Western Legenden 81: Eiskalter Job für Chesterfield - Lee Roy Jordan - E-Book

Western Legenden 81: Eiskalter Job für Chesterfield E-Book

Lee Roy Jordan

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Beschreibung

T.T. Chesterfield ist auf der Fährte des gesuchten Mörders Harry Logan Dunn. In Durango findet er ihn schließlich, erschießt ihn und kassiert das Kopfgeld. Durango ist auch die Stadt, in der seine Frau Billie Jo getötet wurde, und Erinnerungen an die Vergangenheit kommen auf, als Chesterfield ausgerechnet hier eine Frau trifft, die einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlässt. Sie heißt Tamara Clift. Aber dann überfällt die berüchtigte Corbett-Bande die Bank in Durango, und Tamara wird dabei getötet. Für Chesterfield existiert nur noch ein Wunsch: Er will die Corbett-Bande mit Hilfe seines alten Freundes Justin Hunt zu Strecke bringen. Einen nach dem anderen. Selbst Schnee und Eis eines unbarmherzigen Winters werden ihn und Hunt daran nicht hindern. Ein EISKALTER JOB FÜR CHESTERFIELD beginnt! T.T. Chesterfield Band 03

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Seitenzahl: 196

Veröffentlichungsjahr: 2025

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In dieser Reihe bisher erschienen:

9001  Werner J. Egli Delgado, der Apache

9002  Alfred Wallon Keine Chance für Chato

9003  Mark L. Wood Die Gefangene der Apachen

9004  Werner J. Egli Wie Wölfe aus den Bergen

9005  Dietmar Kuegler Tombstone

9006  Werner J. Egli Der Pfad zum Sonnenaufgang

9007  Werner J. Egli Die Fährte zwischen Leben und Tod

9008  Werner J. Egli La Vengadora, die Rächerin

9009  Dietmar Kuegler Die Vigilanten von Montana

9010  Thomas Ostwald Blutiges Kansas

9011  R. S. Stone Der Marshal von Cow Springs

9012  Dietmar Kuegler Kriegstrommeln am Mohawk

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9014  Andreas Zwengel Pakt der Rivalen

9015  Andreas Zwengel Schlechte Verlierer

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9081  L. R. Jordan Eiskalter Job für Chesterfield

9082  A. Wallon Der schleichende Tod

9083  A. Mann Hungrige Wölfe

EISKALTER JOB FÜR CHESTERFIELD

CHESTERFIELD NO.03

WESTERN LEGENDEN

BUCH 81

LEE ROY JORDAN

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Copyright © 2025 Blitz Verlag, eine Marke der Silberscore Beteiligungs GmbH, Andreas-Hofer-Straße 44 • 6020 Innsbruck - Österreich

Titelbild: Mario Heyer u.V. der KI Software Midjourney

Logo: Mario Heyer

Satz: Gero Reimer

Alle Rechte vorbehalten

www.Blitz-Verlag.de

ISBN: 978-3-68984-620-6

9081 vom 05.10.2025

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Über den Autor

KAPITELEINS

Freitagabend, sechs Uhr.

Der Hund wollte einen Knochen haben. Ausgerechnet am Freitag. Niemand aß Fleisch an einem Freitag. Nicht einmal T.T. Chesterfield, der sonst jeden Tag sein Steak auf dem Teller liegen hatte.

Chesterfield beobachtete den Hund, der im Licht einer Laterne im Schneegestöber herumstrich, mit eingezogenem Schwanz, hängenden Ohren und eisbehangenem Fell. Er war ein Bastard und wahrscheinlich nicht besonders schlau, sonst hätte er sich an diesem Freitag nicht die Metzgerei ausgesucht, die seit gut drei Stunden geschlossen war.

Es hatte den ganzen Tag geschneit. Die Temperatur lag zwischen zehn und zwanzig Grad unter null, und für einen Dezemberabend war das ziemlich normal, besonders in Centerville, wo manchmal Temperaturen bis auf vierzig Grad unter den Strich fielen und man beim Einatmen das Gefühl hatte, Eisnadeln durch die Nase einzusaugen.

T.T. Chesterfield war nach Centerville gekommen, um Harry Logan Dunn zu erschießen. Er bewohnte seit drei Tagen ein kleines Einzelzimmer im Westgate Hotel, das der Metzgerei gegenüber lag. Vom Fenster aus konnte Chesterfield das kleine, einstöckige Holzhaus sehen, in dem Harry Logan Dunn mit seiner Frau und zwei Kindern wohnte.

Der Hund kratzte an der Tür zur Metzgerei und jaulte. Da niemand öffnete, schlich er auf dem Gehsteig zum Generalstore, lauerte im Türwinkel neben angewehtem Schnee nieder und ging wieder zur Metzgerei zurück. Dort legte er sich in die windgeschützte Türnische, und T.T. Chesterfield glaubte, ihn winseln zu hören. Und das genügte ihm, obwohl er eigentlich nie ein Freund von Hunden gewesen war. Im Gegenteil, selbst friedliche und gut dressierte Schoßhündchen wurden in seiner Anwesenheit unruhig, manchmal sogar bissig.

T.T. Chesterfield hatte eine kleine Narbe am rechten Oberschenkel und eine andere dort, wo seine Knochen derart gut gepolstert waren, dass er stundenlang auf einem Stuhl ohne Kissen sitzen konnte.

T.T. Chesterfield zog den schweren Schaffellmantel an, den er sich vor kurzem in Denver gekauft hatte, und verließ das schlecht geheizte Zimmer. Schon auf dem Flur war es unangenehm kühl. Am Fuß der Treppe stand Mister Ted Holley in Hemdärmeln und mit rotem Gesicht, auf dem die Schweißperlen glitzerten. Ted Holley war der Besitzer des Hotels und behauptete, dass in Kentucky die Sommerhitze auf Flaschen gezogen würde. Deshalb verzichtete er darauf, Winterkleider anzuschaffen, und deshalb war sein Hotel immer schlecht geheizt.

„Na, Mister Chesterfield, haben Sie den Schnupfen überstanden?“ Ted Holley legte den Staublappen weg und griff nach einer Flasche Bourbon, der wirklich fast die Farbe eines in der Spätsommersonne glühenden Kornfeldes hatte. „Ich kann nur wiederholen, Mister Chesterfield: Trinken Sie ab und zu ’nen anständigen Schluck, und niemand würde auf die Idee verfallen, ihnen zu Weihnachten einen Tropfenfänger zu schenken.“

Er kam immer auf die blödsinnigsten Gedanken, und wer drei Tage in seiner Nähe war, fing fast zwangsläufig auch damit an, sich kompliziert auszudrücken. Es gab wohl kaum jemanden, der ihm einen Tropfenfänger schenken würde. Im Übrigen waren es noch neun Tage bis zum Heiligen Abend, und er wusste immer noch nicht, was er T.T.jr. von seiner „Geschäftsreise“ mitbringen sollte. Soviel er wusste, wünschte sich der Kleine eine Dampfmaschine, die viel Krach machte, oder eine Spielzeugkanone – zwei ausgezeichnete Dinge, um das Selbstbewusstsein eines Knaben zu stärken und ihn davon abzuhalten, später den Beruf seines Vaters zu ergreifen, ein Gedanke, der T.T. Chesterfield überhaupt nicht behagte. Er wusste, dass viele Söhne ihrem Vater nacheiferten, aber in der Zukunft waren wohl mittelklassige Kopfgeldjäger ebenso wenig gefragt wie mittelmäßige Fallensteller. Leute wie Harry Logan Dunn würden in wenigen Jahren kaum mehr die Chance haben, dem Gesetz auszuweichen, ohne sich zumindest ab und zu entweder die Haare zu färben oder einen Schnurrbart wachsen zu lassen.

„Sorgen, Mister Chesterfield?“ fragte Mr. Holley und wischte mit dem Handrücken den Whisky von seinen Lippen.

„Sie haben nicht zufällig einen Knochen?“ fragte Chesterfield. Mr. Holley kniff einen Moment die Augen zusammen. „Knochen? Sagen Sie, Mister Chesterfield – ich meine, vielleicht ist ihre Erkältung schlimmer, als wir angenommen haben und …“

„Lassen Sie ein Steak auf mein Zimmer bringen“, sagte T.T. Chesterfield. „Blutig. Ich meine, roh.“

„Roh? Selbstverständlich, Mister Chesterfield. Wenn Sie meinen, dass rohe Steaks gegen Schnupfen und so – bitte, es ist zwar Freitag, und Powell würde das nicht sehr gefallen, aber seit er eine Kirche hat, kommt er am Freitag sowieso nicht mehr her. Früher war das anders. Da erschien er immer am Freitag, um den Saal für die Sonntagsmesse herzurichten. Wann wollen Sie das Steak haben?“

„Bringen Sie es in mein Zimmer, und sehen Sie zu, dass der dämliche Ofen endlich zieht. Da ist etwas mit dem Rohr nicht in Ordnung.“

T.T. Chesterfield ging hinaus. Der Wind peitschte sein Gesicht. Dicke Schneeflocken tanzten im Licht der Laterne, die vor den Häusern hin und her geschaukelt wurden. Die Straße zwischen den Häusern war glattgefegt. Keine Spur war zu sehen. Niemand verließ das Haus. Die Leute blieben daheim und fütterten ihre Öfen. Großväter hockten auf Ofenbänken und hatten Kinder auf den Knien, denen sie Piratengeschichten erzählten. Mütter saßen an Nähmaschinen. Väter lasen alte Zeitungen. Powell studierte vielleicht die Bibel. Mrs. McDonald machte wahrscheinlich „kidikididi“, und ihre Katzen wälzten sich auf die Rücken und ließen sich den Bauch kraulen, während die Hunde an Mrs. McDonalds Pantoffeln herumschnüffelten.

Über den verschneiten Dächern der Häuser hing der Rauch, manchmal dick, manchmal vom Wind in Fetzen gerissen. T.T. Chesterfield ging ein Stück den Gehsteig entlang, auf dem sich der Schneeteppich bewegte wie eine weiße Staubdecke, mit der die Luftströmungen spielten. In den Nischen entstanden Schleierwirbel, die manchmal minutenlang tanzten und schaukelten und dann in sich zusammenbrachen. T.T. Chesterfield schlug den Mantelkragen hoch, aber die Kälte ließ ihn trotzdem frösteln. Er zog den Hut etwas in die Stirn und überquerte die Straße. Als der Hund ihn sah, lief er sofort auf ihn zu. T.T. Chesterfield, der nicht viel von Hunden verstand, ließ sich von dem treuherzigen Blick nicht täuschen. Vorsichtshalber blieb er stehen, aber der Hund zögerte nicht. Er jaulte und japste und drückte sich gegen T.T.Chesterfields Beine. Seine Flanken zitterten. Mit jedem Atemzug stand für Sekunden eine Dunstwolke vor seiner Nase. Von seinem Kinn hingen kleine Eiszapfen en.

„Na, alter Taugenichts“, sagte T.T. Chesterfield. „Wie wär’s mit einem Steak?“

Der Hund hatte nichts dagegen einzuwenden. Wahrscheinlich hätte er an diesem Abend auch Bratkartoffeln mit Zwiebeln gegessen.

Er begleitete T.T. Chesterfield, der kein Risiko eingehen wollte und die Hände in der Manteltasche versteckt hatte. Er wunderte sich, dass der Hund keinen Schritt von seiner Seite wich.

Mr. Holley war nirgendwo zu sehen. T.T. Chesterfield ging mit dem Hund die Treppe hoch und in kein Zimmer, wo ein rohes Steak auf dem Nachttisch lag. Das Ofentürchen klapperte, das Rohr war bis zur Decke hoch beinahe rotglühend.

Der Hund hatte eine ausgezeichnete Nase. Noch bevor T.T. Chesterfield den Versuch unternehmen konnte, ihm die Zimmerregeln beizubringen, stürzte er sich auf das Nachttischchen. Der Porzellanteller fiel herunter, zerbarst am Boden, und schon stand der Hund mit gesträubtem Nackenfell über dem rohen, blutigen Steak, die Lefzen heruntergezogen, die Fangzähne frei, leise knurrend.

T.T. Chesterfield hatte den Ofen im Rücken und spürte, wie die Hitze durch den Lammfellmantel drang. Trotzdem lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken, und er tat genau das, was ein Hundekenner sofort getan hätte: Er ignorierte den Hund und blickte zur Decke hoch, an der es außer einigen gelben Flecken nichts zu sehen gab. Sein Rücken wurde heißer und heißer. Sein Nacken brannte, und der Hund knurrte nicht mehr. T.T. Chesterfield wagte es, den Kopf zu senken, aber im selben Moment; fing der Hund wieder zu knurren an, und Chesterfield sagte: „Herrgott noch mal, glaubst du, ich bringe dich hierher, um mich mit dir um ein rohes Steak zu balgen?“

Der Hund nahm das Steak, sprang aufs Bett und fing an, das Stück Fleisch zu zerreißen. Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann war nichts mehr übrig als ein blutbeflecktes Kopfkissen, an dem er eine Weile herumleckte. Dann sprang er vom Bett, klappte die Ohren zurück, senkte seinen buschigen Schwanz und legte den kalten Kopf gegen Chesterfields Beine. Sein Fell tropfte, und er begann zu stinken.

Chesterfield hatte genug. Er ärgerte sich. Er war wütend. Er hatte nie einen Hund haben wollen. Er hatte sich nie etwas aus Hunden gemacht. Er kannte tausend Gründe, um sich nie einen Hund anzuschaffen. Seit er einen hatte, wusste er noch ein paar mehr Gründe, und deshalb ging er zur Tür, öffnete sie sperrangelweit und verbeugte sich einladend.

„Raus!“ sagte er etwas heiser, „raus, oder ich trete dir auf den Schwanz!“

Es war nichts zu machen. Der Hund legte sich vor dem

Ofen auf den Bretterboden, verbog sich derart, dass er beinahe aussah wie ein Krüppel, und fing an, mit den Hinterpfoten an seinem Kopf herumzukratzen, während er mit der Zunge die Eisknoten zwischen seinen Zehen herausleckte.

T.T. Chesterfield schloss nach einer Weile die Tür. Rund um den Hund sogen sich die Bodenbretter mit Schmelzwasser voll. Allmählich konnte Chesterfield erkennen, dass es kein eisgrauer, sondern ein schwarzweiß-grau-gefleckter Hund war. Er hatte große Pfoten und einen breiten Kopf. Seine Augen waren gelb, an den Schultern hatte er zwei frisch verheilte Narben. Ein Stück von seinem rechten Ohr fehlte.

T.T. Chesterfield setzte sich auf den Bettrand. Vom Fenster her floss die Kälte durch das Zimmer und mischte sich mit der Hitze des Ofens. Seit drei Tagen war T.T. Chesterfield damit beschäftigt gewesen, herauszufinden, wie er es gleichzeitig von allen Seiten warm haben konnte, aber es gab wohl keine Lösung. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich hin und wieder zu drehen.

Und jetzt hatte er den auftauenden Hund, der schon nach kurzer Zeit zu hecheln begann und aufstand, um das restliche Wasser aus seinem Fell zu schütteln.

Haarflocken und einzelne Haare wurden von der heißen Luft des Ofens hochgewirbelt und im Zimmer verteilt, während der Hund T.T. Chesterfield, der auf einer Seite fror und auf der anderen beinahe schwitzte, einen verächtlichen Blick zuwarf und zum Fenster schlich, wo er sich neben der Truhe mehrere Male um seine eigene Achse drehte, bevor er sich wieder hinlegte.

„Scheißhund“, sagte T.T. Chesterfield grimmig. „Glaub nur nicht, dass ich wegen dir den Ofen drossele.“

Er stand auf, und der Hund, der seinen Kopf auf die Vorderpfoten gelegt hatte, beobachtete ihn von unten herauf. T.T. Chesterfield verließ das Zimmer, und er hörte ihn japsen, als er die Treppe hinunter ging. Holley erwartete ihn mit einem hintergründigen Grinsen in seinem dicken Gesicht.

„Besuch, was?“ sagte er. „Hab mir doch gedacht, dass Nancy mal aufkreuzt.“

Nancy war ein Mädchen, das sich Mühe gab, in Center-Villa auch zur Winterszeit etwas zu verdienen. Etwa dreißig Jahre alt, recht hübsch und wohlgebaut, hatte sie sich schon am ersten Tag im Hotel gemeldet, als der neue Gast ankam. T.T. Chesterfield hatte mit ihr zu Abend gegessen, hatte ihr auch noch zwei Whisky gezahlt und war anschließend allein ins Bett gekrochen. Holley meinte, dass Nancy es schon noch schaffen würde, aber Chesterfield wollte Harry Logan Dunn erschießen, und wer das tun wollte, brauchte seinen Schlaf.

„Ich hab ’ne Flasche Sprudelwein im Keller. Nancy liebt Sprudelwein“, sagte Mister Holley.

„Ich brauche einen frischen Kopfkissenbezug und einen Besen“, sagte T.T. Chesterfield. „Außerdem eine Schüssel aus Blech.“

Man konnte es Mister Holley genau ansehen. Er kam nicht mehr mit. Er zweifelte erst an T.T. Chesterfield und dann an sich. Als er schon fast dabei war, wirklich zu verzweifeln, steuerte T.T. Chesterfield auf die Küchentür zu, und Mister Holley marschierte hinter ihm her, mit hängenden Schultern, kopfschüttelnd, fast wie ein geschlagener Boxer, der noch immer versuchte herauszufinden, was geschehen war, bevor er die Ringbretter vor der Nase hatte.

T.T. Chesterfield streifte den Tisch, auf dem ein Teller mit zwei gebratenen Steaks und ein aufgeschlagenes Gebetbuch lagen, und fand einen Besen, eine Blechschüssel, in der ein Waschlappen lag, und einen Strick, der am Küchenfenster hing, als ob Mister Holley mit dem Gedanken spielte, nach seinem frevelhaften Freitagsmahl weiteren Versuchungen einer sündigen Welt durch einen fachgerechten Selbstmord zu entgehen.

„Aber, aber, Mister Holley“, sagte T.T. Chesterfield, „so schlimm ist das doch alles gar nicht.“

Holley blickte verständnislos durch T.T. Chesterfield und die Hauswand hindurch in weite Fernen und erwiderte schwach: „Was, zum Teufel, wissen Sie schon!“ Womit er zweifellos recht hatte. Denn T T. Chesterfield wusste von ihm wirklich nicht viel. Er interessierte sich auch nicht besonders für Mister Holley, sondern dachte oft genug daran, wie es sein würde, Harry Logan Dunn vor den Augen einer Frau und zwei Kindern zu erschießen.

„Den Kissenbezug können Sie ’raufbringen, Mister Holley. Außerdem möchte ich Ihnen rechtzeitig mitteilen, dass sich in meinem Zimmer ein Hund einquartiert hat. Falls Sie eine neue Hotelregel hinzufügen wollen, können Sie das tun, wenn ich wieder weg bin.“

„Sie meinen – einen Hund haben Sie?“ stieß Mister Holley hervor.

„Es wird sich sicherlich in kurzer Zeit herausstellen, wer wen hat“, sagte T.T. Chesterfield missmutig, bevor er Mister Holley in der Küche allein ließ und zu seinem Zimmer hochging. Der Hund empfing ihn schwanzwedelnd. Er kläffte in unnatürlich hohen Tönen, sprang an ihm hoch, dass Chesterfield beinahe das Herz stehenblieb, und schnappte nach seiner Nase.

„Runter, du Vieh“, sagte Chesterfield wütend und holte Luft, die schon ziemlich den Geruch des Hundes angenommen hatte. T.T. Chesterfield verschüttete etwas von dem Wasser, das er in der Blechschüssel mitgebracht hatte. Und während der Hund geräuschvoll soff, ab und zu den Kopf hob und mit der Zunge Wasser verspritzte, war T.T. Chesterfield dabei, weitere Pläne zu schmieden.

* * *

T.T. Chesterfield hatte seinen Peacemaker aus der Halfter genommen. Es war ein 44-40er mit einem zwölf Zoll langen Lauf. Nichts Außergewöhnliches. Einfache Walnussgriffschalen ohne Verzierungen. Auch keine Kerben. Der Lauf war blank. Das Korn hätte er abgefeilt, da er nicht die Absicht hatte, irgendwann an einem

Wettschießen teilzunehmen, obwohl er sich einbildete, ein außergewöhnlicher Schütze zu sein. Lohmann & Thomas hatten ihm den Revolver geschenkt. Auf dem Kolbenrahmen stand: Als Anerkennung für geleistete Dienste. Es war ein ausgezeichneter Revolver. T.T. Chesterfield hatte damit zum Beispiel Valdez erschossen. Und Bainbridge. Auch Jim Neeland Und einige mehr. Er hatte nie eine Liste aufgestellt und erinnerte sich nur an die wichtigsten.

T.T. Chesterfield war kein Mann, der etwas Besonderes empfand, wenn er einen Revolver in die Hand nahm. Entweder tat er es, um zu töten oder um ihn zu reinigen. Und er tötete, weil er damit ein wenig Geld verdiente und sich bewusst war, dass er der Welt eigentlich damit schon etliche Dienste erwiesen hatte, was aber wohl kaum je zu einem Denkmal reichen würde.

Der Hund lag zu seinen Füßen. Es war kalt im Zimmer, nachdem T.T. Chesterfield den Ofen ausgehen ließ. Dem Hund zuliebe, wie er sich ungern eingestand. Seine Nase tropfte jetzt, obwohl er einen Mantel trug. Und seine Finger waren steif. Aber der Hund hechelte nicht mehr, sondern wärmte T.T.Chesterfields Füße, indem er sich quer darübergelegt hatte.

T.T. Chesterfield nahm die Patronen aus der Trommel und reihte sie auf dem Tisch auf. Eigentlich wollte er den Mechanismus etwas einfetten, aber nach einer Weile, als seine Finger immer steifer wurden und der Hund im Traum wolllüstig grunzte, gab er es auf. Er blieb auf dem Bett sitzen, weil er die Füße warm hatte, aber nicht bewegen konnte.

Plötzlich hob der Hund den Kopf. Die Schlappohren zuckten, als versuchte er, sie hochzustellen. Er richtete die Schnauze zur Tür und fing an, leise, aber ohne Pause zu knurren. Ein seltsames Gefühl überkam T.T. Chesterfield. Es war das erste Mal, dass er eine Gefahr nicht selbst wahrnahm, sondern darauf hingewiesen wurde.

Leise Schritte. Sie verstummten vor der Tür. Der Hund war aufgestanden. Die Flankenmuskeln waren gespannt, sein Nackenhaar gesträubt. Er hatte den Schwanz aufgestellt.

Und als jemand gegen die Tür klopfte, verwandelte sich der Hund in ein amoklaufendes Raubtier. Brüllend, bellend und knurrend sprang er mit aller Kraft gegen die Tür, und draußen schrie jemand: „Jesus Maria, ich wollte doch nur den Kissenbezug!“

„Ruhe!“ brüllte Chesterfield. „Verdammt, geh von der Tür weg! Halt die Schnauze, du dämlicher Hund! Das ist Mister Holley! Leg dich! Platz! Teufel, geh von der Tür weg!“

T.T. Chesterfield war aufgestanden, aber er wagte es nicht, zur Tür zu gehen, die von dem Hund regelrecht attackiert wurde. „Ich komme ’runter und hol den Bezug, Mister Holley!“ rief T.T. Chesterfield. „Gehen Sie ’runter. Der Hund wird sonst wahnsinnig!“

Polternde Schritte entfernten sich. Der Hund bellte noch eine Weile, lauschte mit gesträubtem Haar und hochgestelltem Schwanz, drehte sich plötzlich um und sah T.T. Chesterfield erwartungsvoll an.

T.T. Chesterfield seufzte. „Du bist zwar wirklich ein blöder Hund, aber du hast ganz schön aufgepasst. Komm her, leg dich neben das Bett, ja! Komm, mach mich nicht wütend, du Miststück. Braves Hündchen. Brav – brav. So ist es recht. Und jetzt halt dich still, bis ich wieder ’raufkomme.“

Chesterfield verließ das Zimmer, und jetzt schien es ihm, als ob es auf dem Flur wärmer wäre als in seinem Zimmer. Mister Holley sah aus, als wäre er am Zerfließen.

„Mister Chesterfield, das geht natürlich nicht“, sagte er. „Ich muss Ihnen sagen, dass wir hier keine Hunde haben wollen, die einen solchen Krach schlagen. Ich hoffe, Sie verstehen das. Entweder Sie werfen den Hund ’raus, oder ich bin gezwungen …“

„Wir gehen beide. Morgen, wenn die Kutsche wegfährt“, sagte T.T. Chesterfield versöhnlich.

Er nahm den Kissenbezug und ging hinauf. Als er oben ankam und die Tür öffnete, griff er unvermittelt zur Hüfte, wo sonst sein Revolver saß. Aber der lag auf dem Tisch, und das war der einzige Grund, warum der Hund seinen ersten Abend in der Nähe von Chesterfield überlebte.

Links vom Ofen, in der Zimmerecke neben dem Fenster, hatte sich der Hund erleichtert, und zwar schien es, als hätte er seit Tagen darauf gewartet, eine Verstopfung loszuwerden. Es war geradezu bestialisch. Der Hund schien der gleichen Meinung, denn er lag langgestreckt auf dem Bett, beklopfte mit dem Schwanz die Bettdecke und sah aus, als sei er sich der Schweinerei vollauf bewusst. T.T. Chesterfield schloss die Tür, riss das Fenster sperrangelweit auf und hoffte, dass der Hund ’rausspringen würde. Aber T.T. Chesterfield irrte sich.

Der Hund blieb und Chesterfield konnte ihn nur mit einem zweiten Steak aus dem Bett locken. Mister Holley trank an diesem Abend aus lauter Verzweiflung mehr Whiskey als je zuvor, und T.T. Chesterfield schlief unter einem Berg Decken und trotzdem frierend, bis es Tag und sein Gesicht nass wurde. Er schlug die Augen auf, fand sich in einem kleinen Hotelzimmer wieder und wich der langen Zunge des Hundes aus, der ihm auf seine Art mit der Morgentoilette behilflich sein wollte.

Ein Hundekenner hätte sofort reagiert und wäre aufgestanden, um seinen Hund spazieren zu führen, aber T.T. Chesterfield bezahlte diesen Fehler mit neuem Ärger. Als er noch immer schläfrig auf dem Bettrand hockte und dem einfallenden Dämmerlicht entgegen gähnte, hob der Hund ein Bein und besprengte den Bettpfosten.

Der Tag fing gut an.

KAPITELZWEI

Unausgeschlafen und ohne Lust auf ein Frühstück marschierte T.T. Chesterfield los. Das Gekläff des Hundes folgte ihm auf die Straße hinaus. Vom Hotel aus blickte

ihm Mister Holley nach, ein Mann, der die Welt nicht mehr verstand, seit er sich in seinem eigenen Hotel kaum mehr zu bewegen getraute.