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**Gefühlschaos im Rampenlicht** Becca lebt ihren Traum: Sie hat nicht nur die Casting Show »Searching for a Star« gewonnen, sondern wird auch ein Weihnachtsduett mit dem begehrten Superstar Norman Moon aufnehmen. Besser könnte der Start ihrer Gesangskarriere nicht laufen. Doch der gefeierte Musiker scheint nur wenig Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihr zu haben. Als er jedoch plötzlich sein Verhalten bei der gemeinsamen Promo-Tour um 180 Grad ändert und Becca sogar hinter den Kulissen immer näher kommt, muss sie höllisch aufpassen, sich nicht Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Denn sie wird das Gefühl nicht los, dass mehr hinter dem sonst so unnahbaren Musiker stecken könnte … Finde die Liebe im hart umkämpften Show Business voller Lügen und Intrigen. //»Wenn Sterne sich berühren« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Impress
Die Macht der Gefühle
Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.
Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.
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Susanne Münch
Wenn Sterne sich berühren
**Gefühlschaos im Rampenlicht**Becca lebt ihren Traum: Sie hat nicht nur die Casting Show »Searching for a Star« gewonnen, sondern wird auch ein Weihnachtsduett mit dem begehrten Superstar Norman Moon aufnehmen. Besser könnte der Start ihrer Gesangskarriere nicht laufen. Doch der gefeierte Musiker scheint nur wenig Interesse an einer Zusammenarbeit mit ihr zu haben. Als er jedoch plötzlich sein Verhalten bei der gemeinsamen Promo-Tour um 180 Grad ändert und Becca sogar hinter den Kulissen immer näher kommt, muss sie höllisch aufpassen, sich nicht Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Denn sie wird das Gefühl nicht los, dass mehr hinter dem sonst so unnahbaren Musiker stecken könnte …
Buch lesen
Vita
Danksagung
© privat
Susanne Münch wurde 1985 in Frankfurt am Main geboren und lebt seit der Schulzeit in Südhessen. Bereits früh entdeckte sie die Freude am Geschichten schreiben. Nach dem Abitur widmete sie sich zunächst dem Studium der Betriebswirtschaftslehre. Seit sie als Unternehmensberaterin tätig ist, schreibt sie nebenbei Kurzgeschichten und Romane.
Als der Fahrer bremste, straffte sich der Gurt um meine Schulter und riss mich aus meinen Gedanken. Langsam stieg ich vor dem riesigen Bürokomplex aus, in dem sich die Agentur befand. Ich war vor Aufregung wie betäubt. Verkrampft hielt ich meinen Rucksack fest und sah an der glänzenden Fassade empor. Noch immer konnte ich nicht fassen, dass mir das wirklich passierte. Dass ich die Castingshow »Searching for a Star« gewonnen hatte und mich gegen Tausende talentierte junge Menschen hatte durchsetzen können. Nur mit Kraft meines Gesangs.
Ich atmete tief ein und aus und drückte mich dann durch die Drehtür in den Empfangsbereich. Direkt dahinter blieb ich stehen und starrte mit offenem Mund auf ein riesiges Banner:
Willkommen, Becca Superstar!
»Oh, da ist sie!«, hörte ich im nächsten Moment eine aufgeregte Stimme sagen und fing mich wieder. Die Empfangsdame, eine sehr junge Frau mit blondem Zopf, sprang auf. Dann setzte sie sich mit wirrem Blick wieder hin und schien etwas auf dem Telefon zu drücken. Sie wartete kurz.
»Miss Baxter?«, sagte sie schließlich und beugte sich zu der Freisprechanlage herunter. »Sie ist gerade angekommen.«
Die Antwort konnte ich nicht verstehen, aber das Mädchen sprang bereits erneut auf und kam um den Tresen herum. Sie schien sogar jünger zu sein als ich, vielleicht gerade achtzehn. Als sie vor mir stehen blieb, war ihr Gesicht leicht gerötet.
»Hallo«, fiepste sie. »Ich bin Anna und ich soll dich in Empfang nehmen.«
»Das habe ich mir gedacht«, entgegnete ich und schüttelte ihre Hand zur Begrüßung. »Hi, Anna. Freut mich, dich kennenzulernen.« Dann deutete ich auf den Schriftzug. »Hübsche Deko. Vielen Dank.«
Die junge Frau winkte ab. »Ach, das hat die Hauswirtschaft aufgehängt. Ich habe nur den Druck in die Wege geleitet.« Sie zeigte zu einer kleinen Sitzgruppe. »Hier, setz dich doch bitte. Willst du etwas trinken? Es gibt Wasser, Kaffee, Tee, …«
»Alles in Ordnung«, unterbrach ich sie vorsichtig. »Ich brauche momentan nichts, danke. Ich kriege vor Aufregung wahrscheinlich eh nichts runter.«
»Du und aufgeregt?« Überrascht starrte sie mich an. »Nicht dein Ernst.«
»O doch«, gab ich zu. »Ich habe jedes Mal gezittert, wenn ich auf die Bühne gehen sollte. War nicht leicht, das kannst du mir glauben.«
»Aber du hast das immer so souverän gemacht«, fuhr Anna bewundernd fort. »In allen Liveshows hat absolut jeder Ton gesessen, jeder Tanzschritt war perfekt. Ich bin echt ein großer Fan.«
Ich setzte mich und konnte ein stolzes Lächeln nicht unterdrücken. »Das freut mich zu hören. Und das Gute ist: Jetzt sind wir sogar Kolleginnen. Gewissermaßen. Wir werden uns bestimmt öfter über den Weg laufen.« Freundschaftlich zwinkerte ich ihr zu.
Das Mädchen quietschte. »Das stimmt. So habe ich es bisher noch gar nicht gesehen.« Ihr Blick bekam etwas Träumerisches. »Echt toll.«
In diesem Moment klingelte das Telefon und sie eilte zu ihrem Platz hinter der Empfangstheke zurück. Es dauerte nicht lange, da kam Janet Baxter, meine Agentin, durch das Foyer geschritten. Unmittelbar nach der Show hatte sie hinter den Kulissen auf mich gewartet und mir einen Vertrag vorgelegt. Genau genommen hatte ich keine große Wahl gehabt, denn eine Zusammenarbeit mit ihrem Unternehmen stand sozusagen in den Teilnahmebedingungen der Castingshow. Wenn man gewann, startete man mit Baxter and Company in seine Karriere. Und genau deswegen war ich nun hier.
»Ah, da ist sie ja«, flötete Janet, wie ich sie nennen sollte, und kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ihre mittellangen Haare waren glatt nach hinten gekämmt und zu einem kleinen Dutt zusammengefasst. Auf der Nase trug sie eine Brille mit einfarbigem Gestell. »Unser neuer Superstar!«
Nervös stand ich auf und ließ mich von ihr umarmen. Dann schob sie mich eine Armlänge weit von sich weg.
»Wie geht es dir, Wunderkind? Bist du ein wenig aufgeregt oder hast du dich an den Rummel schon gewöhnt?«
Ich zuckte mit den Schultern und mein Blick huschte wie automatisch zu dem Banner. »Na ja, es ist alles noch so neu, es wird eine ganze Weile dauern, bis ich es wirklich glauben kann. Aber ich freue mich sehr, hier zu sein und endlich zu starten.«
»Das ist sehr gut«, erwiderte Janet, legte einen Arm um meine Schulter und schob mich vor sich her. »Ich habe einen Plan für dich aufgestellt und mir das Ohr wund telefoniert.« Sie lachte laut über ihren eigenen Spruch. »Die nächsten Wochen werden sehr ereignisreich werden, das kannst du mir glauben.«
»Wow«, brachte ich nur heraus und winkte Anna zum Abschied, während Janet mich weiterschob. Wir steuerten auf eine Treppe zu und gingen nach oben. »Ich meine … das ist alles so toll! Ich bin absolut bereit und kann es kaum erwarten, bis ich meine ersten Songs aufnehmen werde.«
Janet sah mich von der Seite aus an. »Na, dann wird dir meine wichtigste Nachricht gleich doppelt gut gefallen.« Weitere Details verriet sie nicht. Stattdessen führte sie mich einen kargen Gang entlang, öffnete hin und wieder eine Tür und stellte mir Leute vor, die mich mit gespieltem Interesse begrüßten. Vermutlich kam es fast wöchentlich vor, dass Janet ihnen einen neuen Stern am Himmel des Musikbusiness anpries. Ich hoffte inständig, dass es bei mir von Dauer sein würde.
Die vorigen Gewinner von »Searching for a Star« waren bei einer anderen Agentur unter Vertrag genommen worden. Ich wusste, dass dieses Jahr für Janet und ihr Team eine besondere Chance war. Das bedeutete, dass wir alle etwas zu verlieren hatten.
»So, und das hier ist mein Büro«, verkündete sie schließlich und hielt mir eine Tür auf. »Mach es dir gemütlich, das wird ein langes Meeting werden.«
Langsam nahm ich auf einem der Besucherstühle Platz, während ich mich in dem Raum umsah. Janets Schreibtisch war riesig und bestand genau genommen aus zwei separaten Tischen, die zu einem rechten Winkel zusammengestellt waren. An der Wand, in Sichthöhe für Janet, hing ein übergroßer Kalender, in dem mit verschiedenen Farben kryptische Notizen eingefügt waren. Ich erkannte sowohl Worte wie »Spider« oder »Downtown«, als auch Blitzsymbole oder Dreiecke. Gegenüber der Tür befand sich ein Fenster mit Blick auf die Gebäude der gegenüberliegenden Straßenseite. Und an der freien Wand zu meiner Linken hingen die obligatorischen eingerahmten goldenen und platinfarbenen Schallplatten, die man aus den Medien kannte. Die Künstler darauf sagten mir allerdings nichts.
Mit einem Zwinkern ließ sich Janet in ihren Drehstuhl sinken und rückte ihre Tastatur zurecht. »Ich drucke dir den Zeitablauf für die nächste Woche schon mal aus. Es ist sehr zum Vorteil, dass du in einem der Vororte von LA wohnst, Schätzchen. Das spart uns viel Zeit und Geld.«
Ein wuchtiger Drucker erwachte geräuschvoll zum Leben und gab drei Blätter aus, die sich Janet griff, mit einem Tacker fixierte und mir herüberschob. Dann beugte sie sich über ihre eigene Liste.
»Morgen früh wirst du als Erstes deinen Personal Trainer kennenlernen.« Sie hob den Blick von ihrem Dokument und ließ ihn über meinen Körper huschen. »Es ist sehr wichtig, dass du ein gutes Verhältnis zu ihm aufbaust. Du musst in Form bleiben und Jeremy wird dir dabei helfen. Er ist ein wahrer Gott in dem, was er tut.«
Auch ich sah an mir herab. »Aber … ich bin doch schlank. Und sportlich.«
»Ja, natürlich«, beeilte sich Janet zu sagen und machte eine Handbewegung, als würde sie eine Fliege verscheuchen. »Und das lieben wir auch an dir. Aber erfahrungsgemäß kann der Stress im Musikbusiness dazu führen, dass die Stars nicht mehr so oft die Zeit finden, Sport zu treiben. Sie stopfen sich ständig Fast Food rein, weil ihnen das Zeit erspart. Und sie sitzen nur noch in Flugzeugen, Talkshows oder Tourbussen. Glaub mir, Schätzchen, du wirst es brauchen.«
Verständnisvoll nickte ich. Warum auch nicht? Wenn sie es bezahlten, war mir alles recht. Ich durfte nicht gleich am ersten Tag mit Starallüren negativ auffallen. »Was noch?«, fragte ich stattdessen und überflog den nächsten Punkt.
»Nach dem Training bei Jeremy habe ich dir einen Termin beim Friseur gemacht.«
Erschrocken griff ich in meine blonde Mähne. »Was ist mit meinen Haaren denn nicht in Ordnung?«
»Mach dir keine Sorgen, Becca«, versicherte sie mir. »Das gehört zum Standardprogramm. Du wirst deinem Stil natürlich treu bleiben, aber die Profis finden immer etwas, das sie verbessern können.«
Prüfend musterte sie mein Gesicht. »Du bist heute ungeschminkt?«
»Nein. Na ja, ich habe nur Puder verwendet. Den Rest machen doch die Stylisten, hast du …«
»Ja, aber doch nicht heute«, unterbrach Janet mich. »Wenn du keinen öffentlichen Termin hast, buchen wir auch keine Stylistin. Aber du musst trotzdem ansehnlich wirken, wenn du privat herumläufst. Es wird nicht lange dauern und die Paparazzi werden dir überall auflauern. Und glaub mir, du willst kein Bild von dir in der Boulevardpresse haben, auf dem du ungeschminkt in Schlabberhose und Oversize-Shirt durch die Straßen läufst.«
Zuerst wollte ich etwas erwidern, doch ich ließ es. Stattdessen nickte ich. »Verstanden.«
Meine Agentin sah wieder auf den Plan. »Nach dem Friseurtermin wirst du am späten Nachmittag deine erste Stunde mit Tim haben, deinem Vocal Coach. Dabei könnt ihr euch kennenlernen und er kann sich einen Überblick über deine Stärken und Schwächen verschaffen.«
Darauf freute ich mich insgeheim am meisten. Tim Button war in der Szene weltweit bekannt und ohne diesen Gewinn hätte ich mir niemals leisten können, bei ihm Unterricht zu nehmen.
»Ist das die Nachricht, die du vorhin erwähnt hast? Die wichtigste?«, fragte ich und sah sie an.
Janet lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Hände im Nacken. »Nein, noch nicht. Willst du es jetzt schon wissen? Oder gehen wir noch deinen Plan bis zum Schluss durch?«
Zögernd sah ich auf das Papier hinab. Was konnte noch alles kommen?
»Wenn es gerade passt, möchte ich es gerne jetzt schon wissen.«
Als hätte sie darauf gewartet, schoss Janet wieder nach vorne an die Schreibtischkante. »Okay. Pass auf.«
Sie blätterte bis zur letzten Seite und kreiste mit Rotstift einen Termin ein, den sie »Studio« genannt hatte.
»Ist das mein erster Song?«, fragte ich und merkte, wie mein Herz zu pochen begann.
Janet nickte und ich quietschte freudig.
»Aber die eigentliche Überraschung kommt erst noch«, sagte sie und sah mich zufrieden an. »Du wirst diesen Song nicht alleine singen.«
Mir stockte kurz der Atem und ich sah sie abwartend an. »Sondern?«
»Ich habe alles in Bewegung gesetzt und dir den perfekten Duettpartner organisiert.« Sie machte eine theatralische Pause und breitete dann präsentierend die Arme aus. »Norman Moon!«
Mein Mund klappte auf. »DER Norman Moon? Sänger der Band Close to the Sun?«
Sie war offensichtlich mit meiner Reaktion zufrieden. »Ganz genau.«
Ich keuchte. Das hatte ich absolut nicht erwartet. Norman und seine Band waren schon seit Jahren Dauergäste in den amerikanischen Charts und ich hatte alle ihre Alben hoch und runter gehört. Norman flogen als Frontmann die Herzen nur so zu. Und das war vollkommen berechtigt. Er sah nicht nur außerordentlich gut aus, in den Interviews kam er auch mit Abstand am nettesten rüber. Mit ihm gemeinsam im Studio zu stehen, musste fantastisch sein.
»Das ist ja … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll«, stammelte ich.
»Dabei ist die Überraschung noch nicht vorbei. Damit ihr als Duo einfach unschlagbar seid, habe ich überlegt, dass wir dir den Namen Becca Star geben könnten. Wegen Moon und Star – Mond und Stern.« Sie sah mich mit großen Augen an. »Was hältst du davon?«
Einen Augenblick lang war ich perplex. »Einen Künstlernamen? Aber ich bin doch schon unter meinem richtigen Namen im Fernsehen aufgetreten, wird das die Fans nicht irritieren?«
»Ach, so ein Quatsch«, meinte Janet. »Die kennen aus der TV-Show nur deinen Vornamen. Und ganz ehrlich: Miller ist jetzt nicht unbedingt ein Name, der aus tausend anderen hervorsticht. Nichts für ungut, Schätzchen. Vertrau mir in der Sache einfach, ich mache das nicht erst seit gestern.«
Es versetzte mir einen Stich, dass ich meinen richtigen Namen ablegen sollte. Innerlich widerstrebte es mir, eine solche Entscheidung spontan zu treffen, ohne Bedenkzeit.
»Kann ich das mit meiner Mutter besprechen?«, fragte ich. »Dabei habe ich doch sicherlich Mitspracherecht, oder?«
Im ersten Augenblick schien es, als wäre Janet wütend. Sie schwieg und presste die Lippen aufeinander. Doch als sie antwortete, klang sie gefasst. »Selbstverständlich, Becca. Besprich das in Ruhe und gib mir dann morgen Bescheid, ja?«
Ich atmete erleichtert auf. »Danke.«
»Und jetzt zurück zu Norman«, setzte sie an. »Der Plan ist, dass ihr gemeinsam einen Weihnachtssong aufnehmt. Schön romantisch, ein gemeinsamer Videodreh und im Winter dann eine Promotiontour.«
»Wow, das klingt klasse. Ist die komplette Band mit dabei?«
Janet schüttelte den Kopf. »Norman möchte diesen Song alleine machen. Also ohne Band, nur er und du.«
»Okay.« Nur er und ich? Himmel – ganz ruhig bleiben, Becca! »Aber: Wieso starten wir schon jetzt? Es ist gerade mal September. Ist das nicht ein wenig früh für einen Weihnachtssong?«
»Da hast du vollkommen recht«, bestätigte Janet. »Aber wir wollen ganz sichergehen, dass zeitlich alles passt. Die Produktionsfirma kennt dich noch nicht, manchmal gibt es Verzögerungen mit jungen Künstlern.«
Wie bitte? Bedeutete das, dass sie an mir zweifelte? Bevor ich überhaupt eine Chance hatte, mich zu beweisen? Bemüht, nicht zu zeigen, wie sehr mich ihre Worte verletzt hatten, sah ich sie weiterhin an.
»Schätzchen, wir möchten dir zu Beginn so wenig Stress wie möglich machen. Du musst da erst mal in Ruhe reinkommen. Jetzt im Herbst sind die Studios nicht so ausgebucht, viele Künstler sind auf Tour. Was übrigens auch ein Grund ist, warum dieser frühe Termin für Norman so gut passt. Ab übernächster Woche ist er mit seiner Band on the road, wie man so schön sagt. Wir wollen erst einmal in Ruhe die Aufnahmen machen. Wenn die Zeit noch reicht, starten wir nächste Woche den Videodreh. Ganz spontan, damit du keinen Druck hast.«
»Klingt toll, vielen Dank.«
Das war doch wirklich toll, oder? Tief in mir drin fühlte ich mich wie ein Kleinkind, das man nicht überfordern wollte. Als wäre ich in der Castingshow nicht schon mit Stress in Berührung gekommen. Und mit Druck umgehen konnte ich allemal. Aber was sollte ich mit Janet darüber streiten? Ich war ihr dankbar dafür, dass sie das alles für mich tat. Und sie hatte es geschafft, Norman Moon zu meinem Duettpartner zu machen. Was wollte man mehr?
Sie rollte sich an die andere Ecke ihres Schreibtischs und tippte auf dem Computer herum. »Das war es fast schon. Die übrigen Termine der ersten Woche teilen sich Stylisten, die Schneiderin und ein Fotograf, der offizielle Bilder für unsere Marketingabteilung machen wird. Der Hauptanteil wird bei Tim liegen, damit du den Text bis zum Donnerstag draufhast, wenn die Tonaufnahmen beginnen. Nach und nach werde ich dir weitere Termine mitteilen, ich muss nur erst die ganzen Mails durchgehen, die von den Magazinen eingetrudelt sind. Sie wollen dich natürlich alle exklusiv bekommen, das ist klar. Mal sehen, wer am besten bezahlt.«
Ich sah auf die Uhr. Es war gerade mal Mittag. »Und was steht heute noch an? Es hieß, ich werde bis heute Abend gebraucht.«
»Ja, richtig«, sagte Janet und wandte sich mir wieder zu. »In wenigen Minuten müsste dein Salat geliefert werden. Solange du mit Jeremy noch keinen Ernährungsplan erstellt hast, sorgen wir für deine gesunde Nahrung. Wenn du fertig bist, wird dich Cassy in Beschlag nehmen. Sie ist Coach in Sachen öffentliche Auftritte und Manieren. Falls morgen bereits die Reporter auf dich zustürmen, darfst du nicht einfach irgendetwas sagen, das nicht abgestimmt ist.« Sie stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Schreibtisch ab und beugte sich vor. In Kombination mit ihrem ernsten Blick wirkte diese Geste fast schon bedrohlich.
»Und auf gar keinen Fall darfst du irgendjemandem sagen, dass du mit Norman Moon einen Song aufnimmst. Das ist topsecret! Verstanden?«
»Nicht mal meiner Mom?«
Janet lehnte sich wieder nach hinten. Sie blickte mich forschend an. »Ist sie vertrauenswürdig?«
»Ähm, sie ist meine Mutter, also … Ja!«
»Na, sag das nicht, Schätzchen. Wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, sind die nettesten Personen auf einmal Geldgeier. Also wenn es sein muss, dann sag es ihr von mir aus. Aber ansonsten niemandem, ist das klar?«
Ich konnte gerade noch ein Seufzen unterdrücken. »Klar.«
»Moon und Star?«, fragte Mom ungläubig. »Wieso nicht Moon und Sun?«
Auf meinem Teller schob ich den Reis von einer Seite auf die andere. »Tja, das weiß ich auch nicht. Ich vermute, sie wollen irgendwie eine Art Zusammengehörigkeit vermitteln. Und Mond und Stern sind eben beide hauptsächlich nachts zu sehen. Vielleicht hätte die Sonne zu viel Bezug zu seiner Band. Keine Ahnung.«
»Aber Sterne gibt es so viele, doch es gibt nur einen Mond. Und die Sonne gibt es auch nur einmal. Zumindest in unserem Sonnensystem. Das klingt, als wäre er der Mittelpunkt und du nur irgendein kleines Licht, das zufällig auch mitsingt.«
»Das ist genau genommen ja auch so«, gab ich mit einem zaghaften Lächeln zu. Aber meine Mutter winkte ab.
»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Becca. Du hast es dir verdient, dass man dich kennt. Du solltest der Star sein.«
»Vielleicht auch deswegen der Name. Aber was für mich die viel wichtigere Frage ist: Macht es dir etwas aus, wenn ich unseren Namen sozusagen verleugne? Ich werde das nicht tun, wenn es dich stört.«
»Ach, mein Schatz«, sagte Mom und hatte schon wieder Tränen in den Augen, wie so oft seit meinem Gewinn. »Das ist mir so was von egal. Miller ist so ein häufiger Name. Und die meisten Sänger verwenden einen Künstlernamen. Es muss einer sein, der gut klingt. Den die Fans gut rufen können. Becca Star! Klingt doch fantastisch.« Träumerisch sah sie ins Leere, als ob sie sich die Fangesänge bereits vorstellen könnte.
»Du findest also nicht, dass es Verrat ist? An uns? An dir?«
Mom legte ihr Besteck zur Seite und zog mich über die Ecke des Tisches in ihre Arme. »Niemals, mein Schatz. Du bist alles, was ich habe. Und dabei ist es vollkommen egal, wie man dich in der großen weiten Welt kennt.« Sie ließ mich wieder los und griff nach Messer und Gabel. »Aber erzähl doch mal genauer, was du heute alles erlebt hast. War es so, wie du es dir vorgestellt hast?« Gebannt sah sie mich an und schob sich eine Gabel voll Essen in den Mund.
»Mein Terminplan ist ziemlich voll«, begann ich. »Und er wird sich tendenziell noch mehr füllen. Janet ist sehr zielstrebig. Aber das muss sie wohl auch sein. Es steht auch für sie viel auf dem Spiel, nicht nur für mich.«
Abwartend sah meine Mutter mich an, während sie kaute.
»Und nachmittags habe ich Cassy kennengelernt«, erzählte ich weiter. »Sie war sehr nett, hat mir viel über die No-Gos im Umgang mit den Medien erzählt. Dabei hat sie sogar meine Social-Media-Accounts durchforstet und mich angewiesen, einige Bilder zu löschen.«
»Welche denn?«, wollte Mom wissen. »Da war doch nichts Unanständiges dabei.«
»Ihr haben schon die gereicht, auf denen ich mit Jake Arm in Arm am See stehe.«
Moms Augenbrauen berührten fast ihren Haaransatz. »Aber du hast ihr erklärt, dass er dein Cousin ist, oder?«
»Natürlich. Aber sie meinte, das wüssten ja die Fans nicht und ich müsse auf jeden Fall verfügbar sein. Nach außen hin zumindest. Dementsprechend zurückhaltend soll ich bei Fragen zu meinem Privatleben sein.«
»Was ich ebenfalls sehr begrüßen würde«, stimmte Mom zu. »Nicht, dass bald fremde Menschen im Garten campen. Aber was ich mich gefragt habe: Brauchst du einen Manager? Hat Janet dazu etwas gesagt?«
»Nein, kein Wort«, sagte ich kopfschüttelnd. »Ich hoffe doch, dass sie das alles übernimmt.«
»Ja, schon«, lenkte Mom ein. »Aber wie du gesagt hast: Sie hat ebenfalls etwas zu verlieren. Sie will Geld mit dir verdienen. Du willst singen und möglichst viele Leute damit erreichen. Wenn bei euch die Interessen irgendwann auseinandergehen, wäre ein Manager ganz hilfreich.«
»Da könntest du recht haben.« Nachdenklich stocherte ich in meinem Essen. Ich traute mich fast nicht, noch mehr Kohlenhydrate zu mir zu nehmen. Wahrscheinlich würde mich mein Personal Trainer morgen so auspowern, dass ich kaum aufrecht aus dem Fitnessstudio laufen könnte.
»Würdest du denn gerne meine Managerin sein, Mom?«
»Ich? Ach was, nein. Aber ich weiß, dass Mister Cans, der drei Häuser weiter wohnt, so etwas macht. Er hat mich neulich, als ich die Post geholt habe, angesprochen und mir zu deinem Erfolg gratuliert. Sein Grandpa war eine Weile in der Country-Szene sehr bekannt und Mister Cans hat damals das Management übernommen. Momentan ist er wohl für ein paar Sportler zuständig, aber wenn du möchtest, kann ich ihn mal fragen, ob er noch Kapazitäten für dich frei hätte. Wäre doch toll, jemanden an deiner Seite zu haben, der sich in der Musikbranche auskennt.«
»Das wäre wirklich keine schlechte Idee«, sagte ich nachdenklich. »Der Tag heute wahr ehrlich gesagt anders, als ich erwartet hatte. Ich kann so gut wie gar nicht mitbestimmen, was ich machen will. Es ist, als wäre ich eine Puppe, die man auf eine Reise schickt. Fitness, Benimmcoach, Styling … das bin doch am Ende gar nicht mehr ich, oder?«
»Wusste ich doch, dass etwas vorgefallen ist«, sagte Mom und legte wieder ihr Besteck beiseite. »Du warst nicht so euphorisch, wie ich erwartet hatte.«
»Ich freue mich natürlich, keine Frage. Aber diese komplette Fremdbestimmung … Hoffentlich ist das nicht von Dauer. Mir schwirren so viele Ideen für Songtexte im Kopf herum, sogar für dazu passende Musikvideos. Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich diese Ideen irgendwann mal vorstellen darf. Aber als Künstlerin sollte das doch dazugehören, oder nicht?«
Mom griff nach meiner Hand und drückte sie. »Schau es dir eine Weile an, mein Schatz. Und wenn du weiterhin ein seltsames Gefühl hast, reden wir mit Mister Cans. In Ordnung?«
Ich nickte und blinzelte ein paar Tränen der Rührung weg. »Danke, Mom. Du bist die Beste!«
***
Das Fitnessstudio, vor dem ich am nächsten Morgen ausstieg, befand sich in einem futuristisch wirkenden Gebäude, an dessen Fassade das Gesicht eines solariumgebräunten Mannes prangte. Auf dem riesigen Plakat stand: »Nur hier mit dem echten Jeremy Hills«.
Ich hatte den Namen zuvor noch nie gehört, aber offensichtlich war er in seinem Metier eine Berühmtheit. Definitiv ein Aspekt, bei dem Janet sich nicht hatte lumpen lassen.
Als ich durch die sich automatisch öffnende Tür trat, begrüßte mich ein dürrer Mann am Empfang, auf dessen hautengem T-Shirt das Logo des Fitnessstudios aufgedruckt war.
»Herzlich willkommen bei Jeremy Hills«, flötete er und machte eine präsentierende Geste, wie bei einem Homeshopping-Sender. »Du bist Becca, das sehe ich sofort. Schön, dass du da bist. Ich werde Jeremy Bescheid geben.«
Damit verschwand er durch eine Tür hinter dem Tresen, kam jedoch wenige Sekunden später wieder zurück. »Sorry, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt«, sagte er und kicherte verlegen. »Kommt eben nicht so häufig vor, dass man den aktuellen Superstar zu Gast hat. Ich bin Fynn und sozusagen die rechte Hand von Jeremy, sowie persönlicher …«
»Sowie persönliche Nervensäge.« Beim Klang der donnernden Stimme verstummte Fynn grinsend und mein Blick fiel auf einen Berg von einem Mann, der durch die Tür hinter dem Empfang trat. Er war unverkennbar der Typ vom Werbeplakat, das Lächeln war exakt gleich. Auch er trug ein Funktionsshirt mit seinem Logo, nur dass seines mindestens drei Nummern größer war als das von Fynn. Seine Schultern waren so breit, dass sich zwei Versionen von mir hinter ihm hätten verstecken können. Doch trotz all der Muskeln wirkte er nicht massig. Er bewegte sich geradezu leichtfüßig.
Als er vor mir stehen blieb, streckte er mir seine Hand entgegen. »Schön, dich kennenzulernen. Ich bin Jeremy Hills.« Er grinste breit, während ich seine Hand schüttelte.
»Becca«, stellte ich mich vor.
»So, Becca. Dann legen wir mal los.« Ohne Umschweife wies er auf eine Treppe und bedeutete mir, ihm zu folgen.
»Janet hat mit mitgeteilt, dass du ab Donnerstag im Tonstudio sein wirst. Deswegen muss ich dir leider mitteilen, dass ich heute und morgen ein besonders hartes Programm durchziehen muss, damit du auch am Ende der Woche noch an mich denkst.« Er lachte laut auf und prüfte mit einem Seitenblick meine Reaktion.
»Habe ich mir schon gedacht«, sagte ich und grinste ebenfalls. »Ich hatte noch nie einen Personal Trainer, aber das ist schließlich dein Job, oder? Also, dafür zu sorgen, dass ich als untrainierte Person merke, dass ich noch lange brauchen werde, bis ich fit bin.«
Wieder lachte er. Obwohl sein Lachen in meinen Ohren dröhnte, kam es sehr authentisch rüber. Und vor allem herzlich.
Auf der nächsten Etage angekommen stolzierte uns eine Gruppe von vier Frauen entgegen. Sie waren vermutlich Mitte dreißig oder sogar schon jenseits der vierzig. So top gestylt und modisch gekleidet, wie sie waren, wirkten sie fast ein wenig fehl am Platze in diesem Fitnessstudio.
»Ciao, Jeremy«, riefen sie fast zeitgleich und warfen ihm ihre hübschesten Augenaufschläge zu. Eine der Frauen berührte sanft seinen Oberarm, als sie an ihm vorbeiging. Es war nur eine winzige Bewegung, doch sie entging mir nicht, obwohl ich auf Jeremys anderer Seite ging.
»Bis nächstes Mal, Mädels«, antwortete er. Sein freundlicher Gesichtsausdruck blieb, doch er wirkte mit einem Mal angespannt. Als die Frauen außer Sichtweite waren, strich er sich unauffällig über die Stelle, an der die Kundin ihn berührt hatte.
»Ich würde gerne mit dir einen kleinen Fragebogen ausfüllen, wenn es dir nichts ausmacht«, schlug Jeremy vor und steuerte auf ein schmales Stehpult zu. Darauf lagen vorgefertigte Umfragen zum Ankreuzen. Er zog den Block zu sich heran und griff nach einem der Kugelschreiber, die herumlagen. In seinen Fingern sahen sie fast schon zerbrechlich aus, so gewaltig waren seine Hände.
»Du bist zwanzig Jahre alt, wenn man dem Fernsehen glauben darf«, murmelte er und begann einen der Bögen auszufüllen. »Wie groß bist du?«
»Einen Meter siebzig«, sagte ich wie aus der Pistole geschossen.
»Bei welchem Gewicht?«
»Ungefähr siebenundfünfzig Kilo.«
»Perfekt«, erwiderte Jeremy. Dann schob er mir das Blatt rüber. »Hier unten sind noch ein paar Fragen zu deinem gewöhnlichen Ess- und Sportverhalten. Fülle das bitte aus, ich hole meine Mappe mit den Ernährungsplänen.«
Er verschwand hinter einer Tür und ich füllte den Bogen aus. Als Jeremy zurückkam, blickte er zufrieden auf meine Angaben.
»Volleyball? Eine meiner Lieblingssportarten.« Anerkennend nickte er mir zu. Dann schlug er den mitgebrachten Ordner auf und begann in den unterschiedlichen Plänen zu blättern.
»Bist du Vegetarierin oder hast du irgendeine Lebensmittelunverträglichkeit?«
»Nein«, sagte ich mit einem Seufzen.
Stirnrunzelnd hielt Jeremy in seiner Bewegung inne. »Alles okay?«
»Klar«, sagte ich knapp. Doch in seinem Blick sah ich eindeutig, dass ihn das nicht zu überzeugen schien.
»Becca, ich kann mir gut vorstellen, dass du keine Notwendigkeit für eine Ernährungsumstellung siehst. Janet hat dafür bezahlt, ich werde meine Arbeit tun und dir einen solchen Plan zusammenstellen. Aber du kannst mir gerne Vorlieben mitteilen, die arbeite ich dann ein.« Verschwörerisch beugte er sich zu mir herunter. »Ich werde deiner Agentin auch ganz bestimmt nichts davon erzählen.«
Mit einem Mal konnte ich ein Strahlen nicht mehr unterdrücken. »Wirklich? Ich meine … war das so offensichtlich?«
Er zuckte mit einer seiner massigen Schultern und zwinkerte mir zu. »Ich war doch auch mal jung. Da ist man ständig unterwegs, die ganze Zeit auf Achse. Man nimmt im Normalfall kaum zu. Aber unter Stress entscheiden sich die Leute oft für bequeme Lebensmittel, Fertigessen, abgepacktes Zeug. Das ist nicht gut für den Körper. Damit du trotz allem grundsätzlich weißt, was gut für dich ist, erarbeiten wir diesen Plan für dich. Ich verspreche dir, es sind wirklich leckere Rezepte dabei. Und nach einer Weile wirst du wissen, was fix geht und was dir besonders gut schmeckt oder dich schnell satt macht.«
»Meine Mom wird sich freuen, die Rezepte auszuprobieren, vielen Dank.« Erleichtert aufatmend sah ich mich um. »So, und hier trainieren wir gleich?« An der Fensterfront, die eine perfekte Sicht auf die Strandpromenade von Los Angeles freigab, standen Laufbänder. Auf der anderen Seite der Etage standen mehrere Geräte für das Trainieren mit Gewichten. Überall wuselten Kunden und Fitnesstrainer umher. Einige warfen uns neugierige Blicke zu.
»Nein, wir beide gehen noch ein Stockwerk weiter nach oben«, sagte er und deutete auf eine weitere Treppe hinter uns. Davor war eine Kette gespannt. »Das ist der Bereich für die Einzeltrainings.«
Einen Moment lang machte sich Jeremy ein paar Notizen zu meinen Lieblingsgerichten und brachte dann seinen Ordner mitsamt meinem Fragebogen weg. Anschließend begaben wir uns auf den Weg nach oben.
»Normalerweise mache ich mit meinen Kunden erst eine Ausdauereinheit, dann Kraftübungen. Bei dir wird der Ausdauerpart sehr knapp ausfallen. Wir machen dich warm und dann geht es direkt mit dem Programm für deine Muskulatur weiter.«
Mittlerweile waren wir in einem hellen Raum angelangt, der einen Großteil der oberen Etage auszumachen schien. An der Decke hingen einige Ösen, in die Bänder eingehakt waren. In der Ecke baumelte sogar ein Sandsack. Ungefragt nahm Jeremy mir meine Sporttasche ab und stellte sie auf eine Bank neben der Treppe.
»Dort hinten sind die Duschen, da kannst du dich in Ruhe frisch machen, wenn wir fertig sind. Dein Friseurtermin ist um ein Uhr, wurde mir mitgeteilt. Das heißt, wir haben massig Zeit, um alle Übungen durchzupowern.«
»Ob das so positiv ist«, sagte ich und wappnete mich innerlich bereits für das, was auf mich zukommen würde.
»Für mich zumindest schon«, lachte er. »Du bist fertig umgezogen?«
Nickend reckte ich den Daumen nach oben. »Startklar.«
»Super. Los geht’s!«
Die nächsten zwei Stunden waren die Hölle für meine Muskeln. Zwar hatte ich es in den letzten Monaten nur hin und wieder in unser Volleyballtraining geschafft, aber dass ich so außer Form war, hatte ich nicht erwartet.
»Keine Sorge, Becca«, versicherte mir Jeremy immerhin. »Das bedeutet gar nichts, wenn du noch nicht alle Sets durchziehen kannst. Es mag für deinen Körper ungewohnt sein, aber bald wirst du es mit Leichtigkeit schaffen, so als wäre es nur eine Aufwärmübung.«
»Damit du mich dann mit einem neuen Programm quälen kannst?«, neckte ich und wir beide lachten.
»Du lernst schnell, Süße.«
Als ich schließlich wie ein Fisch auf dem Boden lag, vollkommen durchnässt und nach Luft japsend, verkündete Jeremy das Ende des heutigen Trainings.
»Toll gemacht, Becca. Wenn du Zeit hast, dann nimm heute Abend ein Bad. Das wird dir guttun und deinen Körper verwöhnen. Er wird morgen noch mal solch eine Session aushalten müssen.«
Mühselig rappelte ich mich auf. »Janet hat gesagt, du seist ein Gott auf deinem Gebiet. Aber ich denke eher, du bist der Teufel.«
Wieder ertönte das Donnern von Jeremys Lachen. Es machte mir mittlerweile fast Spaß, diese Reaktion heraufzubeschwören. Allerdings war es bei ihm nicht allzu schwer. Obwohl ich ihn erst seit wenigen Stunden kannte, war es, als würden wir schon ewig zusammenarbeiten. Wir harmonierten super und ich hatte das Gefühl, ihm ehrlich sagen zu können, wenn es mir zu viel war. Er war kein gnadenloser Drill Instructor, wie ich es befürchtet hatte.
»Ich werde Fynn sagen, er soll dir einen Smoothie vorbereiten. To go natürlich. Und jetzt ab unter die Dusche, in einer halben Stunde wirst du abgeholt.«
»Danke, Jeremy.«
Ein wenig verblüfft sah er mich an. »Wieso so ernst? Es ist doch alles in Ordnung.«
»Genau«, bestätigte ich nickend. »Es hat mir wirklich Spaß gemacht. Das hatte ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Ich freue mich schon auf morgen.«
Ein Strahlen breitete sich auf dem Gesicht des herzlichen Kolosses aus. »Das hört man gerne. Ich freue mich auch. Erhol dich gut, kleine Lady.«
Mit diesen Worten verschwand er die Treppe hinunter und ich schlurfte zu den Sanitäranlagen.
Wie versprochen stand bei Fynn ein Smoothie für mich bereit. Leise ächzend humpelte ich die Treppe in den Eingangsbereich herunter.
»Oh, arme Becca-Maus«, sagte Fynn mit mitleidigem Blick. »Er hat dich leiden lassen, was? Das kenne ich. Aber es geht vorbei, glaub mir.« Er packte einen Deckel auf das Getränk und schob einen Papierstrohhalm in die dafür vorgesehene Öffnung. »Das hier ist dein persönlicher Becher«, sagte er fröhlich und drehte das Gefäß. In hübscher Handschrift hatte jemand »Becca« draufgeschrieben. »Am besten, du bringst ihn immer mit, wenn du hier bist. Zero Waste, du weißt schon. Ich kann ihn sogar für dich spülen, wenn du abends nicht dazu kommst.«
»Wow, was für ein Service. Janet muss euch eine Menge Geld dafür zahlen, dass ihr mich so behandelt.«
Fynn lachte auf. »Nein, nein. Das ist der ganz normale Service in Jeremys Studios. Für uns sind die Kunden nicht nur x-beliebige Geldmaschinen, die wir ausnehmen wollen. Sie bekommen auch etwas für ihren Beitrag. Die meisten bleiben sehr lange bei uns. Wenn das der Fall ist, haben wir unser Ziel erreicht.« Triumphierend fuchtelte er mit den Händen und winkte dann durch die Glastür. »Dein Fahrer ist übrigens schon seit fünf Minuten da, ich darf dich nicht länger aufhalten. Bis morgen, Schätzchen.«
Ich winkte, verließ das Studio und ließ mich auf die Rückbank des organisierten Wagens fallen.
Schätzchen. Janet hatte mich gestern auch so genannt. Mit dem Unterschied, dass es bei ihr abfällig klang. Bei Fynn hingegen hörte es sich herzlich an. Entweder er war ein guter Schauspieler oder er freute sich wirklich über meine Anwesenheit.
Mein Friseurtermin war verhältnismäßig langweilig. Ich bestand darauf, keine Typveränderung vornehmen zu wollen, und so wurde mir nur der Spliss weggeschnitten, ein paar Wellen wurden eingearbeitet und es wurde sehr viel Haarspray verwendet. Wozu das Ganze nötig war, leuchtete mir nicht ein, denn direkt im Anschluss wurde ich zu der Musikschule von Tim Button gefahren. Keine Reporter standen davor und auch sonst schien mich niemand im Auto zu erkennen. Als ich durch die unscheinbare Tür ging, erwartete mich Tim persönlich in einem Raum, der offenbar das Büro war. Er wirkte auf den ersten Blick schmächtig, war dünn und hatte schwarze Haare, die allmählich grau wurden. Ich wusste, dass er ungefähr Mitte fünfzig war.
»Guten Tag, Mister Button«, sagte ich zaghaft.
»Hallo, Becca«, erwiderte er trocken, nachdem er kurz aufgeschaut hatte. »Schön pünktlich, das ist gut.« Er schrieb etwas in eine Art Ringbuch, klappte es schließlich zu und erhob sich von seinem Schreibtisch.
»Dann wollen wir mal«, sagte er und wandte sich einer doppelflügeligen Tür zu. Ohne eine weitere Vorstellung oder Einleitung drehte er die Knäufe. »Hier entlang, bitte.«
Der Raum dahinter war riesig, er sah fast aus wie ein Konzertsaal. Der Boden bestand aus edlem Parkett, in einer Ecke stand ein glänzend schwarzer Flügel und im hinteren Bereich waren Stühle und Notenständer aufgestellt, alle auf ein Podest ausgerichtet, an dem sich ein Dirigent platzieren konnte.
Tim ging zu einem Schrank, der auf den ersten Blick nicht wie ein solcher aussah. Vielmehr war es eine vertäfelte Wand, die man öffnen konnte. Aus einem Regal dahinter holte der Gesangslehrer einen schmalen Hefter heraus.
»Janet hat mir heute Vormittag den Text zu dem geplanten Lied geschickt. Hübsche Botschaft, gerade zu Weihnachten.«
»Wirklich?«
Mit einer hochgezogenen Augenbraue sah Tim mich an. »Was heißt hier wirklich? Hast du es anders verstanden?«
