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Ein Aufbegehren gegen die Einsamkeit 1985 nimmt sich eine junge Pianistin in Neubrandenburg das Leben. Jahrzehnte später stößt die Schriftstellerin Helene Bukowski auf ihre Geschichte. Behutsam nähert sie sich Christina, sucht in ihrer Biografie nach Rissen und Erschütterungen, aber auch nach Augenblicken großen Glücks. Sie lernt einen Vater kennen, der in der Tochter seine eigenen Träume verwirklichen will, eine Mutter, die es liebt, zu fotografieren, und ein Klavier, das unverrückbar in der Wohnung steht. Bukowski folgt Christina nach Berlin, an die Spezialschule für Musik, mit ihren kalten Übungsräumen und dem täglichen Drill. Später nach Moskau, zum Studium am Konservatorium, durch sturzbachartigen Regen und Nächte voller Schnee. Und sie findet eine Krankheit, für die es erst heute eine Diagnose gibt. »Wie Helene Bukowski aus dem Nachlass einer jungen Frau ein ganzes Leben rekonstruiert und daraus diesen schmerzlichen und klaren Roman komponiert, ist großartige Literatur.« Marion Brasch
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Wer möchte nicht im Leben bleiben
Helene Bukowski, geboren 1993 in Berlin, studierte am Literaturinstitut Hildesheim. 2019 erschien ihr Debütroman Milchzähne, der für das Kino adaptiert wurde. 2022 folgte Die Kriegerin. Ihre Bücher wurden vielfach besprochen und in mehrere Sprachen übersetzt. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin wieder in ihrer Geburtsstadt und der Niederlausitz.
Ein Aufbegehren gegen die Einsamkeit
1985 nimmt sich eine junge Pianistin in Neubrandenburg das Leben. Dreieinhalb Jahrezehnte später stößt die Schriftstellerin Helene Bukowski auf ihre Geschichte. Behutsam nähert sie sich Christina, sucht in ihrer Biografie nach Rissen und Erschütterungen, aber auch nach Augenblicken großen Glücks. Sie lernt einen Vater kennen, der in der Tochter seine eigenen Träume verwirklichen will, eine Mutter, die es liebt, zu fotografieren, und ein Klavier, das unverrückbar in der Wohnung steht. Bukowski folgt Christina nach Berlin, an die Spezialschule für Musik, mit ihren kalten Übungsräumen und dem täglichen Drill. Später nach Moskau, zum Studium am Konservatorium, durch sturzbachartigen Regen und Nächte voller Schnee. Und sie findet eine Krankheit, für die es erst heute eine Diagnose gibt.
»Wie Helene Bukowski aus dem Nachlass einer jungen Frau ein ganzes Leben rekonstruiert und daraus diesen schmerzlichen und klaren Roman komponiert, ist großartige Literatur.«Marion Brasch
Helene Bukowski
Roman
Ullstein
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Wer möchte nicht im Leben bleiben, zitiert nach: Schwaen, Kurt / Küchenmeister, Wera et al.: Wer möchte nicht im Leben bleiben. Komposition & Text
Franziska Linkerhand von Brigitte Reimann, zitiert nach der vollständigen Ausgabe, Aufbau Verlag, Berlin 1998 © Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 1998, 2008
ISBN 978-3-8437-3859-0
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Titelei
Das Buch
Titelseite
Impressum
Prolog
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LEIPZIG
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NEUSTRELITZ
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NEUBRANDENBURG
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Anhang
DANK
NACHTRAG
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Prolog
für meine Elternin Liebe
»In der Wand war nur ein einziges Fenster, und drinnen gab es eine Party oder einfach eine Art Konzert […], ich sah nur einen Schattenriss hinter der Gardine, und plötzlich stürzte die kühle, die heiße Pianomusik aus dem Lichtquadrat, und ich empfand eine starke Sehnsucht, bei diesen Leuten, Studenten vermutlich, dort oben zu sein, oder mich unlösbar einer Familie, Freunden, einer Landschaft, dem Land verbunden zu fühlen, und ich dachte, was ich je gearbeitet habe, sei dieser Sehnsucht entsprungen, dem Wunsch nach dem Aufgehoben-Sein, das ich noch nicht, das ich noch immer nicht erreicht hatte.«Brigitte Reimann, »Franziska Linkerhand«
Jede Nacht, kurz vor dem Einschlafen, sehe ich dich quer über eine Brache gehen. Den Rücken hast du mir zugewandt. Dein Haar ist aschblond, kinnlang, dein Körper groß und schlank, wie auf den Fotos, kurz vor deinem Tod.
Nie wirfst du einen Blick über die Schulter. Immer bleibst du in der Mitte der Freifläche stehen. Direkt vor dir kreuzt ein Fuchs deinen Weg. Du bückst dich, streckst die Hand nach ihm aus, willst sein Fell berühren, aber der Fuchs macht einen Satz, springt in den Schatten, und auch du bist verschwunden.
Erst in der nächsten Querstraße entdecke ich dich wieder. Du durchschreitest den Lichtkegel einer Laterne. Sie ist gerade angegangen, wie die anderen Lampen in der ganzen Stadt.
Zielsicher bewegst du dich von mir fort, Christina.
Deinen Namen habe ich das erste Mal in Neubrandenburg gehört. Am Telefon hatte mich meine Großmutter gebeten, eine Bekannte von ihr zu treffen. Siglinde habe vor Kurzem einen Nachlass sortiert und sei dort auf ein Leben gestoßen, das erzählt werden müsse. Was dieses Leben mit mir zu tun habe, warum ich diejenige sein sollte, die es erzählte, fragte ich mich. Trotzdem fuhr ich hin. Vielleicht auch, weil ich zu diesem Zeitpunkt einen liebte, der wie meine Mutter in Neubrandenburg groß geworden war. Ich glaubte ihm, durch das Besuchen der Stadt, näherzukommen.
Siglinde hatte einen großen Stapel aus Ordnern, Kassetten und Fotoalben in ihrem Wohnzimmer auf dem niedrigen Couchtisch aufgebaut. Es waren die erhaltenen Dokumente deines Lebens. Deine Mutter hatte sie aufbewahrt, nach ihrem Tod waren sie in Siglindes Hände gefallen. In wenigen Worten erzählte sie von dir. Mehr brauchte es nicht. Ohne zu zögern, nahm ich alles an mich.
Zurück in Berlin, begann ich zu lesen, zu blättern, zu hören. Schon nach kurzer Zeit sah ich dich quer über die Freifläche laufen. Seitdem versuche ich zu dir aufzuschließen, dich einzuholen, dich zu greifen. Habe ich dich gefunden? Oder du mich?
In Wirklichkeit bist du nie jenem Fuchs begegnet. Ich selbst war es, die ihn in einer Nacht auf einer Brache entdeckte, in der Luft der Geruch nach nassem Laub, der Himmel dunkel und diesig. Selbst als ich nur noch einen halben Meter vom Fuchs entfernt war, verschreckte ich ihn nicht. Ich kniete mich vor ihn. Atmend sahen wir uns an. Und ich dachte, wenn ich jetzt die Hand ausstrecke, werde ich ihn berühren können.
(1961–1972)
Wenige Wochen vor deiner Geburt kaufte dein Vater ein Klavier.
Deine Geschichte muss mit diesem Klavier beginnen. Ich stelle es an den Anfang und helfe den fluchenden Männern, die es das Treppenhaus hinauf, in die Wohnung deiner Eltern tragen. Fast wäre es uns aus den Händen gerutscht, dein Vater wachsam in unserem Rücken. Dann endlich haben wir es geschafft. Das Klavier steht an seinem Platz. Dein Vater zählt uns das Geld in die Hände, bringt uns zur Tür. Er geht humpelnd.
Das Bein hat er sich bei einem Auftritt als erster Tenor an der Leipziger Oper gebrochen. Unter ihm ist ein Podest zusammengestürzt, er hat das Gleichgewicht verloren, ist von der Bühne gefallen.
Bei deiner Geburt, am 17. Januar, war dein Vater abwesend. Wie in dieser Zeit üblich, blieb deine Mutter allein mit dem Arzt und den Schwestern. Sie war bereits mehrere Wochen über dem errechneten Geburtstermin. Die Plazenta sonderte Blut ins Fruchtwasser. Du wolltest nicht herauskommen.
Ich stelle mich neben deine Mutter, rede ihr leise gut zu. Immer wieder bäumt sie sich gegen die Schwestern auf, die Abdrücke ihrer Fingernägel bleiben als feine Sicheln auf ihren Armen zurück. Der Kopf des Arztes schiebt sich vor das grelle Licht der Lampe, sie blinzelt in seinen Schatten. Er ordnet einen Kaiserschnitt an. Deine Mutter öffnet den Mund, will etwas sagen, kommt nicht an gegen die routinierten Handgriffe. Schon stürzt sie ins Schwarz.
Vor den Fenstern beginnt die Dämmerung.
Das erste Geräusch, das du von dir gibst, ist ein verschluckter Schrei. Deine Mutter kann ihn nicht hören, also halte ich ihn für sie fest. Die Nabelschnur durchtrennt eine Schwester. Statt auf die Brust deiner Mutter wirst du in einen Glaskasten gelegt.
Deine Eltern geben dir den Namen Christina. Und als zweiten den deiner Mutter.
Bei seinem ersten Besuch im Krankenhaus hält dein Vater einen Strauß Schneeglöckchen in der Hand, muss auf dem Flur bleiben, darf dich nur aus der Ferne betrachten, durch eine weitere Scheibe. Ganz andächtig steht er dort, der Geruch der Blüten so fein, er verliert sich im Krankenhaus.
Dein Vater wird später sagen, er hat sofort erkannt, dass du mit Pianistenhänden geboren wurdest.
Deine Mutter muss länger als er darauf warten, dich zu sehen. Sie darf das Bett nicht verlassen. Vor dem Fenster immer derselbe Ausschnitt der Stadt. Wechselnd nur die Himmelsfarbe.
Ich schicke die Schwestern zu dir, lasse sie nach dir greifen, dich halten in ihren muskulösen Armen. Sie singen für dich alte Wiegenlieder. Du spürst die Vibration ihrer Stimmen. Sie summen und schnaufen, schütteln ihre gedrehten Locken, drücken dich eng an ihre gestärkten Schwesternkittel.
Ich finde keine Fotos von dir als Baby. Vielleicht sind sie verloren gegangen.
Oder deine Eltern haben sie verschenkt.
Oder es hat nie welche gegeben.
Vielleicht war auch die Kamera, die deine Mutter vor deiner Geburt besessen hat, gegen das Klavier eingetauscht worden.
Nach sechs Wochen durften dich deine Eltern endlich mit nach Hause nehmen.
Ich folge ihnen. Deine Mutter trägt dich, in eine dicke Decke eingewickelt, bis in die Wohnung, von der mir niemand sagen kann, wo in Leipzig sie sich genau befunden hat. Ich stelle mir ein Gründerzeithaus in Schleußig vor. Die zwei Zimmer sind in keinem guten Zustand. Die Toilette befindet sich auf halber Treppe, die Küche ist klein, aber die Fenster blicken auf den Auwald.
Dein Vater hat den Kachelofen so stark eingeheizt, dass er in einem Unterhemd umhergehen kann, und auch deine Mutter knöpft ihre Bluse auf. Unter ihren milchschweren Brüsten sammelt sich der Schweiß. Sie fließt davon.
Draußen gefrieren die Pfützen. Zartblau der Himmel zwischen den kahlen Bäumen. Deine Mutter hält dich noch immer im Arm. Da ist die Angst, du könntest ihr aus den Händen gleiten, könntest fallen, stürzen. Die Schneeglöckchen sind bereits verblüht.
Auf den Tag genau, nur vierundzwanzig Jahre später, nimmst du dir mit einem Sturz aus dem Fenster das Leben. Dein Vater sieht darin ein Zeichen. Als zweiten Heimgang bezeichnet er deinen Tod.
Rückblickend meint er in deinem Anfang bereits dein Ende erkannt zu haben.
Für mich bleibt es ein Zufall. Nichts war zu Beginn entschieden.
Du warst ein hungriges Kind. Schon als Baby wurdest du nie satt.
Du liegst an der Brust deiner Mutter, trinkst so gierig, dass du dich immer wieder verschluckst. Milchflecken auf deinem Kinn, den Kleidern deiner Mutter, in denen sie mehr und mehr verschwindet. Alles trinkst du aus ihr heraus. Sie wird dünner und dünner.
In Leipzig sind die Spuren des Krieges noch gut zu erkennen. Überall stehen Ruinen, klaffen Krater, fehlen Häuser. Ist es windig, weht Schuttstaub durch die Straßen.
Dein Körper versucht die Vergangenheit abzuwehren, er ist der Zukunft zugewandt, die eine bessere Zeit verheißt. Du trinkst und trinkst und kannst nicht aufhören zu trinken.
Deine Mutter reiht sich ein in die langen Schlangen überall vor den Geschäften. Sie steht vor leeren Regalen, leeren Theken, leeren Feldern, kocht aus in einem Graben gefundenen Äpfeln Mus, verfüttert ihn dir löffelweise, leckt selbst nur die Reste aus dem Topf. Die Luft ist getränkt vom Zucker der süßen Früchte. Ihr habt beide schwere Köpfe. Ich stoße das Fenster auf, verweile kurz bei deiner Mutter, dem wenigen, was ich über sie weiß.
Deine Mutter liebte es, zu fotografieren. Schon als Jugendliche besaß sie eine Kamera. Später, zu Beginn der Fünfzigerjahre, entdeckte sie die Farbfotografie für sich. Die schwer zu bekommenden Filme hütete sie jedes Mal bis zum Herbst.
Ich gehe mit ihr hinaus in die Wälder. Sie hat den Blick in den Kronen, will jede Schattierung von Grün, Gelb, Orange und Rot erfassen, sucht nach dem richtigen Winkel, dem richtigen Licht, drückt auf den Auslöser, zieht weiter, verliert sich, schreckt erst auf, als es zu dämmern beginnt, es dunkel wird. Ich nehme sie an der Hand und führe sie sicher nach Hause.
Keine dieser Fotografien deiner Mutter ist erhalten. Nur noch in Erzählungen leuchten sie.
Seitdem du geboren bist, spaziert sie durch die Wälder, ohne sie zu fotografieren. Sie schiebt den Kinderwagen durch Schnee, vorbei an kahlen Bäumen, totem Holz, schlafenden Tieren. Am Himmel eine Handvoll Vögel.
Deine Mutter hat sich schon lange ein Kind gewünscht. Jetzt liegst du vor ihr im Wagen, lächelst, schläfst. Nicht sattsehen kann sie sich an dir.
Sie hat dich spät bekommen, sehr spät für diese Zeit, mit fünfunddreißig Jahren.
Deine Eltern haben sich auf dem Leipziger Hauptbahnhof kennengelernt. Ende der Fünfzigerjahre, an einem Tag im Herbst. Sie hatten beide den Zug verpasst.
Verloren stehen sie auf dem Bahnsteig. Ich laufe zu deiner Mutter. Ein paar Tauben fliegen auf. Dein Vater dreht sich zu uns um, bemerkt nur deine Mutter, wendet sich ihr zu.
Auf Fotos trägt sie das Haar lockig, kurz geschnitten, oft ein feines Seidentuch darübergelegt. Am Tag ihres Kennenlernens ist es ein besonders leuchtendes. Ich färbe es rot. Darauf blühende Chrysanthemen. Dein Vater macht einen Schritt auf sie zu, hält inne, überlegt, traut sich doch, fragt sie, ob sie ihm mit seinem Koffer helfen könne. Er dürfe nicht schwer tragen. Ich füge hinzu: Seit dem Krieg hat er ein Magenleiden.
Deine Mutter zögert nicht, greift mit ihm nach dem Koffer. Sie passen ihre Schritte an, bugsieren ihn die Treppen hinunter, geben ihn bei der Gepäckaufbewahrung ab. Dort berühren sich zum ersten Mal ihre Hände.
Der nächste Zug fährt in drei Stunden. Dein Vater schlägt vor, die Zeit bis zur Abfahrt gemeinsam zu verbringen. Deine Mutter lächelt, nickt.
In ihren Blick lege ich eine Neugier. Dein Vater trägt einen Anzug, Krawatte, hat das blonde Haar ordentlich zurückgekämmt.
Seite an Seite verlassen sie den Bahnhof, kaufen an einer Straße Weintrauben, essen sie im Gehen.
Deine Mutter behält jede Traube lange im Mund, schiebt sie zwischen den Zähnen hin und her, hört deinem Vater zu, der das Wort übernommen hat. Er redet, erklärt, wirkt mit einem Mal jünger, strahlt. Deine Mutter lässt eine Traube zwischen ihren Zähnen zerplatzen, kaut, schluckt, nickt zu dem, was dein Vater sagt, greift sich eine neue Traube.
Vor der noch nicht fertiggestellten Oper bleibt dein Vater stehen. Hier wird er bald arbeiten, erklärt er deiner Mutter und reckt die Brust.
Deine Mutter verrät deinem Vater, dass sie während ihrer Anstellung als Stenotypistin im Betriebschor gesungen hat. Dein Vater stimmt an, Wind kommt auf, »Hejo, spann den Wagen an«, singen sie leise im Kanon, und deiner Mutter gefällt, wie sich ihre Stimmen ineinanderfügen und dass sich die anderen Passanten nach ihnen umdrehen.
Bei diesem Spaziergang durch Leipzig verriet deine Mutter deinem Vater auch, wie gerne sie in Farbe fotografierte und dass Herbstbäume ihr liebstes Motiv waren.
Die drei Stunden bis zur Abfahrt des Zuges sind schnell vergangen. Fast hätten sie auch den nächsten verpasst.
Ich haste mit ihnen zurück zum Bahnhof. Deine Mutter trägt diesmal allein den Koffer zum Waggon. Beide außer Atem, steigen sie ein und setzen sich ins warme Licht, dein Vater neben deine Mutter. Der Zug fährt an. Inzwischen regnete es draußen. Wasser treibt schräg über die Scheibe, lässt die Landschaft verschwimmen. Die anderen Reisenden sind schläfrig, deine Eltern hellwach.
Kurz bevor dein Vater aussteigen muss, beugt er sich noch einmal zu deiner Mutter und nimmt ihr das Versprechen ab, ihm einen Brief zu schreiben, wenn sie in diesem Herbst einen Baum findet, dessen Laub in mehr als sechs Farben strahlt. Deine Mutter sieht ihn an und nickt.
Zusammen sehen wir ihm nach, wie er den Koffer aus dem Zug hievt, in die Nacht tritt und im Regen verschwindet.
Die Geschichte, wie sich deine Eltern kennengelernt haben, klingt wie ein Märchen, wie eine Liebesgeschichte mit Happy End. Ganz anders als deine eigene Geschichte.
CHRISTINA – Unseren Freundenerzählt steht auf dem Deckblatt der Chronik, die dein Vater sechs Jahre nach deinem Tod schrieb. 369 einseitig beschriebene Schreibmaschinenseiten, kopiert und in Leder gebunden. Dein Vater muss sie deiner Mutter diktiert haben, wie er ihr immer alles diktierte, wenn es sich um wichtige Schreibangelegenheiten handelte.
Das Buch ist so schwer, ich kann es nicht mit einer Hand anheben. Wie ein großer Stein liegt es auf meinem Schreibtisch. Selbst im Traum spüre ich das Gewicht.
Die Chronik ist mein Geländer, aber immer wieder ertappe ich mich dabei, wie widerwillig ich dem von deinem Vater gefertigten Handlauf folge.
Christina konnte singen, bevor sie sprechen lernte, schreibt dein Vater in der Chronik.
Du bist ein halbes Jahr alt, liegst in deinem Bettchen, hörst die Notenblätter rascheln und die Stimme deines Vaters. Oft übt er seine Opernpartituren zu Hause.
An der Decke wandert das Licht. Deine Hände recken sich in die Luft. Hell steht der Sommer im Zimmer. Draußen vor dem Fenster sind die Bäume jetzt grün und schwer. Kein Kohlegeruch hängt mehr in der Luft.
Dein Vater atmet ein und aus, bewegt den Mund, lockert die Zunge. Es dauert nicht lang, und du versuchst dieselben Töne von dir zu geben wie dein Vater.
Er hat es auf Tonband aufgenommen. Ich sehe ihn neben dir mit dem großen Gerät hantieren.
Irgendwann muss er alles auf die Kassette überspielt haben, die ich jetzt in den Händen halte. Christina lernt das Singen steht auf der Hülle. Die Aufnahme summt und rauscht, ich beuge mich tief über den Rekorder.
»Christinas Musik erleben. Eine Dokumentation aus den Jahren 1961 bis 1985«, sagt dein Vater zu Beginn, dann verändern sich die Hintergrundgeräusche, deine Stimme ist zu hören, du gurgelst, pfeifst. Auch dein Lachen wurde mit aufgenommen. Es füllt mein Arbeitszimmer. Stumm sitze ich da.
Dein Vater stimmt einen Ton an, du tust es ihm nach, übertönst ihn.
Schon bald konnte dein Vater nicht mehr üben, wenn du im selben Raum mit ihm warst.
Ich reiche dich deiner Mutter weiter. Sie trägt dich hinaus, die Treppen hinunter, legt dich in den Kinderwagen, schiebt dich in den Auwald, sucht den Schatten der Bäume, hat dich gut im Blick, läuft über Brücken.
Früher traten die Flüsse oft über das Ufer. Sie fluteten den Wald und ließen die Erlen aus dem Wasser ragen. Dunkle Geschichten wurden sich über den Auwald erzählt. Deine Mutter kennt sie, trotzt ihnen, singt. Traumschwer ihre Stimme. Deine Lider flattern, einmal noch reißt du den Mund auf, dann rutschst du in den Schlaf.
Deine Mutter hört nicht auf zu singen, achtet nicht auf die anderen Spazierenden, sieht nur dich.
Mit einem hellen, trällernden Ton erinnerst du sie jeden Abend daran, für dich ein Gute-Nacht-Lied zu singen. Du bist mit Rosen bedacht, deine Mutter schüttelt ein Bäumelein, draußen ist der Mond aufgegangen.
Wenn deine Mutter vom Einkaufen kommt, legt sie dir Platten auf und dreht sich mit dir auf den Dielen, bis ihr schwindelig wird.
Dein Vater spielt dir jedes Konzert aus dem Radio vor.
Auf der Kassette weitere Aufnahmen von dir. Deine Kinderstimme ist hell, klar, überdeckt das Rauschen auf dem Band. Einmal singst du:
»Wer möchte nicht im Leben bleiben,die Sonne und den Mond besehn,mit Winden sich umherzutreibenund an Wassern still zu stehn.Wer möchte nicht im Leben bleibenden Mensch’ und Tieren zugesellt.Wer ließe sich denn gern vertreibenvon dieser reichen, bunten Welt.O lasset uns im Leben bleiben,weil jeden Tag ein Tag beginnt.O wollt sie nicht zu früh vertreibenalle, die lebendig sind.«
Nur in der letzten Strophe passiert dir ein kleiner Fehler. Kurz vor dem Wort lebendig ein Zögern, als hättest du dich verschluckt.
In der Chronik beschreibt dein Vater nicht nur dein Leben. Auch sein eigenes erzählt er.
Als er ein Kind war, stellte ihn sein betrunkener Vater, dein Großvater, im Gasthaus bei Feierlichkeiten auf den Tisch. Dort sang dein Vater, für die Anwesenden.
Ich kann seine blonden Locken im Dunst leuchten sehen. Er singt barfuß, über allen thronend, kein Zittern in der Stimme. Die Zuhörenden vergessen, die Asche von ihren Zigaretten zu klopfen, lautlos fällt sie auf den speckigen Holztisch, den speckigen Boden.
Auch in der Dorfkirche sang dein Vater. Bei Trauungen, Taufen, Konfirmationen, Bestattungen.
Dein Vater steht vor den gut gefüllten Holzbänken und singt, schräg fällt das Licht durch die bunten Fenster, trotzt den Schatten des Odenwalds.
Er habe die Menschen zu Tränen gerührt, schreibt dein Vater.
Auch auf dem Weg zur Schule, im aufgewühlten Staub, auf dem Fahrrad, im Wald sang er.
Ich sehe ihn vor mir, wie er auch auf dem Ascheplatz singen will, aber die anderen Jungen lachen, reißen ihn zu Boden. »Bist du ein Mädel oder was?«, rufen sie. Dein Vater versteckt seine Tränen, beißt sich auf die Lippen, steht auf, schüttelt den Kopf. Von nun an überlegt er sich gut, an welchen Orten er zu singen beginnt.
Auch deine Mutter muss als Kind gesungen haben. Ihr Leben aber lässt dein Vater in der Chronik unerwähnt.
Ich sammle das wenige zusammen, das ich über deine Mutter weiß. Die Zettel mit meinen Notizen schiebe ich zwischen die Seiten der Chronik und fixiere sie mit Tesafilm.
Deine Mutter war die Tochter eines Fleischerangestellten. Hunger hat sie in ihrer Kindheit nicht gekannt.
Sie sitzt unter dem Küchentisch, in ihrer Heimatstadt im mittelsächsischen Gebirge, fünfzig Kilometer von Dresden entfernt. Die Locken springen ihr ins Gesicht, der Vater, dein Großvater, reicht ihr Wurst hinunter, lacht, wenn sie die fettige Hand hervorstreckt, um noch ein Stück bittet.
Ich stelle ihr eine ältere Schwester an die Seite, die ihr jeden Morgen das Haar zu einem Zopf flicht und in deren Bett sie nachts kriecht, wenn sie sich fürchtet. In meinem Kopf ist die Schwester diejenige, die deiner Mutter das Singen beibringt. Meist sind es Volkslieder, die sie beim Fegen der Stube anstimmen, beim Auskochen der Wäsche, beim Kartoffelschälen.
»Kein schöner Land in dieser Zeitals hier das unsre weit und breit,wo wir uns findenwohl untern Lindenzur Abendzeit.«
Deine Mutter und ihre Schwester gehen deiner Großmutter zur Hand, lernen von ihr die Hausarbeit. Aber auch, den Kopf gesenkt zu halten, zuzuhören, zärtlich zu sein.
Das Leben ist überschaubar.
Die Kleinstadt wird nur selten verlassen.
Im Elternhaus deiner Mutter gibt es von allem genug.
In der Chronik schreibt dein Vater auch über den Krieg. Melder ist er gewesen. Von seinem Hauptmann wurde er an der langen Leine gelassen. Ich finde keine Erwähnung von Waffen oder dem Kampf, stattdessen schreibt dein Vater, dass er immer eine Gitarre bei sich getragen habe.
Ich sehe ihn mit der Gitarre an einem Lagerfeuer sitzen. Funken stieben in die Nacht. Durch das Unterholz des Waldes ziehen Wildschweine, atmen und schnaufen schwer im Gebüsch. Dein Vater spielt und singt. Die anderen Männer suchen seine Nähe, sind mit einem Mal weich, bitten ihn um noch ein Lied. Dein Vater singt bis zum Morgen, bis zum ersten Licht.
Mir kommen die Eichen unecht vor in dieser Erzählung, so wie die ganze Szenerie. Es fehlen die Schatten der Bäume, die schmutzigen Gesichter der Männer, ihr Schweiß, der Geruch nach Patronenhülsen an den Händen. Und was passiert ist, bevor sie alle im Wald das Lager aufgeschlagen haben. Dein Vater ist nicht im Krieg, dein Vater sitzt auf einer Bühne, und alles ist nur eine Attrappe. Selbst die Gitarre aus Pappe. Hinter den Bäumen ein riesiger Hohlraum.
Eine andere Erzählung suche ich in der Chronik vergeblich. Die Erinnerung hat dein Vater nie aufgeschrieben, sie immer nur erzählt, wenn es spät war, draußen bereits dunkel und er mit engen Vertrauten zusammensaß.
Ich folge deinem Vater an die Front. Rückzug der Deutschen. Auch die Einheit deines Vaters ist auf dem Rückmarsch. Kein Dorf soll stehen bleiben, so lautet der Befehl.
Hinter den Männern bleibt eine Spur aus Asche zurück.
Mit rußigen Gesichtern bewegen sich die Männer stetig Richtung Heimat. Und irgendwann während dieser Tage, Wochen entdeckt dein Vater hinter einem großen Bauernhaus eine Grube. Am Grund duckt sich eine ganze Familie. In den Mundwinkeln Erde. Die Augen weit aufgerissen. Darin die nackte Angst.
Diese Gesichter wird dein Vater nie vergessen. Neben einem ausgebrannten Stall, den Knochen von Tieren lässt er seine Gitarre zurück.
Was passiert ist, nachdem dein Vater und die anderen Soldaten das Versteck der Familie gefunden haben, erzählte dein Vater nie. Es ist nicht die einzige Stelle in seinem Leben, in der sich ein Loch auftut. Ich stehe am Rand und blicke hinab. Dunkel ist es dort unten, pechschwarz die Nacht.
