Weltwissen Heilung - Johannes Huber - E-Book

Weltwissen Heilung E-Book

Johannes Huber

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Beschreibung

Was haben Menschen vor Jahrtausenden für einen gesunden Darm, gegen Orangenhaut oder bei seelischer Belastung getan? Was gaben Menschen in der griechischen Antike, dem alten Persien, dem chinesischen Kaiserreich oder auf dem afrikanischen Kontinent von Generation zu Generation weiter? Der Arzt Johannes Huber und die Journalistin Yasmina Kobza lasen in den ältesten Medizinlehren der Welt nach. Sie erklären, womit sich schon die Neandertaler gesund hielten, was die Nomaden als Heilmittel empfahlen (und auch heute in keinem Haushalt fehlen sollte) und womit sich die Pharaonen jung hielten. Dieses Buch ist eine universelle Gebrauchsanleitung für Körper, Geist und Seele, die moderner wissenschaftlicher Überprüfung standhält.

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2025

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WELTWISSEN HEILUNG

Johannes Huber

Yasmina Kobza:

Weltwissen Heilung

Alle Rechte vorbehalten

©2025 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover: Nica Steiner

Satz: Bastian Welzer

Gesetzt in der Ingeborg

Gedruckt in Deutschland

1 2 3 4 5 — 28 27 26 25

isbn: 978-3-99001-876-7

JOHANNES HUBER YASMINA KOBZA

WELT WISSEN HEILUNG

100 Tipps aus 5.000 Jahren Medizingeschichte

edition a

INHALT

Teil 1 Kleine Dinge mit großer Wirkung

Teil 2 Das Leben im Großen und Ganzen

Teil 3 Bekannt, aber zu wenig genutzt

Teil 4 Social-Media-Trends

Teil 5 Wühlkiste

WAS SIE ERWARTET

Eine alte Geschichte aus dem afrikanischen Ghana handelt von dem Tunichtgut Kwaku Ananse. Er reiste in ferne Länder, durchquerte Meere und bestieg Berge, um die Weisheiten aller Völker zu hören und in einen Kürbis zu schließen. Zurück in seiner Heimat wollte er diesen Schatz verstecken. Also band er sich den Kürbis um den Bauch und kletterte auf eine Palme, um ihn in ihrer Krone zu befestigen. »Warum hast du den Kürbis vor deinem Bauch befestigt?«, rief ihm sein kleiner Sohn lachend zu. »Wäre es nicht einfacher, ihn an den Rücken zu binden?«

Kwaku ärgerte sich über seine Dummheit und wollte sich den Kürbis auf den Rücken binden. Doch er war ungeschickt. Der Kürbis entglitt ihm und zersprang am Boden in tausend kleine Teile. Die Weisheit der Welt floss in unzähligen Bächen aus ihm heraus. Menschen kamen mit ausgehölten Kokosnüssen, Holzschalen oder Palmblättern, um ein wenig davon aufzusammeln. Doch das meiste sickerte in den Boden und wurde eins mit der Welt. Von dort sprießt es bis heute in Form von Pflanzen und Bäumen, sammelt sich in Flüssen, Bächen und Meeren, Menschen nehmen es über die Nahrung auf, es steigt als Dunst in den Himmel und fällt als Regen wieder herab. So haben alle gleichermaßen Anteil an diesem Wissen.

Niemand kann die Weisheit besitzen, begriff Kwaku Ananse, sie gehört der Welt und die Welt lässt alle, die aufmerksam genug sind, daran teilhaben.

Heilung ist ein Teil dieses Wissens, dessen gleichsam holistische Allgegenwart diese Geschichte so poetisch zeigt. Denn seit es Leben gibt, gibt es auch Krankheiten und seit es Krankheiten gibt, gibt es Heilung. Noch bevor es Schrift gab, versuchten Menschen, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu heilen. Sogar schon vor der Entstehung des Homo sapiens, als wir alle noch Neandertaler waren, entwickelten wir Heilungsstrategien, die wir bis heute nützen können. Das werden wir in diesem Buch noch erfahren.

Es gibt viele uralte medizinische Traditionen und irgendwann fingen Menschen an, ihr Wissen darüber aufzuschreiben. Im altägyptischen sogenannten Papyrus Ebers zum Beispiel, der zu den ältesten medizinischen Schriften zählt. Entstanden im 16. Jahrhundert vor Christus liefert er auf einer zwanzig Meter langen Schriftrolle 800 Rezepte, Heilmittel und Diagnosen zu Krankheiten von Kopf bis Fuß, darunter auch Anleitungen für Chirurgie, Zahnmedizin und Gynäkologie. Die Texte verbinden praktische Beobachtungen mit magisch-religiösen Vorstellungen, etwa Zaubersprüchen und Beschwörungsformeln. Doch viele der beschriebenen Mittel stammen aus Pflanzen, Mineralien und tierischen Produkten, die einer modernen medizinischen Betrachtung standhalten. Benannt ist der Papyrus Ebers nach dem deutschen Ägyptologen Georg Ebers, der die Schriftrolle 1873 in Luxor erwarb und veröffentlichte.

Für dieses Buch haben wir nicht nur dort nachgelesen. Es versammelt darüber hinaus einige der einflussreichsten und bedeutendsten Weisheitslehren. Angesichts der Vielzahl der vorliegenden alten Schriften mussten wir eine Auswahl treffen. Wir haben solche ausgewählt, die repräsentativ für eine bestimmte Kultur, Denkrichtung oder Epoche sind, und vor allem solche, die wir in unserem täglichen Leben auf einfache und angenehme Weise anwenden können.

Überprüfung aus Sicht der Schulmedizin

Wir beide sind weder Spezialisten für Ayurveda, Traditionelle Chinesische Medizin, Traditionelle Europäische Medizin oder gar für antike, arabische, afrikanische oder persische medizinische Traditionen. Deshalb bestand unser Auftrag nicht nur darin, uns durch die Schriften zu arbeiten und das Praktikable darin aufzuspüren. Vor allem ging es uns auch darum, dieses Wissen nach schulmedizinischen Kriterien zu überprüfen. Was weiß die Wissenschaft aufgrund von Forschungen, was unsere Ahnen nur dank Intuition und Beobachtung erkannten? Was ist womöglich Aberglaube, was lässt sich wissenschaftlich absichern? Das war die Aufgabe des Arztes in unserem zweiköpfigen Team, Prof. DDr. Johannes Huber, und selbstverständlich geben wir nur an Sie weiter, was schulmedizinisch vertretbar ist. Die Journalistin unter uns, Yasmina Kobza, durchforstete und analysierte mit ihm gemeinsam die Jahrtausende.

Altes Wissen, neu entdeckt

Die ältesten Schriften des indischen Ayurveda (übersetzt »Wissen vom Leben«) sind etwa 4.000 Jahre alt. Die Lehre sieht den Menschen ganzheitlich. Neben Ernährungslehre und Pflanzenheilkunde gehören dazu deshalb auch Massagetechniken und Methoden des Yoga.

Der Ayurveda kennt drei Lebensenergien: Vata, das Bewegungsprinzip, Pitta, das Feuerprinzip, und Kapha, das Strukturprinzip. In einem gesunden System befinden sich diese Prinzipien im Gleichgewicht. Bei jedem Menschen sind diese Energien unterschiedlich ausgeprägt. Manche Menschen sind aktiver, andere stiller, manchen frieren leicht, andere neigen zu Hitzewallungen. Wir müssen uns selbst kennen, um Heilung zu erlangen, das hat die Ayurveda-Lehre früh erkannt.

Die sogenannte personenzentrierte oder integrative Medizin entdeckt das gerade neu. Sie ist einer der Megatrends in diesem wissenschaftlichen Fach. Wie die Ayurveda-Ärzte untersuchen auch moderne Ärzte ihre Patienten wieder zunehmend ganzheitlich, egal, über welche Schmerzen oder Probleme sie klagen, und entdecken dabei überraschende Wechselwirkungen im Körper.

Dem Weltwissen zu vertrauen, bedeutet auch, seine neuesten Entwicklungen und Erkenntnisse anzuerkennen. Die liegen in der modernen westlichen Medizin.

Etwa zur gleichen Zeit wie der Ayurveda entstand in China jenes Heilwissen, das wir heute als Traditionelle Chinesische Medizin oder kurz TCM kennen. Ihr zentrales Prinzip ist das Qi, die Lebensenergie, die durch den Menschen fließt. Ist dieser Fluss blockiert, entstehen Krankheiten. Die Blockade kann physische, aber auch mentale Gründe haben.

Bestandteile der TCM sind Bewegungsübungen wie das Quigong, Massagetechniken wie Shiatsu, Akupunktur sowie eine umfassende Arzneimittelkunde. Die Theorie des TCM ist vom Daoismus beeinflusst, eine philosophische Strömung, die aus dem Werk Daodejing des Gelehrten Laozi hervorging. Vereinfacht erklärt betrachtet der Daoismus die gesamte Welt als belebt, als durchflossen und verbunden durch eine Wirkkraft oder Energie. Wenn es dem Menschen gelingt, mit dieser Energie zu leben und nicht gegen sie, so wird sein Leben gelingen.

Einer der bedeutendsten Ärzte der Antike war der erwähnte griechische Mediziner Hippokrates. Er kam im 5. Jahrhundert vor Christus zur Welt und gilt als »Vater der modernen Medizin«. Seine Lehren sind in Form des Corpus Hippocraticum überliefert, das auch die Erkenntnisse seiner zahlreichen Schüler beinhaltet. Hippokrates stellte die Medizin vom Kopf auf die Füße, indem er sie aus dem Reich des Aberglaubens holte und als ernstzunehmende Wissenschaft betrieb. Er beobachtete, analysierte und kategorisierte, wodurch er viele Krankheiten und Probleme besser verstand.

Auch die großen Weltreligionen haben Heilwissen hervorgebracht. Im Goldenen Zeitalter des Islams ist kaum ein Gelehrter so bedeutend wie Avicenna (arabisch: Ibn Sina). Er lebte im 10. Jahrhundert im heutigen Iran. Avicenna war Arzt und Philosoph und verfasste den Kanon der Medizin, der das bekannte Heilwissen seiner Zeit enthielt. Er prägte die europäische Medizin über Jahrhunderte hinweg. In seinem Werk verknüpfte er griechische, persische und arabische Quellen mit empirischer Beobachtung. Er erkannte die Bedeutung psychischer Einflüsse auf körperliche Gesundheit, formulierte früh die Idee einer psychosomatischen Medizin und sprach dem geordneten Lebensstil von Ernährung, Schlaf, Bewegung und geistiger Ausgeglichenheit eine entscheidende Rolle bei der Heilung zu.

Im jüdisch-muslimisch geprägten Andalusien des 12. Jahrhunderts wiederum wirkte Maimonides. Er war Rabbiner, Jurist, Arzt und ein entschiedener Vertreter präventiver Medizin. Er warnte vor Übermaß, betonte Hygiene und beschrieb Asthma. Bei ihm finden wir Überlegungen zur Bedeutung von Gemeinschaft, Bildung und Hoffnung für das körperliche Wohl.

Im christlich geprägten Europa des Hochmittelalters war eine Frau wegen ihres Heilwissens angesehen genug, um schlicht als »die Heilerin« zu gelten. Die deutsche Ordensfrau Hildegard von Bingen entwickelte sich im 12. Jahrhundert zur anerkannten Universalgelehrten. Ihr Kräuterwissen war legendär und ihre spirituellen Visionen inspirieren Menschen noch heute. Sie sprach von der »Grünkraft«, der viriditas, die allen lebenden Wesen innewohnt. Für sie war der Mensch Teil eines größeren kosmischen Zusammenhangs, und jede Heilung begann mit der Rückbindung an diese Ordnung.

Auch abseits schriftlicher Traditionen überlieferten Kulturen tiefes Heilwissen. Die Tradition Afrikas etwa sammelte Erfahrung in Geschichten, Liedern, Riten und Praktiken. Sie kannte Pflanzenheilkunde, Massagetechniken, soziale und rituelle Therapieformen, lange vor jeder wissenschaftlichen Erhebung.

Besonders im südlichen und westlichen Afrika blieb dieses Wissen als tägliche Praxis lebendig. Gesundheit war dort nie bloß die Abwesenheit von Krankheit, sondern der Ausdruck von Beziehung zur Natur, zur Gemeinschaft, zu den Ahnen.

Da die afrikanische Tradition kaum alte Schriften hat, auf die wir uns berufen können, sondern das Wissen von Generation zu Generation mündlich weitergegeben hat, haben wir uns erlaubt, eine Figur namens Makena zu erfinden. Makena steht stellvertretend für die vielen Völker und Kulturen, die der afrikanische Kontinent hervorgebracht hat. Sie soll uns zeigen, was für bedeutende Weisheiten die Menschen in Afrika bereits vor tausenden Jahren erkannt und gelebt haben.

Das heilende Weltwissen reicht noch viel weiter. Völker und Hochkulturen auf der ganzen Welt bedienten sich Praktiken, die trotz örtlicher und zeitlicher Entfernung, und obwohl diese Kulturen zum Teil in keinerlei Wechselwirkung miteinander standen und nichts voneinander wussten, ähnlicher nicht sein könnten. In diesem Buch begegnen wir Herrschern wie König Salomo oder dem römischen Kaiser Hadrian, Denkern und Philosophen wie Johann Wolfgang von Goethe und Pionieren der Medizin wie dem indischen Arzt Sushruta, der als der erste indische Chirurg gilt. Wir würdigen ihr Wissen, folgen ihren Ideen der ganzheitlichen Gesundheit und entdecken dabei unseren Körper auf völlig neue Weise.

Doch waren die Methoden dieser Traditionen wirklich so verschieden? Wie wir sehen werden, gleichen sich die Erkenntnissee von Gelehrten und Medizinern aus unterschiedlichen Epochen und Kulturräumen auf überraschende Weise. Sie alle machten auf der Suche nach Weisheit und Heilung ähnliche Entdeckungen, und das, obwohl sie teilweise in keinerlei Verbindung zueinander standen, nicht einmal wechselseitig von ihrer Existenz wussten.

Es scheint, als hätten sie alle unabhängig voneinander Stück für Stück einen Korpus universellen Wissens freigelegt. Ein Wissen, das zwischendurch immer wieder verloren ging und das neue Generationen immer wieder neu für sich entdeckten. Sei es auf spiritueller Ebene, durch Orakelsprüche im antiken Griechenland etwa, durch wissenschaftliche Untersuchungen oder, wie gesagt, über TikTok und Instagram. Manche der heute von Influencern mit stolzgeschwellter Brust verkündeten »Gesundheitsrevolutionen« sind so alt wie der Mensch selbst.

Was wir für Fortschritt halten, ist meist nur vergessene Erinnerung. Innovationen sind oft nichts als Wiederentdeckungen.

Der Mensch hat sich in den vergangenen 2.000 Jahren weniger verändert, als wir vielleicht glauben.

Die Fähigkeit zur Weisheit

Was versetzte Menschen in die Lage, dieses Wissen zu erkennen? Das hat mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns zu tun. Die Fähigkeit von Individuen, weise zu werden, und die von Gesellschaften, Weisheiten zu finden und zu halten, sind evolutionär gewachsen.

Es lässt sich sogar ziemlich genau bestimmen, wann die menschliche Weisheit entstand. Das war vor rund 1,6 Millionen Jahren. Damals kam es zu einer Mutation im menschlichen Gehirn. Ein Kalziumkanal in den Mitochondrien, den Kraftwerken unserer Zellen, erweiterte sich. Unser Gehirn und unsere kognitiven Fähigkeiten wuchsen explosionsartig. Der Homo erectus, der aufrecht gehende Mensch, verwandelte sich in den Homo sapiens, den verständigen Menschen.

Ab diesem Zeitpunkt konnte der Mensch neben seinen angeborenen Fähigkeiten und dem Nutzen seiner tierischen Instinkte Erkenntnisse sammeln. Er konnte über seine eigenen Handlungen und Gedanken reflektieren und sich in ein Verhältnis zur Natur setzen. Religionen entstanden. Weisheit war nun möglich.

Aber was ist Weisheit? Weisheit ist Wissen, das in unterschiedlichen Teilen der Welt, zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Arten auftauchte, aber immer und überall gültig ist. Der weise Mensch erkennt Dinge, die erkannt werden wollen, weil sie uns helfen und guttun. Dinge, die in enger Verbindung mit uns und der Natur stehen. Die uns helfen, eine Symbiose herzustellen zwischen der Welt in uns und der Welt um uns herum.

Dieses Buch widmet sich vor allem medizinischen Weisheiten, doch Weisheitslehren sind in allen Bereichen des menschlichen Lebens zu finden. So schrieben die Babylonier im 18. Jahrhundert vor Christus den Codex Hammurapi, die älteste bekannte Gesetzessammlung. In ihrer Weisheit verwandelten sie das primitive Recht des Stärkeren in eine soziale Ordnung, die eine Gemeinschaft zusammenhält. Bereits die Antike kannte die Wasserwaage, wobei antike Denker die Verbindung von Wasser und Schwerkraft nutzten, um ihre zum Teil bis heute erhaltenen Bauten zu errichten. Die Entstehung der Demokratie verdanken wir ebenfalls der menschlichen Fähigkeit zur Weisheit: Der Athener Demosthenes stattete Bauern mit Bürgerrechten aus, damit sie Athen gegen die Perser verteidigten.

Sokrates, der erste große Philosoph (Philosophie bedeutet übersetzt »Freund der Weisheit«), wollte die Jugend Athens zu Weltbürgern erziehen, weil er erkannte, wie wichtig Offenheit und Toleranz für die Erkenntnis waren. Im Peloponnesischen Krieg schließlich, in dem Sparta Athen schlug, wandten sich Denker wie Platon von den griechischen Göttern ab und entwickelten Ideen, die den Nährboden legten für den Monotheismus, wie wir ihn heute kennen.

Diese teilweise uralten Erkenntnisse, die Recht, Demokratie, Technologie, Bildung und Religion umfassen, beeinflussen unser Leben nach wie vor. Ebenso haben viele der medizinischen Weisheiten bis heute Gültigkeit.

Die moderne Wissenschaft kann viele jahrtausendealte Entdeckungen heute überprüfen und ihre Effektivität bestätigen. Wir benutzen das in diesem Buch ganz bewusst, um zwischen Aberglauben und Weisheit zu unterscheiden. Der Aberglaube hilft, wenn überhaupt, nur durch den Placebo-Effekt, weil Patienten von der Effektivität einer bestimmten Methode überzeugt sind. Doch echte Weisheit besitzt eine heilende Wirkung, die sich wissenschaftlich nachweisen lässt. Sie hilft uns im Leben im Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit unserer Umwelt. Sie bringt uns ins Gleichgewicht.

Bestimmte Kräuter oder Bewegungen können Menschen helfen, bemerkten Gelehrte aus der Vergangenheit. Doch erst die moderne Medizin mit ihren technologischen und systematisierten Möglichkeiten kann erklären, warum das so ist. Stellen wir uns die menschliche Weisheit deshalb als fortlaufenden Prozess vor, als etwas, das sich immer weiterentwickelt.

Dennoch sind wir nicht klüger als unsere Vorfahren. Auch daran erinnert dieses Buch. Wenn wir weiter blicken können als sie, dann nur, weil wir auf den Schultern von Riesen sitzen. Auf den Schultern von großen Denkern und Forschern, von Medizinern, Universalgelehrten und Philosophen, die uns den Weg dorthin gewiesen haben, wo wir jetzt stehen.

Wir erkennen und erfühlen die Welt vielleicht auf andere Weise als sie. Die Perspektive unserer Vorfahren auf den Menschen, auf seinen Körper, seinen Geist, seine Seele, seine sozialen Interaktionen und seine Möglichkeiten, auf diesem Planeten zu wachsen, ist dennoch nach wie vor richtungsweisend und kann manchmal entscheidend für eine erfolgreiche Heilung sein.

Weisheit ist holistisch

Der größte Unterschied zwischen der modernen Medizin und der Weisheitslehre alter Völker liegt im Menschheitsbegriff. Unsere Medizin zerlegt Patienten in Einzelteile, in Blutwerte und Röntgenbilder. Empfindungen kommen dabei leider oft zu kurz. Sie sind nicht in Zahlen auszudrücken und haben daher kaum Einfluss auf die ärztliche Praxis.

Die alten Weisheitslehren betrachteten den Menschen hingegen holistisch. Körper und Geist waren untrennbar miteinander verbunden. Wenn sich jemand schlecht fühlte, dann behandelten ihn die alten Ärzte, bis dieses Gefühl verschwand.

Voraussetzung war dabei oft die Interaktion der äußeren mit den inneren Ärzten der Patienten und damit die Fähigkeit, die Bedürfnisse des eigenen Körpers sensibel wahrnehmen und seine Stimme hören zu können. Eine Fähigkeit, die wir allmählich verloren haben und weiter verlieren. Wearables, die uns in jeder Sekunde Auskunft über Herzfrequenz, Körpeertemperatur oder Sauerstoffsättigung geben können, gewöhnen es uns ab, in uns hineinzuhören. Heilung bedeutet aber mehr, als unsere Werte wieder in Ordnung zu bringen, das vergessen wir dabei. Tatsächlich soll sie uns als Menschen wieder ganz machen. Hier verläuft die Grenze zwischen medizinischem Wissen und medizinischer Weisheit. Der wissende Arzt behandelt Krankheiten. Der weise Arzt behandelt Menschen.

Die Weisheit der modernen Medizin

Dieses Buch will die moderne Medizin allerdings nicht gegen altes Heilwissen ausspielen. Es zeigt vielmehr, wie das Wissen unserer Ahnen uns heute noch beeinflusst. Tatsächlich hat die moderne Medizin viele Erkenntnise und Weisheiten hervorgebracht, die für unser Leben unabdingbar geworden sind. Dafür verwendeten Mediziner jene eingangs erwähnte Fähigkeit zur Weisheit, die uns aus Erfahrungen tiefe Erkenntnis gewinnen lässt.

Der britische Mediziner und Bakteriologe Alexander Fleming zum Beispiel kehrte 1928 von einer Reise zurück und entdeckte zufällig in einer Petrischale die Wirkung des Schimmelpilzes. Daraus entwickelte er Penicillin, das Bakterien abtötet und die Medizin revolutionierte.

Der Arzt Horace Wells beobachtete 1844, wie bei Zirkusvorführungen Lachgas zur Erheiterung des Publikums diente. Weil Menschen unter dem Einfluss dieses Gases selbst Verletzungen nicht zu bemerken schienen, wandte Wells es bei seinen Operationen an. Die Narkose war geboren.

Auch der österreichische Arzt Ignaz Semmelweiss machte im 19. Jahrhundert eine Beobachtung, die das Gesundheitswesen veränderte. Die Sterblichkeit der Patienten war höher, wenn Ärzte sie behandelten, nachdem sie Leichen seziert hatten. Offenbar übertrugen sie mit ihren Händen Bakterien, schloss er daraus. Damit legte er den Grundstein für die moderne Krankenhaushygiene. Fast gleichzeitig und völlig unabhängig von Semmelweiss kam der irische Arzt William Wilde, Vater von Oscar Wilde, zu demselben Schluss.

All diese Beispiele zeigen, wie viel Weisheit auch die moderne Medizin besitzt. Wissen, gewonnen aus Erfahrung, das dem Wohl aller dient.

Die große Stärke moderner Medizin liegt in ihrer zielgenauen und effektiven Behandlungsmethode. Sie hat gelernt, Probleme schnell zu analysieren, in Studien zu erforschen und zu behandeln. Das ist aber zugleich eine Schwäche. Die größeren Zusammenhänge im Zusammenspiel von Körper, Geist und Umwelt, die sie erst jetzt allmählich wieder entdeckt, hatte sie lange vergessen. Eine Rückbesinnung auf das Wissen der Alten kann jedenfalls auch modernen Ärzten nicht schaden.

Die hier vorgestellten Weisheitslehren dienen nicht zur kurzfristigen Behandlung von Schmerzen oder schweren Erkrankungen. Bitte konsultieren Sie in solchen Fällen jedenfalls einen Arzt oder eine Ärztin. Dieses Buch enthält vielmehr tief im Menschen verwurzelte Heilpraktiken, die über lange Zeiträume und durch beständiges Wiederholen ein Gleichgewicht schaffen, das unser Wohlbefinden stärkt und uns Zufriedenheit schenkt. Selbst wenn sie die Schulmedizin nicht gänzlich ersetzen können, schaden sie nicht und sind es wert, ausprobiert zu werden.

Medikamente und Operationen sind oft notwendig. Manchmal benützen wir sie aber, um einen Weg abzukürzen, den unser Körper von selbst nehmen könnte. Denn wir haben in unserer schnelllebigen Zeit verlernt, geduldig nach der Kraft in uns zu suchen, unterstützt von der richtigen Lebensweise.

Jeder weise Mediziner wird Ihnen sagen: Wenn Sie die Wahl haben, keine Medikamente zu nehmen, dann tun Sie es nicht. Tun Sie es erst, wenn die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht ausreichen. Dann aber zögern Sie nicht.

Die Neuentdecker des Weltwissens

Wir, ein Arzt und Theologe, der sich seit Jahrzehnten mit dem Zusammenhang zwischen Körper und Geist beschäftigt, und eine Gesundheitsexpertin und -journalistin mit jahrelanger Erfahrung in ganzheitlichen Gesundheitsansätzen, wollen Ihnen diese vergessene Seite der Heilkunst wieder etwas näherbringen.

Sie werden bemerken, wie viele von den hier erwähnten Tipps und Weisheiten Sie intuitiv als richtig begreifen. Von einigen haben Sie sicherlich schon gehört. Altes Wissen geht nie vollständig verloren. Es lebt in uns weiter. Es klingt vertraut für uns. Wir müssen nur wieder lernen, auf unsere innere Stimme zu hören, die uns sagt, was uns guttut und was nicht.

Gemeinsam wollen wir Sie auf eine Reise in die Vergangenheit einladen. Es ist kein Rückzug ins Gestern, sondern eine Rückbindung an das, was der Mensch seit jeher wusste, bevor er es vergaß. Die moderne Wissenschaft ist dabei, dieses Wissen neu zu vermessen. Dieses Buch schlägt die Brücke.

Es gibt Momente im Leben, da spüren wir: Die Antworten auf unsere Fragen liegen nicht in der Zukunft, sie liegen in der Vergangenheit. Alles, was wir heute wissen, hat eine Geschichte. Vieles, was wir noch nicht wissen, ist vermutlich längst erzählt worden.

Wir führen Sie nun durch diese Geschichten, durch diese verlorenen Wahrheiten und vergessenen Erkenntnisse. Gemeinsam versammeln wir Tipps aus mehr als fünf Jahrtausenden, aus Klöstern und Königshöfen, aus Wüsten, Bibliotheken und Kräutergärten. Es geht uns um die ernsthafte Rückgewinnung eines Wissens, das wir heute dringender brauchen denn je.

Teil 1Kleine Dinge mit großer Wirkung

Manches, das wir in den ersten medizinischen Schriften der Menschheitsgeschichte entdecken, wirkt überraschend neu, anderes können wir mit dem alten Wissen neu für uns entdecken. Wir haben Tipps für Sie ausgewählt, die Sie einfach in Ihren Alltag integrieren können und die neben ihrer heilenden Wirkung Freude und manchmal Spaß machen. Verschafren Sie sich einen Überblick und probieren Sie aus, was zu Ihnen passen könnte.

HABEN SIE IMMER SALBEI DAHEIM

»Wie kann jemand sterben, in dessen Garten Salbei wächst?« Dieses alte Sprichwort trifft ziemlich genau eine Sache, mit der Sie sich näher beschäftigen sollten.

Im 1. Jahrhundert nach Christus durchstreifte ein griechischer Militärarzt die Mittelmeerwelt, stets mit einem Notizbuch im Gepäck und einem scharfen Blick für Blätter, Blüten und Wurzeln. Pedanios Dioskurides zog im Dienst der römischen Armee von Kleinasien über Griechenland bis nach Italien und Nordafrika. Überall sammelte er Pflanzen, beobachtete ihre Wirkung an Verwundeten und Kranken und fragte Hirten und Hebammen nach ihrem Wissen.

In einer Epoche, in der Götter und Zauber das Heilen bestimmten, setzte Dioskurides auf Wirkstoffe, die seine jeweilige Umgebung bereithielt. Sein Werk De materia medica, fünf Bände über die Heilkraft von Pflanzen, Tieren und Mineralien, war sage und schreibe 1.500 Jahre lang das wichtigste medizinische Buch Europas und der islamischen Welt.

Dioskurides selbst blieb im Schatten seines Buches. Wir wissen kaum mehr über ihn als seinen Namen, seine Heimat in der Nähe von Anazarbos in der heutigen Südtürkei und seinen Beruf. Doch wer heute Dioskurides und seine detaillierten Beschreibungen der Wirkung von mehr als 600 Pflanzen liest, spürt einen Mann, der in den Gräben der Schlachtfelder und in den Gärten der Heilkundigen gleichermaßen zu Hause war, ein Brückenbauer zwischen Erfahrung und Wissenschaft.

Das Kraut der Stunde

Zu den Lieblingspflanzen dieses Pedanios Dioskurides gehörte der Salbei. Er empfiehlt ihn unter anderem bei Husten, Blähungen, Wunden und Frauenleiden. Noch eine Wirkung hat der Lippenblütler, mit der er uns gerade in Zeiten des Klimawandels gute Dienste leisten kann. Er hilft, zum Beispiel als Tee, bei »übermäßiger Feuchtigkeit«, wie es Dioskurides formulierte, also gegen das Schwitzen.

Salbei machte in der Folge große Karriere. Wegen seiner von Dioskurides beschriebenen Eigenschaften, aber auch als Zauberkraut. Im mittelalterlichen Volksglauben galt er als Schutz vor bösen Geistern und dunklen Mächten. Getrocknet hängten ihn die Adeligen ebenso wie die Bauern über ihre Türen oder verbrannten ihn als Räucherwerk, um Häuser zu reinigen und positive Energien einzuladen. Engländer und Italiener verbanden Salbei zudem mit Fruchtbarkeit und häuslichem Glück, weshalb er bei Hochzeiten als Symbol für ein gesundes und langes Leben diente.

Die mittelalterlichen Klöster setzten eher auf seine medizinische Wirkung. Dort galt er als Schweißhemmer und Nervenstärker und als eine der wichtigsten Heilpflanzen überhaupt. »Salbei bringt die Kräfte des Menschen ins Gleichgewicht, wenn sie sich zersplittert haben«, schrieb Hildegard von Bingen.

Bei übermäßigem Schwitzen und Kreislaufproblemen, Hautausschlägen oder Hitzewallungen verabreichten die mittelalterlichen Heiler ihren Patienten Salbei auch als Paste. Da er gleichzeitig gegen das Schwitzen und schlechten Geruch wirkte, entwickelte sich daraus das erste Deo der Menschheitsgeschichte. Unsere Vorfahren trugen ihn als Sud oder Pulver auf die Haut auf.

Holistische Wirkung

Die Wirkung natürlicher Substanzen entsteht in Form von komplexem, ja holistischem Zusammenspiel vieler Faktoren, weshalb wissenschaftliche Analysen nie die ganze Wahrheit liefern können. Wenn wir einen Adler sezieren, werden wir nicht erkennen, warum er so ein erhabener Herr der Lüfte ist. Wenn wir alle Einzelteile eines Jaguar E-Type nebeneinanderlegen, verstehen wir trotzdem nicht, warum dieses Auto so schön und beliebt ist. Immerhin ist es erhellend, die Chemie des Salbeis zu verstehen.

Die in seinen Blättern enthaltenen Gerbstoffe wirken adstringierend, das heißt, sie ziehen das Gewebe zusammen und können so die Aktivität der Schweißdrüsen reduzieren.

Studien bestätigten, was Pedanios Dioskurides auch ohne Labor herausfand. Er hilft tatsächlich gegen übermäßiges Schwitzen.

Zugleich enthält Salbei ätherische Öle mit antibakteriellen Eigenschaften, die unangenehme Geruchsbildung mindern. Die moderne Phytotherapie, also die Anwendung von Pflanzen und Pflanzenteilen, nützt Salbei darüber hinaus zur Linderung von Entzündungen im Mund- und Rachenraum, bei Verdauungsbeschwerden sowie zur Beruhigung nervöser Zustände. Seine antiseptischen, entzündungshemmenden und krampflösenden Eigenschaften machen ihn zu einem vielseitigen Mittel in der Naturheilkunde. Hier sind einige konkrete Anwendungsmöglichkeiten:

Halsschmerzen: gurgeln mit warmem Salbeitee.

Husten: warmen Salbeitee langsam trinken.

Schwitzen: Salbeitee kalt trinken.

Entzündung: Umschläge mit Salbeiaufguss auflegen.

Verdauung: Salbeitee in kleinen Schlucken trinken.

Zahnfleischentzündung: mit starkem Salbeisud spülen.

Heiserkeit: warmen Salbeitee gurgeln.

Mundgeruch: frische Salbeiblätter kauen.

Menstruationsbeschwerden: warmen Salbeitee trinken.

Insektenstich: frisches Blatt auflegen.

Hautpilz: betroffene Stelle mit Salbeisud waschen.

Blähungen: warmen Salbeitee nach dem Essen trinken.

Akne: Gesicht mit abgekühltem Salbeiaufguss abtupfen.

Kopfschmerzen: Stirn mit Salbeiöl einreiben.

Erkältung: heißen Salbeitee inhalieren.

Herpes: frisches Blatt direkt auflegen.

Verbrennung: lauwarmen Salbeisud vorsichtig auftragen.

Gelenkschmerz: warme Salbeikompressen anlegen.

Haarausfall: Kopfhaut mit Salbeiwasser einmassieren.

Magenkrämpfe: warmen Salbeitee in kleinen Schlucken trinken.

Sie brauchen trotzdem kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn Sie mit Salbei den Italo-Klassikern Ossobuco und Saltimbocca ihr typisches Aroma geben oder fetten Fisch, Gemüse, Pilze, Saucen und Marinaden damit verfeinern. Er kann auch so seine von Gott gegebene und von dem großen Pedanios Dioskurides erkannte Wirkung entfalten.

ESSEN SIE EINFACHE GERICHTE

Angesichts der Zutatenliste moderner Lebensmittel würden die Lichtgestalten unter den antiken Ärzten mit dem baldigen Ende der Menschheit rechnen. Sie hätten gute Gründe dafür.

Lebensmittel waren schon in der griechischen Antike ein großes Thema, und obwohl deren Zutaten und Zubereitungsmethoden im Vergleich zu den Möglichkeiten der modernen Lebensmittelindustrie überschaubar waren, unterschieden Hippokrates und andere Ärzte schon damals zwischen stark verarbeiteten und einfachen Lebensmitteln.

So etwa galten »gesiebtes« Weißbrot aus fein gemahlenem Mehl ohne Schalen und Kleie, stark gewürzte Speisen, aromatisierte oder eingekochte Weine, süße Pasten oder etwa getrocknete und fermentierte Fische als Luxusnahrung, vor der Hippokrates warnte. Für ihn war derlei »zu reich«, »zu schwer verdaulich« oder »gegen die Natur«. Die Kraft zu erhalten durch einfache Speise, ohne die Verdauung zu belasten, darum gehe es, heißt es in den Schriften seiner Schule sinngemäß.

Die Botschaft setzte sich durch. Rund 500 Jahre später betonte der Medizinschriftsteller Aulus Cornelius Celsus in seinem Werk De Medicina, einfaches und reines Essen sei besser für die Gesundheit als ein Übermaß an Mischung und Würze. Der ebenfalls antike griechische Arzt, Forscher und Universalgelehrte Galen formulierte es so: »Wir schützen die Gesundheit am besten, wenn wir uns naturgemäß ernähren, mit einfacher, nicht belastender Nahrung.«

Eine kleine Zeitreise

Die Herren wären angesichts der Zutatenliste unserer Lebensmittel zweifellos entsetzt. Schließlich finden sich da dutzende Emulgatoren, Süßungsmittel, Farbstoffe, Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe, Antioxidationsmittel, Verdickungsmittel, Geliermittel, Säuerungsmittel, Säureregulatoren, Trennmittel, Schäumungsmittel, Schauminhibitoren, Überzugsmittel, Enzyme, Treibmittel, Feuchthaltemittel und Stabilisatoren als Beigabe zu ohnedies schon komplizierten Rezepten mit Zutaten aus der ganzen Welt und ihren Äckern, Ställen und Laboren.

Wenn sie sich vom ersten Schreck erholt hätten, würden sie ihre Köpfe angesichts der aufgedruckten Heilsbotschaften über zugesetzte Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Ballaststoffe, sekundäre Pflanzenstoffe, probiotische Kulturen, Omega-3-Fettsäuren oder Proteine schütteln. Bei der Zahl der Zutaten eines Big Mac von McDonald's würden sie sich endgültig fragen, wo es hier zurück in die Antike geht. Es sind insgesamt siebzig.

Würden sie sich, statt das Wurmloch zu nehmen, online informieren, warum sich die Menschheit so etwas antut, würden sie vielleicht auf einen von einem Lebensmittelmulti bezahlten Food-Influencer stoßen, der sie auf die inzwischen viel höhere durchschnittliche Lebenserwartung verweisen würde. Dank der besten Ernährung ever.

Die weisen Männer würden sich vermutlich zweifelnd die Bärte streichen, und das zu Recht, denn unsere Lebenserwartung ist nicht wegen, sondern trotz unserer Ernährung so hoch. Tatsächlich ist sie den Fortschritten der modernen Medizin in wesentlichen Bereichen wie Kindersterblichkeit, Impfungen oder etwa Chirurgie geschuldet.

Eins würde die Zeitreisenden allerdings beruhigen: Die moderne Forschung ist längst zu den gleichen Schlüssen wie sie gekommen. Einfach ist beim Essen besser als kompliziert.

Hochverarbeitete Lebensmittel, sogenannte UPS (Ultraprocessed Foods), gelten als potenziell gesundheitsschädlich. Viele dieser Nahrungsmittel können nicht nur dick, sondern auch krank machen und das Leben verkürzen.

Sie können Entzündungen fördern, die Zusammensetzung der Darmflora verändern und den Stoffwechsel übersäuern. Erhöhter Blutzuckerspiegel, Diabetes, Reizdarmsyndrom, Darmkrebs (wie eine Studie an Mäusen zeigte) und allergieartige Symptome können zu den unerfreulichen Nebenwirkungen zählen.

Manche hochverarbeiteten Lebensmittel machen zudem müde, stören die Konzentrationsfähigkeit und das Körpergefühl und unser Immunsystem könnte weiteren Tierversuchen zufolge auf sie wie auf bakterielle Infektionen reagieren. Doch ausgerechnet von ihnen kriegen wir gar nicht genug, denn geschickt hebelt die Industrie mit ihnen unser natürliches Sättigungsgefühl aus, weshalb sie uns von einer Heißhungerattacke in die nächste jagen.

Was tun?

Hilfe aus der Forschung

Es muss nicht gleich Clean Eating sein, ein Ernährungstrend, dessen Anhänger aus den genannten Gründen nur pure, unverarbeitete Lebensmittel ohne jegliche Zusatzstoffe essen. Das Center for Epidemiological Research in Nutrition and Health an der University of São Paulo entwickelte die sogenannte NOVA food classification, die Lebensmittel in vier Gruppen einteilt.

Die erste Gruppe bilden un- oder wenig verarbeitete Produkte wie Obst und Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier oder Milch sowie Trockenobst, Tiefkühlgemüse oder gefrorener Fisch. Die zweite beinhaltet Öl, Mehl, Salz und Zucker. Zur dritten zählen Lebensmittel der ersten Gruppe, die haltbar gemacht oder im Geschmack verändert sind. Käse, Brot, Schinken, Nudeln, Dosentomaten oder Räucherfisch.

Die erste Gruppe ist die beste, die vierte gilt es zu vermeiden. Das sind Lebensmittel, die mehrere Verarbeitungsschritte durchlaufen haben und deren Zutatenliste schon deshalb kleingedruckt sein muss, um auf die Verpackung zu passen. Dazu gehören Wurstwaren und diverse andere Fleischprodukte, Backwaren, Dosensuppen, Softdrinks, Eiscreme, Süßigkeiten und natürlich Fertiggerichte wie Tiefkühlpizza.

Essen wie die alten Griechen

Die Menschen in der Antike verstanden die Botschaft auch ohne Studien, im alten Griechenland ebenso wie im alten Indien, wo das Saṃhitā, ein zentraler Teil der klassischen Ayurveda-Literatur, vor »übermäßig bearbeiteter« Nahrung warnte. Aber was waren nun die einfachen Gerichte der Zeitgenossen von Hippokrates, Galen und Celsius? Was empfahlen sie?

Maza zum Beispiel.

Verkneten Sie dafür Gerstenmehl mit Wasser und etwas Olivenöl zu einem Teig. Fügen Sie ein wenig Honig oder Salz hinzu. Formen Sie aus dem Teig kleine Fladen, etwa einen Zentimeter dick. Backen Sie die Fladen in einer heißen, leicht geölten Pfanne oder, wie damals verbreitet, auf einem heißen Stein, und zwar von beiden Seiten, bis sie leicht bräunen. Bestreichen Sie die fertigen Fladen mit etwas Öl oder Honig und essen Sie sie warm.