Der Atem der Berge - Susanne Münch - E-Book

Der Atem der Berge E-Book

Susanne Münch

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Beschreibung

Der Atem der Berge Ein Heimatroman über Liebe, Verlust und den Mut, neu zu beginnen Als Johanna nach vielen Jahren in ihre Heimat Oberstdorf zurückkehrt, will sie eigentlich nur eines: Ordnung schaffen. Im Haus ihrer verstorbenen Großmutter, in Erinnerungen, in einem Leben, das sie einst hinter sich gelassen hat. Doch die Berge vergessen nichts – und sie lassen niemanden unberührt. Zwischen stillen Pfaden, alten Tagebüchern und einem Dorf, das genauer hinsieht, als Johanna lieb ist, holt sie die Vergangenheit ein. Geheimnisse kommen ans Licht, Schuld stellt neue Fragen, und die Beziehung zu ihrer Mutter steht vor einer letzten, schmerzhaften Prüfung. Mit Lukas, einem Bergführer, der die Sprache der Berge besser versteht als die der Menschen, wächst langsam eine Nähe, die Johannas sorgfältig errichtete Schutzmauern ins Wanken bringt. Doch als der Winter Einzug hält und eine Lawine das Tal erschüttert, wird klar: Liebe bedeutet auch, Entscheidungen zu treffen – selbst dann, wenn sie alles verändern. „Der Atem der Berge“ ist ein bewegender Heimatroman über Verlust und Versöhnung, über die Kraft der Natur und die leisen Wege zurück zu sich selbst. Ein Roman für alle, die Geschichten lieben, die unter die Haut gehen – so still und kraftvoll wie die Berge selbst.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 84

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Susanne Münch

Der Atem der Berge

Ein Oberstdorf-Roman

Widmung

Dieses Buch widme ich meinem Mann Nils und meiner Tochter Lina, sowie dem Ort Oberstdorf.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 – Ankommen

Kapitel 2 – Das Haus am Hang

Kapitel 3 – Stimmen im Dorf

Kapitel 4 – Wege über dem Tal

Kapitel 5 – Das stille Wasser

Kapitel 6 – Die Seiten der Vergangenheit

Kapitel 7 – Der erste Abschied

Kapitel 8 – Tage, die bleiben

Kapitel 9 – Vor dem ersten Schnee

Kapitel 10 – Wenn der Winter näherkommt

Kapitel 11 – Die langen Abende

Kapitel 12 – Die Grenze der Kraft

Kapitel 13 – Nach dem Stillstand

Kapitel 14 – Unter der Oberfläche

Kapitel 15 – Zwischen Nähe und Abstand

Kapitel 16 – Wenn Wege verschwinden

Kapitel 17 – Die gespannte Ruhe

Kapitel 18 – Die weiße Stille

Kapitel 19 – Danach

Kapitel 20 – Risse

Kapitel 21 – Die Grenze

Kapitel 22 – Die Stille danach

Kapitel 23 – Was bleibt

Kapitel 24 – Der letzte Sturm

Kapitel 25 – Danach bleibt Licht

Kapitel 1 – Ankommen

Der Zug verlangsamte sich, als hätte er selbst Respekt vor dem Tal, in das er einfuhr. Johanna lehnte die Stirn gegen das kalte Fenster und sah hinaus. Die Allgäuer Alpen lagen noch im Halbdunkel des Morgens, schwer und unbeweglich, als gehörten sie zu einer anderen Zeitrechnung als der Rest der Welt.

Über dem Ort hing ein feiner Dunst. Das Nebelhorn war nur schemenhaft zu erkennen, sein Gipfel verborgen, als wolle er sich ihr nicht sofort zeigen. Johanna hatte dieses Bild vergessen geglaubt – und doch traf es sie mit einer Wucht, die ihr kurz den Atem nahm.

Als die Türen sich öffneten, strömte kalte Luft in den Waggon. Sie roch nach feuchtem Holz, nach Erde, nach etwas Unverfälschtem. Johanna zögerte einen Moment, dann nahm sie ihre Tasche und stieg aus. Der Bahnsteig war stiller, als sie erwartet hatte. Weniger Hektik, weniger Eile. Oberstdorf hatte nie versucht, großstädtisch zu wirken.

Sie blieb stehen. Nicht, weil sie sich orientieren musste – sondern weil sie wusste, dass dies ein Moment war, der zählte.

Früher hatte sie geglaubt, man könne Orte einfach verlassen. Jetzt wusste sie: Manche Orte ließen einen gehen, ohne je wirklich loszulassen.

Der Weg vom Bahnhof führte sie durch vertraute Straßen. Häuser mit bemalten Fassaden, Balkone voller Holzschnitzereien, Geranienkästen, die sich in voller Pracht präsentierten. Zwischen den Dächern öffnete sich immer wieder der Blick nach oben, hinauf zum Nebelhorn. Seine Hänge lagen noch im Schatten, aber dort, wo die Sonne sie bereits berührte, schimmerte das Gras in einem matten Grün.

Dort war sie früher gewesen. An Tagen, an denen alles leicht erschien. An Tagen, an denen sie geglaubt hatte, die Welt sei überschaubar.

Jetzt fühlte sich selbst das Gehen schwerer an.

Je weiter sie den Ort hinter sich ließ, desto schmaler wurde die Straße. Der Verkehr verstummte, Stimmen wurden seltener. Das Haus ihrer Großmutter lag oberhalb, dort, wo der Blick sich weitete. Johanna blieb stehen, als sie den Zaun erreichte, und sah hinüber Richtung Nebelhorn.

Das Nebelhorn wirkte anders als die übrigen Berge. Fast abweisend. Sein Gipfel fast immer im Nebel versteckt. Die Form steil und felsig. Johanna wusste nicht, warum ihr Blick immer wieder dort hängen blieb. Aber sie spürte, dass dieser Berg eine Bedeutung bekommen würde.

Das Gartentor quietschte, als sie es öffnete. Ein Geräusch aus einer anderen Zeit. Der Garten war verwildert, das Gras hoch, der Apfelbaum ungepflegt. Alles wirkte, als habe jemand die Zeit angehalten – nicht aus Sorgfalt, sondern aus Müdigkeit.

Im Haus war es kühl. Staub tanzte im Licht, das durch die Fenster fiel. Johanna stellte die Tasche ab, setzte sich an den Küchentisch und ließ die Hände sinken. Das Haus knarrte leise, als würde es sich an ihre Anwesenheit erinnern.

Am späten Nachmittag ging sie noch einmal hinunter ins Dorf. Touristen standen an der Skiflugschanze Oberstdorf, machten Fotos, lachten. Für sie war dieser Ort ein Ausflugsziel. Für Johanna war er immer ein Maßstab gewesen. Wer hier aufwuchs, lernte früh, wie klein man sein konnte – und wie standhaft man werden musste.

Sie ging weiter, bis sie das Rauschen hörte. Die Trettach. Tief unten hatte sie sich ihren Weg geschaffen. Johanna blieb stehen und lauschte. Die Flüsse Rund um Oberstdorf waren kein Ort der Eile. Sie hatten sich ihre Wege genommen, über Jahrtausende hinweg.

Vielleicht, dachte Johanna, war Heimat genau das.Ein Ort, der einen formte, auch wenn man ihm entkommen wollte.

Als sie zurückging, lag das Nebelhorn nun frei. Der Dunst hatte sich gelöst. Der Gipfel zeichnete sich klar gegen den Himmel ab. Johanna blieb stehen und sah hinauf.

Ich bin zurück, dachte sie. Nicht als Besucherin. Nicht für ein paar Tage.

Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht, wie lange sie bleiben würde - sondern, was passieren würde, wenn sie es tat.

Kapitel 2 – Das Haus am Hang

Die erste Nacht im Haus war keine Nacht, sondern eine Abfolge von Wachsein und Wegdriften. Johanna hatte sich auf das alte Sofa im Wohnzimmer gelegt, die Decke bis zum Kinn gezogen, als könne sie sich damit vor allem schützen, was in den Wänden lauerte. Der Wind fuhr um das Haus, ließ es knacken und seufzen, und jedes Geräusch klang, als hätte es eine Bedeutung.

Sie wusste, dass alte Häuser arbeiteten. Dass Holz lebte. Trotzdem fühlte es sich an, als würde das Haus sie prüfen.

Immer wieder sah sie zur Tür des Schlafzimmers ihrer Großmutter. Sie war geschlossen. Dahinter lag ein Raum, der mehr Erinnerungen barg, als sie in diesem Moment ertragen konnte. Johanna drehte sich auf die Seite, schloss die Augen, öffnete sie wieder. Schlaf wollte nicht kommen.

Irgendwann stand sie auf.

Barfuß ging sie durch die Stube, trat ans Fenster. Draußen lag das Tal im Halbdunkel. Nebel zog langsam über die Wiesen, löste sich stellenweise auf, sammelte sich neu. Darüber erhob sich die dunkle Masse der Berge. Sie wirkten näher als am Abend zuvor, als hätten sie die Nacht genutzt, um sich heranzuschieben.

„Ihr seid noch da“, murmelte Johanna leise.

Sie wusste nicht, warum sie gesprochen hatte. Vielleicht, weil Schweigen plötzlich zu groß geworden war.

Als der Morgen kam, tat er es ohne Eile. Ein fahles Licht schob sich zwischen die Vorhänge, legte sich auf den Boden, ließ Staubpartikel tanzen. Johanna setzte Wasser auf. Der alte Herd brauchte Geduld. Sie blieb davor stehen, hörte das leise Klicken, das langsame Aufheizen. In der Stadt hätte sie das als Defekt empfunden. Hier fühlte es sich richtig an.

Mit der Kaffeetasse in der Hand ging sie durchs Haus.

Der Flur roch nach Holz und etwas Herbem, das sie nicht benennen konnte. An der Wand hing noch immer der Haken, an dem ihre Großmutter früher die Jacke abgelegt hatte. Johanna berührte ihn, nur kurz. Dann ging sie weiter.

In der Stube blieb sie vor dem Regal stehen. Bücher reihten sich dicht an dicht, viele doppelt gelesen, manche mit Notizen am Rand. Bergführer, alte Romane, Kalender aus vergangenen Jahren. Dazwischen die Tagebücher. Schlicht, unscheinbar, als wollten sie nicht auffallen.

Johanna nahm eines heraus. Es lag schwer in der Hand. Sie setzte sich an den Tisch, legte es vor sich hin – und ließ es geschlossen liegen. Noch war sie nicht bereit. Noch nicht.

Sie öffnete stattdessen die Haustür.

Kühle Luft schlug ihr entgegen, klar und unverstellt. Der Garten lag still da, als hätte er die Nacht nicht genutzt, um sich zu erholen. Das Gras stand hoch, ungeordnet, der Apfelbaum trug alte, verdorrte Früchte aus dem vergangenen Jahr. Johanna ging langsam über den feuchten Boden, spürte, wie ihre Schuhe nass wurden.

Von hier aus hatte man einen freien Blick hinüber zu den Hängen. Die Gipfel zeichneten sich nun klarer ab, die Sonne berührte sie vorsichtig, als wolle sie nichts überstürzen. Johanna blieb stehen. Früher hatte sie diesen Blick geliebt. Jetzt fühlte er sich fremd an – und zugleich wie ein Versprechen.

Sie ging den schmalen Pfad hinter dem Haus entlang, folgte ihm ein Stück bergauf. Der Atem ging schneller, nicht unangenehm, nur spürbar. Es tat gut, den Körper zu merken. Es tat gut, nicht nur im Kopf zu sein.

Oben blieb sie stehen. Das Dorf lag unter ihr, ruhig, überschaubar. Rauch stieg aus einzelnen Kaminen. Menschen bewegten sich langsam. Alles wirkte geerdet. Beständig.

Ich habe das vermisst, dachte sie überrascht.

Zurück im Haus öffnete sie schließlich das Tagebuch.

Die Schrift ihrer Großmutter war klar, gleichmäßig. Keine großen Worte. Keine Dramatik. Nur Beobachtungen. Das Wetter. Die Arbeit. Gedanken, die sich zwischen den Zeilen verbargen.

Man glaubt immer, man hätte Zeit, hatte Maria geschrieben.Bis man merkt, dass Zeit etwas ist, das man bewohnen muss.

Johanna schluckte. Sie las weiter, langsam, ließ jedes Wort wirken. Zwischen zwei Seiten fiel ein gefalteter Zettel heraus. Sie hob ihn auf, glättete ihn. Es war kein Brief. Nur ein Satz.

Bleib, wenn du kannst.

Johanna legte den Zettel zurück. Ihre Hände zitterten leicht.

Sie wusste nicht, ob diese Worte an sie gerichtet gewesen waren – oder an jemanden ganz anderen. Vielleicht spielte das keine Rolle.

Am Nachmittag machte sie sich erneut auf den Weg. Dieses Mal hinunter ins Dorf. Sie brauchte Bewegung. Stimmen. Realität.

Auf halber Strecke blieb sie stehen. Der Blick öffnete sich weit, hinüber zu den Bergen, deren Linien nun schärfer waren. Nebel hing noch in den Mulden, hielt sich hartnäckig. Johanna sah ihm zu, wie er sich langsam hob.

So fühlte sie sich selbst. Noch nicht frei. Aber in Bewegung.

Als sie am Abend zurückkehrte, war das Haus nicht mehr still. Es knarrte, atmete, nahm sie auf, ohne Fragen zu stellen. Johanna setzte sich an den Tisch, zündete eine Kerze an und schrieb ein paar Zeilen in ihr eigenes Notizbuch.

Nicht über die Vergangenheit. Nicht über die Zukunft.

Nur über diesen Tag.

Als sie später das Licht löschte, ging sie nicht ins Schlafzimmer ihrer Großmutter.

Noch nicht.

Aber sie ließ die Tür einen Spalt offen.

Das war genug für heute.

Kapitel 3 – Stimmen im Dorf