Wenn jede Hoffnung schwindet - Jenny Pergelt - E-Book

Wenn jede Hoffnung schwindet E-Book

Jenny Pergelt

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Beschreibung

Jenny Behnisch, die Leiterin der gleichnamigen Klinik, kann einfach nicht mehr. Sie weiß, dass nur einer berufen ist, die Klinik in Zukunft mit seinem umfassenden, exzellenten Wissen zu lenken: Dr. Daniel Norden! So kommt eine neue große Herausforderung auf den sympathischen, begnadeten Mediziner zu. Das Gute an dieser neuen Entwicklung: Dr. Nordens eigene, bestens etablierte Praxis kann ab sofort Sohn Dr. Danny Norden in Eigenregie weiterführen. Die Familie Norden startet in eine neue Epoche! Dirk Freese drückte kurz auf die Hupe und verabschiedete sich so von dem Bauherrn, der noch mit seiner Familie und den Freunden zusammensaß und das Richtfest ausklingen ließ. Nach diesem langen Arbeitstag war Dirk rechtschaffen müde, aber auch sehr zufrieden. Auf den Baustellen, für die er zuständig war, lief alles rund. Zumindest im Augenblick. Dass das nicht immer so war, wusste er aus eigener, oft leidvoller Erfahrung. Er hatte in den letzten vier Jahren schon so manchen Bau erlebt, wo eine Katastrophe die andere jagte und nichts so war, wie es sein sollte. Manchmal trugen die Baufirmen die Schuld daran, ein anderes Mal lag es an widrigen Umständen, für die niemand konnte und die sich nicht vorhersagen ließen. Für Dirk gehörte Ricarda Blohm zu diesen widrigen Umständen. Sie hatte die Baugesellschaft, für die Dirk seit seinem Abschluss als Bauingenieur arbeitete, mit der Fertigstellung ihres Hauses beauftragt. Es versprach wunderschön und auch recht extravagant zu werden – so extravagant wie die Bauherrin. Ricarda Blohm gehörte nicht zu Dirks Lieblingskunden. Sie war anspruchsvoll und hatte ständig neue, ausgefallenere Ideen. Immer wieder kam es zu Verzögerungen, weil Ricarda plötzlich ihre Meinung änderte und mit Sonderwünschen in der Tür stand. So wie heute. »Die Blohm ist da.« Lothar, Dirks bester Freund und Kollege, fing ihn auf dem Flur ab, als er in die Firma kam. Er wies mit dem Kopf zum kleinen Besprechungszimmer. »Sie wartet seit einer halben Stunde auf dich.« »Schon wieder?«, brummte Dirk genervt.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Chefarzt Dr. Norden – 1189 –Wenn jede Hoffnung schwindet

Fee und Daniel bangen um ihren Sohn

Jenny Pergelt

Dirk Freese drückte kurz auf die Hupe und verabschiedete sich so von dem Bauherrn, der noch mit seiner Familie und den Freunden zusammensaß und das Richtfest ausklingen ließ.

Nach diesem langen Arbeitstag war Dirk rechtschaffen müde, aber auch sehr zufrieden. Auf den Baustellen, für die er zuständig war, lief alles rund. Zumindest im Augenblick. Dass das nicht immer so war, wusste er aus eigener, oft leidvoller Erfahrung. Er hatte in den letzten vier Jahren schon so manchen Bau erlebt, wo eine Katastrophe die andere jagte und nichts so war, wie es sein sollte. Manchmal trugen die Baufirmen die Schuld daran, ein anderes Mal lag es an widrigen Umständen, für die niemand konnte und die sich nicht vorhersagen ließen.

Für Dirk gehörte Ricarda Blohm zu diesen widrigen Umständen. Sie hatte die Baugesellschaft, für die Dirk seit seinem Abschluss als Bauingenieur arbeitete, mit der Fertigstellung ihres Hauses beauftragt. Es versprach wunderschön und auch recht extravagant zu werden – so extravagant wie die Bauherrin.

Ricarda Blohm gehörte nicht zu Dirks Lieblingskunden. Sie war anspruchsvoll und hatte ständig neue, ausgefallenere Ideen. Immer wieder kam es zu Verzögerungen, weil Ricarda plötzlich ihre Meinung änderte und mit Sonderwünschen in der Tür stand. So wie heute.

»Die Blohm ist da.« Lothar, Dirks bester Freund und Kollege, fing ihn auf dem Flur ab, als er in die Firma kam.

Er wies mit dem Kopf zum kleinen Besprechungszimmer. »Sie wartet seit einer halben Stunde auf dich.«

»Schon wieder?«, brummte Dirk genervt. »Was will sie denn diesmal?«

»Das hat sie mir nicht gesagt. Aber man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass ihr wieder irgendwelche genialen Änderungen vorschweben.«

»Das ist schon das dritte Mal in dieser Woche. Und immer taucht sie genau dann auf, wenn ich Feierabend machen will.«

»Du bist echt zu bedauern.« Lothar klopfte ihm mitfühlend auf die Schulter. »Aber du hast es ja bald geschafft. Denk einfach daran, dass du dich in drei Wochen in deine Flitterwochen verabschieden darfst. Dann müssen wir uns mit ihr rumschlagen, und du kannst dich von ihr erholen.«

»Das habe ich dann auch bitter nötig.«

Dirk ging zuerst in sein Büro, um Ricardas Bauunterlagen zu holen. Hoffentlich hatte Ricarda heute nur ein kleines Anliegen, das sich schnell und unproblematisch umsetzen ließ.

»Na endlich, Herr Freese!« Die elegante Rothaarige in den Vierzigern sah ihm empört entgegen. »Ich warte hier schon eine Ewigkeit auf Sie!«

»Tut mir leid, Frau Blohm. Wenn wir vorher einen Termin gemacht hätten, wäre das sicher nicht passiert.« Dirk klang freundlich, obwohl es ihm Mühe bereitete. Demonstrativ blickte er auf seine Uhr. »Ohnehin ist es jetzt schon recht spät …«

»Ich weiß, wie spät es ist«, unterbrach ihn Ricarda kühl. »Mir wäre es auch lieber, ich würde hier nicht mehr sitzen. Wir könnten schon längst fertig sein, wenn Sie nur etwas früher gekommen wären.«

Ricarda schlug den Ordner auf, der vor ihr auf dem Tisch lag. Hätte sie ihrem Bauleiter einen Blick gegönnt, wäre ihr die Verärgerung, die sich kurz in seinen Augen zeigte, nicht entgangen. Doch Dirk hatte sich schnell wieder im Griff, und von seiner Verstimmung war nichts zu spüren, als er sich zu Ricarda an den Tisch setzte.

»Ich habe gestern Abend noch einmal über alles nachgedacht«, begann Ricarda in einem freundlichen Plauderton. »Und da sind mir ein paar Sachen aufgefallen, die unbedingt geändert werden müssen.«

Ein paar Sachen? Der Zettel, den Ricarda in ihrer Hand hielt, war dicht beschrieben, und Dirk wäre am liebsten aus dem Raum gerannt. Nicht nur, weil sein Feierabend in immer weitere Ferne rückte. Ihn erwartete zudem die zermürbende Aufgabe, der Kundin die meisten Wünsche wieder auszureden.

»Wir werden sehen, was wir machen können, aber Sie wissen ja, dass die Bauarbeiten schon weit fortgeschritten sind. Jetzt noch etwas zu ändern, dürfte schwierig werden.«

Diesen Einwand wischte Ricarda mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. »Ach, Herr Freese, ich bin mir sicher, dass Sie das mit ein bisschen gutem Willen und persönlichem Engagement hinbekommen. Schließlich soll doch alles perfekt werden. Man baut sich ja nicht jeden Tag ein Haus.«

»Natürlich nicht. Ich werde sehen, was ich machen kann.«

In den nächsten beiden Stunden tat Dirk sein Bestes, damit Ricarda als zufriedene Kundin nach Hause fahren konnte. Als endlich die Tür hinter ihr ins Schloss fiel und sie mit ihrem Auto davonraste, war es fast acht, und hinter Dirk lag ein anstrengender Zwölfstundendienst. Mit leerem Bauch und einem schmerzenden Kopf machte er schließlich Feierabend.

Seine Stimmung besserte sich, als er zu Hause ankam und die Wohnung betrat. Er lächelte, als er die Tür aufschloss und ihm ein köstlicher Duft entgegenströmte. Anja hatte gekocht, und Dirks Magen machte sich sofort mit einem ungeduldigen, lauten Knurren bemerkbar. Doch dann hörte Dirk, dass Anja im Wohnzimmer telefonierte und die Vorfreude auf einen ungestörten Abend mit seiner Verlobten bekam einen deutlichen Dämpfer.

Er ging zu ihr und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Anja sah kurz auf und flüsterte lautlos: »Tina. Fünf Minuten.« Dann vertiefte sie sich wieder in ihr Gespräch und vergaß ihn. Ihr Versprechen, das Telefonat bald zu beenden, nahm Dirk nicht ernst. Wenn Anja mit ihrer besten Freundin telefonierte, vergingen auch mal ein oder zwei Stunden.

Wie immer ging es bei dem Telefonat um die Hochzeit. Seit der Termin feststand, gab es keine anderen Themen mehr. Alles drehte sich nur noch um Brautkleid, Schuhe, Krawatte oder Fliege, Ringe, Gästeliste, Sektempfang, Menü …

Dirk hätte nie erwartet, dass eine Hochzeitsplanung so nervenaufreibend sein könnte.

Für seinen Geschmack war der Aufwand, den Anja hier betrieb, viel zu hoch. Sie plante alles bis ins kleinste Detail, grübelte dann Tag und Nacht über ihre Entscheidungen und verwarf sie am Ende ­wieder, um von vorne zu beginnen. ­Im Vergleich dazu war Ricarda Blohms Unentschlossenheit ja beinahe harmlos.

Dirk sank auf die Couch, legte den Kopf nach hinten auf die Lehne und schloss die Augen. Er versuchte, Anjas Stimme auszublenden, aber immer wieder drangen Satzfetzen zu ihm durch. Gerade ging es um ihre Frisur und den Haarschmuck. Perlenbesetzte Kämme, Spangen mit Strass, Stirnbänder oder doch lieber eine Tiara …

Dirk fühlte sich zu ausgelaugt und erschöpft, um das länger ertragen zu können. Als er merkte, wie Anspannung und Verdruss zunahmen, stand er auf und verschwand im Bad, um zu duschen. Vielleicht fühlte er sich anschließend etwas besser, und vielleicht hatte Anja dann auch endlich ihr Telefonat beendet.

Nach einer Viertelstunde kam Dirk zurück, doch er drehte sofort wieder um, als er hörte, wie Anja über Hochsteckfrisuren sprach. Schlecht gelaunt ging er ins Schlafzimmer hinüber. Er warf sich aufs Bett, starrte missmutig an die Decke und wünschte sich sein altes Leben ohne Hochzeitsstress und langatmige Diskussionen über alberne Details zurück. Seit Monaten dauerte dieses Theater nun schon an, und in den letzten Wochen war es besonders schlimm geworden. Anja fokussierte sich nur noch auf diese verdammte Hochzeit und …

Dirk erschrak. Wann war denn aus ihrer Traumhochzeit eine ›verdammte Hochzeit‹ geworden? Wollte er diese Hochzeit etwa nicht mehr? Fieberhaft suchte er nach einer Antwort. Er liebte Anja, da gab es keine Zweifel. Und er wollte sie auch heiraten, sonst wäre er nicht vor ihr auf die Knie gefallen, um ihr einen Antrag zu machen. Doch warum war er dann so gereizt und missgestimmt, sobald Anja die Hochzeit bis ins letzte Detail plante?

Noch während er darüber nachdachte, nickte er ein.

»Schläfst du etwa?«

Anjas Frage ließ ihn hochfahren. Verschlafen brummte er: »Kein Wunder, wenn du stundenlang telefonierst.«

»Übertreib nicht so«, kam es fröhlich von ihr zurück. Sie sprang zu ihm aufs Bett und setzte sich ans Kopfende. In ihrer Hand hielt sie einen Aktenordner, und Dirk musste sofort an Ricarda Blohm denken. Anja wurde seiner schlimmsten Kundin wirklich immer ähnlicher.

»Wir müssen unbedingt über den Fotografen sprechen«, sagte sie und tippte aufgeregt mit dem Stift auf einen Punkt auf ihrer Liste.

»Welcher Fotograf?«, fragte Dirk konsterniert zurück. »Seit wann haben wir denn einen Fotografen?«

»Wir haben keinen! Genau das ist es ja! Was haben wir uns nur dabei gedacht, diesen Posten zu vergessen?«

Dirk stöhnte. »Wir haben uns gedacht, dass wir keinen Fotografen brauchen, weil dein Bruder eine tolle Kamera besitzt und sich angeboten hat, die Bilder zu machen!«

»Das weiß ich doch. Und es ist auch ganz lieb von Ralf, dass er sich darum kümmern will. Aber wäre es nicht besser, wenn wir da einen Profi ranlassen? Dann haben wir die Garantie, dass die Fotos auch wirklich perfekt sind.«

»Müssen sie das denn sein? Warum können wir es nicht so lassen, wie es ist?«

»Weil es anders besser wäre!« Anja pustete ungeduldig eine vorwitzige dunkle Locke aus der Stirn. »Komm schon, Dirk! Wir reden hier von unserer Hochzeit und nicht von einer gemütlichen Gartenparty. Für unseren besonderen Tag sollten wir uns unbedingt einen richtigen Fotografen leisten.«

»Wie du meinst.« Dirk gähnte laut und hätte sich am liebsten umgedreht und weitergeschlafen. Aber dagegen wehrte sich sein hungriger Magen mit einem lautstarken Protest, und Dirk gab notgedrungen nach. »Lass uns endlich essen«, sagte er und quälte sich aus dem Bett. »Ich bin am Verhungern.«

»Und was ist nun mit dem Fotografen?«, ließ Anja nicht locker, als sie ihm in die Küche folgte.

»Mach, was du für richtig hältst. Ich würde bei unserem ursprünglichen Plan bleiben und das Angebot deines Bruders annehmen. Aber wenn du unbedingt einen Profi haben willst, soll es mir auch recht sein. Allerdings musst du es dann übernehmen, Ralf abzusagen. Ich halte mich da raus.«

»Das machst du ja immer«, maulte Anja.

»Schön wär’s«, murmelte Dirk so leise, dass Anja ihn nicht hören konnte. Er wollte jetzt keine endlosen Diskussionen über Hochzeitsbilder oder Blumenschmuck führen. Er wollte nur noch seine Ruhe haben und den Feierabend genießen.

*

»Frau Dr. Norden!«

Fee Norden, die gerade ihren Einkauf in den Kofferraum ihres Wagens legte, sah auf, als sie ihren Namen hörte.

»Frau Käding! Wie schön, Sie mal wiederzusehen!« Fee streckte der Frau eine Hand entgegen, besann sich dann aber anders und zog sie einfach in eine Umarmung, die herzlich erwidert wurde. »Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht gesehen«, stellte sie mit echtem Bedauern fest.

»Ein paar Jahre wird’s wohl her sein. Früher, als unsere Buben noch zusammen zur Schule gingen, sind wir uns regelmäßig über den Weg gelaufen und haben dann immer etwas Zeit für ein kleines Schwätzchen gefunden. Ach, wie ich das manchmal vermisse.«

»Mir geht’s nicht anders«, erwiderte Fee und meinte es auch so. Mit einer großen Familie und ihrer Tätigkeit als Leiterin der Pädiatrie an der Behnisch-Klinik kannte sie keine Langeweile. Trotzdem fehlten ihr manchmal diese kleinen netten Plaudereien, bei denen sie sich damals über die Lehrer und vor allem über die Kinder ausgetauscht hatten.

Spontan machte Fee den Vorschlag, sich gleich auf einen Kaffee zusammenzusetzen, und Heidi sagte sofort zu.

Wenig später plauderten sie in dem kleinen Backshop, der zum Einkaufscenter gehörte, über vergangene Zeiten und waren dabei auch schnell bei den Kindern angelangt. Felix, der zweitälteste Sohn der Nordens, hatte zusammen mit Ralf Käding das Abitur gemacht. Fee wollte jetzt natürlich wissen, was aus dem Sohn der Kädings geworden ist.

»Er ist inzwischen verheiratet, hat zwei süße Kinder und eine liebenswerte Frau«, berichtete Heidi mit unverkennbarem mütterlichem Stolz. »Leider wohnen sie nicht mehr in München. Vor zwei Jahren sind sie wegen der Arbeit nach Stuttgart gezogen.«

»Stuttgart ist zum Glück nicht aus der Welt«, erwiderte Fee schnell, weil sie das Gefühl hatte, etwas Tröstendes sagen zu müssen.

»Ja, da haben Sie recht, und ich möchte auch gar nicht jammern. Es hätte uns wahrlich schlimmer treffen können.« An wen Heidi Käding bei diesen Worten dachte, verriet der mitleidsvolle Blick, mit dem sie Fee bedachte. »Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie oft Ihr Felix und unser Ralf zusammensaßen und Pläne schmiedeten«, fuhr sie fort. »Sie wollten unbedingt gemeinsam die Welt erobern und fremde Länder erkunden. Zum Glück ändern sich Pläne, sonst wäre unser Ralf jetzt auch ständig unterwegs - so wie Ihr Sohn.« Heidi brach ab. Es war ihr plötzlich unangenehm, dieses Thema angesprochen zu haben.

»Felix ist zurzeit in Südamerika«, sagte Fee, als würde es sie nicht schmerzen, darüber zu sprechen. Ihr wurde in solchen Augenblicken jedoch immer bewusst, wie sehr sie ihren Sohn vermisste. Felix Norden führte ein unstetes Leben. Er ließ sich den Wind um die Nase wehen und bereiste die halbe Welt. Es gefiel ihm, unterwegs zu sein und ein freies, unabhängiges Leben zu führen. Er kannte kein Heimweh und schien nicht zu wissen, wie groß die Sehnsucht seiner Mutter nach ihrem rastlosen Kind war. Fee vermisste ihn so sehr, dass ihr schon weh ums Herz wurde, wenn sie nur an ihn dachte. Trotzdem schaffte sie ein Lächeln, als sie weitersprach: »Ihn hält es nicht lange an einem Ort. Momentan ist er in Brasilien unterwegs. Wie es danach weitergeht, steht noch völlig in den Sternen.«

»Brasilien?«, rief Heidi überrascht aus. »Das ist ja ein Zufall! Anja und Dirk werden ihre Flitterwochen dort verbringen!«

»Anja? Ihre Tochter? Sie heiratet?«

»Ja, in drei Wochen. Dirk, ihr Verlobter, ist ein feiner, junger Mann. Die beiden sind sehr verliebt und passen wunderbar zusammen, obwohl …« Heidi blickte sich hastig um, bevor sie leiser werdend weitersprach: »… obwohl ich mir in letzter Zeit doch ein wenig Sorgen mache. Die Hochzeit kommt nämlich etwas schnell, wenn man bedenkt, dass sie erst ein halbes Jahr zusammen sind. Mir persönlich wäre es ja lieber gewesen, wenn sie damit noch gewartet hätten.«

»Ein halbes Jahr ist wirklich nicht sehr lang, um sich richtig kennenzulernen. Aber andererseits ist den beiden das ewige Liebesglück auch dann nicht sicher, wenn sie sich erst nach vielen gemeinsamen Jahren das Ja-Wort geben würden.«