Weitergehen - Christian Düfel - E-Book

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Christian Düfel

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Beschreibung

Einsichten und Anregungen aus der Reformationsdekade und dem 500. Reformationsjubiläum in Bayern will dieser Essayband weitergeben. Er enthält Rückblicke und Ausblicke unterschiedlicher Autorinnen und Autoren. Nachdenkenswertes und Informatives stehen nebeneinander und laden ein, im Weitergehen noch einmal innezuhalten und Impulse für die Zukunft mit auf den Weg zu nehmen.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Weitergehen

Einsichten und Anregungen aus der Reformationsdekade

Herausgeber: Christian Düfel, Maria Stettner, Dieter Stößlein

Bildnachweise:

Michael Zimmerhackel (Collage S. 5)

Ludwig Olah (Titel, S. 8; Lorenzkirche, Matthäus-Passion mit Staatstheater Nürnberg)

Haus d. Bayerischen Geschichte | Fred Schöllhorn (S. 84)

Christian Düfel (Titel, S. 104; „Der verhüllte Gott“, Regensburger Neupfarrkirche)

Matthias Wjst (Titel, S. 172; Ausstellung Divergenzen-Konvergenzen, Gröbenzell)

Gemeindekolleg VELKD | Sylvia Bechle (S. 212)

alle anderen Bilder privat

Inhalt

Vorwort

EINBLICKE

Andreas Werner

Versöhnung empfangen

Jörg Dittmar

Hand in Hand für eine Stadt

Martina Bauernfeind

Nachdenken über Öffentlichkeit, Kultur und Kirche 2017

Melitta Müller-Hansen

Das Reformationsjubiläum in den öffentlich-rechtlichen Medien

Gabriele und Hanns Hoerschelmann

Die Saatkörner der Reformation an aller Welt Enden

Romina Englert-Rieder

Luther 2017 vor Ort

Christoph Liebst

HistoRITTER, MuseumsBAUERN, LUTHERANER

Peter Wolf

Gemeinsamer Erfolg. Eine Bayerische Landesausstellung im Jubiläumsjahr der Reformation

Yvonne Coulin, Christian Düfel

Der Playmobil-Luther

NACHDENKEN

Michael Martin

Rechtfertigung heute und die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre als multilaterales ökumenisches Basisdokument

Stephan Mokry

„Unser Martin“? Katholische Blicke auf Luther und das Reformationsjubiläum

Wolfgang Krauß

Die andere Reformation erinnern. Auf den Spuren der Täufer 132 und Mennoniten in Bayern

Christian Düfel

Kirche ist Kulturträgerin

Joachim König, Dietmar Maschke

Braucht Kirche Events?

WEITERGEHEN

Maria Stettner

Signale 2017

Axel Töllner

Luther und die Juden – eine Bilanz

Sabine Otterstätter-Schmidt, Ilona Schuhmacher

Reformation reloaded

Christof Hechtel

Pilgern, Kirchenraum und Kunst

Jürgen Nitz

Radpilgern als spirituelle Erfahrung

Dieter Stößlein

Wie nachhaltig ist die Reformationsdekade?

Impressum

2017

Zehn Jahre vorbereitet, ein Jahr der Höhepunkte mit imposantem Engagement und am 31. Oktober 2017 ist alles vorbei? Wir kehren zurück zum Alltag, als wäre nichts gewesen? Manch kritische Zunge hatte dies prognostiziert. Andere haben schon vorher gemahnt, 2017 müsse als Doppelpunkt verstanden werden. Was bleibt aus dem Jahr des Reformationsjubiläums? Was nehmen wir mit? Was bewegt uns weiter?

Die Reformationsdekade hat in Bayern erst etwas verspätet Fahrt aufgenommen. Einige der Themenjahre, wie „Reformation und Musik“ fanden enormen Widerhall, an anderen war die Beteiligung weniger ausgeprägt. Je näher das Jubiläumsjahr kam, desto deutlicher wurde auch von katholischer Seite das Interesse an einem gemeinsamen darauf Zugehen und einem gemeinsamen Gedenken. Und im Jahr 2017 wollten dann viele dabei sein. Ideen schlugen Wellen und viele Gemeinden nahmen auf, was andere schon geplant hatten. Der „Reiseführer“ mit den zahlreichen Veranstaltungen, die rechtzeitig eingereicht worden waren, war die reinste Fundgrube für die, die sich erst später zum Mitmachen entschieden hatten. Was davon bleibt? Was nehmen wir mit? Was bewegt uns weiter?

Der vorliegende Essayband mit 20 thematischen Beiträgen von 23 Autorinnen und Autoren wirft aus bayerischer Perspektive einen Blick auf Ereignisse und Themen, die während des Reformationsjubiläums besonders von Interesse waren, und auch auf solche, die mehr Beachtung verdient hätten. Er trägt Nachdenkenswertes zusammen, wirft einen ersten Blick auf die Ergebnisse der Online-Evaluation der bayerischen Reformationsdekade und lädt dazu ein, selbst zu fragen, welche Impulse des Jahres 2017 in Zukunft wirksam werden sollen.

Christian Düfel, Maria Stettner, Dieter Stößlein

EINBLICKE

Andreas Werner

Versöhnung empfangen

Persönliche Reflexionen nach dem Healing-of-Memories-Gottesdienst in der Evangelischen Stadtpfarrkirche Kitzingen, 12. März 2017.

Andreas Werner

Kirchenrat; seit 2012 Kirchenkreisbeauftragter für Ökumene im Kirchenkreis Ansbach-Würzburg.

Botschafter an Christi statt – Lasst euch versöhnen – mit Gott (2.Kor 5, 20)

Eine interessante Entdeckung: Versöhnung geschieht mir, kommt über mich. Das Wort aus dem 2. Korintherbrief des Apostels Paulus hat eine passive Dimension! Ich werde versöhnt. Bisher verstand ich Versöhnung als ein aktives Handeln. Ich mache mich auf, mitunter schwere Wege zu gehen, die oft sogar Umkehr bedeuten. Manchmal heißt es sogar, in Vorleistung zu gehen.

Und ist es denn nicht auch meine Aufgabe, voranzuschreiten und den ersten Schritt hin zur Versöhnung zu machen? „Schreitet voran!“, sagte Papst Franziskus bei seinem Besuch in der lutherischen Gemeinde in Rom und überreichte als Gastgeschenk einen Abendmahlskelch.

Seltsam, dass das der Apostel an dieser Stelle so anders sieht. Versöhnung als ein Geschehen, das mir widerfährt. Interessant. Klar, theologisch betrachtet ist das Erlösungswerk Christi, die Versöhnung zwischen Gott und Mensch, ein aus meiner Sicht passives Geschehen, das Christus an mir vollbringt, ohne dass ich auch nur irgendetwas dazu getan hätte.

Ich spüre: ich muss darüber dringend nachdenken … Was heißt eigentlich: Versöhnung empfangen?

Im Nachklang – aber auch bereits beim Feiern – des Healing-of-Memories-Gottesdienstes am 12. März in der Stadtpfarrkirche in Kitzingen begann ich allmählich zu verstehen. Mehr, als wir sie machen können, empfangen wir Versöhnung. Und ich glaube, dass für viele gerade dieses Gefühl des Empfangens das Außerordentliche und das Besondere dieses Gottesdienstes war.

Ich gebe gerne zu, dass wir in der Planung des Healing-of-Memories-Gottesdienstes mehr mit dem Machen als mit dem Empfangen von Versöhnung beschäftigt waren. Das hatten wir nicht so wirklich „auf dem Schirm“. Freilich, wenn man uns gesagt hätte, dass wir empfangen, dann hätten wir uns gefreut. Aber ich dachte – wahrscheinlich die anderen auch, dass es ums jeweilige (Zu-)Geben gehen würde. Man entledigt sich des Schutzes, wird verletzbar und bekennt sich zu schmerzhaftem Fehlverhalten. Man beichtet sich gegenseitig facettenreich die Schuld. Sogar jene, für die man persönlich nun wirklich auch nichts kann.

Wie wird das wirken? Wird es ein Ping-Pong-Spiel der dokumentierten Ungeschwisterlichkeit? Wird es ehrlich? Kommt es von Herzen? Ist es voller Sehnsucht nach Einheit? Und wie wird es dann weitergehen? Auch die Frage nach der Nachhaltigkeit beschäftigte mich. Werden wir dann „frei, ledig und los“ sein, wenn wir aus dem Gottesdienst kommen? Wird sich später das gegenseitige Bekennen zur Schuld als neues und ökumenisches und gottesdienstliches Format wiederholen? Schenkt uns dieser Gottesdienst Befreiung zum Legen eines neuen Fundamentes, um darauf eine zukünftige Kirche der Einheit zu errichten?

Ich erinnere mich: Wir kamen zusammen, um uns auszutauschen. Der Ökumenereferent des Bistums Würzburg, Domvikar Dr. Petro Müller und ich als Kirchenkreisbeauftragter für Ökumene, der Dekan des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Hanspeter Kern und der Liturgiereferent des Bistums Dr. Stephan Steger. Der ausgearbeitete Liturgieentwurf „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“ inspirierte uns dabei außerordentlich.

Wir implementierten aber auch lokale Geschichte, denn Erinnerungen – schwierige wie auch gute – sind oftmals mit Orten verbunden und tradieren sich ortsbezogen über Generationen, sind – man kann es nur beklagen – oftmals regelrecht in ein kollektives Bewusstsein eingebrannt.

So wählten wir auch Kitzingen als einen Ort sehr wechselvoller konfessioneller Konstellationen und zogen gleichzeitig auch den Blick in die Region. Zusammen mit Dekan Hanspeter Kern sollte sein katholischer Amtskollege Dekan Peter Göttke sowie Kerns katholischer Amtsbruder an St. Johannes, Pfarrer Gerhard Spöckl, darlegen, wie Kitzingen in besonderer Weise Schauplatz der Reformation und der aus ihr resultierenden Konflikte war. So wurde 1524 die erste evangelische Predigt in der heute katholischen St. Johanneskirche gehalten. Als Kitzingen knapp 100 Jahre später wieder unter den Herrschaftsbereich des Würzburger Fürstbischofs kam, mussten über 1.000 Bürger, die den evangelischen Glauben nicht aufgeben wollten, die Stadt verlassen. Durch den sogenannten „Gnadenvertrag“ von Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn wurde die Gleichberechtigung beider Konfessionen in der Stadt festgeschrieben. Später sagte Pfarrer Spöckl: „Die unterschiedlichen Traditionen und Prägungen werden immer wieder zu Herausforderungen. Die Frage, warum wir katholisch sind, oder warum wir evangelisch sind, begleitet uns unausgesprochen in den vielen großen und kleinen Fragen des Alltags.“ Dekan Kern fügte ergänzend hinzu: „Ökumene ist in unserer Stadt keineswegs am Ziel, aber sie ist auf einem guten Weg.“

Spüren Sie als Leser, was ich meinte, als ich zu Beginn sagte: In diesem Gottesdienst begann ich allmählich zu verstehen, was „Lasst euch versöhnen“ meinen könnte?

Kitzingen war eine sehr gute Wahl, wie sich schnell herausstellen sollte, was nicht nur am sehr gut besuchten Gottesdienst lag, zu dem auch Bürgermeister, Landräte und der Regierungspräsident Unterfrankens kamen. Ein noch größeres Geschenk war für uns die Tatsache, dass wir in Kitzingen auf eine Kirchenmusik von hohem Niveau vertrauen konnten, die sich aus den beiden Stadtgemeinden ökumenisch zusammenfand. Aus der evangelischen Stadtkirche, die weit über ihre Grenzen hinaus bekannte Paul-Eber-Kantorei und der Posaunenchor unter der Leitung von Dekanatskantor und Organist Martin Blaufelder, sowie der Kirchenchor der katholischen Stadtkirche St. Johannes und dessen Dirigent, Organist und Regionalkantor Christian Stegmann. Im Gottesdienst wurde uns bewusst, welches Pfund wir mit unserer Kirchenmusik in unseren Gemeinden in den Händen halten. Ich will es ganz persönlich verdeutlichen: Wir sangen zur Tauferinnerung den Choral: „Lasset mich mit Freuden sprechen: Ich bin ein getaufter Christ“. Den Kirchraum der Stadtkirche erfüllte ein derartig mächtiger Gemeindegesang, dass es mich im Innersten berührte. Alles war so klar und deutlich, so freudig und hoffnungsvoll. So versöhnt und voller heiler Gemeinschaft.

Freilich: Bischof Friedhelm Hofmann und Regionalbischöfin Gisela Bornowski hatten mit ihren Predigten den Boden bereitet. Wir alle wüssten zur Genüge um die konfessionellen Auseinandersetzungen während der vergangenen 500 Jahre. „Heute wollen wir dankbar miteinander nicht auf das Trennende, sondern auf das Gemeinsame schauen, wollen brennende Wunden heilen und gemeinsam in die Zukunft blicken.“ Das Evangelium vom Weinstock und den Reben sei gerade den Menschen in Unterfranken sehr vertraut und anschaulich. „Eine Rebe kann nicht ohne den Weinstock sein.“ Gottes Liebeskraft solle auch das Herz der Kirche verwandeln, damit diese in der Welt die Liebe Gottes zu den Menschen bezeugen könne. „Zu diesem Zeugnis gehört eben auch die Einheit im Glauben. Gehen wir weiter aufeinander zu. Respektieren wir uns gegenseitig, auch wenn wir noch unterschiedliche Sichtweisen im Blick auf die Kirche haben. Jesus Christus ist der, der uns verbindet und der – um im Bild des Weinstocks zu bleiben – uns ernährt und zum gemeinsamen Zeugnis befähigt“, betonte Bischof Hofmann.

„Die Reben hängen am Weinstock. Das ist entscheidend für Wachstum und Gedeihen“, hob Regionalbischöfin Bornowski in ihrer Predigt hervor. Die Einheit im Glauben werde sich daran zeigen, „wie wir mit Christus verbunden sind, wie innig unser Verhältnis zu ihm ist, wie sehr wir uns seine Liebe gefallen lassen.“ Niemand sei in der Lage, bei einem Wein die Früchte einzelner Reben zu unterscheiden. „In unserer eher säkularisierten Welt werden wir als Kirchen zusammen wahrgenommen.“ Die meisten Menschen unterschieden nicht mehr zwischen katholisch und evangelisch. „Fehler wirken sich immer auf beide Kirchen aus und die Menschen, gleich welcher Konfession, kehren der Kirche den Rücken.“ Genauso wirke es sich aus, wenn Christen in der Gesellschaft Gutes wirkten, Schwachen beistünden, Orientierung gäben. „Wir können einander ergänzen und im unterschiedlichen Geschmack, den wir einbringen, dem Wein eine besondere Note geben“, betonte die Regionalbischöfin. Versöhnte Verschiedenheit, die nicht mit Gleichmacherei zu tun habe, heiße, sich gegenseitig Anteil zu geben an der reichen jeweils eigenen Tradition und zugleich Anteil zu nehmen „an der reichen anderen Tradition, die besondere Seiten des gemeinsamen Glaubens zum Klingen bringt“.

Mein guter Freund Petro stand neben mir. Wir beide hatten die Aufgabe, das Schuldbekenntnis und die Vergebungsbitte vorzutragen. „Die Geschichte der Verletzungen endet nicht, wo die Waffen niedergelegt werden. Wir haben an ihr teil, wenn wir einander in Gedanken, Worten und Werken verachten, verletzen und verurteilen“, hörte ich mich sagen. Und Petro antwortete: „Es wurde mehr Mühe darauf verwandt, die Fehler des anderen aufzuweisen als das Evangelium zum Strahlen zu bringen. Diese Gefahr ist nicht gebannt: Auch wir stehen immer wieder der gemeinsamen Aufgabe im Wege, das Evangelium zu verkünden.“ Petro und Andreas, tragen wir nicht die Namen der beiden von Jesus selbst berufenen leiblichen Geschwister? Es muss uns doch gelingen durch Gott versöhnt zu werden! Wenn nicht durch Gott, durch wen denn dann? Und pulst in uns nicht gleichermaßen das Blut Christi?

Ein ziemliches Durcheinander entsteht, als die Bischöfe sich gegenseitig an ihre Taufe erinnern und wir das Wasser in die Gemeinde tragen, damit jeder sich an seine Taufe erinnert. Was für ein Zeichen! Johannes dem Täufer wäre die Szene wohl halbwegs vertraut gewesen. Buße und der Wille zur Umkehr, das waren die Voraussetzungen für seine Taufe. Der Bund im Versöhntsein mit Gott, daran erinnert uns unsere Taufe. Seit diesem Gottesdienst fühle ich mich „frei, ledig und los“.

Ich wurde mit allen, die da waren und mitfeierten, zu einem Botschafter an Christi statt. Wir wurden versöhnt, weil wir uns gegenseitig bezeugten, dass wir gewillt sind, unser Leben mit Gott zu leben. Insofern hatte dieser Gottesdienst alles, was ein Gottesdienst haben sollte. Das Fundament ist gelegt und wenn wir wollten, dann könnten wir beginnen zu bauen …

Jörg Dittmar

Hand in Hand für eine Stadt

Die Menschenkette 2017 in Kempten/Allgäu

Jörg Dittmar

Seit 2008 Dekan für den Dekanatsbezirk Kempten/Allgäu und seit 2017 Vorsitzender der ACK Kempten.

Brauchen wir Regenschirme?

Alles sah ja nach Regen aus und wir mussten fürchten, dass im letzten Moment alles ins Wasser fallen würde. Wenn 500 wetter- und wasserfeste Menschen trotzdem kommen, dann könnte es gerade noch klappen. Für diesen Fall hatten wir die roten Schals besorgt. Dann müssten sich halt alle „lang machen“ und die Schals zwischen einander gut spannen. Doch würden bei strömendem Regen überhaupt 500 Leute kommen? Immerhin ging es darum, eine Distanz von gut einem Kilometer zu überbrücken mit einer Kette aus Menschen wie mit einem roten Faden. Einen Kilometer beträgt die Strecke zwischen den beiden Hauptkirchen in Kempten: der evangelisch-lutherischen St.-Mang-Kirche in der Altstadt und der römisch-katholischen Basilika in der Stiftsstadt.

Die geteilte Stadt

Beide Kirchen sind ehrwürdige, schöne und große Gotteshäuser. In ihrer Distanz aber sind beide auch ein Zeugnis dessen, dass die Allgäu-Metropole Kempten einmalmal eine geteilte Stadt war. Ja, geteilt, beinahe so tief und schmerzhaft wie einst Berlin. Bis vor 200 Jahren gab es zwei „Kemptens“, zeitweise sogar mit einer Mauer dazwischen, mit Zollstationen und Toren, die nachts geschlossen wurden. Im „großen Kauf“ von 1525 hatten die reichsstädtischen Kemptener dem katholischen Fürstabt ihre Freiheit abgekauft, evangelisch werden zu dürfen. 30.000 Gulden kostete das und war eine gewaltige Summe, die nur mit Mühe über Abgaben und den Verkauf von Kirchenschätzen finanziert werden konnte. Die schon eingeübten Spannungen zwischen der freien Reichsstadt und der vom Kloster dominierten Stiftsstadt bekamen damit eine neue Dimension: Es gab nunmehr ein evangelisches Kempten und ein katholisches: mit unterschiedlichen Münzen, Gesetzgebungen und einem tiefen Misstrauen gegeneinander. Heiraten zwischen beiden Stadthälften war noch bis in die 1960er Jahre verpönt.

Eine Idee wird geboren

Mit den Planungen zum Reformationsjubiläum 2017 keimte folgender Traum auf: Könnte es uns gelingen, zwischen den beiden Hauptkirchen quer durch die Stadt mit einer Kette von Menschen zu bezeugen, dass wir als Christen nunmehr zusammenstehen und alle füreinander eintreten? Was könnte das für ein Zeichen sein, gemeinsam Christus zu bezeugen und auch, dass es unsere Aufgabe ist, dieser Stadt „Bestes“ zu suchen für die Menschen, die in ihr leben und hier Zuflucht und Heimat gefunden haben?

Wie das mit guten Ideen ist – keiner wusste mehr so ganz, wo sie ihren Anfang genau nahm, und wer es war, der diesen Geistesblitz hatte. Klar war nur der Boden, auf dem diese Idee Wurzeln schlagen, wachsen und groß werden könnte: Die Stadt-ACK Kempten war dieser Boden. Sie war 2014 „aus der Taufe“ gehoben worden und vereint acht Kirchen bzw. kirchliche Gemeinschaften in sich, die Mitglieder oder Gäste sind. Neben der römisch-katholischen, der evangelisch-lutherischen und der altkatholischen Kirche gehören auch die rumänisch-orthodoxe und die russisch-orthodoxe Kirche dazu. Nicht zu vergessen die Neuapostolische Kirche, die Evangelische Gemeinschaft sowie die charismatische Freikirche „Alpenchurch“. Damit sind fast alle christlichen Konfessionen und Gemeinschaften Kemptens in dieser ACK vertreten, die zugleich das Glück hat, dass sich ihre Delegierten schlicht mögen, schätzen und vertrauen. Ein Segen! Und zudem ein Segen, dass mit dem Pastor der „Alpenchurch“, Gerhard Kehl, jemand in unserer Mitte war, der Großveranstaltungen schon weltweit organisiert hatte und für den das detaillierte Planen der Menschenkette genau die „Hausnummer“ war, die er liebte.

Gute Planung und Gottvertrauen

Was am Ende (zumal in den faszinierenden Fotos, die Drohnen geschossen haben) so einfach und selbstverständlich aussah, bedeutete ein gewaltiges Werk an Planung und Organisation. Monate vorher galt es, den Oberbürgermeister, das Ordnungsamt und die Polizei auf die Aktion vorzubereiten. Wie beschallt man einen Kilometer Strecke? Wie finden die Menschen ihren Platz? Dafür braucht es Ordner, Stewards und Streckenposten. Wo kriegen wir auf der Strecke den Strom für die Lautsprecher her und wie werden die Straßensperren kurzfristig aufgebaut? Und was machen wir, wenn zu wenige Menschen kommen? Viele Vortreffen gab es und der Funke sprang über. Ein Team aus ungefähr 100 Jugendlichen und jungen Erwachsenen dachte sich in jedes Detail hinein, bis hin zu den drei Szenarien: dass zu wenige kommen, dass genau richtig ungefähr 800 Leute kommen oder dass wir mit einem Andrang von tausend Menschen und mehr klarkommen müssen. Für die erste Variante waren die Schals besonders wichtig. Schals, die aus roten IKEA-Decken per Hand geschnitten waren, die man notfalls ein bisschen dehnen konnte, und die zwischen zwei Personen gut 1,5 Meter überbrücken konnten. Auf diesen Schals prangte ein Aufkleber: „Eins im Geist durch das Band des Friedens! – Epheserbrief 4,3“. Irgendwie hatte uns dieses Bibelwort gefunden und es passte perfekt zu dem, was wir da planten, hofften und wagten.

Gänsehautmomente

Und? Wird das alles ins Wasser fallen? Ausgemacht war, dass sich alle, die mitmachen wollten, in einer der beiden Hauptkirchen versammeln sollten. Lied, Gebet, Segen, erklärende Worte – das war der Start, während per Funk abgestimmt werden musste, ob es klappen würde und ob wir genug wären. Und dem war so! Am Ende waren wir über 1.000 Menschen, die Hand in Hand quer durch die Stadt einen roten Faden (mit unseren Schals) hochhielten: für Frieden, für Menschlichkeit, für die Überwindung der Gräben und Wunden einer geteilten Stadt, für die Einigkeit im Glauben an Jesus Christus, für eine lebenswerte und liebenswerte Stadt. Die Kette wuchs von den beiden Kirchen aufeinander zu. An der Spitze die beiden Dekane – evangelisch und katholisch. Mittendrin der Oberbürgermeister, viele Pfarrerinnen und Pfarrer im Talar und Priester im Messgewand, Stadträte, Honoratioren, Kleine und Große. Quer durch die Stadt wurde von Hand zu Hand die neue Lutherbibel von St. Mang auf den Weg zur Basilika geschickt. Dort wurde die neue Einheitsübersetzung bis zur evangelischen Kirche weitergereicht. Laola und „Großer Gott, wir loben dich“ – Gänsehautmomente. Kein Regen! Stattdessen riss der Himmel auf, in den schönsten Farben eines Abendrots. Kitschig! Ja. Manchmal spart Gott nicht mit Farben und mit Glück und mit großen Gefühlen. Die Gattin des Oberbürgermeisters sagte mir einige Tage später: „Was habt ihr denn mit meinem Mann gemacht. Der ist immer noch wie glückstrunken von eurer Menschenkette und schwärmt wie noch nie von seiner Stadt.“

Wie löst man eine Menschenkette von 1.000 Leuten auf? Geplant war, dass dann alle auf die Mitte zusteuern – in den dichten Kern der Fußgängerzone, dorthin, wo einst das Tor zwischen evangelischer und katholischer Stadt gewesen ist. Ein paar Worte sprachen die Dekane, der OB und Gerhard Kehl; die Posaunen spielten Danklieder. Und dann war da das, was in diesem Moment alle spürten: Wir erlebten eine Sternstunde der Ökumene. Und diese Sternstunde verpflichtet uns. Die Menschenkette war wie eine Linie, hinter die wir nicht mehr fallen dürfen.

Eine Verpflichtung für die Zukunft

Zum Reformationsfest 2018 wird ein Buch mit Bildern und Texten aus dieser besonderen Nacht sowie aus weiteren ökumenischen Höhepunkten im Reformationsgedenkjahr in Kempten erscheinen. So soll die Verpflichtung bestätigt werden, die wir eingehen wollten: Die Menschenkette war eine Linie, hinter die wir nicht mehr zurückfallen möchten. Das soll im Gedächtnis bleiben und unserem Gedächtnis aufhelfen, wenn alte Gräben zwischen den Konfessionen wieder aufbrechen oder wenn für die nächsten Schritte zu einem besseren Miteinander die Fantasie und die Kräfte versagen sollten. Ein Buch voller Gänsehautmomente soll bis in die Zukunft reichen.

Kann man sonst noch was von „den Kemptern“ lernen? Keine Ahnung. Wir haben gelernt! Wir haben in den ökumenischen Pfarrkonferenzen miteinander „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ durchbuchstabiert, wir haben die Liturgie-Texte studiert, die aus dem „Healing-of-Memories-Prozess“ entstanden sind. So haben wir zum Auftakt des Reformationsjahres den römisch-katholischen Dekan eingeladen, in der evangelischen St.-Mang-Kirche zu predigen. Im Eingangsteil dieses Gottesdienstes nutzten wir Elemente der Liturgie von Hildesheim, die wir für uns überarbeitet hatten. Das waren Momente, in denen man in der vollbesetzten Kirche eine Stecknadel hätte fallen hören: Als wir, mein römisch-katholischer Amtsbruder Dekan Dr. Bernhard Ehler und ich, uns einander, stellvertretend für unsere Kirche, um Vergebung baten, den Schmerz des anderen über die Trennung der Kirchen formulierten und anerkannten und einander sagen konnten, was jeder am anderen hat und schätzt. Bewegend war am Ende das Bekenntnis, Gott dankbar zu sein für den anderen im Blick auf die unterschiedlichen Wege, die wir als Konfessionen gegangen sind und wie der andere für uns auf dem Weg durch die Zeiten so manches bewahren konnte, was für beide kostbar bleibt.

Worte allein machen es nicht: Vergebung, Wertschätzung, einen neuen Anfang nach ökumenischen Eiszeiten, die es auch in Kempten gegeben hat. Aber ohne Worte geht es überhaupt nicht. Worte, die den Schmerz des anderen würdigen und ernst nehmen und wie eine offene, warme Hand sind – ausgestreckt und verletzbar. Mit Augenzwinkern hatten wir diesem Reformationsgottesdienst 2016 den Titel „Das Kriegsbeil begraben“ gegeben. Aber als konkret gelebter und sichtbar gemachter Akt der Buße und Vergebung war dieser Gottesdienst geistlich und emotional die Grundlage für das, was in der Menschenkette als überwältigendes Miteinander spürbar war.

Statt Streiten segnen

Unser Miteinander als Kirchen und als Christen ist uns Aufgabe und Verpflichtung. Aber es ist kein Selbstzweck. Das jedenfalls war die tiefe Überzeugung, in welche die Erfahrung der Menschenkette von Kempten einmündete. Als an diesem besonderen Abend die 1.000 Menschen in den Stadtkern strömten, wo wir eine kurze Schlussandacht feiern konnten, bildete den Abschluss ein Segen, den wir den Menschen unserer Stadt zusprechen wollten. Pfarrer Dr. Wolfgang Thumser, der evangelisch-lutherische Pfarrer von Waltenhofen (südlich direkt vor Kempten), brachte ins Wort und auf den Punkt, worum es uns ging. Sein Stadtsegen wird in die Geschichte der einst geteilten Stadt an der Iller eingehen:

Gesprochen wurde dieser Segen von 25 Geistlichen, Pfarrerinnen und Pfarrern, Gemeindeleitern und Priestern, schwarz und weiß gekleidet und bunt und mit oder ohne Stola, Beffchen oder Kreuz vor der Brust. Und für diesen einen Moment gab es spürbar keinen Zweifel daran, warum es sie geben muss – Geistliche und ihre Verschiedenheit.

Stadtsegen

Der Herr segne diese Stadt und ihre Menschen!

Segen den Schulen und Bildungseinrichtungen! Sie sollen alle, die zu ihnen kommen, tüchtig machen zum Nutzen für sie selbst und für andere! Schenke ihnen Lehrerinnen und Lehrer mit Augenmaß, Überblick, Können und Geduld!

Segen den Kirchen – den Dekanen, Synoden, Pfarrgemeinderäten, Kirchenvorständen, Ausschüssen und den Pfarrerinnen und Pfarrern! Sie sollen die frohe Botschaft Gottes ausrufen und die Menschen stärken, trösten und ermahnen! Schenke ihnen deinen Geist, dazu Freimut, Tatkraft und Liebe!

Segen der Justiz – den Rechtsanwälten und den Richtern! Sie sollen Streit schlichten, die Schwachen stärken und das Recht aufrichten! Schenke ihnen Klarheit, Weisheit und, wenn nötig, Barmherzigkeit!

Segen der Caritas und der Diakonie! Sie soll den Armen, den Fremden, den Kranken und den Sterbenden beistehen! Schenke ihr Kraft, Niedergeschlagene aufzurichten und Schwache zu stützen!

Segen den Kliniken, Arztpraxen und medizinischen Einrichtungen mit ihren Ärzten, Pflegekräften, Rettungssanitäterinnen und –sanitätern. Sie sollen Menschen heilen, pflegen und begleiten, die an Leib oder Seele krank sind. Schenke ihnen den Blick für den ganzen Menschen in seiner Not und die Weisheit, die Kraft des Heilenden recht zu nutzen.

Segen der Feuerwehr und den anderen Hilfs- und Rettungsdiensten! Sie sollen helfen und retten, wo Menschen sich nicht mehr selbst helfen können. Bewahre sie in Not und Gefahr!

Segen der Polizei! Sie soll Ordnung und Sicherheit in unserem Leben aufrechterhalten und dem Unrecht und der Gewalt wehren. Schenke ihnen das Licht, das sie brauchen, wenn sie immer wieder an die dunklen Orte unserer Stadt und unserer Gesellschaft gehen.

Segen den Ämtern, Behörden und der kommunalen Verwaltung! Sie sollen regeln, was geregelt werden muss und Mitverantwortung stärken. Schenke ihnen Geduld und Sorgfalt!

Segen den Arbeiterinnen und Arbeitern, ihren Betriebsräten und Gewerkschaften! Sie sollen Güter und Dienstleistungen herstellen und bereitstellen, die wir täglich brauchen. Schenke ihnen Gesundheit und Schutz vor Unfall und Gefahr!

Segen den Menschen aus unserer Stadt, die in verschiedenen Teilbereichen der Bundeswehr ihren Dienst tun. Sie sollen den Frieden erhalten. Schenke ihnen Bewahrung an Leib und Seele und schenke uns und allen Menschen ein Leben in Frieden. Wehre Krieg, Terror und Gewalt!

Segen den Banken und anderen Geldinstituten! Sie sollen die Kraft des Geldes, das ihnen anvertraut ist, mit Bedacht einsetzen! Schenke ihnen Besonnenheit!

Segen den Handwerkern, den Kaufleuten und den Unternehmern! Mögen sie klug und gerecht mit den Gütern wirtschaften, die du uns schenkst. Schenke ihnen die Ruhe und den langen Atem, die sie brauchen, um ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Segen den Berichterstattern, Kommentatoren und Fotografen! Sie sollen die Wirklichkeit darstellen, deuten und erklären. Schenke ihnen Klugheit und Nüchternheit!

Segen den Musikern, Schauspielern, Regisseuren, Produzenten und bildenden Künstlern! Sie sollen mit ihren Werken das Beste in uns ansprechen und erwecken! Schenke ihnen Humor, Ernsthaftigkeit, Begeisterung und Liebe!

Segen den Sportlern, ihren Trainern, Vereinen und Verbänden mit ihren vielen Ehrenamtlichen! Sie sollen die Kräfte des Körpers vermehren, seine Gesundheit fördern und neue Gemeinschaft stärken. Schenke ihnen Freude am Spiel und an der Gemeinschaft!

Segen den Landwirten und Gärtnern! Sie sollen Tiere und Pflanzen ihrer Natur und Art gemäß hegen und nutzen! Schenke ihnen und uns allen Demut vor der Natur und die nötige Kraft inmitten aller ökonomischen Zwänge und ökologischen Herausforderungen!

Segen den politischen Amtsträgern, den Parteien, Abgeordneten und Räten! Sie sollen in unserem Namen handeln und entscheiden, unsere Angelegenheiten führen und nach außen hin vertreten! Schenke ihnen Fantasie, Hoffnung und die Lust, auch auf andere zu hören!

Segen der wissenschaftlichen Lehre und Forschung! Sie soll unser Wissen vermehren und vertiefen und unser Können erweitern! Schenke ihnen Augen und Ohren, die der Wahrheit verpflichtet sind, und einen klaren Sinn für das, was wir wissen sollen und was nicht.

Segen den Autoren, den Dichtern, den Denkern und den Erzählern! Sie sollen unseren Geist öffnen und unsere Herzen stärken, unseren Blick lenken auf den Boden unter uns und den Himmel über uns! Schenke ihnen tiefe Wurzeln und schenke ihnen Flügel!

Segen all den Ehrenamtlichen, die sich in Verbänden und Initiativen einsetzen für die Pflege der Natur und die Erhaltung der Schöpfung. Sie sollen getröstet werden, wenn sie der Mut verlässt angesichts der Größe der Aufgabe, der Macht der Widerstände und ihrer eigenen geringen Kraft und Möglichkeit!

Segen den vielen, die sich als Freiwillige, als Ehren- und Hauptamtliche in Kempten und von Kempten aus für Frieden, für Verständigung und für die Versöhnung der Völker einsetzen. Mögen sie ihren Dienst allezeit in der Kraft deiner großen Verheißungen tun!

Segen den Kindern und den Jugendlichen in den Familien, Krippen, Kindertagesstätten, Kindergärten, bei den Pfadfindern, den kirchlichen Jugendgruppen und anderen Initiativen! Segen den Eltern, Betreuern und Jugendleitern! Sie sollen den Austausch zwischen den Generationen fördern, so dass sich Erwachsene von den kraftvollen Ideen und dem fröhlichen Glauben der Jungen beleben lassen und die Jungen gerne aus dem Schatz des Bewährten und Überlieferten schöpfen!

Segen den Seniorenzentren und Palliativstationen und allen, die in ihnen mitarbeiten! Sie sollen Menschen am Abend ihres Lebens begleiten und sie zurüsten für ihren Abschied aus dieser Welt. Schenke ihnen den Glauben, die Liebe und die Hoffnung, die sie für ihren Liebesdienst benötigen!

Der Herr segne diese Stadt und ihre Menschen!

Pfarrer Dr. Wolfgang Thumser

Martina Bauernfeind

Nachdenken über Öffentlichkeit, Kultur und Kirche 2017

Dr. Martina Bauernfeind

Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kulturreferat der Stadt Nürnberg, mit zahlreichen Veröffentlichungen zur Stadt- und Regionalgeschichte.

„Du siehst mich“ lautete die Jahreslosung des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages im Jubiläumsjahr der Reformationsdekade 2017. Angesehen sein, wahrgenommen werden, miteinander in Beziehung treten sind Botschaften, die dieser Vers aus dem 1. Buch Mose transportiert. Im Perspektivwechsel liegt es im Blick des Betrachters, was er sieht, wenn er an oder in eine Kirche kommt. Dem Gläubigen fällt vielleicht zuerst das Kreuz im Altarraum auf oder die für stille Andachten reservierte Seitenkapelle. Kunst- und kulturaffines Publikum wird die besondere Architektur des Sakralraumes und die spezifische Ausstattung kunsthistorisch zu würdigen wissen. Touristinnen und Touristen mögen hingegen vor allem nach den im Reiseführer als Sehenswürdigkeiten ausgewiesenen Spezifika suchen. Trotz dieser selektiven und individuellen Rezeption gilt für sie alle: „Man sieht nur, was man weiß“. Dass Reformation und Kirchengeschichte keine Themen sind, die sich nur in sakralen, religiösen und spirituellen Referenzrahmen abbilden, dafür ist Nürnberg das beste Beispiel.

Nürnberg seit der Reformation

Denn die Signaturen des Reformationsgeschehens im Stadtbild sind vielfach profane, insbesondere in Nürnberg. So debattierten 1525 im Rathaussaal, dem damals größten Profanprachtbau nördlich der Alpen, evangelisch gesinnte Geistliche und Vertreter des alten Glaubens miteinander über die zukünftige konfessionelle Richtung der Reichsstadt – bei geöffneten Fenstern, um Öffentlichkeit herzustellen. Die Lutheraner setzten sich letztendlich durch. Das „Nürnberger Religionsgespräch“ markierte im Reformationsgeschehen ein europäisches Schlüsselereignis, das sich 2025 – in dem Jahr, in dem Nürnberg Europäische Kulturhauptstadt sein will – zum 500. Mal jährt. Gleichzeitig bedingte das Ereignis den Einstieg in einen konfessionellen Pluralismus, und die von der Reformation ausgelösten religiösen, geistesgeschichtlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Veränderungen strahlen bis heute aus. Die Stadt Nürnberg und ihre Gesellschaft haben immer wieder und mitunter sehr speziell auf die gesellschaftspolitischen Herausforderungen der sich verändernden religiösen Parameter reagiert, angefangen von der Multikonfessionalität seit der Reformation über die sich auflösende konfessionelle Homogenität während der Industrialisierung bis hin zur Zunahme der religiösen und weltanschaulichen Diversität seit Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die Reformation veränderte die politischen und kulturellen Verhältnisse gravierend. In dieser Neuordnung der Konstanten spielte Nürnberg als eine der bedeutendsten Gestaltungskräfte im Reich eine entscheidende Rolle. Bei aller reformatorischen Entschiedenheit handelte Nürnberg beim Übergang zum neuen Glauben moderat. Einen Bildersturm, wie in anderen Städten, gab es in Nürnberg nicht. Herausragende Kunstwerke sind in Nürnberg deshalb erhalten geblieben. Paradigmatisch steht hierfür der „Englische Gruß“. Er stellt Mariae Verkündigung dar, umfangen von einem Rosenkranz, und wurde ein Jahr nach Luthers Thesenanschlag in der Lorenzkirche freischwebend und an zentraler Stelle angebracht. Dort verblieb die Lindenholzskulptur trotz ihrer pointiert vorreformatorischen Bildsprache – wenn auch ab 1519 verhüllt. Im Jahr 2018 wurde der 500. Geburtstag dieses Meisterwerks der Spätgotik begangen. Nirgendwo ist der Zusammenhang von Kirchen- und Kulturgeschichte so verdichtet wie hier. Vor allem unter dem demografischen Wandlungsdruck ermöglichten in den Traditionslinien der Reichsstadt, protestantisch im Selbstverständnis, Fundamentalismen abhold, gesellschaftspolitische Signale, wie 1894 die Wiederzulassung der Fronleichnamsprozession im öffentlichen Raum, den Beginn einer behutsamen kulturellen Öffnung, weg von Segregation konfessioneller Milieus hin zu einer Kultur des Miteinanders. Der interkulturelle und interreligiöse Austausch hat heute in Nürnberg als Stadt des Friedens und der Menschenrechte eine hohe Bedeutung und mit der Gründung des „Rats der Religionen“ 2016 weiterhin an Profil gewonnen.

Kultur eröffnet Perspektiven

Kultur ist der Botenstoff, um spirituelle, religionsgeschichtliche Inhalte sichtbar zu machen und zu transportieren, deren gesellschaftspolitische und kulturhistorische Relevanz zu entschlüsseln und gegenwartsbezogen zu interpretieren. Künstlerische Äußerungen und Deutungen können neue oder in den Hintergrund geratene Perspektiven eröffnen. Mit dem Ziel, allen Bürgerinnen und Bürgern Teilhabe zu ermöglichen, ist Kultur prädestiniert, Menschen ungeachtet ihrer weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen zu adressieren.

Mit Ereignissen, Persönlichkeiten, Herausforderungen und Folgen des Reformationsgeschehens setzte sich das Kulturreferat der Stadt Nürnberg deshalb zielgruppendivers und mit einem facettenreichen Programmangebot auseinander, zusammen mit seinen Dienststellen und einer Vielzahl an Kooperationspartnern, orientiert an den Jahresthemen der Reformationsdekade. Die Abstimmung und Bündelung von Veranstaltungen, Kultur- und Bildungsangeboten zu thematischen Jahresschwerpunkten sowie die Koordinierung unterschiedlicher Anbieter und Akteure gehören dabei zur Praxis. Über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg den Bogen stets in Spannung zu halten, dabei gestaltungs- und steigerungsfähig zu bleiben und mit ausreichend Pfeilen im Köcher für das Finale 2017 gut bevorratet zu sein, waren sicherlich die ganz besonderen Herausforderungen dieses Reformationsjubiläums. Nürnberg ist keine „Lutherstadt“ im eigentlichen Sinne, denn seit dem Abbruch des ehemaligen Augustinerklosters 1872, in dem der Reformator als Mönch wenige Male auf der Durchreise übernachtet hatte, fehlt ein authentischer Luther-Ort. Dennoch sind es die kulturgeschichtlich herausragenden Signaturen der Reformationszeit und deren Auswirkungen, die das Jubiläum in Nürnberg inhaltlich aufluden und profilbildende, alleinstellende Akzente setzten. Flankierend dazu konturierten in einem breit angelegten Grundrauschen Lesungen, Vorträge, Stadtführungen und Kunstrundgänge, Tagungen und Diskursformate städtischer, kirchlicher sowie sonstiger öffentlicher und freier Anbieter die Dekade in Nürnberg.

Themenakzente der Dekade in Nürnberg

Mit Nürnberg ist das Profil des Protestantismus als Bildungskonfession von Beginn an verbunden: Die freie Reichsstadt galt als Zentrum des Humanismus und war Ort des ersten Gymnasiums in Deutschland, das Philipp Melanchthon 1526 im Auftrag des Nürnberger Rates gründete. Unter dem gegenwärtigen Begriff der Bildungsteilhabe hat dieses Thema zeitlose Aktualität und fand als Themenjahr der Reformationsdekade „2010 Reformation und Bildung“ Niederschlag. Zahlreiche Bildungs- und Kulturanbieter der Stadt stellten anlässlich des 450. Todestages Melanchthons dessen Bedeutung und Wirken in Nürnberg facettenreich dar. Im Rahmen der Stadt(ver)führungen, der Ausstellung „Melanchthon und Nürnberg“ in der Egidienkirche oder der Erarbeitung von Geocaches trugen Dienststellen des Kulturreferats das Thema in die Öffentlichkeit. Die Federführung des Nürnberger Melanchthon-Jahres lag beim Evangelisch-Lutherischen Dekanat Nürnberg in Kooperation mit der Schulleitung des Melanchthon-Gymnasiums, wodurch innerhalb einer insgesamt guten Besuchsbilanz auch zahlreiche Schulklassen erreicht werden konnten. Zwar war der Kontext der Reformationsdekade eher dezent wahrnehmbar, dafür hatte sich das Themenfeld „Reformation“ mit der gelungenen Zusammenarbeit der unterschiedlichen städtischen und anderen Partnerinnen und Partner auf lokaler Ebene als kooperationsfähig erwiesen.

Das Themenjahr „2014 Reformation und Politik“ band im Rahmen der Veranstaltungsaktivitäten erstmals das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, die Staatliche Geschäftsstelle „Luther 2017“/Lutherstadt Wittenberg und das Kulturreferat enger zusammen. In Kooperation wurde die hochkarätig besetzte Tagung „Staat in Deutschland und Evangelische Kirche“ in Nürnberg mit bundesweiter Wahrnehmung durchgeführt und damit der Position der Bundesregierung Rechnung getragen, das Reformationsjubiläum als Ereignis zu gestalten, dessen Strahlkraft weit über die Kernländer des Reformationsgeschehens Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hinausreicht.

Katalytisch auf die Entwicklung der Aktivitäten und die Zusammenarbeit städtischer und anderer Akteure – allen voran mit dem Projektbüro „Reformationsdekade/Luther 2017“ als Scharnierstelle – wirkte die Themenklammer „Reformation – Bild und Bibel 2015“. Davon abgeleitet richtete ein eigenes Nürnberger Leitmotiv mit dem Titel „Buch.Bild. Provokation. Medienstadt Nürnberg“ den Scheinwerfer auf die Rolle der Stadt als europäisches Medienzentrum, welches bewirkte, dass die Reformation keine deutsche Angelegenheit blieb und Luther noch zu seinen Lebzeiten dank Lucas Cranach und dem Druck zum „Medienstar“ avancierte. Als „Aug‘ und Ohr Deutschlands, das alles hört und alles sieht“ bezeichnete Martin Luther selbst die Reichsstadt, von wo aus Bibeln, reformatorische Flugblätter oder die „95 Thesen“ in Druckform ihren Weg in die Welt antraten. „Deutschlands Auge & Ohr“ titelte deshalb auch die Ausstellung im Stadtmuseum im Fembo-Haus, die dieses Thema mit singulären Exponaten des Reformationsgeschehens in einer einzigartigen Schau aufbereitete, so etwa der Mitschrift des Nürnberger Ratsschreibers Lazarus Spengler auf dem Wormser Reichstag 1521 oder dem Bericht des Ratskonsulenten Christoph Scheurl über die Religionsgespräche 1525. Die Eröffnung war zugleich Auftakt zu einem kondensierten Aktionszeitraum, der mit einem öffentlichen Festvortrag von Lutherbotschafterin Margot Käßmann in St. Lorenz startete.

Die kohärente Kausalität von Idee und Verbreitung nahm zudem eine Ausstellung des Museums Industriekultur unter dem Titel „Schwarze Kunst. Weiße Kunst. Druck und Papier in Nürnberg“ in den Blick, und die Stadtbibliothek setzte sich mit der Reichsstadt als Zentrum der Buchmalerei in der Kabinettpräsentation „In Nürnberg illuminiert“ auseinander. Die Präsentation „Zwischen Venus und Luther: Cranachs Medien der Verführung“ in der Dauerausstellung des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg machte mit eigenen Beständen Cranachs virtuose Beherrschung des Bildes als neues Massenmedium anschaulich. Eine von Kirchenbänken befreite Lorenzkirche präsentierte eine Anmutung des Kirchenraumes in vorreformatorischer Zeit. In diesem „SpielRaum Reformation“ zeigte sich, wie Kultur als gemeinsame Folie unterschiedlicher Perspektiven und Bindemittel zwischen den Positionen funktionieren kann. Denn der Umgang mit dem höchst diversen Akteursfeld im weltanschaulich festgelegten Themenrahmen gehörte sicherlich zu den Herausforderungen eines solchen Jubiläums.

Lutherjubiläen im Rückblick

Die öffentlichkeitsgerichtete Bearbeitung der Themen „Luther“ und „Reformation“ durch unterschiedliche Akteure war dabei nicht neu. Als epochemachendes Ereignis hatte die Reformation vielfältige Auswirkungen auf die Regionen des heutigen Freistaats. Während sich am ereignisgeschichtlichen Erinnern naturgemäß wenig änderte, waren es die gesellschaftlichen, politischen, administrativen und verfassungsrechtlichen Parameter, die seit dem 19. Jahrhundert den Charakter der Veranstaltungen auf höchst unterschiedliche Weise prägten. Dabei hat das Luthertum einerseits das Narrativ der Stadt stets grundiert, andererseits waren die Luther- und Reformationsfeiern im Spannungsfeld der ehemaligen Stadtrepublik im überwiegend katholischen Königreich Bayern kultur- und gesellschaftspolitisch unterfüttert.