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Der Roman erzählt vom bewegten Leben der Bäckerstochter Therese: von ihrer behüteten Kindheit im Habsburgischen Böhmen und von den politischen Umwälzungen nach dem I. Weltkrieg, wodurch die alte bürgerliche Kultur ins Wanken gerät. Er erzählt aber auch von dem Mädchen Therese, das schon im Grundschulalter seine Liebe zu Musik und Klavierspiel entdeckt und dieser Leidenschaft in Kindheit und Jugend folgt. Die junge Pianistin feiert erste Erfolge. Aber obwohl sie hochbegabt ist, entschließt sie sich für eine berufliche Neuorientierung: sie wird Kindergärtnerin und verbringt glückliche Jahre mit den Kindern. Ihre Zeit als Kindergärtnerin ist zugleich die "Zeit des Umschwungs", in der auf einmal die Nazis den Ton angeben. So wie ihr Bräutigam sind die Leute um sie herum von einer politischen Euphorie erfasst, die sie weder teilt noch verurteilt, bis der beginnende Krieg sie zwingt, sich der neuen Situation zu stellen. Ihr Mann wird nach Russland und Griechenland geschickt, und sie überlebt mit ihrer Mutter und der kleinen Tochter allein den Krieg - nur, um am Ende aus ihrer Heimat vertrieben zu werden.
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Seitenzahl: 258
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Es sind gerade mal zehn Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, da wird Therese geboren.
1904 ist eine ruhige Zeit, zumindest im habsburgischen Böhmen.
Ihre Eltern leben in Kamnitz, einem Ort zwischen Dorf und Stadt, mit Katzenkopf-Pflaster, einem kleinen Flüsschen, einer Papierfabrik und fünf Strumpfwirkerfabriken. Am Marktplatz stehen Renaissancebauten neben kleineren Geschäftshäusern. Volks- und Bürgerschule hat der Vater besucht, die Mutter nur die ersten vier Jahre, dann wurde sie zu Hause gebraucht.
Therese hat arbeitsame Eltern, die 1899 geheiratet und eine Bäckerei aufgemacht haben, mit Schulden. Der Vater ist Bäcker, hat eine Wanderschaft hinter sich, einen Beruf, in den er vom Vater gezwungen wurde. Lieber wäre er Stadtschreiber geworden oder Kanzleivorsteher oder Lehrer, aber sein Vater lacht nur über solche Flausen. Ein Handwerk! Bäcker braucht man immer. Brot ist Leben.
Die Mutter ist das älteste von elf Kindern, wächst auf in einer ärmlichen Schusterfamilie. Auch sie wollte Lehrerin werden, die Eltern haben sie ausgelacht. Was für eine Schnapsidee! Du wirst der Mutter helfen, und später gehst du in Dienst zu den reichen Fabrikbesitzern!
Jetzt verkauft sie Brot und Semmeln im Laden; das ist im Vergleich zum Nachttopfreinigen, Bettenmachen und Bodenwischen eine leichte Arbeit.
1900 wird ihr Sohn geboren, den sie zwischen Ladentheke und Küche im Stubenwagen hin und her schiebt. Als seine Schwester vier Jahre später nachfolgt, hilft er schon, die Semmelkörbe aus der Backstube nach oben in den Laden zu bringen.
Die kleine Therese ist ein braves Kind, das viel schläft und wenig schreit. Sie ist zufrieden, wenn sie im Kinderwagen zwischen Laden und Wohnung liegt und die vielen Leute beobachtet, die zum Brotkaufen kommen und mit Klingeln angekündigt werden. Beruhigend die Stimme der Mutter, die sich mit den Kunden unterhält, beruhigend das Scheppern der Kasse, wenn die Münzen hineinfallen. Hin und wieder schaut eine Freundin der Mutter oder eine ihrer Schwestern in den Kinderwagen und rüttelt ein bisschen an der Rassel, die an einem Faden herunterhängt. Dann lacht die kleine Resi, und die Frauen freuen sich über das lustige kleine Mädchen. Das wird mal eine ganz Liebe, prophezeien sie der Mutter.
Das Leben über der Backstube ist von guten Gerüchen begleitet. Es duftet nach Vanille und an Weihnachten nach Zimt. Immer fällt etwas von den süßen Bröseln für die Kinder ab; denn Brezeln zerbrechen, Quarktascherln bleiben übrig.
Auch im Winter wird sie an die frische Luft, in den Hof geschoben. Es schneit. Die Flocken rieseln auf die Zudecke. Therese blinzelt. Die Welt wirbelt herum und dreht sich, bevor Therese einschläft.
Zu Mittag wird das Geschäft zugesperrt, Therese darf zuschauen, wie die Mutter das Essen kocht. Die Karotten und der Sellerie liegen schon geputzt parat, zusammen mit den Zwiebeln kommen sie in den großen Topf mit geschmolzenem Schweinefett und köcheln duftend, während in einer anderen Kasserole die geschälten Kartoffeln weich werden.
Therese wird mit dem Brei aus allen Zutaten gefüttert. Sie macht keine Schwierigkeiten, alles aufzuessen, was die Mutter in einem Schüsselchen für sie zerkleinert hat.
Wenn das Geschirr klappert und das Besteck klirrt, dann werden gleich Vater und Bruder erscheinen. Auf dem großen Holztisch stehen die zwei Töpfe, und jeder bedient sich selbst. Zum Abschluss gibt es entweder Nusskipferl oder Mohnkolatschen, je nachdem, wie viel davon noch übrig ist. Für Resi werden kleine Bissen abgezupft, die sie dann langsam lutscht.
Am Samstag kommt die Patin, kauft zwei Brote und eine Tüte Kolatschen, nimmt Resi und manchmal auch den Bruder mit auf den Bauernhof. In die goldene Milchhaut wird ein Zuckerstückchen gewickelt, das darf Therese dann nuckeln. Der Bruder verschwindet in Richtung Kaninchenstall und füttert seine Lieblinge, streichelt sie und gibt ihnen Namen. Darüber lachen Onkel und Tante.
Zum sonntäglichen Kirchgang wird Resi mitgenommen, sie atmet den Weihrauch und lauscht den kleinen Glöckchen, die unversehens anheben zu klingeln.
Dann gibt es Mittagessen für alle. Die Mutter hat einen Braten im Ofen, dazu Sauerkraut und Kartoffeln, und als Nachspeise stellt der Vater eine große Schüssel mit Quark- und Mohnkolatschen auf den Tisch, dazu trinken die Erwachsenen Kaffee aus großen Porzellantassen. Unter dem Gemurmel am Tisch schläft Therese wieder ein.
In der Nacht wacht sie manchmal auf, alles ist dunkel, dann weint sie, bis die Mutter kommt und die Kissen aufschüttelt. Die Angst wird weggedrückt mit dem Teddybären des Bruders, der sich weich anschmiegt und vertraut riecht.
Wenn es hell wird, lauscht sie und horcht auf die Stimmen in der Küche. Gleich wird die Mutter sie aus dem Gitterbett in den Stubenwagen legen und ihr ein Fläschchen mit warmer Milch reichen. Sie kann es schon selber festhalten und trinkt gierig. Dann gibt es noch ein Stückchen Semmel. Wenn der Vater sich über sie beugt, sie vorsichtig streichelt und in die Wange kneift, dann quietscht sie vor Freude und lacht ihn an. Kleine Protestschreie, als er in der Backstube verschwindet. Die Mutter ruckelt am Wägelchen, bis wieder Ruhe herrscht. Nicht auszudenken, wenn Therese ein Schreikind wäre und die Kunden verschreckte. So aber kehrt gleich wieder Friede ein, diesmal mit den süßen Resten eines Kipferls. Damit ist Therese beschäftigt, während die Ladenglocke ohne Pause bimmelt, die Mutter sich mit den Kunden unterhält und schließlich die Metallkasse öffnet und die Münzen einsortiert.
Ein paar Verwandte schleichen hinter den Ladentisch und scherzen mit Therese, die freudig aufkräht, wenn eine der Tanten sie kitzelt oder an dem Schellenbäumchen rüttelt, das vom Dach des Korbwagens pendelt. Dann wird sie in die Küche geschoben, die Mutter schält Kartoffeln, putzt sich schnell die Hände an der Schürze ab, wenn die Ladenklingel ertönt, kommt aber gleich wieder und gibt Therese einen Karottenschnitz in die Hand, den sie im Mund hin- und herschiebt. Sie hat ja noch keine Zähne.
Bruder und Vater erscheinen fast zur gleichen Zeit.
Geh Hände waschen, ruft die Mutter ihrem Sohn zu. Der Vater setzt sich, hat noch weiß bemehlte Handrücken. Er greift sich eine Semmel und tunkt sie in die Suppe. Er steht als Erster auf und verschwindet in der Schlafkammer.
Therese saugt noch eine Weile an der aufgeweichten Semmel, die ihr der Bruder reicht. Es wird wenig geredet, jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt. Therese schläft wieder ein, während die Mutter das Geschirr spült und sich dann in den Lehnstuhl setzt, die Beine hochlegt und für eine halbe Stunde einnickt. Der Bruder zeichnet still vor sich hin.
Ein Tag gleicht dem anderen, eine zuverlässige Abfolge von Wörtern und Tätigkeiten; Therese schläft und trinkt und isst und schaut sich die Welt an, in die sie hineinwächst.
Sie leiden keinen Hunger, Therese und Karl. Fast beiläufig werden sie größer, der ältere hilft der Schwester beim Laufenlernen, sie bastelt Kränzchen aus Gänseblümchen. Stundenlang sitzen sie im Garten, naschen Ribiseln, heben Äpfel auf, spielen Kochen und Backen. Erst als der Bruder in die Schule kommt, wird es einsam um Therese.
Auch als sie laufen lernt, hält Therese sich den Vormittag über zwischen Wohnungs- und Ladentür auf. Sie sitzt auf einem kleinen Stühlchen und hat einen guten Überblick über die Kunden, die in den Laden kommen. Von der Patin hat sie eine Stoffpuppe bekommen, dazu ein paar von ihr genähte Kleidchen, und Therese wird nicht müde, ihre Elisabeth stets von Neuem an- und auszuziehen. Den Namen hat sie selber ausgesucht, denn in einer »Gartenlaube« war die österreichische Kaiserin Elisabeth abgebildet, mit Wespentaille, mit breitrandigem Hut und mit einem weiten Rock. Das Bild hat es der kleinen Therese angetan, und deswegen versucht sie, aus ihrer Puppe Elisabeth eine gut angezogene Dame zu machen, ganz nach dem Vorbild der Kaiserin.
Auch mit Laubkränzchen schmückt sie ihre Puppe, lässt sie marschieren, legt sie schlafen und deckt sie sorgfältig zu.
Keiner muss fragen, was hast du heute gemacht. Das Leben ist durchsichtig: ein kleines Mädchen sitzt nachmittags auf der Gartenbank mit ihrer Puppe. Alle können sie sehen.
Vom Bruder lernt sie das Zählen.
Ich kann schon bis zehn!
Die Mutter streicht ihr über die Haare: Kannst mir bald beim Verkaufen helfen, lächelt sie. Wenn sie aus dem Laden kommt, setzt sie sich gleich in den Lehnstuhl und massiert die geschwollenen Beine. Resi holt ein Glas Himbeersaft für sie.
Du liebes Kind!
Das hört sie so gerne. Am liebsten würde sie den ganzen Tag die Mutter bedienen und umsorgen, um diese Worte zu hören.
Die Abendessen verlaufen immer gleich. Vater setzt sich zu Tisch, die Mutter bringt heiße Kartoffeln mit Quark. Mutter und Kinder trinken Holundersaft, der Vater Bier. Danach gehen sie alle schlafen. Mit den Hühnern, sagt die Mutter, die später am Abend wieder in die Stube geht mit Strick- oder Häkelarbeiten. Zu nachtschlafender Zeit steht der Vater auf, er muss in die Backstube.
Allein sitzt dann die Mutter unter der Lampe und häkelt meterweise Spitzen aus dünnem Baumwollfaden. Wenn kleine Reste übrigbleiben, nachdem Vorhänge oder Tischdecken damit verziert wurden, sammelt Resi diese Kostbarkeiten in einem Karton, wo sie übriggebliebene Samtfleckchen oder zerschnittene Geschirrtücher aufbewahrt. Noch bevor sie in die Schule geht, näht sie daraus Puppenkleider. Sie stellt sich vor, dass sie, wenn sie groß ist, auch solche kostbaren Roben tragen wird. Stricken bringt ihr die Mutter in den Abendstunden bei. Es dauert nicht lange, und Resi strickt Westchen und Röckchen für ihre Puppe.
Die Abende sind ihre Lieblingszeit, weil die Mutter zwischen ihr und dem Bruder sitzt, manchmal eine Geschichte vorliest oder Maß nimmt für ein neues Paar Handschuhe oder Socken.
Nachdem die Mutter am Morgen aufgestanden ist, weckt sie den Bruder, der in die Schule muss. Therese darf noch weiterschlafen, bis die Mutter den Laden aufmacht.
Dann aber geschwind!
Muttl, wenn ich eine Ameise wäre oder eine Fliege. Was wärst du dann?
Kind, ich muss in den Laden. Auf was für Ideen du kommst. Hol deine zwei Puppen, schau mal, die schlafen noch.
Therese sitzt auf ihrem kleinen Hocker in der offenen Türe zwischen Laden und Wohnung. Wenn der Lehrling einen neuen Korb mit warmen Semmeln aus der Backstube bringt, streicht er ihr über die braunen Locken, sagt: Bleib ruhig sitzen, ich komme schon vorbei. Sie strahlt ihn an, und später, wenn er die Keksel bringt, zweigt er eins ab und legt es ihr auf den Puppentisch.
Den Alisi werde ich mal heiraten, sagt sie vorm Schlafengehen zur Mutter. Der ist immer lieb zu mir.
Die Mutter hört nur halb hin. Heiraten? Ach du meine Güte, da fließt noch viel Wasser die Elbe runter, bis dahin!
Das sagt sie oft, die Mutter. Es ist wie Rauschen. Bekannte Sätze fliegen vorbei, vielleicht haken sie sich manchmal fest. Dann gibt es viel zu überlegen. Wo die Elbe fließt, wer sie schon einmal gesehen hat, wer von den Schiffen erzählt hat, die zum Meer fahren wollen. Niemand hat das Meer gesehen. Auf einer Karte, die der Bruder ausbreitet, ist ein großer, hellblauer Fleck. Das Meer! Viele Meere gibt es, sagt er, nicht nur eins. Überall Fische.
Und Meerjungfrauen?
Der Bruder lacht.
Nein, davon gibt’s keine. Die heißen nur so, aber die gibt’s nicht.
Ich hab aber eine gesehen, im Bilderbuch. Blonde Locken und einen Schwanz wie ein Fisch.
Das ist nur ein Bild, das hat sich jemand ausgedacht.
Gibt es Dinge, die man sich ausgedacht hat, nicht?
Nein.
Aber jemand hat sie sich ausgedacht, und deswegen gibt es sie. Sogar Bilder.
Ach, Resi, ich muss Hausaufgaben machen.
Ich will auch Hausaufgaben machen.
Ja, dann zeichne eine Meerjungfrau.
Sie darf die Farbstifte des Bruders nehmen.
Pass auf, nur leicht andrücken, vorne anfassen!
Ist die ein Fisch?
Nur unten. Oben ganz normal, Frau mit langen Haaren. Und wo du Beine hast, hat sie eine Fischflosse.
Damit sie schwimmen kann!
Ja, und jetzt sei still und male!
Schweigend sitzen sie da, bis die Mutter aus dem Laden vorbeischaut.
Na, Resi, du malst jetzt auch, wie dein Bruder? Eine Fischfrau?
Das ist eine Meerjungfrau, oben Mensch und unten Fisch.
In einer Stunde mache ich den Laden zu, bleibt schön brav bis dahin!
Und sie geht wieder, es hat geklingelt, Kundschaft ist da.
Inzwischen ist der Vater aus der Backstube in die Schlafkammer gegangen. Bis zum Abendessen schläft er noch ein bisschen.
Die beiden Kinder beugen sich über ihre Blätter. Die Uhr hört man ticken, so still ist es.
Therese wird das immer als glückliche Kindheit empfinden. Einigkeit mit dem Bruder, die Ladenglocke, die besorgte Mutter, der frische Brotgeruch aus der Backstube, schließlich angebratene Zwiebeln mit Kartoffeln in der Pfanne. Vater steht auf, holt das große Brot, macht ein Kreuzzeichen darauf und schneidet es an.
Der Bruder zeichnet und malt, wenn er mit den Hausaufgaben fertig ist. Die buntesten Landschaften entstehen mit seinen Farbstiften, und Resi erbittet oft ein Bild für ihre Schatztruhe. Das ist ein Karton, in dem an Weihnachten und Ostern für die vornehme Kundschaft Weihnachtsstollen oder Osterbrote ausgeliefert werden. Die Schachtel mit ihren Kostbarkeiten hat sie unter ihrem Bett versteckt. Immer wieder holt sie ihn hervor und betrachtet die Dinge, die sie gesammelt hat. Den kleinen Silberring von der Patin steckt sie am Sonntag an, wenn sie in die Kirche geht mit der ganzen Familie. Es ist ein friedliches und geruhsames Leben, in das Therese hineinwächst.
Aber sie merkt noch nicht, was unter der Oberfläche bereits schwelt.
Vier Jahre ist sie alt, als der Vater nach der Gute-Nacht-Geschichte, die die Mutter ihr vorgelesen hat, noch an ihrem Bettchen steht, sie lange anschaut und dann auf die Stirn küsst.
Vatl, bleib ock no!
Aber er wendet sich ab, man hört seine schweren Schritte auf der Treppe, sie hört, wie die Haustür geöffnet und geschlossen wird.
Dann Stille.
Am nächsten Morgen sitzt nur der Geselle am Frühstückstisch.
Der Bruder schweigt, nippt an seiner Milch, steht schweigend auf und geht zur Schule. Geselle und Mutter schweigen. Dann verschwindet die Mutter im Laden und der Geselle in der Backstube.
Wo ist der Vatl?
Keine Antwort.
Sie sitzt allein am Tisch, trinkt die Milch und tunkt eine Semmel in die Tasse. Noch lange wird sie sitzen bleiben und überlegen, wohin der Vater auf einmal verschwunden ist.
Niemand findet erklärende Worte für etwas, das man nicht erklären kann. Therese lernt, dass sie nach dem Vater nicht mehr fragen soll. Auch der Bruder gibt keine Auskunft. Die Mutter bleibt im Vagen.
Er ist verreist.
Wann kommt er wieder?
Das weiß ich nicht.
Sie kann sich keinen Reim auf die fehlenden Auskünfte machen.
Ist er auf dem Friedhof?
Jetzt schaut die Mutter auf.
Nein, er lebt, ist nicht tot.
Wohin ist er gefahren?
Hör auf mit der ewigen Fragerei, ich hab dir schon gesagt, ich weiß es nicht.
Wann kommt er wieder?
Auch das weiß ich nicht.
Eine Leerstelle in der Erinnerung. Große Stille. Vom Vater wird nicht mehr geredet.
Therese weint, die Mutter nimmt sie in den Arm und weint mit ihr. Der Bruder hält mit seiner Malerei inne, auch er hat Tränen in den Augen.
Der Vater ist also nicht tot, und trotzdem weinen alle. Weinen sie um ihn?
Seit die Mutter allein mit den Kindern und dem Gesellen ist, hat sie keine Zeit mehr für lange, geruhsame Abende. Immer länger bleibt sie in der Backstube. Thereses Patin hilft im Laden aus, und immer öfter bleibt die Verbindungstür geschlossen. Therese soll nicht hören, was im Laden geredet wird.
Aber sie spitzt die Ohren. Schließlich wird sie nächstes Jahr in die Schule kommen. Lesen kann sie schon ein bisschen, das hat ihr der Bruder so nebenbei gezeigt. Aber aus den halb geflüsterten Gesprächen der Erwachsenen kann sie sich noch keinen Reim machen.
Der Vater ist nach Dresden gezogen, mit einer Tante, einer Schwester der Mutter.
Was macht er dort?
Wer viel fragt, geht viel fehl, heißt es, wenn sie neugierig ist.
Hilf lieber, die Semmeln zu schichten, die Stube zu kehren, die Kartoffeln zu schälen.
Aber bei diesen Tätigkeiten kann man getrost weiter überlegen und rätseln.
An Sommernachmittagen spielt sie mit den Nachbarskindern in dem kleinen Wäldchen oberhalb des Hauses. Sie bauen Puppenhäuser aus Ästen und Blättern, sie ziehen die Puppen unermüdlich aus und an, sie spielen »Wiener Kaffeehaus« und »Tanztee beim Fürsten Kinsky« und klopfen den Dreivierteltakt mit Steinen.
Vielleicht bäckt dein Vater jetzt die Semmeln für das Frühstück beim Fürsten? Die Kinder lachen.
Wieso, fragt Therese. Woher wisst ihr das?
Aber wieder lachen sie nur und tun gescheit.
Du weißt gar nicht, wo der liebe Vatl ist?
Wisst ihr es denn?
Alle wissen es, nur du nicht. Du bist noch zu klein. Zu dumm. Du verstehst nichts.
Als wieder alle sie auslachen, nimmt sie ihre Puppe und läuft heim. Sie weint den ganzen Abend lang, gibt keine Antwort auf die Fragen der Mutter.
Hinter der angelehnten Ladentür lauscht sie den Gesprächen der Mutter mit der Tante.
Ein Kind hat er ihr gemacht, unglaublich. Kein Wunder, dass er nichts hören lässt. Keiner weiß, wo sich die beiden versteckt haben.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalten kann, sagt die Mutter leise. Ich muss jetzt den Schwager um Hilfe bitten.
Höchste Zeit, dass sie dir helfen.
Ich geh mit dir, verspricht die Tante.
Am nächsten Morgen arbeitet der Onkel mit in der Backstube. Er ist alt und schnauft schwer, wenn er die Fünfpfünder nach oben trägt. Therese wird gelobt, wenn sie die Stube kehrt und den Tisch deckt. Der Bruder ist voller Mehlstaub, wenn er sich endlich am Abend zu den Hausaufgaben setzt.
Wenn wir alle zusammenhelfen, dann wird’s schon gehen.
Und dann ist Weihnachten, die Mutter schmückt am Heiligen Abend, als der Laden endlich geschlossen ist, einen kleinen Baum, den sie im hinteren Garten abgesägt haben.
Für Therese liegen Puppenkleider unterm Baum, für den Bruder neue Malstifte. Auf dem Tisch die Reste aus der Bäckerei: ein paar Vanillekipferl, drei Mohnkolatschen.
Es schneit. Sie brechen in den Mitternachtsgottesdienst auf. Sie singen am Schluss die Stille Nacht. Die Mutter hat Tränen in den Augen, als sie heimgehen.
Am Hehren Tag sind sie bei Onkel und Tante eingeladen. Es gibt Schokopudding als Nachspeise. Die Kinder werden zum Spielen ins Kinderzimmer geschickt. Im Wohnzimmer wird leise geredet. Die Mutter weint still vor sich hin. Onkel und Tante nehmen sie in die Mitte und reden auf sie ein. Dann gibt es Kaffee und Striezel, und die Kinder dürfen wieder am Tisch mit den Erwachsenen sitzen. Man redet über die Predigt des Dechanten, der vor allem von Ochs und Esel erzählt hat, die angeblich in ihrer Demut ein Beispiel für die Christen sein sollen. Der Onkel hört gar nicht mehr auf, sich seine Nachbarn und Vorgesetzten als Ochsen und Esel vorzustellen, und die Stimmung ist jetzt ausgelassen, weil alle lachen und sich ihre wenig geliebten Mitmenschen als Tiere vorstellen.
Und dann, eines Abends im Frühjahr, steht der Vater wieder in der Türe. Die Mutter tut so, als sähe sie ihn nicht. Therese läuft in seine Arme.
Vatl!
Der Bruder bleibt am Tisch sitzen und malt weiter.
Wochenlang nur Schweigen.
Zwar ist der Vater wieder da, aber die Wortlosigkeit hat sich inzwischen ausgebreitet.
Wo warst du denn, würde Therese gern fragen. Aber auch der Bruder sagt nichts, malt nur an seinen Landschaften weiter und schaut nicht auf.
Therese ist die Einzige, die weiter fröhlich ihre Lieder singt, dem Vater auf den Schoß hüpft und ihn am Bart zupft. Wenn er dann sich zu ihr neigt und sagt: Du liebes Kind, dann horchen Mutter und Sohn auf. Lieb ist, denkt die Mutter, wer nichts weiß, wer noch keine Ahnung von Verrat und Verlassenheit hat. Der Bruder beißt sich auf die Wange, dann holt er die gesammelten leeren Zettel und malt seine stummen Antworten mit Farbstiften aus. Meist sind es Landschaften mit viel Grün, in denen er spazieren geht und sein Leben vergessen kann.
Der Vater ist wieder da, strahlt Therese, das ist die Hauptsache. Es gibt wieder regelmäßige Mahlzeiten, und frische Kipferl kommen aus der Backstube.
Endlich ist es so weit: Der erste Schultag!
Therese ist stolz auf ihre neuen Schuhe, auf ihr neues Kleid, das die Patin ihr geschenkt hat: dunkelblau mit grauen Streifen und einem weißen Krägelchen. Auch einen Lederranzen hat der Vater ihr gekauft. Eine neue, schwarze Tafel und eine Schachtel mit Griffeln ordnet sie immer wieder neu. Die Mutter schmiert eine Buttersemmel für die Pause, fein eingewickelt in die blau bedruckte Bäckertüte aus dem Laden.
Der Bruder nimmt sie an der Hand, und sie marschieren in das zweistöckige Schulgebäude, das so groß ist wie das Rathaus.
Unter den Erstklässlerinnen sind einige der Nachbarskinder. Therese stellt sich neben Magdalena, mit der sie Puppen gespielt hat.
Ich hab Angst, flüstert Magdalena.
Der Lehrer hat einen Stecken, mit dem schlägt er zu.
Aber nicht, wenn wir brav sind, entgegnet Therese. Ich hab keine Angst. Karli sagt, unser Herr Renger ist sehr nett. Schau, das ist der Große mit der Brille.
Als sich der Lehrer nähert, wird Magdalenas Hand feucht. Sie hält sich an Therese fest.
Jetzt stellt euch zu zweit auf, dann zeige ich euch euer Klassenzimmer, sagt Herr Renger. Er geht voraus, die Mädchen trippeln ihm nach.
Ihr setzt euch gerade so in die Zweierbänke, wie ihr hereinkommt! Später wird sich zeigen, ob das passt.
Und so hat Therese Nachbars Magdalena als Banknachbarin.
Der Lehrer trägt einen schwarzen Anzug, die Hosen mit scharfer Bügelfalte, sein gestärktes, weißes Hemd wird an den Ärmeln mit Manschettenknöpfen geschlossen. Wenn sich die Ärmel zurückschieben, sieht man silberne Medaillen aufblitzen. Ob auf den Münzen auch der Kaiser abgebildet ist? Jedes Kind kennt sein Porträt, er ist allgegenwärtig, sogar auf den Briefmarken.
Auch das erste Gebet, das der Lehrer zu Beginn der Stunde vorspricht, handelt davon, dass alle Kinder für den Kaiser beten sollen, damit er ihnen noch lange erhalten bleibt. »Gott erhalte, Gott beschütze«. So beginnt auch die Hymne, die Therese schon bald auswendig lernen wird. Vorne, über dem Pult, hängt das Bild des Kaisers, er trägt Uniform und blickt gütig auf seine Untertanen. Wenn Therese nur lange genug auf das Bild starrt, hat sie den Eindruck, dass der Kaiser die Augen auf sie richtet und sein Mund lächelt. Es ist wie mit den Bildern in der Kirche. Schaut man unausgesetzt auf die Madonna oder einen Engel, wird das Bild auf einmal lebendig und kommt aus dem Rahmen geradewegs auf sie zu. Dann schaut sie schnell weg, weil sie Angst hat.
Angst ist das angeborene Gefühl für unsichtbare Gefahren, die nur jemand wittert, dem viel davon erzählt wird, wenn die erzählten Märchen zu Bildern werden, die im Traum weiterleben und Wände und Vorhänge beim Einschlafen zu Theaterbühnen werden lassen, auf denen die Leiden der Menschen zur Schau gestellt werden.
Therese leidet mit Hänsel und Gretel, sie wird nicht müde, die Mutter zu befragen. Warum werden die Geschwister von den Eltern in den Wald geschickt, wieso sucht die Polizei nicht nach ihnen, und wie kommt es, dass die Eltern sich am Ende freuen, ihre Kinder wiederzusehen, wo sie sie doch vorher im Wald ausgesetzt haben. Und gar Aschenputtel! Die musste doch auch einen Vater haben, nicht nur die böse Stiefmutter. Warum hat der Vater sie nicht beschützt?
Die Mutter hat Mühe, einigermaßen plausible Erklärungen zu finden. Der Bruder lacht und sagt, das sind doch nur Märchen, alles nur ausgedacht.
Aber wozu schreibt man das dann auf?
Damit du richtig Angst kriegst, sagt der Bruder. Dann gehorchst du besser.
Alle lachen.
Aber in Therese wuchern die Fragen weiter.
In der Schule werden keine Märchen erzählt. Alles, was der Lehrer erklärt, ist Tatsache und wird nicht bezweifelt. In der ersten Rechenstunde hebt Therese jedes Mal den Finger, wenn der Lehrer eine Frage stellt. Sie weiß schon viel von ihrem Bruder, der ihr mit ihren zehn Fingern das Zusammenzählen und Abnehmen erklärt hat. Genau so macht es der Lehrer.
Nach der Schule darf sie manchmal mit Magdalena zu ihr nach Hause gehen und mit der Nachbarsfamilie zu Mittag essen. Da gibt es zwei Teller, die übereinander stehen. Auf den kleineren kommt die Vorspeise, hat Therese gelernt. Das Dienstmädchen mit weißer Schürze und weißem Häubchen, das aussieht wie ein Diadem, nur ohne Diamanten, serviert von einem Silbertablett kleine Kuchen, die mit Fleisch gefüllt sind.
Die Eltern trinken dazu Wein aus den gravierten Gläsern, wie sie Thereses Onkel in Parchen verziert. Bei ihr zu Hause stehen sechs davon in der Vitrine, aber noch nie hat jemand daraus getrunken. Magdalenas Mama trägt aufgebauschte Haare in einer Innenrolle; sie hat auch zu Hause Kleider ohne Schürze an. Der Vater hat einen aufgezwirbelten Schnauzbart und redet leise. Das findet Therese erstaunlich, weil ihr Vater und ihre Onkel alle laut reden, wenn sie sich an Festtagen treffen. Aber der Hausherr hier ist in der Verwaltung, jedenfalls sagt das Magdalena, und da spricht man nicht laut wie die gewöhnlichen Leute. Außer am Sonntag gibt es bei Magdalena auch noch dreimal in der Woche Braten oder Selchfleisch. Ilona, das Dienstmädchen, bringt das Essen auf zwei großen Platten und stellt sie in der Tischmitte ab. Der Vater erhebt sich und teilt das Fleisch in Portionen. Und anschließend reicht man seinen Teller an Ilona, und sie häuft Kartoffeln oder Reis darauf mit einem Fleischstück, das so groß ist, wie es bei ihr daheim der Vater sonntags auf dem Teller hat. Es herrscht Stille im Esszimmer, bis der Vater sagt: Jetzt guten Appetit! Erst dann dürfen alle zu Messer und Gabel greifen.
Therese knickst, wenn sie sich verabschiedet.
Danke für das feine Essen!
Magdalenas Mutter lächelt gütig, streicht ihr über die Locken.
Und jetzt mach brav deine Hausaufgaben!
Dann rennt sie heim, packt ihre Schulsachen aus, legt die Schiefertafel auf den Tisch und kratzt die Buchstaben zu Dutzenden weiß auf schwarz, die Herr Renger auf die große Schultafel mit Kreide geschrieben hat.
Wenn der Bruder ihr über die Schulter schaut, wischt er mit dem Zeigefinger über missglückte As oder Bs, und Therese bessert sie aus.
Die Mutter kommt einmal kurz aus dem Laden vorbei und verteilt die Arbeit fürs Abendessen. Therese schält die bereitgelegten Kartoffeln, der Bruder schüttelt das Tischtuch aus und stellt Teller, Gläser und Besteck darauf. Bis der Vater kommt, sind die Kartoffeln weich, es gibt Quark und Butter dazu. Keine Rede davon, dass zwei Teller übereinander auf zwei verschiedene Gerichte warten, weit und breit kein Dienstmädchen, das mit Schürzchen und weiß gestärktem Diadem das Essen serviert. Therese würde am liebsten fragen, was es mit diesen Unterschieden auf sich hat, aber sie sucht nach Worten und gibt dann auf. Sie stellt sich vor, dass Vater und Mutter antworten würden, wie hart sie arbeiten müssen, um das tägliche Brot zu verdienen. Es gibt eben Reiche und weniger Reiche, so ist das.
In der Schule gibt es Fleißige und Faule, und es gibt Gescheite und Dumme. Da vermischen sich Arm und Reich und werden neu zusammengesetzt.
Magdalena zittert, wenn Herr Renger Zahlen an die Tafel schreibt und Plus- oder Minuszeichen dazu. Hin und wieder wird sie aufgerufen und soll antworten.
Eins und zwei, schreit der Lehrer nach einer Weile. Zwei und eins!
Er fuchtelt mit den Händen, er zeigt einen Finger mit der linken und zwei Finger mit der rechten Hand.
Wie viele Finger?
Magdalena schweigt und hat Tränen in den Augen. Sie fasst an ihre große Haarschleife, die ihr das Dienstmädchen am Morgen auf die eingerollten Zöpfe gesteckt hat.
Der hohle Kopf fliegt gleich davon, denn der Propeller dreht sich schon, spottet Herr Renger, und die Klasse lacht und wendet sich nach Magdalena um. Therese lacht nicht, weil ihr Magdalena leid tut, obwohl sie nicht versteht, dass es schwer sein kann, eins und zwei zusammenzuzählen.
Nach der Schule gehen sie schweigend miteinander heim.
Komm doch heute Nachmittag zu mir, schlägt Therese vor. Dann lernen wir gemeinsam, und ich kann dir zeigen, wie das geht mit dem Zusammenzählen.
Magdalena drückt ihr die Hand.
Komm zum Kaffee, da gibt es Talken oder Kolatschen!
Der Bruder sitzt am Nachmittag mit am Tisch, macht zuerst seine Hausaufgaben und holt dann Zeichenblock und Malstifte.
Magdalena staunt, als eine grüne Waldlandschaft entsteht, die große Ähnlichkeit hat mit der Aussicht vom Rosenberg.
Nur mit Mühe hört sie auf Therese, die ihr mit Fingern und Zahlen erklären will, wie man etwas vermehrt. Endlich nimmt sie die 3 Kolatschen vom Teller, legt sie auf den Tisch nebeneinander und zweigt einen ab.
Schau her, da sind die zwei für uns, und der eine ist für meinen Bruder. Wie viele Kinder sind wir?
Diesmal gelingt das Zusammenzählen mühelos.
Alle lachen und beißen in die Kolatschen.
Therese begleitet sie zur nächsten Haustüre und sagt: Morgen machen wir das wieder, so lange, bis du auch rechnen kannst. Du siehst doch, es ist gar nicht schwierig.
Ja, antwortet Magdalena, bei dir am Esstisch ist es nicht schwierig, aber wenn ich schon den Lehrer höre, wie er mich aufruft, dann wird mir übel, und ich kann nicht mehr denken.
Vor dem brauchst du doch keine Angst haben, sagt Therese. Stell dir einfach vor, statt seinem Kopf schaut ein grüner Krautkopf aus seinem Anzug. Vor dem Angst zu haben, wäre ja wirklich dumm.
Sie kichern über dieser Vorstellung, und Magdalena meint, Thereses Bruder sollte doch einmal den Herrn Renger als Krautkopf malen.
Ich werd’s ihm sagen, verspricht Therese. Also, bis morgen!
Am meisten liebt Therese die Singstunden. Der Kantor und Organist von Sankt Jakob bringt seine Gitarre mit, setzt sich aufs Pult und fängt an, die Melodie für ein Lied zu spielen. Manche Lieder kennt Therese, weil die Mutter sie oft zum Einschlafen gesungen hat.
Wer kennt das Lied?
Therese hebt die Hand.
Dann komm mal nach vorne und singe es vor, wenn ich die Begleitung spiele.
Magdalena hält sich die Hand vor den Mund. Wie schrecklich!
Aber Therese geht nach vorne, stellt sich neben den Kantor und schaut ihm ohne Angst dabei zu, wie er die einleitenden Akkorde spielt. Jetzt, sagt er, und Therese beginnt zu singen: »Ein Männlein steht im Walde …« Wie oft hat ihre Mutter das mit ihr gesungen.
Mit dem letzten Takt applaudieren ihre Klassenkameradinnen. Der Kantor lächelt Therese an.
Sehr schön war das!
Als sie sich wieder auf ihren Platz setzt, nimmt Magdalena ihre Hand und drückt sie ganz fest. Und dann wird das einfache Liedchen eingeübt, und Therese darf nach jedem Absatz die neuen Takte wieder vorsingen.
Als sie zu Mittag heimkommt, verkündet sie der versammelten Familie:
Ich werde mal Kantor, wenn ich groß bin.
Alle lachen.
Wie soll das denn gehen, grinst der Bruder. Du bist doch kein Mann. Aber heute habe ich vorgesungen, alles ohne Fehler.
Mit Singen ist das aber nicht getan, sagt die Mutter. Du musst dann auch Orgel spielen.
Das kann ich sicher lernen, antwortet Therese.
Der Vater wundert sich über seine Tochter, die jeden Tag still und folgsam ihre Aufgaben macht und noch nie lautstark ihre Wünsche geäußert hat, nicht einmal, wenn es bei der Kirmes um Zuckerl ging. Und jetzt auf einmal will sie Kantor werden, noch dazu sagt sie das in einer Lautstärke, die man nicht von ihr gewohnt ist. Was ist da passiert?
Wir werden ja sehen, sagt der Vater abschließend. Sei nur recht fleißig, dann wird sich für dich schon eine Beschäftigung finden.
Jetzt steht Therese auf.
Ich will aber keine Beschäftigung, ich will Kantor werden.
