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"... geht unter die Haut" (Neue Presse Coburg) Nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis Übler Geruch dringt aus der Wohnung der alten Frau im zwölften Stock eines Hochhauses. Als das Nachbarsmädchen Alarm schlägt, wird die vereinsamte Seniorin tot aufgefunden. Alle gehen davon aus, dass sie eines natürlichen Todes gestorben ist – bis drei weitere Menschen ein ähnliches Schicksal erleiden. Plötzlich geraten gleich zwei Pflegedienste ins Visier der Polizei. Sind falsche Insulin-Gaben die Ursache? War es gar heimtückischer Mord? Die Ermittlungen führen in ein sozial problematisches Milieu, dem nur schwer zu entkommen ist. Gesellschaftliche und menschliche Abgründe tun sich für das Bamberger Ermittlerduo Alfred Meister und Dominique Brodbecker auf.
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Seitenzahl: 407
Veröffentlichungsjahr: 2024
Lektorat: Heike Mallad
Gestaltung: Thomas Endl
Verwendete Abbildungen:
Rollstuhl (Shutter Island - Lost Place, Nicolas/stock.adobe.com), Autorin (privat), Adobe Firefly-KI-generierte Kapitelvignetten
München, 2024
ISBN 978-3-944936-74-1
© edition tingeltangel
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist in all seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags nicht zulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und digitale Verarbeitung.
Inhalt
Die Tote im Hochhaus
Lina
Ermittlungen
Lina
Kimmi, 5 Jahre
Sonjas PflegeEngel
Lina
Kimmi, 9 Jahre
Ermittlungen
Sonjas PflegeEngel
Der Tote im Kanal
Ermittlungen
Kimmi, 12 Jahre
Iris Fuchs-Kleinschmidt
Ermittlungen
Iris Fuchs-Kleinschmidt
Ermittlungen
Iris Fuchs-Kleinschmidt
Ermittlungen
Lina
Kimmi, 14 Jahre
Sonjas PflegeEngel
Ermittlungen
Ermittlungen
Marcus Vierling
Der Tote am Fuß der Treppe
Ermittlungen
Rocco
Kimmi, 17 Jahre
Ermittlungen
Marcus Vierling
Ermittlungen
Marcus Vierling
Kimmi, 20 Jahre
Ermittlungen
Sonjas PflegeEngel
Ermittlungen
Kimmi, Mitte zwanzig
Lina
Ermittlungen
Claus-Raphael
Ermittlungen
Ermittlungen
Rocco
Kimmi, Ende zwanzig
Ermittlungen
Claus-Raphael
Ermittlungen
Claus-Raphael
Kimmi, Ende zwanzig
Ermittlungen
Lina
Die Mutter
Ermittlungen
Marcus Vierling
Ermittlungen
Ermittlungen
Kimmi, Anfang dreißig
Lina
Ermittlungen
Claus-Raphael
Ermittlungen
Kimmi, Anfang dreißig
Ermittlungen
Petra
Ermittlungen
Ermittlungen
Claus-Raphael
Kimmi, Mitte dreißig
Ermittlungen
Claus-Raphael
Ermittlungen
Ermittlungen
Schwarzer Engel
Petra
Kimmi, Anfang vierzig
Claus-Raphael
Ermittlungen
Lina
Ermittlungen
Rocco
Sonjas PflegeEngel
Kimmi, Anfang vierzig
Ermittlungen
Lina
Ermittlungen
Kimmi, Anfang vierzig
Claus-Raphael
Ermittlungen
Ermittlungen
Lina
Kimmi, Anfang vierzig
Ermittlungen
Lina
Ermittlungen
Kimmi, heute
Ermittlungen
Ermittlungen
Epilog
Nachwort
Mehr Spannung
Die Tote im Hochhaus
Lina
»Hier stinkts.« Der Junge – oder besser gesagt der junge Mann, denn er ist schon siebzehn, auch wenn er schmächtig und irgendwie kindlich wirkt – rümpft die Nase. Das Mädchen Lina – und sie ist wirklich noch ein Mädchen, nämlich vierzehn – lacht. »Hier stinkts immer. Stell dich nicht so an.«
Lina schließt die Wohnungstür auf. Zwölftes OG im zwölfstöckigen Hochhaus, pro Etage drei Parteien, links vier Zimmer, Küche, Bad, rechts drei Zimmer, Küche, Bad, die mittlere Tür gehört zur Einzimmerwohnung. Hier hausen durchweg ganz Alte oder ganz Einsame, die Hälfte von ihnen hat eine Katze, die andere Hälfte Kanarienvogel oder Wellensittich, nur einer noch zusätzlich einen Hund. Keinen kleinen, nein, einen uralten zotteligen Bernhardiner, für den er wahrlich ein zweites Zimmer bräuchte. Es ist der Alt-Hippie aus dem vierten.
Das Mädchen Lina wohnt links, mit ihrer Mutter und zwei jüngeren Schwestern. Zum Glück hat sie ein Zimmer für sich, denn ihr Begleiter hofft auf Sex. Er hatte schon lange keinen mehr, mindestens drei Tage. Das Mädchen hatte noch nie, aber das weiß er nicht.
»Kommt von da«, sagt der Junge und rümpft noch mal die Nase in Richtung der mittleren Tür, bevor er dem Mädchen in die Wohnung folgt.
»Die Alte wäscht sich nicht«, sagt das Mädchen. »Und frisst nur Dosen. Kein Wunder.«
Dann schließt sich die Wohnungstür. Sie haben eine Stunde, bis der Rest der Familie heimkommt, und nichts zum Verhüten.
»Mann, das wird immer schlimmer«, sagt die Mutter am nächsten Morgen, als sie die Töchter aus der Wohnungstür schiebt. Der Wecker hat nicht geklingelt, oder doch? Gehört hat ihn keine.
»Was?«
»Der Gestank. Von der alten Fuchs.«
»Hilde Fuchs« steht auf dem kleinen Schild über der Klingel zur mittleren Wohnung.
Die Mädchen verziehen die Gesichter, die zwei jüngeren springen kreischend durchs Treppenhaus, Lina lehnt am Aufzug und hält sich die Nase zu. Sie ist wund zwischen den Beinen und mies gelaunt. Der Junge hat ihr nicht geglaubt, dass sie nicht will, und sie wollte nicht die Zicke sein. Hoffentlich ist er rechtzeitig raus. Schön wars nicht.
Die Mutter wartet an der Tür und steht immer noch, als der Aufzug schon abgefahren ist. Soll sie mal klingeln bei der Fuchs? Aber hat die nicht einen Pflegedienst? Ein- oder zweimal in der Woche?
»Duschtag!«, rief dann jemand an Hilde Fuchs’ Tür, weil die Alte nicht gleich aufmachte. Ist schon ein paar Wochen her.
Duschen wäre wirklich mal wieder angesagt.
Na ja, die vom Pflegedienst werden schon kommen. Sie geht in ihre eigene Wohnung. Noch zwei Stunden zocken, dann gehts zur Schicht.
Ist spät geworden am Abend. Die Mutter kennt das. Nach der Arbeit ist sie noch mit ein paar Leuten auf einen Absacker in die Kneipe. Lag auf dem Weg. Die Mädchen werden stänkern. Sie hat vergessen einzukaufen. Viel war nicht mehr im Kühlschrank.
»Aufzug defekt«, steht unten an der Lifttür, so ein Scheiß. Schon das dritte Mal in diesem Monat. Die Hausverwaltung kriegt nichts auf die Reihe.
Die Beine tun ihr weh, vom langen Stehen am Band. Dabei ist sie erst dreißig geworden. Einen kleinen Hau hat sie vom Bier weg. Sie zählt die Stufen, aber nur bis zum fünften Stock, dann hat sie keine Lust mehr. Dreißig und schon außer Puste wie eine alte Frau. Hoffentlich machen ihre Mädchen nicht den gleichen Fehler. Mit sechzehn das erste Kind, neunzehn beim zweiten, zwanzig beim dritten.
Im neunten riechts durchdringend nach Knoblauch, hier wohnt das griechische Paar. Hatten früher den »Griechen« in der Stadt, sind jetzt in Rente. Im zehnten mischt sich der Knoblauch mit was anderem, und im zwölften weiß sie, was es ist: der Gestank aus Hilde Fuchs’ Wohnung, süßlich jetzt. Knoblauch und was Süßes, eklig.
Die jüngeren Töchter zappen durchs Fernsehprogramm und maulen wie erwartet, weil sie Hunger haben. Geld reicht nicht zum Pizza-Bestellen. Die Mutter hat keine Lust und kocht trotzdem Spaghetti. Ganz hinten im Küchenschrank findet sich ein Päckchen Bratensoße, abgelaufen. Müsste noch gehen.
Lina liegt auf ihrem Bett und wischt am Handy herum. »Keinen Hunger«, sagt sie, als ihre Mutter hereinschaut, und: »Mann, das stinkt jetzt schon hier drinnen, da vergeht einem ja alles.«
Die Mutter zuckt die Schultern, was soll sie auch machen.
»Ich geh nochmal raus«, sagt Lina eine Stunde später, Mutter und Schwestern schlingen vor der Glotze ihre Spaghetti in sich rein und schauen nicht auf.
Vor der Wohnungstür zieht Lina den Kragen ihres dünnen Jäckchens vor die Nase. Das ist nicht auszuhalten hier. Sie hämmert wütend an die Tür von Hilde Fuchs.
»Frau Fuhuchs! Hören Sie mich! Hier ist die Lina! Es stinkt hier!!!«
Sie lauscht auf eine Antwort, aber es kommt keine. Nicht mal der Kanarienvogel singt. Ist ihm bei dem Gestank das Singen vergangen? Oder ist er tot?
Lina nimmt die Treppe. Und wenn nicht nur der Vogel, sondern auch die Fuchs tot ist? Soll ja vorkommen bei so alten Leuten. Sie fallen tot um oder wachen früh nicht mehr auf, und keiner vermisst sie.
Vor zwei, drei Jahren war Hilde Fuchs noch ganz fit im Kopf, und Lina und ihre Schwestern haben oft bei ihr geklingelt, wenn die Mutter zu lange weg war. Sie mochten die alte Frau. Sie hat ihnen manchmal Pudding gekocht, mit richtiger Vanille, und Karten mit ihnen gespielt. Mau-Mau, Schnauz, Elfer raus, lauter Spiele, die sie vorher nicht gekannt hatten. Dann wurde sie immer dusseliger und wollte nicht mehr kochen und nicht mehr spielen. Die jüngeren Mädchen fanden es zu langweilig bei ihr. Lina hat sie noch ein paar Mal besucht, dann lagen ihre Interessen einfach woanders. Außerdem fing Hilde Fuchs da schon an zu riechen. »Mein schlimmes Bein«, sagte sie manchmal und gönnte den Mädchen einen seltenen Blick auf ein schwarz-grindiges Schienbein, das sich zu einem Fuß ohne Zehen verjüngte. »Sind ab«, ergänzte die alte Frau und zeigte auf die nicht vorhandenen Zehen. »Weil ich Zucker hab.«
Heute ist Lina der Gedanke lästig. Dass sie Hilde Fuchs mal gemocht hat. Dass sie nie mehr bei ihr geklingelt hat. Dass sie ihren Gestank so widerlich findet. Alles gleichzeitig.
Unten vor dem Haus steht der schmächtige Junge. Er will Lina seine Zunge in den Mund stecken, aber sie hat keine Lust darauf. Es ist noch hell, die Sonne klatscht am Himmel über dem anderen Hochhaus und ist so orangerot, dass Hinschauen weh tut.
»Gehn wir zum Kiosk?«, fragt sie.
Er nickt und legt seinen Arm um ihre Hüfte, die Finger schieben sich in den Bund der Jeans und grabbeln nach unten.
»Lass«, sagt Lina und windet sich heraus.
»Wieso?«
»So eben. Keine Lust.«
Am Kiosk kauft er eine Cola für Lina und eine Dose Bier für sich. Lina will kein Bier. Sie teilen eine Zigarette.
»War geil gestern, oder?«, fragt der junge Mann und schaut sie voll Hoffnung an.
Lina zuckt die Schultern. »Schon.«
»Wann kannst du wieder?«
»Keine Ahnung. Nächste Woche vielleicht.«
»Hä? Erst nächste Woche? Da krieg ich ja nen Samenstau.« Er lacht blöd.
»Kannst dir ja so lange ne andere suchen.«
Darauf fällt ihm keine spontane Antwort ein. Er leert erst mal die halbe Dose Bier und rülpst. »Will ich ja nicht«, sagt er dann. »Du bist doch jetzt meine Freundin. Oder nicht?« Er saugt an der Zigarette wie an einem Strohhalm.
»Mhm«, sagt Lina und guckt auf die Bäume im Park.
Am Hochhaus fährt ein kleines Auto vorbei, das Lina schon öfter hier gesehen hat. Sonjas PflegeEngel steht drauf. Ihr fällt ein, dass das der Pflegedienst von Hilde Fuchs sein müsste.
Wenns morgen weiter stinkt und die Fuchs immer noch nicht aufmacht, ruf ich die an, überlegt Lina.
Der Gestank zieht langsam, aber sicher durchs ganze Hochhaus. Der siebte und der achte Stock stinken jetzt, ebenso alle Stockwerke bis hoch zum zwölften. Jeder Nachbar beschwert sich beim nächsten und droht ihm an, die Polizei zu rufen, wenn er nicht endlich lüftet.
Die Mädchen aus dem zwölften müssen sich am nächsten Morgen alleine wecken, die Mutter pennt noch. Die zwei jüngeren ziehen ihre T-Shirts hoch vor Mund und Nase und schauen, dass sie dem Zentrum der Stinkwolke so schnell wie möglich entkommen. Lina klingelt, klopft und ruft nochmal an Hilde Fuchs’ Tür. Niemand antwortet. Der Kanarienvogel bleibt stumm.
Noch während sie die Treppe nach unten nimmt, sucht sie übers Smartphone die Telefonnummer von Sonjas PflegeEngeln. Eine Mailbox. Lina legt auf.
Im Moment, als sie in einem Pulk lärmender Schüler die Schule betritt, gibt ihr Handy Laut. Der Pflegedienst. Lina sucht sich eine Fensternische und deckt mit der freien Hand ihr anderes Ohr ab.
»Hallo? Ich habe wegen Frau Fuchs angerufen. Hilde Fuchs …«
Die Frau am anderen Ende lässt sie gar nicht ausreden. »Was ist denn mit Frau Fuchs? Wir wollten unseren heute geplanten Besuch auf morgen verschieben, aber sie geht nicht ans Telefon.«
»Ja«, sagt Lina, »sie macht auch nicht auf. Und es stinkt ziemlich aus ihrer Wohnung.«
»Wir haben einen Schlüssel. Bin gleich da. Sind Sie vor Ort?«
»Du, Sie können du sagen. Ich bin Lina und wohne nebenan. Bin in fünf Minuten wieder zuhause.«
Schule muss heute ausfallen.
Sie schafft es in vier Minuten und wartet unten vor dem Haus. Weitere drei Minuten später fährt das Auto der PflegeEngel vor. Eine Frau im weißen Kittel und trotz der Wärme mit einer braunen Strickjacke drüber schält sich schwer schnaufend aus dem Auto. Sie ist dick und kaum größer als Lina mit ihren 155 Zentimetern.
»Ach, du bist ja noch ein Mädchen«, sagt sie und streckt Lina die Hand hin. »Ich bin Brigitte und Frau Fuchs’ Pflegerin. Wollen wir?«
Sie nehmen den Aufzug, der – oh Wunder – wieder funktioniert, und Brigitte redet die ganze Fahrt lang. Wie schwer ihr Job heutzutage geworden ist, dass es immer mehr Pflegefälle und immer weniger Pflegekräfte gibt und sie selber auch nicht mehr so kann wie früher. Frau Fuchs sei noch eine von den leichten Fällen, im wahrsten Sinn des Wortes, sie wiege kaum 50 Kilo, und bisher habe der Besuch zum Duschen einmal wöchentlich gereicht.
»Sie hat ja noch andere Leute, die sich kümmern«, meint Brigitte. Sie schaut Lina fragend an.
Lina zuckt die Schultern.
»Aber schön, dass du uns angerufen hast. Gibt nicht viele, denen so was auffällt. In den Hochhäusern ist es am schlimmsten. Ein Haufen Leute wohnt da, aber man kann tagelang tot in der Wohnung liegen, ohne dass es einer merkt.«
»Meinen Sie, Frau Fuchs ist tot?«, fragt Lina jetzt doch. Sie kann die ganze Zeit nichts anderes denken und hat sich davor gefürchtet, es auszusprechen.
»Ach, nein«, winkt Brigitte ab, »das hoffen wir jetzt mal nicht. Letzte Woche war sie noch bei bester Gesundheit. Auch wenn sie immer sterben will.« Sie lacht. »Das sagen viele. Meinen tun sie was anderes.«
»Was denn?«
»Na, sie wollen eher nicht so leben, wie sie es gerade tun. Wollen wieder jung sein, gesund … Wollen Familie und Freunde haben. Aber woher nehmen, wenns niemanden gibt?«
Die Aufzugtür öffnet sich im zwölften, und die stinkende Wolke nimmt sie sofort in Geiselhaft.
»Oh Gott«, sagt Brigitte und wird blass.
Lina hält sich die Nase zu, Brigitte platziert den Strickjackenärmel vors Gesicht und kramt in ihrer Umhängetasche nach einem Schlüsselbund.
»Ich komme mir manchmal vor wie eine Gefängnisschließerin«, nuschelt sie hinter der Wolle, »zwanzig Schlüssel zu zwanzig Wohnungen.«
Die Tür geht auf, der Gestank wird bestialisch, ein Blick nach links in die Wohnküche und Lina sieht, dass der Kanarienvogel von der Stange gefallen ist.
Geradeaus gehts ins Schlafzimmer, und Brigitte, die Lina die Sicht versperrt, gibt einen merkwürdigen Laut von sich. Dann sieht es auch Lina: Hilde Fuchs’ Kopf auf dem Kissen, seltsam aufgebläht, von Haut aus bleichem Wachspapier überspannt, von Fliegen gesprenkelt.
»Keine Leichenstarre mehr. Mindestens drei Tage tot.« Der von Brigitte herbeigerufene Hausarzt von Hilde Fuchs murmelt vor sich hin. Er trägt routinemäßig eine FFP2-Maske, die ihn aber auch nicht vor dem Gestank schützen kann. Seit Brigitte alle Fenster der Wohnung weit geöffnet hat, ist es etwas erträglicher geworden. Die zwischen den beiden größeren Wohneinheiten eingeklemmte Einzimmerwohnung erlaubt keinen Durchzug. Alle Fenster gehen zur Rückseite des Hochhauses.
Lina hat sich an die Wohnungstür verzogen. Dass sie die tote Frau Fuchs fotografiert hat, blieb unbemerkt. Das Bild ins Netz stellen und kommentieren – voll krass, unsere Nachbarin als Horrorleiche – dauert wenige Sekunden. Derartige Nachrichten verbreiten sich schneller als der Schall. Irgendein User leitet so was Spektakuläres auch immer an die Presse weiter.
Lina hört Brigitte mit dem Arzt sprechen.
»Sie war doch letzte Woche noch ganz in Ordnung«, sagt Brigitte schon zum dritten Mal zu dem in Ehren ergrauten Doktor. Er ist kurz davor, seine Praxis zu übergeben.
Jetzt seufzt er. »Frau Fuchs war sechsundachtzig. Sie hatte Diabetes. Vielleicht hat sie ihr Insulin falsch eingenommen? Zu viel? Zu wenig?«
Brigitte protestiert halbherzig. »Sie konnte das noch selbst mit dem Insulin-Pen. Wissen Sie doch. Aber ich hab sie jede Woche am Duschtag gefragt, ob sie zurechtkommt …« Sie klingt, als würde sie nun doch zweifeln, ob das gereicht hat. Dass Frau Fuchs langsam aber sicher dement wurde, konnte keinem entgehen. Schon gar nicht einer ausgebildeten Pflegekraft.
»Na ja«, beschwichtigt der Arzt. »Ihr kommt ja kaum herum. Und mit sechsundachtzig stirbt man halt an irgendwas. Letztlich ist es immer ein Herzstillstand.« Er schreibt und nickt. »Totenschein ist fertig. Wenns recht ist, informiere ich das Standesamt. Weiß die Tochter Bescheid?«
»Die lebt doch in Schweden. Nein, sie weiß natürlich nichts. Soll ich sie anrufen?«
»Das mach ich schon«, sagt der Arzt, und Brigitte gibt einen erleichterten Laut von sich.
Die Tochter in Schweden – Lina hatte sie ganz vergessen. Ein gerahmtes Foto von ihr steht auf der Anrichte. Dass sie nur einmal im Jahr nach Bamberg zu Besuch kommt, hat Frau Fuchs erzählt. Manchmal lagen bunte Ansichtskarten herum, die zeigten viele Inselchen in blauer See oder ein großes Königsschloss. »Stockholm«, erklärte ihnen Frau Fuchs. Linas Schwestern durften sich die Briefmarken ausschneiden. Dabei haben sie gar keine gesammelt, sie horteten sie nur in ihrem Zimmer, das von Tag zu Tag mehr einer Müllhalde glich. Frau Fuchs drängte ihnen die Marken noch auf, als sie schon gar keine mehr wollten.
Die Aasgeier der Medien, auch einige von außerhalb, fallen noch gegen Abend im Hochhaus ein und klingeln sich durch, bis sie eingelassen werden. Die Hunde hinter den Wohnungstüren bellen, die Hausbewohner stehen in Grüppchen herum und lassen sich von Journalisten interviewen. Jeder mutmaßt und setzt Gerüchte in die Welt, keiner weiß was Genaues. Lina macht die Tür nicht auf, ihre Mutter ist nicht da, die Schwestern sind irgendwo bei Freundinnen. Der Verwesungsgeruch hängt immer noch im zwölften Stock, nicht mehr so stark, aber eindeutig genug. Lina hockt am Boden, an die Wohnungstür gelehnt, und hört die Presseleute und ein paar Hausbewohner davor schwafeln. Sie klickt auf ihrem Smartphone das Foto an, das sie von Hilde Fuchs gemacht hat, und fragt sich, warum sie bisher keine Ahnung hatte, wie ein toter Mensch aussieht. Ein sehr toter Mensch vor allem, ein seit Tagen toter Mensch. Wenn in ihrer Klasse mal eine Oma von Mitschülern gestorben war, hieß es immer nur, ach wie traurig, sie war so nett, und jetzt ist sie sicher im Himmel. Die Lehrer sagten so was, und manche Schüler, die an Gott glaubten, wohl auch. Niemand fragte: Wie sah sie aus, als sie tot war? Wie hat sie gerochen? Hast du sie angefasst? Wohin ist sie gebracht worden? Wo ist sie jetzt?
Es gehörte sich nicht, das zu fragen.
Der Junge hat ungefähr zehn Nachrichten geschickt. Er kommentiert das Foto und findet Lina noch geiler als bisher. Die letzte Nachricht lautet: »Steh vor deim Haus, echd grass, Haufn Leute hier, komm runter!«
»Nee«, tippt Lina, »bin krank.«
Sie fasst sich an die Stirn und stellt fest, dass sie sich heiß anfühlt. Dazu eiskalte Hände, Schüttelfrost. Sie muss ins Bett, sofort. Vielleicht hat das Leichengift von Hilde Fuchs sie krank gemacht.
Ermittlungen
»… und da sitze ich gestern Nachmittag im Wartezimmer, zusammen mit einigen jungen Leuten, die alle aufs Smartphone starren, und die alte Frau kommt rein. Kein Platz frei. Wer räumt seinen Stuhl, Fred? Ich!«
Grete, die beste aller Ehefrauen, steht mit dem Rücken zu ihrem Mann und spült ein paar Sachen, die aus unerfindlichen Gründen nicht in die Spülmaschine dürfen.
»Wasmachsndesauch«, nuschelt Alfred mit vollem Mund.
Den hat er voll Haferflocken, die er missmutig aus einer Schale löffelt. Haferflocken mit Dörrobst! Hat Gott im Paradies Äpfel und Zwetschgen erschaffen, damit der Mensch sie dörre und damit ungenießbar mache? Sicher nicht.
Aber Grete hat ihm vorhin schulterzuckend beschieden, dass Tochter Mia vergessen habe, Brot zu kaufen. Sie selber sei, wie er ja wisse, gestern nach der Arbeit mit ihrem wilden Frauenhaufen zum Kegeln gegangen. Natürlich hat sie nicht von »Frauenhaufen« gesprochen, das ist Alfreds stille Übersetzung. Ein Haufen laut lachender und durcheinanderredender Frauen, wie sie in den letzten Jahren in Bambergs Kneipenszene überhandgenommen haben und bei deren Lärmbrei der stille Zecher in der Ecke seine eigenen Gedanken nicht mehr hört.
Grete spricht stets von ihren Mädels. Schrecklich. Die Mädels sind alle Mitte/Ende fünfzig. Bestes Alter, sagt Grete.
Nur was dich betrifft, antwortet Alfred dann.
»Apropos alte Frau.« Grete schiebt den Lokalteil des Fränkischen Tags über den Tisch. »Lies mal.«
Alfred spült mit einem kräftigen Schluck Kaffee nach, um den letzten Haferbreiklumpen in seinen Magen zu befördern. Möglicherweise bekommt er heute keinen vernünftigen Kaffee mehr, denn eine Zuteilung aus der Thermosflasche seiner Kollegin Dominique Brodbecker ist nicht selbstverständlich.
Während der Fränkische Tag zwar ausführlich über den einsamen Tod einer Seniorin in einem 36-Parteien-Hochhaus berichtet und dazu nur ein Foto des betreffenden Hauses zeigt, gab es bei BILD offenbar weniger ethische Bedenken. Alfred springt die Titelseite sofort ins Auge, bei seinem Zwischenstopp beim Bäcker.
»Ist das nicht furchtbar?«, bemerkt die Verkäuferin und reicht Alfred die Tüte mit Bamberger Hörnla über die Theke.
»Das Blatt hier? Allerdings.« Er klemmt sich die BILD unter den Arm und nickt der Verkäuferin zu.
STARK VERWESTE LEICHE ENTDECKT – KEINER IM HORRORHAUS HAT ES GEMERKT. So titelt das Blatt. Das aus dem Internet gefischte Bild ist so verpixelt, dass es nur mit viel Phantasie als menschliche Leiche zu erkennen ist und das Blatt sich gerade noch in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Das Foto stammt laut Bildunterschrift von »lilaspaghettimonster«, ein Name, der Alfred mindestens so aufregt wie die Tatsache der Veröffentlichung selbst. Dass Menschen so kaltschnäuzig sein können, eine Tote zu fotografieren und das Bild ins Netz zu stellen. Dass Journalisten so wenig Hemmungen besitzen, dies auch noch reißerisch aufzubereiten. Aber wenns doch steigende Auflagen bringt! Dann geht jede Ethik flöten. Alfred fröstelt es trotz der Hitze.
Noch auf dem Parkplatz der Bamberger Polizeiinspektion trifft er auf Dominique. Sie stoppt ihr Rennrad direkt vor seiner Kühlerhaube. Wie man auf derart schmalen Reifen überhaupt fahren kann – Alfred verstehts nicht. Aber immerhin tritt die Kollegin noch mit purer Muskelkraft in die Pedale. Von irgendwas muss ihre sportliche Figur ja kommen.
»Morgen.« Dominique nimmt den windschnittigen Helm vom Kopf und schüttelt ihr kurzes und zurzeit kastanienbraunes Haar.
»Wunderschönen guten Morgen«, brummt Alfred. Das Schloss seines VW Golf klickt. Mittelklassewagen, hatte Grete verlangt, als sie vor ein paar Jahren ihren alten Ford Kombi stilllegen ließen. Der Kombi hatte nach drei Kindern – darunter Nachkömmling Mia, gerade achtzehn Jahre alt geworden – seine Schuldigkeit getan. Alfreds zaghafte Versuche, entweder einen Benz mit ordentlich PS oder einen SUV – und wirklich nur einen kleinen – zu kaufen, waren von der besten aller Ehefrauen im Keim erstickt worden. Denk ans Klima und dass wir gar nicht oft Auto fahren. Was sollte er dagegen sagen. Immerhin hatte ihm der sparsame Golf schon früh die Anerkennung von Kollegin Brodbecker eingebracht. Dominique begrüßte auch die Einführung von Pedelecs in einigen Bamberger Dienststellen. Ihre Begeisterung für Autos mit Elektromotoren hatte sich allerdings schnell wieder gelegt. Akkus verbrauchten ihrer Meinung nach zu viele Ressourcen, waren umweltschädlich in der Entsorgung, und das Laden dauerte zu lange. Wahrscheinlich hatte sie mit allem recht.
Dominiques Blick richtet sich zum Himmel. »Ja, könnte wieder schön werden.«
Sie gehen nebeneinander ins Gebäude, Alfred kommt sich wie immer klein und unförmig neben ihr vor, obwohl Dominique noch Sneakers trägt. Die High Heels stecken vermutlich in dem Rucksack, der ihr über die Schulter hängt. Ihre hohen Absätze sind legendär in der K1, die meisten Beamtinnen, und vor allem die Kommissarinnen, bevorzugen Schuhe, mit denen sie schnell rennen können. Alfred hat es bisher nur einmal erlebt, dass Dominique einen Junkie verfolgte, der sich der Festnahme entziehen wollte. Sie hat damals einfach ihre Pumps ausgezogen und ist barfuß los gesprintet.
Auch auf Alfreds Schreibtisch liegt der Fränkische Tag. Eine der Putzfrauen ist so nett, den Stapel Zeitungen früh in all den Büros zu verteilen, die sie für wichtig hält. Das K1 – die Abteilung Mord und Totschlag – gehört auf jeden Fall dazu.
Alfred wirft die BILD daneben und zeigt Dominique die Titelseiten. »Was für ein Dreck, oder?«
»Habs schon gelesen, ja. Diesen Pflegedienst von Sonja, den kenne ich übrigens. Den hatte ich anfangs bei Jan.«
Jan, Dominiques schwerstbehinderter Sohn, etwa in Mias Alter, ist seit Wochen in äußerst schlechter Verfassung.
»Und warum nicht mehr?«
»Die Beatmung, die Jan nachts braucht. Wir mussten zu einem Intensivpflegedienst wechseln.«
»Das … das hast du mir gar nicht erzählt.« Alfred schaut bestürzt. Er mag Dominiques Sohn sehr gerne. Trotz der gravierenden Auswirkungen des Muskelschwundes ist er ein pfiffiger und lebenslustiger Kerl.
Dominique dreht ihm den Rücken zu, als sie sich aus ihrer leichten Windjacke schält und die Sneakers mit den Pumps tauscht.
»Ist auch erst seit Kurzem. Aber ich will ihn nicht weggeben.«
Alfred merkt an Nuancen ihrer Stimmlage, dass es sie große Kraft kostet, die Kontrolle zu behalten.
»Weiß ich doch. Können wir was tun? Du weißt, Grete würde stundenweise nach ihm sehen, Mia auch.«
»Das ist lieb, danke. Aber die vom Pflegedienst sind jetzt rund um die Uhr da. Geht nicht mehr anders.«
Alfred schlägt den FT auf, als er an seinem Schreibtisch sitzt. »Sonjas PflegeEngel, ja stimmt. Ich frag mich trotzdem, ob da alles nach Vorschrift lief. Wenn die tagelang nicht merken, dass ihre Patientin tot ist … Und dieses im Internet gepostete Foto der Toten …«
»Ist schon entfernt«, sagt Dominique.
»Na, wenigstens etwas. Dürfte sich trotzdem wie ein Lauffeuer verbreitet haben.«
»Gibts Hinweise auf eine ungeklärte Todesursache?«
»Denke nicht. Lass uns was arbeiten.«
Als die beiden Kommissare später mit dem Dienstwagen zu einer Zeugenbefragung in einem älteren Fall Richtung Memmelsdorf unterwegs sind, kommt ihnen ein kleines weißes Auto mit der auffälligen Aufschrift Sonjas PflegeEngel entgegen. Dominique, die eher unfreiwillig Beifahrerin ist, dreht sich nach dem Wagen um.
»Die Verwahrlosungsverwalter.«
»Hm?«, macht Alfred, der ein Stück Brezel kaut. Man muss ja nach der morgendlichen Haferflockenpampe noch was Vernünftiges in den Magen kriegen.
»Na, Sonja und der Pflegedienst! Ich denke, du hast den Artikel in der BILD gelesen.«
Alfred schluckt runter und schüttelt den Kopf. »Nur die Titelseite. Das hat mir schon gereicht. Mir ist beinahe das Frühstück wieder hochgekommen.«
»Rührei mit Speck?« Dominique betrachtet ihn von der Seite und zieht eine ziemlich scheinheilige Miene.
»Schön wärs gewesen. Es gab Haferflocken. Ha-fer-flocken, stell dir vor. Und das für mich, den Kriminalhauptkommissar Alfred Meister, wenige Jahre vor seiner verdienten Pensionierung.«
»Gretes Idee?« Dominique kennt Alfreds Frau inzwischen gut, und trotz ihrer Unterschiedlichkeit verstehen sie sich bestens.
Alfred nickt grimmig. »Zwangsläufig, sagt sie. Brot war aus. Die Idee mit dem Rührei hätte ich selber haben können.«
»Sonjas PflegeEngel. Du hast also nicht auf Seite drei von Deutschlands beliebtestem Boulevardblatt weitergelesen?« Dominique kommt wieder auf den Punkt.
»Neihein. Erzähls mir einfach, okay?«
»Wenn du derweil ein bisschen schneller fährst? 70 km/h zwischen Bamberg und Memmelsdorf, unser Tacho zeigt 55 …«
Alfred beschleunigt wortlos und achtet sehr genau darauf, nicht über die erlaubten 70 zu kommen. Nicht nur aus persönlicher Überzeugung. Er findet, dass gerade die Polizei sich an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten muss, auch wenn sie in Bamberg eher nachlässig überwacht werden. Dominique teilt seine Ansicht nicht, das weiß er nur zu gut. Deshalb ist er jedes Mal froh, wenn er das Dienstwagensteuer erobert hat.
»Na gut«, stellt Dominique bei erneutem Blick auf den Tacho fest. »Verwahrlosungsverwalter. So hat der Schmierfink von BILD den Pflegedienst genannt. Weil die Pflegerin nicht gemerkt hat, wie es um die alte Frau steht. Oder es nicht merken wollte.«
»Pfft«, macht Alfred. »Das gibt doch sicher wieder einen Aufstand in den sozialen Medien. Ich möchte darauf wetten, dass die Pflegelobby sich gleich morgen im FT energisch dagegen wehrt.«
»Zu Recht«, findet Dominique. »Trotz Pflegenotstand hängen sich die meisten echt rein. Seit Corona ist alles noch viel schlimmer geworden. Ich kenne das …« Sie stoppt abrupt, und Alfred schaut kurz zu ihr hinüber.
Ja, Dominique hat durch den hohen Pflegeaufwand ihres Sohnes mehr als genug Erfahrung mit Pflegediensten. Meisters kennen das Problem nicht, beide Elternpaare sind leider längst verstorben.
»Schwarze Schafe gibts überall«, wendet Alfred ein.
Seine Lieblingskollegin hat den Kopf zur anderen Seite gedreht, schaut aus dem Fenster. Wenn Dominique nicht Dominique wäre, nämlich eine taffe und manchmal kühl und distanziert wirkende Ermittlerin, so hätte man fast auf die Idee kommen können, sie hätte Tränen in den Augen.
Lina
Die verwesende Hilde Fuchs wird als Foto von »lilaspaghettimonster« im Netz von Instagram-Usern aller Couleur tausendfach »gelikt« und erntet nur wenig Hasskommentare. Inzwischen ist das Foto allerdings aus dem Netz verschwunden, und Lina ist fast erleichtert darüber. Sie hat sich tief in Kissen und Laken vergraben und friert. Durchs geöffnete Fenster dringt abendliche Schwüle und wärmt das Mädchen im Bett trotzdem nicht. Immer noch ploppen auf dem Handy Nachrichten auf und kommentieren Linas Leichenfund. Nachdem sie sich am Anfang beim Lesen noch seltsam euphorisch gefühlt hat, werden ihr die immer gleichen blöden Satzfetzen jetzt doch zu viel. Lina tut etwas, was sie sonst so gut wie nie tut: Sie schaltet das Handy aus.
Im gleichen Moment wirds im Flur der Wohnung laut, die kleinen Schwestern trudeln ein und zanken und hämmern an ihre Tür. »Lila!! Lila!!«, schreit der Schwesternchor.
»Lila« deshalb, weil beide als Kleinkinder Linas Namen nicht richtig aussprechen konnten. Oder wollten. Inzwischen sagen alle so zu ihr, und Lina wurde im Netz zu »lilaspaghettimonster«. Spaghetti – ihr Lieblingsessen.
»Haut ab, ich bin krank!«, schreit Lina, ohne Erfolg. Die zwei reißen die Tür auf und fallen ein. Einen Zimmerschlüssel gibts schon ewig nicht mehr.
Während die eine sich hysterisch lachend aufs Bett und damit auf Lina schmeißt, führt die andere mitten im Zimmer einen Tanz auf und singt falsch.
»Lasst mich bloß in Ruhe«, zischt Lina und bäumt sich unter ihrer Decke auf, um die Kleine von sich runterzukriegen. Das klappt nur halb, die Schwester rutscht weiter lachend auf die Bettkante. Dort bleibt sie sitzen und hüpft auf und ab, was ihr einen Faustschlag in den Rücken einbringt. Das Geschrei im Zimmer wird ohrenbetäubend, auch Lina schreit. Sie hat das so satt hier, nie kann sie für sich sein, immer nervt sie einer. Das Schlimme ist, dass Schreien überhaupt nichts bringt. Im Schreien sind ihre kleinen Schwestern tausendmal besser und lauter, und Lina macht sich nur selber fertig damit. Also hört sie auf, zieht ihre Decke unterm dürren Hintern der darauf hockenden Schwester vor, wickelt sich komplett darin ein, dreht sich zur Wand und sagt gar nichts mehr. Das ist die einzige Chance – nichts tun, nichts sagen. Das langweilt die Kleinen sofort. Sie ziehen unter Maulen wieder ab, nicht ohne sich zu beschweren, dass Lina ihnen nichts über die tote Fuchs erzählen will. So eine Leiche in der Nachbarwohnung ist doch mal was anderes, und von Linas tollem Foto im Netz fällt der Strahl der Berühmtheit auf die restliche Familie.
Linas Mutter, die von irgendwoher, nur nicht von der Arbeit, kommt, schließt die Wohnung auf, mit dem Handy am Ohr. Ihre lauten jüngeren Töchter schiebt sie mit der freien Hand ins Wohnzimmer und macht die Tür hinter ihnen zu. Leiser wirds allerdings nicht, die beiden zanken und streiten um das ihnen gemeinsam gehörende Smartphone, Linas altes Handy, das sie sich teilen müssen. Ein Handy, das zwei frühpubertierenden Mädchen zusammen gehört, ist am Ende schlimmer als gar keins.
»Ey … nee, ich doch nicht. … Überhaupt hab ich mich heut krankschreiben lassen. Der Gestank von nebenan hat mich echt fertig gemacht«, redet die Mutter ins Telefon. Am anderen Ende ihre Freundin, mit der sie alles, aber auch wirklich alles teilt. Manchmal auch die Männer.
Sie lacht laut. »Mir doch egal! Und weißte was? Bin doch bei dem Doktor, den auch die Leiche von nebenan hatte. Der ist selber voll die Mumie, gibt mir aber alles, was ich brauche … Was? … Nee, heut nur die Krankschreibung. Hab aber mitgehört, wie die Mädels in der Praxis über die alte Fuchs geredet haben … Die Fuchs, die Leiche!!«
Sie zündet sich mit der freien Hand eine Zigarette an.
»Tür zu!«, schreit Lina aus ihrem Zimmer.
»Tür zu!«, äfft die Mutter sie nach und geht auf nackten Füßen in die Küche. Sie braucht jetzt Kaffee, also Handy zwischen Ohr und Schulter klemmen und Maschine in Gang setzen. Ihre Freundin labert ihr einstweilen was ins Ohr, von irgendeinem witzigen Filmchen, das sie im Internet gesehen hat.
»Ey, hör mal zu jetzt. Was die da geredet haben beim Arzt. Die Fuchs, also die Nachbarin, die Leiche, die hat ne Tochter in Schweden, und die mussten die anrufen. Oder der Doktor, weiß ich nicht genau. Und die muss sich ziemlich aufgeregt haben, dass die Alte doch noch fit war und bestimmt nicht einfach so abgekratzt ist. Denen geht jetzt der Arsch auf Grundeis, weil die Tochter nen Flug hierher gebucht hat und dann vom Doktor wissen will, warum ihre Mutter tot ist.« Zigarette an den Mund, tiefer Zug. Die Freundin findet das nicht so krass und redet schon wieder was anderes.
Lina kommt in die Küche getappt, auch barfuß, ihr kastanienbraunes Haar hängt ihr wirr in die Augen, das Gesicht ist rot.
»Gibts vielleicht was zu essen?«, fragt sie unleidlich und schaut auf Herd und Spüle, wo sich dreckiges Geschirr, leer gegessene Dosen und Pizzakartons stapeln.
»Nerv nicht«, nuschelt ihre Mutter, weil die Kippe im Mundwinkel hängt. »Ey, Süße, ich hör jetzt auf, die Kids quengeln hier rum. Bis bahald!«
Lina verdreht die Augen. »Wieso bist du überhaupt da?«
»Bin krank.« Die Mutter drückt die halb gerauchte Zigarette im Kronkorken einer Bierflasche aus und gibt dem Kaffeeautomaten einen Klaps auf den Deckel. Damit das heute noch was wird mit dem Kaffee.
»Ich bin krank«, behauptet Lina und reißt eine Tüte Chips auf, die ihre Schwestern übersehen haben müssen.
»Das ist das Leichengift. Stell das mal ins Netz. Zu dem krassen Foto. Ey, jeder quatscht mich drauf an. Irre, oder?«
»Das Foto ist raus. Gelöscht.«
Lina lässt Leitungswasser in ein einigermaßen sauberes Glas laufen, klemmt sich die Chipstüte untern Arm und tappt wieder in ihr Zimmer. Sie fühlt sich hundeelend. Vom Leichengift, von den nervigen Schwestern und von einer Mutter, die noch blöder ist als der Rest der Welt.
Kimmi, 5 Jahre
Es sah merkwürdig aus. Ein vorderes und ein mittleres Bein knickten bei jedem Versuch der Fortbewegung ein. Die anderen vier reichten nicht aus, den Körper auf gewohnte Weise vorwärtszubringen. Kimmi überlegte. Wenn ich drei Beine hätte, könnte ich bestimmt nochmal so schnell rennen. Erst recht mit vier oder sechs Beinen. Doppelt, viermal, sechsmal so schnell? Sehr schnell auf jeden Fall. Das reicht sicher aus, um den großen Jungs zu entkommen. Mit fünf Jahren ist das ein erstrebenswertes Ziel.
Kimmi betrachtete interessiert den Käfer auf den Steinplatten. Sie fand ihn schön, der Panzer schillerte grün. Vielleicht war er auf dem Weg nach Hause zu seiner Frau, die mit ihm hinten im Garten unterm Komposthaufen wohnte. Dort hatte Kimmi jedenfalls einige seiner Art beobachtet. Sie alle hatten sechs funktionierende Beine besessen und waren sehr flink über Laub und Küchenabfälle gewuselt. Der hier vor ihr auf dem Gartenweg würde das nie mehr können. So wie es aussah, würde er es nicht mal bis an den Rand des Wegs schaffen. Die zwei übrigen Beinchen vorne ruderten zwar eifrig, und die Hinterbeine versuchten nachzuschieben, knickten aber regelmäßig weg. Ruder, ruder, schieb, knick. Ruder, ruder, schieb, knick.
Kimmi sang leise vor sich hin: »Ruder, ruder, schieb, knick. Armer Käfer, armer Käfer«, hieß die nächste Strophe. »So kannst nicht leben«, die dritte. War es nicht genauso im Winter gewesen, als ihre Brüder die Amsel mit dem gebrochenen Flügel fanden? Gar nicht weit von hier. Kimmi konnte sich gut an ihre schwarzen Knopfaugen erinnern, die sagten, helft mir doch. Die Brüder halfen ihr. Sie nahmen einen Stein aus dem Garten und erschlugen sie. »Wär eh nix mehr geworden, die Katz hätt sie gefressen«, sagten sie.
Kimmi hatte das damals verstanden. Sie verstand auch jetzt, dass sie handeln musste. Ein Stein war gar nicht nötig. Sie sprang mit einem Satz aus der Hocke hoch, ihr Holzschuh senkte sich im nächsten Moment auf den armen armen Käfer.
»Jehetzt bihist du tohot«, sang Kimmi. Sie hatte ihm geholfen. Kein anderes Tier würde ihn fressen. Der Holzschuh schob die zerbröselten Reste vom Weg aufs Gras.
»Kimmi!!!«, schrie es aus dem Haus. »Essen!!!« Was auch immer die Frau namens Mutter so unter Essen verstand.
Kimmi, die richtig gar nicht Kimmi hieß, hüpfte auf einem Bein den Gartenweg entlang. Wenn sie nur ein Bein hätte, würde jemand auch sie tot machen. Tohot.
Sonjas PflegeEngel
Schwester Brigitte isst Chips. Allerdings solche mit wenig Salz und Fett. Sie muss abnehmen, das hat ihr die Hausärztin dringend geraten. Wer mit Mitte vierzig schon so ein Gewicht mit sich herumschleppt, kriegt das auch in späteren Jahren nicht wieder los. Wie viele verschiedene Diäten sie schon ausprobiert hat! Am vielversprechendsten erschien ihr die mit dem Zeitkorridor: Während acht Stunden darf gegessen werden, in den restlichen sechzehn Stunden bleibt der Teller leer. Einige ihrer Kolleginnen aus der Pflege schworen darauf und verkündeten unglaubliche Erfolge. Aber auf welchen Zeitraum sollte Brigitte diese acht Stunden legen? Ziemlich schwierig bei ihrem geteilten Dienst. Früh um sechs ist sie schon unterwegs, um die ersten Patienten zu waschen, zu wickeln, zu spritzen. Aufstehen also um fünf. Ohne was im Magen kann sie nicht aus dem Haus, also tickt die Diät-Uhr ab 5.15 Uhr. Plus acht Stunden: 13.15 Uhr. Da müsste die letzte Mahlzeit für diesen Tag durch sein. Und dann? Legt sie sich meistens ein Stündchen auf die Couch. Gegen 17 Uhr muss sie wieder los, für die abendliche Versorgung der Patienten. Ohne Schokoriegel zwischendurch ist das nicht zu schaffen. Und wenn sie gegen 21 Uhr nach Hause kommt, hängt der Magen erst recht in den Kniekehlen. Also hat sich Brigitte eine Zeitlang mit einem Kniff beholfen: Sie erlaubte sich, während zweier Vier-Stunden-Zeiträume zu essen. Das klappte prima. Führte aber keineswegs zur Gewichtsreduktion, ganz im Gegenteil. »Du musst dem Magen sechzehn Stunden am Stück Nahrung entziehen!«, hielt ihr eine Freundin vor. »Am Stück!«
Brigitte atmet tief durch und nimmt einen Schluck Milchkaffee. Chefin Sonja hat vor noch gar nicht allzu langer Zeit einen Kaffeevollautomaten angeschafft, und das ist einfach herrlich. Früh ein doppelter Espresso mit viel Zucker – nein, viel Süßstoff –, in der Frühstückspause ein Cappuccino mit aufgeschäumter Milch statt Sahne, vor dem Nachmittagsdienst ein Milchkaffee – wenn sie es schafft, ganz ohne Süßungsmittel – und abends vor dem Heimgehen nochmal ein einfacher Espresso – köstlich.
Jetzt sitzt sie im kleinen Aufenthaltsraum ganz außerhalb der sonstigen Pausenzeit, es ist 18 Uhr, die Abendsonne lugt durchs Oberlicht und trocknet ihren verschwitzten Rücken. Die obligatorische Strickjacke hängt über der Stuhllehne. Brigitte wartet auf Sonja, Lagebesprechung. Den Abenddienst hat Claus-Raphael übernommen. Claus-Raphael – was für ein Name. Der so heilig Klingende ist Quereinsteiger in der Altenpflege und seit fast einem Jahr im Team. Das wars dann auch schon. Sonjas PflegeEngel sind nur zu dritt.
Die Geschäftsräume des Trios befinden sich im Souterrain von Sonjas Wohnhaus und bestehen lediglich aus einem kleinen Lagerraum und einem winzigen Aufenthaltsraum mit Küchenzeile. Dessen Oberlicht geht zum Garten raus und ermöglicht der Sonne wenigstens am Abend einen Blick aufs Geschehen. Das Haus ist alt, es ist Sonjas Elternhaus, in dem sie mit Mann, Kindern und der pflegebedürftigen Mutter wohnt. Ihre Büroarbeiten erledigt sie an einem schmalen Schreibtisch in ihrem Wohnzimmer. Von dort kommt sie jetzt herunter.
»He Brigitte. Äh – Milchkaffee? Oder schon Espresso?« Sonja kennt die Gewohnheiten ihrer langjährigen Mitarbeiterin. Die beiden Frauen sind fast gleich alt, haben gemeinsam ihre Ausbildung an der Bamberger Berufsfachschule für Pflege und Gesundheit absolviert, sich dann aus den Augen verloren und wieder zusammengefunden, als Sonja sich selbstständig gemacht und eine zweite Fachkraft gesucht hat. Brigitte mit ihrem rosigen, runden Gesicht sieht allerdings ein paar Jährchen jünger aus als die um Augen und Mund herum schon ziemlich faltige Sonja.
»Danke, ich hab vorhin schon einen Kaffee getrunken.« Brigitte deutet auf die Tasse im Spülbecken und schenkt sich ein Glas Mineralwasser ein. Die Chipstüte schiebt sie über den Tisch, als Sonja sich ihr gegenübersetzt.
»Habs vergessen, bist ja wieder auf Diät.«
Sonja nimmt die Wasserflasche und setzt sie gleich so an den Mund. »Sorry, ich trink sie dann auch leer«, sagt sie mit schrägem Blick auf Brigitte.
»Ach, Diät, nee. Ich versuche einfach nur, Zucker wegzulassen. Tagsüber schaffe ichs – abends überfällt mich dann der Heißhunger, und ich durchwühle den Küchenschrank nach Schokolade, die ich vor mir selbst versteckt habe …« Sie muss lachen. »Bin halt ein Zuckerjunkie.«
»Apropos Zucker.« Sonja faltet ihre knochigen Finger auf dem Tisch und runzelt die Stirn. »Zucker ist der Grund unseres Treffens.« Weil Brigitte begriffsstutzig schaut, ergänzt ihre Chefin: »Zucker! Diabetes? Frau Fuchs?!«
Brigitte schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn. »Du siehst, bei mir geht der Zuckermangel auf Kosten der Denkfähigkeit. Ja, Frau Fuchs, schlimme Sache, ganz schlimm. Verwahr … Verlosungs … Verwas haben die uns genannt?«
Sonja zieht aus einem Ablagekorb auf dem Tisch den Zeitungsartikel und zitiert: »Ver-wahr-lo-sungs-ver-wal-ter.« Sie schaut auf und fixiert ihre Mitarbeiterin aus wässrig blauen Augen. »Brigitte! Kannst du mir sagen, wie die auf so was kommen? Ist da irgendwas schief gelaufen bei Frau Fuchs? Ich muss das genau wissen. Wir müssen uns wehren, das richtigstellen. Weißt du, dass mir heute schon drei Patienten den Vertrag gekündigt haben? Und das beim derzeitigen Pflegenotstand! Wo die nicht mal wissen, ob sie überhaupt einen anderen Pflegedienst finden werden!«
Brigitte muss schlucken. Sonja hat sehr ruhig gesprochen, ohne Vorwurf in der Stimme, emotionsarm wie immer.
»Du kennst mich doch!«, sagt Brigitte leicht entrüstet. »Und weißt, dass ich sorgfältig arbeite! Aber ich war auch nur einmal die Woche bei Frau Fuchs, das weißt du!«
Sonja schnauft kurz. »Ja, Brigitte, ja, ich kenne dich. Gerade das macht mir Sorgen. Wir sind auch nur Menschen, oder? Uns kann auch was entgehen, oder nicht? Wir stehen alle unter Druck, müssen nach Minuten abrechnen, können uns keine Zeit für ein Gespräch mit den Patienten nehmen … Alles nicht schön. Bitte erzähl mir trotzdem genau, was du bei deinem letzten Besuch bei Frau Fuchs gemacht hast. Wie sie beieinander war.«
»Also gut. Letzte Woche Dienstag war ich bei ihr, so um neun. Sie hat mir die Tür aufgemacht, sich gefreut, dass ich komme. Ich fand sie sogar munterer als manches Mal davor. Sie war noch im Nachthemd, und wir sind dann ins Bad gegangen. Ich hab ihr beim Ausziehen geholfen und sie aufs Duschbrett in ihrer Wanne gesetzt. Hab sie noch gefragt, ob der Zucker stimmt. ›Alles gut, alles gut‹, hat sie mehrmals gesagt. ›Alles gut‹, das war ihre Lieblingsantwort auf fast jede Frage.«
»Höre ich x-mal am Tag«, wirft Sonja grimmig ein. »Ich hasse es. Es passt auf alles und nichts. Hast du nachgehakt, ob sie sich früh gespritzt hat?«
Brigitte nickt. »Ihr Bauch war blau wie Pflaumenmus.«
»Aber hast du nicht immer wieder gesagt, dass sie allmählich dement wird?«
»Ja, schon. Aber Dinge, mit denen sie seit Langem umgeht, vergisst sie nicht so leicht. Und Diabetes hat sie schon seit vielen Jahren. Der Hausarzt hat mich gefragt, ob sie vielleicht lebensmüde war … Glaub ich nicht. Alle alten Leute sagen mal, es reicht jetzt, und der Herrgott möge sie endlich zu sich holen. Oder? Kennst du doch auch?«
Sonja nickt. »Der Arzt hat doch festgestellt, dass einfach das Herz stehengeblieben ist. Stimmts?«
Jetzt nickt Brigitte. »Er wusste auch, dass sie sich das Insulin selber gegeben hat und hat ihr das zugetraut.«
»Dass sie es doch vergessen oder sich zu viel verabreicht hat?«
»Hätte der Arzt doch gemerkt … Denke ich zumindest.«
Sonja knetet energisch ihre Hände. »Also gut. Wir beide, du als Pflegekraft, ich als Chefin, wir haben uns nichts vorzuwerfen.« Sie überlegt einen Moment. »Sag mal, Claus-Raphael war nicht bei Frau Fuchs?«
»Hm, doch. Ist aber schon eine Weile her. Als ich die Woche krank war, weißt du noch? Aber selbst wenn er sie nicht so sorgfältig gewaschen hat, hätte ich das längst wieder wettgemacht …«
»Stimmt. Also, was sollen wir tun? Mein Sohn will eine Gegendarstellung aufsetzen. Die stellen wir dann ins Netz, was meinst du?« Sonja ist jung Mutter geworden, ihr superschlauer Sohn studiert Jura und findet bestimmt die richtigen Worte für solch einen Artikel.
»Ja, gute Idee. Hat sich eigentlich die Tochter von Frau Fuchs bei dir gemeldet?«
Sonja greift in Gedanken in Brigittes Chipstüte und schüttelt sich gleich darauf. »Puh, da fehlt ordentlich Salz … Die Tochter? Nee, bisher nicht. Hoffentlich macht die uns nicht auch noch Ärger.«
Lina
Die Tochter von Frau Fuchs ist mindestens so alt wie Linas Klassenlehrerin. Sie hat gut gebräunte Haut und kurzes schwarzes Haar und sieht überhaupt nicht aus wie eine Schwedin. Iris Fuchs-Kleinschmidt ist ja auch keine Schwedin, sondern wegen eines Jobs nach Stockholm gezogen. Frau Fuchs hat den Mädchen davon erzählt, aber sie haben ihr nie richtig zugehört. Nur das gerahmte Foto der Tochter auf der Anrichte haben sie oft betrachtet.
Dass sie nun ausgerechnet Lina in die Arme läuft, passt der gar nicht. Sie hängt mal wieder mit dem Jungen vor dem Haus ab. Besser gesagt: Sie hockt auf einem zerkratzten Stromverteilerkasten, der Junge steht vor ihr und umklammert ihre Knie. Dabei brennt er ihr mit seiner Kippe, die er in der Hand hält, fast ein Loch in die Jeans. Der Tod der alten Frau Fuchs ist schon ein paar Tage her, und der Hype darum hat sich gelegt. Die Pressefuzzis sind abgezogen, über Linas ins Netz gestelltes und längst wieder gelöschtes Foto der Toten redet keiner mehr. Nur ab und zu der Junge noch.
Die Leiche war noch am selben Tag abtransportiert worden. Die dicke Schwester von Sonjas PflegeEngeln hatte für die Männer vom Bestattungsdienst die Wohnung aufgeschlossen, Lina hörte sie durch die Wohnungstür reden. Seitdem hatte sich nichts mehr getan, der Leichengeruch war nur langsam abgezogen, Lina hatte ihn allerdings immer noch in der Nase. Weil ihr Mutter und Schwestern zuhause auf die Nerven gingen, war sie am übernächsten Tag schon wieder in die Schule gegangen, trotz Gliederschmerzen. Ihre Mutter machte immer noch krank auf Leichengift. Das hielt sie aber nicht davon ab, gelegentlich zu verschwinden und irgendwen zu treffen, den ihre Töchter lieber nicht kennenlernen wollten.
Jetzt also steigt die Tochter von Frau Fuchs aus einem Taxi. Aus dem Kofferraum will der Fahrer einen Monsterkoffer in Grün metallic wuchten.
»Nein!«, stoppt ihn die gebräunte und gar nicht blonde Schwedin. »Ich bleib nicht hier. Warten Sie bitte.«
»Kostet aber!«
»Ist bekannt. Warten Sie einfach.«
Sie schultert eine ebenso grüne Umhängetasche und steht dann nicht weit vom Stromverteilerkasten, um ihren Blick am Hochhaus entlangwandern zu lassen. Bis hoch unters flache Dach. Lina kanns ungefähr abschätzen. Warum sie die Frau anspricht, weiß sie selber nicht. Wahrscheinlich, weil ihr das Gesabber des Jungen auf den Wecker geht.
»Äh, sind Sie die Tochter von Frau Fuchs?«
Die dreht den Kopf erstaunt zu dem sehr jungen Paar.
»Bin ich. Kennen wir uns?«
Lina rutscht vom Kasten herunter und schiebt den Jungen von sich weg. »Na ja, nicht richtig. Ich … wir wohnen neben Ihrer Mutter. Also wohnten. Also, wir wohnen noch, aber Ihre Mutter ist ja … Tut mir leid.« Blödes Gestotter.
Iris Fuchs-Kleinschmidt mustert sie mit kühlem Blick. »Aha.« Sie kramt in der grünen Tasche und zieht einen Schlüssel hervor. »Dann wollen wir mal. Sind deine Eltern da? Ich hätte Fragen.«
Der Junge steht jetzt hinter Lina und schlingt die Arme um sie. Seine Finger wühlen sich unter ihr T-Shirt.
»Ey cool«, murmelt er, und Lina weiß nicht, ob er ihren nackten Bauch oder das Auftauchen der Schwedin meint. Sie knufft ihn mit ihrer kleinen Faust in den Magen, damit er den Mund hält und nichts von Horrorleiche, Foto im Netz und Presserummel erzählt.
»Ja … nein. Meine Mutter wohnt da. Soll ich mitkommen?«
»Bitte.«
Die Schwedin geht mit großen Schritten auf die Haustür zu.
»Bleib da«, zischt Lina und meint den Jungen. »Ich komm wieder runter.«
Er zieht einen Flunsch, lehnt sich aber an den Stromverteilerkasten und nestelt ein Zigarettenpäckchen aus der Hosentasche.
Der Aufzug steht sogar im Erdgeschoss bereit, das Mädchen und die Frau steigen ein, drinnen riecht es nach Schweiß und abgestandenem Rauch. Iris Fuchs-Kleinschmidt rümpft die Nase. Dass es bis vor ein paar Tagen auch nach Leiche gerochen hat, erwähnt Lina nicht, denn die Leiche war ja die Mutter der Schwedin. Egal ob die ihre Mutter mochte oder nicht – als Leiche will sie sich ihre Mutter bestimmt nicht vorstellen.
Unterwegs hält der Lift im vierten und lässt sich auch durch Linas genervtes Dauerdrücken auf die Taste mit der 12 nicht zum Weiterfahren bewegen. Die Tür geht auf, und der alte Hippie steht davor, mit seinem zotteligen Hund an der Leine.
»He, ihr fahrt hoch? Ich will runter … was dagegen, wenn ich mitfahre?«
»Allerdings«, sagt die Fuchs-Tochter, »Ihr Hundevieh muss nicht auch noch hier rein!«
Hippie und Hundevieh schauen so belämmert wie treuherzig, und Lina muss sich das Lachen verkneifen. »Lauf halt«, sagt sie zu dem Mann und hört seine Antwort nicht mehr, weil die Tür sich wieder schließt.
»Unverschämt«, findet die Schwedin.
»Ihre Mutter mochte ihn«, sagt Lina, »Er hat ihr manchmal was aus dem Supermarkt mitgebracht.«
»Der?« Iris Fuchs-Kleinschmidt beißt sich auf die Lippen. »Hm. Wer ist denn noch so bei ihr ein- und ausgegangen? Außer dem Pflegedienst? Du und deine Mutter vielleicht?«
Lina ist irritiert. »Äh, nee. Also, wir nicht. Früher schon, da waren meine Schwestern und ich ab und zu bei ihr. Ist aber schon eine ganze Weile her.«
Der Aufzug hält mit einem Ruck im zwölften, die Frau und das Mädchen bleiben im Flur stehen und schauen sich an.
»Und? Ist deine Mutter da?«
Lina fragt sich, was die Schwedin von ihrer Mutter will.
»Keine Ahnung. Sie ist krank.« Klar weiß sie, dass ihre Mutter da ist. Aber die pennt und ist nicht vorzeigbar. Lina schließt die Wohnungstür auf und ruft halblaut »Mama?«, wohl ahnend, dass sie Schlaftabletten eingeworfen hat und nichts hört. »Nee, ist nicht da«, meldet sie deshalb ein paar Sekunden später.
Iris Fuchs-Kleinschmidt schaut zweifelnd und öffnet dann die Tür zur Wohnung ihrer Mutter.
»Komm rein«, sagt sie zu Lina, »und erzähl mir, was du weißt.«
Und so sitzen sie gleich darauf in Frau Fuchs’ Küche, bei weit geöffnetem Fenster, weil es immer noch komisch riecht. Die Tochter erfährt erst jetzt, dass es Lina war, die Sonjas PflegeEngel alarmiert hat, und dass Lina und Schwester Brigitte als Erste ihre tote Mutter entdeckten. Vom Foto im Internet ist ihr offenbar nichts bekannt, und darüber ist Lina mehr als erleichtert.
»Wer ist noch bei ihr ein- und ausgegangen?«, grübelt die Tochter und klopft mit den Fingern auf den noch von Krümeln übersäten Küchentisch ihrer Mutter. »Irgendjemand muss doch saubergemacht oder die Wäsche gewaschen haben. Der Pflegedienst war es nicht. Wenn ich Hilde gefragt habe, hat sie von einer Nachbarin gesprochen. Verstehst du? Das könnte deine Mutter sein.«
