E-Book Verlag: ROWOHLT E-Book Hörbuch Verlag: Argon Verlag GmbH Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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Hörprobe anhören Zeit: 12 Std. 34 Min. Sprecher: Luise Helm
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E-Book-Beschreibung Weit weg und ganz nah - Jojo Moyes

Einmal angenommen … … dein Mann hat sich aus dem Staub gemacht. Du schaffst es kaum, deine Familie über Wasser zu halten. Deine hochbegabte Tochter bekommt eine einmalige Chance. Und du bist zu arm, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Plötzlich liegt da ein Bündel Geldscheine. Du weißt, dass es falsch ist. Aber auf einen Schlag wäre dein Leben so viel einfacher … Und einmal angenommen, du strandest mitten in der Nacht mit deinen Kindern am Straßenrand – und genau der Mann, dem das Geld gehört, bietet an, euch mitzunehmen. Würdest du einsteigen? Würdest du ihm irgendwann während eures verrückten Roadtrips gestehen, was du getan hast? Und kann das gutgehen, wenn du dich ausgerechnet in diesen Mann verliebst?

Meinungen über das E-Book Weit weg und ganz nah - Jojo Moyes

E-Book-Leseprobe Weit weg und ganz nah - Jojo Moyes

Jojo Moyes

Weit weg und ganz nah

Roman

Aus dem Englischen von Karolina Fell

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Einmal angenommen …

 

… dein Mann hat sich aus dem Staub gemacht. Du schaffst es kaum, deine Familie über Wasser zu halten. Deine hochbegabte Tochter bekommt eine einmalige Chance. Und du bist zu arm, um ihren Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Plötzlich liegt da ein Bündel Geldscheine. Du weißt, dass es falsch ist. Aber auf einen Schlag wäre dein Leben so viel einfacher …

 

Und einmal angenommen, du strandest mitten in der Nacht mit deinen Kindern am Straßenrand – und genau der Mann, dem das Geld gehört, bietet an, euch mitzunehmen. Würdest du einsteigen? Würdest du ihm irgendwann während eures verrückten Roadtrips gestehen, was du getan hast?

 

Über Jojo Moyes

Jojo Moyes, geboren 1969, hat Journalistik studiert und für die «Sunday Morning Post» in Hongkong und den «Independent» in London gearbeitet. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern auf einer Farm in Essex. Ihr Roman «Ein ganzes halbes Jahr» wurde international zum Bestseller, wird aktuell für Hollywood verfilmt und stand auch in Deutschland monatelang auf Platz 1 der Bestsellerliste.

 

Weitere Veröffentlichungen:

Die Tage in Paris

Ein Bild von dir

Ein ganzes halbes Jahr

Eine Handvoll Worte

 

Weitere Informationen zur Autorin

Inhaltsübersicht

WidmungPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41Dank

Für Charles, wie alles

Prolog

Ed

Ed Nicholls trank gerade im Kreativraum mit Ronan Kaffee, als Sidney hereinkam. Ein Mann, den Ed irgendwann schon einmal gesehen hatte, stand hinter ihm; noch einer von den Anzugträgern.

«Wir haben Sie gesucht», sagte Sidney.

«Tja, und jetzt haben Sie uns gefunden.»

«Nicht Ronan, nur Sie.»

Ed musterte die beiden ein paar Augenblicke abwartend, dann ließ er einen roten Schaumstoffball Richtung Decke schnellen und fing ihn wieder auf. Er warf Ronan einen Seitenblick zu. Investacorp hatte schon vor achtzehn Monaten die Hälfte der Aktienanteile ihrer Firma gekauft, aber für Ronan und Ed waren diese Männer immer noch nur die Anzugträger. Und das war eine der netteren Bezeichnungen, die sie für sie hatten.

«Kennen Sie eine Frau namens Deanna Lewis?»

«Warum?»

«Haben Sie ihr Informationen über die Markteinführung der neuen Software gegeben?»

«Wie bitte?»

«Das war eine ganz einfache Frage.»

Ed schaute von dem einen zum anderen. Die Atmosphäre war seltsam angespannt. Sein Magen fühlte sich an wie ein brechend voller Aufzug, der langsam Richtung Boden sank. «Könnte sein, dass wir mal über die Arbeit geredet haben. Ich bin nicht sicher.»

«Deanna Lewis?», sagte Ronan.

«Sie müssen uns eine klare Antwort geben, Ed. Haben Sie ihr irgendwelche Informationen über die Markteinführung von SFAX gegeben?»

«Nein. Kann sein. Worum geht’s eigentlich?»

«Die Polizei ist unten und durchsucht zusammen mit zwei Typen von der Bankenaufsicht Ihr Büro. Der Bruder von Deanna Lewis ist wegen Insiderhandels verhaftet worden. Den er auf der Basis von Informationen getätigt hat, die Sie ihnen zur Markteinführung unserer Software gegeben haben.»

«Deanna Lewis? Unsere Deanna Lewis?» Ronan begann seine Brille zu putzen; das tat er immer, wenn er nervös war.

«Der Hedgefonds ihres Bruders hat am ersten Handelstag 2,6 Millionen Dollar Gewinn gemacht. Und sie allein hat hundertneunzigtausend auf ihr Konto erhalten.» Die Typen machten keine Witze.

«Der Hedgefonds ihres Bruders?»

«Das verstehe ich nicht», sagte Ronan.

«Das kann ich Ihnen genau erklären: Deanna Lewis hat zu Protokoll gegeben, sie habe mit ihrem Bruder darüber geredet, dass Ed ihr von der SFAX-Markteinführung erzählt hat. Sie sagt, Ed hat behauptet, es würde eine Riesensache werden. Und jetzt raten Sie mal, was dann passiert ist! Zwei Tage später ist der Fonds ihres Bruders unter den größten Anteilskäufern. Also, was genau haben Sie ihr erzählt?»

Ronan starrte ihn an. Ed versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Als er schlucken musste, war das Geräusch peinlich laut hörbar. Mittlerweile schauten alle zu ihnen. «Ich habe ihr nichts erzählt.» Er blinzelte. «Ich weiß es doch auch nicht. Kann sein, dass ich irgendetwas erwähnt habe. Es war schließlich kein Staatsgeheimnis.»

«Es war ein verdammtes Staatsgeheimnis, Ed», erwiderte Sidney. «Das nennt man Insiderhandel. Sie hat ihrem Bruder erzählt, Sie hätten ihr Daten und Zeiten genannt. Sie haben ihr gesagt, die Firma werde ein Vermögen machen.»

«Sie lügt! Spielt sich auf. Wir hatten … was miteinander.»

«Sie wollten die Kleine bumsen, also haben Sie sich aufgespielt, um sie zu beeindrucken?»

«So war es nicht.»

«Du hattest Sex mit Deanna Lewis?» Ed spürte Ronans bohrenden, kurzsichtigen Blick beinahe körperlich.

Sidney hob die Hände. «Sie müssen Ihren Anwalt anrufen.»

«Aber warum sollte ich Probleme bekommen? Ich habe an der Sache schließlich nichts verdient. Ich wusste nicht mal, dass ihr Bruder einen Hedgefonds hat.»

Sidney sah an ihm vorbei. Plötzlich entdeckten die Neugierigen unheimlich interessante Papiere auf ihren Schreibtischen. Er senkte die Stimme. «Sie müssen jetzt gehen. Die Polizei will Sie in der Dienststelle vernehmen.»

«Was? Das ist doch Wahnsinn. Ich habe in zwanzig Minuten ein Software-Meeting. Ich gehe auf keine Polizeidienststelle.»

«Und natürlich beurlauben wir Sie, bis klar ist, was hinter dieser Sache steckt.»

Ed musste beinahe lachen. «Soll das ein Witz sein? Sie können mich nicht beurlauben. Das hier ist meine Firma.» Er warf den Schaumstoffball hoch und fing ihn, halb von den Anzugträgern abgewandt, wieder auf. Niemand rührte sich. «Ich gehe nicht. Das ist unsere Firma. Sag es ihnen, Ronan.»

Er sah Ronan an, aber Ronan wich seinem Blick aus. Er sah zu Sidney, der nur den Kopf schüttelte. Dann bemerkte Ed die beiden uniformierten Männer, die hinter Sidney aufgetaucht waren, seine Sekretärin, die bestürzt die Hand vor den Mund schlug, man wich vor ihm zurück, und es bildete sich ein Pfad, der über den Teppichboden bis zur Bürotür führte; lautlos fiel der Schaumstoffball neben seinen Füßen zu Boden.

Kapitel 1

Jess

Jess Thomas und Nathalie Benson saßen tief versunken in den Sitzen ihres Reinigungstransporters, der in sicherer Entfernung von Nathalies Haus stand, sodass sie von dort aus nicht gesehen werden konnten. Nathalie rauchte. Sie hatte eigentlich vor sechs Wochen damit aufgehört. Zum vierten Mal.

«Sichere achtzig Pfund die Woche waren das. Plus Urlaubsgeld.» Nathalie stieß einen Schrei aus. «Verdammt. Ich hab richtig Lust, die Schlampe zu suchen, der dieser verfluchte Ohrring gehört, und ihr eine zu knallen. Ihretwegen haben wir unseren besten Auftrag verloren.»

«Vielleicht wusste sie nicht, dass er verheiratet ist.»

«O doch, das wusste sie.» Bevor sie Dean kennengelernt hatte, war Nathalie zwei Jahre mit einem Mann zusammen gewesen, der, wie sich herausstellte, auf der anderen Seite von Southampton nicht nur eine, sondern gleich zwei Familien hatte. «Kein Single-Mann legt sich farblich abgestimmte Zierkissen aufs Bett.»

«Neil Brewster schon», sagte Jess.

«Neil Brewsters CD-Sammlung besteht ja auch aus siebenundsechzig Prozent Judy Garland und dreiunddreißig Prozent Pet Shop Boys.»

Jess und Nathalie gingen seit beinahe vier Jahren zusammen putzen, seit der Zeit, als der Ferienpark Beachfront noch teils unberührtes Paradies, teils Baugelände gewesen war. Damals hatten die Investoren den Einwohnern des benachbarten Küstenstädtchens versprochen, dass sie den Swimmingpool des Ferienparks nutzen dürften, und ihnen hoch und heilig versichert, so ein exklusives Bauprojekt würde ihrer Kleinstadt viele Vorteile bringen und ihr keineswegs die letzte Lebensenergie absaugen.

Auf ihrem kleinen weißen Transporter stand der etwas langweilige Firmenname «Benson & Thomas Reinigungsservice». Nathalie hatte mit einer Schablone daruntergeschrieben: «Geht’s bei Ihnen dreckig zu? Dann nehmen Sie unsere Dienste in Anspruch!» Nach zwei Monaten hatte Jess sie allerdings darauf hinweisen müssen, dass die Hälfte der Anrufe, die sie erhielten, nicht das Geringste mit Putzaufträgen zu tun hatte.

Inzwischen arbeiteten sie fast nur noch in Beachfront. Kaum jemand in der Stadt hatte das Geld – oder wäre überhaupt auf die Idee gekommen, eine Putzfrau anzustellen, abgesehen von einigen Ärzten, Anwälten oder vereinzelten Kunden wie Mrs. Humphrey, die mit ihrer Arthritis nicht mehr selbst putzen konnte.

Einerseits war es ein guter Job. Man konnte selbständig arbeiten, sich die Arbeitszeit einteilen und sich meistens die Kundschaft aussuchen. Die Kehrseite der Medaille waren seltsamerweise nicht die nervigen Kunden (und einen davon gab es immer) oder dass einen beim Schrubben von fremden Toiletten manchmal das Gefühl überkam, man habe es auf der Karriereleiter vielleicht nicht ganz so weit nach oben geschafft, wie man es sich erträumt hatte. Jess störte es nicht, anderer Leute Haarbüschel aus dem Abfluss zu ziehen. Jess störte es nicht einmal, dass sich die meisten Mieter von Ferienhäusern anscheinend dazu verpflichtet fühlten, sich eine Woche lang wie die Schweine aufzuführen.

Die Kehrseite war, dass man viel mehr über das Leben anderer Leute erfuhr, als man jemals hatte wissen wollen.

Jess hätte ein Lied von Mrs. Eldridges heimlicher Shoppingsucht singen können; von den Designerschuh-Bons, die sie im Badezimmer in den Mülleimer warf, von ihrem Schrank voll ungetragener Kleidung, an der noch die Preisschilder hingen. Sie hätte erzählen können, dass Lena Thompson vier Jahre lang versucht hatte schwanger zu werden und pro Monat zwei Schwangerschaftstests verbrauchte (gerüchteweise machte sie sich kaum noch die Mühe, ihre Strumpfhose dabei auszuziehen). Sie hätte erzählen können, dass Mr. Mitchell, der in dem großen Haus hinter der Kirche lebte, ein sechsstelliges Jahresgehalt bezog (er ließ seine Lohnabrechnungen auf dem Tisch in der Diele liegen; Nathalie schwor, dass er das absichtlich tat) und dass seine Tochter heimlich im Bad rauchte.

Wenn sie eine Klatschbase gewesen wäre, hätte sie die Frauen entlarven können, die in blendender Aufmachung aus dem Haus gingen – mit perfekter Frisur, lackierten Fingernägeln, dezent parfümiert – und die nichts dabei fanden, zu Hause ihre schmutzigen Unterhosen mitten auf dem Boden liegen zu lassen. Oder die pubertierenden Jungs, deren steifgetrocknete Handtücher sie am liebsten nur mit der Zange aufgesammelt hätte. Da waren die Paare, die jede Nacht in getrennten Betten schliefen, auch wenn die Frauen strahlend betonten, die Bettwäsche im Gästezimmer müsse deshalb so oft gewechselt werden, weil sie zurzeit «unheimlich viel Besuch» hätten. Es gab Toiletten, in denen eine Gasmaske und eine Warnplakette vor gefährlichen Chemikalien nötig gewesen wären.

Und hin und wieder hatte man eine nette Kundin wie Lisa Ritter, bei der man nur kurz zum Staubsaugen vorbeikommen musste. Und dann konnte es passieren, dass man einen Diamantohrring entdeckte und dadurch plötzlich von Dingen erfuhr, von denen man lieber nie erfahren hätte.

«Den hat vermutlich meine Tochter verloren, als sie das letzte Mal da war», hatte Lisa Ritter gesagt, und ihre Stimme hatte vor angestrengter Selbstbeherrschung geschwankt, als sie den Ohrring in der Hand hielt. «Sie hat genau so ein Paar.»

«Da haben Sie sicher recht», sagte Jess. «Er ist vermutlich irgendwie auf den Boden gefallen und versehentlich ins Schlafzimmer gekickt worden. Oder er ist an einem Schuh hängen geblieben. Wir haben uns schon gedacht, dass es so etwas sein muss. Es tut mir leid. Wenn ich gewusst hätte, dass er nicht Ihnen gehört, hätten wir Sie gar nicht damit belästigt.» Und als sich Mrs. Ritter von ihr abwandte, hatte Jess gleich gewusst: Das war’s jetzt. Niemand dankte es einem, wenn man mit schlechten Nachrichten kam.

Am Ende der Straße fiel ein dick vermummtes Kleinkind um wie ein gefällter Baum und brach nach einer kurzen Schrecksekunde in klägliches Heulen aus. Seine Mutter, die zahlreichen Einkaufstüten in beiden Händen perfekt ausbalanciert, blieb stehen und sah das Kind bestürzt an.

«Aber denk doch mal an das, was sie letzte Woche gesagt hat – Lisa Ritter würde sich eher von ihrer Friseurin trennen als von uns.»

Nathalie setzte ein Gesicht auf, das wohl ausdrücken sollte, dass Jess selbst einer atomaren Apokalypse noch etwas Gutes abgewinnen würde.

«Sie hat gesagt, sie würde sich eher von ihrer Friseurin trennen als von ‹ihren Reinigungskräften›. Das ist ein Unterschied. Ob das jetzt wir sind oder Speedicleanz oder die Putzfeen spielt keine Rolle.» Nathalie schüttelte den Kopf. «Keine Chance. Von jetzt an sind wir für sie die Putzfrauen, die über ihren Mann Bescheid wissen. Das macht Frauen wie ihr etwas aus. Sie wollen um jeden Preis den Schein wahren.»

Die Mutter setzte ihre Tüten ab und bückte sich, um das Kind hochzuheben. Ein paar Häuser weiter tauchte Terry Blackstone unter der Motorhaube seines Ford Focus auf, einem Auto, das er seit achtzehn Monaten nicht zum Laufen gebracht hatte, und sah sich nach dem Grund für das Kindergeschrei um.

Jess stützte ihre bloßen Füße am Armaturenbrett ab und schlug ihre Hände vors Gesicht. «Verdammter Mist. Wie sollen wir das fehlende Geld ausgleichen, Nat? Das war unser bester Auftrag.»

«Das Haus war immer sauber. Wir mussten zweimal die Woche praktisch nichts weiter tun, als kurz zu saugen und abzustauben.» Nathalie starrte aus dem Fenster.

«Und sie hat immer pünktlich bezahlt.» Jess hatte immer noch den Diamantohrring vor Augen. Warum hatten sie ihn nicht einfach ignoriert? Es wäre sogar besser gewesen, wenn sie ihn gestohlen hätten. «Okay, sie wird uns kündigen. Reden wir von etwas anderem, Nat. Ich kann mir vor meiner Schicht im Pub keinen Heulanfall leisten.»

«Und? Hat Marty diese Woche angerufen?»

«Ich meinte nicht, dass wir davon reden sollen.»

«Und, hat er?»

Jess seufzte. «Ja.»

«Hat er gesagt, warum er letzte Woche nicht angerufen hat?» Nathalie schob Jess’ Füße vom Armaturenbrett.

«Nein.» Jess fühlte Nathalies bohrenden Blick. «Und nein, er hat auch kein Geld geschickt.»

«Also ehrlich. Du musst ihm das Jugendamt auf den Hals hetzen. Du kannst nicht ewig so weitermachen. Er sollte sich wenigstens am Unterhalt seiner eigenen Kinder beteiligen.»

Darüber hatten sie schon oft gestritten. «Er … es geht ihm immer noch nicht so gut», sagte Jess. «Ich kann ihn nicht noch mehr unter Druck setzen. Er hat noch keinen neuen Job.»

«Tja, aber jetzt wirst du das Geld brauchen. Bis wir wieder einen Auftrag wie den von Lisa Ritter bekommen. Wie geht es Nicky?»

«Ich bin bei den Fishers vorbeigegangen, um mit Jasons Mutter zu reden.»

«Ist das dein Ernst? Vor dieser Frau habe ich richtig Angst. Hat sie versprochen, Jason dazu zu bringen, Nicky in Ruhe zu lassen?»

«So in etwa.»

Ohne den Blick von Jess abzuwenden, senkte Nathalie ihr Kinn ein paar Zentimeter.

«Sie meinte, wenn ich noch mal meinen Fuß auf ihre Türschwelle setze, schlägt sie mich grün und blau. Mich und meine … wie war das noch? … mich und meine ‹gestörten Kinder›.» Jess klappte die Sonnenblende auf der Beifahrerseite herunter, begutachtete ihr Haar im Spiegel und band es zu einem Pferdeschwanz zusammen. «Oh, und dann hat sie mir noch erklärt, ihr Jason würde keiner Fliege was zuleide tun.»

«Typisch.»

«Ist schon okay. Ich hatte Norman dabei. Und der Gute hat einen Riesenhaufen neben ihren Toyota gesetzt, und irgendwie habe ich ganz vergessen, dass ich eine Kacketüte in der Tasche hatte.»

Jess stemmte die Füße wieder gegen das Armaturenbrett.

Nathalie schob sie wieder herunter und wischte das Armaturenbrett mit einem feuchten Lappen ab. «Jetzt mal im Ernst, Jess. Wie lange ist Marty schon weg? Zwei Jahre? Du bist jung. Du kannst nicht warten, bis er irgendwann endlich wieder klarkommt. Du musst dich wieder mal in den Sattel schwingen.»

«In den Sattel schwingen. Nett ausgedrückt.»

«Liam Stubbs steht auf dich. Da könntest du problemlos aufspringen.»

«Jedes x-beliebige Paar X-Chromosomen könnte auf Liam Stubbs aufspringen.» Jess machte das Fenster zu. «Da bin ich mit einem guten Buch noch besser dran. Davon abgesehen glaube ich, dass die Kinder schon genügend Umbrüche erlebt haben, ohne dass wir jetzt noch Heute-lernst-du-deinen-neuen-Onkel-kennen spielen. So.» Sie sah zum Himmel hinauf und rümpfte die Nase. «Ich muss das Abendessen vorbereiten und mich anschließend für den Pub fertig machen. Ich telefoniere mal ein bisschen rum, bevor ich gehe, und frage, ob einer von unseren Kunden gerade zufällig irgendwelche Extraaufträge hat. Und man weiß nie, vielleicht kündigt sie uns ja doch nicht.»

Nathalie ließ ihr Fenster herunter und blies eine lange Rauchfahne hinaus. «Klar, Dorothy, und als Nächstes putzen wir dann die Smaragdstadt am Ende des gelben Ziegelsteinwegs.»

 

Das Haus Nummer vierzehn in der Seacove Avenue war erfüllt von den Geräuschen ferner Explosionen. Tanzie hatte ausgerechnet, dass Nicky, seit er sechzehn geworden war, 88 Prozent seiner Freizeit in seinem Schlafzimmer verbrachte. Daraus konnte ihm Jess kaum einen Vorwurf machen.

Jess stellte die Box mit Putzmitteln im Flur ab, hängte ihre Jacke an die Garderobe, ging die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, wobei sie wie üblich leicht über den abgenutzten Zustand des Teppichs erschrak, und drückte Nickys Zimmertür auf. Er trug Kopfhörer und war gerade dabei, jemanden zu erschießen. Der Haschgeruch war so intensiv, dass Jess leicht schwankte.

«Nicky», sagte sie, und irgendwer explodierte im Kugelhagel. «Nicky.» Sie ging zu ihm hinüber und zog ihm den Kopfhörer herunter, sodass er sich umdrehte, mit leicht benebeltem Gesichtsausdruck, wie jemand, der gerade aus dem Schlaf gerissen worden ist. «Schwer am Arbeiten, was?»

«Ich mach grade eine Lernpause.»

Sie nahm einen Aschenbecher hoch und hielt ihn Nicky unter die Nase. «Ich dachte, da hätte ich mich klar ausgedrückt.»

«Das ist von gestern Nacht. Ich konnte nicht schlafen.»

«Nicht im Haus, Nicky.» Es hatte keinen Zweck, darauf zu bestehen, dass er ganz die Finger davon ließ. In dieser Gegend kifften alle. Jess konnte froh sein, dass Nicky erst mit fünfzehn angefangen hatte.

«Ist Tanzie schon zurück?» Sie bückte sich, um Socken und Teebecher vom Boden aufzusammeln.

«Nein. Übrigens, vorhin hat die Schule angerufen.»

«Was?»

Er tippte etwas in seinen Computer, dann drehte er sich zu ihr um. «Ich weiß auch nicht.»

Sie schob ihm eine Strähne seines schwarz gefärbten Haars aus der Stirn, und da war sie: eine frische Prellung auf seinem Wangenknochen. Er duckte sich weg. «Alles in Ordnung?»

Er zuckte mit den Schultern und wandte den Blick ab.

«Waren sie wieder hinter dir her?»

«Mir geht’s gut.»

«Warum hast du mich nicht angerufen?»

«Kein Guthaben mehr auf dem Handy.» Er lehnte sich zurück und feuerte eine virtuelle Granate ab. Auf dem Bildschirm explodierte ein Feuerball. «Die Nummer liegt auf dem Tisch.» Er setzte den Kopfhörer wieder auf und widmete sich seinem Spiel.

 

Nicky lebte seit acht Jahren bei Jess. Er war Martys Sohn von Della, einer Frau, mit der Marty als Teenager kurz zusammen gewesen war. Nicky war schweigsam und misstrauisch angekommen, mit schlaksigen Gliedern und schlechtem Appetit. Seine Mutter hatte neue Freunde gefunden und war schließlich mit Big Al in die Midlands verschwunden, einem Mann, der nie jemanden direkt anschaute und in dessen riesiger Pranke sich ständig eine Dose Tennants Extra Bier befand. Nicky war schlafend im Umkleideraum der Schulsporthalle entdeckt worden, und als die Sozialarbeiterin zum zweiten Mal anrief, hatte Jess gesagt, Nicky könne bei ihnen wohnen. «Genau, was du jetzt noch gebraucht hast», hatte Nathalie gesagt. «Ein Maul mehr zu stopfen.»

«Er ist mein Stiefsohn.»

«Du hast ihn in den letzten vier Jahren zweimal gesehen. Und du bist noch nicht mal zwanzig.»

«Na ja, so sind Familien eben heutzutage. Es ist nicht mehr unbedingt das alte Vater-Mutter-Kind.»

Später hatte sie sich manchmal gefragt, ob das der Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte; der Grund, aus dem sich Marty endgültig jeder Verantwortung für seine Familie entzog. Aber Nicky war ein guter Junge, unter all dem rabenschwarzen Haar und dem Eyeliner. Er war nett zu Tanzie, und an seinen guten Tagen redete er und lachte und erlaubte Jess eine seltene, unbeholfene Umarmung, und sie war glücklich, dass er da war, auch wenn sie sich gelegentlich fühlte, als hätte sie sich nur noch einen weiteren Kandidaten ins Boot geholt, um den sie sich Sorgen machen musste.

Jess ging mit dem Telefon in den Garten und atmete tief ein. Ihr Magen hatte sich verkrampft vor Unruhe. «Äh … hallo? Hier spricht Jessica Thomas. Sie hatten mich um einen Rückruf gebeten.»

Stille.

«Ist etwas mit Tanzie? Ist … ist alles in Ordnung?»

«Alles in bester Ordnung. Entschuldigen Sie. Das hätte ich gleich sagen sollen. Hier ist Mr. Tsvangarai, Tanzies Mathematiklehrer.»

«Oh.» Sie hatte ihn vor Augen. Ein schlanker Mann in einem grauen Anzug. Mit einem Gesicht wie ein Bestattungsunternehmer.

«Ich wollte mit Ihnen sprechen, weil ich vor einigen Wochen ein sehr interessantes Gespräch mit einem ehemaligen Kollegen geführt habe, der jetzt an der St. Anne’s unterrichtet.»

«St. Anne’s?» Jess runzelte die Stirn. «Die Privatschule?»

«Ja. Sie haben dort ein Stipendienprogramm für mathematisch hochbegabte Kinder. Und wie Sie wissen, betrachten wir Tanzie als hochbegabt.»

«Weil sie gut in Mathe ist.»

«Besser als gut. Nun, wir haben Tanzie letzte Woche die Aufgaben der Aufnahmeprüfung machen lassen. Ich weiß nicht, ob sie es erwähnt hat. Ich habe Ihnen einen Brief geschrieben, aber vielleicht haben Sie ihn noch nicht gelesen?»

Jess blinzelte in den Himmel hinauf. Möwen kreisten vor dem Grau und stießen gelegentlich unvermittelt herab. Ein paar Vorgärten weiter hatte Terry Blackstone angefangen, einen Song aus dem Radio mitzusingen. Angeblich legte er einen kompletten Rod-Stewart-Auftritt hin, wenn er glaubte, dass niemand zusah.

«Heute Vormittag haben wir die Auswertung zurückbekommen. Und sie hat es gut gemacht. Extrem gut. Mrs. Thomas, wenn Sie einverstanden sind, wird Tanzie zu einem Vorgespräch für einen geförderten Schulplatz in der St. Anne’s eingeladen.»

Jess ertappte sich dabei, wie sie Mr. Tsvangarai einfach nachplapperte. «Einen geförderten Schulplatz?»

«Für einige Kinder mit außergewöhnlicher Begabung verzichtet St. Anne’s auf einen erheblichen Teil des Schulgeldes. Das bedeutet, dass Tanzie eine erstklassige Schulausbildung bekommen würde, Mrs. Thomas. Ich glaube, das wäre eine sehr große Chance für sie.»

«St. Anne’s? Aber … dann müsste sie mit dem Bus durch die ganze Stadt fahren. Sie bräuchte eine Uniform und all das. Sie … sie würde dort niemanden kennen.»

«Sie würde bald Freunde finden. Aber das sind Nebensächlichkeiten, Mrs. Thomas. Warten wir erst einmal ab, was die Schule vorschlägt. Tanzie ist ein außergewöhnlich begabtes Mädchen.» Er hielt inne. Als Jess nichts sagte, senkte er die Stimme. «Ich unterrichte jetzt seit beinahe zweiundzwanzig Jahren Mathematik, Mrs. Thomas. Und niemals ist mir ein Kind begegnet, das ein solches Verständnis für mathematische Konzepte hat wie Tanzie. Ich glaube, sie ist schon über den Punkt hinaus, an dem ich ihr noch etwas beibringen kann. Algorithmen, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Primzahlen …»

«Okay. Hier kann ich Ihnen nicht mehr folgen, Mr. Tsvangarai.»

Er lachte. «Ich melde mich wieder.»

Sie legte das Telefon weg und setzte sich auf den ehemals weißen Plastikgartenstuhl, der inzwischen mit zartgrünem Moos überzogen war. Sie starrte einfach nur vor sich hin, durch die Fenster auf die Vorhänge, die Marty immer zu hell gewesen waren, auf das rote Dreirad, das sie schon ewig hatte entsorgen wollen, auf die Zigarettenkippen, die auf dem Weg zum Nachbarhaus lagen wie Konfetti, auf die Lücke in dem verrotteten Holzzaun, durch die der Hund so gern seinen Kopf steckte. Und trotz allem, was Nathalie als Jess’ vollkommen irregeleiteten Optimismus bezeichnete, spürte sie, dass ihr Tränen in die Augen stiegen.

Es zog massenhaft Probleme nach sich, wenn man vom Vater seiner Kinder sitzengelassen wurde: die finanziellen Schwierigkeiten, die unterdrückte Wut im Namen der Kinder oder wie verheiratete Freundinnen einen auf einmal behandelten, als hätte man vor, ihnen den Ehemann auszuspannen. Aber schlimmer als das, schlimmer als dieser endlose, verdammt anstrengende, Geld und Kräfte zehrende Kampf, war, dass das Leben als überforderte Alleinerziehende so unfassbar einsam war.

Kapitel 2

Tanzie

Sechsundzwanzig Autos passten auf den Parkplatz von St. Anne’s. Zwei Reihen mit jeweils dreizehn glänzenden Offroadern standen einander gegenüber, und wenn einer von seinem Platz glitt, um den nächsten in die Lücke zu lassen, parkten sie mit einem durchschnittlichen Winkel von 41 Grad aus und ein.

Tanzie beobachtete die Autos, als sie an Mums Hand von der Bushaltestelle kam, sah die Fahrer verbotenerweise mit dem Handy telefonieren oder mit glubschäugigen blonden Babys auf dem Rücksitz reden. Mum hob den Kopf und klimperte mit den Hausschlüsseln in der freien Hand, als wären es ihre Autoschlüssel und als hätten sie und Tanzie irgendwo in der Nähe geparkt. Wahrscheinlich, dachte Tanzie, befürchtete Jess, einer ihrer Auftraggeberinnen über den Weg zu laufen und gefragt zu werden, was sie hier verloren hatte.

Tanzie war noch nie in der St. Anne’s gewesen, obwohl sie schon mindestens zehn Mal daran vorbeigekommen war, weil ihr Zahnarzt seine Praxis in derselben Straße hatte. Von außen sah man nur eine endlose Hecke, die in exakten 90-Grad-Winkeln getrimmt war (Tanzie fragte sich, ob der Gärtner ein Geodreieck benutzte), und riesige Bäume, deren Äste niedrig über die Rasenflächen hingen, als wäre es ihre Aufgabe, die spielenden Kinder zu beschützen.

Die Schüler der St. Anne’s schwangen ihre Taschen nicht am Träger herum, um andere damit am Kopf zu treffen, und sie rotteten sich nicht in der Ecke des Schulhofs zusammen, um jemanden an die Wand zu drücken und ihm das Geld fürs Mittagessen wegzunehmen. Nirgendwo waren erschöpft klingende Lehrer zu hören, die versuchten, Teenager in die Klassenzimmer zu treiben. Die Mädchen hatten den Bund ihres Rocks nicht sechsmal eingerollt, damit ein Mini daraus wurde. Kein einziger Mensch rauchte. Jess drückte Tanzies Hand ein bisschen fester. Tanzie wünschte, sie würde nicht so nervös aussehen. «Es ist schön, oder, Mum?»

Jess nickte. «Ja.» Es hörte sich an wie ein Quieken.

«Mr. Tsvangarai hat mir erzählt, dass letztes Jahr alle Schüler aus dem Abschlussjahrgang, die Mathe gewählt hatten, eine Eins oder eine Eins plus bekommen haben. Das ist gut, oder?»

«Unglaublich.»

Tanzie zog ein bisschen an der Hand ihrer Mutter, damit sie schneller ins Büro des Schulleiters kamen. «Glaubst du, dass mich Norman vermissen wird, wenn ich die langen Schultage habe?»

«Die langen Schultage?»

«Der Unterricht in der St. Anne’s dauert bis sechs. Und dienstags und donnerstags ist Matheclub, da will ich unbedingt mitmachen.»

Ihre Mutter warf ihr einen Blick zu. Sie sah unheimlich müde aus. Eigentlich sah sie in letzter Zeit immer unheimlich müde aus. Sie setzte ihr Lächeln auf, das eigentlich überhaupt kein Lächeln war, und dann gingen sie hinein.

 

«Hallo, Mrs. Thomas. Hallo, Costanza. Es freut mich sehr, Sie und Ihre Tochter kennenzulernen, Mrs. Thomas. Bitte, nehmen Sie Platz.»

Das Büro des Schulleiters hatte eine hohe Decke mit kleinen weißen Stuckrosetten alle zwanzig Zentimeter und winzigen Rosenknospen genau in der Mitte dazwischen. Der Raum war mit altehrwürdigem Mobiliar eingerichtet, und durch ein Erkerfenster sah man einen Mann, der auf einem fahrbaren Rasenmäher saß und das Cricketfeld mähte. Auf einem Tischchen hatte jemand ein Tablett mit Kaffeegeschirr und Keksen bereitgestellt. Man sah, dass die Kekse selbstgemacht waren. Mum hatte auch solche gebacken, bevor Dad weggegangen war.

Tanzie setzte sich auf die Sofakante und sah die beiden Männer an, die ihr gegenüber Platz genommen hatten. Der mit dem Schnurrbart lächelte wie eine Krankenschwester, bevor sie einem eine Spritze gab. Mum hielt sich an der Handtasche auf ihrem Schoß fest, und Tanzie bemerkte, dass sie eine Hand über die Ecke gelegt hatte, die von Norman zerkaut worden war. Ihr Bein zitterte.

«Das ist Mr. Cruikshank. Er leitet unseren mathematischen Zweig. Und ich bin Mr. Daly. Ich bin seit zwei Jahren hier der Schulleiter.»

Tanzie sah von ihrem Keks auf.

«Machen Sie auch Graphen?»

«Machen wir.»

«Und Wahrscheinlichkeitsrechnung?»

«Das auch.»

Mr. Cruikshank beugte sich vor. «Wir haben uns deine Testergebnisse angesehen. Und wir glauben, Costanza, dass du nächstes Jahr die Mittelstufenprüfung in Mathematik ablegen solltest. Ich denke nämlich, dass du mehr Spaß an dem Stoff der Oberstufe hättest.»

Sie sah ihn an. «Haben Sie Aufgabenblätter?»

«Nebenan habe ich welche. Möchtest du sie dir ansehen?»

Sie konnte kaum glauben, dass er das noch fragte. Sie überlegte kurz, ob sie wie Nicky «Logo, Alter» antworten sollte. Aber dann nickte sie nur.

Mr. Daly schenkte Mum Kaffee ein. «Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden, Mrs. Thomas. Sie wissen ja selbst, dass Ihre Tochter außergewöhnlich begabt ist. Ergebnisse, die mit ihren vergleichbar sind, haben wir erst ein einziges Mal bei einem Schüler gesehen, und dieser Schüler ist anschließend Fellow am Trinity-College geworden.»

Er redete und redete, und Tanzie klinkte sich ein bisschen aus. «… für eine sehr ausgewählte Gruppe von Schülern mit nachgewiesener Hochbegabung haben wir ein neues Stipendium geschaffen, das ihnen einen gleichwertigen Zugang ermöglicht.» Bla, bla, bla. «Es bietet einem Kind, das sonst die Vorteile einer Schule wie unserer nicht nutzen könnte, die Gelegenheit, sein Potenzial auszuschöpfen …» Bla, bla. «Obwohl wir sehr gespannt darauf sind, wie weit Costanza in den mathematischen Fächern kommen kann, wollen wir auch sicherstellen, dass sie in den anderen Fächern gut ausgebildet wird. Unser Lehrplan vernachlässigt weder Sport noch Musik.» Bla, bla, bla … «Mathematisch begabte Kinder haben oft auch besondere sprachliche Fähigkeiten …», bla, bla, «… und der Theaterworkshop. Der ist sehr beliebt bei Mädchen ihres Alters.»

«Ich mag eigentlich nur Mathe», erklärte ihm Tanzie. «Und Hunde.»

«Nun, was Hunde angeht, sieht es bei uns eher schlecht aus, aber was die Mathematik betrifft, könnten wir dir eine Menge Herausforderungen bieten. Allerdings wärst du vielleicht überrascht, welche anderen Dinge dir auch noch Spaß machen. Spielst du ein Instrument?»

Tanzie schüttelte den Kopf.

«Und was ist mit Fremdsprachen?»

Es wurde ziemlich still im Raum.

«Andere Interessen?»

«Freitags gehen wir schwimmen», sagte Mum.

«Wir waren nicht mehr schwimmen, seit Dad weg ist.»

Mum setzte ein Lächeln auf, aber es geriet ein bisschen schief. «Doch, waren wir, Tanzie.»

«Ein Mal. Am dreizehnten Mai. Aber jetzt gehst du freitags ja arbeiten.»

Mr. Cruikshank verließ den Raum und kam einen Moment später mit den Aufgabenblättern wieder. Tanzie steckte sich den letzten Keks in den Mund und stand auf, um sich neben Mr. Cruikshank zu setzen. Er hatte einen ganzen Stapel Aufgaben mitgebracht. Sachen, mit denen sie sich noch gar nicht beschäftigt hatte!

Tanzie ging die Aufgaben mit ihm durch, zeigte ihm, was sie schon kannte und was nicht, und im Hintergrund hörte sie Mum und den Schulleiter weiterreden.

Es klang, als würde alles gut laufen. Tanzie richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Blatt, das vor ihr lag. «Geht es da um Erneuerungstheorie?», fragte Tanzie. «Ja», sagte Mr. Cruikshank leise, den Finger auf dem Blatt. «Aber das Besondere an Erneuerungsprozessen ist, dass wir, wenn wir eine vorgegebene Zeitspanne abwarten und dann betrachten, wie lang das darin enthaltene Erneuerungsintervall ist, es normalerweise größer sein wird als ein durchschnittliches Erneuerungsintervall.»

Das kannte Tanzie! «Dann brauchen die Affen länger, um das Wort Macbeth zu tippen?»

«Genau.» Er lächelte. «Ich war nicht sicher, ob du Erneuerungstheorie schon durchgenommen hast.»

«Habe ich auch eigentlich nicht. Aber Mr. Tsvangarai hat mir einmal davon erzählt, und ich habe es im Internet nachgesehen. Die Sache mit den Affen hat mir gefallen.» Sie blätterte durch die Aufgaben. Die Zahlen schienen zu ihr zu singen. Es kam Tanzie vor, als würde ihr Gehirn mitsummen, und sie wusste, dass sie unbedingt in diese Schule gehen musste. «Mum», sagte sie. Normalerweise unterbrach sie niemanden im Gespräch, aber sie war so aufgeregt, dass sie ihre Manieren vergaß. «Glaubst du, dass wir solche Aufgabenblätter besorgen könnten?»

Mr. Daly sah zu ihr herüber. Ihre schlechten Manieren schienen ihn nicht zu stören. «Mr. Cruikshank, haben wir ein paar übrig?»

«Du kannst die hier haben.»

Und er gab sie ihr. Einfach so! Draußen klingelte es, und sie hörte Schüler auf dem knirschenden Kies unter dem Bürofenster vorbeigehen.

«Und … was passiert jetzt?», fragte Mum.

«Nun, wir würden Costanza … Tanzie … gern ein Stipendium anbieten.» Er hob einen glänzenden Hefter vom Tisch hoch. «Hier ist unser Prospekt mit allen wichtigen Informationen. Das Stipendium deckt neunzig Prozent des Schulgeldes. Es ist das umfassendste Stipendium, das diese Schule jemals angeboten hat. Angesichts der langen Wartelisten mit Schülern, die zu uns wollen, sind fünfzig Prozent für gewöhnlich unser Maximum.» Er hielt Tanzie den Keksteller hin. Irgendwie hatten sie ihn wieder aufgefüllt. Das war wirklich die tollste Schule überhaupt.

«Neunzig Prozent», sagte Mum. Sie legte ihren Keks zurück auf die Untertasse.

«Mir ist bewusst, dass trotzdem noch eine ansehnliche finanzielle Verpflichtung mit dem Schulbesuch verbunden ist. Dazu kommen noch die Kosten für die Schuluniform und den Bus und andere Extras, die sie vielleicht gern möchte, wie Musikkurse oder Klassenfahrten. Aber ich will noch einmal betonen, dass es eine unglaubliche Chance wäre.» Er beugte sich vor. «Wir hätten dich sehr gerne bei uns, Tanzie. Dein Mathematiklehrer sagt, es sei eine Freude, mit dir zu arbeiten.»

«Ich mag die Schule», sagte Tanzie und griff nach dem nächsten Keks. «Viele von meinen Freunden finden Schule langweilig. Aber ich bin lieber in der Schule als zu Hause.»

Alle lachten ein wenig verkrampft.

«Nicht deinetwegen, Mum», sagte Tanzie und nahm sich noch einen Keks. «Aber meine Mum muss viel arbeiten.»

Stille breitete sich aus.

«Das müssen wir alle, heutzutage», sagte Mr. Cruikshank schließlich.

«Nun», sagte Mr. Daly. «Sie haben jetzt einigen Stoff zum Nachdenken. Und bestimmt haben Sie auch noch weitere Fragen an uns. Trinken Sie doch in Ruhe Ihren Kaffee aus, danach hole ich einen unserer Schüler, damit er Ihnen die Schule zeigt. Und später können Sie unseren Vorschlag unter sich besprechen.»

 

Tanzie war draußen im Garten und warf einen Ball für Norman. Sie war überzeugt, dass er ihn eines Tages holen und ihr zurückbringen würde. Tanzie hatte irgendwo gelesen, Wiederholungen würden die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tier etwas lernt, um den Faktor vier steigern. Aber sie war nicht sicher, ob Norman zählen konnte.

Sie hatten Norman aus dem Tierheim geholt, als Dad weggegangen war und Mum elf Nächte am Stück nicht schlafen konnte, aus Angst, sie könnten alle in ihren Betten ermordet werden, wenn erst mal bekannt wurde, dass Dad nicht mehr da war. «Er kann unheimlich gut mit Kindern und ist ein großartiger Wachhund», hatten die Leute im Tierheim gesagt. Mum hatte immer nur wiederholt: «Aber er ist so riesig.»

«Umso größer die Abschreckung», hatten sie mit einem aufmunternden Lächeln erwidert. «Und haben wir schon erwähnt, dass er unheimlich gut mit Kindern kann?»

Zwei Jahre später sagte Mum, Norman sei hauptsächlich eine enorme Fress- und Kackmaschine. Er tapste durchs Haus und zog dabei eine Spur aus Hundehaaren und üblen Gerüchen hinter sich her. Er sabberte auf Kissen und jaulte im Schlaf. Mum sagte, die Leute vom Tierheim hätten recht gehabt: Niemand würde bei ihnen einbrechen, aus lauter Angst, von Norman vergast zu werden.

Sie hatte es aufgegeben, Norman aus Tanzies Zimmer zu verbannen. Wenn Tanzie morgens aufwachte, lag er immer mit weit von sich gestreckten haarigen Beinen quer über drei Vierteln des Bettes, und Tanzie zitterte unter einem winzigen Zipfel der Bettdecke. Mum murrte über Haare und Hygiene, aber Tanzie machte das nichts aus.

Nicky kam zu ihnen, als Tanzie zwei Jahre alt war. Eines Abends ging sie zu Bett, und als sie wieder aufwachte, war Nicky im Gästezimmer, und Mum sagte einfach, er werde bei ihnen bleiben und er sei ihr Bruder. Tanzie hatte Nicky einmal gefragt, welche Gene sie seiner Meinung nach gemeinsam hätten, und er hatte gesagt: «Das Abartiger-Loser-Gen.» Sie hielt es für wahrscheinlich, dass er bloß einen Witz gemacht hatte, aber sie kannte sich mit Genetik nicht gut genug aus, um sicher zu sein.

Sie wusch sich gerade die Hände unter dem Wasserhahn im Garten, als sie Stimmen bemerkte. Nickys Fenster stand offen, und man konnte ihn und Mum bis in den Garten hören.

«Hast du die Wasserrechnung bezahlt?», fragte Nicky.

«Nein. Ich hatte keine Zeit, zur Post zu gehen.»

«Da steht, es ist die letzte Mahnung.»

«Ich weiß, dass es die letzte Mahnung ist.» Mum klang gereizt, wie immer, wenn es um Geld ging. Es gab eine Pause. Norman nahm den Ball zwischen die Zähne und ließ ihn vor Tanzies Füße fallen. Da lag er, schleimig und ekelhaft.

«Sorry, Nicky. Ich … ich muss einfach erst mal dieses Gespräch hinter mich bringen. Ich kümmere mich morgen darum. Versprochen. Willst du mit deinem Dad reden?»

Tanzie wusste, wie die Antwort lauten würde. Nicky wollte schon lange nicht mehr mit Dad sprechen.

«Hey.»

Tanzie stellte sich genau unter das Fenster und war ganz still. Sie konnte Dads angespannte Stimme über Skype hören.

«Alles in Ordnung?», fragte er. Tanzie überlegte, ob er wohl glaubte, dass etwas Schlimmes passiert war. Wenn er dachte, Tanzie hätte Leukämie, würde er vielleicht zurückkommen. Sie hatte einmal einen Fernsehfilm gesehen, in dem sich die Eltern eines Mädchens hatten scheiden lassen, dann aber wieder zusammengekommen waren, weil das Mädchen an Leukämie erkrankt war. Tanzie wollte aber eigentlich keine Leukämie bekommen, weil sie bei Spritzen ohnmächtig wurde und ziemlich schöne Haare hatte.

«Alles in Ordnung», sagte Mum. Sie erzählte ihm nicht, dass Nicky dauernd verprügelt wurde.

«Was ist los?»

Eine Pause.

«Hat deine Mutter renoviert?», fragte Mum.

«Was?»

«Neue Tapete.»

«Oh. Das.»

Bei Grandma war neu tapeziert worden? Tanzie bekam ein merkwürdiges Gefühl. Dad und Grandma wohnten in einem Haus, das Tanzie vielleicht nicht mehr wiedererkennen würde. Es war 348 Tage her, seit sie Dad das letzte Mal gesehen hatte. Und 433 Tage, seit sie Grandma gesehen hatte.

«Ich muss mit dir über Tanzies Schulausbildung reden.»

«Warum? Macht sie Schwierigkeiten?»

«Überhaupt nicht, Marty. Man hat ihr ein Stipendium an der St. Anne’s angeboten.»

«St. Anne’s?»

«Sie glauben, ihre Fähigkeiten in Mathe sind weit über dem Durchschnitt.»

«St. Anne’s.» Er schien es kaum glauben zu können. «Ich meine, ich wusste ja, dass sie intelligent ist, aber …»

Er klang richtig erfreut. Tanzie presste ihren Rücken an die Wand und ging auf die Zehenspitzen, um besser hören zu können. Vielleicht kam er zurück, wenn sie in die St. Anne’s ging.

«Unser kleines Mädchen auf einer Nobelschule, was?» Er sprach lauter vor Stolz. Tanzie konnte sich vorstellen, dass er schon überlegte, wie er seinen Kumpeln im Pub diese Nachricht verkünden würde. Nur dass er nicht in den Pub gehen konnte. Weil er Mum immer erzählte, er habe kein Geld, um sich mal was zu gönnen. «Und wo liegt das Problem?»

«Na ja … es ist ein hohes Stipendium. Aber es deckt nicht alle Kosten.»

«Was bedeutet?»

«Was bedeutet, dass wir trotzdem pro Halbjahr fünfhundert Pfund aufbringen müssen. Und Geld für die Schuluniform. Und die Einschreibegebühren von fünfhundert Pfund.»

Die Stille dauerte so lang, dass Tanzie sich fragte, ob der Computer abgestürzt war.

«Sie haben gesagt, wenn wir ein Jahr dabei sind, können wir einen Härtefallzuschuss beantragen. Das ist irgendeine Beihilfe, die sie in bestimmten Fällen zusätzlich gewähren können. Aber erst mal müssen wir beinahe zwei Tausender organisieren, um sie durchs erste Jahr zu bringen.»

Und dann lachte Dad. Er lachte einfach. «Das soll ein Witz sein, oder?»

«Nein, das soll kein Witz sein.»

«Wie soll ich denn zwei Tausender beschaffen, Jess?»

«Ich habe einfach gedacht, du …»

«Ich habe bisher noch nicht mal einen richtigen Job. Hier läuft überhaupt nichts richtig. Ich … ich komme eben erst wieder auf die Füße. Tut mir leid, Babe, aber das geht auf keinen Fall.»

«Kann deine Mutter dir nicht aushelfen? Sie hat vielleicht was zur Seite gelegt. Kann ich mit ihr sprechen?»

«Nein. Sie ist … nicht da. Und ich will nicht, dass du ihr Geld aus der Tasche ziehst. Sie hat auch so schon genug Sorgen.»

«Ich ziehe ihr kein Geld aus der Tasche, Marty. Ich dachte, sie würde vielleicht ihre einzigen Enkelkinder unterstützen wollen.»

«Sie sind nicht mehr ihre einzigen Enkel. Meine Schwester hat einen Sohn bekommen.»

Tanzie stand da wie erstarrt.

«Ich wusste nicht mal, dass Elena schwanger war.»

«Ja, das wollte ich dir noch erzählen.»

Tanzie hatte einen kleinen Cousin. Und sie hatte es nicht einmal gewusst. Norman ließ sich vor ihren Füßen fallen. Er sah sie mit seinen großen, braunen Augen an, dann rollte er sich mit einem leisen Knurren auf den Rücken, als wäre es richtig, richtig harte Arbeit, auf dem Boden zu liegen.

«Tja, dann … wie wäre es, wenn wir den Rolls verkaufen?»

«Ich kann den Rolls nicht verkaufen. Ich will wieder mit den Hochzeitsfahrten anfangen.»

«Er rostet jetzt seit beinahe zwei Jahren in der Garage vor sich hin.»

«Ich weiß. Und ich komme und hole ihn. Ich habe hier nur noch keine sichere Unterstellmöglichkeit.»

Der Ton war schärfer geworden. So endeten ihre Unterhaltungen oft. Sie hörte Mum tief Luft holen. «Kannst du wenigstens darüber nachdenken, Marty? Sie möchte unheimlich gern dorthin. Wirklich, wirklich gern. Als der Mathelehrer mit ihr gesprochen hat, ist ein richtiges Strahlen über ihr Gesicht gegangen, wie ich es nicht gesehen habe, seit …»

«Seit ich gegangen bin.»

«So habe ich es nicht gemeint.»

«Also ist alles meine Schuld.»

«Nein, es ist nicht alles deine Schuld, Marty. Aber ich werde mich auch nicht hinstellen und behaupten, es wäre eine wahnsinnig tolle Erfahrung für sie gewesen, dass du gegangen bist. Tanzie versteht nicht, warum du sie nicht besuchst. Sie versteht nicht, warum sie dich praktisch gar nicht mehr zu sehen bekommt.»

«Ich kann mir die Fahrten nicht leisten, Jess. Das weißt du. Es hat keinen Zweck, wenn du immer wieder auf mich einredest. Ich war krank.»

«Ich weiß, dass du krank warst.»

«Sie kann mich jederzeit besuchen. Das habe ich dir gesagt. Schick sie alle beide in den Ferien.»

«Das kann ich nicht. Sie sind zu jung, um so weit allein zu fahren. Und ich kann die Fahrkarten für uns alle nicht bezahlen.»

«Ich schätze, das ist auch meine Schuld.»

«Oh, verflixt noch mal.»

Tanzie bohrte sich die Fingernägel in die Handballen. Norman sah sie weiter erwartungsvoll an.

«Ich will nicht mit dir streiten, Marty», sagte Mum, und ihre Stimme war leise und behutsam, wie bei einem Lehrer, der etwas erklärt, was man eigentlich schon wissen sollte. «Ich will einfach, dass du darüber nachdenkst, ob du zu dieser Sache auf irgendeine Art etwas beisteuern kannst. Es würde Tanzies Leben verändern. Es würde bedeuten, dass sie sich nie so abstrampeln muss, wie … wir uns abstrampeln.»

«Das kann man so nicht sagen.»

«Was meinst du damit?»

«Siehst du keine Nachrichten, Jess? Die ganzen Uniabsolventen sind arbeitslos. Es spielt keine Rolle mehr, welche Ausbildung man hat. Sie muss sich trotzdem abstrampeln.» Er hielt inne. «Nein. Es bringt nichts, wenn wir uns bloß dafür noch weiter verschulden. Klar, dass dir die Leute von solchen Schulen erzählen, sie wären etwas ganz Besonderes und Tanzie wäre etwas Besonderes und ihre Chancen würden sich unheimlich verbessern, wenn sie dorthin geht, und so weiter und so weiter. Das ist eben ihre Masche.»

Mum sagte nichts.

«Nein, wenn sie so intelligent ist, wie diese Leute behaupten, macht sie ihren Weg auch allein. Sie muss in die McArthur’s gehen wie alle anderen auch.»

«Wie die kleinen Arschlöcher, die nur darauf warten, Nicky die nächste Abreibung zu verpassen. Und wie die Mädchen, die fingerdick Make-up auf dem Gesicht haben und keinen Sport machen wollen, weil sie sich dabei die Fingernägel abbrechen könnten. Sie würde dort nicht reinpassen, Marty. Überhaupt nicht.»

«Jetzt klingst du wie ein Snob.»

«Nein, ich klinge wie jemand, der akzeptiert, dass seine Tochter ein kleines bisschen anders ist. Und eine Schule brauchen könnte, die das fördert.»

«Ich kann das nicht, Jess. Tut mir leid.» Er klang jetzt abgelenkt, als hätte er in der Entfernung etwas gehört. «Pass auf. Ich muss Schluss machen. Tanzie soll mich am Sonntag über Skype anrufen.»

Lange Stille.

Tanzie zählte bis vierzehn.

Dann hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde und Nickys Stimme: «Das ist ja super gelaufen.»

Tanzie beugte sich zu Norman hinunter und kraulte ihm den Bauch. Sie schloss die Augen, damit sie die Träne nicht sah, die auf sein Fell tropfte.

«Haben wir in letzter Zeit mal Lotto gespielt?»

«Nein.»

Die folgende Stille dauerte neun Sekunden. Dann wurde sie von Mums Stimme unterbrochen:

«Tja, dann fangen wir am besten mal damit an.»

Kapitel 3

Ed

Deanna Lewis. Vielleicht nicht das hübscheste Mädchen am College, aber definitiv die Spitzenreiterin in Ed und Ronans interner Mädchen-denen-ich-eine-Chance-geben-würde-ohne-vorher-noch-ein-viertes-Bier-trinken-zu-müssen-Hitliste. Als hätte sie jemals einen von ihnen in Betracht gezogen. Sie hatte ihn während der gesamten drei Jahre nicht wahrgenommen, abgesehen von dem einen Mal, als es stark regnete und sie ihn gebeten hatte, sie in seinem Mini von der Bushaltestelle aus mit ins Studentenwohnheim zurückzunehmen. Auf der Fahrt war er so aufgeregt gewesen, weil sie auf seinem Beifahrersitz saß, dass er kaum ein Wort herausgebracht hatte, abgesehen von dem leicht erstickten «Gern geschehen», bevor sie ausstieg. Diese beiden Worte hatten drei Oktaven umspannt. Sie hatte sich gebückt, um die leere Chipstüte von ihrer Stiefelsohle abzuschälen und sie wieder in den Fußraum des Beifahrersitzes fallen zu lassen, bevor sie die Autotür zuschlug.

Ed hatte es schon schlimm erwischt, aber Ronan ging durch die Hölle. Seine Liebe zu Deanna drückte ihn nieder wie die Hantel in einem Zeichentrickfilm. Er schrieb ihr Gedichte, schickte ihr zum Valentinstag anonym Blumen, lächelte sie in der Mensaschlange an und versuchte, nicht niedergeschlagen zu wirken, wenn sie ihn nicht bemerkte. Und nach dem Examen und ihrer Firmengründung, als Ed und Ronan sich den Kopf statt über Frauen über Software zerbrachen, bis sie eines Tages tatsächlich lieber über Software nachdachten als über Frauen, verwandelte sich Deanna Lewis langsam in eine ferne Erinnerung aus Unizeiten. «Oh … Deanna Lewis», sagten sie dann mit träumerischem Blick, als würde sie in Zeitlupe über den Köpfen der anderen Biertrinker vorbeischweben.

Und dann, drei Monate zuvor, also ungefähr ein halbes Jahr, nachdem Lara ihn verlassen, ihm das Apartment in Rom, die Hälfte seiner Aktienanteile und die letzte Lust auf eine Beziehung genommen hatte, hatte sich Deanna Lewis über Facebook bei Ed gemeldet. Sie hatte ein paar Jahre in New York gearbeitet, war jetzt aber zurückgekommen und wollte sich mit ein paar alten Freunden von der Uni verabreden. Ob er sich an Reena erinnere? Und an Sam? Ob er Zeit habe, ein Glas mit ihr zu trinken?

Danach schämte er sich dafür, dass er Ronan nichts davon erzählt hatte. Ronan war sowieso völlig mit dem neuen Software-Upgrade beschäftigt, redete Ed sich ein. Ronan hatte Jahre gebraucht, um Deanna zu vergessen. Er hatte gerade angefangen, mit einer Frau auszugehen, die in einer gemeinnützigen Suppenküche arbeitete. Warum also die alte Geschichte mit Deanna wieder anheizen? Die Wahrheit war allerdings, dass Ed schon seit Ewigkeiten keine Verabredung mehr gehabt hatte. Und irgendein Teil von ihm wollte, dass Deanna Lewis sah, wie er sich verwandelt hatte, seit sie im Jahr zuvor die Firma verkauft hatten.

Denn mit Geld, so hatte sich herausgestellt, konnte man sich jemanden kaufen, der einen bei der Kleidung, dem Haarschnitt und überhaupt der äußeren Erscheinung beriet. Ed Nicholls sah nicht mehr aus wie der schüchterne Computerfreak in dem Mini. Er protzte nicht mit seinem Reichtum, aber er wusste, dass ihn, im Alter von dreiunddreißig Jahren, sein Wohlstand wie eine unsichtbare Aura umgab.

Sie verabredeten sich in einer Bar in Soho. Sie entschuldigte sich dafür, dass Reena – er erinnere sich doch noch an Reena? – im letzten Moment abgesagt hatte. Sie habe jetzt ein Baby. Deanna hob leicht spöttisch die Augenbraue, als sie das sagte. Sam war, wie Ed viel später auffiel, auch nicht aufgetaucht. Nach Ronan fragte Deanna überhaupt nicht.

Ed starrte sie die ganze Zeit an. Sie sah noch aus wie früher, nur besser. Sie hatte dunkelbraunes Haar, das um ihre Schultern tanzte wie in einer Shampoowerbung. Sie war netter, als er es in Erinnerung hatte, menschlicher. Vielleicht wurden ja sogar solche Traumfrauen auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn sie die Uni hinter sich hatten. Sie lachte über all seine Witze. Er spürte ihre Überraschung darüber, dass er nicht mehr der Mensch war, an den sie sich erinnerte. Und das gab ihm ein richtig gutes Gefühl.

Nach ein paar Stunden verabschiedeten sie sich. Er rechnete eigentlich nicht damit, noch einmal von ihr zu hören, doch zwei Tage später rief sie an und schlug eine weitere Verabredung vor. Dieses Mal gingen sie in einen Club, und er tanzte mit ihr, und als sie die Hände über den Kopf hob, musste er sich ernsthaft konzentrieren, um sich nicht vorzustellen, sie wäre an ein Bett gefesselt. Sie habe gerade eine Beziehung hinter sich, erklärte sie beim dritten oder vierten Drink. Die Trennung sei grässlich gewesen. Sie glaube nicht, dass sie in absehbarer Zeit etwas Ernsthaftes anfangen wolle. Er gab bei ihrer Schilderung genau die richtigen Laute von sich. Dann erzählte er ihr von Lara, seiner Exfrau, die gesagt hatte, die größte Liebe in ihrem Leben würde immer ihre Arbeit bleiben und dass sie ihn verlassen müsste, um nicht irrsinnig zu werden.

«Klingt ziemlich melodramatisch», hatte Deanna gesagt.

«Sie ist Italienerin. Und noch dazu Schauspielerin. Da ist alles melodramatisch.»

«War», korrigierte sie ihn und sah ihm dabei tief in die Augen. Während er sprach, hielt sie den Blick auf seinen Mund gerichtet, was ihn auf eine seltsame Art ablenkte. Er erzählte ihr von der Firma: von den ersten Testversionen, die Ronan und er in seinem winzigen Zimmer programmiert hatten, den Software-Abstürzen, den Treffen mit einem IT-Mogul, der sie nach Texas hatte einfliegen lassen und auf sie fluchte, als sie sein Übernahmeangebot ablehnten.

Er erzählte ihr von dem Tag, an dem sie mit ihrem Programm auf den Markt gegangen waren und er auf dem Badewannenrand gesessen und auf seinem Handy mitverfolgt hatte, wie ihr Aktienkurs immer weiter stieg, und wie er angefangen hatte zu zittern, als er begriff, dass sich sein Leben komplett verändern würde.

«So reich bist du?»

«Ich komme klar.» Er stellte fest, dass er knapp davor war, sich komplett überheblich anzuhören. «Na ja … vor meiner Scheidung ist es mir natürlich besser gegangen … aber ich komme klar. Weißt du, das Geld interessiert mich eigentlich nicht besonders.» Er zuckte mit den Schultern. «Ich mag vor allem, dass ich tun kann, was ich will. Ich mag die Firma. Es gefällt mir, Ideen zu haben und sie in Programme umsetzen zu können, die den Leuten nützen.»

«Aber du hast deine Firma verkauft?»

«Sie ist zu groß geworden, und ich habe mir erklären lassen, dass nach dem Verkauf die Anzugträger den ganzen finanziellen Kram für uns erledigen. An diesem Aspekt war ich ohnehin nie interessiert. Mir gehören einfach nur haufenweise Aktienanteile.» Er starrte sie an. «Du hast wirklich sehr schönes Haar.» Er wusste nicht, warum um alles in der Welt er das gesagt hatte.

Sie küssten sich im Taxi. Deanna Lewis hatte mit schlanken, perfekt manikürten Fingern sein Gesicht zu sich gedreht und ihn geküsst. Obwohl ihre Zeit an der Universität über zwölf Jahre her war – zwölf Jahre, in denen Ed Nicholls kurz mit einer Model-/Schauspieler-/Wasauchimmer-Frau verheiratet gewesen war –, sagte eine leise Stimme in seinem Kopf immer wieder: Deanna Lewis küsst mich. Und sie küsste ihn nicht nur. Sie zog ihren Rock hoch und schob ein langes, schlankes Bein über seine Beine – den Taxifahrer hatte sie anscheinend ganz vergessen –, schmiegte sich an ihn und schob ihre Hand unter sein Hemd, bis er nicht mehr reden oder denken konnte. Und als sie vor seiner Wohnung ankamen, hörten sich seine Worte unbeholfen und dumm an, und er vergaß nicht nur, auf das Wechselgeld zu warten, sondern achtete nicht einmal darauf, was für Scheine er dem Taxifahrer in die Hand drückte.

Der Sex war großartig. Einfach unglaublich gut. Sie bewegte sich verdammt noch mal wie eine Pornodarstellerin. In den letzten Monaten mit Lara hatte sich der Sex angefühlt, als würde sie ihm einen Gefallen tun – und zwar abhängig von irgendwelchen Regeln, die nur sie verstand: ob er ihr genügend Aufmerksamkeit geschenkt hatte, ob er genügend Zeit mit ihr verbracht hatte, ob er sie zum Abendessen ausgeführt hatte oder ob er verstanden hatte, wie sehr er ihre Gefühle verletzte.

Als Deanna Lewis splitternackt vor ihm stand und ihn ansah, schienen ihre Augen dagegen vor Lust zu funkeln. Wahnsinn. Deanna Lewis.

Am Freitagabend war sie wiedergekommen. Sie hatte so einen irren schwarzen Seidenslip mit Bändern an den Seiten getragen, die man einfach aufziehen konnte, sodass ihr das Höschen wie ein zarter Hauch vom Körper glitt. Danach drehte sie einen Joint, und obwohl er normalerweise kein Hasch rauchte, hatte er einen Zug genommen, sodass seine Gedanken angenehm verschwammen, und er hatte ihr dunkles, seidiges Haar zwischen die Finger genommen und zum ersten Mal seit der Trennung von Lara gedacht, dass das Leben doch eigentlich ziemlich gut war.

Und dann hatte sie gesagt: «Ich habe meinen Eltern von uns erzählt.»

Er hatte Konzentrationsprobleme. «Deinen Eltern?»

«Das macht dir doch nichts aus, oder? Es war nur einfach so … ein gutes Gefühl … wieder irgendwo dazuzugehören, verstehst du?»

Ed starrte auf einen Punkt an der Zimmerdecke. Das ist in Ordnung, sagte er sich. Viele Leute erzählen ihren Eltern alles. Sogar schon nach zwei Wochen.

«Ich war so deprimiert. Und jetzt bin ich …», sie strahlte ihn an, «… glücklich. Richtig verrückt. Ich wache auf und denke an dich. Als ob alles schon irgendwie gut wird.»

Mit einem Mal hatte er ein komisches, trockenes Gefühl im Mund. Er war sich nicht sicher, ob es an dem Joint lag. «Deprimiert?», sagte er.

«Jetzt ist es wieder okay. Ich meine, meine Familie hat wirklich gut reagiert. Nach dem letzten Schub haben sie mich zum Arzt gebracht, und er hat mir Medikamente verschrieben, die mir sehr geholfen haben. Anscheinend senken sie die Hemmschwelle, aber ich kann nicht behaupten, dass sich irgendjemand darüber beschwert hätte! HA-HA-HA-HA!»

Er reichte ihr den Joint.

«Ich spüre alles unheimlich intensiv, verstehst du? Mein Psychiater sagt, ich bin hypersensibel. Manche Leute nehmen das Leben leicht. Ich nicht. Manchmal lese ich was über ein sterbendes Tier oder ein Kind, das in irgendeinem anderen Land ermordet worden ist, und ich muss buchstäblich den ganzen Tag weinen. Im College war ich auch schon so. Erinnerst du dich?»

«Nein.»

Sie legte ihre Hand auf seinen Penis. Aber Ed hatte plötzlich das sichere Gefühl, dass sich dort unten nichts rühren würde.

Sie sah zu ihm auf. Das Haar hing ihr ins Gesicht, und sie blies es weg. «Es ist so ein Horror, gleichzeitig seinen Job und seine Wohnung zu verlieren. Du hast keine Ahnung, wie es ist, so richtig pleite zu sein.» Sie sah ihn an, als überlegte sie, wie viel sie ihm erzählen sollte. «Ich meine ernsthaft pleite.»

«Was … willst du damit sagen?»

«Na ja, zum Beispiel, dass ich meinem Ex einen Haufen Geld schulde. Aber ich habe ihm gesagt, dass ich es ihm nicht zurückzahlen kann. Ich habe mein Konto auch so schon bis zum Anschlag überzogen. Und er ruft trotzdem ständig an und redet wie ein Wasserfall auf mich ein. Es ist ziemlich belastend. Er hat keine Ahnung, wie sehr mich das stresst.»

«Über wie viel sprechen wir?»

Sie sagte es ihm. Und als ihm die Kinnlade herunterfiel, sagte sie: «Und biete mir nicht an, es mir zu leihen. Ich würde von meinem Freund kein Geld nehmen. Aber es ist trotzdem ein Albtraum.»

Ed versuchte nicht darüber nachzudenken, dass sie ihn gerade als ihren «Freund» bezeichnet hatte.

Er sah sie an. Ihre Unterlippe zitterte. Er schluckte. «Äh … alles okay bei dir?»

Ihr Lächeln kam zu schnell, war zu breit. «Mir geht’s gut! Dank dir geht’s mir wieder richtig gut.» Sie fuhr mit den Fingern über seine Brust. «Es war himmlisch, endlich einmal wieder in ein nettes Restaurant gehen zu können, ohne mir überlegen zu müssen, wie ich das bezahlen soll.» Sie küsste ihn auf eine Brustwarze.

In dieser Nacht legte sie ihm beim Schlafen ein Bein über die Schenkel. Ed lag hellwach da und wünschte, er könnte Ronan anrufen.

 

Am darauffolgenden Freitag kam sie wieder, und am Freitag danach auch. Sie reagierte nicht auf seine Bemerkungen, dass er am Wochenende einiges zu tun habe. Ihr Vater hatte ihr Geld gegeben, damit sie zusammen essen gehen konnten. «Er hat gesagt, es würde ihn unheimlich erleichtern, mich wieder fröhlich zu sehen.»

Er sei erkältet, sagte er, als sie mit der U-Bahn ankam und über die Straße auf ihn zuhüpfte, vermutlich wäre es besser, ihn nicht zu küssen.

«Das macht mir nichts aus. Was dein ist, ist mein», sagte sie und drückte ihm volle zwanzig Sekunden lang die Lippen auf den Mund.

Sie aßen in einer Pizzeria um die Ecke. Ed hatte angefangen, bei Deannas Anblick leichte Panikreaktionen zu entwickeln. Sie hatte ständig «Gefühle». Der Anblick eines roten Busses machte sie fröhlich, beim Anblick einer welken Topfpflanze in einem Café war ihr zum Heulen. Irgendwie übertrieb sie es immer. Sie war manchmal so mit Reden beschäftigt, dass sie vergaß, mit geschlossenem Mund zu kauen. In seiner Wohnung ließ sie die Badezimmertür offen, wenn sie pinkeln musste. Es klang, als würde sich ein Pferd erleichtern.

Er war für all das nicht bereit. Ed wollte allein in seiner Wohnung sein. Er wollte die Ruhe und die Ordnung seines Alltags. Er konnte kaum glauben, dass er sich jemals einsam gefühlt hatte.

An diesem Abend sagte er ihr, er wolle keinen Sex. «Ich bin wirklich müde.»

«Da weiß ich einen unfehlbaren Wachmacher …» Sie tauchte unter die Bettdecke. Es folgte ein Gerangel, das unter anderen Umständen hätte lustig sein können: Ihr Mund strebte in Richtung seiner Genitalien, er hielt sie unter den Achseln fest und zog sie nach oben.

«Wirklich. Deanna. Nicht … nicht jetzt.»

«Dann kuscheln wir. Jetzt weiß ich, dass du nicht nur meinen Körper willst!» Sie zog seinen Arm um sich und stieß einen leisen Seufzer des Behagens aus, wie ein kleines Tier.

Ed Nicholls lag mit weit offenen Augen im Dunkeln. Er holte tief Luft.

«Hör mal … Deanna … also … nächstes Wochenende gehe ich auf Geschäftsreise.»

«Irgendwohin, wo’s nett ist?» Sie streichelte probehalber über seinen Oberschenkel.

«Na ja … Genf.»

«Oh! Toll! Soll ich als Handgepäck mitreisen? Ich könnte im Hotelzimmer auf dich warten. Und wenn du von deinen Terminen zurück bist, könnte ich deine Sorgenfalten glätten.» Sie strich ihm über die Stirn. Er musste sich beherrschen, um sich nicht wegzudrehen.

«Wirklich? Das ist ja nett. Aber so eine Art Reise ist es nicht.»

«Du bist wirklich ein Glückspilz. Ich liebe Reisen. Wenn ich nicht so pleite wäre, würde ich augenblicklich wieder im Flugzeug sitzen.»

«Tatsächlich?»

«Das ist meine Leidenschaft. Ich habe diese Freiheit unheimlich genossen, einfach nach Lust und Laune durch die Welt reisen zu können.» Sie beugte sich über ihn, zog eine Zigarette aus dem Päckchen auf dem Nachttisch und zündete sie an.

Er hatte eine Weile nur dagelegen und nachgedacht. «Hast du eigentlich irgendwelche Aktien oder Wertpapiere?»

Sie rollte sich von ihm herunter und lehnte sich in ihr Kissen zurück. «Sag jetzt nicht, dass ich auf dem Aktienmarkt spekulieren soll, Ed. Bei dem wenigen, was ich noch habe, kann ich es mir nicht leisten, so ein Risiko einzugehen.»

Es rutschte ihm heraus, noch bevor er richtig darüber nachgedacht hatte. «Das ist kein Risiko.»

«Was ist kein Risiko?»

«Wir haben da eine Sache am Start. In ein paar Wochen. Das wird der Hammer.»

«Eine Sache?»

«Ich kann dir dazu nicht viel mehr sagen. Aber wir arbeiten schon eine ganze Weile daran. Diese Sache wird den Wert unserer Aktien ziemlich steigen lassen. Unsere Businessfritzen sind ganz heiß darauf.»

Sie schwieg.

«Ich meine, ich weiß, dass wir nicht viel übers Geschäft geredet haben, aber das wird richtig viel Geld bringen.»

Sie klang nicht überzeugt. «Du sagst also, ich soll meine letzten paar Pfund auf etwas setzen, von dem ich nicht mal den Namen kenne?»

«Du musst den Namen nicht kennen. Du musst nur ein paar Aktien meiner Firma kaufen.» Er drehte sich auf die Seite. «Du investierst ein paar tausend Pfund, und ich garantiere dir, dass du deinen Exfreund in zwei Wochen ausbezahlen kannst. Dann bist du frei! Kannst tun, was du willst! Kannst durch die ganze Welt reisen!»

Darauf trat lange Stille ein.

«Auf die Art machst du also dein Geld, Ed Nicholls? Schleppst Frauen ab und bringst sie dazu, für Tausende von Pfund Aktien deiner Firma zu kaufen?»

«Nein, so ist es n…»

Sie drehte sich um, und er sah, dass sie einen Witz gemacht hatte. Sie fuhr mit dem Finger die Kontur seines Gesichts nach. «Du bist so nett zu mir. Und es ist eine sehr reizvolle Idee. Aber ich habe gerade keine paar Tausender auf der hohen Kante.»

Die Worte kamen aus seinem Mund, bevor er wusste, was er sagte. «Ich leihe dir das Geld. Wenn es funktioniert, zahlst du es mir zurück. Wenn nicht, bin ich selber schuld, weil ich dir einen schlechten Rat gegeben habe.»

Sie fing an zu lachen und hörte gleich wieder auf, als sie bemerkte, dass er es ernst gemeint hatte.

«Du würdest das wirklich für mich tun?»

Ed zuckte mit den Schultern. «Ehrlich gesagt, fünf Tausender kann ich zurzeit verschmerzen.» Und ich würde zehnmal so viel bezahlen, wenn ich dich damit loswerden würde.

Sie riss die Augen auf. «Wow. Das ist das Netteste, was jemals jemand für mich getan hat.»

«Oh … das glaube ich nicht.»