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"Wer braucht schon eine Null" ist die zweite romantische Komödie aus der Feder von Christine Corbeau. Die rasante Story rankt sich um die Studentin Martha, die ihren Freund Simon sehr vermisst, weil er sein Studium in Riga absolviert, sodass sich die beiden nur sehr selten sehen konnten. Durch ein fatales Telefonat der beiden macht Martha einen Fehler beim Hochladen ihrer Master-Arbeit und muss nun um ihre berufliche Zukunft bangen. Ihre eigentlich geplante Reise nach Riga wird durch weitere Katastrophen quasi unmöglich und schließlich erhält Martha Grund zu der Annahme, dass Simon alles sabotiert, weil er in Riga eine andere Frau gefunden hat. In dieser Situation erhält Martha die Einladung ihrer Freundin Agata zu einer gemeinsamen Rundreise durch Andalusien, die sie nur zu gern annimmt. Im turbulenten Verlauf des Mädelstrips trifft sie auf einige Personen, die Martha zum Nachdenken darüber bringen, wie sie sich ihr Leben allgemein, aber auch ihr Liebesleben zukünftig vorstellt.Die Antwort darauf findet Martha schließlich genau zu dem Zeitpunkt, als ihr alles aus den Fingern zu gleiten scheint.
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Kommt mit mir nach Andalusien
Inhaltsverzeichnis
Title Page
Das ist kein Inhaltsverzeichnis
CUNT
Simon … ist nicht allein zuhaus
OMG
WTF
BFF
Simon … ist am Rande des Nervenzusammenbruchs
OTW
WTHIN
XOXO
Simon … ist im Netz der Versuchung
LAGO
Simon … Alkohol setzt Kräfte frei
ICQ
::poof::#1
Simon … ist verzweifelt auf der Suche
@TEOTD
GL
Simon … macht eine unglaubliche Reise
#403
::poof::#2
GTA: Al-Andalus
Simon … ist im Geheimdienst ihrer Wohlgeboren
2GTR@L
Simon … ist fast da
AWTEW
Epilog
Bevor Sie gehen
Bereits erschienen
Leseempfehlung 1
Leseempfehlung 2
Impressum
Liebe Leserin, lieber Leser,
da Martha, die Hauptperson dieser Geschichte, zu den Digital Natives zählt, also zu den Personen, für die technische Geräte fast schon eine Verlängerung ihrer Gliedmaßen darstellen, beherrscht sie den einen oder anderen Begriff, der selbst mir erst durch Internet-Recherchen klar wurde. In der Geschichte selbst habe ich es ihr weitgehend austreiben können, aber sie hat darauf bestanden, wenigstens ihre Kapitel benennen zu dürfen. Um Ihnen meine Nachforschungen zu ersparen, habe ich hier eine Liste der Begriffe mit ihren Übersetzungen.
CUNT – See you next time – Ich seh dich später mal
OMG – Oh my god – Oh mein Gott
WTF– What the f**k – Was zur Hölle
BFF – Best friend forever – Allerbeste(r) FreundIn
OTW – On the way – Auf dem Weg
WTHIN – What the hell is next – Was kommt denn jetzt noch
XOXO – Hugs and kisses – Umarmungen und Küsse
LAGO – Life always goes on – Das Leben geht weiter
ICQ – I seek you – Ich suche dich
::poof:: – And now he/she/it is gone – Und weg ist er/sie/es
@TEOTD – At the end of the day – Am Ende des Tages
GL – Good luck/Get lost – Viel Glück/Hau ab
#403 – Access denied – Zugriff verweigert
2GTR@L – Together at last – Endlich zusammen
AWTEW – All’s well that ends well – Ende gut, alles gut
Und jetzt wünsche ich viel Spaß mit Martha.
Okay, konzentrier dich, du hast nur diese eine Chance.
Ich rieb mir die verquollenen Augen und starrte so intensiv, wie es nach einer Nacht fast ohne Schlaf eben möglich war, auf das Display meines Notebooks. Die Schrift in den Fenstern war dermaßen winzig, dass mir überhaupt nur deswegen klar war, was dort geschrieben stand, weil ich nahezu jede Nacht davon träumte. In den letzten Monaten war ich den Inhalt meiner Master-Arbeit so oft durchgegangen, dass ich mittlerweile nicht nur den Text frei rezitieren konnte, sondern auch wusste, dass die Endfassung genau 3847 Kommas beinhaltete. Ungefähr 2000 von ihnen störten mich persönlich eher beim Lesen, aber meine Dozentin wurde nicht müde, mir einzubläuen, dass ich schließlich einen wissenschaftlichen Text verfasste und keine Urlaubskomödie. Überhaupt war Appolonia Zacken-Barsch nicht der Typ Mensch, mit dem man diskutierte oder den man leichtfertig enttäuschte.
Und doch bist du kurz davor, eins von beidem zu tun.
Ich summte eine langsame Kadenz und bewegte dabei meinen Kopf hin und her, um ihn vielleicht etwas klarer zu bekommen. Das musste ich, denn nur so würde ich es schaffen, die Katastrophe doch noch abzuwenden.
Wie hab ich es bloß so weit kommen lassen können?
Das war im Prinzip ganz einfach erklärt. Ich hatte mich etwa ein halbes Jahr lang in Sicherheit gewiegt, dass ich mein Thema gut im Griff hätte und das reine Aufschreiben nur noch eine Formsache wäre. Einen Wasserschaden und einen verlorenen USB-Stick später hatte ich mir vor drei Wochen eingestehen müssen, dass ich nur dann ein wenigstens halbwegs brauchbares Ergebnis abliefern könnte, wenn ich von nun an fast Tag und Nacht durcharbeitete.
Und das hatte ich getan.
Jetzt musste ich die Daten nur noch auf den Uni-Server hochladen – und zwar bis spätestens 12 Uhr. Dumm nur, dass mein zweiter Monitor heute früh den Geist aufgegeben hatte. So blieb mir nichts anderes übrig, als die vielen Audiodateien, die ich für die phonetische Auswertung gesammelt hatte, nun am halb so großen Bildschirm meines Notebooks zu überprüfen, bevor ich alles zusammen wegschickte.
In diesem Moment gab der Laptop einen Signalton von sich und zu den bereits geöffneten Fenstern gesellte sich ein weiteres.
Was denn jetzt? Festplatte voll? Akku runter?
Auf meiner Stirn brach Schweiß aus. Ich rieb mir mit den flachen Händen übers Gesicht und zwinkerte mit den Augen. Aber die Miniatur-Buchstaben verschwammen. Ich konnte sie nicht erkennen.
Hilft nix. Das muss größer.
Also änderte ich die Auflösung des Monitors, bis ich in der Lage war, zu lesen, was dort geschrieben stand.
»11:00 Uhr: Skypen mit Simon«, sagte die Aufschrift der Terminerinnerung, die nun groß und breit auf dem Bildschirm prangte. Sofort lief mir ein angenehmer Schauer den Rücken hinunter.
Simi. Endlich. Ich weiß schon fast nicht mehr, wie er aussieht.
Seit Simon zum Auslands-Teil seines Studiums nach Riga aufgebrochen war, mussten wir beide damit leben, dass sich unsere Beziehung auf das reduzierte, was man online erledigen konnte. Aber gepostete Selfies und noch so viele küssende Emojis konnten auf die Dauer nicht die leisen Atemgeräusche in meinem Ohr, das verschlafene Lächeln im Morgenlicht oder die sanfte Berührung seiner Fingerspitzen auf meiner Haut ersetzen. Von handfesteren Dingen mal ganz abgesehen. Aber heute würde es zumindest einen kleinen Ausgleich geben.
Ein seliges Schmunzeln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
Ausgerechnet heute, bemerkte eine Stimme in meinem Kopf, die nach einem Doppelnamen klang. Ausgerechnet jetzt.
Das Schmunzeln erstarb.
Ich warf hektische Blicke auf die Uhr und den Zettel, auf dem ich die zu prüfenden Dateien aufgeschrieben und zum Teil auch abgehakt hatte.
Das schaffe ich.
Bist du dir da so sicher?
Musst du immer die Spielverderberin geben? Ich werde es hinbekommen. Ich will ihn sehen. Ich brauche das jetzt.
Wenn du meinst. Dann solltest du aber wenigstens vorher noch etwas anderes tun, als nur auf den Monitor zu starren.
Ertappt zuckte ich zusammen, fuhr mir durchs Haar und fing dann an, die nächste Datei mit der Transkription und meiner Auswertung zu vergleichen. Nach zwei weiteren erledigten Punkten auf der Liste öffnete ich schon mal das Skype-Fenster, auch wenn es bis zu Simons Anruf noch fast zehn Minuten hin war. Trotz Ungeduld und Vorfreude, die wie ein Bündel bunter Luftballons in meinem Inneren immer größer wurden, gelang es mir, konzentriert weiterzuarbeiten. Als ich das nächste Mal einen Blick auf die Uhr riskierte, stutzte ich. Es war schon mehr als zehn Minuten über die Zeit.
Shit, hab ich den Klingelton abgeschaltet?
Hektisch klickte ich auf ein paar der Fenster, damit sie sich minimierten und den Blick auf das Skype-Fenster freigaben. Aber dort wurde kein verpasster Anruf angezeigt. Stirnrunzelnd checkte ich noch einmal den Kalender im Rechner und den Zettel an meiner Pinnwand.
Gnade ihm Gott, wenn der Kerl das vergessen hat!
Ich wollte gerade selbst einen Anruf starten, als ich hinter mir ein seltsames dumpfes Geräusch hörte. Ich drehte mich auf dem Stuhl herum und lauschte. Sekunden später hatte ich die Töne erkannt. Kein Zweifel, das war »All of me« von John Legend, der Klingelton, den ich vor einer halben Ewigkeit für Simon in meinem Handy eingerichtet hatte.
Telefon? Oldschool? Ernsthaft?
Ich sprang auf und hastete zum Bett. Dort musste ich erst einmal eine Weile suchen, weil ich das Handy anscheinend im Halbschlaf nach dem Abschalten des Weckers unter das Kopfkissen gestopft hatte. Das Display zeigte Simon, wie er mit leicht schräggelegtem Kopf von unten herauf in die Kamera schaute, sein patentiertes halbes Lächeln auf dem Gesicht.
Ein Lächeln, um das zu sehen er dich gerade bringt.
Aber der Stich, mit dem der Gedanke durch meinen Kopf geschossen war, verebbte sofort, als ich mich an den Moment erinnerte, in dem das Bild aufgenommen worden war.
Ich war zusammen mit den anderen aus der WG im Kletterwald gewesen. Alle waren wir über die verschiedensten Parcours geklettert, bis wir schließlich an dem Punkt angelangt waren, wo man sich an einer Liane in die Tiefe stürzen sollte. Hier hatte Simon der Mut verlassen. Er kam weder vor noch zurück und stand immer noch auf der Plattform, als ich ebenfalls eintraf. Nach einem Blick in den Abgrund hatte ich selbst zwar spontan große Lust verspürt, dort einfach hinunterzuspringen. Angesichts seines Dilemmas sagte ich davon aber nichts und überredete Simon stattdessen, sich zusammen mit mir abseilen zu lassen. Kaum waren wir unten angekommen, da fingen die anderen an, etwas irrsinnig Witziges über Jane, Tarzan und eine Liane zu erzählen. Ich hatte mit dem Handy eigentlich ein Foto der Plattform machen wollen. Da hörte ich neben mir ein Räuspern und drehte mich um. Dabei musste ich den Auslöser betätigt haben. Ich schaute nicht einmal aufs Display. Ich schaute in seine Augen. Und mit einem Mal breitete sich ein angenehm warmes Gefühl in meiner Mitte aus. Etwas, das ich bisher noch nie empfunden hatte, wenn ich Simon ansah. »Danke, dass du das für mich getan hast«, raunte er mir zu und zu dem Gefühl gesellten sich Schauer, die mir über Nacken und Arme liefen. In diesem Moment schien etwas zwischen uns abgemacht worden zu sein, ohne dass wir es aussprechen mussten. Ich verbrachte ab da die meiste Zeit in seinem Zimmer. Als in der WG ein größerer Raum frei wurde, zogen wir direkt zusammen dort ein. Dann ging Simon im letzten Frühjahr nach Lettland. Und unser gemeinsames Reich wirkte mit einem Mal öd und leer.
Kaum dass ich das Gespräch angenommen hatte, tönte Simons Stimme aus dem Hörer.
»Hey, Honey. Na, wieder nach dem fünften Mal Schlummer-Taste das Handy im Bett vergraben?«
Ups, ertappt.
Spontan musste ich grinsen. Die Luft, die ich geholt hatte, verhakte sich irgendwie und aus dem geplanten »Hi« wurde ein Hustenanfall, der nicht enden wollte.
»Oje, alles klar bei dir?«, tönte es aus dem Hörer. »Hast du zu oft Tonübungen mit den Vibranten gemacht oder bist du krank, Süße?«
Ich warf das Handy von mir und sank aufs Bett. Dort schloss ich die Augen und versuchte die unverständlichen Töne aus dem Hörer zu ignorieren, während ich mich darauf konzentrierte meinen Atem zu beruhigen.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen …
Schließlich konnte ich das Telefon wieder aufnehmen.
»Sorry«, krächzte ich hinein. »Da hatte sich was verhakt.«
»Wow, hätte nicht gedacht, dass ich dir auch auf diese Entfernung den Atem raube.«
»Penner«, antwortete ich schmunzelnd.
»And proud of it.«
»Und wo wir schon mal bei Pennern sind. Habe ich da was verpennt? Wir wollten doch eigentlich skypen, oder?«
Spontan änderte sich Simons Stimmlage. Es war zwar sehr subtil, aber ich hatte für die Arbeit in den letzten Monaten einfach zu oft auf so etwas achten müssen, um es nicht zu bemerken. Er klang ertappt und ich konnte vor meinem inneren Auge förmlich das leicht säuerliche Grinsen sehen, das er in solchen Situationen aufsetzte. Wie gern hätte ich ihm jetzt die Haare zerstrubbelt. Das konnte er nicht leiden. Die Retourkutsche wäre bestimmt zu einer Balgerei geworden, die uns früher oder später ins Bett …
»… oder meinst du nicht?«, riss mich Simon aus meinem Wunschbild.
»Wie … äh, was?«
»Na hör mal«, rief er in gespielter Empörung. »Ich berichte dir, was mich plagt, schütte dir geradezu mein Herz aus, und du … du hörst nicht mal richtig zu.« Er gab ein übertrieben langgezogenes Seufzen von sich.
»Ups, sorry. War gerade abgelenkt. Könntest du nochmal die Kurzfassung …«
Simon kicherte verhalten. »So verpeilt habe ich dich gar nicht in Erinnerung. Das ist doch eher mein Part. Aber egal, ich hab nur gesagt, dass das WLAN hier gerade ständig abkackt. Und mein Datenvolumen ist auch total down. Also war mit Skype nix zu machen und …«
Er redete noch weiter, gab Grund um Grund dafür an, dass unser lang verabredetes Treffen nicht in der Art stattfinden konnte, wie wir es uns erhofft hatten.
Hey, ruhig Brauner, die ersten beiden Argumente hätten schon gereicht.
Während ich Simon zuhörte, bekam ich das Gefühl, dass er nicht ganz ehrlich mit mir war. Abgesehen von der unnötigen Fülle an Worten bemerkte ich in seiner Stimme auch einen leicht ansteigenden Stresslevel. Ich wollte ihn schon unterbrechen, als ich auf seiner Seite das Klappen einer Tür hören konnte. Sofort geriet Simons Redeschwall ins Stocken. Er schien sich umzudrehen, denn seine nächsten Worte waren undeutlich und eindeutig nicht an mich gerichtet. Er murmelte etwas auf Englisch, bevor er sich mit einem Seufzen wieder dem Telefon zuwandte.
»Hast du Besuch bekommen?«, fragte ich, als er sich meldete.
»Nee, nur ein Mitbewohner. Ist früher zurückgekommen und will jetzt kochen. Das wird mir dann hier zu laut.«
»Na dann geh doch in dein Zimmer, ist eh privater.«
»Schon auf dem Weg«, bestätigte er und ich konnte hören, wie er aufstand und den Raum wechselte. »Aber sag mal, wie läuft’s denn bei dir gerade so?«
»Hmm, ich denke, dass ich alles fertig habe. Muss es nachher nur noch hochladen.«
»Und sonst? Was macht die Salsa-Front? Hast du den zweiten ‘Mamma Mia’ schon gesehen?«
Mann, Junge. Denkst du, ich bohr mir hier in der Nase?
Ich rang den Gedanken nieder und versuchte, auch nichts davon in meinen Worten anklingen zu lassen.
»Das konnte ich bisher vollkommen vergessen. Die glauben im Soda wahrscheinlich, dass ich ausgewandert wäre. Und den Film … na ja, wär schon schön gewesen, ihn zu sehen, aber vollkommen abgesehen davon, dass ich in den letzten Wochen die Nacht zum Tag machen musste, um mit den Dateien klarzukommen, hätte es auch niemanden gegeben, mit dem ich ihn mir hätte anschauen wollen. Agata düst gerade in der Weltgeschichte rum, Melli ist frisch verliebt und unzertrennlich …«
»Und ich bin in Riga«, beendete Simon den Satz für mich.
»Du wärst mitgekommen?«
»Klar, Honey. Du weißt doch, dass ich für dich das Licht nachts brennen lassen würde, selbst wenn ich dann schwer schlafen könnte.«
Gänsehaut flutete meinen Körper und die Kehle wurde plötzlich eng, als ich die Andeutung erkannte und mich daran erinnerte, wie ich Simon den Song zum ersten Mal singen gehört hatte. Auch wenn wir alle an dem denkwürdigen Karaoke-Abend in der WG ziemlich besoffen gewesen waren und die meisten Darbietungen in einem Schwall von Gelächter untergingen, hatten sich doch in diesem Moment unsere Blicke getroffen. Und in seinem hatte etwas gelegen, das nach »Ich meine es, wie ich es sage« klang. Sofort war da wieder das warme Gefühl, das alle Fragen und Vorbehalte fortwischte und mich unwillkürlich lächeln ließ.
»Es ist schön, das zu wissen, aber noch viel schöner, es jetzt noch einmal zu hören«, krächzte ich und schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.
Und dann fing es an, schiefzulaufen.
Als ob Simon nur darauf gewartet hätte, dass ich in einer positiven Stimmung wäre, sprudelten die Worte aus ihm heraus, die er zuvor vermutlich mühevoll zurückgehalten hatte.
»Auf jeden, Süße. Du kannst auf mich zählen, selbst wenn es noch etwas länger dauern könnte, bis wir uns wiedersehen.«
»Moment«, setzte ich an, aber Simon beachtete es nicht und redete in einem euphorischen Tonfall weiter, den ich bei ihm sonst nur von Berichten über neue Motorengenerationen für Autos oder Spielberichte seines Lieblings-Fußballclubs kannte.
»Weißt du, ich habe gerade gestern ein Hammer-Angebot bekommen. Ich kann hier nicht nur mein Internship verlängern, sondern tatsächlich den kompletten Master betreut bekommen. Das hat ein ganz anderes Gewicht, als wenn ich ihn nur in Deutschland machen würde. Und wenn ich den dann habe, dann haben sie mir in Aussicht gestellt, dass …«
Seine folgenden Worte perlten an mir ab, denn in diesem Moment dröhnte eine ganz andere Stimme in meinem Kopf, die mich für alles Weitere taub machte.
Der gesamte Master. Das bedeutet noch mindestens anderthalb Jahre mehr. Achtzehn Monate. Über fünfhundert Tage ohne ihn. Das kann er nicht ernst meinen.
»Ist das nicht cool?«, rief Simon, inzwischen völlig außer Atem von seinem Vortrag.
»Hast du sie noch alle?«, waren die ersten Worte, die ich ihm entgegenrufen wollte. Doch sie wurden von Frau Doppelname aus meinem Hinterkopf gebremst.
Nicht so hetzen, junge Dame. Denk nach. Das ist eine große Chance für ihn. Wer bist du, dass du sie ihm madig machen willst, nur weil du der Meinung bist, nicht damit klarzukommen, dass du dann so lange von ihm getrennt bist?
»Natürlich ist sie das«, dachte ich frustriert. Oder hatte ich laut gesprochen?
Ich musste es wohl getan haben, denn die Wirkung war durchschlagend.
»Waas … wie … äh, wen meinst du?«, keuchte Simon.
»Wen ich meine?«
»Na mit ‘sie’. Wen hast du damit gemeint?«
Kann es sein, dass er sich ertappt fühlt? Aber warum?
»Die Chance, die sich dir da drüben bietet«, formten meine Lippen jedoch bereits, bevor sich dieser Gedanke festsetzen konnte.
»Oh, ach so.« Simon kicherte verlegen. Dann holte er tief Luft und ergänzte: »Ich hatte mich schon gefragt, ob du plötzlich auch so schräg drauf bist wie bei der Namens-Sache.«
Das hat er nicht wirklich gesagt, oder? Warum bringt er jetzt plötzlich das ins Spiel?
Die Namens-Sache war ein eigentlich total blöder und unnötiger Streit ganz vom Beginn unserer Beziehung gewesen. Unsere Mitbewohner hatten sich über die Geschwindigkeit lustig gemacht, mit der ich mich für den Umzug in ein gemeinsames Zimmer entschieden hatte. Sie wollten schon mal unseren zukünftigen Namen festlegen, für den Fall, dass wir in diesem Tempo weitermachen würden. Allerdings hatten wir uns damals partout nicht einigen können und das, was die anderen nur scherzhaft angeleiert hatten, lief ziemlich aus dem Ruder. Danach war diese Sache fast schon ein Tabu geworden.
Und nun rutscht es ihm ausgerechnet in dieser Situation heraus? Oder war das vielleicht sogar Absicht?
Mit einem Mal war mein Puls auf hundertachtzig und nichts konnte mich daran hindern, aufzufahren.
»Ich werde ganz bestimmt nicht zu Martha Pfahl!«
»Hey, nu komm mal wieder runter. Darum geht’s doch gerade gar nicht.«
Und wer hat damit angefangen?
Ich blieb stumm und atmete langsam ein und aus, um mein Temperament unter Kontrolle zu bekommen.
Mit einem Tonfall, den ich ausnahmsweise überhaupt nicht zu deuten wusste, machte Simon jedoch fleißig weiter.
»Aber wenn du ehrlich bist, ist das doch eigentlich ganz witzig. Und Simon Schultz, ich weiß nicht. Denk mal an die Initialen. Das geht doch gar nicht.«
Ich nahm das Telefon vom Ohr und starrte fassungslos auf das Display, von dem mir sein Gesicht im Kleinformat entgegenblickte – immer noch mit dem Lächeln, das mich normalerweise jedes Mal dazu brachte, zurückzulächeln. Aber nicht in diesem Moment.
Bin ich gerade im Radio? Ist das ‘Von null auf hundert’ oder so’n Mist?
Ein unartikuliertes Gurgeln drang aus meiner Kehle. Bevor mir unvermittelt Tränen aus den Augen strömten, sah ich auch noch etwas anderes. Es war die Uhrzeit. Elf Uhr sechsundfünfzig. Zu dem Kloß im Hals gesellte sich schlagartig Gänsehaut am ganzen Körper. Aber diesmal war keines von beidem eine angenehme Empfindung.
Ich räusperte mich, hob das Telefon wieder ans Ohr und krächzte: »Keine Sorge, ich komm nicht nur runter, ich bin schon unten. Ganz unten. Mach nur weiter so. Tu, was du nicht lassen kannst. Ich wünsch dir viel Erfolg. Ich muss mich jetzt um meine Zukunft kümmern.«
Damit drückte ich ihn weg. Ich sprang auf und rannte ins Bad, wo ich mir schnell kaltes Wasser ins Gesicht spritzte, um den Blick wieder frei zu bekommen. Dann sprintete ich zurück und ließ mich auf den Stuhl vor dem Laptop fallen.
Noch zwei Minuten. Jetzt oder nie.
Habe ich es dir nicht gesagt, dass das nichts wird? Du hast nur drei Viertel der Dateien kontrolliert. Was, wenn du einen falschen Verweis in der Arbeit übersehen hast?
Das ist doch vollkommen Latte, Little Miss Perfect. Wenn ich jetzt nicht auf den Knopf drücke, ist alles Essig.
Und ich drückte.
Dann bemerkte ich den Fehler.
Na bravo, das hast du ja geschickt eingefädelt«, murmelte Simon, während er blicklos vor sich hinstarrte. Schließlich bemerkte er doch, was seine Augen wahrnahmen. Es war der Ausdruck, den er ganz oben an sein Whiteboard geheftet hatte.
Dieser Ausdruck zeigte sein Lieblingsfoto von Martha. Damals waren sie mit ihren Skateboards unterwegs gewesen – er mit seinem nagelneuen Longboard und sie mit dem uralten Board, das ihr Vater ihr einmal geschenkt hatte. Martha hatte an diesem Tag viel Spaß dabei gehabt, um ihn herumzudüsen, während er noch mit der Handhabung seines Boards kämpfte. Kunststück. Sie skatete schon, seit sie 13 Jahre alt war, und hatte in ihrem alten Herrn einen erstklassigen Lehrmeister. Aber trotzdem hatte sie es ihn nie wirklich spüren lassen, dass er ein absolutes Greenhorn war, hatte ihn sogar dazu ermuntert, sich dieses Board zu kaufen. Als er endlich halbwegs klarkam, hatten sie zusammen viel Spaß gehabt. Schließlich hatten sie auf einer Straßenüberführung eine Pause gemacht. Martha hatte sich auf ihr Board gesetzt, in die Sonne geschaut und in einer Art und Weise gelächelt, die den Eindruck vermittelte, sie hätte gerade etwas über die Welt erfahren, das sie amüsierte. In den Gläsern ihrer Sonnenbrille hatte sich der blaue Himmel gespiegelt. Da hatte er sein Handy gezückt und sie fotografiert. Sie hatte es geschehen lassen und nicht aufbegehrt, obwohl sie es normalerweise nicht mochte, geknipst zu werden. Stattdessen hatte sie nun ihn mit ihrem Lächeln beschenkt. Spontan hatte er das Gefühl gehabt, dass in seinem Inneren eine kleine Sonne aufgegangen wäre.
Das Display des Handys wurde dunkel und erinnerte ihn schmerzhaft an das abgebrochene Gespräch. Zurück blieb ein diffuser Druck in seiner Magengegend, als hätte er einen Stein verschluckt. Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können? Natürlich war ihm die Skype-Verabredung letztendlich nicht wirklich recht gewesen. Nicht etwa, weil er keine Zeit gehabt hätte. Oder keine Lust. Im Gegenteil, er hatte sich sehr darauf gefreut, sie nach all den Monaten, in denen es einfach nicht hatte klappen wollen, nun endlich wieder live sehen zu können. Umso mehr hatte er sich gefreut, dies allein und unbelastet tun zu können. Raoul war ja sowieso nicht da und zum Glück hatte auch Egita sich für ein langes Wochenende zu ihrer Family begeben.
Egita.
Kaum, dass ihm der Name seiner zweiten Mitbewohnerin durch den Kopf ging, fühlte Simon sich wieder einmal total verwirrt.
Was war da Anfang des Sommers nach dem Abend auf dem Salsa-Festival gewesen?
Was war jetzt?
Und was würde womöglich werden?
Wollte er überhaupt, dass es da etwas zum Werden gab?
Sicher, sie war eine echte Augenweide. Und sie konnte sich bewegen, als hätte sie keine Wirbelsäule. Doch wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann traf exakt dies auch auf Martha zu. Nur war sie eben über tausend Kilometer weit weg.
Aber kaum dass er das Tablet in der Küche platziert hatte, wo das WLAN am stabilsten war, hatte er das Schloss der Wohnungstür klacken gehört. Egita war hereingekommen und hatte etwas von einem Zugausfall gemurmelt, ihm dabei allerdings einen seltsamen Blick zugeworfen. Und dann war sie ständig in seiner Nähe herumgewuselt. Als hätte sie geahnt, dass er eigentlich ungestört sein wollte. Da war Skypen einfach keine Option mehr gewesen. Was, wenn sie plötzlich ins Bild laufen würde?, hatte er sich gefragt.
Dann wäre er in Erklärungsnot.
In der Not, etwas zu erklären, das er bisher nicht einmal sich selbst erklären konnte.
Und genau weil dies so war, hatte er es einfach nicht riskieren wollen, es zu riskieren. Also hatte er sich einen Feigling gescholten und Martha angerufen, anstatt zu skypen.
Und jetzt war auch dieses Gespräch so vollkommen in die Hose gegangen, wie er es sich selbst in seinen schlimmsten Albträumen nicht hätte ausmalen können.
Warum war er bloß auf die Idee gekommen, die Namens-Sache zu erwähnen? Wahrscheinlich hatte ihn der Stressfaktor Egita so abgelenkt, dass er nicht darauf geachtet hatte, was er sagte. Und er hatte sich darüber geärgert, dass Martha seine Freude über das Angebot der Firma, bei der er sein Praktikum machte, nicht zu teilen schien. Da war es ihm wohl rausgerutscht. Im Grunde keine große Sache. Nur hatte sich das Gespräch dadurch in eine Richtung entwickelt, die sich bestimmt keiner von ihnen gewünscht hatte. Und dann hatte Martha aufgelegt, bevor es ihm auch nur ansatzweise gelungen war, die Kuh vom Eis zu holen.
Schon machte sich in seinem Inneren eine leichte Verstimmung darüber bemerkbar, dass sie ihm diese Chance genommen hatte. Vielleicht wäre es besser, erst einmal ein wenig Gras über die Sache wachsen zu lassen, bevor er sich wieder meldete. Oder einfach zu warten, bis Martha ihn entweder zurückrief oder anschrieb.
Er beschloss, nichts zu überstürzen.
Simon Pfahl, du … Pfosten!«, schrie ich mit geballten Fäusten in den leeren Raum hinein. Dann ließ ich den Kopf sinken und klopfte mit der Stirn auf die Tischplatte direkt vor dem geöffneten Laptop, der den Fortschrittsbalken des Uploads meiner Arbeit anzeigte. Was er außerdem anzeigte, war etwas, das dort ganz und gar nicht hingehörte. Aber ich konnte den Upload jetzt nicht mehr abbrechen. Das Zeitfenster war geschlossen.
Ich stieß mich mit den Händen von der Tischplatte ab und rollte auf dem Bürostuhl rückwärts, bis dieser vom Bett aufgehalten wurde. Dort hob ich den Kopf zur Zimmerdecke und rief mit zusammengekniffenen Augen: »Warum habe ich mich von diesem dämlichen Wunsch, dich zu sehen, ablenken lassen? Warum habe ich nicht zuerst das erledigt, was für mein Leben wichtig ist und dich danach angerufen? Vielleicht wäre dann auch das Gespräch anders gelaufen. Rrrrrrraa, arrrrlaaaaa!«
»Oh, höre ich da einen alveolaren Vibranten? Und das von dir? Wer hat dich denn so auf die Palme gebracht?«
Ich fuhr herum, blieb an der Bettkante hängen und kippte vom Stuhl. Mühsam wand ich den Kopf aus dem Kissenberg, den ich bei meiner Suche nach dem Handy verursacht hatte, und blickte in das Gesicht von Hannes. Er studierte ebenso wie ich an der Uni Potsdam auf Lehramt, allerdings nicht Englisch und Spanisch, sondern Deutsch und Geschichte. Einen Teil der Vorlesungen in Phonetik hatten wir aber zusammen und so war er mir beim Gegenlesen der Arbeit eine große Hilfe gewesen.
»Mein Leben ist vorbei«, nuschelte ich mit dem Mund voller Bettlaken. Dann schaffte ich es mich vollends aufzurichten und ergänzte: »Ich hab es gerade noch so geschafft, das Dateipaket hochzuladen und sehe eben, dass ich aus irgendeinem Grund ‘Eleven’ mit dazu gepackt habe – weiß der Teufel, warum.«
Der Kaffee, den Hannes in meiner Tür stehend trank, spritzte im hohen Bogen aus seinem Mund und verteilte sich als feiner Sprühnebel übers ganze Zimmer. Brüllend vor Lachen krümmte er sich zusammen und konnte sich nur durch einen beherzten Griff nach dem Türrahmen daran hindern, zu mir aufs Bett zu fallen.
»Das ist ein Scherz, oder? Du verarschst mich doch gerade.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Okay, du bist tot«, bestätigte er daraufhin mit todernstem Gesicht. »Die Zacken-Barsch versteht so was von keinen Spaß, das ist dir schon klar, oder? Es sei denn …«
»Wie soll ich das bloß …«, begann ich. Dann erst wurde mir bewusst, dass Hannes weitergesprochen hatte. Eine Gänsehaut überzog meine Unterarme. Konnte es sein, dass es doch noch eine Lösung gab? Ich sprang auf und war mit einem großen Schritt direkt bei ihm angelangt. »Es sei denn … was?«, hauchte ich.
Hannes machte ein nachdenkliches Gesicht. Dann sagte er zögernd: »Na ja, ich will dir keine Hoffnungen machen, die sich letztendlich als falsch herausstellen. Aber ich komme gerade aus der Uni. Hatte noch was für den Fachschaftsrat im Büro zu tun. Den Giftzwerg habe ich da nirgendwo gesehen. Aber Blümchen ist da. Und wenn ich mich recht erinnere, dann prüft sie die eingereichten Dateien auf Vollständigkeit, bevor …«
»Das ist ja genial! Du bist genial! Ich muss los!« Ich drückte Hannes einen Schmatz auf die Wange und rannte los. In vollem Lauf schnappte ich mir den Rucksack vom Garderobenständer im Flur, sprintete nach draußen und die Treppe hinunter.
Hoffentlich hat Emmy noch genug Sprit.
Emmy war mein Auto. Auch wenn ich selbst Dingen eher keine Namen gab, war dieses kleine grüne Cabrio doch ein Geschenk von meiner Freundin Agata und sie hatte es so getauft. Natürlich hatte ich mich über ihre überraschende Gabe sehr gefreut, obwohl ich nur recht selten wirklich Verwendung für den fahrbaren Untersatz hatte. Von unserer WG kam ich normalerweise problemlos mit den Öffis zur Uni. Aber jetzt war Eile geboten, wenn ich das Schlimmste noch verhindern wollte. Ich warf mich auf den Fahrersitz und startete. Dann gab ich Gas und schoss mit quietschenden Reifen auf die ansonsten verlassen daliegende Straße im Babelsberger Park.
Oh, bitte, lass keinen Stau sein. Lass mich keinen Unfall bauen. Lass …
Da fiel es mir wieder ein und ich warf hektisch einen Blick auf die Tankanzeige.
Yay, noch halb voll. Das reicht locker.
Aus dem Augenwinkel sah ich auch die Anzeige auf der anderen Seite des Armaturenbretts. Die Nadel dort stand wesentlich weiter oben, als ich sie jemals gesehen hatte. In diesem Moment wechselte direkt vor mir ein SUV ohne zu blinken die Fahrspur und ich musste heftig bremsen, um ihm nicht hinten drauf zu rauschen.
Komm mal wieder runter. Es bringt doch nix, wenn die Polizei dich wegen der Raserei rauszieht. Dann kommst du erst recht nicht an.
Ich sog tief die Luft ein und ließ sie mit einem tiefen Summen langsam wieder entweichen. Nach zwei Wiederholungen entspannte sich der Griff meiner Finger um das Lenkrad ein wenig. Auch mein Herz fühlte sich nicht mehr dazu berufen, die Trommelwirbel des Songs von Egypt Central mitzumachen, der aus dem Radio schallte. Ich entschied mich dafür, nicht durch die Innenstadt zu fahren. So oder so würde ich ungefähr eine halbe Stunde bis zum Neuen Palais brauchen. Meine Intuition sagte mir, dass rund um den Bahnhof auch an einem Freitag zur Mittagszeit mehr los sein würde als auf der Rückseite des Parks Sanssouci.
Ich kam bis kurz vor den Abzweig am Drachenberg. Dort sah ich nicht nur eine ganze Reihe rot leuchtender Bremslichter, sondern auch einige blinkende Blaulichter.
So viel zum Thema weibliche Intuition im Straßenverkehr.
Während sich die Schlange quälend langsam an der Unfallstelle vorbeischob, fiel mein Blick einmal mehr auf die Anzeige ganz links. Der Zeiger stand fast senkrecht und damit dicht an einer roten Markierung. Sofort schaltete meine sowieso schon vorhandene Unruhe mindestens einen Gang höher. Hatte Agata nicht mal etwas davon erzählt, dass man auf die Temperatur achten musste? Das hatte sie definitiv, doch so sehr ich mich auch anstrengte, ich konnte mich einfach nicht erinnern, was genau es damit auf sich hatte. Als endlich auch ich durch das Nadelöhr geschlüpft war, lief der Verkehr zwar besser, aber ich wollte nur noch raus aus dem Wagen. Bis zum Parkplatz würde ich in diesem Tempo bestimmt immer noch zwanzig Minuten brauchen – wenn überhaupt etwas frei war. Spontan setzte ich den Blinker und fuhr auf eine links von der Straße liegende freie Fläche. Dort stellte ich Emmy ab und rannte querfeldein, an Mensa und Bibliothek vorbei Richtung Haus 8, wo ich hoffte, die Sekretärin zu erreichen, ehe sie ins Wochenende entschwand. Ich musste sie dann nur noch davon überzeugen, dass ich eine einzige Datei aus dem gesendeten Paket entfernen konnte, ehe sie dies an die Prüfungskommission weiterleitete. Im Grunde genommen hatte diese Datei zwar schon etwas mit Phonetik zu tun, aber eben nicht mit einer wissenschaftlichen Arbeit. Es war ein Video, das mir Simon mal vor einiger Zeit als kleine Ablenkung von all dem Stress geschickt hatte. Darin versuchten zwei Schotten in einem Lift die englische Spracherkennung dazu zu überreden, sie in den elften Stock zu bringen. Natürlich wurde ihr Slang nicht erkannt und die Typen am Ende ziemlich ausfällig. Ich hatte damals sehr gelacht.
Wenn’s nicht um meine Zukunft ginge, dann könnte das sogar jetzt lustig sein.
Der Gedanke brachte mich ins Straucheln. Fast wäre ich der Länge nach hingefallen. Ich konnte mich aber gerade noch abfangen.
Schweißgebadet und mit hängender Zunge erreichte ich schließlich das Sekretariat und stoppte an der geschlossenen Tür. Dahinter waren Geräusche zu hören, die ich nicht erkennen konnte. War das eine Unterhaltung? Gelächter? Oder nur das Radio?
Egal, es heißt, dass noch jemand da ist.
Ich klopfte – vielleicht etwas stärker als notwendig, aber ich war nicht in der Lage, mich so kurz vor dem erhofften Ziel zu zügeln.
Auf der anderen Seite verstummten die Geräusche.
»Frau Blühmel? Könnte ich Sie vielleicht kurz sprechen?«
Die Tür wurde geöffnet. Noch bevor ich sehen konnte, wer dahinter stand, wusste ich, dass es tatsächlich Blümchen war. Der für sie so typische Duft von »Anaïs Anaïs« wallte durch den Spalt und ließ meine Anspannung direkt ein wenig abklingen.
»Oh, hallo Martha. Was gibt’s denn heute noch? Die Unterlagen für den FSR hat doch vorhin schon Hannes abgeholt.« Das rundliche, von krausem Haar umrahmte Gesicht der Sekretärin war leicht gerötet. Es wirkte, als hätte sie sich gerade angestrengt. Aber es konnte natürlich auch nur an der sommerlichen Hitze liegen. Mit einem undeutbaren Gesichtsausdruck ließ sie mich eintreten und ging wieder zu ihrem Schreibtisch. »Na, wenn’s schnell geht. Ich bin schon fast auf dem Weg ins Wochenende.«
»Ich will Sie auch gar nicht lange stören. Aber ich habe da ein … ähm Problem mit meiner Arbeit. Das Zeitfenster fürs Hochladen war vorhin schon fast vorbei als ich die Dateien …«
»Machen Sie sich darüber mal keine Gedanken«, erklang hinter mir eine Stimme. Ein eisiger Schauer lief mir den Rücken hinunter.
Ich drehte mich um und sah sie in der Tür zu ihrem Büro stehen.
Appolonia Zacken-Barsch war eine imposante Person. Und das, obwohl sie zu mir aufblicken musste. Wer je die Serie Navy CIS: L.A. gesehen hat, der kennt Hetty Lange, die beinharte Chefin des Ermittler-Teams, die trotz geringer Körpergröße in der Lage ist, ganze Säle mit ihrer Persönlichkeit zu füllen. Es konnte gut sein, dass sich die Regisseure von meiner Professorin inspirieren lassen hatten. Und nun stand sie vor mir und trug ein Mona-Lisa-Lächeln zur Schau.
»Ich muss zugeben, dass ich mir einige Gedanken darüber gemacht habe, ob Sie es schaffen werden, Ihre Unterlagen in der vorgegebenen Zeit einzureichen. Daher habe ich hier bis zum Ende der Abgabefrist ausgeharrt. Und siehe da. Ich wurde nicht enttäuscht. Just in time und mit dem Mut zu einem außergewöhnlichen Auftritt.« Der Blick meiner Professorin wanderte nach unten und ihr Lächeln wurde eine Spur breiter. »Ja, in der Tat. Einzigartige Aktionen helfen, aus der Masse hervorzustechen. Sie sind allerdings kein Garant für Erfolg.«
Während sie sprach, konnte ich nicht anders, als mit den Augen ihrem Blick zu folgen, der konsequent auf etwas gerichtet war, das sich direkt vor meinen Füßen zu befinden schien.
Als ich es sah, wurden meine Knie weich. Ein irres Kichern wollte sich seinen Weg durch die Kehle bahnen.
Na, wenn das kein einzigartiger Auftritt ist!
In meiner Hast war ich offensichtlich so kopflos aus dem Haus gerannt, dass ich vollkommen vergessen hatte, mir Schuhe anzuziehen.
Das bedeutete allerdings nicht, dass ich barfuß vor meiner Professorin stand.
Deshalb hat sich das Rennen auch so seltsam angefühlt.
Die Schuhe, in denen die Füße steckten, waren keine wirklichen Schuhe. Es waren quietschbunte Hauspuschen, die mir Simon mal bei einem dieser Läden gekauft hatte, wo alle Artikel mit irgendwelchen Sprüchen bedruckt waren. Trotzdem – oder gerade deshalb – liebte ich sie heiß und innig. Auf jedem von ihnen war ein anders gestalteter Kopf eines Einhorns aufgedruckt. Darüber stand geschrieben: Always be unique.
»Nichtsdestoweniger habe ich Ihrer sicherlich gehegten Hoffnung entsprochen und alles direkt an die Prüfungskommission weitergeleitet«, beendete die Frau mit dem Raubfischnamen ihren Satz.
»War es das, worum Sie mich bitten wollten?«, meldete sich Blümchen hinter mir.
Ich schloss meine Augen. Ein hilfloser Laut entwischte meiner Kehle. »N… ach, ist schon in Ordnung«, seufzte ich und brachte trotz allem ein Lächeln zustande.
»Na dann wünsche ich Ihnen alles Gute. Jetzt aber ab nach Hause und machen Sie mal etwas Schönes am Wochenende. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie von Phonetik fürs Erste genug haben.«
Ich verabschiedete mich von den beiden und ging aus dem Büro der Sekretärin. Nachdem ich die Tür geschlossen hatte, musste ich mich erst einmal dagegen lehnen. Von drinnen drangen wieder die Geräusche zu mir, die ich vorhin nicht zu deuten gewusst hatte. Nun aber, mit dem Ohr direkt am Türblatt, konnte ich trotz des Gekichers zweier Personen erkennen, dass dort jemand ziemlich aufgeregt mit schottischem Akzent sprach.
Hoffentlich ist das ein gutes Zeichen.
Ich ging zu einem der im Gang herumstehenden Stühle, setzte mich und nahm meine Füße in Augenschein, besser gesagt die Schlappen, die arg ramponiert daran hingen. Die Sohlen waren fast durchgescheuert und an einigen Stellen waren Nähte aufgeplatzt. Mit einem Anflug von Trauer streifte ich meine Lieblinge ab und packte sie in den Rucksack.
Wenn ich sie ab jetzt schone, lassen sie sich ja vielleicht doch noch retten. Und beim Autofahren sieht das eh keiner.
Während des Rückwegs zum Auto begegnete ich auf dem Campus niemandem. Allerdings wären Fragen, warum ich barfuß herumlief, nichts im Vergleich zu dem gewesen, was hinter Haus 12 auf mich wartete.
Der Unterschied hätte größer kaum sein können. Hatte der Platz, auf dem ich Emmy vorhin abgestellt hatte, völlig verlassen dagelegen, so barst er jetzt geradezu vor Personen und Fahrzeugen. Zwei davon hatten ein Blinklicht auf dem Dach. Das eine Licht war blau und das andere leuchtete in fröhlichem Gelb, während ein Typ, der daneben stand, gerade dabei war, mein Auto mit einem Kran darauf abzuladen.
Ohne auf die vielen kleinen Steinchen zu achten, die in meine Fußsohlen stachen, spurtete ich erneut los und rief: »Nein … Halt! Was machen Sie denn da? Das ist mein Auto. Was soll denn …?«
»Ach, schön, dass Sie sich herbemühen«, bemerkte ein Uniformträger, an dem ich eben vorbeigelaufen war.
Ich kam schmerzhaft schlitternd zum Stehen und drehte mich um.
»Können Sie mir bitte erklären, was das hier soll?«
»Ham Sie die Schilder nicht gesehen?«
»Welche Schilder?«
Der Polizist schaute mich mit gerunzelter Stirn an. Dann wies er mit seinem Arm in die Runde.
Ich folgte seiner Hand mit den Augen und konnte sie sofort erkennen.
Es waren viele.
Sie standen im Abstand von ein paar Metern um die gesamte Parkfläche herum.
Und sie alle zeigten das unmissverständliche Zeichen für »absolutes Halteverbot«.
»Oh, die. Shit, die habe ich vorhin überhaupt nicht bemerkt. Ich war so im Stress wegen meiner Masterarbeit. Die musste heute …«
Der Beamte brachte ein schiefes Grinsen zustande. Dann hob er beide Hände. »Tja, das ist natürlich dumm gelaufen. Wenn da vorhin nicht gerade ein Unfall gewesen wäre, dann hätten wir das wahrscheinlich nicht so schnell bemerkt. Und es wäre auch nicht direkt ein Abschleppwagen vor Ort gewesen. So aber …«
»Ja, echt ey«, kam es von dem Typen am Kran, der Emmy eben abgesetzt hatte. »Wenn der Auftrag nicht schon ausgeführt wär, denn hätten wa noch drüber reden könn’. Aba so …« Auch er bemühte sich, bedauernd zu grinsen, doch in seinem Gesichtsausdruck schwang eindeutig Schadenfreude mit.
»Und was passiert jetzt?«
»Wenn Sie gleich bezahlen, dann können wir Ihr Auto wieder abladen lassen.«
»Was wird das kosten?«, krächzte ich.
»Das Bußgeld sind 20 Euro.«
»Die hab ich dabei«, rief ich und begann, im Rucksack nach dem Portemonnaie zu kramen.
»Dann kommt natürlich noch die Abschleppgebühr.«
Der Rucksack entglitt meinen Fingern und schlug auf dem staubigen Boden des Parkplatzes auf.
»Wie viel?«
»Det macht eingtlich 230 Euronen, aber wennse det Jeld dabeiham, könnwa uns ooch uff 180 einijen«, meldete sich der Abschleppmensch zu Wort, dessen Grinsen immer breiter wurde.
Ich lachte auf. »Hab ich nicht. Und nu?«
»In diesem Fall können Sie Ihr Fahrzeug in der Verwahrstelle in Empfang nehmen. Allerdings erst nach Begleichung des offenen Betrages«, kam es nun wieder vom Polizisten. Damit übergab er mir ein paar Papiere.
Ich hob den Rucksack auf und stopfte sie hinein. Dann konnte ich nichts weiter tun, außer meinem kleinen grünen Schnuckelchen dabei zuzusehen, wie es abtransportiert wurde.
Na bravo, Freitag. Wenn du so weitermachst, könntest du einer der miesesten Tage in meinem Leben werden.
Und der Freitag nahm mich beim Wort.
Mit hängendem Kopf schlich ich Richtung Bushaltestelle. Dort angekommen traute ich meinen Augen nicht, denn der Bus bog in diesem Moment um die Ecke.
Hey, ist der Tag etwa doch noch zu retten?
Zusammen mit ein paar anderen Studenten, die anscheinend ebenfalls nichts Besseres zu tun gehabt hatten als den schönen Tag auf dem Campus zuzubringen, stieg ich ein. Die Fahrt bis Charlottenhof verbrachte ich damit, aus dem Fenster zu starren, ohne wirklich etwas zu sehen. Meine Gedanken kreisten wild im Kopf herum.
Drecksmist. Wie kriege ich bloß die Knete zusammen, um den Wagen wieder auszulösen? Geld gibt’s erst in einer Woche. Warten die überhaupt so lange? Warum habe ich das blaue Männchen nicht gefragt? Was, wenn das zu lange ist? Was machen die dann? Können die Emmy einfach verkaufen? Oder verschrotten? Was sage ich dann bloß Agata? Aber selbst wenn die doch so lange warten, ist das Geld doch eigentlich für den Flug nach Riga gedacht. Riga … ja, was ist jetzt überhaupt damit? Das wollten wir doch heute besprechen. Ich muss Simon wohl nochmal anrufen.
Auch wenn es mir widerstrebte, doch wieder diejenige sein zu müssen, die nachgab, suchte ich in meinem Rucksack nach dem Handy.
Ich fand es nicht.
Daher begann ich nun in meiner Erinnerung zu kramen.
