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Vom überheblichen Kollegen zum Fake-Ehemann ... Workaholic Sarah ist ein absoluter Weihnachtsmuffel und entflieht den Feiertagen mit einem Kreuzfahrtschiff in die Karibik. Ausgerechnet ihr nerviger Arbeitskollege Sam ist ebenfalls an Bord. In einer misslichen Lage behauptet er aufgrund ihrer gleichen Nachnamen, dass sie verheiratet sind, und Sarah spielt aus Höflichkeit mit. Das führt allerdings zu weiteren Verwirrungen und so müssen sie bald durchgehend das verliebte Ehepaar spielen, das sie in Wirklichkeit gar nicht sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
© 2024 1. Auflage
Autorin: Susanne Münch
C/o Block Services Stuttgarter Str. 106
70736 Fellbach
Covergestaltung: MostlyPremade - Nadine Most
unter Verwendung von stock.adobe.com (Flaffy, Strezh)
Sowohl die Personen als auch die KC Paradise sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit bestehenden Personen sind möglich, aber nicht beabsichtigt.
Ähnlichkeiten mit bestehenden Kreuzfahrtschiffen sind ebenfalls möglich und teilweise sogar, im guten Sinne, gewollt.
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Susanne Münch ist vorwiegend im Bereich der Romance (Romantik) unterwegs. Nach einigen Beteiligungen an Kurzgeschichten in Anthologien hat sie mit „Wenn Sterne sich berühren“ ihren ersten eigenständigen Roman veröffentlicht. Genau wie da geht es auch in „How to fake honeymoon“ um die letzten Tage des Jahres.
Als Rabea Blue schreibt sie außerdem Fantasy, Science-Fiction und Märchen.
Sarah
Ich mag meinen Namen, versteht mich nicht falsch! Aber alle Johns, Stefanies und Mohammeds dieser Welt wissen, was ich meine, wenn ich sage, dass ein bei Eltern beliebter Vorname oftmals Probleme mit sich bringt. Schon in frühester Kindheit gibt es tagtäglich Verwechslungen oder man ist ständig abgelenkt, weil man vermeintlich gerufen wird. Allein in meinem Jahrgang gab es fünf Sarahs. Fünf! Wenn man dann auch noch einen typisch amerikanischen Nachnamen wie Johnson hat, wird es nicht unbedingt besser. Und es zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben. In der Werbeagentur Think Twice, bei der ich nach dem College als Texterin angefangen habe, gab es beispielsweise bereits eine Sarah Johnson. Zwar war sie seit Jahren keine aktive Mitarbeiterin mehr, aber aus irgendeinem Grund konnte mir die IT-Abteilung keinen E-Mail-Account mit Sarah.Johnson geben – denn der war ja schon vergeben. Also bekam ich S.Johnson@thinktwice-agency. com und dachte mir nichts dabei.
Im Normalfall wäre das auch kein Problem gewesen, doch wie es der Zufall wollte, war es bei mir anders. Erst nach ein paar Wochen fiel mir auf, dass mir bei einem bestimmten Auftrag Informationen fehlten. Ich dachte mir nichts dabei, bis ich eines Tages in der Kaffeeküche ein Gespräch von zwei Männern mit anhörte, die in unserer Rechtsabteilung arbeiten.
„… man kann doch wirklich erwarten, dass die Menschen mitdenkt“, echauffierte sich der eine und drückte zum wiederholten Male auf einen Knopf des Kaffee-Vollautomaten.
„Leider kann man das nicht“, widersprach sein Kollege. „Das habe ich mittlerweile aufgegeben. Viele sind mit dem Kopf schon bei der nächsten Aufgabe, obwohl sie praktisch noch mit der alten beschäftigt sind. Gerade hier in der Agentur.“ Bei dem Mann handelte es sich um einen jungen Anwalt, vielleicht nur ein paar Jahre älter als ich. Ich wusste seinen Namen nicht mehr, obwohl er mir bei der Vorstellungsrunde mit Sicherheit genannt wurde. Während ich noch überlegte, lenkten mich bereits seine nächsten Worte ab. „Letzte Woche fing es zum Beispiel an, dass mir jemand aus dem dritten Stock Mails schickte, mit dessen Inhalt ich nichts anfangen konnte. Erst als ich nachgefragt habe, was das soll, kam heraus, dass sich jemand mit der E-Mail-Adresse geirrt hat.“
Der Kollege an der Kaffeemaschine lachte laut los. „Na, das passt zu den Kreativen. Die sind wirklich mit ihren Gedanken nicht bei den wichtigen Dingen, habe ich das Gefühl. An wen sollten die Mails denn sonst gehen?“
„So ganz habe ich das noch nicht herausgefunden“, gab der andere Mann zu. „S.Johnson, aber ich kann mich nicht erinnern –“
„Entschuldigen Sie!“, rief ich dazwischen und es war mir vollkommen egal, ob es unhöflich war. Ruckartig zuckten die Köpfe der beiden Kollegen aus der Rechtsabteilung zu mir herum. „Soll das etwa bedeuten, Sie haben E-Mails von jemandem gelesen, obwohl Ihnen bewusst war, dass sie nicht für Sie bestimmt waren?“ Ich merkte, wie mir der Puls in den Ohren rauschte. Ja, ich war neu hier, aber das ging doch nun wirklich zu weit, oder nicht?
„Ich wusste es ja erst, nachdem ich die Mails gelesen habe. Es stand nur Hi als Anrede dabei und es stand ganz eindeutlich Samuel.Johnson in der Empfängerzeile.“ Er ließ den Blick an mir auf- und abwandern. Dann verzog sich sein Mund zu einem Grinsen. „Moment mal – bist du das etwa? S.Johnson? Du bist die Neue, oder? Sorry, du wurdest uns zwar vorgestellt, aber ich war gerade voll in diesen Fall–“
„Ja, das bin ich“, pflaumte ich ihn an. Noch immer konnte ich nicht glauben, dass so etwas tatsächlich passieren konnte. Wie konnte jemand eine E-Mail an S.Johnson schicken wollen und aus Versehen an Samuel.Johnson schreiben? Aber das war in dem Moment auch irrelevant. „Wären Sie vielleicht in Zukunft so nett und würden mir diese Mails einfach weiterleiten? Bitte?“
Das Lächeln auf Samuels Gesicht wurde bei meinen Worten sogar noch breiter. „Miss, Sie haben scheinbar das gleiche Bild von den Menschen wie ich, wenn Sie davon ausgehen, dass das noch häufiger vorkommen wird.“
„Autokorrektur und so“, warf nun sein Kollege ein und nickte wissend. „Ich kann das schon verstehen. Da passieren die verrücktesten Dinge.“
Fassungslos sah ich zwischen den beiden hin und her. „Wie dem auch sei, wären Sie denn in der Lage, mir diesen Gefallen zu tun, wenn Ihnen auffällt, dass der Inhalt einer E-Mail nicht zu Ihrer Arbeit passt?“
Das Grinsen auf Samuels Gesicht verblasste allmählich. „Ich denke, das lässt sich einrichten.“
Er hatte es verstanden, so viel stand fest. Nur macht es das Ganze nicht besser, denn leider blieb es tatsächlich nicht bei diesem einen Kollegen, der Informationen an Samuel anstatt an mich schickte. Es ist mir unverständlich, aber sogar Externe schaffen es, nicht an S.Johnson, sondern an Samuel.Johnson zu versenden. Unfassbar!
Der werte Mr. Johnson leitet mir die Mails nun zwar weiter, jedoch kann er es scheinbar nicht lassen, einen Kommentar dazu zu schreiben. Und zwar immer mit dem ursprünglichen Absender in Kopie.
Weiterleitung an meine Verwandte im Geiste.
Das sollte wohl an meinen geheimen Zwilling gehen.
Oder: Klingt echt interessant, was ihr da macht, aber lasst mich doch bitte weiterhin die wichtigen Aufgaben in dieser Agentur erledigen.
Dieser Mann macht mich wahnsinnig, auch wenn er selbst keine Schuld an diesen Missverständnissen trägt. Doch wenn ich ihm schriebe und ihn dazu auffordern würde, nicht mehr solche dämlichen Sätze bei seinen Weiterleitungen hinzuzufügen, würde es sich so anfühlen, als würde ich unseren kleinen Zweikampf verlieren. Aufgeben sozusagen. Ich würde damit zugeben, dass er meine Energie raubt, aber diese Genugtuung werde ich ihm nicht geben.
Wenn ich doch nur gewusst hätte, dass es noch so viel schlimmer kommen könnte …
Sarah
Kaum setze ich einen Fuß über die Schwelle des großräumigen Check-in-Bereichs des Hafens Baltimore, stellt sich ein Gefühl der Entspannung ein. Genau so habe ich es mir vorgestellt. Während ich warten muss, bis ich dran bin, reicht mir eine junge Dame mit Blumenkette um den Hals ein fruchtiges Getränk. Im Hintergrund erkenne ich den Gute-Laune-Song, den auch Sandra Bullock in dem Blockbuster Speed 2 – Cruise Control hörte, als sie an Bord ging. Ob das nun ein gutes Zeichen ist, oder nicht, sei mal dahingestellt.
Als ich meinen Namen sage, nimmt mir bereits ein Stewart meinen riesigen Koffer aus der Hand. Mein Vater hätte bei dem Anblick dieses Monstrums mit Sicherheit gefragt, wie lange ich denn verreisen wolle. Zehn Tage oder zehn Wochen? Aber so sind alle Dads, oder? Vermutlich wäre meine Mutter ihm sofort beigesprungen, wenn auch auf andere Weise. Eine Reise wie diese entspricht nicht ihren Vorstellungen eines Weihnachtsfestes. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum ich genau das tue und am 21. Dezember ein Kreuzfahrtschiff betrete, das mich fast zwei Wochen durch die Karibik schippern wird. Das bedeutet nämlich auch, dass ich zu Weihnachten nicht an Land sein werde. Oder zumindest nicht bei meiner Familie. Ich werde mir nicht die Streitigkeiten zwischen meinen Eltern und meinen Großeltern anhören. Und ich werde mich nicht von meiner älteren Cousine aushorchen lassen, ob ich denn endlich verstanden habe, dass es im Leben nicht nur ums Arbeiten geht und ich nach all den Jahren als Single nun doch einen Partner gefunden habe. Nein, ich werde ganz allein auf dem Sonnendeck liegen und mir einen bunten Cocktail mit kitschigem Schirmchen gönnen. Am besten poste ich davon ein Bild in meinem Status, damit sich alle zuhause darüber aufregen können. Und wer weiß? Vielleicht muss ich dann nie wieder zu irgendwelchen Feierlichkeiten erscheinen, weil ich die Tradition gebrochen habe und bei allen unten durch bin.
„Miss Johnson?“ Die Frau hinter dem Tresen lächelt mich an. Ich bekomme gerade noch mit, wie sie ihrem Kollegen, der für die Gepäckstücke zuständig ist, einen dezenten Hinweis gibt. „Ihre Kabine ist bereits fertig. Wenn Sie wollen, können Sie sofort an Bord gehen und sich in Ruhe einrichten.“
Der Mann neben ihr hat bereits aus einem Pappkarton ein hochwertig eingeschlagenes Päckchen hervorgeholt. Bevor er es mir übergibt, wirft er noch einen prüfenden Blick auf den Monitor seiner Kollegin. Seine Augenbrauen ziehen sich zusammen, dann schaut er zu mir und wieder zurück auf den Bildschirm. Deutlich irritiert beugt er sich zu der Frau und flüstert ihr etwas zu. Beide starren auf die Computeranzeige, anschließend wenden sie synchron den Blick zu mir.
„Ist etwas nicht in Ordnung?“, frage ich und versuche, das mulmige Gefühl in meinem Magen zu verdrängen.
„Darf ich bitte noch einmal Ihren Ausweis sehen, Miss? Ich glaube, es ist eine Verwechslung bezüglich der Kabine passiert.“
Mit leicht zittrigen Fingern hole ich meinen Ausweis hervor und reiche ihn ihr. Die beiden Mitarbeitenden nicken unisono und lächeln erleichtert. „Alles in Ordnung“, sagt die Frau und gibt mir die Karte sofort zurück. Ihr Kollege hingegen dreht sich um und verstaut das hübsche Päckchen wieder. „Die Koffer werden bis heute Abend vor die Kabinen gestellt“, erklärt die Frau abschließend. „Bei meiner Kollegin bekommen Sie ihre Bordkarte. Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Aufenthalt.“ Sie lächelt und scheint gedanklich schon bei dem nächsten Gast zu sein. Voller Vorfreude laufe ich weiter in das Terminal hinein.
Mein erster Eindruck der KC Paradise ist: wow! Ich war zuvor noch nie auf einer Kreuzfahrt und habe mir alles viel kleiner vorgestellt. Es ist wie ein All-inclusive-Urlaub nur in gigantisch. Und obwohl ich normalerweise lieber für mich bin und vor allem im Urlaub Ruhe möchte, macht mir der Trubel um mich herum nichts aus, denn in der Masse kann ich wunderbar untertauchen. Es gibt neben zahlreichen Restaurants und Bars eine Disco, ein Basketballfeld, eine Laufstrecke, Fotostudio, Casino und eine Boutique. Mein Plan für den ersten Tag, den wir nur auf See verbringen werden, ist es, ganz früh morgens im Pool schwimmen zu gehen. Anschließend möchte ich im schiffseigenen Fitnessstudio einen Pilates-Kurs besuchen und mich zur Belohnung im Spa massieren lassen. Als Werbetexterin verdient man zwar nicht die Welt, aber ich habe eine ganze Weile gespart und mir sogar eine Außenkabine gegönnt. Manchmal habe ich Probleme mit Reisekrankheit, deswegen wollte ich unbedingt ein Fenster. Und obwohl wir den Hafen noch nicht einmal verlassen haben, finde ich den Ausblick jetzt schon traumhaft. Auch das Bett ist gemütlich, die Einrichtung ansprechend und ich kann theoretisch sogar mein Standard-Yogaprogramm in der Kabine machen, falls ich mal keine Lust auf ein überfülltes Fitnessstudio habe.
Überall wuseln andere Reisende durch die Gegend und bestaunen – wie ich – die Räumlichkeiten, die uns die nächsten Tage beherbergen werden. In einem riesigen Atrium bekomme ich einen Flyer in die Hand gedrückt, auf dem das Entertainment-Programm für heute Abend und den morgigen Seetag abgedruckt ist. Zur Prime Time gibt es eine Welcome-Show mit Gesang, Mitmach-Quiz und sogar einem Comedy-Auftritt.
Als wir allesamt eine verpflichtende Notfall-Übung vollzogen haben und das Schiff offiziell ausgelaufen ist, reihe ich mich in die Schlange eines der weitläufigen Restaurants ein. Wieder einmal bin ich froh, dass ich allein reise, denn ich bekomme mühelos einen Sitzplatz, während mehrere Familien mit kleinen Kindern verzweifelt nach einem Tisch suchen, der groß genug für sie alle ist. So kommt es, dass ich früh mit dem Essen fertig bin, und beim Vorbeilaufen im Show-Bereich noch gähnende Leere herrscht. Obwohl ich normalerweise nicht viel für solche Events übrige habe, setze ich mich und lasse die Reise auf mich zukommen. Die Atmosphäre mit einer Mischung aus Vorfreude und aufgeregtem Stress gefällt mir außerordentlich und so merke ich kaum, wie schnell die Zeit vergeht, denn plötzlich sind alle Plätze um mich herum gefüllt und die Show beginnt.
Ich habe keine Ahnung, woran es genau liegt, aber ich bin vom ersten Moment an wie verzaubert. Vielleicht ist es, weil ich realisiere, dass ich all den Bürostress der letzten Monate endlich hinter mir lassen kann und tatsächlich nicht an Weihnachten auf heile Welt mit meinen Eltern machen muss. Auf jeden Fall ziehen mich das Leuchten der Scheinwerfer und die dröhnende Musik, die die Willkommensrede der Moderatorin untermalt, wie in einen Bann. Begeistert klatsche ich mit den anderen Zuschauern im Takt, als eine ganze Schar an Animateuren begrüßt wird. Sogar der seltsame Kontrast zwischen der liebevoll arrangierten Weihnachtsdeko und der sommerlichen Kleidung der Mitreisenden tut der Situation keinen Abbruch. Schließlich reicht mir auch noch ein Mann vom Service-Personal einen bunten Begrüßungscocktail, wie er ihn nennt, und alles ist perfekt. Zumindest so lange, bis der erste Kandidat der Mitmach-Quiz-Show aufgerufen wird. Erst denke ich noch, dass es ein Zufall ist, dass es solch eine Ähnlichkeit gibt. Aber als der blonde Mann sich erhebt und beim Lächeln seine übernatürlich strahlenden Zähne zeigt, besteht für mich kein Zweifel mehr.
„Guten Abend“, ruft die Moderatorin fröhlich. „Herzlich willkommen bei unserer Show. Wie ist dein Name?“ Sie hält ihm das Mikro entgegen, während Techniker herbeieilen und damit beginnen, ihm ein dezentes Mikrofon anzustecken.
„Hi, ich bin Sam.“
„Hallo Sam, schön, dass du mitmachst. Setzt dich doch schon mal auf einen dieser Sessel, während ich dir ein paar Mitspieler suche.“
Wie paralysiert beobachte ich, wie der Kandidat fröhlich in die Runde winkt. Als er sitzt, lässt er den Blick schweifen und es gelingt mir leider nicht, wegzuschauen, bevor er mich entdeckt. Zumindest vermute ich, dass er mich auch erkennt, denn sein Blick verharrt einen langen Augenblick auf mir. An seinem Gesichtsausdruck lässt sich keine Emotion ablesen, aber er muss mich einfach erkennen. Immerhin sitze ich recht exponiert am Rand des Ganges in der zweiten Reihe, noch dazu mit einem farbenfrohen Sommerkleid. Vermutlich steche ich regelrecht aus der Menge heraus. Doch nach ein paar Sekunden schaut er weg, ohne ein Lächeln, ein Winken oder sonst irgendetwas.
Aber was habe ich auch erwartet? Samuel Johnson ist ein egoistisches Arschloch, das zufällig in der gleichen Agentur arbeitet, wie ich. Er ist einer der Anwälte, die sich regelmäßig mit Leuten herumschlagen müssen, die behaupten, wir hätten ihren Wortlaut geklaut oder einen Werbespot zu ähnlich konzipiert. Ich selbst habe normalerweise nichts mit der Rechtsabteilung zu tun, aber speziell dieser Kollege verfolgt mich auf geradezu penetrante Weise. Dabei kann er nicht einmal etwas dafür. Wieso leitet er nicht – wie jeder normale Mensch – die fälschlicherweise erhaltenen Nachrichten mit einem simplen for your information an mich weiter?
Mein Puls schnellt nach oben, als ich realisiere, dass ich diesen unliebsamen Kollegen nun jeden Tag sehen werde, während meines wohlverdienten Urlaubs. Auf der Bühne werden nun noch zwei andere Kandidaten begrüßt. Samuel würdigt mich keines Blickes mehr. Dieser verdammte Mistkerl, wie kann er nur so ignorant sein. Oder hat er mich wirklich nicht wiedererkannt? Sollte ich vielleicht sogar froh darüber sein?
Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, bleibe ich sitzen und sehe mir die ersten beiden Rate-Runden an. Ich muss zugeben, dass sich Samuel sehr gut schlägt. Er kann einige Fragen sicher beantworten, bei denen ich jämmerlich falsch getippt hätte. Als der erste Kandidat ausscheidet und mit eindrucksvoller Lichtshow verabschiedet wird, verlasse ich geduckt meinen Platz und eile davon. Nach wie vor hoffe ich inständig, dass Samuel mich wirklich nicht erkannt hat oder mich zumindest nicht zuordnen kann. Ansonsten könnte diese Reise leicht zum Alptraum werden.
Sam
Als ich meinen ersten Gegenspieler aus der Quiz-Show kegele, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung, die nicht zum Rest der Menge passt. Beiläufig sehe ich in die entsprechende Richtung. Hatte ich es doch richtig erkannt, es ist tatsächlich Sarah Johnson aus dem Büro, die sich dort davonstiehlt.
Erst als sie weg ist, fällt mir auf, dass ich auf einmal kaum mehr Motivation habe, weiterzuspielen. Mit dem Wissen, dass sie im Publikum ist und mich beobachtet, hatte ich wenigstens einen Anreiz. Ich weiß, dass sie mich nur als einen arroganten Anwalt wahrnimmt, bei dieser Show hätte ich ihr zeigen können, dass ich viel mehr als das bin. Und wer weiß, vielleicht würde sie auch endlich verstehen, dass all die Kommentare bei den weitergeleiteten Mails nicht böse gemeint sind.
Irgendwie schaffe ich es trotzdem, das Quiz zu gewinnen, obwohl ich mir kaum mehr Mühe gebe. In einer vollkommen überzogenen Preisverleihung bekomme ich einen Casino-Gutschein über hundert Dollar. Immerhin.
Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Sarah hier irgendwo auf dem Schiff ist, würde ich am liebsten eine Runde gehen und sie suchen, doch irgendetwas sagt mir, dass sie sich entweder in ihrer Kabine verschanzt oder sowieso nicht mit mir sprechen würde. Also mache ich mich auf den Weg ins Casino, um meinen Gewinn direkt einzulösen.
Erwartungsgemäß ist die Ausstattung sehr spartanisch. Es gibt einen Tisch für Roulette-Fans und zwei weitere für Kartenspiele. Erst sehe ich eine Weile beim Poker in der Texas Holdem Variante zu, aber als beim Black Jack ein Platz frei wird, nutze ich die Chance und setze mich. Der Dealer nickt erfreut und begrüßt mich am Tisch.
Es ist eine Ewigkeit her, dass ich Black Jack gespielt habe. Eine Weile war es bei mir und meinen Kumpels total im Trend und wir haben uns alle zwei Wochen bei jemand anderem getroffen und ein paar Runden gespielt. Irgendwann hat mich der Ehrgeiz gepackt und ich habe mehr zufällig einen Artikel über das Kartenzählen gelesen. Was so harmlos klingt, ist genau genommen schummeln und offiziell verboten. Aber für eine Person mit fotografischem Gedächtnis – wie mich – ist es ziemlich schwierig, sich die Karten nicht zu merken. Es ist ähnlich, wie wenn jemand zu dir sagt: Denk jetzt bloß nicht an einen Elefanten! An was denkst du? Genau, an einen Elefanten.
Zu Beginn spiele ich mit niedrigem Einsatz, bis das Kartendeck getauscht wird. Und obwohl ich es nicht beabsichtige, merke ich mir automatisch, welche Karten schon vorgekommen sind und welche nicht. Sobald meine Gewinnrate steigt, setze ich mehr Jetons und schließlich bin ich richtig in Fahrt und gewinne eine Runde nach der anderen. Um unseren Tisch scharen sich viele Zuschauer, die Spieler neben mir wechseln, ohne dass ich es realisiere. Erst, als sich ein Mann mit Anzug und Knopf im Ohr neben den Dealer stellt, nehme ich mehr von meiner Umwelt wahr. Sicherheitshalber schraube ich meine Einsätze herunter, gewinne trotzdem, allerdings mehr per Zufall. Als erneut ein frustrierter Mitspieler aussteigt, kommt der Mann von der Security zu mir herüber.
„Sir? Würden Sie mir bitte folgen?“
Stumm sehe ich ihn an. Mist, so sollte das natürlich nicht laufen. Hilflos sehe ich auf meine Jeton-Stapel hinab. „Und was ist mit meinen Gewinnen?“
Missbilligend schaut der Mann auf mich herab. „Wir legen sie zur Seite, falls sich unser Verdacht nicht bestätigen sollte.“
Zehn Minuten später sitze ich in einer kleinen Zelle, die an ein Sheriff-Büro im Wilden Westen erinnert. Ich kann direkt auf einen Schreibtisch blicken, an dem ein Mann mit Offizier-Uniform sitzt. Neben ihm steht der Sicherheitsmann, der mich hierher geführt hat.
„Da“, sagt der Offizier und deutet auf den Bildschirm. „Diese Lippenbewegung. Daran sieht man ganz genau, dass er innerlich zählt.“
Sein Kollege von der Security knurrt etwas Unverständliches. Beide heben den Blick und sehen mich grimmig an.
„Tja, was soll ich sagen? Es saßen noch mehr Leute am Tisch, man unterhält sich eben. Aber das glauben Sie mir wahrscheinlich ohnehin nicht.“
„In diesem Punkt muss ich Ihnen recht geben, das tue ich tatsächlich nicht.“ Der Mann am Schreibtisch nickt und sieht wieder auf den Monitor, auf dem sie sich offenbar Videoaufzeichnung aus dem Casino ansehen. Kurz darauf öffnet sich die Tür, und eine recht kleine Frau, ebenfalls in Uniform, tritt ein.
„Diane, na endlich.“ Ihr Kollege erhebt sich und geht um den Tisch herum, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
Die Frau geht auf seinen Kommentar kein bisschen ein, sondern tritt näher an die Zelle und wirft mir einen Blick zu. Bei genauerer Betrachtung sieht sie ganz fröhlich aus, als wäre das hier eine willkommene Ablenkung. „Um was genau geht es hier?“, fragt sie in den Raum hinein und ich bin für einen Moment nicht sicher, ob ich etwas sagen soll oder nicht. Doch der Offizier nimmt mir die Entscheidung ab.
„Klarer Fall von Kartenzählen beim Black Jack. Er ist zuerst über die Kamera aufgefallen, Bruce hat ihn dann auch noch persönlich beobachtet. Es gibt keinen Zweifel.“
Na ja, einen Zweifel gibt es immer. Es könnte ja auch sein, dass ich mit mir selbst rede, um mich zu konzentrieren. Etwas Ähnliches denkt sich wohl auch Diane, denn sie wiegt den Kopf leicht hin und her, als würde sie das Gehörte abwägen.
„Sie wissen, dass das verboten ist, Sir, nicht wahr?“
„Ja, das weiß ich“, gebe ich zu. „Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich ein fotografisches Gedächtnis habe und es gar keine Absicht ist, dass ich weiß, welche Karten schon gespielt sind und welche nicht.“
Fast schon entschuldigend sieht mich die Frau an. „Ich weiß, dass es solche Menschen gibt. Aber es ist trotzdem gegen die Regeln, tut mir leid.“
„Heißt das, dass ich jetzt nie wieder Black Jack spielen darf?“
„Tja, ich weiß nicht so recht“, setzt sie an und legt den Kopf schräg. „Ich würde Ihnen jedoch raten, dass Sie sich zumindest hier auf dem Schiff von dem Black Jack Tisch fernhalten. Vielleicht haben Sie ja mal Lust, beim Pokern ihr Glück zu versuchen?“ Mit einem Seufzen geht sie zu dem Schreibtisch herüber und schaut auf den Monitor. „Und wegen der aktuellen Situtation, Mr. Johnson: Wir bräuchten jemand, der Sie hier abholt und eine kleine Kaution zahlt. Es war ein Verstoß gegen unsere Hausregeln, da müssen wir konsequent sein.“
„Knallhart durchgreifen“, ergänzt der Offizier und sieht mich streng an, während er seine Arme verschränkt hat.
Ohne auf ihn zu reagieren hebt die Frau wieder den Kopf und sieht mich an. „Reisen Sie denn mit jemandem zusammen?“
„Frau, Geschwister, Eltern, Tante, Onkel.“ Die leiernde Tonlage, in der der Mann die Möglichkeiten aufzählt, ist mehr als nervig. Das scheint auch seine Kollegin zu denken, denn hinter seinem Rücken verdreht sie theatralisch die Augen. Unwillkürlich muss ich an Sarah denken. Der Beziehung zwischen den beiden Schiffsmitarbeitern scheint eine ähnliche Abneigung zugrunde zu liegen, wie der zwischen Sarah und mir. Ich kann mir sogar richtig vorstellen, wie Sarah genau diesen Ausdruck auf dem Gesicht hat, wenn ich rede.
Und da kommt mir auf einmal eine Idee. Sie ist vollkommen hirnrissig und wird vermutlich auch nicht funktionieren, was mich in noch größere Schwierigkeiten bringen wird. Aber einen Versuch ist es wert.
„Ja, Sie können Sarah Johnson anrufen. Sie ist meine Ehefrau.“
Sarah
Als mein Kabinentelefon klingelt, zucke ich heftig zusammen. Zögernd hebe ich den Hörer ab.
„Hallo?“
„Mrs. Johnson?“ Eine unfreundlich klingende Männerstimme ist am anderen Ende der Leitung. „Chad Cunningham von der Sicherheit. Ihr Mann lässt bitten, dass Sie schnellstmöglich auf Deck drei kommen. Eine Kollegin wird Sie am Aufzug in Empfang nehmen. Danke.“ Und schon ist das Gespräch beendet.
Mrs. Johnson? Mein Mann? Da liegt definitiv eine Verwechslung vor. Auf den wenigen Tasten dieses minimalistischen Telefons finde ich keine Option, die zuletzt angenommene Nummer zurückzurufen. Aber einfach hier zu sitzen und den armen Mann warten lassen, der offensichtlich Hilfe seiner Frau benötigt, kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Also raffe ich mich auf, ziehe ein T-Shirt über mein enges Trägertop, das ich mir bereits als Schlafoutfit angezogen habe, und mache mich auf den Weg zu besagtem Deck. Ich muss an der Rezeption nachfragen, wie ich überhaupt dorthin komme, denn es gibt nur genau eine Stelle, an der die öffentlichen Aufzüge bis zu Deck drei fahren. Immerhin wartet wie angekündigt eine Frau auf mich, als sich die Türen des Fahrstuhls öffnen. Auf ihrem Namensschild steht Diane Charleston.
„Sarah Johnson?“, fragt sie vorsichtig und streicht sich nervös mit der Hand über die weiße Uniformhose. Als ich nicke, atmet sie erleichtert auf. „Sehr gut. Vielen Dank, dass Sie kommen konnten. Wir haben hier ein kleines Problem mit ihrem Mann.“
Ich weiß, dass es an Bord eine Krankenstation gibt, und rechne schon fast damit, dass ich genau dorthin geführt werde. Jedoch gehen wir in eine Kabine, die wie ein Büro aussieht, abgesehen von einem Bereich, der mit Gitterstäben abgetrennt ist. Und hinter diesem Gitter sitzt niemand Geringeres als Samuel Johnson. Ein schuldbewusstes Lächeln huscht über sein Gesicht, als er mich sieht.
„Ah, da ist sie ja“, brummt ein junger Mann, der am Schreibtisch sitzt. Ist das der Typ vom Telefon? Der Tonfall passt, aber ich kann die Schrift auf seinem Namensschild nicht erkennen.
„Also Mrs. Johnson, wir haben Sie gerufen, weil es einen Vorfall im Casino gab, bei dem ihr Mann beteiligt war“, setzt Diane zu einer Erklärung an.
„Er war der Vorfall“, fällt ihr der Mann ins Wort. An den Streifen auf seiner Schulter nach zu urteilen ist er mindestens einen Rang unter seiner Kollegin, doch sie scheint seine unhöfliche Art gewohnt zu sein und ignoriert sie geflissentlich.
„Schatz, du weißt doch, dass ich dieses fotografische Gedächtnis habe“, ergreift nun Samuel das Wort und die Art, wie er Schatz sagt, verschafft mir eine Gänsehaut. Langsam nicke ich, kann mich aber kaum auf seine Worte konzentrieren. Was geht hier vor? „Dieser Gentleman behauptet, ich habe beim Black Jack die Karten gezählt. Dabei habe ich das keinesfalls bewusst getan.“
„Das äh – ich weiß nicht …“. Ein wenig hilflos sehe ich mich zu Miss Charleston um. „Warum wurde ich jetzt gerufen? Muss ich etwas tun?“
„Ma’am, ein solcher Regelverstoß ist eine Straftat. Im Prinzip müssen Sie nun entscheiden, ob Sie die Kaution für ihn bezahlen, oder er muss für eine Weile in Gewahrsam bleiben.“
Oha. Damit habe ich nicht gerechnet. Nachdenklich mustere ich Samuel, der in seiner Zelle ganz handzahm aussieht. Wegen eines guten Gedächtnisses kommt man gleich ins Gefängnis? Und vor allem, was passiert mit ihm, wenn ich ihn auffliegen lasse? Das ist Vortäuschung falscher Tatsachen, und zwar nicht zu knapp. Er als Anwalt sollte das wissen. Andererseits habe ich indirekt schon bestätigt, dass ich seine Frau bin, ein Dementi würde für noch mehr Verwirrung sorgen.
„Wie hoch ist denn die Kaution? Ich weiß nicht, ob ich so viel Bargeld dabei habe.“
Eindringlich sieht mich mein nervtötender Kollege an, sagt jedoch nichts. Aus irgendeinem Grund kann ich den Blick nicht von ihm nehmen.
„Vierhundert Dollar“, höre ich die Stimme der Frau sagen. „Aber Sie können auch über das Bordkonto abrechnen, oder per Kreditkarte zahlen, das ist kein Problem.“
„Wird sogar lieber gesehen“, ergänzt der Mann in lauter Tonlage. „Wir hatten schon ganz schlechte Erfahrungen mit Bargeld gemacht.“ Irritiert wende ich nun doch den Blick von Samuel ab und beobachte, wie der uniformierte Mann zurück zum Schreibtisch geht. „Ich kann Sie gleich abkassieren, dafür müssen Sie nicht extra an die Rezeption oder so.“
„Ähm, ehrlich gesagt müsste ich erst noch mal auf die Kabine. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich meine Kreditkarte brauchen würde.“
Der Offizier quittiert diese Verkündung mit einem genervten Schnauben. Seine Kollegin hingegen nickt mir aufmunternd zu. „Natürlich. Sie finden den Weg alleine?“
„Ja“, entgegne ich und bin schon fast aus der Tür raus, als ich Samuels Stimme höre.
„Schatz? Kann ich dich kurz sprechen?“
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass der Offizier bereits intervenieren will, doch ich hebe abwehrend die Hand in seine Richtung. „Nachher. Ich bin gleich wieder zurück.“
Auf dem Weg zu meiner Kabine schlägt mein Herz ganz wild. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, warum ich bei diesem Unsinn mitmache. Vielleicht sollte ich einfach nicht zurückkehren und wenn sie mich erneut anrufen, kläre ich auf, dass ich gar nicht mit diesem Kerl verheiratet bin. Immerhin kann ich es ja beweisen. Zur Not sollen sie bei der Sozialversicherung anrufen oder was auch immer man in solchen Situationen macht.
Trotzdem habe ich mein Ich bin gleich wieder zurück ernst gemeint. Immerhin muss ich voraussichtlich Samuel noch eine ganze Weile regelmäßig sehen, vielleicht sogar irgendwann mit ihm zusammenarbeiten. Ihn auf unbestimmte Zeit wissentlich in einer Zelle sitzen zu lassen wäre da eine mehr als negative Voraussetzung.
Außerdem ist es irgendwie ein aufregendes Gefühl, seine Komplizin zu sein. Fast fühle ich mich wie Bonnie, während er Clyde ist. Und Bonnie hätte Clyde auch nicht im Stich gelassen. Mit ihm verbindet mich mehr, als mit allen anderen hier an Bord.
Fünf Minuten später bin ich wieder auf dem Rückweg, mitsamt meinem Portemonnaie. Samuel sieht ein wenig erstaunt aus, als ich tatsächlich erscheine, doch ich schenke ihm keine weitere Beachtung, sondern gehe sogleich zu dem Schreibtisch hinüber. Miss Charleston von vorhin ist offenbar nicht mehr anwesend.
„So, hier bitte“, sage ich und reiche dem Mann die Karte. Es ist wirklich Chad Cunningham vom Telefon. Auch er sieht mich ungläubig an, dann breitet sich ein abfälliges Grinsen auf seinem Gesicht aus.
„Das ging ja schnell. An Ihrer Stelle hätte ich ihn ruhig noch ein wenig schmoren lassen.“
„Kann ich mir gut vorstellen“, entgegne ich knapp und fuchtele mit der Karte bis er sie endlich nimmt. „Ich hingegen möchte meinen Mann schnellstmöglich wiederhaben. Also bitte sehr.“
Betont langsam nimmt er mir die Kreditkarte ab und steckt sie in ein Lesegerät, dabei schüttelt er den Kopf, als würde er sich über meinen Geisteszustand wundern. „So, vierhundert hatten wir gesagt.“ Er klickt etwas auf dem Computer herum. „In Ordnung, sind hiermit weg.“ Erneut grinsend gibt er mir die Karte zurück. „Ich danke. Vielleicht sollten Sie ihren Mann von nun an an die kurze Leine nehmen.“
Mir fallen tausend Antworten auf die unangebrachte Art dieses Kerls ein, aber ich schleudere ihm keine davon an den Kopf. Wieso auch? Ich will keinen Ärger. Und es geht nach wie vor um Samuel Johnson, dem ich hoffentlich nach diesem Vorfall nicht mehr auf dem Schiff über den Weg laufen muss.
„Lassen Sie ihn dann jetzt bitte raus?“
Sam
Fast schon in Zeitlupe sucht der Uniform-Typ an seinem Bund nach dem richtigen Schlüssel. Erst als er offensichtlich gefunden hat, wonach er gesucht hat, erhebt er sich und trottet zu meiner Zelle herüber. „Wie haben Sie denn diese Frau gefunden, die sie auch noch ohne Gezeter aus dem Gefängnis freikauft.“ Mit einem metallischen Klacken öffnet sich die Tür, doch der Kerl tritt nicht beiseite. „Kommt wahrscheinlich noch, sobald niemand dabei ist, was?“
Mein Blick huscht zu Sarah, die mich durchdringend ansieht. Als sich unsere Blicke treffen, verdreht sie die Augen und schaut schnell weg. „Schönen Abend noch“, zwinge ich mich, zu sagen, obwohl mir ganz andere Worte auf der Zunge liegen. Dann schiebe ich mich an ihm vorbei.
Sarah stapft wortlos voraus, geradewegs auf den Fahrstuhl zu. Ich kann es ihr nicht verdenken. Keine Ahnung, wie ich reagieren würde, wenn jemand bei mir anrufen würde und so etwas Seltsames behaupten würde, wie es bei ihr der Fall gewesen ist. Allein, dass sie überhaupt gekommen ist, grenzt für mich an ein Wunder. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie mich hasst. Umso mehr bin ich erstaunt, dass sie sogar die Kaution bezahlt hat.
„Können wir irgendwo reden?“, frage ich, als der Aufzug verhältnismäßig lange auf sich warten lässt.
Sie blickt über ihre Schulter, vermutlich um zu prüfen, ob der unsympathische Kerl uns hinterherschaut. Ihre Antwort ist ein Nicken, ihr Gesichtsausdruck sagt jedoch mehr als tausend Worte. Offenbar hat sie absolut keine Lust, noch mehr Zeit mit mir zu verbringen.
„Ganz oben“, bestimmt sie entschieden, als wir endlich innerhalb der Fahrstuhlkabine sind und sich die Schiebetüren geschlossen haben. „Bei diesem Sportbereich. Da sind wir draußen.“
Zwar habe ich keine Ahnung, ob sie nur nicht mit mir in einem Raum sein will oder ob sie vermeiden möchte, dass jemand unser Gespräch anhört. Da es mir jedoch egal ist, wo wir hingehen, stimme ich zu.
Für Außenstehende ist es bestimmt ein seltsames Bild, wie wir schweigend nebeneinander herlaufen, das Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, während alle anderen um uns herum feiern, dass wir nun auf dem Weg in die Karibik sind. Obwohl hier alles neu für uns ist, scheint Sarah ganz genau zu wissen, wo wir hin müssen. Erst als wir auf der komplett falschen Seite des Sportdecks ankommen, erahne ich, dass sie doch keinen perfekten Plan hat. Beiläufig beobachte ich sie, während ich zwei Schritte hinter ihr laufe. Mit aufeinandergepressten Lippen eilt sie zügig weiter. Ich wüsste zu gern, was in ihrem Kopf vorgeht.
„Ha – der Basketball-Platz ist leer“, ruft sie triumphierend. „Sehr gut.“
„Du möchtest jetzt Basketball spielen?“, frage ich gespielt verwundert, dabei weiß ich natürlich, was sie meint. Hier sind wir ungestört. Mit einem mordlustigen Blick wendet sie sich zu mir um. Mist, vielleicht sollte ich zumindest heute mal versuchen, sie nicht immer gleich auf die Schippe zu nehmen. Immerhin hat sie mir gerade den Arsch gerettet. Also hebe ich entschuldigend die Hände. „Sorry! Vergiss, was ich gesagt habe. Ich finde das ist ein guter Platz zum Reden.“
Mit einem wütenden Kopfschütteln führt sie ihren Weg fort, bis sie innerhalb des durch Gitter und Netze abgesicherten Bereichs ist. Dann bleibt sie stehen und dreht sich zu mir um. Sofort geht sie in Abwehrhaltung, verschränkt die Arme vor der Brust und funkelt mich angriffslustig an.
„So – und jetzt los. Was zur Hölle sollte das?“
Natürlich habe ich schon in der Zelle darüber nachgedacht, wie ich ihr all das erklären soll. Aber jetzt, wo sie vor mir steht, wollen mir die richtigen Worte nicht mehr einfallen. Um Zeit zu gewinnen, schiebe ich die Hände in die Hosentaschen und lasse den Blick schweifen. Das Schiff befindet sich bereits auf hoher See, in der Dunkelheit kann ich kein Land mehr erkennen. Man hört ein leises Rauschen, spürt ein stetiges Vibrieren und ein kühler Wind weht Sarah ein paar lose Strähnen ins Gesicht.
„Ich kann mir vorstellen, wie sauer du jetzt sein musst. Natürlich werde ich dir die Kaution komplett bezahlen, das ist selbstverständlich.“
Sarahs Brust hebt und senkt sich schnell. „Wie bist du nur auf diese Geschichte gekommen? Was ist, wenn das jemand nachprüft? Wir haben ja nicht einmal dieselbe Kabine. Hat die das nicht gewundert, oder wie?“
Gleichgültig zucke ich mit den Schultern. „Ich habe einfach behauptet, dass wir aus familiären Gründen in separaten Kabinen untergebracht sind und ich mir deine Kabinennummer noch nicht gemerkt habe. Sie haben dann im System nach deinem Namen gesucht, das hat glücklicherweise funktioniert.“
„Unfassbar.“ Ungläubig schüttelt sie mit dem Kopf und streicht sich dabei die Haare aus der Stirn. „Warum müssen wir ständig mit unfähigen Menschen zu tun haben? Erst können sie keine Mails an die richtigen Leute schicken, jetzt glauben sie einfach Behauptungen, die von jemandem kommen, der scheinbar im Casino betrogen hat.“ Gerade will ich zu einer Erklärung ansetzen, als sie auch schon abwehrend die Hände hebt. „Nein lass, ich will es gar nicht wissen.“ Sie lässt die Arme sinken und sieht mir zum ersten Mal für länger in die Augen. „Ich will, dass wir uns von jetzt an aus dem Weg gehen – vor allem hier auf dem Schiff.“
Ihre Worte versetzen mir einen seltsamen Stich in die Magengegend. Zwar hatte ich mit so etwas gerechnet, es jedoch von ihr zu hören, macht mich irgendwie betroffen. Doch sie ist noch nicht fertig.
„Und wenn wir wieder im Büro sind, hörst du endlich auf damit, falsch empfangene Mails mit unangebrachten Kommentaren weiterzuleiten. Wir werden nicht miteinander reden, uns auf dem Flur ignorieren und wenn jemandem auffällt, dass wir beide gleichzeitig eine Karibikkreuzfahrt unternommen haben, werden wir behaupten, dass wir uns nicht getroffen hätten.“
