Weltspuk - Max Dauthendey - E-Book

Weltspuk E-Book

Max Dauthendey

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Beschreibung

Der vorliegende Band enthält eine Sammlung von Gedichten, die erstmals 1911 veröffentlicht wurde.

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Seitenzahl: 67

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Max Dauthendey

Weltspuk

Gedichte

Impressum

Covergestaltung: nexx verlag gmbh, 2014

ISBN/EAN: 9783958706071

Rechtschreibung und Schreibweise des Originaltextes wurden behutsam angepasst.

www.nexx-verlag.de

Sommerelegie

Jeder kommt einmal zu der Erde Rand,

Wo das Land aufhört, Wirklichkeit und Zahl,

Zur Versenkung, drinnen Jahr um Jahr verschwand;

Wo kein Wegmal und auch keine Wahl

Zwischen Nacht und Sonnenstrahl,

Zwischen Berg und Tal.

Sieh, das Sommergrün steht schon grob und groß,

Manche Ranke, derb und kühn, in den Himmel schoss,

Zuchtlos brüsten sich Unkraut und Gedanke.

Berge Laub sind aufgebaut, Wachstum ohne Schranke,

Als bringt nichts sie um, die sich aufgerafft vom Staube;

Strotzend gafft der Baum aus der Blätterhaube.

Gib mir deine Hand, dran die Adern blauen,

Deine Hand,

Die ich nicht am Wege blindlings fand;

Deine Augen,

Die auf Augenblicke wie goldsuchend schauen

Und zum Sand. —

Gleich sind aller Dinge Endgeschicke,

Aller, welche sich zu leben trauen.

Die Jahre

Wie die fortgeworfenen Schalen von Nüssen,

Wertlos und einsam, machen die Zahlen,

Die von allen Jahren den Menschen bleiben müssen,

In alten Blicken, den stillen und kahlen,

Liegen die toten Jahre in Scharen,

Die niemals aus dem Blut dir gefahren,

Die in dir sich begraben wie in einem Spind

Und dort wie mottenzerfressene Gewänder sind.

Sie rascheln Tag und Nacht bei dir allein,

Und nie mehr kann es um dich stille fein.

Du sehnst den Tod und möchtest vom Frieden nur einen Happen.

Der Tod ist wie ein neues Kleid vor deinen alten Jahreslappen.

Schon gehen dir täglich viel Freunde im Tod verklärt um,

Und die lebenden sind nie zu dir so zärtlich stumm.

Da ist kein Stuhl drinnen im ganzen Hause mehr,

Wo du sitzen könntest. Kein Stuhl ist von den Toten leer.

Aber die Lebenden, die jungen, die noch lärmen,

Sehen nichts als Durst und Hunger in den eigenen Därmen.

Sie sind dir toter noch in ihrer Gebärde

Als die Gräber mit ihrer hohen Hügelerde.

Du kannst nicht lachen laut, weil die toten Jahre lächelnd Schweigen.

Weinst auch nicht, weil die toten Jahre keine Rührung zeigen.

Deine Hände reichst du nicht gern, sie sind fleischlos und milde,

Und nur deine Augen folgen überall, wie die Augen von einem Bilde.

Während die andern um Lampen sitzen in der Sommernacht,

Hat dir keine Lampe Licht in Die Kammern deiner Jahre gebracht;

Und wie unter einem dunklen Baum stehst du verschwunden,

Und kein neuer Wein im Glas kann dir wie die alten Weinjahre munden.

Das Haus, das dich überlebt, sieht hoch zur geräumigen Nacht,

Doch Du findest es fremd, seit du weißt, dass es nur für Lebende gemacht.

Seit die Jahre und die Toten dich fortziehen von Giebel und Tor,

Kommt dir das Haus wie ein Wirtshaus lärmend und kaltblütig vor.

Und nur die Jahre, die dich zu den Toten langsam führen,

Musst du zuletzt noch als die besten Freunde spüren.

Rote Rosen

Du hast deine Hand noch nicht auf die Türklinke gelegt,

Als dir durchs Türbrett der Rosen Brand schon entgegenschlägt.

Die Rosen sind deinem Herzen näher als manches Wort,

Sie geben ihr Glück in die Luft und halten doch vornehm das Prahlen zurück.

Der Rose Seele will sich sanft zu dir setzen,

Deine Augen haben und deinem Blut von Seligkeit schwätzen.

Wer sie vor seinen Türen in kleinen menschengroßen Bäumen pflegt,

Dem hat sich das Glück quer über die Schwelle gelegt;

Denn die roten Rosen, die können für dich küren,

Sie locken dir die Liebste durch verschlossene Türen.

Und einmal steht das Herz am Wege still

Häuser und Mauern, welche die Menschen überdauern,

Bäume und Hecken, die sich über viele Menschenalter strecken,

Dunkel und Sternenheer, in unendlich geduldiger Wiederkehr,

Kamen mir auf den Hügelwegen in der Sommernacht entgegen.

Nach der Farbe von meinen Haaren, bin ich noch der wie vor Jahren,

Nach meiner Sprache Klang und an meinem Gang

Kennen mich die Gelände und im Hohlweg sie Felsenwände.

Viele Wünsche sind vergangen,

Die wie Sterne unerreichbar hangen,

Und einmal steht das Herz am Wege still,

Weil es endlich nichts mehr wünschen will.

Der Welt Gesicht sind aller Welt Gesichter

Die Welt hat kein Gesicht von greifbarer Gestalt.

Vor einem Kind malt sie sich stolz und wie ein Held,

Vor einem Greise ohne Durst, wie tausendjährig Holz so alt,

Den Dummen quält die Welt stets kopfgestellt.

Dem Kühlen und dem Stummen ist sie kalt versteint,

Die Schwachen fühlen sich als Tränensack, der greint.

Dem Trotzigen ist sie voll Mühlen, gegen die er ficht,

Dem Gütigen stets wohlgemeint voll Schwergewicht,

Dem Richter ist sie ewiges Weltgericht.

Ein unwirklich und tief Gedicht ist sie dem Dichter,

Verliebten lieblos oder voller Liebe;

Der Welt Gesicht sind aller Welt Gesichter.

Sieben Gespenster und die Zeit

Es gehen die Uhren ihren Weg ohne Spuren.

Da hocken sie oben in ihren Türmen bei Sonne und Stürmen

Und kauen immer die Stundenbrocken,

Und haben immer bis Mitternacht

Und nicht weiter den Weg gemacht.

Sie haben die Zeit dort oben

Um keine Spanne verschoben,

Sie wollen nur täglich die Stunde erreichen,

Wo über die Wege die Eulen streichen.

Seit hundert Jahren geht auf Rädern ein Karren

Auf der Landstraße abends, einförmig mit Knarren.

Den Einsamen triffst Du in allen Ländern,

Nie wird er den knarrenden Gang verändern.

Der Karren ist niemands Gut noch Habe,

Er fährt am Abend die Zeit zu Grabe.

Auch hallt tagtäglich im Wald ein Beil,

Du hörst es, und wirst Du auch hundert alt,

Beilschlag um Beilschlag kurz aufschallt,

Doch stehen die Wälder stets grad und heil.

Das Beil aber gellt, als ob es Schicksale fällt, —

Tief im Wald hat die Zeit ihr Schafott aufgestellt.

In den Gassen um Mittemacht stöhnt oft ein Hund.

Der öffnet wie's Grab feinen jammernden Schlund.

Und fallen beim sinkenden Mond Eulen herab in die Straß',

Hörst du ihn heulen, ihn, der die Schmerzen der Zeit in sich fraß.

Auch ist in den Mauern um Mitternacht

Ein helles Fenster, das immer wacht,

Das geheime Zeichen ins Dunkel macht.

Und selbst die Zeit muss davor entweichen,

Wo mit langem Docht eine Kerze weht,

Bei Gedanken, die nie zu End gedacht.

Und ist ein dunkles Fenster daneben,

Wo die Nacht auch am Tag nie mehr vergeht;

Wo die Scheiben verfinstert als Abgrund leben,

Und wo jede Stunde als Blinde steht

Und du findest auf jüngstem Haupt, in jedem Jahr,

Ein einzelnes totes, schneeweißes Haar;

Stets geht ein Gedanke voraus der Zeit,

Stets an einem Haar hält dich die Ewigkeit.

Und alle, das helle und dunkle Fenster,

Die Uhren, der Karren, Beil, Hund und Haar,

Sie verfolgen den Menschen als sieben Gespenster

Und leben wie Jahreszeiten im Jahr.

Oben am Berg

Kein Baum glänzte im Abend mehr, alle Blätter löschten aus,

Ein paar Stimmen im Feld gingen nebenher, sprachen vom Wetter und zogen nach Haus.

Oben am Berg, auf einem offenen Acker frisch gepflügt,

Stand ein Leiterwagen und war schwarz an den gelblichen Himmel gefügt.

Drinnen im Wagen, rot wie ein Rostklumpen, die Sonne als Fracht.

Ein Bauer hat mit der Peitsche laut geschlagen, die Deichsel hat gekracht,

Zwei Gäule haben angezogen und fuhren die Sonne in die Nacht.

Tragödie des Sonnenuntergangs

Wie wenn ein Klöppel am Metall tönend zerbricht,

Ist in dem Abendlicht ein schmerzlich großer Schall.

Als ob sich einer mit dem flinken Stahl ersticht,

Hörst du beim stumpfen Sonnensinken von einem Leib den dumpfen Fall.

Hochsommer, der am Wege sitzt, gleich wie ein fruchtbar Weib,

Wird für Sekunden alt, wie zum Erschrecken,

Und unecht, schmal und ohne Silben.

Und kann die Blätter an den Hecken nicht aufrechthalten,

Sie zittern, gilben fahl und strecken herbstlich sich in Falten.

Giftgrün und ein zerrüttet Gelb sprüh ’n aus dem Laub.

Die Augen schaudern dir, sein Ohr wird wehrlos taub,

Die Schritte zaudern vor dem nächsten Schritt,

Dein eigner Schatten wuchs empor und füllt die Rasenmatten,

Wie jemand, der vor dir schnell hinter Schloss und Riegel tritt,

Und geht nicht mehr mit deinen Füßen mit

Denn jener Klang, mit dem Die Sonne fällt,

Löst alle Mauern zu Ruinen auf bei seinem Gang,

Wirft Bäume, Menschen, Häuser, Tiere über Hauf

Und wuchert wirr im Plumpen, wie Efeu und wie Ginster mit Gewalt.