Whisperworld 4: Gefahr im Sumpf - Barbara Rose - E-Book

Whisperworld 4: Gefahr im Sumpf E-Book

Barbara Rose

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Beschreibung

Lesespaß mit Sogwirkung – auf nach Whisperworld! In Whisperworld, einem Land fernab der Zivilisation, werden Kinder zu Tierflüsterern.  Sie wachsen über sich hinaus, retten bedrohte Arten und finden Freunde fürs Leben.    Eine aufregende Reise für Leser*innen ab 9 in eine unbekannte Welt - voll mit wilden Tieren, Fantasiewesen und spannenden Prüfungen! Chuck wurde entführt! Fiesling Devin Dolor hält den Jungen im Faulsumpf gefangen und verhört ihn Tag und Nacht. Doch Chuck bekommt Hilfe von seinem Käfer-Kumpel Jerry und so gelingt ihm die Flucht. Nun muss er sich allein durch den Sumpf kämpfen, ein Gebiet voller Gefahren! Die anderen Tierflüsterer eilen ihm entgegen und finden Spuren von einer neuen magischen Art: den drachenartigen Dracoferi. Doch die Fabelwesen brauchen dringend ihre Hilfe! Finden Coco, Chuck und Co rechtzeitig das versteckte Nest der Drachenwesen? Ein Buch voller Fantasie und Abenteuer, das Kindern auch das Thema Artenschutz näherbringt "Wir haben definitiv Feuer gefangen und wir brauchen mehr! Diese Bücher sind für alle geeignet, die zwischen Fantasie und Wirklichkeit wandern, Tiere lieben und dazu noch Abenteuer mit dem Tüpfelchen Nervenkitzel in kindgerechter Art mögen. Unbedingt lesen!" Leser*in von Whisperworld

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Barbara Rose

Whisperworld – Gefahr im Sumpf

Mit Bildern von Alina Brost

 

In Whisperworld, einem Land fernab der Zivilisation,

werden Kinder zu Tierflüsterern.

Sie wachsen über sich hinaus,

retten bedrohte Arten

und finden Freunde fürs Leben.

 

Chuck wurde entführt!

Er wird im Faulsumpf gefangen gehalten und Tag und Nacht verhört. Die anderen Tierflüsterer sind auf der Suche nach ihm und finden dabei Spuren einer neuen magischen Art: den drachenartigen Dracoferi. Bald wird klar, auch die Drachenwesen brauchen die Hilfe von Coco und Co!

Können die Tierflüsterer Chuck und die Fabelwesen retten?

Buch lesen

Personenvorstellung

Glossar

Viten

Whisperworld – ein Land am Ende der Welt.

Geheim und verborgen.

Nur ein einziges Buch erzählt seine Geschichte.

In Whisperworld leben Tierarten, die längst als ausgestorben galten.

Dort finden bedrohte Tiere eine Heimat.

Dort werden sie beschützt.

Beschützt von den Tierflüsterern.

Jedes Mädchen und jeder Junge träumt vom Ruf nach Whisperworld.

Denn in Whisperworld werden Kinder zu Tierflüsterern.

Mädchen und Jungen, die alles geben, um unsere Welt zu retten.

Wer wird auserwählt?

Wer darf bleiben?

 

Hörst du schon das Flüstern aus Whisperworld?

„Rede! Bevor ich richtig wütend werde!“

Der Mann ballte so heftig die Faust, dass die Venen auf seinem Handrücken wie blaue Wollfäden hervortraten. Die Augen unter den dichten schwarzen Brauen zuckten gefährlich.

Mehr konnte Chuck vom Gesicht des Mannes nicht erkennen. Er trug eine Sturmmaske, nur seine Stirn, Brauen und Augen waren zu sehen.

„Wenn du weiter schweigst, muss ich mir etwas einfallen lassen.“ Der Mann zog ein Messer aus der Tasche seiner komplett schwarzen Kluft und pulte sich mit der Messerspitze hingebungsvoll den Dreck unter den Fingernägeln hervor. „Und ich verspreche: Das wird nicht angenehm für dich.“

Er lachte rau.

Chuck spürte, wie ihm ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief, aber er versuchte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Was eine echte Kraftanstrengung war. Mit einem schmalen Plastikband waren seine Hände auf dem Rücken zusammengebunden und am Stuhl befestigt. Bei der kleinsten Bewegung schnitt ihm die Fessel tief in die Haut. Schweißperlen bildeten sich auf Chucks Stirn. Sein Herz pochte wie eine Trommel.

Ruhig atmen, dachte er bei sich, ruhig atmen. Und genau überlegen, was du sagst!

„Verdammt, jetzt spuck schon aus, wo sich diese selbst ernannten Tierflüsterer gerade verstecken! Im Dschungel konnte ich sie bei der letzten Suche nicht finden … oder haben sie sich da gerade irgendwo herumgetrieben? Wieso willst du sie überhaupt schützen? Dieses lächerliche Pack, das keine Ahnung vom wirklichen Leben hat.“

Der Mann beugte sich tief vor Chucks Gesicht. Chuck konnte den stinkenden Atem des Fieslings riechen. Übelkeit stieg in ihm auf.

„Ich kriege es raus. So oder so.“

In Chucks Hirn fuhren die Gedanken Achterbahn. Da bemerkte er ein paar grüne Käfer, die auf seine Sneakers krabbelten. Ein besonders großes Exemplar erklomm seine Hose, blieb auf Chucks Knie hocken und sah ihn mit wippenden Fühlern an. Als wollte es ihm etwas sagen.

Chuck wackelte mit den Beinen, um den Käfer zu vertreiben, aber das Insekt achtete nicht darauf.

Chuck schloss die Augen. Als würde ein Film vor seinem inneren Auge ablaufen, war er wieder im Deepwood unter einem der Baumhäuser, in der Nähe des Indigobachs. Amy und Paul, Mohit und Coco lieferten sich dort eine Wasserschlacht, bewacht von Owen, dem Krokodil. Doktor Noa, Lady Poppy, Silvester und Max mit Lola auf der Schulter winkten ihm freundlich zu. Am Ufer hockten Dutzende goldene Käfer. Wie Diamanten, die vom Himmel geregnet waren.

„Bist du eingepennt oder was?“ Der Mann schüttelte Chuck unwirsch an der Schulter.

Nur mit größter Willenskraft gelang es Chuck, seine Augen zu öffnen, die Bilder aus dem Deepwood lösten sich auf wie Nebelschwaden. Dafür blickte er der traurigen Wahrheit entgegen: einem Fremden, der ihn am Flughafen gekidnappt und hier in diesen düsteren Raum gesperrt hatte.

Piano, Junge, bleib cool!, wiederholte Chuck in Gedanken immer wieder. Und dann war ihm blitzartig klar, wie er reagieren musste. Sich doof stellen. So tun, als würde er nichts kapieren. Und das Ganze möglichst überzeugend.

Chuck straffte die Schultern. „Ich weiß gar nich, was Sie von mir wolln. Sind Sie sicher, dass Sie nicht den Falschen erwischt haben?“

„Halt’s Maul!“ Der Mann hob die Maske ein Stück weit an, entblößte seinen Mund und spuckte genau vor Chucks Füße. „Ich wusste, dass du kommst. Ich habe gute Spione. Und wie blöd von diesem glatzköpfigen Piloten, dass er dich einem Flughafenmitarbeiter übergeben hat. Damit du sicher und heil nach Hause kommst. Irgendeinem Wildfremden, wie bescheuert muss man sein? Glatzkopf gehört hoffentlich nicht zum Team Tierretter, dieser Vollpfosten.“ Er kicherte. „Das war wirklich ein Kinderspiel, viel zu leicht für einen Profi wie mich. Eine kleine Betäubungsspritze und du hast geschlafen wie ein Baby. Im Flugzeug und auf dem Weg hierher.“

Chuck nickte. „Und jetzt bin ich hier in … wo eigentlich?“

„Du meinst doch nicht im Ernst, dass ich dir das sage?“ Der Mann verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Langsam durchschritt er den kleinen, quadratischen Raum, in dem es nur eine Sicherheitstür aus Metall, aber keine Fenster gab. Luftschlitze an der Decke sorgten für Sauerstoff.

„Es muss reichen, dass du in Sicherheit bist.“

„In Sicherheit?“ Chuck schluckte. Starr richtete er den Blick auf den Käfer, der auf seinem Oberschenkel saß und mit dem Kopf wackelte. „Ich war auf dem Weg nach Hause. Da bin ich in Sicherheit. Bei meiner Mum …“

„Oh! Wirst du jetzt sentimental, Jungchen?“ Der Mann tätschelte Chucks Wangen. „Heul doch!“

Zu gern hätte Chuck sich auf ihn gestürzt. Ihm die Augen ausgekratzt. Ihn angespuckt. Aber er wusste, dass das keine gute Idee gewesen wäre. Außerdem hatte er sowieso keine Chance, sich zu wehren, seine Hände waren hinter seinem Rücken gefesselt.

„Was wolln Sie von mir?“, flüsterte Chuck. Ihm wurde eiskalt, als er in die Augen des Mannes sah. „Warum bin ich hier?“

Der Mann runzelte die Stirn. „Bist du so schwer von Begriff? Ich will wissen, wo das verdammte Buch ist, in dem alle Geheimnisse stehen. Ich will wissen, wie das Flüstern funktioniert. Wie bringen sie euch das bei?“

Chuck lächelte einfältig. Wofür er sich ordentlich anstrengen musste. Er würde diesen Typ auf seine Seite ziehen. „Ein Buch? Ich kenn kein Buch mit Geheimnissen. Und dieses Flüsterdings, das hab ich eh nie kapiert. Das Lager, in dem ich war, ist eigentlich für … äh … hochbegabte Kinder, die die Natur kennenlernen solln. Geleitet wird es von …“ Fieberhaft suchte Chuck nach einem Namen, ihm fiel nur der seiner Nachbarin zu Hause ein. „Äh … Doktor Meyer. Sie is die Chefin. Eine …“, er legte den Kopf schief, als wollte er sich mit dem Mann solidarisieren, „… etwas dümmliche Frau. Hält sich für was ganz Besonderes. Aber eigentlich is sie nur ’ne dumme Tussi, die keine Ahnung von der Welt hat.“

Der Mann schien überrascht von dieser Aussage zu sein, was Chuck diebisch freute.

„Doktor … Meyer? Bist du sicher?“

„Klar.“ Chuck nickte heftig. „Noch nich mal die Tiere können sie leiden“, fuhr er fort.

Die Reaktion des Mannes gefiel ihm. Seine Gesichtszüge waren ihm entgleist, der Mund stand offen.

Chuck redete sich regelrecht in Rage. „Keiner hört auf sie, aber sie macht sich immer wichtig. Und will alles überwachen, voll der Kontrollfreak! Doktor Meyer hat uns weder gesagt, wie die hässliche Gegend heißt, in die sie uns gebracht hat. Noch hat sie uns irgendwann mal allein gelassen. Immer waren Wächter da, die auf uns aufgepasst haben. Ständig diese Hitze und die blöden Viecher. Es war die Hölle!“

Der Mann knackte mit den Fingern. „Du willst mich verarschen, oder?“

„Wieso bin ich zurückgekehrt?“ Chuck seufzte theatralisch. „Ich konnte und wollte nich mehr. Hab mir mächtig Mühe gegeben, damit sie mich rausschmeißen. Weil es einfach nur eine Lachplatte war. Schule der Tierflüsterer. Legende, über die alle sprechen. Sehnsuchtsort … uaargh, mir wird schlecht.“

Von Amy hatte er gelernt, wie man atmen oder besser nicht atmen musste, damit man ziemlich bleich, im besten Fall sogar grünlich im Gesicht wurde. Das hatte sie als kleines Mädchen manchmal vor ihren Eltern gemacht, wenn sie nicht schon wieder umziehen wollte. Und jetzt versuchte Chuck sich an dem kleinen Trick. Was ihm offensichtlich super gelang.

„Mist, ist dir wirklich übel?“ Der Mann wurde sichtlich nervös. „Trink mal was.“ Er hielt Chuck eine Colaflasche vor die Nase.

„Igitt. Total warm.“ Chuck spuckte den Schluck, den er genommen hatte, wieder auf den Boden. „Mir … mir … wird … ich glaub, ich … oh …“

Er verdrehte die Augen und ließ den Kopf nach vorn kippen.

Hoffentlich bekam der Kerl jetzt so richtig Panik!

Genau das sollte er.

„Bitte machen Sie sich bereit und achten Sie auf Ihre Bordkarten. Wir beginnen nun mit dem Boarding. Zunächst bitten wir alle Familien mit kleinen Kindern und …“

Amy gähnte. Wie oft hatte sie diese immer gleiche Ansage schon gehört? Manchmal hatte sie das Gefühl, auf Flughäfen zu wohnen, so häufig war sie mit ihren Eltern unterwegs. Schläfrig legte Amy den Kopf auf das weiche Kissen, das sie an jeden Ort der Welt mitschleppte, und schloss die Augen. Dieses Kuschelkissen war bei ihr, seit sie klein war.

Wieder einmal sollte sie ihre Mutter und ihren Vater in eine neue Wohnung in einer neuen Stadt begleiten. Natürlich in der Nähe des Flughafens. Kein Wunder, wenn der Vater Pilot war und die Mutter Stewardess. Von diesem Ort aus konnten Amys Eltern ihre Jobs am besten antreten. Und Amy musste wie gewohnt mitkommen, sich von den Leuten verabschieden, die sie gerade erst kennengelernt hatte, um wieder neu zu starten. Neue Schule, neue Mitschüler, neue Umgebung. Amy war es so leid. Sie seufzte, allerdings nur leise. Nach außen lächelte sie. Wie immer. Amy, die Lustige, die stets gute Laune hatte, auch wenn es tief in ihr brodelte. Aber das wollte sie keinem zeigen, also setzte sie ein fröhliches Gesicht auf. Kurze Zeit später waren sie an der Reihe, ins Flugzeug zu steigen.

„Hallo, Amy!“ Die Stewardess knuffte Amy liebevoll in die Schulter. „Wie geht es dir? Ich sehe, dein Kissen ist auch wieder dabei.“

„Hey, Jeanette. Alles gut, wie immer.“ Amy lächelte der Frau zu. Sie war schick geschminkt und trug ihre Haare akkurat gescheitelt zu einem Zopf zusammengebunden. Jeanette war eine Kollegin von Amys Mum. Die beiden Frauen hatten sich gut verstanden, aber irgendwie zwischen den Flügen aus den Augen verloren.

„Verstehe.“ Jeanette drückte Amy die Bordkarte, die sie routiniert gescannt hatte, in die Hand. „Ihr zieht schon wieder in eine neue Stadt. Arme Maus.“

Amy zuckte mit den Schultern und blickte kurz hinter sich, zu ihrer Mum, die, als sie die Freundin von früher entdeckte, sofort ein Gespräch mit Jeanette begann. So kam Amy um eine Antwort herum.

„Willst du hier Wurzeln schlagen?“, herrschte sie ein dürrer Mann im Anzug an. Offensichtlich ein Geschäftsmann. „Ich würde gern einsteigen.“

„Oh, klar. Entschuldigen Sie bitte“, meinte Amy irritiert und machte ein paar Schritte nach vorn.

„Guten Flug!“, rief ihr die Stewardess noch hinterher. „Wir sehen uns!“

Wir sehen uns, dachte Amy. Bestimmt sehen wir uns.

Wenn nicht hier in New York, dann in Amsterdam oder Frankfurt, in Dubai oder London. Auf der Durchreise von einem Ort zum anderen. Auf jeden Fall auf einem gesichtslosen Flughafen.

Schweigend hob sie die Hand zum Gruß und schlurfte der Traube von Menschen hinterher, die sich durch die Fluggastbrücke zur Maschine schob. Ihre Eltern würden sie schon wieder einholen oder sich spätestens im Flugzeug auf den Platz neben Amy drücken. Und dann würden sie sich in die Sitze kuscheln und sofort einschlafen.

„Du hast was verloren!“ Amy hob einen Plüschbären auf und trug ihn einem kleinen Jungen hinterher.

„Danke!“ Glücklich schloss der Kleine sein Kuscheltier in den Arm.

„Wie aufmerksam von dir“, lobte die Frau, die Amy für seine Mutter hielt.

Amy nickte. „Gern geschehen.“

Überall um sie herum waren lachende Gesichter, Menschen, die aufgeregt miteinander plapperten, Urlauber in Vorfreude auf heiße Strandtage, eindeutig zu erkennen an den Shorts und der Sonnenbrille, die sie trotz der Kälte im Flughafen trugen. Wohin ging der Flieger noch mal?

Amy musste kurz überlegen. Ach ja, nach Griechenland.

Aber sie reiste nicht zum Badeurlaub, sondern für ein halbes Jahr nach Athen. Hier waren ihre Eltern seit Neuestem stationiert. Es war ihr fünfter Wohnort innerhalb von drei Jahren.

Athen. Amy versuchte, sich zu erinnern, denn in Athen hatten sie schon mal gewohnt.

Sie war gerade sechs geworden und in die Schule gekommen. Damals hatte sie sich mit zwei netten Mädchen in ihrer Klasse angefreundet und sich beinahe zu Hause gefühlt. Bis sie die Stadt wieder verlassen mussten, nach Kanada gezogen waren und Amy jeden Kontakt zu den beiden Griechinnen verloren hatte.

So langsam zog Amy ihren Handgepäckskoffer hinter sich her, dass ein Passagier beinahe darüber gestolpert wäre.

„Hoppla“, lachte er. „Na, du hast es ja nicht eilig, in den Urlaub zu kommen!“

Amy hob den Kopf, um etwas zu erwidern, da erspähte sie den Vogel. Er hockte auf einer Stange außerhalb der Fluggastbrücke und starrte Amy an. Starrte ihr direkt in die Augen! Amy blieb fast das Herz stehen vor Aufregung. Der Vogel war ein Papagei, da war sie sich hundertprozentig sicher. Aber was machte er hier, auf dem hektischen Flughafen? Das war doch viel zu gefährlich. Ob er irgendwo ausgebüxt war?

Amy blickte sich nach den anderen Passagieren um. Bemerkte denn keiner das Tier? Es passierte doch nicht jeden Tag, dass ein bunter Papagei in der Nähe des Rollfelds auf einem Flughafen hockte und die Reisenden beobachtete.

Hallo? Amy sah ihre Mitreisenden fassungslos an. Aber niemand nahm Notiz von dem Papagei, alle waren mit Koffern, Kindern, ihren Handys oder Bordkarten beschäftigt und wollten so schnell wie möglich auf ihre Plätze.

Amy zuckte mit den Schultern, blieb stehen und drückte ihre Nase an die Scheibe. Direkt vor dem Papagei. Aber wenn sie gedacht hatte, dass der Vogel nun erschrocken davonflattern würde, so hatte sie sich getäuscht.

Amy?

Amy sah sich instinktiv nach ihren Eltern um. Hatten sie sie gerufen? Aber sie konnte weder ihre Mutter noch ihren Vater zwischen den Menschen entdecken.

Amy! Aaaaamy!

Ich rufe dich!

Wer könnte …? Amy starrte auf den Vogel hinter der Scheibe. Das Tier bewegte … seinen Schnabel!

Amy! Ja, ich spreche mit dir!

Amy schüttelte sich, über ihre Oberarme jagte eine Gänsehaut. Ob der Vogel sie gerufen hatte? Aber … nein … so was konnte doch nicht sein. Abgesehen davon, dass Tiere nicht sprechen konnten: Wie hätte sie das Tier durch die dicke Scheibe hören sollen? Das war komplett unmöglich.

„Amy?“

Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulter. Amy drehte sich erschrocken um und blickte in das Gesicht ihrer Mum.

„Ist irgendwas passiert? Du bist ja leichenblass! Ist dir schlecht? Komm, wir setzen uns ins Flugzeug, dann bestelle ich dir ein Wasser.“

Liebevoll drückte Amys Mum ihre Tochter auf den Fenstersitz und reichte ihr eine kühle Plastikflasche mit Wasser. Amy nahm sie, setzte das Getränk an die Lippen, sah hinaus auf das Flugfeld und … auf den Papagei, der gerade an ihrem Fenster vorbeiflog. Amy hätte schwören können, dass er sie dabei genau ansah. Aber das war völlig verrückt, völlig!

Amy schloss die Augen. Anscheinend hatte sie dringend eine Mütze Schlaf nötig. Ihr Kopf mit den zahlreichen eng am Haaransatz geflochtenen und mit Perlen verzierten Zöpfen ruhte auf ihrem Kuschelkissen. Und tatsächlich nickte sie bald ein.

Als Amy wieder aufwachte, war das Flugzeug längst in der Luft und Amy musste dringend aufs Klo. Noch etwas verschlafen schlurfte sie den Gang entlang bis zu den Bordtoiletten. Dann blieb sie abrupt stehen. Amy rieb sich die Augen. Was war denn hier los? In Spuckweite vor ihr kauerte eine kleine Maus und putzte sich entspannt das Schnäuzchen. Ein niedliches graues Tier mit langem Schwanz und dunklen Murmelaugen. Die Maus hob den Kopf und sah Amy an. Völlig furchtlos hockte sie auf dem Teppich, hörte mit Putzen auf und schien die Vorderpfoten nun bittend in die Höhe zu halten. Neben dem Nager lag ein kleines Papier. Als Amy einen weiteren Schritt auf das Mäuschen zumachte, floh es Richtung Cockpit. Und während Amy noch überlegte, ob sie die Maus verfolgen sollte, drückte sich bereits eine Dame an ihr vorbei und wollte sich auf die Toilette drängen.

„Oh, Moment, da wollte ich auch hin!“ Amy schnappte sich eilig das Papier vom Boden, schloss die Toilettentür, setzte sich auf den geschlossenen Klositz und fummelte den Zettel auseinander. Ihr Atem stockte. Sie fühlte eine heiße Welle in ihrer Brust aufsteigen.

Amy vergaß völlig, dass ihre Blase drückte. Sie vergaß, dass sie auf einer Flugzeugtoilette saß. Sie vergaß einfach alles um sich herum und brüllte, so laut sie konnte: „Oh. My. God! Ich werde ein Zuhause haben, ein richtiges Zuhause. Ich werde eine Tierflüsterin und reise nach Whisperworld!“

Aufmerksam lauschte Amy, wie der Regen auf das Dach der Elefantenbude trommelte. Ein leichter Wind wehte durch die geöffneten Fenster und Türen des Baumhauses, die Luft duftete intensiv nach Orchideen. Durch den Regenschauer wurden die Gerüche noch eindringlicher.

Vereinzelt trällerte ein Vogel sein Lied durch die Tropfen, die Stimmen der meisten anderen Dschungeltiere dagegen waren verstummt. Aus dem Unterricht bei Doktor Noa wusste Amy, dass sie bei Dauerregen weniger aktiv waren und lieber Schutz suchten. Nur das Zirpen der Zikaden drang, allerdings kraftloser als sonst, aus dem feuchten Dschungel in das große Baumhaus der Jungen.

Dort in der Elefantenbude hatten sich die Tierflüsterer versammelt: Amy, Coco, Enisa, Mohit und Paul. So, wie sie es immer machten, seitdem Chuck weg war. Gemeinsam fühlten sie sich wohler, keiner konnte im Augenblick Einsamkeit ertragen. Auch Enisa, die eher eine Einzelgängerin und eigentlich gern allein war, war in das Baumhaus von Amy und Coco gezogen.

Obwohl Chuck jedem von ihnen immer wieder ziemlich auf die Nerven gegangen war, konnte niemand den Verlust einfach so wegstecken. Jeder hatte auch die andere Seite von Chuck erlebt: den ehrlichen Zuhörer und Ratgeber, den witzigen Entertainer, den zuverlässigen Freund.

Tock! Tock! Tock!

Amy lauschte dem Takt der Tropfen. Mit Coco und Mohit lag sie bäuchlings auf dem Boden des rechteckigen, gemütlichen Holzhauses mit dem kleinen Türmchen, das hoch oben in die Äste eines robusten Elefantenhandtuch-baumes gebaut war.

An diesem Abend jedoch rieb kein Elefant seine Haut an dem Baum, der diesem Verhalten der Dickhäuter seinen Namen verdankte. Es waren keine lärmenden Tiere unterwegs, alles war ruhig. Für Amys Begriffe viel zu ruhig.

Sie hob den Kopf und sah zu Paul und Enisa. Die beiden, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, waren inzwischen gute Freunde. Manchmal konnte es sogar passieren, dass einer von beiden den Satz des anderen beendete. Spooky, wie Amy fand. Sie selbst hatte noch nie eine Freundschaft erlebt, die ohne Worte auskam. Was aber vielleicht auch daran lag, dass sie gern redete wie ein Wasserfall.

Und das tat sie am liebsten mit ihrer Freundin Coco. Die beiden konnten über alles quatschen. Auch Enisa war längst eine wunderbare Freundin geworden, aber vor Coco hatte Amy absolut kein Geheimnis. Zum ersten Mal in ihrem Leben war da völliges Vertrauen in einen Menschen außerhalb ihrer Familie.

Amy warf Enisa einen freundlichen Blick zu. Das Mädchen hockte mit Paul auf dem Bett, in dem vor wenigen Tagen noch Chuck gelegen hatte. Kopfkissen und Decke fehlten, lediglich die blanke Matratze lag auf dem Lattenrost. Chucks Schlafplatz war verwaist, nur ein kleiner Gorilla aus Holz, den Chuck geschnitzt hatte, erinnerte noch an ihn.