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Anna Thalers große, dramatische Südtirol-Saga geht in den 50er Jahren weiter Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, doch Südtirol kommt nicht zur Ruhe. Immer noch sind die deutsche Sprache und Traditionen bedroht, die Menschen wünschen sich Autonomie und Anerkennung – einige greifen dafür sogar zu Gewalt. Franziskas Kinder gehören dagegen zu denjenigen, die im Tourismus die größten Chancen sehen, und treiben den Umbau des Hofes vom landwirtschaftlichen Betrieb zu einem Hotel weiter voran. Dabei kommt es nicht nur hinsichtlich der separatistischen Bestrebungen, sondern auch mit dem zurückgekehrten Onkel Leopold zu Konflikten, der sich als Patriarch des Hofes aufspielt. "Vergessene Geschichte, Nachwehen des Krieges und ein Berghof im plötzlich italienischen Südtirol - eine bezwingende Mischung für einen spannenden Roman." Hanna Caspian über "Das Land, von dem wir träumen" Die große Südtirol-Saga von Anna Thaler: 1. Das Land, von dem wir träumen 2. Der Duft von Erde nach dem Regen
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Seitenzahl: 396
Veröffentlichungsjahr: 2023
Anna Thaler
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Der Zweite Weltkrieg ist vorüber, doch Südtirol kommt nicht zur Ruhe. Immer noch sind die deutsche Sprache und die Traditionen bedroht, die Menschen wünschen sich Eigenständigkeit und Anerkennung – einige greifen dafür sogar zu Gewalt.
Zita und Hans, zwei der Kinder von Apfelbäuerin Franziska, gehören zu denjenigen, die im Tourismus die größten Chancen sehen. Mit ihrer Hilfe treibt Franziska den Umbau des Hofes zu einem Hotel weiter voran. Doch nicht nur hinsichtlich der Unabhängigkeitsbestrebungen kommt es zu Konflikten. Auch auf der Familie liegt ein dunkler Schatten, zu dem der aus dem Deutschen Reich zurückgekehrte Onkel Leopold kräftig beiträgt.
Widmung
Hinweis
Personen
Spätsommer 1945
1. Kapitel
Frühling 1954
2. Kapitel
3. Kapitel
Spätsommer 1954
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
Frühsommer 1955
7. Kapitel
8. Kapitel
Herbst 1955
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Winter–Frühling 1956
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
Jahresbeginn 1957
15. Kapitel
16. Kapitel
Sommer 1957
17. Kapitel
17. November 1957
18. Kapitel
19. Kapitel
Ausblick
Chronologie der bisherigen Ereignisse
Teil 1: Das Land, von dem wir träumen
Teil 2: Der Duft von Erde nach dem Regen
Danksagung
Für Priska,weil sie meine Geschichtenlebendiger macht
Dies ist der dritte Teil der Geschichte um die Familie von Franziska Leidinger, geborene Bruggmoser (Ponte), und ihren Apfelhof im Meraner Land. Ein chronologischer Überblick über die Ereignisse des ersten und zweiten Teils befindet sich am Ende des Buches.
Franziska Leidinger, geb. Bruggmoser, *1902, Hofbesitzerin
Wilhelm Leidinger *1894, Hofbesitzer
Tochter Felizitas (Zita) *1928
Sohn Johannes (Hans) *1930
Tochter Brigitte (Gitte) *1936
Wenzel IV., die Hofhündin (Berner Sennenhund)
Teresa Bruggmoser *1867, Franziskas Mutter
Leopold Bruggmoser *1889, Franziskas ältester Bruder
Celeste Bruggmoser, geb. di Luca, *1927, Leopolds Adoptivtochter
Jankó Weisz *1920
Slatan Weisz *1930
Maria Weisz *1922
Johanna Andergasser, geb. Pocol, *1911, Wirtin des Hotels Villa Rosenbaum
Gustav Andergasser *1912, Hotelwirt und Koch
Andreas Ponte *1898, Franziskas jüngster Bruder, und Wanda, geb. O’Reilley, *1904
Tochter Margaret (Maggie) *1926
Sohn Lawrence *1928
Neffe Justin O’Reilley *1930
Franzl Hinteregger, Tischler, Franziskas ehemaliger Schüler, und Liesl, seine Frau
Simon Wenger, Fleischhauer
Emilio Bellaboni, Obsthändler aus Ligurien
Hedwig Hofer, ehemals Wirtin des Schwarzen Adlers aus Lana und gute Seele der Schankwirtschaft
Agnes Oberleitner, Aushilfskellnerin
Stefan Gruber, Kaufmann in Meran
Doktor Johann Pircher, Hausarzt der Familie
Tommaso Vittorio, Rechtsanwalt aus Bozen
Rückkehr nach Hause
Mama, da sind Leute an der Tür. Ein alter Mann und eine Frau. Sie wollen hier wohnen, sagen sie.« Gitte hatte in der Tür innegehalten und schmiegte sich an den Türrahmen. Sie war unsicher, ob sie Ärger bekommen würde, falls sie es wagte, einen Schritt in das Gästezimmer zu machen.
Franziska strich das Oberbett glatt und zupfte das bereits perfekt sitzende Laken noch ein letztes Mal zurecht. »Hast du ihnen gesagt, dass alle Zimmer belegt sind?«
»Ja.« Die Antwort kam gedehnt.
Stöhnend legte Franziska eine Hand auf die Hüfte und richtete sich schwerfällig auf. Vor langer Zeit hatte sie bei einem Autounfall einen Bruch davongetragen, und bei jedem Wetterumschwung schmerzte es. Sie wandte sich ihrer jüngsten Tochter zu. Gitte sah sie aus großen dunklen Augen an und lutschte an Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand.
Franziska ging zu ihr, strich ihr übers braune Haar und gab ihr einen Klaps auf die Schulter. »Raus hier. Du weißt, dass du in den Gästezimmern nichts zu suchen hast. Wo sind denn diese Gäste? Wo ist Mutti, warum hast du sie nicht gerufen?« Sie schloss die Tür hinter sich.
»Weiß nicht.« Gitte warf die Hände in die Luft, wie ihre Großmutter das hin und wieder tat, wenn sie sich über etwas empörte.
»Na gut, das waren auch viele Fragen auf einmal. Wo ist deine Großmama?«
»Weiß nicht. Weg.«
»Und wo sind die Gäste?«
»Draußen.«
»Wer ist denn in der Schankstube?«
»Weiß nicht.«
Franziska gab auf. Sie packte Gitte an der Hand und zog sie die Treppe hinab bis in den Flur des Hauses, von dem die Schankstube und die Küche abgingen. Von draußen vor der Eingangstür hörte sie Stimmengewirr. Sie ließ ihre jüngste Tochter los und schickte sie mit einem Kuss auf den Scheitel zum Spielen. Gitte hopste davon.
Dann warf sie einen Blick in die Schankstube, in der tatsächlich niemand war, und dann in die Küche, die ebenfalls verwaist war. Blieb nur noch der Hof.
»Wo sind denn alle?«, murmelte Franziska bei sich. Sie trat ins Freie und hielt einen Moment inne, weil die strahlend helle Sommersonne sie blendete. Wie so oft in den letzten Tagen dachte sie, wie gut das Licht und die Wärme taten, nach all den Jahren und dem, was in ganz Europa geschehen war. Der Hof hatte die Kriegsjahre vollkommen unbeschadet überstanden, und seit ein paar Wochen kehrten die ersten Gäste der Saison ein, eher Geschäftsreisende oder Männer, die im Auftrag der Alliierten im Langs umherreisten, und noch spärlich, aber sie kamen. Für dieses Wochenende waren sie zum ersten Mal ausgebucht. Beinahe machte es den Eindruck, als würden sie endlich zu einer friedlichen Normalität zurückkehren.
Wären da nicht immer wieder die amerikanischen Soldaten in Uniform, die in kleinen Gruppen an den Tischen saßen.
Oder dieser abgerissene alte Mann, der sich auf eine junge dunkelhaarige Frau stützte. Beide trugen Kleidung, die diese Bezeichnung kaum noch verdiente, Löcher in den Hemden und der Rock der Frau mehrfach geflickt. Trotzdem löste sich der Saum bereits wieder auf. Sie standen beide abseits, links der Tür und in der Nähe des Tisches, an dem sich die Familienmitglieder und Angestellten des Hofes trafen oder Pause machten. Als wäre es ihnen peinlich, mit ihrer Erscheinung dieses oberflächliche Bild unschuldiger Sommerfrische zu stören.
Franziska trat näher, die Erklärung, dass sie keine Zimmer frei hätte und sie es woanders versuchen sollten, schon auf den Lippen. Da erkannte sie die junge Frau, die sie zuletzt als Zwölfjährige gesehen hatte.
Sie schlug die Hand vor den Mund. »Celeste! Bist du das?«
Und der Mann, das war doch … konnte das sein?
Die Angesprochene nickte trotzig. »Ja, Frau Leidinger, ich bin’s.«
»Mich erkennst du nicht?«, entfuhr es dem Mann. Die ersten beiden Worte klangen gallig, aber am Ende brach ihm die Stimme, als wäre er kurz davor, in Tränen auszubrechen.
»Doch, Poldl! Heilige Muttergottes. Wo kommt ihr denn her? Wo ist deine Mutter, Celeste?«
»Mausetot.« Sie sagte das sehr vorwurfsvoll, als wäre Rosemarie di Luca mit Absicht gestorben, um ihrer Tochter eins auszuwischen. Nein, verbesserte Franziska sich in Gedanken, nicht di Luca, sie hieß Bruggmoser – oder Ponte im Italienischen –, denn Leopold hatte sie geheiratet, kurz bevor er ins »gelobte« Land, Hitlers Deutsches Reich, ausgewandert war.
Celeste fasste Leopolds Arm fester und richtete ihn auf. Er wankte, doch er schaffte es, sich auf den Beinen zu halten. Franziska hatte Erbarmen. »Poldl, setz dich da an den Tisch. Du auch, Celeste, ich hole euch etwas zu trinken.«
Beide nickten. Jenseits des Hofes aus Richtung Hausweide sah Franziska ihre Mutter Teresa kommen, zwar mit bedächtigen Schritten, aber mit ihren siebenundsiebzig Jahren immer noch rüstig. Hinter ihr schleppte sich Wilhelm mit einem Korb ab, der vermutlich randvoll mit Gemüse war. Das erklärte, warum weder in der Schankstube noch in der Küche jemand war.
Statt die versprochenen Getränke zu holen, wartete Franziska, bis die beiden näher gekommen waren. Dabei musterte sie die unerwarteten Gäste aus den Augenwinkeln. Celeste war abgemagert, dürre Arme schauten aus der ärmellosen Bluse heraus, ihr dunkles Haar war strähnig, die Waden und Knie unter dem Rock kohlschwarz und voller Pusteln, vielleicht Floh- oder Wanzenstiche. Aber nach einem ordentlichen heißen Bad würde sie wieder manierlich aussehen.
Dagegen sah ihr Bruder nicht nur verwahrlost, sondern auch krank aus. Trotz des Schmutzes konnte Franziska sehen, dass seine Haut grau war, von rot geplatzten Adern durchzogen. Die Wangen waren eingefallen, sein früher immer dichter Bart wuchs nur noch in Büscheln. Auch auf dem Kopf wies er einige kahle Stellen auf, sonnenverbrannt und teilweise aufgeplatzt.
»Mutti, schauen Sie, wer hier ist«, rief Franziska den beiden entgegen.
Wilhelm reagierte nur mit einem Nicken und schleppte den Korb weiter ins Haus. Teresa trippelte dagegen näher, die Augen zu zwei schmalen Schlitzen verengt.
Leopold schaffte es wieder auf die Füße, wusste dann aber offenbar doch nicht, wie er seine Mutter begrüßen sollte, und verbeugte sich daher steif. »Grüß Gott, Mama.« Er streckte ihr ungelenk die Rechte entgegen.
Franziska bemerkte, dass an seiner Hand die letzten beiden Finger fehlten.
Teresa Bruggmoser richtete sich auf und starrte ihren Ältesten erstaunt an. »Poldl, dass es dich noch einmal hierher verschlägt.« Sie bekreuzigte sich.
Celeste war ebenfalls aufgestanden und hatte sich neben Leopold gestellt. »Wir brauchen eine Unterkunft«, erklärte sie resolut. »Aber das kleine Mädchen hat gesagt, es gäbe keine Zimmer.«
»Das ist richtig.« Franziska nickte. »Wir haben die Pension über die Kriegsjahre erweitert, aber wir sind ausgebucht.«
Leopold zog die Augenbrauen zusammen und machte eine Armbewegung, die die mäßig besuchte Gartenwirtschaft einbezog. »Gibt es wirklich Menschen, die Zeit und Geld zum Reisen besitzen?«
»Wohl kaum. Es sind überwiegend wichtige Herren, die mit organisatorischen Dingen in Meran zu tun haben, und einige wenige mitreisende Damen von Soldaten«, stellte Franziska richtig. »Aber so oder so habe ich keinen Platz für euch, so leid mir das tut.«
Leopold neigte den Kopf. Sein Blick verfinsterte sich. »Du konntest noch nie gut lügen. Das tut dir kein bisschen leid.«
Franziska ersparte sich eine Antwort. Teresa blickte verlegen zu Boden.
Die Situation schien zu einem Standbild zu gefrieren, doch da gab Celeste ihrem Stiefvater mit den Ellbogen einen Stoß in die Rippen.
Er zuckte zusammen, hob die Hand und ließ sie wieder sinken. »Und ihr habt ja recht. Hab zu viel Porzellan zerschlagen, was? Ich würde mich auch nicht aufnehmen. Ich hab nix, und ich tauge nicht einmal mehr zum Arbeiten.«
»Aber das ist deine Familie!«, fuhr Celeste ihn unvermittelt an. Franziska bemerkte beiläufig, dass sie ihn duzte. Aber das schien zwischen den beiden seine Richtigkeit zu haben. Hier in Südtirol galt das immer noch als sehr unhöflich, auch wenn diese Tradition allmählich bröckelte.
Leopold schüttelte den Kopf und schob Celestes Arm weg. »Lass es, Mädchen. Wir trinken ein wenig, und dann gehen wir.« Er schaute plötzlich auf, Franziska geradewegs in die Augen, dass sie Mühe hatte, unter diesem stechenden Blick nicht zurückzuweichen. »Nur … wenn du sie unterbringen könntest?« Er zeigte auf Celeste. »Sie kann arbeiten, so wie ihre Mutter früher.«
»Und du?«, entfuhr es Franziska.
Leopold zuckte mit den Achseln, senkte den Kopf und starrte wieder zu Boden.
Franziska gingen eine Menge Dinge durch den Kopf. Und es war bezeichnend, dass ihre Mutter, die alle ihre Kinder auf ihre Weise geliebt hatte, nicht für ihn eintrat. Leopold hatte wirklich zu viel verbrannte Erde hinterlassen, als er auswanderte. Er hatte Franziska denunziert, Wilhelm wie einen Leibeigenen behandelt und Celestes Mutter in sein Bett gezwungen, bevor er sie zur Heirat überredet hatte. Er war zu einem glühenden Anhänger des Naziregimes geworden, sah in Hitler einen Heilsbringer. Er hatte die Option gewählt, ein Versprechen an die Südtiroler, Land und Hof auf deutschem Boden zu erhalten, wenn sie auf die italienische Staatsangehörigkeit verzichteten und ins Deutsche Reich auswanderten. Leere Versprechungen, wie sich längst herausgestellt hatte.
Aber dennoch. Er war ein Teil der Familie.
Franziska gab sich einen Ruck. »Wir haben die kleinen Zimmer über dem Ziegenstall noch, wo Rosel und Wilhelm früher geschlafen haben. Die könnt ihr haben, erst einmal bis zum Herbst. Dann kommen Erntehelfer, für die brauchen wir die Zimmer. Aber das findet sich. Einverstanden?«
Celeste schossen Tränen in die Augen. Sie wischte sie mit einer fahrigen Armbewegung weg und knickste wortlos.
Und Leopold, der verbissene knurrige Leopold, fiel fassungslos zurück auf den Stuhl. »Danke«, sagte er heiser. »Danke, kleine Schwester. Franni.«
»Lass gut sein.« Eigentlich mochte Franziska es nicht, wenn er sie so nannte. Aber ausnahmsweise schien es angemessen.
Teresa Bruggmoser nickte beifällig, aus ihrer Miene ließ sich nicht erschließen, ob sie diese Entscheidung richtig fand oder verwundert über das Verhalten ihres ältesten Sohnes war.
Franziska sandte ein stummes Stoßgebet zum Himmel, dass sie ihre Gutmütigkeit nicht eines Tages wieder würde bereuen müssen.
Neun Jahre später
Schatten am Horizont
Warte. Hast du das gehört?«
»Da ist jemand, oder?«
»Leise!«
Franziska hörte ein Schaben hinter der Tür des Gastzimmers, vor dem sie gerade stand. Misstrauisch neigte sie den Kopf. Es war später Vormittag, die Pensionsgäste hatten längst gefrühstückt und ihre Zimmer verlassen. Und dieses war außerdem gar nicht vergeben. Aber sie hatte so eine Ahnung, wer darin war und flüsterte.
Sie stemmte den Wäschekorb mit den frischen Bettlaken gegen die Hüfte, räusperte sich laut und stampfte dann zwei Schritte lauter auf, bevor sie normal weiterging. Sie öffnete die Tür zum Gästezimmer schräg gegenüber und stellte den Korb aufs Bett. Sie schloss die Tür bis auf einen Spalt und lugte hindurch.
Nach einer kleinen Weile öffnete sich die Tür, hinter der sie Stimmen gehört hatte, und ein Kopf wurde hindurchgesteckt. Franziska verkniff sich ein Lächeln, während sie zugleich ein Schaudern überlief. Jedes Mal, wenn sie ihre älteste Tochter Zita sah, erblickte sie ihr jüngeres Ich, mit den gleichen blauen Augen und der energischen Kinnpartie. Die Haare waren ebenso dick, nur etwas heller, eher wie die ihres Vaters. Und Zita trug ihre Haare kinnlang und offen, so wie Johanna Andergasser. Als Franziska in Zitas Alter war, hatte sie die Haare meistens als langen Zopf um den Kopf gelegt, so tat sie es auch heute noch. Nur dass inzwischen das Grau im Dunkelblond überwog.
Zita schaute mehrmals den Flur hinauf und hinab, bevor sie vorsichtig hinaustrat. Ihr folgte Slatan Weisz auf dem Fuß. Die beiden huschten hintereinander bis zur Treppe und waren mit dem nächsten Herzschlag verschwunden.
Franziska biss sich auf die Unterlippe, um nicht triumphierend aufzulachen. Sie hatte es doch gewusst! Seit zwei Jahren durchlief Zita eine Verwandlung, sobald Jankó Weisz mit seiner Familie auf dem Hof ankam, um im Frühjahr bei Schnitt und Pflege der Bäume und im Herbst bei der Apfelernte zu helfen. Sie wurde fröhlicher, an manchen Tagen geradezu albern, und schaute häufiger in den Spiegel im Flur, wenn sie sich unbeobachtet fühlte. War die Erntezeit vorbei, wurde sie stiller und zog sich zurück. Im ersten Jahr hatte Franziska das auf den Abschied von einem warmen Sommer geschoben, der gerade den jungen Leuten einige unbeschwerte Abende unter ihresgleichen beschert hatte. Ab Oktober wurde es allgemein stiller auf dem Hof. Aber als sich Zitas Stimmungsschwankungen im darauffolgenden Frühjahr wiederholten, war Franziska sicher, dass einer der jungen Männer ihr den Kopf verdreht hatte.
Im Grunde war die Frage nur gewesen, welcher der zahllosen Brüder und Cousins von Familienoberhaupt Jankó Zitas Herz erobert hatte. Slatan also. Franziska mochte ihn. Er sah mit seinen kohlschwarzen Haaren und Augen sowie dem schiefen Grinsen gut aus, das zeigten die vielen Blicke der jungen Mädchen unter den Gästen. Dazu war er freundlich und zurückhaltend. Außerdem hatte er eine tiefe volle Singstimme, mit der er des Abends nach einem arbeitsreichen Erntetag den gesamten Hof samt Gästen verzauberte.
Franziska schloss die Zimmertür und begann, die Betten neu zu beziehen.
Die Weisz waren mit ihrem Tross längst weitergereist. Sie zogen durch den Norden Italiens, Österreich und Jugoslawien. Dabei fuhren sie einige feste Stationen an, darunter schon seit Ende der Dreißigerjahre Franziskas Hof, den Rest der Zeit suchten sie Arbeit auf Bauernhöfen, Jahrmärkten oder an Seehäfen.
Franziska konnte sich nicht ansatzweise vorstellen, solch ein unbeständiges Leben zu führen, aber wenn sie Maria, Jankós Schwester, hörte, wollte niemand von ihnen etwas anderes.
Traf das auch auf Slatan zu? Was hatte es zu bedeuten, dass er sich noch auf dem Hof befand und heimlich mit ihrer Tochter traf? Würde er hierbleiben, falls er und Zita sich füreinander entschieden? Oder sollte Zita mit auf die Reise gehen?
Ihr Mädchen ziehen lassen? Allein der Gedanke ließ Franziska mit einem Kopfkissenbezug in der Hand innehalten und schwer schlucken. Aber sie hatte sich geschworen, dem Glück ihrer Kinder niemals im Wege zu stehen. Sie sollten selbst über ihr Leben entscheiden, sowohl ihre beiden Töchter als auch ihr Sohn Hans. Das Leben selbst warf den Menschen immer wieder Knüppel zwischen die Beine, da musste die eigene Mutter es doch nicht noch schwerer machen.
Franziska zupfte die Daunendecken auf dem Doppelbett zurecht und schaute sich im Zimmer um. Es war bereits geputzt und gekehrt, nur das frische Bettzeug hatte noch gefehlt. Jetzt war alles bereit für die nächsten Gäste, die am Wochenende anreisen würden.
Sie verließ das Zimmer, schloss mit ihrem Generalschlüssel ab und ging ins Erdgeschoss. Die gebrauchten Laken stopfte sie in einen Wäschesack, der später von einem Hotelwäschedienst abgeholt würde. Früher hatte Franziska alles selbst gewaschen, bis Johanna sie davon überzeugt hatte, dass es mit einer zentralen Wäscherei einfacher war. Und sie hatte recht. So vieles wurde mit den Jahren immer besser.
Mit einem kurzen Blick in die Küche vergewisserte Franziska sich, dass Wilhelm noch nicht dort am Tisch saß. Sie musste sich einen Ruck geben, um zu ihrem gemeinsamen Schlafzimmer zu gehen, das sich immer noch in dem Raum befand, den ihre Eltern damals bewohnt hatten: hinter dem Büro, gegenüber dem ehemaligen Kuhstall und heutigen Tanzboden und Gesellschaftsraum.
Jeden Morgen fürchtete sie die erste Begegnung mit Wilhelm. Würde er sie erkennen? Oder befand er sich völlig in seiner eigenen Gedankenwelt?
Im Laufe des Tages wurde es meistens einfacher. Aber den Tag zu beginnen, das war unendlich schwer.
Sie trat bis an die Tür heran und klopfte, da sie damit rechnete, dass Gitte sich bei ihrem Vater befand. Und richtig, auf ihr Klopfen hin wurde geöffnet, und Gitte drückte sich durch den Spalt.
Franziska trat einen Schritt zurück. »Guten Morgen, Gitte. Du bist schon da.«
»Ich bin früh aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen. Da kann ich mich auch nützlich machen.« Sie lächelte schüchtern.
»Danke dir. Wie ist es?« Franziska bemerkte, dass ihre jüngere Tochter müde wirkte und dadurch jünger als die achtzehn Jahre, die sie gerade geworden war. Während Zita blond und hellhäutig war wie ihr Vater, hatte Gitte, genau wie ihr Bruder Hans, dunklere Haut, dunkelbraunes Haar und braune Augen unter dichten Brauen. Häufig dachte Franziska bei sich, dass sie beide eher für Leopolds Kinder durchgehen könnten. Zum Glück nur rein äußerlich.
Gitte zog die Schultern hoch. »Wie soll es schon sein? Na ja, heute ist eher ein schlechterer Tag, fürchte ich. Er wollte sich unbedingt selbst anziehen und sich nicht helfen lassen.«
Franziska nickte traurig und stellte sich innerlich auf die Begegnung mit Wilhelm ein – und heute einem Fremden. Sie ging in das Zimmer, etwas langsamer gefolgt von ihrer Tochter.
Wilhelm stand am Fenster und starrte konzentriert hinaus. Franziska trat neben ihn, ergriff wortlos seine Hand und blickte zu ihm auf. Er schien sie zu ignorieren, runzelte nur irritiert die Stirn. In den letzten zwei Jahren ließ er seine mächtigen Schultern hängen, und er ging weit nach vorn gebeugt, als läge ihm ein Gewicht im Nacken.
Dann drückte er Franziskas Hand. Ein kleiner Hoffnungsschimmer durchfuhr sie. War er heute doch anwesend? Er wandte sich in den Raum, sodass sie loslassen musste, weil er sie sonst herumgezogen hätte. Franziska sah, dass seine grüne Lodenweste über dem braunen Leinenhemd schief geknöpft war.
Gitte bemerkte ihre traurige Miene und nickte, als wollte sie deutlich machen, dass sie es ja gleich gesagt hatte.
Franziska gab sich einen Ruck. »Guten Morgen, Wilhelm.«
Er blieb mitten in der Bewegung stehen und schien sie zum ersten Mal wahrzunehmen. Dann legte er die Hand in den Nacken, eine vertraute Geste, die zeigte, dass er verlegen war.
»Guten Morgen, Franziska.« Er blinzelte verwirrt. »Gestern ist es spät geworden, oder nicht? Es ist ja schon helllichter Tag. Warum hat mich niemand geweckt?« Er bedachte Gitte mit einem tadelnden Blick.
Sie lächelte, sie kannte das bereits. »Das hast du dir verdient. Wir schaffen das alles prima.«
»Sind denn die Erntehelfer schon da?«
»Es ist Frühling, Tata.«
Er verzog den Mund. »Das weiß ich doch. Aber sie müssen die Bäume stutzen, oder nicht?«
Franziska schob ihn sanft vor sich her in Richtung Tür. »Das ist längst geschehen. Im Moment hilft nur noch beten, dass es keine zu heftigen Nachtfröste oder starken Regen gibt, der uns die Blüten von den Zweigen schlägt. Komm jetzt, du brauchst ein Frühstück.«
»Richtig. Und dann muss ich die Ziegen melken.«
Gitte schüttelte verzweifelt den Kopf. »Gehen wir in die Küche, Tata.«
»Selbstverständlich.« Er rieb sich die Hände und ging schwungvoll aus dem Schlafzimmer.
Gitte lief ihm nach. Franziska wurde warm ums Herz, weil ihre jüngste Tochter sich so gut um ihn kümmerte. Sie und Gitte hatten ein schwieriges Verhältnis zueinander, aber wenn es um Wilhelm ging, zogen sie an einem Strang.
In der Küche hatten Teresa Bruggmoser und Celeste mit den Vorbereitungen für den Mittagstisch begonnen. Inzwischen öffneten sie die Gastwirtschaft ganzjährig. Im Moment ging es ruhig zu, da die Reisezeit noch nicht richtig begonnen hatte, aber seit der Schwarze Adler in Lana im vorletzten Jahr abgebrannt war, kamen viele Einheimische zum Essen, sowohl mittags als auch abends.
Ein Krieg hatte die Familie Bruggmoser von der Nachbarschaft entzweit, ein zweiter hatte sie zum Teil wieder zusammengeführt. Leopold und Celeste waren in jenem Sommer nach Kriegsende zurückgekehrt und geblieben. Zu den Weggefährten von einst, der Tischlerfamilie Hinteregger oder dem Fleischhauer Simon Wenger, hatten sich neue gesellt. Auch Hedwig Hofer, die den Schwarzen Adler kurz vor dem Brand von ihrem Vater geerbt und dann festgestellt hatte, dass er hoch verschuldet gewesen war, kam als Kellnerin in die Wirtschaft und machte sich bald unentbehrlich.
Gitte hatte ihren Vater trotz dessen Protest, er müsse zu den Ziegen, an den Tisch gesetzt und ihm eine Schale mit gesüßtem Hirsebrei hingestellt. Was in Franziskas Augen nichts als klebrige Pampe war, aß Wilhelm mit dem größten Vergnügen.
Teresa Bruggmoser ließ die letzte geschälte Kartoffel in den mit Wasser gefüllten Topf plumpsen und wischte sich die nassen Hände an der Küchenschürze ab. Franziska ging zu ihr und bot ihr den Arm an. »Kommen Sie, Mutti, setzen Sie sich zu uns.« Franziska hatte ihren Kindern inzwischen erlaubt, sie und Wilhelm zu duzen, sie fand das »Sie« einfach nicht mehr zeitgemäß – was sie nicht davon abhielt, ihrerseits ihre Mutter immer noch zu siezen, wie sie es von Kindesbeinen an gewöhnt war.
Teresa Bruggmoser ignorierte den Arm, hielt sich aber mit einer Hand an der Anrichte fest und tippelte dann vorsichtig die wenigen Schritte bis zum Tisch, wo sie sich mit einem zufriedenen Seufzer auf einen Stuhl fallen ließ. Sie bemerkte, dass Wilhelm regungslos dasaß, und gab ihm einen Stups. »Du musst essen, Junge, na los doch! Oder willst du noch etwas Honig?«
Er blickte sie an, legte wieder die Hand in den Nacken. Plötzlich grinste er und senkte sofort verlegen den Kopf. »Sehr gerne, Frau Bruggmoser.«
»Wusste ich es doch.«
»Mutti, sitzen bleiben! Herrschaftszeiten.« Franziska brachte ein Glas Honig und einen Löffel an den Tisch. Gitte war zu Celeste gegangen und half ihr beim Gemüseputzen und -schneiden.
Franziska fragte die beiden, ob sie Hilfe benötigten, und setzte sich dann zu ihrer Mutter und Wilhelm an den Tisch.
Teresa Bruggmoser lächelte ihr aufmunternd zu. »Jetzt isst er, siehst du?«
»Besser ist es. Er ist ja nur noch Haut und Knochen.« Ihr fiel es schwer, Wilhelm anzusehen. Seine Wangen waren eingefallen und hohl, er war schlecht rasiert, weil er nicht zuließ, dass ihm jemand dabei half. Jedes Mal, wenn Franziska das Schaben des Rasiermessers hörte, überlief es sie eiskalt. Aber alle Männer im Haus hatten ihr versichert, dass diese Handgriffe gut gelernt waren. Erstaunlicherweise hatte vor allem Leopold sie beruhigt. Wilhelms Hände zitterten nicht, erklärte er, und Wilhelm hätte sich im Großen Krieg an der Front auch oft genug ohne Spiegel rasiert. Woher er das wusste, war Franziska schleierhaft. Sie hatte immer gedacht, dass Leopold und Wilhelm sich erst nach dem Krieg kennengelernt hatten, als Letzterer sich als Knecht bei ihrem Vater verdingt hatte. Aber dazu wollte Leopold nichts sagen, und Wilhelm konnte es nicht. Seine Erinnerungen an seine Zeit als Soldat waren zwar intakter als die an letzte Woche oder letzten Sommer, aber das bedeutete nicht, dass er auch auf konkrete Fragen antwortete. Meistens erzählte er dann irgendetwas oder setzte an und versank nach ein paar Sätzen in grüblerisches Schweigen.
»Meine liebe Franni, mach dir nicht solche Sorgen. Der Herr gibt und der Herr nimmt.« Teresa Bruggmoser schlug ein Kreuz und legte dann eine Hand auf den Arm ihrer Tochter.
Die Geste bewirkte das Gegenteil, völlig unvermutet stiegen ihr Tränen in die Augen. »Aber es sind die falschen, die Ihr feiner Herrgott auswählt, Mutti. Warum Wilhelm? Was hat er getan, dass er das verdient?« Sie wusste, dass ihre gläubige Mutter sie trösten wollte, aber sie bewirkte immer genau das Gegenteil, es machte sie wütend, weil sie sich so ausgeliefert fühlte.
»Für uns Menschen ist es nicht immer einfach, das zu verstehen. Dein Vater hatte den Krebs auch nicht verdient. Niemand hat das.« Teresa Bruggmoser schien die Unruhe ihrer Tochter zu spüren. Daher sparte sie sich wenigstens weitere salbungsvolle Worte, sondern drückte nur Franziskas Arm.
Celeste wandte sich um und schien etwas sagen zu wollen, schwieg jedoch. Sie legte das Küchenmesser zur Seite, wusch sich die Hände. Bevor sie den Raum verließ, bot Franziska ihr an, sich zu ihnen zu setzen, doch die junge Frau schüttelte wortlos den Kopf und ging hinaus.
Franziska wandte sich an ihre Mutter. »Ist etwas vorgefallen? Hat Poldl wieder etwas angestellt?«
»Nein, nicht, dass ich wüsste. Aber das Mädchen ist schon seit Tagen ganz still und in sich gekehrt. Sie geht auch seit zwei Wochen nicht mehr aus, so wie sonst üblich. Sie fährt mittags zu Johanna, um dort ihre Arbeit zu machen, und dann kommt sie am frühen Abend zurück.«
»Dass sie nicht ausgeht, ist mir auch schon aufgefallen. Ich hatte vermutet, dass sie sich mit einem Freund oder einer Freundin gestritten hat.« Franziska entschied, Zita danach zu fragen. Sie und Celeste waren zwar nur locker befreundet, aber meistens zogen sie doch zumindest an einem Abend am Wochenende gemeinsam los.
Wilhelm schob die leere Schüssel in die Mitte des Tisches und blickte Franziska mit wachen Augen an. »Alles brav aufgegessen. Und was liegt heute an diesem herrlichen Tag an, Franni? Meinst du, es wird warm genug, dass wir die Gartenwirtschaft aufdecken sollten?«
Sie lächelte, überrascht und dankbar für diesen Moment. »Du hast völlig recht, vielleicht fünf oder sechs Tische, falls schon ein paar Unerschrockene wandern oder spazieren kommen.«
»Gut, dann schaffen wir doch die Möbel aus dem Schuppen. Gitte, hilfst du mir?« Er stemmte sich mit den Fäusten auf den Tisch und erhob sich.
Franziska blieb mit ihrer Mutter allein zurück. Teresa Bruggmoser lächelte versonnen. Normalerweise würde sie jetzt eine Bemerkung in der Art machen, dass dieser lichte Augenblick ein Geschenk Gottes wäre. Aber sie wusste nur zu gut, dass ihre Tochter im Gegensatz zu ihr nicht daran glaubte.
Franziska war froh, dass sie nichts sagte. »Wo ist Ihr Stock, Mutti?«
»Ach, den brauche ich nicht.«
»Richtig, Sie sind ja erst sechsundachtzig, im besten Alter. Wieso vergesse ich das nur immer wieder?«
»Ich fühle mich nun einmal nicht so. Warum soll ich mich dann so verhalten?« Teresa Bruggmoser hob die Hände, runzelig und von Altersflecken übersät, in die Luft, drehte sie summend und wackelte dabei mit den Fingern, bis Franziska laut auflachte.
»Ist ja schon gut.«
Anfang März hatten sie ein Frühlingsfest auf dem Tanzboden ausgerichtet, und die alte Frau hatte noch einige Runden auf dem Parkett gedreht, zwar etwas steif in den Hüften, aber voller Begeisterung. Zwei Wochen später war sie jedoch beim Treppensteigen gestolpert und nur nicht gefallen, weil Leopold neben ihr ging und sie geistesgegenwärtig aufgefangen hatte. Seitdem hatte sie einen Stock bei sich, der noch ihrem Großvater gehört haben sollte. Sie tat zwar immer so, als brauchte sie ihn nicht, doch die ganze Familie hatte gelegentlich beobachtet, wie sie sich darauf stützte.
»Celeste nimmt mich heute Mittag mit nach Meran. Möchten Sie uns begleiten?«, fragte Franziska.
»Nein, lass nur. Ich wollte heute beim Kochen helfen. Halt, Franni, sag nichts. Diese Küche ist und bleibt mein Reich, solange ich aufrecht stehen kann.« Sie wedelte abwehrend mit der Hand.
»Ist recht.« Franziska ersparte sich weitere Ermahnungen, dass sie sich zwischendurch hinsetzen oder, noch besser, das Arbeiten bleiben lassen sollte, falls sie sich nicht stark genug fühlte. Das führte zu nichts.
Sie erhob sich und stellte Wilhelms Teller in das Spülbecken. Dann verabschiedete sie sich von ihrer Mutter und ging hinaus auf den Hof. Rechts neben der Haustür stand die Hundehütte, in der eine Berner Sennenhündin, Wenzel die IV., sich gerade erhob und auf ihr Frauchen zugetrottet kam.
Franziska beugte sich hinab, streichelte dem Hund den mächtigen braunschwarzen Kopf und wurde mit einem feuchten Schlecken belohnt. Ursprünglich hieß die Hündin Mirte, aber niemand konnte sich an den neuen Namen gewöhnen, vor allem Wilhelm nicht. So wurde sie, wie ihre drei männlichen Vorgänger, einfach Wenzel genannt.
Am Schuppen, dem einstigen Ziegenstall und jetzigen Lager für die Gartenmöbel, sah sie Wilhelm und Gitte Stühle abzählen. Da trat Leopold, der mit Celeste in zwei Zimmern im ersten Geschoss über dem Lager wohnte, hinaus. Was vor neun Jahren als Provisorium für die beiden begonnen hatte, war ein Dauerzustand geworden. Im ersten Herbst waren ihr Bruder und seine Adoptivtochter in ein freies Gästezimmer gezogen, aber noch im Winter hatte Franziska Franzl Hinteregger beauftragt, eine Baugenehmigung für den Ausbau der beiden Kammern über dem Schuppen zu beantragen. Es hatte Zeit und Nerven gekostet, aber nach fast zwei Jahren war eine Wohnung mit zwei kleinen Zimmern, einer Wohnküche und sogar einem Bad ausgebaut. Eigentlich hatte Franziska erwartet, dass ihr Bruder oder zumindest Celeste den Hof bald verlassen würde, um ein eigenes Leben zu führen, daher hatte sie geplant, eine Ferienwohnung daraus zu machen, um das Übernachtungsangebot zu erweitern. Aber sie hatte sich geirrt. Ihr Bruder und seine Adoptivtochter blieben. Des Weiteren hatte sie sich geschworen, Leopold sofort davonzujagen, falls er irgendetwas anstellte, aber die Zeit hatte ihn besänftigt. Er schwang keine großen Reden mehr, über politische Themen verlor er kein Wort. Wenn er abends hinter dem Tresen stand, behandelte er alle Gäste gleich höflich. Selbst trank er nicht einmal mehr Bier, schon gar keinen Schnaps – zumindest nicht, soweit Franziska wusste.
Jetzt erblickte Leopold Wilhelm und Gitte. Er zögerte nicht, sondern ging zu ihnen und begann, Stühle auf den Platz vor dem Hof zu tragen.
»Guten Morgen, Franni«, nuschelte er, als er auf gleicher Höhe mit ihr war. Er machte einen Ausfallschritt und umrundete Wenzel, die sich hinter Franziska hingelegt hatte, ihr Frauchen immer im Blick.
»Dir auch einen guten Morgen, Poldl.« Immer und immer nahm Franziska sich vor, ihm zu verzeihen und ihn zu behandeln wie alle anderen Familienmitglieder. Er mochte sich gebessert haben, aber das Misstrauen saß tief.
Als Kind, erinnerte sie sich, hatte sie einmal einen tiefen Stachel im kleinen Finger gehabt. Die Wunde eiterte, sodass ihr Vater sie damals hatte aufschneiden müssen, um den Stachel herauszuholen. Danach heilte sie, aber ein Stückchen dieses Stachels musste zurückgeblieben sein, sodass Franziska viele Jahre lang einen Druckschmerz verspürte, wenn sie mit dem Finger zupackte. Lange Zeit hatte sie auch befürchtet, dass es sich wieder entzünden könnte, aber das war nie passiert.
Genauso war es mit Leopold. Ein klein wenig von dem, was er ihr angetan hatte, war noch zu spüren. Und die Sorge, dass er doch noch einmal zu einem Schlag ausholte, die schwang immer mit. Da konnte Celeste noch so für ihn eintreten und beteuern, wie gut er sich um sie gekümmert hätte, nachdem ihre Mutter gestorben war. Franziska hatte eher den Verdacht, dass ihr Bruder das Mädchen so sehr von sich abhängig gemacht hatte, dass sie nicht anders konnte, als bei ihm zu bleiben. Aber vielleicht tat sie ihm unrecht.
Leopold ging zurück und trug anschließend mit Wilhelm einen Tisch. Celeste folgte ihnen mit Stühlen. Außer Hörweite sagte Leopold etwas und pfiff durch die Zähne. Wilhelm lachte laut auf.
Es klang unbeschwert.
Franziska wandte sich ab. Sie sollte froh und dankbar sein. Im Moment lief alles recht gut. Es war zwar schwer, mitzuerleben, wie Wilhelm sich zunehmend in seine eigene Welt zurückzog, aber es gab gute Tage, und noch war er im Großen und Ganzen beieinander. Ihre Mutter schien ewig leben zu wollen, war unverwüstlich. Hans studierte in München Biologie mit Schwerpunkt Botanik und träumte schon von der großen Revolution in Bezug auf den Apfelanbau. Zita hatte eine Ausbildung im Hotel Bristol in Meran gemacht und neue Ideen und noch mehr Schwung in die Pension gebracht. Nur Gitte ließ sich ein wenig treiben, würde in diesem Jahr die Schule mit der Matura beenden und wusste nicht, was sie danach tun wollte. Aber das würde sich finden, davon war Franziska überzeugt. So, wie sich immer alles fand.
Und vielleicht ließ sich genau deshalb, weil alles so sorglos schien, dieses Gefühl eines drohenden Unheils, des Schattens, den ihr Bruder ständig über ihr und Wilhelms Zuhause warf, einfach nicht vertreiben.
Franziska lachte leise auf. Da stand sie müßig auf dem Hof herum und schob im Geiste Gewitterwolken umher, dabei sollte sie sich längst darum kümmern, die Begrüßungskörbe mit Äpfeln, Apfelsaft und selbst hergestelltem Ringelblumentee in die Gästezimmer zu stellen.
Sie winkte Gitte zu, die zustimmend nickte. Sie würde ein Auge auf ihren Vater haben und vermutlich gleich mit ihm in die Werkstatt gehen. Früher hatte er viel repariert, inzwischen schnitzte er oder baute Holzstücke zu kleinen Kästen zusammen. Die vertrauten Handgriffe würden Wilhelm wieder ein wenig ablenken.
Leopold würde seinen Beschäftigungen nachgehen, von denen Franziska nichts wissen wollte, die sie aber auch nichts angingen. Er machte sich, mehr, als sie erwartet hatte, auf dem Hof nützlich, mal abends beim Ausschank, wenn viel zu tun war, mal mähte er den Rasen um die Hauskapelle. Hin und wieder kümmerte er sich um die Hühner, die in dem nagelneuen Stall lebten, der an der Hausweide erbaut worden war, auf der früher die Ziegen gestanden hatten. Die Hühner waren praktisch, sie machten nicht allzu viel Arbeit. Sie lieferten Eier, landeten irgendwann in der Suppe, wenn ihre Zeit gekommen war, und erfreuten die Gäste, insbesondere die Kinder, wenn sie tagsüber um die Tische herumstolzierten und nach Essenskrümeln pickten.
Franziska schloss die Tür zum Lager auf und packte vier Flaschen Apfelsaft in einen Korb. Wieder einmal dachte sie daran, wie hier früher die Ziegen gestanden hatten, nachdem die Kühe verkauft worden waren, und aus dem großen Stall ein Tanzboden wurde. Dort frühstückten allmorgendlich die Gäste, und regelmäßig wurde auch gefeiert und getanzt.
Ziegen gab es inzwischen gar keine mehr. Immer wieder dachte Franziska mit Zita darüber nach, einen kleinen Streichelzoo zu gründen. Ein oder zwei Esel, ein paar Ziegen oder Gänse, das würde sicher genau wie die Hühner gut ankommen, vor allem bei den Gästen aus den Großstädten. Für manche waren Katzen und Hunde die einzigen Tiere, die sie je gesehen hatten.
Ein paar Haflinger, mit denen sie Kutschfahrten anbieten konnten, würden die tierische Schar rund um Wenzel und das ständig wechselnde Rudel an Hofkatzen prima ergänzen.
Franziska ging zurück Richtung Haus. Gitte und Leopold hatten die letzten Stühle um die Tische verteilt, während Wilhelm, die Hände in die Hosentaschen vergraben, am Rand des Hofes stand und das Bergpanorama betrachtete. Als sie auf gleicher Höhe mit ihm war, wandte er sich ihr zu und breitete die Arme aus. »Schön, unsere Berge, oder?«
Franziska zögerte, sodass er auffordernd nickte. Seine Augen waren klar, er schaute sie direkt an. In diesem Moment war alles wie früher.
Sie trat näher und lehnte sich an ihn. Wilhelm legte ihr den Arm um die Schultern und streichelte sie sanft.
Die Berge waren beständig. Sie waren da, schon bevor vor Hunderten von Jahren Franziskas Vorfahren den Hof gebaut hatten und Wilhelms Ahnen das Gleiche in Bayern getan hatten. Sie hatten in diesem Jahrhundert zwei schreckliche Kriege überdauert, und wer konnte schon ahnen, was sie noch alles aushalten mussten. Aber diese massiven Wände aus grauem und schwarzem Gestein, die sanften, mit Lärchen und Kiefern bewaldeten Ausläufer würden auch noch sein, wenn von ihren Kinder nicht einmal mehr ein Staubkorn zurückgeblieben war, sich sogar niemand mehr an ihre Existenz erinnerte.
Und so war es doch immer, die Menschen brauchten beides, um zu überleben: Beständigkeit und Veränderung.
Besuch aus der Vergangenheit
Eher zufällig sah Johanna aus einem der Fenster zur Straße und wunderte sich über den älteren Mann in einem beigen Wintermantel mit Pelzbesatz und mit einer dicken Hornbrille, der unschlüssig vor dem Zugang zur Villa Rosenbaum stand und seinen Hut in den Händen knautschte. Grübelnd strich sie sich die frisch gefärbten dunkelbraunen Haare hinter die Ohren. Sie war sicher, dass sie ihn noch nie gesehen hatte, und dennoch wirkte er auf eine seltsame Weise vertraut.
Oder irrte sie sich? Er wandte sich mit sehr langsamen Bewegungen ab und setzte den Hut auf. Mit einem letzten Blick auf die beeindruckende Jugendstilvilla schlurfte er die Freiheitsstraße entlang.
Johanna überwältigte die Neugier. Dieser Mann suchte etwas, und das war kein Zimmer zum Übernachten. Sie rannte in den Flur, riss die Haustür auf und rief dem Mann hinterher: »Signore, werter Herr, kann ich Ihnen weiterhelfen? Posso aiutarla?«
Der Mann stockte mitten in der Bewegung. Johanna hatte das offen stehende Gartentor erreicht und verharrte dort. Nicht, dass er sonst noch dachte, sie wollte ihm etwas antun oder verdächtigte ihn, herumzuspionieren. Manche Menschen waren auch neun Jahre nach Kriegsende schreckhaft, besonders Männer, die im Krieg gedient hatten.
Der Fremde wandte sich ihr zu, nahm den Hut wieder ab, als wollte er grüßen, sagte jedoch nichts. Aus der Nähe erkannte Johanna, dass er viel älter war, als sie geglaubt hatte, sicherlich mindestens Mitte sechzig. Aber er hatte diesen Blick, das konnte sie sogar trotz der verzerrenden Brillengläser erkennen. »Kriegsblick«, hatte Franziska das genannt. Der Blick eines Mannes, der zu viel Grauen gesehen oder selbst hatte verüben müssen. Weil, wie Wilhelm so oft erklärt hatte, sie alle meistens irgendwann keine Wahl mehr hatten beziehungsweise nur diese eine: Töten und überleben oder sterben.
»Grüß Gott?«, sagte der Mann fragend.
Johanna setzte ein breites Lächeln auf und winkte ihn zu sich. »Sie sprechen Deutsch, richtig?«
»Ja. Scusi, ich kann kein Italienisch. Non parlare.« Er ging zwei, drei zögernde Schritte auf sie zu wie ein scheues Tier.
»Das macht doch nichts. Kommen Sie herein und trinken Sie einen Kaffee mit mir. Sie sehen aus, als suchen Sie etwas. Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen.«
Der Mann brummte und folgte ihr dann schweigend den Weg zurück an den Blumenrabatten vorbei, wo gelbe und weiße Narzissen mit roten Tulpen wetteiferten. Die Rosenbüsche nahe der gelb gestrichenen Hauswand waren mit Sackleinen verhüllt, denn des Nachts gab es immer noch Frost. Aber der Frühling kam in Riesenschritten.
Johanna half ihrem Gast aus dem Mantel, der aus der Nähe betrachtet ziemlich schäbig wirkte. An Ellbogen und Kragen zeugten Verschleißspuren von vielen Wintern. Darunter kam ein ordentlicher, aber nicht weniger abgenutzter grauer Anzug zum Vorschein.
»Hier entlang.« Johann ging voraus in einen großzügigen lichtdurchfluteten Raum mit Wintergarten, das Frühstückszimmer des Hotels mit Blick auf die große Terrasse und den dahinterliegenden Garten.
»Ich habe mich gar nicht vorgestellt, ich bin Johanna Andergasser, die Inhaberin der Villa Rosenbaum. Mit wem habe ich die Ehre?«
»Fuhrmann ist mein Name.« Er betonte das, als wäre ihm das peinlich. »Heinrich Fuhrmann aus Berlin – besser gesagt aus West-Berlin. Die Stadt ist ja seit dem Krieg geteilt, wie Sie vermutlich wissen. Nun, das ist vielleicht nicht so wichtig für Sie. Berlin also.«
Der Name weckte eine weit zurückliegende Erinnerung in Johannas Kopf. Aber sie kam nicht darauf, woran. Sie klatschte in die Hände. »Bitte setzen Sie sich dort an den runden Tisch im Wintergarten. Ich hole uns etwas zu trinken. Kaffee? Oder lieber einen Tee? Oder ein kaltes Wasser?«
»Das … ich …« Herr Fuhrmann senkte den Kopf. »Haben Sie etwa richtigen Kaffee? Aus gemahlenen Bohnen?«
»Aber ja.«
»Wenn ich dürfte?«
Johanna fasste ihn sanft am Ellbogen und schob ihn in Richtung des Tisches, den sie ihm gezeigt hatte. »Sie dürfen. Setzen Sie sich, ich bin gleich zurück.«
Sie verschwand in die angrenzende Küche, wo Sara, ihre Küchenhilfe, morgens das Frühstück für die Hotelgäste zubereitete. Tagsüber standen im Frühstücksraum ein Korb mit Äpfeln und Teller mit Keksen bereit sowie Apfelsaft und Wasser. Immer wieder dachte Johanna darüber nach, auch Kaffee in Thermoskannen anzubieten, aber sie fand, dass der Geschmack zu sehr litt, wenn der Kaffee zu lange stand. Lieber goss sie ihn frisch mit dem Porzellanfilter und heißem Wasser auf. Gegen eine moderne Maschine, die mit Druck brühte, wie Franziska sie schon seit den Dreißigern in der Schankwirtschaft stehen hatte, hätte sie auch nichts einzuwenden gehabt, aber dazu fehlte der Platz.
Während Johanna auf das Pfeifen des Wasserkessels wartete, holte sie den Apfelstrudel aus dem Kühlschrank, den der Bäcker Gamper ihr heute Morgen gebracht hatte. Sie schnitt ein großes Stück für ihren Gast sowie einen schmalen Streifen für sich ab und garnierte beide mit einer ordentlichen Portion frisch geschlagener Sahne. Franziska und Tante Teresa wollten heute Nachmittag kommen, aber alle beide würden ihr sicher nachsehen, wenn die Strudelstücke etwas kleiner ausfielen. Ihre Tante vertrug ohnehin keine Sahne mehr, es blieb immer so viel über, dass Gustav am Abend auch noch etwas abbekam.
Sie brachte erst die Kaffeekanne und die Tassen zum Tisch und wies Herrn Fuhrmann an, einzuschenken. Dann servierte sie den Kuchen und setzte sich.
»Das soll ich alles essen?«, fragte er ungläubig.
»Greifen Sie zu. Sie sind natürlich eingeladen, nicht, dass Sie mich missverstehen. Sie sehen aus, als könnten Sie es brauchen.«
Kopfschüttelnd führte er eine volle Gabel zum Mund und schloss dann verzückt die Augen. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen das danken soll.«
Lächelnd winkte Johanna ab. »Ein Anfang wäre es doch, wenn Sie mir erzählen würden, wonach Sie Ausschau gehalten haben. Ich habe Sie eine ganze Weile vor der Villa stehen sehen. Ein Zimmer wollten Sie nicht anmieten, oder?«
»Ich fürchte, das könnte ich mir nicht leisten.«
Johanna nickte. Das hatte sie bereits geahnt. Das Hotel Villa Rosenbaum hatte sich in den wenigen Jahren nach Kriegsende bereits einen Namen unter den führenden Häusern Merans gemacht. Ganz aktuell hatten Johanna und Gustav einen Antrag auf einen Kredit gestellt, mit dem sie das Haus vergrößern wollten. Es ging nicht nur um das Angebot von Halb- oder Vollpension. Ein Restaurant, in dem er auf hohem Niveau kochen konnte, war Gustavs großer Traum. Und für Johanna sprach nichts dagegen, diesen zu unterstützen. Sie hatten sehr viel Glück gehabt und ihre Chancen fleißig genutzt. Aber ihr war schon klar, dass das Angebot, das sie geschaffen hatten, längst nicht für alle Reisenden erschwinglich war.
Geduldig – mehr oder weniger, denn sie hatte Mühe, ihre Neugier in Zaum zu halten – wartete sie, bis Herr Fuhrmann seinen Apfelstrudel aufgegessen und auch das letzte Tröpfchen Sahne vom Teller gekratzt hatte. Beinahe erwartete sie, dass er den Teller nehmen und ablecken würde. Sie hätte es ihm nicht einmal übel genommen.
Er blickte sie schüchtern an. »Warum schmunzeln Sie?«
»Oh, nichts Besonderes. Es ist schön zu sehen, wie es Ihnen schmeckt.«
»Ja, das hat es. Ich habe seit Langem nicht mehr so etwas Gutes gegessen. In Berlin … also auch in Deutschland geht es bergauf, ohne Frage. Und wir alle hatten schreckliche Jahre, oder nicht? Nun, für mich gibt es keinen Platz mehr, keine Möglichkeiten.« Seine Stimme verlor sich. Dann straffte er die Schultern und richtete sich auf. »Aber damit will ich Sie überhaupt nicht langweilen. Ich bin tatsächlich auf der Suche nach jemandem. Dieses Haus hat einmal einer jüdischen Familie gehört, ist das richtig? Aaron Rosenbaum?«
Johanna spürte einen Stich in der Brust, als sie den Namen hörte. Mechanisch fasste sie sich an den Anhänger, den sie an einer Kette um den Hals trug, ein in ein Gespinst aus Golddrähten gefasstes schneeweißes Stückchen Dolomit. Leah Rosenbaums Abschiedsgeschenk. Nur wenige Tage vor dem Überfall Hitlers auf Polen legte ihr Schiff in Portugal ab.
Sie wurde gewahr, dass Herr Fuhrmann sie noch immer anblickte. »Das Haus hat Leah und Aaron Rosenbaum gehört, das ist richtig. Sie sind beide nach Amerika ausgewandert, Aaron mit dem Sohn Rafael bereits Ende 38, Leah ist ihnen im Jahr darauf im September kurz vor Kriegsbeginn gefolgt.«
Er schloss die Augen und atmete tief durch, sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, die Johanna nicht deuten konnte. Er wirkte, als würde er entweder anfangen, hysterisch zu lachen oder zu weinen.
Sie neigte den Kopf. Allmählich ahnte sie, wen sie vor sich hatte.
»Das ist eine Nachricht, wie ich sie mir erhofft hatte, Frau Andergasser.« Er öffnete die Augen und sah sie an, schämte sich nicht seiner Tränen, die ihm jetzt plötzlich über die Wangen liefen. »Das heißt, sie haben überlebt. Sie haben diesen Wahnsinn überstanden.«
»Sie kennen Aaron aus Berlin.«
»Ich war Richter am Gericht in Berlin. Ich habe ihn einige Tage nach dieser sogenannten Reichskristallnacht das letzte Mal gesehen und ihm geraten, Europa zu verlassen. Ich fürchtete um sein Leben, mehr als er selbst, möchte ich meinen. Weil er viel zu oft an das Gute glaubte.«
»Sie haben ihm das Leben gerettet!«
»So weit würde ich nicht gehen.«
»Doch, Aaron war davon überzeugt. Ich kenne die Geschichte. Diese Bestien haben versucht, ihn zu blenden. Ohne Sie hätten sie ihn erschlagen. Sie haben ihn sogar einige Zeit versteckt.«
»Nur ein paar Tage, bis ich dachte, dass er sicher reisen könnte.« Herr Fuhrmann zuckte mit den Schultern. Dann zog er ein sorgfältig zusammengelegtes Stofftaschentuch aus der Hosentasche und tupfte sich die Wangen trocken.
»Er ist mir nichts schuldig, bitte verstehen Sie das nicht falsch. Ich habe lange gezögert, mich zu melden. Weil ich Angst hatte, dass er und seine Familie es nicht geschafft haben könnten. Wie so viele. Aber auch, weil ich nicht wollte, dass er glaubt, ich würde eine … Belohnung erwarten.« Er blickte auf. »Die schönste Belohnung ist, zu wissen, dass es ihm und seiner Familie gut geht.«
Erneut zog sich etwas in Johannas Brust schmerzhaft zusammen. »Das wiederum wissen wir nicht«, sagte sie zögernd und fuhr nach seinem fragenden Blick fort: »Wir haben den Kontakt verloren. Aaron hat bis Ende der Vierzigerjahre in New York als Justiziar bei einer Reederei gearbeitet. Anfang der Fünfziger hat Leah mir geschrieben, dass sie beabsichtigen, weiter nach Westen zu ziehen. Wenn Sie möchten, können Sie diesen Brief auch lesen. Danach haben wir leider nie wieder etwas von ihnen gehört.« Sie lächelte aufmunternd. »Aber die Hölle Europas ist ihnen erspart geblieben, dessen können Sie sicher sein.«
»Das ist gut.« Herr Fuhrmann führte nachdenklich seine Kaffeetasse zum Mund. »Sehr gut. So eine Erleichterung.«
»Wie ist es Ihnen denn ergangen? Aaron meinte, dass Sie möglicherweise auch in Gefahr gewesen wären, wenn sich herausgestellt hätte, dass Sie einem Juden geholfen haben.«
»Ach, nicht nur das. Ich war in früheren Jahren Mitglied der SPD
