Wenn eine Fee einen Schutzengel braucht - Patricia Vandenberg - E-Book

Wenn eine Fee einen Schutzengel braucht E-Book

Patricia Vandenberg

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Beschreibung

Nun gibt es eine Sonderausgabe – Dr. Norden Extra Dr. Norden ist die erfolgreichste Arztromanserie Deutschlands, und das schon seit Jahrzehnten. Mehr als 1.000 Romane wurden bereits geschrieben. Für Dr. Norden ist kein Mensch nur ein 'Fall', er sieht immer den ganzen Menschen in seinem Patienten. Er gibt nicht auf, wenn er auf schwierige Fälle stößt, bei denen kein sichtbarer Erfolg der Heilung zu erkennen ist. Immer an seiner Seite ist seine Frau Fee, selbst eine großartige Ärztin, die ihn mit feinem, häufig detektivischem Spürsinn unterstützt. Auf sie kann er sich immer verlassen, wenn es darum geht zu helfen. »Na, was haben wir denn da?« Gerade noch rechtzeitig entdeckte Niklas Jebsen ein kleines Schokoladenosterei in seiner Tasse. Er fischte es heraus und legte es auf den dritten Teller am Tisch, ehe er sich Kaffee einschenkte. »Das ist Elsie vorige Woche wohl entgangen.« »Vermutlich werden wir das ganze Jahr über immer wieder Eier finden, so gut wie sie der Osterhase diesmal versteckt hat.« Verschlafen strich sich Annalisa eine aschblonde Haarsträhne aus dem Gesicht und beobachtete ihren Mann dabei, wie er sich einen Toast mit Butter bestrich. Sie selbst be-gnügte sich so früh am Morgen mit einer Tasse Kaffee und frühstückte gewöhnlich erst später gemeinsam mit der siebenjährigen Elsa. »Ist doch schön. Dann haben wir noch länger was davon.« Niklas zuckte mit den Schultern und biß herzhaft in seinen Buttertoast. »Diese Feste gehen eh immer so schnell vorbei. Bald wird Elsie zu groß für den Osterhasen sein. Selbst an der Existenz des Christkindes hat sie schon ihre Zweifel«, sagte er bedauernd. Annalisa wußte nur zu genau, worauf Niklas anspielte. Er hatte sich immer ein zweites Kind gewünscht, doch sie erinnerte sich lebhaft daran, wie schwierig die erste Schwangerschaft gewesen war, und so wich sie verlegen aus. »So lange die Kinder deiner Schwester Betty so klein sind, wird Elsa auch noch an Nikolaus und Christkind glauben. Schließlich tun wir alles, um ihr diese Illusion nicht zu nehmen.« »Natürlich. Trotzdem vergeht die Zeit zu schnell.

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Seitenzahl: 136

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Dr. Norden Extra – 153 –Wenn eine Fee einen Schutzengel braucht

Unveröffentlichter Roman

Patricia Vandenberg

»Na, was haben wir denn da?« Gerade noch rechtzeitig entdeckte Niklas Jebsen ein kleines Schokoladenosterei in seiner Tasse. Er fischte es heraus und legte es auf den dritten Teller am Tisch, ehe er sich Kaffee einschenkte. »Das ist Elsie vorige Woche wohl entgangen.«

»Vermutlich werden wir das ganze Jahr über immer wieder Eier finden, so gut wie sie der Osterhase diesmal versteckt hat.«

Verschlafen strich sich Annalisa eine aschblonde Haarsträhne aus dem Gesicht und beobachtete ihren Mann dabei, wie er sich einen Toast mit Butter bestrich. Sie selbst be-gnügte sich so früh am Morgen mit einer Tasse Kaffee und frühstückte gewöhnlich erst später gemeinsam mit der siebenjährigen Elsa.

»Ist doch schön. Dann haben wir noch länger was davon.« Niklas zuckte mit den Schultern und biß herzhaft in seinen Buttertoast. »Diese Feste gehen eh immer so schnell vorbei. Bald wird Elsie zu groß für den Osterhasen sein. Selbst an der Existenz des Christkindes hat sie schon ihre Zweifel«, sagte er bedauernd.

Annalisa wußte nur zu genau, worauf Niklas anspielte. Er hatte sich immer ein zweites Kind gewünscht, doch sie erinnerte sich lebhaft daran, wie schwierig die erste Schwangerschaft gewesen war, und so wich sie verlegen aus.

»So lange die Kinder deiner Schwester Betty so klein sind, wird Elsa auch noch an Nikolaus und Christkind glauben. Schließlich tun wir alles, um ihr diese Illusion nicht zu nehmen.«

»Natürlich. Trotzdem vergeht die Zeit zu schnell. Ich hätte das alles gern noch ein zweites Mal erlebt«, gab Niklas vorsichtig zu. Nach vielen Diskussionen wußte er um die Empfindlichkeit seiner Frau, wenn es um das Thema zweites Kind ging.

»Warum können wir unser Glück nicht einfach so genießen, wie es ist?« erwiderte Annalisa ungewöhnlich sanft. »Elsa ist gesund und fröhlich, und wir führen nach so vielen gemeinsamen Jahren immer noch eine nahezu perfekte Ehe. Was könnten wir uns noch mehr wünschen?«

»Wahrscheinlich hast du wie immer recht, meine kleine Fee«, gab sich Niklas für diesen Morgen geschlagen und erhob sich seufzend. Liebend gern wäre er noch länger an dem großen, weiß gebeizten Holztisch sitzen geblieben, hätte den Blick auf den üppig blühenden Garten genossen und mit seiner bezaubernden Frau über Kinder, Osterhasen und mehr diskutiert. »Die Pflicht ruft. Gib meinem Elfchen einen Kuß von mir, ja?« versicherte er sich, während er nach seiner schwarzen Aktentasche griff.

»Natürlich. Ich wünsch’ dir einen schönen Tag, mein Brummbärchen.« Liebevoll zog Lissi ihn an sich und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf den Mund, ehe sie ihn so wie sie war, barfuß und nur mit einem Morgenmantel bekleidet, an die Tür begleitete. Lange stand Annalisa versonnen an den Türrahmen gelehnt und schaute Niklas nach, der längst verschwunden war und genoß die kühle Frische des gerade erst erwachten Morgens. Doch dann erinnerte sie sich daran, Elsa zu wecken, die ja zur Schule mußte, und schloß die Tür mit einem entschiedenen Ruck.

Immer noch barfuß stieg sie die knarrenden Stufen hinauf in den ersten Stock und öffnete leise die weiß gelackte Tür zum Zimmer ihrer Tochter.

»Elsa-Mäuschen, aufstehen«, flüsterte sie liebevoll und strich dem schlafenden Kind eine blonde Haarsträhne aus der Stirn. Dabei erschrak sie heftig. »Um Gottes Willen, du bist ja ganz heiß.«

Elsa regte sich stöhnend und blinzelte verschlafen.

»Mama, mein Kopf tut so weh. Und mein Hals ist ganz kratzig.«

»Armes Elfchen. Aber das kommt davon, wenn man nicht auf die Mama hört und beim ersten Sonnenstrahl barfuß durch die Wiese hüpft.«

»Du gehst doch auch immer barfuß.« So krank war Elsa nicht, daß sie nicht hätte widersprechen können.

Lissi lachte belustigt auf. Ihre Tochter war noch nie auf den Mund gefallen und ließ sich nicht so leicht beeindrucken. Sie würde einmal eine starke Persönlichkeit werden.

»Eins zu null für dich. Jetzt mache ich dir eine Tasse Tee und rufe dann bei Dr. Norden an. Vielleicht hat er Zeit, vor der Praxis schnell auf einen Sprung vorbeizuschauen.«

»Dr. Norden ist nett.« Elsa lächelte zufrieden. »Dann darf ich heute zu Hause bleiben?«

»Gern sehe ich es ja nicht, wenn du nach den Osterferien gleich fehlst, aber es läßt sich wohl nicht ändern.« Annalisa seufzte ergeben. »Hauptsache, du wirst schnell wieder gesund. Und die Hausaufgaben wird dir bestimmt deine Freundin Sina vorbeibringen.«

Sie erhob sich von der Bettkante, zog die zart gemusterten Vorhänge zur Seite, so daß die Sonnenstrahlen durch die Blätter des Kirschbaumes auf den hellen Teppichboden fielen und ein lustiges Muster darauf malten. Mit einem zärtlichen Lächeln auf ihre Tochter, die sich unter ihrer Bettdecke verkrochen hatte, verließ sie das Zimmer und sprang leichtfüßig die Treppe hinunter, um sich an die Erledigung ihrer unvermuteten Aufgaben zu machen.

*

Die Familie Norden saß gerade in trauter Runde am Frühstückstisch, als das Telefon klingelte.

»Ich geh’ schon ran!« rief Anneka und war mit einem Satz aufgesprungen. Neuerdings telefonierte sie leidenschaftlich gern und freute sich über jeden Anruf, auch wenn er, wie dieses Mal, nicht für sie war. »Papi, für dich!« erklärte sie munter und ließ sich wieder auf ihren Stuhl fallen, um ihr Frühstück zu beenden.

Daniel übernahm den Hörer und meldete sich.

»Norden, guten Morgen.«

»Das reimt sich ja«, kicherte Dési belustigt, doch Fee ermahnte sie mit einem strengen Blick, ruhig zu sein.

»Frau Jebsen, natürlich kann ich vor meiner Sprechstunde kurz vorbeikommen. Ihr Haus liegt ja quasi auf dem Weg«, erklärte Daniel nach einer kurzen Pause. »Ich bin gleich bei Ihnen.« Mit einem Gruß beendete er das Telefonat und schaute auf die interessierten Gesichter, die ihn nicht aus den Augen ließen.

»Wer ist denn Frau Jebsen?« erkundigte sich Jan, der fünfjährige Zwillingsbruder von Dési interessiert. »Warum ruft sie denn schon so früh an? Ist sie krank?«

»Da sag’ noch einer, Mädchen sind neugierig!« Anneka warf ihrem kleinen Bruder einen belustigten Blick zu.

»Annalisa Jebsen kennst du doch, Jan«, erklärte Fee daraufhin geduldig. »Wir haben sie neulich mit ihrer Tochter Elsa im Schuhgeschäft getroffen.«

»Ach ja. Die Elsa ist total nett und hat so eine coole Jeansjacke angehabt«, erinnerte sich Dési begeistert. »So eine will ich auch mal haben, wenn ich größer bin.«

Felix, der zweitälteste Sohn der Familie, lächelte gönnerhaft. »Bis

du soweit bist, ist das total unmodern.«

Dési zog eine Schnute, konnte aber nichts mehr darauf erwidern, denn ihr Papi erhob sich gerade vom Tisch, ein untrügliches Zeichen für den Aufbruch.

»Elsa ist krank, sie hat Fieber und Halsschmerzen. Ich fahre jetzt mal besser, damit ich nicht zu spät in die Praxis komme.« Er küßte seine Frau liebevoll zum Abschied, die noch am Tisch saß. Es war noch früh am Morgen und sie konnte noch in Ruhe eine zweite Tasse Tee trinken.

»Kommst du heute zum Mittagessen nach Hause?« erkundigte sie sich, während sie sich einschenkte.

»Mal sehen. Ich fürchte, viele Leute sind der Versuchung genau wie Elsa Jebsen erlegen und haben sich zu leicht bekleidet nach draußen gewagt. Deshalb ist um diese Jahreszeit die Zahl der Erkältungskrankheiten immer höher als im Winter und das Wartezimmer entsprechend voll.« Er lächelte schulterzuckend.

»Dann ruf einfach an.« Fee winkte ihm zu, als er mit den Zwillingen im Schlepptau das Eßzimmer verließ, um sie wie fast jeden Morgen in die Vorschule zu bringen, ehe er einen Abstecher zu Familie Jebsen machte.

Staunend ging Daniel Norden durch die frühlingshafte Blütenpracht auf das Haus von Annalisa und Niklas Jebsen zu. Er war schon öfter hiergewesen, doch noch nie war ihm aufgefallen, wie zauberhaft der Garten gestaltet war.

»Das ist ja traumhaft schön hier«, rief er Lissi zu, die ihn bereits an der geöffneten Tür erwartete.

»Nicht wahr?« Sie lachte unbekümmert. »Aber glauben Sie mir, es hat Jahre gedauert, bis endlich alles so wächst, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn mein Schwager Heiko mich nicht immer beruhigt und zur Geduld ermahnt hätte, sähe es hier vermutlich ganz anders aus.«

»Was hat denn Ihr Schwager damit zu tun?« erkundigte sich Daniel, der inzwischen an der Tür angelangt war und Annalisa die Hand zum Gruß reichte.

»Heiko ist Gärtner. Ohne einen Fachmann hätte ich das hier nicht geschafft. Aber ich bin unhöflich. Da bitte ich Sie schon am frühen Morgen hierher und halte Sie dann von der Arbeit ab.«

»Soviel Zeit muß sein«, winkte Daniel ab. »Meine Frau wäre begeistert von diesem Anblick«, kam er noch einmal kurz auf das Thema zurück, ehe er eintrat. »Wo ist denn unser Sorgenkind?«

»Oben im Bett. Elsa ist heute mit Fieber und Halsschmerzen aufgewacht. Sie wissen ja, wie schnell sich bei ihr aus einer harmlosen Erkältung eine hartnäckige Bronchitis entwickelt. Deshalb habe ich Sie gleich angerufen.«

»Lieber zu früh als ein paar Tage zu spät.« Inzwischen war er hinter Lissi die knarrenden Treppen hinaufgestiegen und stand jetzt neben dem verschnörkelten Eisenbett des Mädchens. »Guten Morgen, Elsa. Das Aufwachen war heute wohl nicht so schön, was?«

»Mama hätte mich nur schlafen lassen müssen«, entgegnete sie schlagfertig und zwinkerte ihrer Mutter schelmisch zu.

»So schlecht kann es dir gar nicht gehen, wenn du so frech sein kannst. Mach mal den Mund auf«, befahl Daniel unbeeindruckt. Er kannte Elsa, seit sie ein Baby war. Jede Vorsorgeuntersuchung hatte er durchgeführt und die eine oder andere Kinderkrankheit behandelt. So war es kein Wunder, daß zwischen dem Arzt und seiner kleinen Patientin ein vertrauensvolles Verhältnis herrschte. Er wußte nur zu gut, daß ihre kessen Sprüche keineswegs böse gemeint waren. Ohne Widerrede machte Elsa den Mund auf. Mit einem Holzspatel drückte Daniel ihre Zunge herunter und betrachtete den geröteten Rachen. Dann hörte er Brust und Rücken ab. »Hast du auch Husten?«

»Nein, aber es kratzt und kitzelt so gräßlich im Hals.«

»Das ist kein Wunder, so rot wie er ist. Aber die Lunge ist frei. Wie hoch ist das Fieber?« wandte sich Daniel an Lissi, die die Untersuchung schweigend beobachtete.

»Ehrlich gesagt, habe ich noch gar nicht gemessen«, lächelte sie entschuldigend. »Was nützt es denn auch, wenn ich es genau weiß?«

»In dieser Hinsicht waren Sie ja noch nie sehr ängstlich. Das ist mir lieber als diese übervorsichtigen Mütter, die die Kinder alle fünf Minuten mit dem Thermometer piesacken, statt sie schlafen zu lassen. Fieber hat schließlich noch keinem ansonsten gesunden Kind geschadet.«

»Außerdem ist Fiebermessen genauso scheußlich wie krank sein«, begehrte Elsa auf.

Dr. Norden lächelte ihr zu, während er die Hand auf ihre Stirn legte. »Mehr als achtunddreißig fünf sind es bestimmt nicht.«

»Ist das viel?« erkundigte sich das Mädchen heiser.

»Gerade soviel, daß du wahrscheinlich bald ordentlich müde bist, um dich gesund zu schlafen. Dann kann deine Mama gehen und die Medikamente aus der Apotheke holen.«

»Das kann sie auch so. Ich habe keine Angst, wenn ich allein daheim bin.«

»Ganz die Mama, was?« Daniel lächelte, als er sich jetzt erhob. »Dein Papa hat sicher manchmal ganz schön zu kämpfen mit euch beiden selbstbewußten Frauen.«

»Mama sagt immer, das hat er sich selbst ausgesucht. Schließlich wollte er sie zur Frau und hat sich dann ganz arg eine Tochter gewünscht.«

»Vielleicht hat er gehofft, daß das Töchterchen nicht ganz so vorlaut ist wie die Mutter«, bemerkte Annalisa nicht ohne Selbstironie und begleitete Daniel Norden hinaus. »Normalerweise ist Elfchen nicht so frech«, entschuldigte sie sich. »Es ist nicht immer leicht, ein Einzelkind so zu erziehen, als würde es mit Geschwistern aufwachsen.«

»Aber in Ihrer Familie gibt es doch noch mehr Kinder«, wandte Daniel ein. »Wenn ich nicht irre, hat die Schwester Ihres Mannes zwei.«

»Das schon, und wir sehen uns auch oft. Trotzdem ist es etwas anderes. Wenn wir abends nach Hause kommen, ist Elsa wieder die Kronprinzessin. Das weiß sie natürlich und nützt ihre Position entsprechend aus.«

»Und wie steht es mit weiterem Nachwuchs?«

»Sie erinnern sich doch sicher an die Probleme, die wir mit dem Kinderkriegen haben«, gab Lissi zu bedenken.

»Stimmt, das hatte ich ganz vergessen.«

»Macht nichts, Sie können ja nicht alles im Kopf haben«, beruhigte Annalisa ihn. »Aber so einem Druck könnte ich nicht noch einmal standhalten. Dann doch lieber nur ein Kind, das gesund und ein bißchen zu selbstsicher ist.«

»Das gibt es nicht. Früher oder später wird das Leben Elsa die Flügel schon noch auf die richtige Länge zurechtstutzen«, erklärte Daniel. »Hier ist das Rezept. Jetzt muß ich mich leider verabschieden, obwohl ich gern noch länger mit Ihnen plaudern würde. Meine Patienten werden sonst noch böse mit mir.«

»Das wollen wir an diesem schönen Morgen unter allen Umständen vermeiden«, lächelte Annalisa freundlich. »Vielen Dank für Ihren Besuch. Ich werde mich bei Gelegenheit mit einem schönen Familienfoto revanchieren.«

»Auf dieses Angebot komme ich mit Sicherheit zurück«, rief Daniel schon im Weggehen. Er winkte noch einmal und ging dann zurück zu seinem Wagen, um die eigentliche Arbeit des Tages zu beginnen. Wendy wartete sicher schon ungeduldig auf ihn.

*

Gut gelaunt betrat Niklas Jebsen an diesem Morgen sein Büro. Er hatte einen guten Posten als Computerfachmann und ein schönes Büro und eine persönliche Sekretärin. Voller Elan warf er die Aktentasche auf den Schreibtisch, öffnete das Fenster, um ordentlich zu lüften und ließ sich dann auf seinen Stuhl fallen. Auf seinem Tisch stapelten sich einige Unterlagen, die er an diesem Tag bearbeiten mußte. Eine Mappe nach der anderen nahm er zur Hand, um sie nach ihrer Wichtigkeit zu ordnen. Dabei summte er fröhlich. Seine leise Wehmut, die er während des Gesprächs mit seiner Frau Lissi verspürt hatte, war inzwischen einer fröhlichen Zufriedenheit gewichen. Denn natürlich hatte seine Annalisa recht. Was konnte er sich noch mehr wünschen als eine gesunde Tochter, eine wunderschöne Frau, mit der er seit Jahren eine glückliche Beziehung führte und eine ausfüllende Arbeit, die er mit großem Erfolg und zur größten Zufriedenheit seines Arbeitgebers erledigte?

Das war nicht immer so gewesen.

Während Niklas die Unterlagen durchschaute, wanderten seine Gedanken zurück in die Zeit, als sich Annalisa und er dazu entschlossen hatten, nach langen Jahren der Gemeinsamkeit zu heiraten und eine Familie mit vielen Kindern zu gründen. Doch so sehr sie auch hofften, der ersehnte Nachwuchs wollte sich einfach nicht einstellen. Zuerst nahmen es beide mit Humor, doch nach und nach wuchs der Druck. Die Stimmung unter den Eheleuten litt erheblich. Nachdem es trotz eigener Berechnungen immer noch nicht klappen wollte, hatte sich Annalisa auf Anraten von Daniel Norden in die ärztliche Obhut von Dr. Hans-Georg Leitner begeben.

Auch Niklas sollte sich untersuchen lassen, aber dieser Gedanke war ihm mehr als unangenehm, so daß er die Prozedur immer wieder hinausschob. Seine Taktik sollte sich im Nachhinein als die richtige entpuppen, denn offenbar hatte es tatsächlich an Annalisa gelegen, die ihm noch während der Behandlung bei Dr. Leitner strahlend eröffnete, endlich schwanger zu sein.

Die Jahre, die dann folgten, zählte Niklas zu den schönsten seines Lebens. Elsa wurde geboren und Heiko, sein jüngerer Bruder, mit dem ihn trotz des Altersunterschiedes von fünf Jahren eine brüderliche Freundschaft verband, wurde Taufpate. Viele fröhliche Feste wurden im Hause Jebsen gefeiert. Elsa wuchs als glückliches, geliebtes Kind heran, umsorgt von den Eltern, Großeltern, Tanten und nicht zuletzt dem fürsorglichen Onkel Heiko. Nachdem die ersten anstrengenden Jahre vorüber waren, begann sich Niklas nach einem weiteren Kind zu sehnen, doch Lissi hatte ihre Arbeit als Fotografin wieder aufgenommen und wehrte sich hartnäckig. So sehr Niko sie auch bedrängte, sie ließ sich nicht erweichen, und er fügte sich schließlich widerwillig. Bei dem Gedanken daran entwich ihm auch jetzt wieder ein abgrundtiefer Seufzer, aber er ließ sich die Stimmung davon nicht verderben, sondern dachte lieber an den für diesen Abend geplanten Biergartenausflug.

»Guten Morgen, Niklas.« Die Sekretärin Marion Stamp riß ihn aus seinen Gedanken, und er zuckte deutlich zusammen, als sie ihn ansprach.

»Ach, Sie sind es, Marion. Ich habe Sie gar nicht gehört.«

»Die Tür war nur angelehnt. Nachdem Sie auf mein Klopfen nicht reagiert haben, bin ich einfach hereingekommen. Ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt.« Ihr mütterliches rundes Gesicht blickte besorgt drein.

»Keine Bange, das halte ich schon aus. So schwach ist mein Herz noch nicht«, lachte Niklas.

»Da bin ich aber beruhigt.« Sie kam ein paar Schritte näher und legte einen Papierstapel auf den Tisch. »Bis ich Ihnen den Kaffee bringe, können Sie sich schon mal mit der Post vergnügen. Es ist ziemlich viel Arbeit dabei.«

»Und ich dachte, ich kann heute gemütlich die Beine hochlegen«, scherzte Niklas.

»Daraus wird wohl nichts. Aber ich habe ein kleines Trostpflaster für Sie. Die Einladung liegt obenauf.«

»Welche Einladung?«

»Wird nicht verraten!« Frau Stamp lächelte vielsagend und ließ Niko allein, um die obligatorische Tasse Kaffee für ihn zu holen.