollte er sich den Aufwand ersparen. Also vermute ich, er hat die Maschine unter Strom gelassen und die Endschalter blockiert, um sich dann in der nicht ausgeschalteten Maschine ein Bild zu machen, was nicht funktioniert. Er hat immer an die Winzergenossenschaft und deren Bilanz gedacht. Er war ja selbst Mitglied und hat mit jedem gesparten Euro seine Ausschüttung erhöht.«
»Kurze Frage«, warf Röder ein. »Es ist Februar, die Weinlese ist vier, fünf Monate vorbei. Warum reinigt man jetzt erst die Presse?«
»Wissen Sie, was in der Weinlese los ist?«, antwortete Weber. »Natürlich spülen wir die Dinger nach der Lese einmal durch, aber erst wenn die Weine im Keller sind, haben wir Zeit für den richtigen Putz und die notwendigen Wartungen.«
»Okay, das verstehe ich«, sagte Steiner, und Röder nickte zustimmend. »Aber ich kapiere nicht, wieso ein Profi in eine laufende Presse steigt. Dazu habe ich noch eine Frage. Wenn sich die Maschine dreht und innen der Pressschlauch aufgeblasen wird, dann kann man doch nicht einsteigen, oder?«
»Nee, dann nicht. Aber die Dinger laufen ja nach Programmschritten. Das ist wie Ihre Waschmaschine zu Hause, da ist der letzte Programmschritt auch Abpumpen. An der Steuerung können beliebige Modi eingestellt werden.«
»Was kann denn an so einem Ablaufventil kaputt sein?«, wollte Röder wissen.
»Alles. Es kann die Ventilklappe gebrochen sein, der Magnet, der das Ventil öffnet, kann durchgebrannt oder das Ventil ganz simpel mit irgendwelchen getrockneten Tresterresten verstopft sein.«
»Okay, ich glaube, das war’s erst mal von unserer Seite. Der Kollege von der Streife hat ja Ihre Aussage aufgenommen. Oder hast du noch Fragen, Gerald?«
Steiner schüttelte den Kopf und erklärte Weber, dass er sich für weitere Fragen zur Verfügung halten solle.
»Ja klar«, sagte Weber und zog an einer weiteren Zigarette, die er gerade aus seiner Arbeitshose genestelt und angezündet hatte. »Ich gehe jetzt geradewegs nach Hause. Für heute reicht’s mir.«
»Schon alles ein bisschen komisch«, sagte Röder, als Weber gegangen war. »Warum ist die Sache so fatal ausgegangen? Hartleib wusste doch, was er regelwidrig tat, und das wohl nicht zum ersten Mal.«
»Kann ja sein, dass er bisher einfach nur Glück hatte. Es gibt immer ein erstes Mal. Vor allen Dingen, wenn du das getötete Unfallopfer bist. Aber vielleicht hat Hartleib im Inneren am Mechanismus herumgerüttelt und hat irgendeinen beschissenen Endschalter aktiviert. Das Ding hat doch noch Dutzende mehr als nur die vier.«
»Ich veranlasse eine Obduktion. Und ihr nehmt mit dem Hersteller Kontakt auf, um deren Meinung zu erfahren.«
»Klar, und die KTU sichert das Werkzeug aus der Presse«, bestätigte Steiner. »Du brauchst mir echt nicht zu erzählen, wie ich meinen Job zu machen habe.«
»Hab’s nicht so gemeint.«
»Weiß ich, denn ich kenne dich lange genug«, erwiderte Steiner lächelnd und sorgte für Entspannung. »Du bist ein ausgesprochener Perfektionist, das beweist du sogar beim Weintrinken. Viel Spaß heute Abend bei Achim.«
»Wie, du kommst nicht?«
»Ich habe zu arbeiten. Vielleicht komme ich später.«
Hellingers Faschingspartys in der traditionellen Winzerstube waren mindestens genauso berühmt-berüchtigt wie seine Geburtstagspartys, die er stets in Verbindung mit dem »Herbschte« seiner Weinlage »Garten« beging. Erst im vergangenen Oktober hatte er seinen Runden gefeiert. Das machte ihm immer noch zu schaffen.
Achtziger-Jahre-Musik wummerte aus der herbeigeschafften Stereoanlage, die mindestens so alt wie die Musik war. Das Gleiche galt für die Lichtorgel und eine von der Decke baumelnde Glitzerkugel. Zusammen verströmten die Museumsstücke eine authentische Atmosphäre des längst untergangenen, aber nicht vergessenen Discozeitalters.
Etwa vierzig bis fünfzig Freunde und gute Bekannte folgten jedes Jahr seiner Einladung. Viele von ihnen hatten die Achtziger vor über vierzig Jahren sogar mit Hellinger und Röder zusammen live erlebt. Überall standen Paare oder Gruppen und tauschten lebhaft Neuigkeiten oder alte Geschichten aus. Es wurde viel gelacht und ebenso viel getrunken. Auf der Tanzfläche zuckten die Tänzer und Tänzerinnen mehr oder weniger rhythmisch wie Olivia Newton-John und John Travolta zu den Pointer Sisters, Diana Ross und Depeche Mode. Richtig ab ging es jedes Jahr spätestens dann, wenn die Weather Girls »It’s Raining Men« anstimmten. Dank des gedimmten Lichts im Raum gab es nicht viel Unterschied zu früher, außer dass weniger geknutscht wurde.
»Wow, Manu, du siehst ja super aus«, rief Hellinger, als er seine alten Freunde begrüßte. Im Hintergrund wummerte gerade »Big in Japan«. Er herzte und küsste Manu und gab Röder einen brüderlichen Bear-Hug.
»Oh Mann. Hier hat sich seit vierzig Jahren nichts geändert. Es läuft ja immer noch der gleiche Mist«, maulte Röder im Spaß.
»Ich lege nachher noch rheinische Faschingsmusik auf. Aber erst muss die Mannschaft durchgeheizt werden, das funktioniert mit den Achtzigern immer noch am besten.« Hellinger machte Manu noch ein paar Komplimente wegen ihres Kleides, der Federboa und des Kopfschmucks, bevor er sich an seinen besten Freund wandte: »Und als was gehst du?«
»Karl Napp. Wie seit beinahe sechzig Jahren«, antwortete Röder und deutete auf seine bunten Leggings, das Hawaiihemd und die grellgrüne Perücke.
»Nein, das stimmt nicht. Im Kindergarten warst du immer der Sheriff.«
»Und du warst der Pirat mit dem Plastiksäbel. Ich wundere mich bis heute, dass ich dich niemals in einem rosa Tüllkleidchen gesehen habe. Jetzt trägst du ja nur noch Weiß.«
Hellinger, der wie üblich an Fasching im Scheichkostüm auftrat, sagte: »Ei jo, denn ich habe die Quellen der Pfalz erschlossen. Wenig Öl, aber ganz viel Wein.«
»Achim, ich muss dich jetzt mal fragen, bevor wir uns ins Getümmel stürzen. Wie kann es sein, dass jemand in einer Weinpresse umkommt?«
