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In einer kalten Winternacht wird die junge Sarah Vincent von dem stadtbekannten Tunichtgut Harry Bamford entführt. Mitten im tiefsten Winter nimmt Sheriff Jake Gutterson die Verfolgung auf. Er fühlt gegenüber dem Waisenmädchen, dass er nie kennen gelernt hatte, eine besondere Schuld, da er erst am Abend der Entführung erfahren hatte, dass ihr Onkel sie regelmäßig missbraucht. Tatsächlich wurde Sarah auch nicht entführt, sondern schloss sich freiwillig dem geistig zurückgebliebenen Harry Bamford an. Ihr Ziel ist San Francisco, wo beide ein neues Leben anfangen wollen. Verfolgt von Jake Gutterson nimmt das ungleiche Pärchen die gefahrvolle Reise durch die winterlichen Rocky Mountains auf. 5. Roman der Jake-Gutterson-Serie
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Seitenzahl: 219
Veröffentlichungsjahr: 2025
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In dieser Reihe bisher erschienen:
9001 Werner J. Egli Delgado, der Apache
9002 Alfred Wallon Keine Chance für Chato
9003 Mark L. Wood Die Gefangene der Apachen
9004 Werner J. Egli Wie Wölfe aus den Bergen
9005 Dietmar Kuegler Tombstone
9006 Werner J. Egli Der Pfad zum Sonnenaufgang
9007 Werner J. Egli Die Fährte zwischen Leben und Tod
9008 Werner J. Egli La Vengadora, die Rächerin
9009 Dietmar Kuegler Die Vigilanten von Montana
9010 Thomas Ostwald Blutiges Kansas
9011 R. S. Stone Der Marshal von Cow Springs
9012 Dietmar Kuegler Kriegstrommeln am Mohawk
9013 Andreas Zwengel Die spanische Expedition
9014 Andreas Zwengel Pakt der Rivalen
9015 Andreas Zwengel Schlechte Verlierer
9016 R. S. Stone Aufbruch der Verlorenen
9017 Dietmar Kuegler Der letzte Rebell
9018 R. S. Stone Walkers Rückkehr
9019 Leslie West Das Königreich im Michigansee
9020 R. S. Stone Die Hand am Colt
9021 Dietmar Kuegler San Pedro River
9022 Alex Mann Nur der Fluss war zwischen ihnen
9023 Dietmar Kuegler Alamo - Der Kampf um Texas
9024 Alfred Wallon Das Goliad-Massaker
9025 R. S. Stone Blutiger Winter
9026 R. S. Stone Der Damm von Baxter Ridge
9027 Alex Mann Dreitausend Rinder
9028 R. S. Stone Schwarzes Gold
9029 R. S. Stone Schmutziger Job
9030 Peter Dubina Bronco Canyon
9031 Alfred Wallon Butch Cassidy wird gejagt
9032 Alex Mann Die verlorene Patrouille
9033 Anton Serkalow Blaine Williams - Das Gesetz der Rache
9034 Alfred Wallon Kampf am Schienenstrang
9035 Alex Mann Mexico Marshal
9036 Alex Mann Der Rodeochampion
9037 R. S. Stone Vierzig Tage
9038 Alex Mann Die gejagten Zwei
9039 Peter Dubina Teufel der weißen Berge
9040 Peter Dubina Brennende Lager
9041 Peter Dubina Kampf bis zur letzten Patrone
9042 Dietmar Kuegler Der Scout und der General
9043 Alfred Wallon Der El-Paso-Salzkrieg
9044 Dietmar Kuegler Ein freier Mann
9045 Alex Mann Ein aufrechter Mann
9046 Peter Dubina Gefährliche Fracht
9047 Alex Mann Kalte Fährten
9048 Leslie West Ein Eden für Männer
9049 Alfred Wallon Tod in Montana
9050 Alfred Wallon Das Ende der Fährte
9051 Dietmar Kuegler Der sprechende Draht
9052 U. H. Wilken Blutige Rache
9053 Alex Mann Die fünfte Kugel
9054 Peter Dubina Racheschwur
9055 Craig Dawson Dunlay, der Menschenjäger
9056 U. H. Wilken Bete, Amigo!
9057 Alfred Wallon Missouri-Rebellen
9058 Alfred Wallon Terror der Gesetzlosen
9059 Dietmar Kuegler Kiowa Canyon
9060 Alfred Wallon Der lange Weg nach Texas
9061 Alfred Wallon Gesetz der Gewalt
9062 U. H. Wilken Dein Tod ist mein Leben
9063 G. Michael Hopf Der letzte Ritt
9064 Alfred Wallon Der letzte Mountain-Man
9065 G. Michael Hopf Die Verlorenen
9066 U. H. Wilken Nächte des Grauens
9067 Dietmar Kuegler Die graue Schwadron
9068 Alfred Wallon Rendezvous am Green River
9069 Marco Theiss Die Mathematik des Bleis
9070 Ben Bridges Höllenjob in Mexiko
9071 U. H. Wilken Die grausamen Sieben
9072 Peter Dubina Die Plünderer
9073 G. Michael Hopf Das Gesetz der Prärie
9074 Alfred Wallon Tag der Vergeltung
9075 U. H. Wilken 5000 Dollar für seine Leiche
9076 Lee Roy Jordan Wo Chesterfield geht
9077 U. H. Wilken Knie nieder und stirb
9078 A. Wallon Der Tod des Falken
9079 L. R. Jordan Viva Chesterfield
9080 D. Kuegler Verdammten von Shenandoah
9081 L. R. Jordan Eiskalter Job für Chesterfield
9082 A. Wallon Der schleichende Tod
9083 A. Mann Hungrige Wölfe
WESTERN LEGENDEN
BUCH 83
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Titelbild: Rudolf Sieber-Lonati
Logo: Mario Heyer
Satz: Gero Reimer
Alle Rechte vorbehalten
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ISBN: 978-3-68984-624-4
9083 vom 05.10.2025
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Über den Autor
Sie fror unter dem rasch übergeworfenen Mantel, als sie aus der Hintertür trat und durch den verharschten Schnee zu dem kleinen Toilettenhäuschen hinübereilte. Ihr Bauch verkrampfte sich immer weiter und die Kälte tat ein Übriges.
Sie hatte Schmerzen, als sie auf dem scharfkantigen Loch saß. Die Tür hatte sie offen gelassen, damit wenigstens ein wenig Licht aus den Fenstern der Häuser ihre Kabine erleuchtete. Sie sah den dicken Schattenumriss ihres Onkels vor dem Küchenfenster stehen. Er beobachtete sie. Nicht einmal dabei konnte er sie in Ruhe lassen. Vermutlich erregte er sich an dem Anblick ihrer schneeweißen Beine, die unter dem Nachthemd herauslugten.
Sie zog die Tür wieder ein wenig heran, bis der Schatten ihres Onkels aus ihrem Blickfeld verschwand. Und als wolle sie sich zusätzlich schützen, schloss sie auch leicht die Augen, konzentrierte sich ganz auf ihr Geschäft. Es war nicht leicht, wenn der Magen so verkrampft war.
Ihre Beine begannen zu zittern. Ihre Hände wurden immer kälter. Nur mit Macht konnte Sie sich befreien und spürte rasch das angenehme Gefühl der Erleichterung in ihrem Bauch. Und obwohl sie fror, zog sie die Beine an sich, vergrub sie unter dem alten, stinkenden Mantel und versucht, noch für ein paar Momente die friedliche Einsamkeit zu genießen, ehe sie wieder in die Fänge ihres Onkels zurückkehren musste.
Sie hatte die Augen noch immer geschlossen und spürte eine heiße Träne über die kalte Haut ihrer linken Wange laufen. Warum genau sie weinte, ob aus Angst vor dem, was gleich kommen würde, aus Verzweiflung über ihr ganzes Leben oder doch sogar aus Freude über diesen kurzen Moment des Friedens, konnte sie nicht genau sagen.
Dann hörte sie dieses lang gezogene, hohe Heulen. Das Heulen eines Wolfes.
Sofort riss sie die Augen weit auf. Wölfe waren in der Gegend von Eutaw Springs nichts Ungewöhnliches, besonders im Winter. Doch in den letzten Tagen hatten sich die Berichte über ein besonders aggressiv auftretendes Rudel gemehrt. Angeblich hatte es sich schon bis an die Stadt herangewagt und war in die Küche eines Hauses nahe am See eingebrochen. Ein Reiter hatte behauptet, auf dem Weg in die Rockys von fünf Wölfen angefallen worden zu sein, die sich erst von ihm abgewandt hätten, nachdem er einen erschossen hatte. Die Frauen in der Stadt sorgten sich um ihre Kinder und ließen sie nur noch auf der Mainstreet spielen. Selbst zum See trauten sich nur noch einige Männer allein hinzugehen.
Sie hatte gehört, dass Sheriff Gutterson mit einigen Männern die Jagd auf die Wölfe aufnehmen wollte.
Da erklang der zweite langgezogene Ruf. Er war sehr nahe. Und dann hörte sie das scharfe Zähnefletschen. Sie hatte schon den Schäferhund des alten Peter Riordan gehört, wenn er kurz davor war, sich auf ein Opfer zu stürzen. Doch das war nicht vergleichbar mit diesem tiefen, kratzigen Fauchen, dass sich anscheinend nur wenige Yards hinter dem Toilettenhäuschen befand. Vorsichtig schloss sie die Tür und schob den hölzernen Riegel davor, wobei sie versuchte, möglichst keinerlei Geräusch zu verursachen.
Trotzdem wurde das Fauchen durch das Gebell von mindestens drei Tieren abgelöst. Sie hörte krallenbewehrte Pfoten über den vereisten Boden fliegen und gleich darauf prallte ein schwerer Körper mit voller Wucht gegen die Rückwand des kleinen Toilettenhäuschens.
Sie stieß einen spitzten Schrei aus.
Die scharfen Krallen mehrerer Vorderpfoten kratzten auf den alten Fichtenbrettern. Die Wölfe bellten wie wild und obwohl sie sich eben noch sicher gefühlt hatte, fürchtete sie für einen kurzen Moment, sie könnten sich durch die Wand scharren.
Denn diese Wölfe schienen nicht von dieser Welt zu stammen.
Sie scharrten. Sie bellten. Und einer stimmte wieder dieses finstere, langgezogene Geheul an.
Sie schrie noch einmal.
„Warum glaubst du, sind diese Wölfe so viel aggressiver als sonst?“, fragte Sophie und kuschelte sich unter der dicken Decke an ihn heran.
„Ich weiß es nicht“, sagte Jake zufrieden und erschöpft und schloss die Augen. Für einen Moment lauschte er dem Fauchen des Feuers in dem kleinen gusseisernen Ofen. „Die Leute sagen, dass der Winter hier ungewöhnlich streng war. In den Bergen war er vermutlich noch härter. Dafür habe ich in den letzten Monaten ziemlich viele Trapper hier durchziehen sehen, alle mit einer reichlichen Pelzausbeute. Scheint so, als hätten sowohl Mensch als auch Natur diesem Rudel das Leben schwergemacht. Und jetzt ist es verzweifelt.“
Sie fuhr mit den Spitzen ihrer Fingernägel über die verschwitzte Haut auf seiner Brust und seinem Bauch.
„Klingt fast menschlich“, sagte sie.
„Ich glaube, dass es für alles einen Grund gibt. Das hat auch bei Menschen nicht immer etwas mit Menschlichkeit zu tun.“
Sophie seufzte. Sie konnte noch immer nicht verstehen, warum sie sich von diesem Mann angezogen fühlte, der eine solch pessimistische Sicht auf die Welt hatte. Vielleicht lag es daran, dass er trotz dieser Haltung kein Eremit war, sondern sie spüren ließ, dass auch er einen Menschen brauchte, lieben wollte. Trotz seines bisherigen Nomadendaseins war auch Jake Gutterson ein Mann, der gerne heimkehren wollte. Sie hatten sich gefunden.
„Wen wirst du mitnehmen?“
„Der Sohn von Pat Moherty hat sich gemeldet. Der ist wahrscheinlich froh, wenn er mal raus kann. Bart Pattinson und Rick O´Neal haben sich gemeldet. Aber ich glaube nicht, dass ich sie brauchen kann. ´hab überlegt zu den Schnapsbrennern zu reiten und Matunaagd oder Askuwheteau zu fragen. Die beiden wären mir sicherlich eine größere Hilfe.“
Das ferne Echo einer doppelläufigen Schrotflinte hallte über den Talkessel.
Jake Gutterson fuhr nach oben.
„Was war das?“, fragte Sophie.
„Keine Ahnung. Wer immer es war, hat hoffentlich einen guten Grund dafür, dass er mir so den Abend vermiest.“
Er sprang aus dem Bett und begann sich anzuziehen.
Jake Gutterson schlitterte in seinen Stiefeln über den eisglatten Boden. Er sah mehrere Fackeln hinter den Häusern der Mainstreet und erkannte die dunklen Schatten von einem halben Dutzend Personen.
Es war eisig kalt und er fror, denn er hatte sich hastig angezogen und schnell seinen Mantel übergeworfen. Sein Kragen war nicht gerichtet, sodass der kalte Wind um seine verschwitzte Haut wehte. Beinahe wäre er ausgerutscht.
Schließlich erreichte er die kleine, aber rasch wachsende Menschentraube. Es waren fast ausschließlich Männer. Drei davon trugen ein Gewehr. Einer davon war Rick O´Neal der sich mit zwei anderen Männern unterhielt und dabei heftig gestikulierte. Die anderen schienen auf ihn zu warten.
„Was ist hier los?“, fragte Jake Gutterson, als sein Blick auf ein Mädchen fiel, deren nackte Füße in ausgetretenen Schuhen steckten. Sie trug anscheinend nur ein Nachthemd und einen kurzen Mantel und schmiegte sich jetzt Schutz suchend in die Arme eines jungen Mannes. Jake kannte das Mädchen. Sie hieß Sahra Vincent.
„Es waren die Wölfe“, sagte der junge Mann. „Sie werden immer dreister. Sie haben Miss Vincent angegriffen, als sie gerade…“
Sein Blick fiel auf das kleine Toilettenhäuschen, dessen Tür immer noch offenstand.
„Ich verstehe“, sagte Jake und schlug den Kragen seines Mantels hoch. Er musterte das verstört dreinblickende Mädchen mit den zerzausten, rehbraunen Haaren und den grünlich schimmernden Augen, die ihn hilfesuchend ansahen.
„Ihnen geht es gut?“, fragte er besorgt.
Sie nickte nur rasch und presste ihr Gesicht wieder auf die Brust des jungen Mannes. Erst jetzt erkannte Jake Gutterson die dickliche Gestalt ihres Onkels, bei dem sie lebte. Er hielt sich im Hintergrund, abseits der Gruppe und lehnte an der Rückwand seines Hauses. Es schien, als interessiere ihn der Vorfall herzlich wenig und es verwunderte Jake, dass Sahra nicht bei ihm Schutz gesucht hatte.
Er ging zu dem Toilettenhäuschen und der kleinen Gruppe um Rick O´Neal.
„Haben Sie geschossen?“, fragte er.
O´Neal nickte hastig. „Ja. Ich habe Sahra schreien hören und bin gleich herausgekommen. Zwei der Viecher sprangen wie wild an der Rückwand der Hütte hinauf, der dritte – ein riesiger Wolf, der bei weitem größte, den ich bisher gesehen habe – schlich gerade auf die Vorderseite. `hab ihm meine beiden Ladungen auf dreißig Schritt verpasst.“
Jake schaute auf den Schnee, der von den Sternen und den Fackeln erleuchtet wurde und blaugräulich schimmerte. In den letzten Tagen hatten sie mehrmals Tauwetter gehabt, doch dann hatte sich der Winter zurückgekämpft. Die Schneedecke bildete daher eine einzige glatte Eisfläche, auf der keine Spuren zu erkennen waren. Aber Blut hätte er hier durchaus sehen müssen.
„Ich glaube nicht, dass die Wölfe so groß waren“, sagte Jake schließlich mit gerunzelter Stirn.
„Wie kommen Sie darauf, Sheriff?“, fragte O´Neal. „Sie haben sie doch gar nicht gesehen.“
„Schon, aber wenn sie so groß waren, können Sie sie doch unmöglich mit einer Doppelladung auf dreißig Schritt verfehlt haben.“
„Ich habe bestimmt getroffen.“
„Ich sehe aber kein Blut.“
O´Neal sah sich überrascht auf dem Boden um und ließ dann resignierend den Kopf hängen.
„Haben Sie denn den, auf den Sie geschossen haben, aufheulen hören?“
„Ich… ich… keine Ahnung… ich war so aufgeregt und…“
„Sie hatten Schiss“, sagte einer der jungen Männer, mit denen O´Neal gerade gesprochen hatte.
„Hatte ich nicht! Ich meine, ich war immerhin der Erste, der Sahra zu Hilfe geeilt ist.“
„Sie wohnen ja auch gleich nebenan.“
„Ist schon gut“, sagte Jake Gutterson. „Machen Sie sich nichts draus, O´Neal. Wenn man ein bisschen nervös ist – und wenn ich nachts drei solchen Bestien gegenüberstehen würde, wäre ich´s bestimmt auch – verzieht man schon mal. Ein zu schnelles Krümmen des Zeigefingers, eine ungünstige Handbewegung und der Schuss jagt in den Nachthimmel. War eben Pech.“
„Nein, er hatte Schiss“, sagte einer der jungen Männer auf provozierende Art und Weise.
„Ach halts Maul, Pete!“, fuhr O´Neal auf, doch Jake hob einhaltgebietend die Hand.
„Wollen Sie das Rudel verfolgen?“, fragte der Mann, der Sahra Vincent fest umschlungen hatte.
Doch Jake Gutterson schüttelte den Kopf. „Nicht in so einer kalten Nacht. Nicht ohne Fährte. Geht nach Hause. Ich mache mich morgen auf die Suche.“
„Soll ich Sie denn nun begleiten?“, fragte O´Neal.
„Naja, wie nahe müsste so ein Vieh denn an sie rankommen, damit sie treffen?“
Der kleine Ladenbesitzer ließ den Kopf hängen und die anderen Umherstehenden kicherten in sich hinein. Jake klopfte ihm versöhnlich auf die Schultern. „Danke für das Angebot, aber ich denke, ich kriege das auch allein hin.“
Die Gruppe löste sich auf. Jake ging auf Sahra Vincent zu, rang sich ein betont freundliches Lächeln ab und bot ihr seinen Arm. „Kommen Sie, Miss.“
Die grünen Augen des Mädchens wandten sich hilfesuchend dem jungen Mann zu, an den sie sich geschmiegt hatte und dessen Name Jake Gutterson partout nicht einfallen wollte. Sie schluckte auffällig bevor ihr Blick zu Jake wanderte, sich kurz in seinen Augen verfing und dann zu ihrem Onkel weiterwanderte, wobei er sich von hilfesuchend auf ängstlich wandelte, was Jake Gutterson keinesfalls entging. Auch er warf einen Blick auf den alten Vincent, der noch immer mit einer leicht ärgerlich wirkenden Mine an den Türrahmen seines Hauses gelehnt stand.
„Komm jetzt, es wird kalt“, sagte der Alte und wandte sich ab.
Jake runzelte die Stirn, legte seine Hände auf die schmalen Oberarme des Mädchens und zog sie sanft von der Brust des jungen Mannes.
„Ihr Onkel hat Recht, Miss. Kommen Sie, es ist alles vorbei. Gehen Sie ins Warme, bevor Sie sich erkälten und schließen Sie die Tür.“
Es waren vielleicht zwei Dutzend Schritte von dem kleinen Toilettenhäuschen bis zum Hintereingang des schäbigen alten Hauses, doch Jake spüre, wie das Mädchen mit jedem Schritt stärker zu zittern anfing. Er wollte es auf die Kälte schieben, hatte aber vom ersten Augenblick an Zweifel.
Als sie die Tür erreichten, stand der alte Vincent mit einer verbissenen Bulldogenmine am Durchgang in den dunklen Hausflur.
„Komm jetzt“, sagte er.
Das Mädchen machte keinerlei Anstalten, die Türschwelle zu überschreiten und für einen kurzen Moment festigte sich Jake Guttersons Griff um ihre Schultern.
„Vielleicht sollten Sie das nächste Mal einen Blick aus ihrem Fenster werfen, wenn ihre Nichte…“
Der alte Vincent schien zustimmend in seinen Bart zu brummen, schritt mit drei wütenden Schritten durch die Küche, packte seine Nichte unsanft am Handgelenk und schob sie durch die Tür. Dabei warf sie Jake Gutterson über die Schulter einen seltsamen kurzen Blick zu. Es schien, als würde sie ihn um Hilfe bitten wollen. Jake schob es auf den Schock, dem das Mädchen ausgesetzt gewesen war. Dennoch fragte er: „Ist alles in Ordnung, Miss?“
Sie blieb stehen. Der feste Griff ihres Onkels, der Jake Gutterson keineswegs entging, verhinderte, dass sie sich umdrehen konnte. Sie zögerte.
„Ja.“ Mehr sagte sie nicht.
„Sind sie sicher?“, fragte Jake, doch schon schob sich der alte Vincent zwischen sie.
„Sie hat doch gesagt, dass alles in Ordnung ist.“
Damit wollte er ins Haus und die Tür zuschlagen, doch Jake stemmte energisch seine rechte Hand dagegen. Er ignorierte den alten Vincent, schaute nur das Mädchen an und bemühte sich, möglichst zuversichtlich zu lächeln. „Wenn es irgendwelche Probleme gibt, können sie jederzeit zu mir kommen.“
„Jaja, schon gut“, sagte Vincent und versuchte, die Tür zuzuschlagen. Doch Jake Guttersons dagegen gestemmter Arm hinderte ihn noch immer daran.
Der Sheriff wartete auf eine Antwort seitens des Mädchens.
Schließlich nickte sie.
Jake ließ die Tür los und tippte sich grüßend an den Hut. „Dann wünsche ich eine gute Nacht, Miss Vincent.“ Er sah den Alten an. „Mister Vincent.“
„Gute Nacht“, sagte der Alte und schlug die Tür mit lautem Krachen zu.
Jake seufzte schwer, lauschte für einen Moment, hörte aber nur, wie sich die Schritte ins Innere des Hauses entfernten. Er drehte sich um, warf einen Blick auf das kleine Toilettenhäuschen, welches jetzt einsam und verlassen in der Dunkelheit stand. Die offenstehende Tür knarrte ein wenig, als ein Windsoß sie zuschlug. Er versuchte zu verstehen, welche Ängste das Mädchen allein in dieser Kälte und in der Dunkelheit hatte ausstehen müssen, als es von Wölfen, über die bereits allerhand gespenstische Geschichten in der Stadt kursierten, angegriffen wurde.
Dann schaute er wieder auf das kleine Haus des alten Vincent und rief sich ihr Gesicht in Erinnerung. Je mehr er darüber nachdachte, desto weniger hatte er den Eindruck, dass der ängstliche Gesichtsausdruck des Mädchens mit dem zu tun hatte, was sie erlebt hatte. Doch stand es ihm zu, sich in solche Dinge einzumischen?
Der Wind frischte auf, fuhrt ihm zwischen die Beine und in den Kragenausschnitt. Er fror und entschied sich, so rasch wie möglich nach Hause zurückzukehren. In sein warmes Bett.
Mike war soeben dabei, seinen Saloon zu schließen, als drei junge Männer mit Gewehren durch die Tür spaziert kamen und auf die Bar zugingen, an der nur noch ein abgerissener Tramp saß, der betrunken auf sein leeres Whiskyglas starrte.
„Drei Bier, Mike“, sagte O´Neal. „Von den Guten.“
„Ich wollte eigentlich gerade schließen.“
„Kann schon sein“, sagte O´Neal, der seine alte Selbstsicherheit zurückgewonnen hatte, und lehnte sein Gewehr an den Tresen. „Du willst aber bestimmt auch wissen, was passiert ist, oder?“
„Ich hab den Schuss gehört“, sagte der alte Barkeeper skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Es war in der ganzen Stadt bekannt, dass man Mike mit einer interessanten Geschichte immer dafür ködern konnte, doch noch ein letztes Bier auszuteilen. Aber der Besitzer des Empire Saloon wusste um seine Schwäche und hatte keine Lust, sich mit der Aussicht auf eine langweilige Geschichte über in der Ferne entdeckte Wölfe und eine hastig abgefeuerte Schrotladung von seinem Feierabend abhalten zu lassen.
Doch O´Neal setzte ein schiefes Grinsen auf. „Hast du auch den Schrei gehört?“
Mike verdrehte die Augen und ging hinter den Tresen zurück. „Rück das Geld raus“, sagte er, griff nach drei frisch polierten Gläsern und begann drei Bier zu zapfen. „Und erzähl endlich.“
„Diese Mistviecher haben Sahra Vincent beim … beim … na du weißt schon wo erwischt.“
„Aufm Scheißhaus, nun sag´s doch schon“, sagte Pete und griff gierig nach dem ersten über das polierte Tresenholz schlitternde Bierglas.
„Muss ja nicht heißen, dass Sie da auch zum Scheißen war“, murmelte Mike und füllte das zweite Glas.
„Du meinst, Sie hat sich bei der Kälte vor dem Alten versteckt?“, fragte O´Neal.
Mike zuckte nur mit den Schultern und schob ihm das zweite Glas zu.
„Was ist denn mit ihrem Alten?“, fragte der dritte Mann.
„Nichts ist mit ihm“, sagte Mike und schickte das letzte Glas auf die Reise.
„Und wieso soll sich das Mädchen dann vor dem Alten auf dem Scheißhaus verstecken?“
Mike, O´Neal und Pete musterten den jungen Mann. John Glickman war erst im letzten Herbst nach Eutaw Springs gekommen und betrieb einen kleinen Laden. Er hatte eine junge Frau, die partout nicht schwanger werden sollte und das obwohl – so erzählten ihre unmittelbaren Nachbaren – die beiden keine Gelegenheit ausließen, um die Einwohnerzahl des kleinen Städtchens weiter zu steigern. John Glickman wurde von den meisten Bewohnern des Ortes gemocht. Er war freundlich und hilfsbereit, galt aber auch als ein wenig naiv, was nicht daran lag, dass er einfältig wäre, sondern weil sich seine Gedanken so sehr um seine junge, schöne Braut drehten, dass er nur die Hälfte von seiner Umgebung mitbekam.
Mike seufzte. „Die arme kleine Sahra ist wohl das ärmste Geschöpf in der ganzen Stadt.“
„Weil Sie Waise ist?“
„Viele junge Menschen werden zu Waisen“, sagte Mike bedeutungsvoll und begann, auch für sich selbst noch eins seiner guten selbstgebrauten Biere zu zapfen. „Für manche ist es schlecht, für andere gut. Kommt wohl darauf an, wer sich der Waisen annimmt.“
„Also ist der alte Vincent das Problem?“
„Genau“, sagte O´Neal und nahm einen tiefen Schluck.
„Was macht er denn? Ich meine, mir ist schon aufgefallen, dass er etwas komisch wirkte.“
„Ach, dir ist mal was aufgefallen“, sagte Pete und kicherte hämisch vor sich hin. „Dachte. Du hast es genossen, die Kleine trösten zu dürfen.“
„Was soll das heißen?“, fragte John Glickman aufgebracht.
„Beruhig dich, Joe.“ O´Neal legte beschwichtigend seinen Arm um die Schultern des jungen Ladenbesitzers. „Lass dich von Pete nicht provozieren. Er erzählt viel Mist, wenn es spät wird.“
„Kann schon sein. Aber dass du Schiss hattest, als du auf den Wolf geschossen hast, war sicherlich kein Mist. Der Sheriff hatte auch Mühe, sich das Lachen zu verkneifen.“
O´Neal warf seinem Freund einen wütenden Blick zu und wandte sich dann von ihm ab. „Was genau mit dem Alten ist, weiß man nicht. Es gibt nur eine Reihe von Gerüchten. Wie das so ist. Jemand glaubt etwas gehört zu haben, jemand anderes liest etwas in den traurigen Augen der kleinen Sahra, der nächste weiß aus dem Nichts, was dass zu bedeuten hat und schließlich zieht jemand aus all dem, was so getuschelt wird ein paar ganz geniale Schlussfolgerungen. Aber letztendlich wissen wir gar nichts.“
„Naja“, sagte Mike skeptisch, lehnte sich gegen die Wand und genoss einen Schluck seines Biers. „Dafür, dass keiner was wissen soll, sind sich doch alle ziemlich einig darüber, was da vor sich geht.“
„Was geht denn nun vor sich?“
O´Neal und Mike wechselten einen kurzen, ernsten Blick, wie um sich gegenseitig rückzuversichern, ob es richtig wäre, ein so heikles Gerücht weiterzuverbreiten.
Schließlich setzte O´Neal sein Glas ab. „So, wie es aussieht, missbraucht der alte Vincent seine Nichte regelmäßig. Seine Nachbarn wollen sie früher ab und zu mal schreien gehört haben. Ein paar Leute haben Sie auch mal gefragt, aber das waren wohl nicht die, denen sie sich anvertraut hätte und die, denen sie vielleicht etwas gesagt hätte, haben sich nicht getraut, sie deswegen anzusprechen.“
„Hast du Sie deswegen angesprochen?“
„Mir hätte sie sich sicherlich nicht anvertraut“, sagte O´Neal und nahm einen tiefen Schluck. „Manche glauben, dass der Doc etwas weiß, denn er scheint der einzige Mann im Ort zu sein, zu dem Sie Zutrauen hat. Einige – um genau zu sein, die schlimmsten alten Klatschbasen – erzählen sogar, dass der Doc sich als Engelmacher betätigt hat.“
„Das ist ja furchtbar“, sagte John Glickman, dem bei dem Gedanken das Blut gefror. Als junger Ehemann, der sich vergeblich sehr intensiv darum bemühte, Vater zu werden, kam ihm der Gedanke, ein ungeborenes Leben zu töten, besonders schrecklich vor, obwohl er im selben Moment Mitleid mit dem armen Mädchen hatte, dass sich in eine solche Lage gedrängt fühlte. „Warum unternimmt denn der Sheriff nichts?“
„Gutterson?“, sagte Pete mit seinem ungebremst angriffslustigen Sarkasmus. „Das ist ein Traumtänzer, wie du Joe. Der hat nichts Besseres zu tun, als schnell wieder ins Bett seiner reizenden Wirtin zu steigen. Vielleicht bemüht er sich ja so eifrig wie du, ihr ein Kind zu machen.“
„Du hältst jetzt besser dein altes Schandmaul, Pete“, sagte Mike wütend. „Auf den Sheriff lasse ich hier nichts kommen, das ist der beste Mann, den wir seit Gründung der Stadt auf diesem Posten hatten.“
Petes Grinsen wurde noch breiter. „Ist ja auch erst der zweite Mann, den wir seit Gründung der Stadt auf diesem Posten haben.“
„Naja“, sagte O´Neal. „Ganz Unrecht hat Pete nicht. Der Sheriff ist für diese Geschichte offenbar blind.“
„Und warum?“ Mike schob sich von der Wand ab. „Weil jeder mit jedem darüber spricht und sich das Maul zerreißt, sobald er etwas Neues über diese Sache wissen will. Wenn der alte Vincent sich an der Straße nur am Sack kratzt, erzählt die ganze Stadt, dass er ihn ihr wieder reingesteckt hat.“
„Und er kratzt sich viel am Sack“, sagte Pete kichernd.
„Ach, halt´s Maul, Pete. Jedenfalls, alle reden darüber. Aber niemand traut sich, die Sache beim Sheriff zur Anzeige zu bringen.“
„Was ist mit dir, Mike?“, fragte O´Neal, schwenkte sein Glas und leerte es aus. „Du bist doch besonders dick mit ihm. Warum hast du Vincent nicht angezeigt?“
Der Barkeeper ließ die Schultern hängen. „Ja. Hm. Ich weiß doch letztendlich gar nichts.“
„Du musst Vincent ja nicht anzeigen. Aber du kannst ihm ja sagen, dass er ein Auge auf ihn haben soll.“
„Kannst du doch auch. Du reitest doch morgen mit ihm raus.“
„Ich glaube kaum, dass morgen jemand reiten wird“, sagte Pete und wies mit dem Daumen über die Schulter in Richtung der Fenster, gegen die ein auffrischender Wind dicke, frisch fallende Schneeflocken presste.
Als die Männer nach draußen sahen, bemerkte niemand, dass der abgerissene Tramp ihrem Gespräch seit ein paar Minuten gespannt lauschte.
Sophie Clive wartete im Bett, die Beine leicht angezogen, während der auffrischende Wind immer lauter heulte. Sie wartete und glaubte, jeden Moment neue Schüsse durch die Nacht peitschen zu hören. Stattdessen vernahm sie nach nicht allzu langer Zeit das Schlagen der Tür und regelmäßige Schritte auf der Treppe.
Obwohl sie keinen Zweifel daran hatte, dass es Jake war, der da hinaufkam, zog sie nervös die Beine an, entspannte sich dann aber, als sie den lockeren, aber so unverkennbaren Rhythmus der Schritte wiedererkannte.
Die Tür öffnete sich und Jake Gutterson stand im Rahmen, lächelte sie an und öffnete die Schnalle seines Revolvergurtes.
